Trotz der Huntingtonischen Gespenster, die Menschenmärsche
auf den Migrationspfaden von Süd nach Nord als eine Gefahr für
das metropolitane Identitätspathos zu stilisieren und abzuqualifizieren,
transferieren sie universale Samen für Frieden, Freiheit und Brot.
Bekanntlich markierte Uncle Sams Irrlehre von »Clash of civilization«
acht Kulturkreise: 1) Christliches Abendland, 2) Islam, 3) Slawisch-Orthodoxen,
4) Konfuzianismus, 5) Hindu, 6) Japan, 7) Lateinamerika und 8) Schwarz-Afrika.
Jetzt orakelt er in seinem aktuellen Opus »Who are We. The Challenges
to America’s National Identy« die mexikanische Migration (Latinos
insgesamt) als größte innere Gefahr für die nordamerikanische
anglo-protestantische Kernidentität. Der Schutzwall der Yankee-Yuppies
gegen die Invasion der Elenden steht längst, und Samuel Huntington
liefert den theoretischen Mörtel dazu, mit dem sich auch die Architekten
des Feste-Europa emphatisch versorgen.
Auf ihrem Herbstreffen will DIE BRÜCKE über den migrantischen
Randsturm aufs Zentrum informieren und die Dritte-Welt-Dramen am Limes
der Feste Okzidentale – vor Lampedusa, im Gibraltar, aber auch in
der Adria und Ägäis – ins A und O der globalen Themen
geleiten. Es geht dabei um ein medial untermaltes windschiefes Bild von
jenen Gestrandeten, die den Versandgehilfen und Tacherons der Demokratie-Domäne
ihren Busen öffnen, von diesen jedoch angewidert, niedergehalten
und abgestossen werden.
Es sind Menschenscharen in Nonstop-Flucht vor Hunger-Horror und Troupier-Terror
des globalen Marktes kolonialer Konturen. Unterwegs aus den Tiefen und
Breiten Afrikas und Asiens. Im rauchgeschwängerten Gemenge auf den
mysteriösen Steppen-, Schluchten- und Wüstenrouten. Im Blütentraum,
das Bollwerk der Hochurbanen und Überbetuchten atmend durchqueren
zu können und auf Wolke sieben zu landen. In jenem Dorado der mentalen
Massas und monetär manierierten Messias, das sich im nordischen Terrain
des mediterranen Teichs ausweitet.
Nur wenigen, die in verwaisten Meerbusen an Bord betagter Seelenverkäufer
in See stechen, glückt das Los, an das andere Ufer zu gelangen. Wie
viele vom Wogenprall überrollt werden, weiß niemand. Hier –
»Außengrenze« nennen das EU-Autokraten – liegen
die Jagd-Kreuzer der hohen glockenreinen Zivilisationszitadellen im Hinterhalt.
Aufs Dauerdrama sind die Journal-Jünger des Mäuse-Tempels ausgerichtet.
Das Weltganze nehmen diese medialen Kuttenträger auf den Arm, indem
sie der hier unter der Stiefel-Standarte patrouillierenden Armada der
eurozentrischen Menschenrechtsersten die Meriten zurechnen, schiffbrüchige
Invasoren aus dem Wasserbrecher geborgen zu haben.
Der mediterrane Teich als Gottesacker – verniedlicht, wenn nicht
übergangen werden die totdrückenden Tragödien der migrantischen
Mitwelten und die orakelhaften Odysseen der enteigneten Globetrotter am
Limes der Zivilisationsbastei durch journalistisch geschulte Künstelei.
Das allerletzte »Cap-Anamur«-Spektakel im Juli 2004, aufgefischte
»illegale Einwanderer« an die Stiefel-Küste zu schiffen,
diente nicht einmal in Marginalien dazu, ans Licht zu bringen, was sich
am dampfigen Kimm des Mittelmeeres abspielt. Das dumpfe Ziel der Maskerade
setzte sich daraus zusammen, Spendengelder einzuwerben, zugleich die Gewissensbedürfnisse
ihrer Wohltäter sowie der heimischen Media-Konsumenten zu befriedigen.
Hinter diesem Horizont liegt der Humus des auch inländisch gemeisterten
kolonialen Humanismus, der die Wilden nicht ihrem Los überlassen
will – gerade wenn sie aus ihren angestammten Reservaten aufbrechen
und dem Anschluß an Luxus der Zitadellen-Zivilisation nachjagen.
Von einem solchen höchst elterlich funkenden Gesichtskreis leitet
z.B. Otto Schily, der graue Groß-D-Sheriff, seine »humanitäre«
Banderole der herzensguten Banalitätenballast ab, im nordafrikanischen
Brachland Camps bzw. Auffanglager – umzäunt mit pappelhohem
Maschendraht hinter Mauern wie Abschiebe-, Aufenthalts-, Identifikations-
und Ausreise-Zentren zuhause – für jene »illegalen«
Globetrotter des global aufrollenden Elends einzurichten, die danach trachten,
in die Feste Europa einzudringen. Die Migrantenheere müßten,
lautet seine Lehre, zu ihrem eigenen Schutz interniert werden, damit sie
nicht mit ihren Booten und Flößen in den mediterranen Gewässern
kentern.
