DIE BRÜCKE AN DER SPREE

»Vollgas«


... und es kommt alles wieder hoch: der Schnee, die Kälte, das Zuschütten mit Fusel. Jahrelang hab ich immer Sex mit Kater verbunden, eben weil ich, wenn ich Sex hatte, meist sternhagelvoll war, und wenn ich dann am Morgen auf der Matratz oder im Bett des Typen aufwachte und meine Sachen zusammensuchte, dann brummte der Schädel kolossal. Und wie sie ihren Mantel nimmt und rausgeht und ein Bier runterstürzt und die Zigarette anzündet: kennen wir alles. O Gott, ich hab sogar den Geruch vom Mantel in der Nase.

Ich spreche von einem Film: „Vollgas“, lief gestern im ZDF, handelt von einer Saisonkellnerin namens Evi, die tagsüber im Dirndl in einem österreichischen Skisportortsrestaurant kellnert, nachts in einer Disco, und dazwischen verfällt sie und geht ein. Evi ist ständig betrunken und übermüdet, nimmt Tabletten, um ihre Arbeit durchzustehen, wacht morgens verkatert bei irgendeinem Typen auf, nimmt ihren Mantel und hetzt davon, damit sie nicht zu spät kommt und ihr Chef sie rausschmeißt. Diese Arbeit, im Dirndl morgens Touristen mit Skiern ein Bier hinstellen, ist nicht das Leben. Aber um trotzdem was vom Leben zu haben, läßt sie keine Party aus und kein Glas Alkohol stehen. Und draußen liegt der Schnee. Evi knirscht durch und fällt in Stiefeln aufs Bett. Gott, wie bekannt mir das vorkommt!

Gutgemachte Alkoholikerfilme halten dich vom Saufen ab. Weil dir das Blut dermaßen in den Adern gefriert, daß keine Ausrede und keine Illusion mehr funktioniert. „Barfly“ zum Beispiel, nach dem Roman von Bukowski. Oder „Der Trinker“ von Hans Fallada, mit Harald Juhnke in der Hauptrolle. Oder „Dunkle Tage“, wo Suzanne von Borsody eine Alkoholikerin spielt, die sich stante pede ins Grab säuft, die von der Sekretärin mit adrettem Dutt zum Wrack in der Gosse mutiert, erst saß sie noch am Schreibtisch, hatte Flachmänner in der Schublade, dann liegt sie im Bett, vor dem Bett Flaschen und Kotze, und dann sitzt sie im Winter im BH auf einer Parkbank, mit Wodkapulle in der Hand. Bei diesen Filmen kriegst du vor Augen geführt, was „Alkoholiker“ heißt. Wer gern mal n Bierchen oder n Flascherl Zweigelt so neben dem Fernseher stehen hat, der stößt dies beim Anschauen dieser Filme angewidert von sich. Denn das Bier riecht nicht mehr nach Bier, sondern nach Kotze, und im Wein kommt der Verfall hochgedünstet. (Bei „Leaving Las Vegas“ mit Nicholas Cage funktioniert dieser kathartische Filmeffekt nicht; wahrscheinlich, weil er zu hollywoodesk ist.)

Allerdings hat man, wenn man „gefährdet“ ist, aber noch nicht alkoholabhängig, so wie ich das war, bei „Der Trinker“ und „Dunkle Tage“ immer auch das Gefühl: pfff, so schlimm kommts bei mir eh nie...

Bei „Vollgas“ ist kein solches Gefühl da. Weil Evi nicht die klassische, fast schon klischeehafte Gossenalkoholikerin ist, sondern die, bei der „man“ es nicht merkt; sie ist tagsüber tüchtig und nachts fröhlich, und keiner sieht ihr schwarzes Loch, weil das mit Bier, Wodka, Whiskey, rotem Fusel, grünem Fusel und schachtelweise Tabletten zugeschüttet wird. Als sie das erstemal kollabiert, ist es schon zu spät. Der Chef persönlich klopft sie wieder hoch, damit sie an die Arbeit kann. Sie tritt kürzer. Sie bleibt in ihrem Zimmer, kuschelt sich an ihre kleine Tochter, wenn die Kollegen saufen. Aber sie säuft dann deren halbleer stehengelassene Flaschen aus, steckt im Suff den Tisch an und fällt fast aus dem Fenster. Die Touristen am nächsten Tag merken nichts. Wie auch. Die merken nur, wenn an ihrem Essen was nicht stimmt. Und dann knallts. Evi läßt ein Tablett fallen, jemand schnauzt sie an, sie haut ab. Scheuert dem Chef eine. Springt ins Auto. Hält beim Schnapsladen. Fährt weiter, trinkt Wein aus der Flasche. Kauft sich Zivilklamotten und wirft das Dirndl in einen Kaufhausmülleimer. Läßt sich die Haare abschneiden und umfärben. Und dann rein in die Bar. Ich kenne das, dieses Lächeln, diese Hände, die nichts mehr halten können außer dem Glas. Evi schmettert das Glas hinter sich und wird von Rausschmeißern rausgeschmissen. Sie kriegt vor ihrem Auto draußen den dicken Heuler. Dann steht sie auf und torkelt auf die Fahrbahn raus.

Sie kommt davon. Im Krankenhaus kommt ihre kleine Tochter sie besuchen und kuschelt sich, ganz vorsichtig zwischen den Infusionskabeln durchkriechend, an die Mama. Verdammte Scheiße.

„Man kann ein solches Leben nicht überleben, man kann es nur verlassen“, sagt Nuala O’Faolain. Und sie hat recht.

Ich habs verlassen. Ich bin auch davongekommen. Dem Teufel rechtzeitig von der Schippe gesprungen.

Schippe, die den Schnee umschippt... und Evi in Galtür und ich im bitterkalten Berlin taumeln sternhagelvoll durch den Schnee... „he Sie! Sind Sie betrunken oder was?’“ - „Noch nicht ganz, du Arsch.“ Das hab ich mal gesagt, nicht Evi.

Verdammt. Dieser Film tötet.

Davongekommen.

Phönix ex cinere!

Ní Gudix