FESTE EURO-VISIONEN

Verlorene Liebe im Jahr 2004
Ein ehemaliger Zwangsarbeiter auf der Suche nach der eigenen Vergangenheit

Von Artur Nickel

 

Ich möchte Anna Lisa finden, die früher meine gute Freundin war und wir später den Kontakt verloren haben. Das ist der Satz, der uns elektrisierte und uns noch immer nicht los lässt. Wir, das sind einige Lehrerinnen und Lehrer der Erich Kästner - Gesamtschule in Essen, die gemeinsam mit ihrem Schulleiter Leo van Treeck beschlossen hatten, wieder einmal ehemalige Zwangsarbeiter aus der Ukraine nach Essen einzuladen, um Jugendlichen eine Möglichkeit zu geben, in direktem Kontakt mit Zeitzeugen mehr über das Dritte Reich zu erfahren. Gemeinsam wollten wir mit unseren Besuchern darüber sprechen, was sie damals erlebt hatten, und ihnen nach dieser schrecklichen Vergangenheit ein paar schöne Tage in Deutschland schenken.

Erinnern für eine gemeinsame Zukunft war das Motto, das uns trug und das uns die Zusammenarbeit mit dem Internationalen Bildungs- und Begegnungszentrum in Dortmund suchen ließ. Und nun das! Wie sollen wir reagieren drei Tage vor Beginn des Besuchs? Was können wir in dieser so kurzen Zeit überhaupt tun? Die Absprachen sind schnell getroffen. Gleich am nächsten Morgen, am Freitag, den 23. April, ruft Karl-Heinz Mauermann, zuständig für die Öffentlichkeitsarbeit der Schule, die lokalen Zeitungs-, Rundfunk- und Fernsehredaktionen an, um sie auf „unseren Fall“ aufmerksam zu machen, und bittet sie um Hilfe. Die Reaktion kommt prompt. Gleich am Samstag erscheint in der Neuen Ruhr - Zeitung eine erste Meldung:

Die Liebe kennt oft weder Grenzen noch Regeln. So ging ´s auch Mykhajlo Antonowych Dzik, als er während des zweiten Weltkriegs auf der Zeche Amalie Zwangsarbeit leisten musste. In dieser Zeit lernte Dzik, Jahrgang 1923, eine Frau mit Vornamen Anna Lisa kennen und lieben - an den Nachnamen der Frau kann er sich nicht mehr erinnern. ... Ab Sonntagabend ist er als Gast der Erich Kästner-Gesamtschule wieder in Essen und würde seine große Liebe von damals gerne wiedersehen. Wer dabei helfen kann, möge sich schnell...

Wir schalten noch Ernst Schmidt ein, der sich in Essen seit Jahrzehnten um die kritische Aufarbeitung der „jüngeren“ deutschen Geschichte bemüht, und Klaus Wisotzky vom Essener Stadtarchiv. Beide versprechen uns, uns nach Kräften zu unterstützen. Es fängt gut an, und so warten wir gespannt auf unsere Gäste.

Ein erster kurzer Kontakt nach der Ankunft am Sonntagabend bringt die Bestätigung. Mykhajlo Dzik ist tatsächlich nach Deutschland gekommen, um seine Jugendliebe wieder zu finden. Begleitet wird er von Ksenija Hrabarowska aus Tscherwonograd, die in Duisburg bei der Eisenbahn Zwangsarbeit geleistet hat.

Der Montag, an dem zunächst ein Schulbesuch auf dem Programm steht, bringt eine faustdicke Überraschung. Langsam nähern sich Ksenija Hrabarowska und Mikhajlo Dzik dem Klassenzimmer. Zwei hochbetagte und etwas aufgeregte Menschen, die sehr genau ihre Umgebung beobachten und auf sich wirken lassen, er mit Stock, von beiden Seiten gestützt. Ich heiße Mikhajlo Dzik und komme aus Katerynyzi aus dem Lviver Gebiet. Ich bin 81 Jahre alt und suche Anna Lisa, meine deutsche Freundin. Sie erwartete damals von mir ein Kind.