Im gleichen Atemzug weist der Securty-Senior des »zivilisierten«
Wertekanons auf das notwendige Gefecht gegen den Terrorismus an allen
Ecken und Kanten hin, tritt gegenüber den Morgenländern einen
Kanossagang an und memoriert, hinter der Kanonade des »Selbstschutzes«
die demokratische Maske des Überfalls auf die unbequemen Lebenswelten
des Krisenimperialismus weißzuwaschen. Dieses Lehrgebäude wird
morgen im höchsten Maße geeignet sein, gegen ein massiv reformgespenstiges
soziales Unten mit dem Einsatz der Heeresverbände umzugehen.
***
Im Blickfang des Herbsttreffens am 20. November 2004 liegt die Debatte
über die Perspektiven der metropolitanen Gesellschaftsformation jenseits
der markerschütternden Integrationsallüren. Gegenständlich
will DIE BRÜCKE das Thema SaarLorLux aufgreifen und daran gehen,
auf die Globalismus-Glocke ein affirmatives Auge zu werfen – getreu
der Frage: morgenbunter Blütentraum oder Fata Morgana?
Da der Weg vom Idealen zum Realen bruchfeste Basiselemente benötigt,
beabsichtigen die Brücken-Fertiger, die allochthonen Stützpfosten
der kosmopolitischen Lebenswelten (Iberianer, Sizilianer, Anatolier, Magrephiner...)
in diesem Erdstrich zu pflegen, aber auch zu pflanzen, indem sie ein »Literatour-Atelier«
ins Leben rufen wollen. In diesem Unterfangen könnte das Schlagwort
SaarLorLux einen angemessen Stellenwert einnehmen und nicht wie bisher
ein Gesprächsstoff bleiben, dessen sich die Großkopferten in
der Region großzügig bei ihren ethnozentrisch eingestellten
Feierabendparties bedienen.
Zum Beginn steht die Idee, demnächst einen Literatur-Wettbewerb auszuschreiben
und dessen Früchte in einer Anthologie zu sammeln. Er soll Impressionen
aus dem gelebten Weltalter enthalten und greifbare Utopien illustrieren.
Mit Poesie und Kurzprosa in Deutsch und Französisch bei grenzüberschreitender
Teilnahme.
Als konkreter Ausgangspunkt der Idee soll ein Frühlingstreffen 2005
mit literarischem Schwergewicht stattfinden, bei dem es gilt, das Fundament
eines Stiftungswerks Nazim Hikmet zu legen. Das will u.a. demonstrieren,
daß die eingewanderten Lebenswelten aus Kleinasien wider den kulturalistischen
Intellekt der autochthonen Abendländer einiges mehr im Koffer hatten
als die Pläne von Döner-Buden und Moscheen. Die Beiträge
zur Gesprächsrunde im Rahmen eines solchen Meetings werden dann den
Inhalt des nachfolgenden Heftes bilden können.
In Erwartung auf ein vielköpfiges (am liebsten geschlossenes)
Erscheinen auf dem diesjährigen Herbsttreffen und dem Meeting mit
interessiertem wie engagiertem Publikum, das in ein geselliges Beisammensein
in einem naheliegenden Lokal münden will. Also sind Rückmeldungen
erwünscht – auch wegen der Übernachtungsfragen.
Necati Mert
Herbst 2004
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Nazim Hikmet, geboren 1902 in Saloniki, gestorben 1963
in Moskau, gehört mit Wladimir Majokowski, Luis Aragon, Pablo Neruda,
Jannis Ritsos zu den größten Weltdichtern des 20. Jahrhunderts.
Ihm widmete die UNESCO das Jahr 2002.
Die Verse Nazim Hikmets, der lebenslang Kommunist war und ein Viertel
seines Lebens im Kerker, ein weiteres Viertel im Exil verbringen mußte,
wirken in ihrer ursprünglichen Frische weiter – in über
fünfzig Sprachen. Gerade gegenwärtig manifestieren sie den Blütentraum
auf Brot, Freiheit und Frieden. Sie überqueren Berge und Ozeane,
sprechen jeden an: Den Rebellen genauso wie den Verliebten, den Schwarzseher
ebenso wie den Schwärmer, den Intellektuellen wie den Analphabeten.
Liebste
Dieses Dröhnen der Schritte in diesem Gemetzel
Mal habe ich meine Freiheit, mal mein Brot, Mal dich verloren
Doch nie verlor ich die Zuversicht in die kommenden Tage
Die aus der Tiefe des Hungers, der Dunkelheit, der Schreie
An unsere Tür klopfen werden mit ihren sonnigen Händen
Nazim Hikmet spürte den Schmerz der Menschengesichter, die er nie
sah, wie sein eigener, empfand zutiefst ihre Sorgen und Sehnsüchte,
brachte sie als Elegien und Elogen in seinen Epen zum Ausdruck, die von
Fabrikarbeitern, Fischern, Hirten, Studenten, von Menschen in weiten Teilen
des Erdenrunds gelesen sowie gesungen wurden und werden.
Meine Brüder
Spannen wir unsre Lieder
Zu den halbverhungerten Ochsen
Dass sie mit ihnen die Erde umbrechen
Und bis an die Knie im Schlamm
Durch Reisfelder waten
...
Alle Fragen stellen muß unser Gedicht
Anzünden jedes Licht
Ein Meilenstein
Auf jedem Weg sein
Unsre Verse müssen den lauernden Feind
Als erste aufdecken
Und auf Tamtams trommeln im Dschungel
Und solange es auf der Erde
Noch ein einziges ausgebeutetes Land
Noch einen einzigen Sklaven gibt
Solange am Himmel noch eine Atomwolke steht
Müssen sie, unsere Verse, alles geben für die Freiheit
Gedanken, Seele und Herz