IN DEN KULISSEN DER TEUTOZENTRALE

Civis Europeanus im Teuto-Blick auf Kleinasien

Von Necati Mert

Eine antiquarische Anekdote artikuliert: Nach einem Erdbeben herrscht in der Türkei große Not. Alle Welt eilt zur Hilfe. Moskau schickt Lebensmittel, Washington Zelte. Auch Berlin hilft und schickt ein Flugzeug voll NGO-Experten und eine Division Bundeswehrtürken ins Katastrophengebiet.

Immer lauter halten die Partei-Aristokraten im televisionären Parlament ihren Kontrahenten den Spiegel der Volkstreue vor und machen aus Urnengängern den Souverän, den sie leicht hinters Licht führen können. Was sie selbst nicht mehr verstehen, haben die Menschen zu verstehen und hinter ihnen her mitzuziehen.

Zu Hause immer tiefer in die Klemme des Verstanden-Werdens geraten, suchen die parlamentarisch partizipierten Großkopferten eine manövrierfähige Kurzweil in den Verhältnissen zu den Anrainern - vor allem im Orient. Ein geringerwertiges Szenario ist dabei, wenn sie kurz vor dem Start eines Wahljahres ihre Türkei-Tourneen als extravagantes Ereignis inszenatorisch ins Bild setzen lassen. Leichter fällt es ihnen, ihrer Wahlherde zu erklären, daß man jenem gewendeten Islamisten am Bosporus beistehen muß, der im Musentempel der Menschenrechtsmetapher enorme Reformen anpackt.

Diesem demokreativen Riten-Rhetoren im Refugium der globalen Glockenschläger wird jedesmal ein anderer ethno-europäischer Stern feilgeboten, den er an seine Standarte heften muß, um an der Macht zu bleiben. Bevor der Lorbeer zu welken beginnt, muß dem Mann geholfen werden, damit er sein Versprechen einlöst, auf allen Ebenen eine partizipatorische Demokratie durchzufechten und die krisenkapitalistische Patronage zu untermauern.

So kontert der Demokrauter überall dem Kontrahenten egalitären Elans, konterfeit den Reform-Premier und den demokratischen Sultan aus dem Mysterium der Urnen, in denen der Blütentraum der humanitären Instinkte von Brot und Freiheit verkümmert.

Im Sturm- und Drang-Drama der Groß-D-Domäne glauben die frommen Eurasia-Visionäre des Besitzgötzen eine Lokomotive zu erkennen, welche die peripheren Waggons in die Wagenburg der Zivilisation zieht.

Der blaiern reformtrunkene Chancellor Gerhard Schröder verspricht Ehrlichkeit und versicherte dem gekränkte Mann am Bosporus frohgemut die Option auf die Vollmitgliedschaft in der EU: Erfüllt er die eurokratischen Kriterien, müssen Beitrittsverhandlungen aufgenommen werden - zu welchem Ergebnis sie auch immer führen werden. Vermutlich zu keinem. Christiane Schlötzer pointiert in „Süddeutsche Zeitung“ vom 25. Februar 2004:

Wie ehrlich das Schröder-Versprechen denn sei, der Türkei die Tür zur EU zu öffnen, wollten viele vom Kanzler wissen. Der ließ kein Zucken der Unsicherheit im Augenwinkel erkennen. Die Regierung in Ankara sah dies gern. Aber sie weiß, dass es nicht allein auf Deutschland ankommt. Deshalb hat sie eine neue Strategie entwickelt. Die lautet: Der Beginn der Beitrittsverhandlungen ist uns wichtig, nicht deren Ende. ...

Hinter den Kulissen der EU-Kommission findet das türkische Konzept, den Ausgang von Beitrittsverhandlungen offen zu halten, durchaus Gefallen, nach dem Motto: vielleicht kommen die Türken im Lauf der Jahre ja selbst darauf, dass die Anpassung an EU-Standards, vom Klimaschutz bis zur Kiwi-Größe, sie überfordert.

Wortgirlanden im Gedankenflug

Der Kaschmir-Kanzler, der trotz der teuren Reklame-Touren seiner Gesundheitsministerin gegen das billige Rauchen weiter an seinen Original-Havanna zieht, lehnte ein Glas Weißwein ab und trank Wasser zu den Kalbsmedaillons wie sein gastgebender Kollege.

