| KULTUR-ATELIER |
| Versprochene Wahlversprecher Von Martin
Kirchhoff |
| Die da, die die Reformen aufhalten, sind die, die die Reformen dann versprechen, wenn sie gewählt sind und die den Reformstau verursachen. Sie sind die die Reformen verhindern. Die stehen im Stauraum, die kommen nie weiter. Jawohl. Ich wiederhole: Die, die die Reformen verhindern, sind die, die die Umbruchzeitgebote missbrauchen. Im Prinzip und Gebot dieser, unserer Zeit, stehen die Rentenreform an und die Steuerreform, die Rechtschreibreform, die Arbeitsplatzbeschaffungsmaßnahmenreform, kurz die ABM-Reform genannt, ferner die Diätenverschlankungsreform im Sinne der Staatsverschlankung. Ich wiederhole: Rentierreform, Steuerreform, Rentenschreibreform, Arbeitsrechtsbeschaffungsreform, die fix und fertig verpackt im Stauraum stehen und fix und fertig den Nerv der Zeit und des Bürgers dieser, unserer Republik machen. Platz ist in der kleinsten Hütte! In der Folge kommt in den Stauraum das Versprechen auf Halbierung der Arbeitslosen hinzu. Auflösung des Reformstaus ist Einlösung des Versprechens. Das ist nun mal so und wird immer so sein. Die angestauten Reformen auf den Weg gebracht, werden Schritt für Schritt die Arbeitslosen halbiert. Sie sehen, eine Verdoppelung des Gewinneffektes auf der ganzen Linie. In unserem Sinne, versteht sich die Diätenverschlankungsreform so: Verdoppelung der Halbierung, Zunahme per Abnahme; mit anderen Worten: per Nachnahme. Es liegt in der Luft und in ihrer Hand, geehrte Wähler, über die Zukunft, unsere Zukunft, zu entscheiden. Die die wir wollen oder die die die wollen, die die Reformen behindern. Sicherheit durch Reform und Diät, freie Fahrt für freie Reformen in freie Zukunft. Jawohl. Die, die die Reformen wollen und wir, die die Reformen unterstützen, weisen mit Nachdruck darauf hin, dass die, die die Reformen nicht wollen, mit dem Steuergeld, also dem Geld des Bürgers, spielen, trotz des Ernstes der Situation und der Zeit, die wir, innerhalb und außerhalb der Regierungspartnerschaft nicht verursachten. Jawohl. Ohne uns keine Reformen, sagen die, die die Reformen blockieren und Tatsache ist, dass nur mit uns Reformen möglich sind, die auch Reformen sind. In diesem, unserem Sinne verteidigen wir den Standpunkt, dass die Renten der Steuerreform angegliedert und versteuert werden, ferner die Schreibweise der Rentiere ohne N-Verdoppelung in die Rechtschreibreform übernommen, ferner die Arbeitslosenhalbierungsreform forciert wird. Dadurch erhöhen sich die Steuereinnahmen und das Arbeitslosengeld kann von den Renten abgerechnet und der Diät zur Verstärkung des Solidaritätszuschlages zugeschlagen werden. Damit wird der Besserverdienerstand stabilisiert und die Zukunft eine Zukunft für uns und auch Sie, verehrte Wähler und Wählerinnen. Daran sollten, ja, dürfen Sie denken, wenn Sie zum Wahllokal und anschließend in die Wirtschaft gehen, in der mit uns jeder Bürger, jede Bürgerin seinen Platz finden kann. Vor oder hinter der Theke, je nach dem, jedem das seine. Mit uns in die Zukunft ist der goldene Weg, den wir uns besser verdienen und gestalten wollen. Jawohl. Die Reformen, die die, die regieren, auf den Weg bringen wollen, sind Reformen, die nicht halten, was die, die die Reformen wollen, versprechen. Dagegen sind wir. Nie gegen Reformen, die müssen sein, aber anders geschneidert - sozial und menschlich! Darum lehnen wir die Reformen ab, die die und ihre Freunde, vorhaben. Was die sich da vorstellen, ist gegen die, die ehrlich arbeiten und die, die die Steuern abgeben, also Sie, geehrte Wähler, Wählerinnen und Bürger dieser Republik. Wie