Und dann beginnt er zu erzählen: Ich bin mit 18 Jahren freiwillig nach Deutschland gekommen, um hier zu arbeiten. Ich stamme aus einem kleinen Dorf und wollte die Welt kennen lernen. Es war die einzige Chance. Erst später wurde ich zwangsverpflichtet. Einmal sollte ich für einen Gestapo-Mann Honig nach Hause bringen. Seine Frau öffnete mir die Tür. Ich hörte russische Musik und fragte erstaunt, woher sie denn komme. Und so lernte ich Anna Lisa kennen. Sie stammte aus Polen und war damals etwa 18 Jahre alt, sie besuchte noch die Schule. So gebrechlich Mikhajlo Dzik auch körperlich wirkt, so sehr blitzen seine Augen auf, als er von seiner großen Liebe berichtet. Er muss damals ein abenteuerlustiger, risikofreudiger und selbstbewusster junger Mann gewesen sein. Wir haben uns regelmäßig in einem Essener Kino getroffen. Sie ging links auf der Straßenseite, ich rechts. Dort hatten wir feste Plätze, wo uns niemand störte. Bis uns ihr Vater erwischte. Er schleppte uns auf die Polizeiwache, wo wir mehrere Tage lang verhört wurden. Im Vorbeigehen auf dem Korridor flüsterte mir Anna Lisa zu, dass sie schwanger sei und ein Kind von mir erwarte. Ihr drohten 8 Jahre Haft. Ich selbst wurde für 6 Wochen ins KZ gesteckt. Gesehen habe ich Anna Lisa seitdem nie wieder. Ich weiß nicht, was aus ihr geworden ist, aber ich möchte sie gerne wiedersehen. Und deshalb bin ich hier.

Große Betroffenheit. Aufgeregt fragen die Jugendlichen nach. Das ist kein trockener Geschichtsunterricht. Hier wird „der Stoff“ lebendig. Geschichte als Teil des eigenen Lebens, als Teil unseres Lebens. Viel zu schnell ist die Stunde vorbei. Wieder die Frage: Was können wir tun? Was ist überhaupt möglich? Einige Presseleute von der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung sind da gewesen und haben Fotos geschossen für die Ausgabe am nächsten Tag. Auf die Titelseite wollen sie den Beitrag setzen - eine weitere Hoffnung, Anna Lisa zu finden.

Am Nachmittag ist es endlich so weit. Ursula Hendriock und ich setzen uns mit unserem Gast und der ihn begleitenden Dolmetscherin Sofia Frys ins Auto, um zur Unterdorfstraße 30 zu fahren. Diese Adresse hatte er sich gemerkt. Sie soll der Ausgangspunkt unserer Suche sein. Catherine Jaspard, eine Reporterin von Radio Essen, begleitet uns. Sie zieht alle Register, um weitere Informationen zu sammeln. Anna Lisa ist blond und eher klein gewesen, sie hatte blaue Augen. Nach der Verurteilung habe ihn der Meister wieder aus dem KZ herausgeholt. Er brauchte ihn bei der Arbeit auf der Zeche. Kurze Zeit später sei dieser jedoch bei einem Unglück in der Grube ums Leben gekommen. An den Namen erinnert er sich nicht. Er selbst ist bei Kriegsende wieder in seine Heimat zurückgekehrt. Danach sind Kontakte nach Deutschland nicht möglich gewesen. Der Höhepunkt, als Catherine Jaspard Mikhajlo Dzik bittet, ihr das Lied vorzusingen, durch das er Anna Lisa kennen gelernt hat. Es ist die „Katjuscha“. Im Stundentakt ist dieses Lied kurze Zeit später im Radio zu hören. Und immer wieder die Frage: Wer weiß etwas über den Verbleib von Anna Lisa?

Dann die herbe Enttäuschung. Mikhajlo Dzik erkennt das Haus in der Unterdorfstraße nicht. Alles hat sich verändert. Ist ja auch schon mehr als sechzig Jahre her! Wir fahren die Straßen in der Umgebung ab, suchen nach Anhaltspunkten, die seine Erinnerung stützen. Schließlich die Schachtanlage von Amalie. Sie ist so ähnlich wie die, die er kennt. Das ist erklärlich, denn die beiden anderen Fördertürme sind schon vor Jahren abgerissen worden. Es hat keinen Zweck. Plötzlich ein Erinnerungsfetzen. Mikhajlo Dzik zeichnet mit seinem Stock spontan eine Straßenkarte auf den Boden. Oben die Haltestelle mit den Eisenbahnschienen von Essen - West, unten parallel dazu die Straßenbahn, dazwischen die Unterdorfstraße und drei Straßen weiter die Baracke in der Cronenbergstrraße, in der er wohnte. Ein späterer Vergleich mit einem Essener Stadtplan von 1940 zeigt, wir sind tatsächlich in der richtigen Gegend. Aber wo ist Anna Lisa? Wir brechen die Suche ab. Mikhajlo Dzik weint, er ist völlig erschöpft.

