EDITORIAL

Für einen kosmopolitan urbaren Anbruch des Jahres 2005


Mit diesem Heft schließt DIE BRÜCKE das Jahr 2004 ab, das sie überstand, ohne am Schwarzen-Fördertropf an der Saar zu hängen. Auch wenn die Absicht besteht, an die zuständige Behörde ein Subventionsgesuch zu richten, bereiten sich die redaktionellen Fertiger dieses Blätterwalds vor, die bevorstehenden Schwierigkeiten im kommenden Jahr im Vertrauen auf eigene Kraft zu bewältigen.

Wie der weltanschauliche Stützbalken dieses Forums auf dem Dafürhalten des freien Individuums fußt, lebt sein Blütentraum des freiwilligen Zusammentreffens von Kritikern, Lyrikern, Prosaisten, Rezitatoren fort. Dafür sorgen seine herausgebenden wie redaktionellen Kollektivarbeiter – natürlich im engen Zusammenhang mit der Redaktionskonferenz, dessen diesjährige Herbsttreffen Mitte November stattfindet.

In seinem Blickfang liegt die Debatte über die Perspektiven der metropolitanen Gesellschaftsformation jenseits der markerschütternden Integrationsallüren. Gegenständlich will DIE BRÜCKE das Thema SaarLorLux aufgreifen und daran gehen, auf die Globalismus-Glocke ein affirmatives Auge zu werfen – getreu der Frage: morgenbunter Blütentraum oder Fata Morgana?

Da der Weg vom Idealen zum Realen bruchfeste Basiselemente benötigt, beabsichtigen die Brücken-Fertiger, die allochthonen Stützpfosten der kosmopolitischen Lebenswelten (Iberianer, Sizilianer, Anatolier, Magrephiner...) in diesem Erdstrich zu pflegen, aber auch zu pflanzen, indem sie ein »Literatour-Atelier« ins Leben rufen wollen.

In diesem Unterfangen könnte das Schlagwort SaarLorLux einen angemessen Stellenwert einnehmen und nicht wie bisher ein Gesprächsstoff bleiben, dessen sich die Großkopferten in der Region großzügig bei ihren ethnozentrisch eingestellten Feierabendparties bedienen.

Zum Beginn steht die Idee, demnächst einen Literatur-Wettbewerb auszuschreiben und dessen Früchte in einer Anthologie zu sammeln. Er soll Impressionen aus dem gelebten Weltalter enthalten und greifbare Utopien illustrieren. Mit Poesie und Kurzprosa in Deutsch und Französisch bei grenzüberschreitender Teilnahme.

Als konkreter Ausgangspunkt der Idee soll ein Frühlingstreffen 2005 mit literarischem Schwergewicht stattfinden, bei dem es gilt, das Fundament eines Stiftungswerks Nazim Hikmet zu legen. Das will u.a. demonstrieren, daß die eingewanderten Lebenswelten aus Kleinasien wider den kulturalistischen Intellekt der autochthonen Abendländer einiges mehr im Koffer hatten als die Pläne von Döner-Buden und Moscheen.

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Nazim Hikmet, geboren 1902 in Saloniki, gestorben 1963 in Moskau, gehört mit Wladimir Majokowski, Luis Aragon, Pablo Neruda, Jannis Ritsos zu den größten Weltdichtern des 20. Jahrhunderts. Ihm widmete die UNESCO das Jahr 2002.

Die Verse Nazim Hikmets, der lebenslang Kommunist war und ein Viertel seines Lebens im Kerker, ein weiteres Viertel im Exil verbringen mußte, wirken in ihrer ursprünglichen Frische weiter – in über fünfzig Sprachen. Gerade gegenwärtig manifestieren sie den Blütentraum auf Brot, Freiheit und Frieden.

Liebste
Dieses Dröhnen der Schritte in diesem Gemetzel
Mal habe ich meine Freiheit, mal mein Brot, Mal dich verloren
Doch nie verlor ich die Zuversicht in die kommenden Tage
Die aus der Tiefe des Hungers, der Dunkelheit, der Schreie
An unsere Tür klopfen werden mit ihren sonnigen Händen

Nazim Hikmet spürte den Schmerz der Menschengesichter, die er nie sah, wie sein eigener, empfand zutiefst ihre Sorgen und Sehnsüchte, brachte sie als Elegien und Elogen in seinen Epen zum Ausdruck, die von Fabrikarbeitern, Fischern, Hirten, Studenten, von Menschen in weiten Teilen des Erdenrunds gelesen sowie gesungen wurden und werden.

Meine Brüder
Spannen wir unsre Lieder
Zu den halbverhungerten Ochsen
Dass sie mit ihnen die Erde umbrechen
Und bis an die Knie im Schlamm
Durch Reisfelder waten

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Alle Fragen stellen muß unser Gedicht
Anzünden jedes Licht
Ein Meilenstein
Auf jedem Weg sein
Unsre Verse müssen den lauernden Feind
Als erste aufdecken
Und auf Tamtams trommeln im Dschungel
Und solange es auf der Erde
Noch ein einziges ausgebeutetes Land
Noch einen einzigen Sklaven gibt
Solange am Himmel noch eine Atomwolke steht
Müssen sie, unsere Verse, alles geben für die Freiheit
Gedanken, Seele und Herz

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Keine Frage, dieses oft kontradiktorisch klingende Blätter-Forum unter dem kosmopolitischen Kopf DIE BRÜCKE wird den undurchsichtigen Daseinskampf im printmedialen Blätterdschungel überdauern. Aber nicht ohne das Entgegenkommen hunderter Fürsprecher des freien wie ästhetischen Wortes.

In diesem Zusammenhang steht der wiederholte Appell an die potentiellen Poeten eines morgenbunten Weltalters, dem Fortleben dieses Forums beizustehen. Gebeten werden alle Abonnenten und Fördermitglieder, für neue Teilhaber an unserem kosmopolitischen Druckwerk zu werben oder ihm vielleicht durch einen Spendenbeitrag anläßlich des Jahreswechsels unter die Arme zu greifen – direkt auf das Konto: DIE BRÜCKE e.V. • Nummer 90005901 • Sparkasse Saarbrücken • BLZ 590 501 01.

Das nächste Heft kommt in den Anfangstagen des nächsten Jahres, für dessen kosmopolitisch urbaren Anbruch DIE BRÜCKE allen frisches Glück wünscht.

Necati Mert