| MEDIEN-KULTUR-SCHAU |
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Georgios Visyinos: Moskow-Selim Novelle. Deutsch von Carl Wefelmeier. Romiosini Verlag, Köln 2003, 79 Seiten, 11,90 Euro Die Grundmuster ähneln sich auf fatale Weise. Da vermag sich einer seiner Einberufung nicht zu entziehen oder vermeint sogar, eine patriotische Pflicht erfüllen zu müssen. Bis er dann an vorderster Front ins mörderische Feuer und - zum Glück - in Gefangenschaft gerät, um endlich zur Erkenntnis zu gelangen, dass die angeblichen Erzfeinde genauso betrogene arme Schweine sind wie er selber. Der Ferdinand Bardamu in „Voyage au bout de la nuit“ von Louis-Ferdinand Celine findet, nachdem er das Einander-in-den-Wanst-Schießen in Flandern im l. Weltkrieg überstanden hat, als Armenarzt in einer Irrenanstalt seinen Frieden, immer hart an der Grenze zwischen normal und verrückt sein. Der zwei drei Generationen ältere Moskow-Selim, der in den Krim-Kriegen mit knapper Not davon gekommen war, wird - in der gleichnamigen Novelle von Georgios Visyinos - von den griechischen und türkischen Dörflern seiner ostthrazischen Heimat gleich ganz und gar als Verrückter angesehen, weil er nichts sehnlicher erhoffte als: Ach, wenn doch die Russen kämen, dann würde alles gut. Das Jahr 1875 stand an, als „man womöglich auch Grabsteine zu Soldaten gemacht“ hätte, da war auch er von neuem für seinen Sultan in den Krieg gezogen, um seinen Haß, „den unersättlichen, an unseren Feinden zu rächen, den Russen, den rohen und ruchlosen... Denn Wasser und Feuer mögen untereinander Freundschaft schließen und bewahren; Moskowiter und Islam nie, nie! Sieht man nicht, dass die Tartaren und die Tscherkessen ihre Häuser und ihre Habe verlassen haben und lieber nackt und ohne Schuhe unter die Herrschaft des Sultans gekommen sind als an einem Ort mit den Russen zu leben?“ In Plewen verwundet und in Gefangenschaft geraten, erfährt Selim-Aga danach von den Christgläubigen mehr Liebe als je zuvor von seinen muslimischen Glaubensbrüdern. Im Gegenteil, von denen, für die er seine Haut zu Markte getragen hatte, erntete er nur Unbill und Schmach. So richtete sich denn sein ganzes Hoffen auf „die Barbaren“ als eine Art Lösung, wie das in seinem berühmten Gedicht „Die Barbaren erwartend“ Konstantinos Kavafis gesagt hat. Was bei unserem Autor zu einer generellen Paralyse und 1896 in Athen zum Tode geführt hat, bleibt allerdings offen. Da war er gerade mal 47 Jahre alt, und man ist versucht zu lästern; dein Studium der Philologie, Philosophie und Psychologie (u.a. in Göttingen und Leipzig) hättest du dir getrost sparen können. Ja, wenn denn die Verhältnisse, die Georgios Visyinos in seiner Meisternovelle aus dem Jahre 1895 beschreibt, heute grundlegend andere wären! Der Balkan in unseren Tagen, wenn man z.B. im Hafen Dubrovniks auf eine jüngst installierte Gedenktafel trifft für die „Märtyrer im Kampf gegen unsere Erzfeinde, die Montenegriner und Serben“ - ein Trauerspiel. Umso bemerkenswerter das Verdienst von Romiosini, ein weiteres Mal mit einer deutschen Erstübersetzung einen griechischen Autor ausgegraben zu haben, von dem es hierzulande bislang zu unrecht so gut wie noch nichts zu lesen gab, wobei der Übersetzung von Carl Wefelmeier kaum anzumerken ist, dass es sich um eine solche handelt. Horst Möller *** |
| Klaus Ulrich: Olympische Episoden Von Athen 1896 bis Athen 2004. Spotless Verlag, Berlin 2004, 96 Seiten 5,10 Euro Dass die Olympischen Spiele nach 108 Jahren an ihre Geburtsstätte Athen zurückkehren, darin findet der Autor den Reiz, diesen Weg zu skizzieren. Nicht mit Analysen oder anderen Weisheiten, sondern mit vielleicht in Vergessenheit geratenen oder nie zuvor publizierten Episoden, die nicht nur daran erinnern, dass sich die ersten Schwimmer an enthöhlten Kürbissen orientierten, ein Pariser Polizist Selbstmord begangen haben soll, weil er einem Marathonläufer den falschen Weg wies, sondern auch, dass ein deutsches IOC-Mitglied an der Spitze der Armeen stand, die Polen und Belgien überfielen. Olympia ist ein Spiegelbild unserer Zeit - aber vielleicht eins, das man trotz allem mit mehr Sympathie betrachtet als andere. „Das Wort Episode stammt aus dem Griechischen und wird gemeinhin mit ‘Nebenhandlung’ übersetzt. Aber kann Olympia überhaupt durch ‘Nebenhandlungen’ dargestellt werden?