Demonstrieren wollte er vermutlich, daß er es mit seinen Kapriolen ernst meint, über den anatolischen Steppen die EU-Standarte mit dem biblischem Zwölf-Sternenkranz flattern zu sehen. Zu Hause aber stoiberte der tiefgläubige Integrator im Polstersessel des Staatsoberhaupts, Johannes Rau, und gab seine Skepsis gegen die Aufnahme der muslimisch dominierten Türkei in den Christen-Club kund. Nach dem Grundgesetz hatte er diesen Ausspruch mit der Bundesregierung abzustimmen. Denn „alle politischen Akte des Bundespräsidenten bedürfen der Zustimmung eines parlamentarisch legitimierten Mitglieds der Exekutive,“ läßt Robert Leicht in „ZEIT.de“ vom 26. Februar 2004 ahnen, „welches sodann vor dem Parlament die politische Verantwortung für Vorgänge übernimmt, für die man den Bundespräsidenten selber nicht parlamentarisch beim Schlawittchen packen kann.“

Was nun? War die Sache abgestimmt? „Wir werden es nicht genau erfahren,“ errät Leicht: „Denn in Kürze findet der Wachwechsel im Schloss Bellevue statt, und wenn nicht alle Zeichen trügen, folgt dort auf den vorsichtigen ein deutlicher Skeptiker. Und ob der gegenwärtige Kanzler noch im Amt sein wird, wenn die Türkei-Frage wirklich zur Spruchreife gedeiht - wer wagt es, darauf Wetten anzubieten (oder gar: anzunehmen)?“

Auch Stoiber und Merkel stützen ihr Nein auf das Prinzip der Ehrlichkeit: Das Schrödersche Ziel stehe im Widerspruch zur Integrationsfähigkeit der EU. Die Türkei gehöre nicht zu Europa - das haben sie aus der Lektüre des Pamphlets „Der Kampf der Kulturen“ Samuel Huntingtons gelernt: „Die Türkei muss künftig eine andere Rolle für sich selbst in der Welt finden. Sie ist eine Mittelmacht, mit einem sehr stolzen und talentierten Volk, die über ein großes Militärpotenzial in ihrer Region verfügt. Die Türkei sollte als Regionalmacht des Mittleren Ostens eine führende Rolle in der islamischen Welt spielen, statt der östliche Anhang der EU zu sein.“

Einen Riegel wollen die Kapitäne des Schwarzen-Trabanten, die hasardieren, Schröder vorzeitig aus dem Amt zu schreiben, der eurotrunkenen Türkei nicht vorschieben und riskieren, daß dem flotten Reformator am Bosporus ein eisiger Wind ins Gesicht bläst.

Daher stellen sie sich bei Hagel unter die Dachtraufe und grinsen von dort aus mit der Offerte einer „privilegierten Partnerschaft“. Eine Sedaqa (Gnadengeschenk), die bewirken soll, den geschmiedeten Kolonialstatus zu sanktionieren.

Edmund Stoiber, der die althergebrachten Antitürken-Attitüden als Gedankenflug auftischt, stolpert nicht. Er favorisiert. „Beitritt der Türkei wäre das Ende der politischen Union Europas,“ polemisiert er in einem „Süddeutsche Zeitung“-Gespräch vom 21. Februar 2004:

„Die Türkei hat uns auch in dunklen Stunden immer beigestanden. Wenn wir eine Erweiterung der EU ablehnen, dann ist das nicht eine Aktion gegen die Türkei, sondern es ist eine politische Weichenstellung zur Vertiefung der Europäischen Union. ...

Wir dürfen als Union nicht beim Nein zu einer EU-Mitgliedschaft stehen bleiben, sondern wir müssen den Begriff der privilegierten Partnerschaft mit Inhalten füllen. Da wir spätestens 2006 die Regierungsverantwortung haben werden, müssen wir dafür jetzt auch bei den anderen bürgerlich-konservativen Regierungen und Parteien in Europa werben. ...

