| Ikone
Farbleere
Regenkaskaden
Keine Hinrichtung der Gezeiten
Zwischen Glockenschlägen
Der Stille
Gefährdung der Flut
Vor Mündungen der Flüße
Wie Scheinwerfer veröden Blitze
Im Raubtierrachen fröstelnder Schwaden
Ausgeliefert in das splitternde
Geräusch der Stoßgebete
Zersägt vom Novembergrau
Rissiger Widerstandsparolen
Begräbt sich die Flucht
Einzig die Brücke
Tor für die Drängenden
Hilfreicher Arm
Zum anderen Ufer
Ist sie Fährmann Verfolgter
Öffnet den Zögernden
Den schon Verzagenden
Zum Brückenschlag
Ihre behütenden Hände, die
Bewachen, umarmen, geleiten
Während der wütende Strom
Unter ihr
Die Gebärden des Drohens bändigt
Und versiegt
Krikor
Arakel Melikyan
***
zustände
verschwindet
im bahnhof dem markt mit gleisen
die masse der teig das gewicht hör ich in der spur nur
vibrieren seh ich die spiegel nackt das fleisch darin
die zeit ein automat der spricht verschenken sie nichts
damit der alltag nicht unter die haut geht urteilen sie
gnadenlos beiläugig verkaufen sie sich aufgezogen
überspringen sie der hund oder hase gleichviel
den rollenden stab das kreuz zum klang der klinge
des papiers der paragraphen an buchstaben genagelt
bleibt höchstens hängen der kopf ein tropfen blut
der raum der atmend schleim verliert eh er wie geld
kopiert immer erneut sich erhebt aus der starre
des falls im bild mit seiner haut entrüstet
rasend gelähmt vom licht das er geblendet wirft
Holger
Benkel
***
Marschbefehl
Weg mit dem
Tuch!
Weg mit dem Kopf!
Die Barrikaden müssen
Fallen, damit
Die sinnlose Schönheit
Die Freigänger berauscht!
Tauscht eure Hände
Ein gegen Krallen, wir
Wollen Tiere sein,
Wir wollen vom Baum der
Begierden fressen,
Bis die Lippen platzen!
Kommt mir nicht mit Schminke,
Kommt mir nicht mit Anti-
Form-Jeans,
In allen hohlen Hallen,
In denen sie Gesetze
Vom Bierfaß zapfen,
Kehrt ein der Dschungel-
Rhythmus: Holt mich
Nie raus
aus dem Saus&Braus-
Land, wo wir für einen
Cent unseren Verstand verkaufen,
Um wahnsinnig zu werden
Wie eine Comic-Figur,
Die zerrissen wird von den
Möchtegern-Fernsehern,
Die nichts anderes wahrnehmen
Als den dunklen Raum
Ihrer abgestandenen Gefühle.
Nein, nein,
Wir pappen uns Bild-hat-uns-
Lieb-Aufkleber auf die
Karnevals-Nase,
Und dann schwenken wir tranig
Ein in die Marschkolonne
Derer, die ihr Herz verloren
Beim Pokerspiel um
Die Flittchen des Tages.
Hadayatullah
Hübsch
***
Ach, Kinder
– zum
Gedenken an Aziz Nesin –
Ach, Kinder
wie sie das Meer lieben
schwimmen im Salzwasser um die Wette
mit den Fischen
Ihr Lächeln läßt Blumen erblühen
auf Sternen und dem weißen Gischt.
Ach, Kinder
schaut, die grünen Berge winken
wenn die Möwen sich zum Tanz erheben mit euch
Verwandelt euch in Fische, überwindet alle Grenzen
schwimmt von Meer zu Meer.
Ach, Kinder
geht Arm in Arm
Kriegsschiffe sollen nicht schwimmen
unsere Gewässer nicht kreuzen
Panzer unsere Bergrücken nicht passieren
Auf den Flügeln der Vögel
sollen eure Freudengesinge zu den Sternen fliegen
Ach, Kinder
eine Sternschnuppe
im Arm der Nacht
zu früh
Ein Tropfen glänzt
auf der Wange der Welt.
Ach, Kinder
singt Freiheitslieder
und stellt euch zum Tanz auf
An meinem Grab
vergießt keine Tränen.
Ach, Kinder
werdet zum Licht bei den Arbeiterstreiks
scheint durch die Fenster ins Herz der Stadt
Höchste Zeit, von der Dunkelheit Rechenschaft
zu verlangen.
Molla
Demirel
***
Karfreitag
Oft leide
ich an einem besondern Wahn:
Befällt er mich, dann bild' ich mir ein, es wär'
Karfreitag jeden Tag in diesen
Glücklichen deutschen Gefilden; aber
Es kann ja
gar nichts anderes sein als nur
Ein Wahn, denn keine Seele hab' ich gesehn,
Die Unglückseligkeit je litt, die
Schreiend vor Nöten und innerm Schmerz war.