“ erwägt Klaus Ulrich im Vorwort und findet heraus, daß sich in die Geschichte der Spiele mancherlei Klatsch geschmuggelt habe. Den in stattliche Generalsuniformen gekleideten IOC-Mitgliedern folgten Konzernobere und denen hemdsärmelige Fernsehregisseure, die in ihren Studios das Kommando übernahmen. Sie kürzten wegen der Quoten nicht nur die Hymnen, sondern bestimmten sogar, wann was in den Hauptsendezeiten gestartet wurde. Und sie schufen gemeinsam mit den Marketingmanagern auch Freiräume für Klatsch, Tratsch und Skandale. Das strahlende Bild der Spiele wurde weiter von jubelnden Siegern geprägt, zu deren Ehren man Flaggen hisste, Hymnen spielte und denen man Medaillen überreichte. ... Im Athen des Jahres 1896 waren - so erzählt man sich - eigentlich nur die Taxifahrer vehement für die Spiele, weil sie sich unerwarteten Gewinn versprachen. Im Athen des Jahres 2004 sind zahllose Gewinn verheißende Verträge zu Papier gebracht, die mit zusätzlichen Fahrgästen rechnenden Taxifahrer sind von der Größenordnung des erhofften Gewinns her längst in die letzte Reihe geraten. Episoden sind nicht uniformiert, niemand hat darüber zu befinden, ob sie zu dieser oder jener ‘Einheit’ gehören. Episoden werden auch nicht wie Sonderbriefmarken oder Gedenkmünzen auf dem Markt gehandelt oder getauscht. Zudem gibt es amüsante Episoden und sehr traurige. Sie geben auch kaum Auskunft über Haltung oder Ansichten des Autors.“ *** Wolfgang Decker: Sport in der griechischen Antike Vom minoischen Wettkampf bis zu den Olympischen Spielen. C.H.Beck-Verlag, München 1995 „Im Verlauf der Menschheitsgeschichte hat es wohl kaum ein Volk gegeben, dessen Kultur stärker vom Sport durchdrungen war als die griechische.“ Und das schreibt ein Wissenschaftler, der, frei von jeglicher nationalen Verpflichtung, bereits 1987 ein ebenso wichtiges Buch geschrieben hat: „Sport und Spiel im Alten Ägypten“ (München, C. H. Beck Verlag), sich also dessen bewußt ist, was für eine Rolle der Sport früher oder später in den Nachbarländern Griechenlands, im Osten vorwiegend, aber auch im Römischen Reich gespielt hatte, bzw. was für einen Einfluß auf den griechischen Sport Ägypten z.B. ausgeübt hat, ja seinen Ursprung zum Teil diesem Osten verdankt. Dem Professor für Sportgeschichte an der Sporthochschule Köln lag zweifelsohne eine Fülle wissenschaftlichen Materials vor, eine Menge Bibliographie zu einzelnen Themen, die zu seinem Thema gehörten, und es ist als eine erste große Leistung hervorzuheben, wie er Herr über dieses Material hat werden können, wie er diesen Stoff bewältigen konnte, um uns ein Buch zu schenken, das sich so wunderbar angenehm lesen läßt, fast wie ein Krimi, für denjenigen, der sich über Ursprünge, Anfänge und die Entwicklung des Sports einfach informieren will, aber auch für denjenigen, der sich für die Quellen, das Umfeld, den Bezug oder die Beziehung der Realität zum Mythos interessiert und wie sich eben dieser Mythos zu einer der glaubwürdigsten Quellen der Geschichte erweist. Darüberhinaus kann man solche Details über das soziale Umfeld der jeweiligen offiziellen Spiele aller Epochen der griechischen und vorgriechischen, aber auch der ausgehenden Antike anhand kleiner und am Rande gemachten Bemerkungen des Autors erfahren, daß einem die Lust geweckt wird, hinter jeder auch noch so unscheinbaren Auskunft wichtige Vermutungen anzustellen, die er beim Fortsetzen der Lektüre bestätigt sehen will und dafür immer wieder zurückblättert, um ja nichts übersehen zu haben. Sport - ein aus dem Lateinischen stammendes