| MEDIEN-KULTUR-SCHAU |
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Takis Fotopoulos: Umfassende Demokratie Die Antwort auf die Krise der Wachstums- und Marktwirtschaft. Trotzdem Verlag 2003 Unter der nicht systemhörigen Theoriebildung der letzten Zeit verdient besondere Beachtung das Buch des seit 1966 in England lebenden griechischen Ökonomen und Politologen Takis Fotopoulos. Das Werk, das zuerst 1997 in englischer Sprache erschien, liegt mittlerweile auch in französischer, italienischer und spanischer Fassung vor. Unter dem Leitbegriff „Umfassende Demokratie“ versteht der Verfasser die totale Aufhebung der kapitalistischen Herrschaft und ihre Ersetzung durch eine auf der Grundlage von Selbstverwaltung bestehenden direkten Demokratie. Wie diese Vision konkret zustande kommen und funktionieren könnte, wird in weiten Teilen des Buches ausführlich erläutert. Vernichtend ist die Abrechnung mit dem heute weltweit dominierenden Kapitalismus neoliberalen Zuschnitts und seiner hemmungslos betriebenen Markt- und Wachstumspolitik. Das Buch enthält auch eine eingehende Untersuchung des dahin gegangenen Staatssozialismus Osteuropas und über die Gründe, die zu seinem Kollaps führten. Aber der Autor setzt sich auch mit all jenen Theorien, Organisationen und Parteien auseinander, die das System reformieren wollen, ohne jedoch seinen strukturellen Klassencharakter in Frage zu stellen, wie es bei den Grünen, den Befürwortern der „Zivilgesellschaft“ und anderer Pseudo-oppositionellen Kräften der Fall ist, die Takis Fotopoulos zurecht als „Apologeten des Systems“ einstuft. Das gilt ebenso für die Sozialdemokratie, vor allem, seitdem ihre Träger „sich den Rechten zugesellt und sich dem neoliberalen Konsens angeschlossen haben“. Als völlig unzureichend für eine Überwindung des Systems sind nach Auffassung des Verfassers die Erneuerungsvorstellungen von linksbürgerlichen Theoretikern wie Jürgen Habermas, Michael Walzer oder Norberto Bobbio. Und noch entschiedener ist seine Ablehnung des Postmodernismus, des Werterelativismus und des Irrationalismus in ihren verschiedenen Erscheinungsformen. Aber auch der angebliche „dritte Weg“ des amerikanischen Kommunitarismus und seinem Führer Amitai Etzioni wird als eine Pseudo-Alternative entlarvt. Paradoxerweise fehlt jeder Hinweis auf Anthony Giddens, einer der bekanntesten Vordenker der „neuen Mitte“ zwischen Individualismus und Kollektivismus und ideologischer Mentor von Tony Blair und seiner „New Labor“. Kein Verständnis beim Verfasser findet Hannah Arendt für ihre willkürliche Trennung vom Politischen und Sozialen. Takis Fotopoulos geht von einer libertären Konzeption aus, die allerdings weder rückwärtsgewandt noch dogmatisch ist, wie sowohl aus der Begriffsbildung wie aus der Terminologie hervorgeht. Auffallend ist in diesem Zusammenhang der Einfluss von Cornelius Castoriadis und Murray Bookchin, die auch die meist zitierten Autoren des Buches sind. Das vom Verfasser bevorzugte Modell wird von ihm mit dem Begriff „demokratischer Rationalismus“ zusammengefasst. Um dieses Ziel in die Tat umzusetzen setzt er auf die „sozialimaginäre“ und „kreative“ Kraft des Individuums und des gesellschaftlichen Prozesses. Entsprechend wendet er sich gegen die objektivistischen und szientistischen Theorien, die die Geschichte als eine Abfolge von im voraus feststehenden