Noch einmal
sag' ich es, und ich schwöre drauf,
Daß nie ein Herz gekreuzigt, denn täglich, Stund'
Um Stunde, täglich, Stund' um Stunde
Schau' ich gesunder Gesichter Masken.
Doch lasse
mir das herrliche Volk, das wir
Gewiß noch werden, meinen gelinden Wahn,
Damit ich eines habe, eines
Wenigstens noch, dem ich Glauben schenke.
Gottfried
Weger
***
Kein akuter
Handlungsbedarf,
das Unglück hat keinen Namen.
Ich verdiene mehr als mein Brot.
Geschossen wird auf Straßen
Tausende Kilometer entfernt.
Ich unterhalte mich mäßig
in den Aufführungen
des städtischen Theaters.
Gelegentlich führe ich so etwas
wie Sprache im Munde.
Ohne Aufregung, allenfalls
mit Unbehagen erwarte ich
den kommenden Tag.
Kein akuter Handlungsbedarf.
Michael
Mäde
***
Die
Dreigestaltigkeit
Drei Grenzen
musst du überwinden
um zu dir selber zu finden
du musst dich dreimal verlassen
erst dann wirst du in dir erfassen
welche Aufgaben daraus sich ergeben
und sie in dir verbinden, zu deinem Leben
Drei Tode
hast du zu sterben
dies Leben dir zu erwerben
musst die Tore, die streng bewachten
stürmen und ihre Wächter entmachten
den Frieden verkünden, ihn bitten, zu bleiben
um dir nicht selber dein Glück zu vertreiben
Drei Wege
ans Ende zu gehen
sei dein Streben, um zu verstehen
dass alle Befreiungen aus deinen Nöten
dir keine wirkliche Ruhe böten
fehlte der Mut dir ihren Zielen
zu folgen, bis hin zu deinen Gefühlen
Drei Träumen
solltest du glauben
selbst wenn den Schlaf sie dir rauben:
dem Traum vom Frieden, der in dir beginnt
dem Traum von der Liebe, die dein Herz gewinnt
und dem Traum deiner Seele von Ewigkeit
dann öffnet sich alles und du bist bereit
Margot
Born
***
Zikade
Troubadour
im schwarzen Mantel,
am Treppenhausfenster weinst du melancholisch
während der fürchterlichen Sommerhitze
mit der krächzenden Flöte die Nacht störend,
rumbummelnder Musiker aller bist du,
Künstler von schweren Noten,
dein umschweifiges Leben, unterwegs stets,
weckt Mitleid
mit deiner Träne aus Kristall.
Alle erlauschen dein gellendes Lärmen
zwischen Teppichen, Luzernen, traurigem Kinde,
Kamerad du von Wehmut im Morgengrauen,
ohne Anhang Erinnerungen weckst du,
dichtest Fabeln mit deinem Singen.
Du auf dem Dach, im Takte deiner Flügel
flammen die Noten auf dann, großer Herr,
du vermagst zu zaubern; warum weiß ich nicht,
ich halte dich für traurig, die Melodie
an deiner Dachtraufe ist Weinen.
Ach, mieser Musiker, eingerammt in mir deine Sonate,
Troubadour, Freund du des Rummbummelns,
ich sag dir meinen Text, du setzt die Noten dann
zu meinen Versen vorm Schlafengehn.
Maruja
Scott
***
Magische
Poesie
Übrig
bleiben wird nur das Porzellan
menschlicher Spuren
Ewige Güte und die Wärme der Erde
Ist weiter als eh und jäh
Gleichgültigkeit gegenüber der menschlichen Tragödie
Feuer des trockenen Himmelreichs
Auferstanden aus dem Schicksal
Morgen
Mit der geopferten Sonne
Für irgendein Reichtum
Und deswegen geht
Geht durch den Strang
Müde bin ich
Müde von Gedanken
Vom flüchten durch die Dunkelheit
Überleben werdet ihr den Zenit
Und die verdunkelte Oase
Das magische Geheimnis
Über die angeborene Zwiespältigkeit
des Horizonts
Überleben werdet ihr mich
Und meine Müdigkeit
Jasmina
Segrt
***
Ein Vers ist die Liebe,
er wohnt in der Seele.
Die Seele,
Poesie,
sie lebt im Lebendigen.
Je lebendiger
die
Liebe lebt,
um so mehr hilft sie leben.
Träume
zu leben,
die alles können
und alles verzeihen.
So groß
ist die Leidenschaft,
dass die Augen lächeln
und die Stille spricht.
Víctor
Corcoba
***
Morgens um fünf
Jeden Morgen
im März
singt die Amsel ihr Lied.
Vor meinem Fenster
schluchzt sie und seufzt,
als hätte sie Heimweh,
als wollte sie verlorene
Nester wiederfinden
und in Besitz nehmen,
so, als wäre sie nie
wirklich davongeflogen.