und über die Jahrhunderte herübergerettetes, interkulturelles Wort, während das griechische Wort Agon eher die Versammlungen, verbunden mit sportlichen Veranstaltungen, meint - hat also seinen Ursprung in der Mykenischen und Minoischen Zeit dieses geographischen Raums, was man Griechenland nennt. Zunächst belegt zu Ehren der Toten, als Leichenspiele hauptsächlich, die blutig endeten zur Besänftigung der Seele, wie der Wettkampf, den uns Homer in der Ilias im 23. Buch in 600 Versen ernst und gottesfürchtig beschreibt, und Patroklos, dem geliebten Freund des Achill, zu Ehren veranstaltet wurde. Mehrere Disziplinen werden dort aufgeführt, Preise und Ergebnislisten überliefert, wie eine heutige Sportreportage, so bemerkt augenzwingernd der Autor. Später werden Wettkämpfe sogar improvisiert, wie die Phaiakenspiele in der Odyssee, oder die Freierspiele - Karikatur von Wettkämpfen nennt sie Decker - und der Brautagon um Penelope, den Odysseus mit Bravour gewinnt, wobei Decker das Motiv des Bogenschützen Pharao als Vorbild dieses berühmten Bogenschießens ansieht. Diese Möglichkeit des Vergleichens und des Herstellens von Zusammenhängen hat eben nur jemand, der die anderen Völker und deren Geschichte kennt. Nach der „Einleitung“ und den ersten zwei Kapiteln, die den „Ursprüngen und Anfängen“ und dem „Sport bei Homer“ gewidmet sind, geht es in Kapitel III. um die „Agone“, nämlich um die „Panhellenischen“ und die „Lokalen“ Sportfeste. Der ersteren haben wir vier von Rang die „Olympien“, die „Pythien“, die „Isthmien“ und die „Nemeen“; später, in der römischen Zeit, gab es viele Neugründungen bis zur Inflationierung derselben, vor allem was die „Periodoniken“ angeht. Von den vier Panhellenischen Spielen ragen zweifelsohne die Olympischen Spiele heraus, die es auch darauf angelegt hatten, eine Sonderstellung gegenüber den anderen einzunehmen. Was sie auch bereits sehr früh geschafft haben, denn keine anderen sportlichen Veranstaltungen haben je den Glanz und die Bedeutung dieser erreicht, geschweige denn übertroffen. Wir können sie schriftlich vom Jahr 776 v. an Chr. verfolgen, das Jahr der ersten schriftlichen Aufzeichnung des Siegers - sehr verdächtig, sagt unser Autor, also müßten wir sie viel früher datieren? fragt sich der Rezensent - bis etwa 200 v. Chr., als die letzte Erweiterung des Wettkampfprogramms stattfand. Belegt ist jedenfalls, daß in Olympia zunächst Muttergottheiten verehrt wurden, z.B. Hera, die später wie so oft von Zeus verdrängt wurde, und zu ihrer Ehre Mädchen sich als Läuferinnen betätigt haben. Daß aus diesem Mädchenlauf sich die Agone entwickelt haben, dürfte nicht allseits bekannt sein, und warum in der Antike keine Frauen an den Spielen haben teilnehmen können, bleibt dahingestellt, auch bei unserem Autor, der aber die Entwicklung verfolgt zu haben scheint, denn er erwähnt, daß später auch Frauen Olympiasiegerinnen sein durften, als Besitzerinnen der Pferde, die bei den hippischen Disziplinen mitkämpften; Kleopatra II z.B. von Ägypten, die bei den Panathenäen erschien. Teilnehmen ohne „Wenn und Aber“ dürften nur „freie männliche Griechen sein“, was im Laufe der Zeit aber verwässert wurde, nämlich zu: „Alle, die sich der griechischen Kultur verpflichtet fühlten“. Die herausragende Bedeutung der Olympien wird z. B. durch die Olympiaden manifestiert, die Chronologisierung nämlich von Fest zu Fest; den Waffenstillstand - was übrigens auch bei allen Panhellenischen Wettkämpfen angestrebt wurde; durch die großzügige Ehrung der Sieger, die neben dem berühmten Ölzweig so viele Gratifikationen verschiedener Art bekamen, daß sie sich nicht mehr um ihren Lebensunterhalt haben sorgen müssen und die ihre Siegesstatue auch in Olympia aufstellten - die in Delphi aufgestellten sind bekannter - und last but not least durch die Literatur, die ihnen namentlich ein ewiges und bis zu unserer Zeit reichendes Monument setzte. Ausführlichst mit Teilnehmerlisten, mit