Gesetze begreifen, wie beim Marxismus. Besonders interessant und lehrreich sind die Ausführungen über die athenische Polis und der hohe Grad an politischer Gleichheit, die vor allem unter Perikles erreicht wurde. Diese historische Erfahrung wird auch vom Verfasser herangezogen, um seine Vorstellungen über direkte Demokratie zu untermauern. Vielleicht wäre es in diesem Zusammenhang angebracht, ein Wort über die wirtschaftliche Demokratie zu sagen, die während des Spanischen Bürgerkriegs die Arbeiter und Bauern unter der Leitung der anarchosyndikalistischen Gewerkschaft CNT mit großem Erfolg durchsetzten und bis Ende des Krieges gegen den erbitterten Widerstand von Kommunisten und Rechtssozialisten auch behaupteten. Dies um so mehr, als die Vergesellschaftung der Ökonomie der wichtigste proletarische Selbstverwaltungsbeitrag des 20. Jahrhunderts in der ganzen Welt war. Zu fragen wäre schließlich, warum Takis Fotopoulos bei der Konzeptualisierung seines Befreiungsmodells den Begriff „Macht“ mit einbezieht und von „gleicher Verteilung der Macht“, „Dezentralisierung der Macht“ oder „gleichberechtigter Aufteilung der Macht“ spricht. Ich glaube, dass das Endziel einer wirklich herrschaftsfreien Gesellschaftsordnung nicht die Beibehaltung der Macht, sondern ihre Aufhebung sein sollte. Macht ist von Natur aus mit ihrem Missbrauch kausal verbunden, wie die vom Verfasser oft kritisierten Anarchisten immer gewusst haben. Dort, wo noch um Macht gerungen wird -auch dann, wenn es sich um gerechte Macht handelt - wird der Hobbessche Krieg aller gegen alle walten. Die vom Verfasser angestrebte umfassende Demokratie wird erst Wirklichkeit werden, wenn die Individuen sowohl als Einzelne wie als gesellschaftliche Akteure freiwillig darauf verzichten, Macht zu begehren und stattdessen lernen, Macht zu verachten und sie als ein Übel und als ein Zeichen von Selbstentfremdung zu betrachten. Auch dann, wenn man nicht unbedingt alle Thesen von Takis Fotopoulos teilt: sein Buch stellt einen wichtigen Beitrag zur politischen Aufklärung und eine kohärente Alternative zur bestehenden Weltordnung dar. Heleno Saña *** |
| Paulo Coelho: Elf Minuten Diogenes Verlag, Zürich 2003 Paulo Coelho erkundet die Rätsel des Sex Wenn irgendein Nachwuchsschriftsteller seinen Roman mit dem Satz „Es war einmal eine Prostituierte namens Maria“ beginnen würde, hätte sein Werk mit Sicherheit keine Chance, veröffentlicht zu werden. Paulo Coelhos neuem Roman Elf Minuten jedoch wird es wohl ergehen wie all seinen Büchern zuvor: Obwohl die Werke des Brasilianers regelmäßig bei der Kritik durchfallen, werden sie nahezu alle zu Bestsellern. Seit der Diogenes Verlag erkannte, dass man mit Coelho-Büchern Geld verdienen kann, beschert er uns jedes Jahr ein neues Werk des „meistgelesenen lateinamerikanischen Schriftstellers“ (The Economist). Es sind Perlen darunter, Fundstücke voller Weisheit und Lebenserfahrung wie Der Alchimist (1996), mit dem Coelho international der Durchbruch gelang, oder die spannende Geschichte einer jungen Slowenin, die erst nach einem Selbstmordversuch den Wert des Lebens schätzen lernt (Veronika beschließt zu sterben, 2000). Zuletzt jedoch mussten wir auch Unglücke wie das Handbuch des Kriegers des Lichts (2001) über uns ergehen lassen, das praktisch keine Handlung enthält und im wesentlichen aus einer Sammlung von