Mit der Türkei soll es nicht nur Zollfreiheit wie bisher geben. Sie soll an den europäischen Grundfreiheiten beteiligt werden: freier Warenverkehr, mehr Freizügigkeit im Personenverkehr, Dienstleistungsfreiheit, freier Kapitalverkehr. Und in die gemeinsame Außen- und Sicherheitspolitik soll die Türkei ebenfalls voll mit einbezogen werden. Auch an EU-Programmen soll sie teilhaben können, etwa zur Stärkung der Zivilgesellschaft in den Bereichen Frauen und Menschenrechte. Langfristig muss die türkische Lira gestützt und fest an den Euro gebunden werden. Möglich ist auch die Schaffung gemeinsamer Organe, beispielsweise in Form eines Ausschusses der Außenminister von EU und Türkei. Dieses Modell könnte man langfristig auch der Ukraine oder sogar Russland anbieten.

Ein EU-Beitritt ist nicht zu schaffen. Das überfordert die Integrationskraft.“

Auf den Fährten ihrer Altvorderen

Der pangermanisch partizipierte Demokratismus nimmt die migrantischen Unterschichten Teutonistans in Visier, indem seine Apologeten das Trugbild von einer „neuen Völkerwanderung“ aus Kleinasien vervielfältigen und auf den Markt werfen. Auch bedienen sie sich des Luftschlosses der kulturellen Unterschiede als Urquell des neorassistischen Gedankengebäudes, um den Limes des Novum Romanum zu zementieren. Dabei verschweigen sie sogar das Faktum, daß Istanbul die Hauptstadt der orthodoxen Christen ist.

Die Schwarzen-Schwäne Teutonistans schwanen: Die EU-Beitritt der Türkei islamisiert und erzeugt innere Gärungen samt neuer Krisenhaftigkeit, überfordert die EU kulturell und ökonomisch, überdehnt die Grenzen des Abendlands, die nicht mehr kontrollierbar sein werden. Welch ein absurdes Halali. Der parlamentarisch partizipierte Bajur-Fürst Edmund Stoiber bekräftigte seine Vorbehalte im Februar 2004 auf einer Delegiertenkonferenz seiner Partei in München: Die EU-Staaten verbinde eine gemeinsame Geschichte, gemeinsame religiöse Wurzeln im Christentum und Judentum, die Überwindung der Religionskonflikte durch Säkularisation und Aufklärung sowie die darauf fundierten Werte wie Menschenwürde, Freiheit, Toleranz und Gleichheit.

Wenn das so ist, sind diese Werte wertlos, jedenfalls nicht von universalem Gehalt. Die Erde bleibt parzelliert, Kants „Weltrepublik“ eine Lüge. Und die Geschichte scheint stehengeblieben zu sein: Isabella und Ferdinand schwenkten das Schwert unter der Kreuzfahne, vereinigten Kastlieb und Aragon, beendeten die Reconquista mit dem Fall Alhambras.

Also kreist der christliche Komet abwegig über dem Kosmos weiter. Auf andere wird der elegante Druck ausgeübt, sich in ihrer Identität z.B. als Muslime einzukapseln. Umgang pflegen auf dieser Traditionslinie auch die beiden Protagonisten der EU-Legende, ihr amtierender Erweiterungskommissar Verheugen und heimlicher Außenminister Fischer. Sie feiern den eleganten Eloquenten Tayyip Erdogan als Reform-Motor für die Türkei-Tour in den Euro-Port, als Moderator eines Gedankengebäudes, das in den Varoschs den Turban zum allgemeinen Tragen bringt und die „Jeunesse doree“ der Rahm-Schicht animiert, den Bauch im Adamskostüm zu zeigen.

Diese Turban-Gemeinde und die Yuppie-Society, welche sämtliche Eseleien aus den imperialistischen Metropolen blind nachäffen, ergänzen sich. Um das Mitglieds-Billet auf der EU-Tour erhalten zu können, muß die Türkei diese Vielfalt aus Mafia-Majestät und Tarikat-Tamtam noch vorantreiben. Wer sich dagegen stellt, gilt als lupenreiner Nationalist und eingefleischter Kemalist, der nicht die Fähigkeit besitzt, die Menschenrechtslyrik anzustimmen. Schnell können die Dirigenten dieser Singakademie der Menschenrechtsmelancholie den Mantel des offiziellen Vergessens über jeden Vorfall ausbreiten. Verschmerzt haben sie längst, wie sie 1999 den politischen Flüchtling „Apo“ (Abdullah Öcalan) auf dessen Bittsteller-Odyssee abwiesen.