Beschreibung der Topographie in Wort und Zeichnungen, mit geeignetem, die Ausführungen unterstreichendem Bildmaterial, das auch die Bedeutung der den Kämpfen begleitenden meist Flötenmusik - auch ein weniger bekanntes Element - belegt, mit der Aufzeichnung des Verlaufs der Feste im 5. Jh. v. Chr. z.B., mit Auflistung der Entwicklung des Wettkampfprogramms u.v.a.m. ist sicherlich dieses Kapitel ein Höhepunkt, wobei mit derselben Sorgfalt auch die anderen Panhellenischen Spiele geschildert werden - z.B. waren die Pythien in Delphi dank Apollon viel intensiver als musische Wettkämpfe ausgerichtet als die Olympien - aber auch die lokalen Agone werden eingehend behandelt, ob es sich um die winzigen, ja fast „privaten“ Spiele auf der kleinen Ägäisinsel Amorgos handelt oder um die weltberühmten Panathenäen, das Hauptkultfest der Stadt Athen. Und immer wieder dieser, ja fast ironische - oder aufklärerische? - Bezug zu heute, damit man ja nicht der idealistischen Vorstellung verfällt „damals war alles echt, koscher, kein Doping, keine Bestechung, keine Intrigen, nur im Namen „des Schönen, des Edlen, des Heiligen“. Oh nein! Menschen damals, Menschen heute. Diese keineswegs vordergründige Absicht des Autors ist nur zwischen den Zeilen zu lesen und zu erkennen, ein derartiger Kenner der Materie möchte sicherlich nicht unbedingt alles, was wir in der Schule gelernt haben in Frage stellen, sondern der historischen Wirklichkeit dienen, die einzige die zählt. Er macht es im Bewußtsein, daß er manches Schmunzeln hervorrufen wird, aber auch in der Gewißheit, daß nur eins gilt, die Wahrheit, die über die Belege und der entsprechenden Literatur zu ermitteln ist und sich vor keiner Voreingenommenheit scheut. Die folgenden Kapitel: IV. „Die Disziplinen“, vom lebensgefährlichen Faustkampf bis zum grausamen Pankration oder Pammachia (Allkampf), einer griechischen Spezialität, vom Ringen bis zum Pentathlon einerseits und vom Pferderennen, was später als das Wagenrennen zur Disziplin wurde, wird alles mit Genauigkeit, auch mit Humor, aber immer mit Bildern oder ausgewählten Fragmenten aus der Literatur belegt und auf dieselbe faszinierende Art erläutert. Kapitel V. „Die Organisation“ und Kapitel VI. „Die Athleten“ heben neben dem allgemeinen historischen Rahmen auch namentliche menschliche Schicksale heraus, egal ob sie Kampfrichter (Hellanodiken) waren, wie der Elier Troïlos, der in seiner Amtszeit doch als Athlet hat teilnehmen wollen, er siegte, doch sein Sieg war wegen seiner doppelten Funktion umstritten, oder Spitzenathleten wie Diagoras von Rhodos und seine ebenfalls sportlichen Nachkommen. Die Bestechungsversuche der Rivalen und wie sie ausgeschaltet werden konnten, das Festhalten der Teilnehmer an der Deutung von Träumen und die Heranziehung von Zauberformeln und der Magie für einen Sieg, oder gar die Psychologie der Zuschauer und ihre nicht immer vom sportlichen Ethos hervorgerufenen Reaktionen, das sind erstaunliche Details, die in einer Romanbiographie zum Werdegang der Betreffenden, bzw. zu ihrem Schicksal nicht anschaulicher, nicht leserfreundlicher hätte gestaltet werden können. Ein weiteres Kapitel VII. „Die Sportstätten“, das eher trockeneren Inhalts zu erwarten wäre, erweist sich als ebenfalls reizvoll, denn unter der Bezeichnung „griechische Sportarchitektur“ werden diese Einrichtungen in ihrer historischen Entwicklung erfaßt, beschrieben, im Vergleich zu den ersten, im alten Orient und in Ägypten anzutreffenden Ansätzen gebracht und in ihrer Funktionsfähigkeit analysiert: zunächst das Stadion mit seiner Zweiteilung für die Athleten und die Zuschauer und dann das Gymnasion, das sich im Laufe der Jahrhunderte zu einem Ort des gesellschaftlichen Treffens mit Schwerpunkt die sportliche Betätigung, aber auch des intellektuellen Austausches geworden war. Zahlreiche Abbildungen, schematisierte Grundrisse und Fotos von den heute noch existierenden, ausgegrabenen oder