Sie sehen, denken die nicht an Sie sondern an die, die die Macht haben. Das soll, das kann sich ändern! Wie wir kommen, gehen die, die jetzt regieren. Dann werden echte Reformen in den Stauraum gesetzt und die Arbeitslosen nicht mehr halbiert. Wie soll halbiert werden, was es mit uns nicht mehr gibt? Innovation ist angesagt, überall wird recht geschrieben, was richtig sein soll und jeder Rentenanwärter wird dem Elchtest unterzogen. Luxus versteuern wir und was Luxus ist, bestimmen wir. Wir nehmen die Diäten ernst und erneuern sie in unserem Sinne. Die, die die Reformen wollen, die die vorhaben, die regieren, werden sich wundern über die Reformen, die wir verwirklichen. Wähler, Wählerinnen, wählen Sie uns für eine Zukunft der gesicherten Renten trotz Rentnerschwemme, ohne Wohlstandsmüll und der richtigen Rechtschreibung. Jawohl. Eindringlich versprechen wir die Reformhalbierung auf dem Weg zu Diäten zum Nulltarif bei gleich bleibender Gesundheit als Sofortmaßnahme gegen Staatsherzverfettung und der Gesundheitsminister empfiehlt gefüllten Elchmagen mit Sojawurst und wer keine Arbeit hat, mache sich welche im Rahmen des Projekts der Selbsthilfe zur Selbsterkenntnis, dass wir das Volk sind das dem Aufruf zur Wahl folgt und danach folgt und uns folgt und wir versprechen wir werden uns versprechen und sind das Volk und versprechen das Volksversprechen im Versprechensstauraum und die die die und die anderen die jawohl... *** Isadora Das von der Gegenwart schon weit entfernte Jahr 1995 war eine Zeit riesiger Arbeitslosigkeit. Ich fand nur für einige Stunden pro Woche Arbeit. Der fehlende Teil der Summe, die ich zum Leben brauchte, kam vom Rathaus. Als Gegenleistung wurde von mir verlangt, dass ich eine bestimmte Zeit meines Lebens mit einer für die Gesellschaft nützlichen Tätigkeit verbringe. Ich sollte den Individuen die Morgenzeitungen vorlesen, die schon lange mit der Presse nicht zu tun hatten. Sie durch die Stadt spazierenführen. Sie zum Arzt bringen. Ich konnte allerdings wenigstens auswählen, wer mir Gesellschaft leisten sollte. Meistens bevorzugte ich einen Mann, der zwar Invalide war, doch einen völlig intakten Verstand hatte. Intelligent, hoch gebildet - sein Zimmer war voll von Büchern, die er die ganze Zeit las. Ich sprach immer noch schlecht Deutsch, aber von ihm habe ich viel gelernt. Er war ein ehemaliger Lehrer, der vor Jahren einen schweren Autounfall hatte. Ein Mensch völlig ohne Verwandte und Bekannte. Das Einzige, das ihn noch mit der Welt verband, waren seine Bücher. Er las meist über den Krieg. Manchmal - Familienromane. Und er liebte es, mir das Gelesene zu erzählen. Ich hörte ihm zu und dachte: „Ah, hier ist der Fall kein Akkusativ, sondern Dativ. Dieser Partikel könnte vielleicht nicht übersprungen worden sein? Und hier hätte ich mit Sicherheit vergessen, dass sich das Verb von der Vorsilbe im Präsens teilt.“ Kurzum, nur mein linkes Ohr hörte der Geschichte zu, das rechte folgte der Sprache mit der Aufmerksamkeit eines Polizisten und lernte sie auf diese Weise. In dieser süddeutschen Gegend tauschten die Menschen ihre Gedanken in einem so grausamen Dialekt aus, dass ein Deutscher, der richtiges Deutsch sprach, wie ein Gottesgeschenk war. Deshalb verwandelte ich mich, wenn ich mit Herrn Kern spazieren ging, in einen eingefleischten Strukturalisten, der sich gierig an die Wörter klammerte. Doch heute war mein Liebling verschwunden, um Kaffee in einem Stadtcafé zu trinken. Er hatte einen speziellen Elektro-Rollstuhl und war deshalb recht autonom. Außerdem ließ ihm das Altenheimpersonal seine Freiheiten, so dass ich keinen