Berolinas Kopftuch-Koketterie und Berlinale-Bülbüls der Kröten-Bambule

Dort geht die eurozentrische Kamarilla gegen die kemalistische Laizität vor. Hier strukturiert sie mit dem Kopftuch-Sermon eine Unterhaltungsreklame für die Leitkultur. Damit verharrt das Thema der Parallelgesellschaften in prekärer Schwebe. Auf ganzer Linie erwies sich der Kopftuchstreit als eine Theatralik der Aufklärungsmönche. Die Widersacher des Verbots packten die Keule ihrer Toleranz-Tünche aus, während die Befürworter des Gleichen in ihrem kulturalistischen Kompromißkorsett eine emotionelle Portion emanzipatorischer Emphase servierten und selbst mit der islamophilen Exotik der Multi-Kulti-Community argumentierten.

Die Fürsprache gegen das Verbot sollte nicht Parteinahme für das Kopftuch als patriarchalisches Symbol sein, und die Kritik am Kopftuch nicht in der Forderung nach dem Verbot landen. Jedenfalls kamen diese Positionen nur marginal zum Ausdruck.

Das Kopftuchverbot will keineswegs die Assimilation fördern, sondern Ausgrenzung intensivieren. Die Leitkultur-Kulturalisten verteilten ihre Botschaft so: Muslime können weder ihre Integrationsfähigkeit noch ihren Assimilationswillen demonstrieren. Sie gehören höchstens zur Untermasse der abendländisch-ethnozentrischen Zitadellen-Zivilisation. Indessen brüstet sich die germanische Gemeinde mit einem Politikum:

Fatih Akin, Sohn einer Migrantenfamilie, hat nach achtzehn Jahren den ersten Sieg für Bundesdeutschland beim Filmfestival Berlinale errungen. Eine Sensation für das kulturalistisch kursierende Leitkultur: Gefeiert wurde einer der Begünstigten unter den kolonisierten Lümmeln. Der neorassistische Schabernack blieb nicht aus.

In welchem „Kulturkreis“, dessen Markscheiden die Genien der subaltern entfremdeten Generationen markieren, sind nun diese militanten „Millets“ (Leute) der bundesrepublikanischen Kintopp-Künstler ortsfest? Provincia-Anatolia hin, Metropolitania-Germania her - gefeiert werden die Berlinale-Sieger als Probanden eines gemischten Projekts, obendrein eines integrativen. Selbst die mannigfachen Talkparties gelten als Kurzweil in einem imaginären Lichtspieltheater. Wo der Bildstreifen endet und die Realität zurückkehrt, weiß keiner mehr.

Sprunghaft expandierte die teutomane Fangemeinde der Türkophilie. Die Werkmeister des Feuilletons spielten den Kolumbus-Schwank, glaubten, Amerika aufs Neue entdeckt zu haben, und nahmen davon Notiz: Die bisher von der Kolonisatoren-Gilde der Integration umsorgten Objekte können auch als Subjekte des eigenen Werdegangs hervortreten. Das tat vor allem die Hauptdarstellerin des Siegesfilmes „Gegen die Wand“ Sibel Kekilli, indem sie zu ihrer Biographie stand. Das Klischee der bevormundeten türkischen Frau brach zusammen - ein schwerer Schlag für alle Aufklärer, Integratoren, Feministen, aber auch für Islamisten... „In kaum zwei Wochen ist mehr in Bewegung gekommen als in Jahrzehnten der Gastarbeiter-Debatten und Integrationsprogramme,“ spekuliert Jörg Lau in „Die Zeit“ vom 26. Februar 2004: „Man wird darüber nachdenken müssen, was ´Integration‘ überhaupt noch heißen kann -, und ob das Konzept nicht die Probleme miterzeugt, die es zu bekämpfen vorgibt.“