restaurierten Sportstätten veranschaulichen den theoretischen Textteil und werden so zu einem hervorragenden Führer für archäologische Spaziergänge unter dem Thema Sport. Und nun das letzte, VIII. Kapitel das den Titel trägt: „Sport und Kultur“: Zunächst, wie erwartet, die bildende Kunst: Man stelle sich den antiken Touristen der Gegend z.B. von Olympia vor und sein Staunen vor der Fülle der Bronzenstatuen, der Siegesstatuen von siegreichen Athleten, womit sie Zeus für den erlangten Sieg dankten. Berühmte Bildhauer waren ihre Schöpfer, darunter Kalamis, Myron, Phidias, Polyklet. Für die relativ wenigen Funde der Archäologen vor Ort werden wir heute mit einer gut erhaltenen Statue wie die des Wagenlenkers reichlich entschädigt. Und waren die Kosten für die Herstellung einer solchen Statue, die wohl an Ort und Stelle vom Künstler gefertigt wurde, untragbar für den Athleten selbst, dann sprang seine Heimatstadt dafür ein; so groß war der Ruhm, den ihr Sohn mit seinem Sieg ihr verlieh. Aber auch Reliefs und vor allem Vasen wählten zahlreiche Sportmotive zum Thema. Damit lieferten sie den damaligen Betrachtern oder Besitzern und liefern uns heute ebenfalls neben dem ästhetischen Genuß eine Fülle an Informationen über den Sport in der Antike, diachronisch wie epochal, also in seinen Ursprüngen und in seiner Entwicklung. Aber der Sport hatte in der Antike nicht nur die bildende Kunst inspiriert, sondern auch die Literatur. In einem knappen Abschnitt gibt uns Wolfgang Decker auch davon eine Kostprobe: Von Homer angefangen über Vergil bis Nonnos von Panopolis (5.Jh. n. Chr.) ist die griechische Literatur von Sport durchdrungen, wobei und nebenher ein neues literarisches Genus in Erscheinung trat, das „Epinikion“. Namen wie Euripides, Simonides, Bakchylides und hauptsächlich Pindar sind mit diesem Genus eng verknüpft, unter deren Adressaten sich keine geringeren befanden als Alkibiades oder Hieron von Syrakus. Auf einer übersichtlichen Tafel, die der Autor mitliefert, kann man sogar sauber aufgelistet die Spiele, die Namen der Sieger, den Herkunftsort und die Disziplin studieren, wofür Pindar seine Epinikien verfaßt hatte. Aber auch die metrisch gebundenen Epigramme, die auf den Vasen mitüberliefert wurden, verraten die Impulse des Sports, wodurch sie den Dichtern zuweilen recht humorvoll und ironisch zur Inspiration verhalfen: „Langsam war Eutychidas, ein Sprinter, doch ging es ans Essen, lief er, bis alle sagten: Eutychidas ist geflogen.“ Das Buch endet mit ausführlichen Anmerkungen, die im fortlaufenden Text vermieden wurden, um die Lesbarkeit nicht zu stören. Abkürzungen, Literaturverzeichnis, Abbildungsnachweis, Personen-, Orts- und Sachregister runden ein hochwissenschaftliches Werk, das ein einfacher Leser wie ich mit Genuß und Vergnügen gelesen hat und lesen kann. Auffällig ist dabei, daß im Literaturverzeichnis eine einzige Arbeit auf griechisch erwähnt wird und weitere zwei von griechischen Wissenschaftlern in englischer Sprache. Die Annahme, daß so ein griechisches Thema nicht von den griechischen Historikern und nicht von griechischen Sporthistorikern - gibt es sie überhaupt? - Beachtung gefunden hat, liegt nahe. Nun ist Deckers Buch in Deutschland 1995 erschienen, und vielleicht hat sich inzwischen die Sachlage auch aus gegebenem Anlaß, das olympische Jahr 2004 nämlich, geändert. Die griechische Ausgabe des vorliegenden Buches in der Übersetzung von Amalia Makatsori ist gerade auch in Griechenland erschienen im Papasissis-Verlag, mit einem Vorwort von Vassilis Filias. Spät genug, aber nichtsdestotrotz. Wir sind gespannt auf die Aufnahme desselben in Griechenland, sei es durch die Spezialisten und die Organisatoren der nächsten Olympischen Spiele, sei es von den Sportfans und dem normalen Buchkonsumenten. Wir können es jedenfalls, in welcher Sprache auch immer, wärmstens empfehlen. Niki Eideneier |
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