Erfolg damit hatte, ihn zu meiner Entourage zu beordern. Deshalb packte ich die klügste Oma der ganzen Gesellschaft aus Leichenkandidaten am Arm und ging mit ihr spazieren. Die Alte litt an einer sehr angenehmen Sklerose. Sie hatte zum Beispiel detaillierte Erinnerungen an die deutsche Okkupation der Tschechoslowakei während des Zweiten Weltkrieges, die sie auch bereitwillig mitteilte. Aus diesem Grunde schleppte ich sie mit mir herum wie ein Geschichtshandbuch. Sie erzählte mir Einzelheiten von lange zurückliegenden Ereignissen aus erster Hand, obwohl sie oft weder wusste, welches Jahr wir gerade hatten, oder sich an den Namen ihres Sohnes oder daran, dass sie mehrere Enkelkinder von ihm hatte, erinnern konnte. Ich saß neben ihr auf einer Bank und hörte ihren redegewandt erzählten Geschichten zu, über eine unheimliche Zeit, die sie so beiläufig von sich gab, als ob es um die gewöhnlichen Lebensereignisse aus dem Alltag einer fleißigen Hausfrau ginge. Von Zeit zu Zeit stellte ich irgendeine Frage, um sie aufzufordern, weiter zu sprechen. Doch ihre Grammatik verfolgte ich nicht wie ein KGB-Resident, in dieser Richtung hatte ich nicht das rechte Zutrauen zu ihr. Dafür erfuhr ich viele Einzelheiten aus der Geschichte und über die Sozialbeziehungen zwischen den Völkern. Zum Beispiel - dass die Deutschen kein Vertrauen zu den Tschechen hatten, weil letztere kein korrektes Volk gewesen wären und ihre Versprechen nicht eingehalten hätten. Obwohl ich sie sehr sympathisch fand, hörte ich nicht auf, ihre Geschichten in Gedanken zu kommentieren: „Richtig! Du sagst dem verdammten Tschechen, dass er genau um sieben am nächsten Tag erscheinen müsse, damit du ihn im Krematorium verbrennst, und er kommt nicht. Wie könntest du mit so einem auf gleicher Stufe verkehren, wenn er nicht einmal zu den vereinbarten Treffen erscheint?“ Ich war eben auch ein Produkt des politischen Systems meines Heimatlandes, das in meinem Bewusstsein Deutschland einzig mit den Krematorien so sehr verbunden hatte, dass ich sie während der ersten Jahre meiner Emigration in dieses Land überall sah. Während wir so nett unseren Dialog führten, hatte sich eine Frau unbestimmbaren Alters auf der benachbarten Bank niedergelassen und fing allmählich an, unserem Gespräch zuzuhören. „Aus welchem Land kommen Sie?“, fragte die Unbekannte nach einiger Zeit, die Ausländerin durch den Akzent erkennend. Hätte ich besser Deutsch gekonnt, wäre sie niemals neugierig geworden, wer ich bin, und dann wäre ich an der seltsamsten Bekanntschaft meines Lebens vorbeigegangen. Ich nannte den Namen meines Heimatlandes. Er sagte ihr wenig. Ich fühlte mich beschämt. Einmal, weil ich noch keinen großen Sprachschatz beherrschte, und außerdem hatte ich mich noch nicht daran gewöhnt, dass mich Unbekannte ansprechen. Das kam in diesem Land, wo die Menschen wie Meteoriten in einem luftleeren Raum aneinander vorbei gingen, einem Wunder gleich. „Wie alt ist sie?“, fragte die Unbekannte weiter, indem sie auf die alte Frau neben mir zeigte. „Zweiundachtzig“, antwortete ich. „Aha, wir sind Altersgenossen!“, konstatierte meine neue Gesprächspartnerin. Ich bekam einen leichten Schock und lächelte misstrauisch. Zwischen den beiden Frauen gab es einen so großen Unterschied, dass ich sie mir als Mutter und Tochter vorstellen könnte, doch niemals als Gleichaltrige. Mein Pflegling war eine Frau mit einem mächtigen Bauch und herab hängendem Fleisch. Im Gegensatz dazu war die Unbekannte dünn, beinahe straff, mit schöner Haut und fast unsichtbaren Falten im Gesicht. Sie war nicht so sehr einer Deutschen ähnlich, sondern viel mehr - einer hübschen Jüdin: dunkelhaarig, mit dunkelbraunen Augen, schlank wie eine Spindel, mit langen, gut geformten Gliedern. „Sie scherzen, nicht wahr?