Möglich,
dass sie tatsächlich
nie davongeflogen ist,
dass sie es nur träumte,
so wie sie jetzt von jenen
anderen Büschen träumt,
die vor einem anderen Haus
im März immer blühten.
Menschen nennen es Sehnsucht
und werden sentimental davon.
Wo sind Amseln
zu Hause?
Vielleicht dort, wo sie ihre
ersten Lieder jubelten,
wo ihre Vogelträume
in den Gärten wuchsen,
so bunt, so hoch, so üppig,
dass sie wahr wurden.
Wie kann die Amsel,
wie kann sie nur..!
Hab' ich etwa Heimweh,
morgens
um fünf?
Edda
Gutsche
***
Von
Vorfrühlings-Aquarellen
vor quellenden Querelen
Aus dem Verließ der Kosmopoliten geflogen
spucken große Bogen
die Ich-Poeten hinterm Metropolitan-Deich
überfluten den Egomanen-Tümpel
im Cyber-Zirkus-Dschungel
als kumulierte Nuttenkunden im Nu
und sehen im Portal der Piraten-Party zu
wie Höhlenschäfer die Venus-Weiden abtragen
im Dämmerlicht den Zyklon des Mondialen abwehren
und nach Dunkelschläfern jagen
den Morgenstürmern Mores lehren
Obenhin mischt
sich der Inspirator der Nebenwelt
mäuschenstill ins Platoniker-Papier ein
fängt Feuer bei stabiler Planeten-Fidelitas
wie markant der Reim im Langmut mauschelt
zwischen Schleim und Schein
Ich-AGs agieren
wie Somnambule
seit die Sansculotten Frankistans cognacfarben
im Widerpart der Plebisziten-Bambule
die Fiaker der Krautjunker chauffieren
auf Suizid-Wall-Fahrt
zum Märtyrer-Mirakel
malnehmen das Menetekel
die Megären des Politikus
verkaufen "GreenCards" für Express-Exitus
verteufeln die Annalen der Gegenwart
nach der Bastard-Standarten-Art
skandaliert der Plateau-Platzhirsch
als Rächer der Privatier-Pleitiers im Großtun
skandiert mit dem Lalem Terror-Taifun
ruft ins Gedächtnis das Hannibalen-Kannä
damit die Barbaren aus Favela und Savanne
sich den Kapitulanten der Fanta-Fanfaren-Herden
und dem Kannibalen-Gelüst fügen
erobert zu werden
von den Schreckschuß-Schergen der Banknoten-Marie
bevor in den arischen Abendlanden
die Alternativ-Aliens der Allmende landen
Seit die
Sklaven-Sirene vor dem Manhatten-Port
die Totenfeier konzertiert und auf der Tour der Tortur
die Konzernen-Elegie vom Humanrights-Export
brodelt der Broadway in Bredouille der Arien-Apokalypse
prämiert der Maestro der Liebediener-Legenden
den Apo-Calypso in Gilden-Gipfel-Gegenden
Der Anti-Epos
im Moder-Maß
und Treue-Trieb vor Agora-Agas
salutiert die Akklamations-Intima der Akklimatisation
die Salvation Army der Demograzien
sanktioniert Revolverblatt-Razzien
gegen den Schatten-Schaitan
schärft den Scharlatanen-Sultan
Gegen Get-together-Party
der Gettos schwenkt
die Paritäten-Patrona das bleischwere Schwert
macht die Prostituierten-Portion warm
vermehrt im arischen Arkadien den Schlußwaren-Wert
und den Schwadronen-Schwarm
Curcuma-Jamaat
schwört arisch alle-manisch
auf das balsamische Bakschisch
biegt den Meridian des Ex oriente lux
zurecht für den Lukullus-Luxus
huldigt dem geldenen Lichtfluß
bepflanzt mit begrünten Propheten-Flaum
auf dem Sofa der Sophia den Blütentraum
vom Profitabel-Paradies
Curcuna-Jamaat
schwört im Haramiten-Schoß
dem Allwaren-Wallhall der Raffinaden-Raffer
weidmännisch auf das Wallahisten-Los
Im Regenten-Plenum
der Renegaten
deklamiert der Tretmühlen-Tyrann vom ewigen Heute
die Wortkunst-Wonne in Raten
reklamiert aus den Augen-Perlen verkaufter Bräute
Elaborat-Elogen für die Gönner-Gören
glaubt vor rossig routinierten Röhren
beim Göttermahl dennoch
Verse geschmiedet zu haben
gegen den mondialen Moloch
und gegen die Insania
in verhangenen Varia
Auf die Barbaren-Barden
zeigt
die Bravour-Basen Germanias
während der Helios schweigt
wartet der Tag der Heloten und Parias
der Periöken und Metöken Kosmopolitanias
auf den nächsten Sturm
auf den höchsten Bastillen-Turm
M. Kurtulus
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