| MEDIEN-KULTUR-SCHAU |
| Geda Böck/Andrea Dimitriadis (Hrsg.) Vierzig Jahre Urlaub. Lebensgeschichten deutschsprachiger MigrantInnen in Griechenland. Romiosini Verlag, Köln 2004, 134 Seiten, 14,50 Euro
Um Zeitzeugenschaft wie bei Christina Dimou geht es in diesen Berichten weniger. Geschildert werden die Konfrontation mit einer anderen, ungewohnten Lebenssituation, das Überwinden der mentalen und sprachlichen Barrieren, das Durchsetzen einer selbstbestimmten Existenz. Von wegen „vierzig Jahre Urlaub“ - die blanke Ironie. Die ehemals als Lehrerin in München tätige Ingrid Stadler, die 1972 nach Übersiedlung mit griechischem Ehemann und gemeinsamen Kindern in Thessaloniki die erste deutsche Buchhandlung gegründet hat, zieht das folgende Fazit: „Die Buchhandlung hat mir sehr viele Kontakte ermöglicht, und ich bin dadurch viel selbstsicherer geworden. Ich habe auch bei meinem Mann viel mehr durchsetzen können. Ich bestimmte nun selber, was gekauft, was nicht gekauft wurde. In vielen griechischen Ehen ist es ja noch heute so, dass der Mann einkaufen geht.“ Daß es ganz persönlichen Gewinn brachte, sich im fremden Land emanzipiert zu haben, mal mit mehr, mal mit weniger Erfolg, davon berichten auch die anderen Statements. Gewinn auch für die Kinder, die in der Regel zweisprachig aufgewachsen und dementsprechend offen nach beiden Seiten der Eltern bzw. Großeltern sind. Und es ist gar keine Frage, dass diese ganz individuellen Lebensleistungen sehr dazu angetan sind, solche traumatischen Erfahrungen wie die einer Christina Dimou überwinden zu helfen. Leider bleibt durchweg ausgeblendet, ob und in welcher Form das von Nazideutschland zu verantwortende Erbe für die einzelnen eine Rolle gespielt hat. Wo doch zum Beispiel für eine Ingrid Zachariadis-Stadler das Thessaloniki von früher, das Jerusalem des Westens mit seiner reichen sephardischen Kultur, selbstverständlich kein Buch mit sieben Siegeln ist. Wenn hingegen ein ehemaliger Hamburger, 1955 nach Griechenland gelangt, meint: „Es hat mir keine Probleme verschafft, als Deutscher so kurz nach dem Krieg hierher zu kommen, nein, gar nicht. In den Dörfern habe ich nichts Negatives gehört. Was hier einmarschiert ist, war ja auch die ursprüngliche Armee, die sich ja auch anständig benommen hat“, so haben sich freilich im Abstand der Jahre inzwischen differenziertere Sichtweisen aufgetan. Ob anders sozialisierte ostdeutsche Migranten, von denen niemand zu Wort kommt, noch anderes beizutragen gehabt hätten, das müßte sich gegebenenfalls erweisen, wenn dieses fesselnde Büchlein - zu hoffen in naher Zukunft - eine Zweitauflage erlebt. Horst Möller *** |
|
Jörg Bergstedt Mythos Attac. Hintergründe, Hoffnungen, Handlungsmöglichkeiten. Brandes & Apsel, Frankfurt am Main 2004, 206 Seiten Diese Publikation ist, läßt sich dem Vorwort entnehmen, ein kollektives Produkt von Projekt-Praktikern aus AG »Attac-Buch« bei Schöner Leben Göttingen und Aktiven aus der Projektwerkstatt Saasen. Ein Wagestück, den Streit als „Produktivkraft“ zu protegieren. „Worum geht es?“ Dieser Frage, die den einleitenden Textteil überschreibt, folgt gleich das Satzgefüge: „Am Anfang steht der kritische Blick: Konnte Attac die Handlungsfähigkeit politischer Bewegung stärken? Oder vereinnahmten Eliten den Protest für ihre Zwecke und von oben definierte Positionen und Projekte? Wie ist Attac strukturiert und wie sieht die gesellschaftliche Analyse aus? Wie stehen Attac-Führung und die Basis zueinander? Geschichte und Struktur von Attac werden kurz aufgezeigt. Danach folgen die Hauptkritiken zu Strukturen und Strategien, Positionen und Politik, Bündnisse und Verfilzungen von Attac.“ So viele „Attacs“ in einem Abschnitt. Vielleicht auch nicht zu viele. Es geht schließlich darum, einen Mythos zu enträtseln. Eine NGO nicht wie die anderen? Denn diese „warteten öfter“, wollen sich die Autoren entsinnen, „mit erfolgreichen Jahresberichten, Mitglieder- und Spendenzuwächsen auf als mit widerständig-frechen Aktionen oder visionären Projekten.