“, fragte ich, meinen Ohren nicht trauend. „Ich bin eine Ballerina“, erläuterte die Unbekannte. „Spielen Sie noch?“, verwechselte ich die Verben. „Ja, ich tanze noch“, wobei sie „tanzen“ mit Nachdruck aussprach, um mich taktvoll auf das richtige Verb zu bringen. Ich lächelte entschuldigend und erklärte, dass ich die Sprache immer noch lerne und oft Fehler mache. „Das macht nichts!“, sagte sie. „Es gibt Sprachen, die Sie sofort verstehen werden. Die des Tanzes zum Beispiel.“ Und die Frau lud mich in ihren Ballettsaal ein, wo sie jungen Mädchen Tanzunterricht gab. Es verging viel Zeit, bevor ich mich an ihre Einladung erinnerte. Und es passierte auch nicht geplant. Eines Tages lungerte ich einfach ziellos durch die Stadt und geriet zufällig in die Strasse, in der sich der Saal befand. Ich starrte auf die tanzenden Mädchen und plötzlich erkannte ich in der Lehrerin meine alte Bekannte. Sie sah mich auch und winkte kurz mit der Hand. Sie lud mich nicht in den Saal ein. Sie gab auch kein anderes Zeichen, dass sie mich erkannte. Nur dieses leichte, kaum spürbare Winken. Der Tanzsaal befand sich in einer sehr lebhaften Straße. Anstatt den Tönen des Pianos, hörte ich einzig dem Lärm gequälter Motoren, knarrender Bremsen, sporadisch erschallender Hupen, schaltender Getriebe, zischender Reifen und dem Krach schnell fahrender Autos zu. Von außen betrachtet sah es so aus, als ob die Mädchen zu den Tönen dieser aus den sich reibenden und zischenden Achsen oder Zahnrädern strömenden Metallmusik tanzten. Isadora - so nenne ich meine damalige Gesprächspartnerin, deren richtigen Namen ich schon lange vergessen habe - tanzte zusammen mit den fünfzehn-, sechzehnjährigen Mädchen, drehte sich wie eine mit dem Schlüssel aufgezogene Kunststoffballerina, lehrte die jungen Frauen die komplizierten Figuren und zeigte danach selbst die laufende Ballettübung, um sie ihren Schülerinnen es besser zu präsentieren. Die ungewöhnliche Eleganz ihrer Bewegungen verwunderte mich, die Leichtigkeit, mit der sie sie machte. Sie war zweiundachtzig Jahre alt, doch sie bewegte sich so, als ob die Erdanziehung keine Macht über sie hätte. Sie sah so sicher auf ihren Füßen aus, dass ich unwillkürlich dachte: „Diese Frau wird nicht im Bett sterben!“ Ich weiß nicht, wie lange meine Betrachtung dauerte. Vielleicht bis die Abgase der Autos mir den Atem nahmen. Ich begann zu husten und entschied, dass es Zeit sei, zu gehen. Und plötzlich spürte ich jemandes Anwesenheit neben mir. „Wahrscheinlich ist Esenin gekommen, um sie nach der Arbeit abzuholen?“, dachte ich belustigt und drehte mich um, um zu gehen. Und dann entfuhr mir ein überraschter Laut, denn, mit seiner Nase das nächste Fenster berührend, beobachtete ein junger Mann entzückt die Szene und lächelte dabei rätselhaft. Als ich zu ihm ging, wandte er seinen Blick vom Glas ab und durchbohrte mich mit hellblauen Eseninaugen. „Sie ist unglaublich, nicht wahr?“, sagte er und deutete mit seinem Kopf auf Isadora. Dabei schien mir sogar, dass ich einen leichten russischen Akzent in seinen Worten hörte. Ich stimmte ihm gern zu, aber danach, aus Angst, dass etwas den Zauber des Anblickes zerstören könnte, ging ich wortlos weiter. Ihr wisst, wie das alles endete, nicht wahr? Es vergingen noch einige Jahre und eines Tages erschien eine unbekannte junge Lehrerin im Saal. Ich sah Isadora nie wieder. Und mit ihr verschwand auch der junge Esenin mit den Stiefmütterchenaugen. Natalia Andreeva |