Plattitüden und Banalitäten besteht („ein Krieger des Lichts muss lange durchhalten“, „kleine Dinge können Verursacher großer Übel sein“ usw.). Auch der Klappentext von Elf Minuten lässt zunächst Schlimmes vermuten. Die Handlung - Prostituierte verliebt sich in gutaussehenden Künstler, der sie als Einziger versteht - ist spätestens seit „Pretty Woman“ abgehandelt. Erschwerend kommt hinzu, dass Coelho seinen Roman mit einem dermaßen schmalztriefenden und trivialen „Happy End“ schließt, dass es fast schon weh tut. Zwischen dem missglückten Anfang und den letzten zehn Seiten geht Coelho jedoch mit der ihm eigenen Offenheit und Ernsthaftigkeit mit dem Tabuthema Sex um und entwickelt gleichzeitig eine solide und spannende Geschichte um die Prostituierte Maria. Gekonnt wechseln sich dabei die Gedanken und Tagebucheinträge der jungen Brasilianerin mit der temporeichen Handlung des Romans ab. Die innere Entwicklung Marias, die zunächst vom naiven Landmädchen zur zynischen Prostituierten und schließlich zur liebenden Ehefrau wird, und ihr Zögern, ihr Verharren in den jeweiligen Übergängen sorgt dabei für den Spannungsfluss des Romans. Paulo Coelho hat mit Elf Minuten nicht nur ein Buch über Sex geschrieben, sondern auch über die Veränderungen und Kehrtwenden, die unser Leben erst spannend machen, und über die Möglichkeiten und Chancen, die sich gerade in den Kleinigkeiten des Alltags bieten. Eben das macht Elf Minuten zu einem typischen Coelho-Werk, und vielleicht ist dieses Grundmotiv, das auch im Alchimisten und in Veronika beschließt zu sterben vorkommt, sogar ein nicht geringer Teil seines Erfolgsgeheimnisses. Coelhos Sprache mag schlicht sein, aber sie ist auch klar. Seine Geschichten mögen teilweise religiös überhöht sein und ins Esoterische abgleiten, aber sie enthalten nicht selten auch die geballte Lebenserfahrung des weitgereisten und mehrfach inhaftierten Autors. Viele Passagen strotzen nur so vor klischeebeladenem Kitsch, andere jedoch sind von einer Einfachheit geprägt, nach der sich viele sehnen. Vor allem aber kann Coelho Geschichten erzählen, versteht es geschickt, Handlungen abwechselnd voranzutreiben und wieder zu verlangsamen und kann Personen sich entwickeln, sich entfalten lassen. Mit der Veröffentlichung von Elf Minuten hat er zudem Mut bewiesen. Im Gegensatz zu vielen „Pop-Autoren“, die unter anderem darüber schreiben, wie man sich „durchs Alphabet fickt“, hat er gezeigt, dass man auch ein Tabuthema wie Sex spannend und unterhaltsam aufarbeiten kann, ohne dabei in Geschmacklosigkeiten zu verfallen. Und er hat klar gemacht, dass Begierde und Verlangen trotz aller Videoclips, trotz Werbespots und schlüpfriger Magazine in erster Linie ein Rätsel sind, etwas das wir nicht durchschauen, und insofern ein geradezu idealer Romanstoff. Dass Coelho dies erkannt, die Herausorderung angenommen und auf seine eigensinnige Art umgesetzt hat, ohne sich allzu sehr um die Frage zu kümmern, ob seriöse Literatur „so etwas“ überhaupt aufgreifen darf, eben das macht ihn als Autor so interessant. Thomas Bauer Der Münchner Autor Thomas Bauer hat neben Gedichtbänden auch mehrere Anthologien herausgegeben, zuletzt: Zwischen Estland und Malta. Zwölf Autoren erkunden das »neue« Europa, Wiesenburg Verlag, Schweinfurt 2004. Kontakt: www.literaturnest.de |
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