“ Nur teilweise treffe „die Beschreibung einer Nichtregierungsorganisation“ auf Attac zu. Und im Hinblick auf ihre bundesweiten Strukturen sei sie „ein Zwitter aus NGO und kampagnenorientiertem Netzwerk.“ Daher ein Mythos? Mythen werden herkömmlich durch Mären übermittelt. Oder sie werden erdichtet, z.B. von Meritokratien, die sich im dämmrigen Weltalter der mikroelektronischen Revolution als „vierte Gewalt“ auftun, zusammengefaßt im Wort Mediakratie. Sie haben den „Kometen und großen Hoffnungsträger“ nicht aus dem Boden gestampft, aber seinem Aufstieg kräftig den Rücken gestreift. Als „fünfte Kolonne“ gemästet? Vieles wurde darüber gesprochen und geschrieben. Mit diesem Buch sei es aber anders. „Das Buch will zu Streit anregen. Es vertritt keine Wahrheiten, sondern Gedanken, Kritiken und Vorschläge. Streit ist eine Produktivkraft. Sie kann und soll das Denken und Handeln schärfen, aber auch erweitern hin zu neuen Ideen und Experimenten. Kritik darf und soll nicht verurteilen, sondern klären und hintertfragen. Dabei muss sie immer auch selbst wieder kritisch gesehen werden. Streit ist ein endloser Prozess und dieses Buch eine kleine Wegmarke - wichtig vielleicht, weil sie ein Korrektiv ist in einer sehr einseitigen Wahrnehmung von Attac und politischer Bewegung.“ Man muß es lesen, auch wenn darin vieles kontradiktorisch vorkommt. Denn es enthält eine Menge facettenreicher Fakten und Fabeln aus dem linkslastigen Szenentheater, auch wenn sie anarchisch strukturiert erscheinen sowie den Eindruck von Protokollen und Notizen erwecken, die auf öffentlichen Meetings, organisatorischen Gesprächen oder ähnlichen Treffen aufs Papier gebracht wurden. Die Spannweite der Themen erstreckt sich von der Ideenphase der attraktiven (Teilweise)-NGO und dem Attac-Hype ab Sommer 2001 über die Strategien und Säulen des Dominierens, Vereinnahmens, Verbalaktivismus und staatsfetischistischen Angleichens sowie über das Umfeld der Mitläufer, Nachahmer und Filz bis hin zu Anstößen und Chancen. Jörg Bergstedt, Mitarbeiter in der Projektwerkstatt Saasen, und seine Mitautoren wollen „perspektivisch sein und Handlungsoptionen auch für all diejenigen beschreiben, die in oder mit Attac aktiv sind und es bleiben wollen oder die nach Alternativen suchen.“ Wird man dem anfangs erhobenen Anspruch, „das Ringen ... um gesellschaftliche Utopien und Kritik am Bestehenden fortzusetzen,“ gerecht, indem man die Kritik auf Korrektur der Koexistenz reduziert, damit darauf verzichtet, das verschimmelte Bestehende zugunsten des Utopischen zu beseitigen. Daher rückt im „Mythos Attac“ die NGO-Industrie kaum in den abfälligen Blickfang des Autoren-Kollektivs. Ihre Ratschläge bleiben dementsprechend wie Postulate brav und sentimental, auch wenn sie z.B. heißen: „Konkrete Vorschläge und Utopien verbinden“, „Autonomie gegenüber Markt, Staat und Medien“, „Normalität brechen, „offene Plattformen aufbauen“, „kollektive Identitäten vermeiden“ u.a.. Wer lenkt nun den Emanzipationszug, zu welchem Zielbahnhof? Und wie lautet die utopische Alternative zum gegenwärtigen endkapitalistisch superimperialistischen System, dessen Truppen-Trucks im hohen Tempo unterwegs sind, die kosmopolitanen Lebenswelten aalglatt zu walzen sowie den kollektiven Besitzstand allgültig zu enteignen? Nicht etwa das alte Gespenst Kommunismus, der voraussetzt, das Privateigentum als Grundsäule der global auftürmenden Kastenpyramide zu überwinden? Alles in allem läßt sich der vorliegende Band, der über ausgiebiges Gesprächsmaterial verfügt, als einen angemessenen Beitrag zu kommenden Szene-Debatten betrachten. Aber nicht nur. Gut daran ist, daß er mit den Anti-Attac-Attitüden nicht alles attackiert, was einem Neidhammel von üblem Geruch erscheint. NM *** |
| Maximilian Zander Antrobus’ Tagebuch Gedichte. Edition YE, 2004, 7,50 Euro Da leidet einer und liebt und ist ganz und gar am Leben. Da hat einer nicht nur Meinungen, sondern eine Annschauung von der Welt und sich dann doch noch entschlossen sie uns mitzuteilen. Er ist nicht naiv, er ist gezeichnet vom Weltenlauf und von seinem Leben. Aber, er sieht, hört genau hin und müht sich, den Humor nicht zu verlieren. Da weiß einer wohl, wo er steht: „Wie oft habe ich dir gesagt,/daß es für’s Dichten/keine Entschuldigung gibt,/solange man noch arbeits-/und gesellschaftsfähig ist.“ (Braunschweig, 3.2.89) Maximilian Zander ist Jahrgang 1929. Er legt mit diesem Band seinen ersten, für alle Leser erreichbaren Lyrikband vor. (2003 erschien bereit in der Edition Bauwagen der Gedichtband „Ende der Saison“ als Künstlerbuch.) Hermetisches Gebaren und sprachakrobatische Verrenkungen sind Zanders Sache nicht. Der Dichter spricht und spricht sich aus. Und will verstanden werden. Das gilt in weiten Kreisen der hehren Landschaft der deutschen Dichtung noch immer, oder schon wieder (?) als unschicklich. Sei’s drum. Hier spricht ein Dichter, ein genauer Beobachter und einer mit Witz. Knappe, verdichtete Beobachtungen, wie der Text „Hotel“: „Jetzt liegen die Reisenden/ in getrennten Schachteln/mit gewaschenen Händen/mit dem Rücken zur Nacht“, stehen längere, manchmal prosaisch anmutende Texte gegenüber, die aber durch ihren klaren Rhythmus zusammengehalten werden und oft durch Lakonie überzeugen. („Ein paar ältere Herren“; „Liebe Janne“). Zanders poetische Kraft wird bei lyrischen Impressionen besonders deutlich, wo Natur und Mensch mit einer Auffassung von dieser, nicht zum besseren jagenden Welt verbunden werden. Die Texte sind dann zuweilen von Bitterkeit geprägt. Ja, manchmal klingt Verzweiflung durch und echte Betroffenheit („Liebe Janne“, „Pensionist“, „Einer“, „Aus Herrn Antrobus’ Tagebuch“), die aber nie in Larmoyanz umschlägt, gebunden und gebrochen wird durch Ironie. Zanders poetische und sprachliche Mittel sind unspektakulär, aber wirksam. So wie im Herbstgedicht N. 3: „Das war heuer die letzte Herbstlaubkarre/aus unserem Garten. Die laublosen Birken/reden schon vom Schnee.../Vorsorglich erfinde ich den einsamen Gast für Gespräche...“. Manchmal übertreibt es Maximilian Zander etwas mit seiner Zielansprache an den Leser insbesondere, wenn es um Gedichte und das Dichten selbst geht. Daraus resultieren dann einige, wie ich finde, schwächere Texte. ( „Dieses Gedicht“ „Vorübergehend geöffnet“) Diese vermögen allerdings nicht den starken Gesamteindruck zu trüben. Zander vermag es alltägliche Situationen und Beobachtungen poetisch zu „verdichten“, ohne sie quasi künstlich aufzuladen, er bleibt immer in der Situation, und vermittelt aus dieser seine poetische Botschaft. (Ganz stark hier: „Frontendurchzug“, der eine eheliche Spannung und Konfrontation beschreibt). Und manchmal ist Zander dann lakonisch bis an die Grenze, ja, von was eigentlich? („Einer: Nichts unter den Haaren/als diese Mischung/aus Trauer und Traurigkeiten - /Bißchen wenig/für den täglichen Stellungskrieg“). Nicht wenig ist, was Maximilian Zander hier auf nur 63 Seiten an Poesie geschaffen hat. Ein Büchlein, dem man viele, sehr viele Leser wünsche möchte. „Antrobus Tagebuch“ ist im übrigen der 7. Band in der Edition YE des Verlegers Theo Breuer. In immer gleicher Ausstattung erscheinen hier seit 2002 Lyrikbände zu erschwinglichem Preis von Autoren und Autorinnen, die vielleicht nur eines eint: sie haben jeweils eine eigene, unverwechselbare Stimme. Das ist in diesen Zeiten sehr viel. So scheint mir ein Rückgriff auf Brechts Legende von der Entstehung des Buches Taoteking angebracht. „Aber rühmen wir nicht nur den Weisen/Dessen Namen auf dem Buche prangt!/Denn man muß dem Weisen seine Weisheit/erst entreißen./ Darum sei der Zöllner auch bedankt:/ Er hat sie ihm abverlangt.“ Michael Mäde |
|
|
|
|