Ein weiteres Treffen am Abend bringt keine neuen Erkenntnisse. Wir tauschen nur noch die Adressen aus. Desillusionierend dann auch, was Ernst Schmidt und Klaus Wisotzki uns am nächsten Tag mitteilen. Sie haben unsere Informationen ausgewertet. In der Unterdorfstraße wohnte in den vierziger Jahren zwar eine Anna Lisa, doch war sie damals bereits Mitte zwanzig und verheiratet. Ihr Mann war Soldat und ist kurz nach ihrer Heirat gefallen. Es gibt auch keinen schriftlichen Hinweis auf einen Prozess oder eine Verurteilung. Selbst die Gestapo-Akten im NRW-Hauptstaatsarchiv in Düsseldorf führen nicht weiter. Immerhin: der Hinweis auf das KZ scheint zu stimmen. Junge Leute wurden damals in Essen zur Abschreckung oftmals mit sechs Wochen Erziehungslager bestraft, das hieß im Volksmund KZ. Wir konfrontieren Mikhajlo Dzik mit den neuen Erkenntnissen. Es ergibt sich nichts Neues, Anna Lisa bleibt verschollen.

Der Abschied am Mittwochmorgen ist bitter. Mikhajlo Dzik hat Schuldgefühle. Er macht sich Vorwürfe. Was habe ich nur angestellt? Ich bin Schuld, dass Anna Lisa nicht mehr da ist! Er lässt sich kaum beruhigen. Klar ist, dass wir weiter suchen. Das Stadtarchiv lädt uns dazu ein. Vor allem Ursula Hendriock ist es, die nach der Abreise in ihrer Freizeit nach Anna Lisa forscht, die die spärlichen Hinweise dreht und wendet. Systematisch blättert sie Karteikarten durch, überprüft sie die Eintragungen auf der Suche nach weiteren Anhaltspunkten, freundlich unterstützt von den Archiv-Mitarbeitern. Es ist vergeblich. Wir würden gerne weiterhelfen, doch brauchen wir weitere Informationen. Das schreiben wir ihm auch.

Wer ist Anna Lisa gewesen? War sie eine junge Frau, die Heimweh nach Polen hatte, nach dem Zuhause ihrer Großeltern und die insofern den Kontakt zu jemandem suchte, von dem sie sich verstanden fühlte? War er ihre erste große Liebe? War sie eine Frau, die verheiratet war und die sich aus Sicherheitsgründen verstellte? Die Trost suchte, weil ihr Mann nicht mehr da war und die sich nicht vorschnell mit ihrem Witwendasein zufrieden geben wollte? Vielleicht war sie aber auch eine Frau, die sich von Mikhajlo Dzik im Stich gelassen fühlte und deswegen auch heute keinen Kontakt mehr zu ihm möchte? Wenn sie überhaupt noch lebt! Sie kann ja auch aus Essen weggezogen sein. Was ist damals tatsächlich passiert? Die Fragen bleiben offen und begleiten uns weiter.

Kontakt: Dr. Artur Nickel, Erich Kästner-Gesamtschule, Pinxtenweg 6 - 8, 45276 Essen, Tel. 0201/86 06 96 30.

***

In der Spirale der Abhängigkeit

Der EU-Beitritt der Türkei im Kreuzfeuer der Fronten: Unbedingt notwendig für Demokratie und Stabilität, meinen die einen. Eine Bedrohung westlicher Kultur und des Projekts einer sozialen und politischen Union, sehen die anderen. Doch keiner erhebt für ein Land die Stimme, das seit Jahrhunderten unter dem westlichen Kuratel leidet. Ein Streifzug durch eine Geschichte der Abhängigkeit(en).

Von Klemens Kaps


Er ließ alle aufhorchen, bisweilen sogar aufschrecken - wenn es keine spezielle Strategie war, so offenbarte sie eine Fratze von Xenophobie sowie kultureller Arroganz hinter der Maske diplomatischer Floskeln: Die Aussage von Frits Bolkestein, EU-Kommissar der im November abgelösten Exekutive unter Romano Prodi, wonach „der Sieg gegen die Türken bei Wien im Jahr 1683 umsonst war, wenn die Türkei der EU beitritt“, markierte den (vorläufigen?) Endpunkt in einer politischen Debatte, die zwischen schwer verborgener Ablehnung und offenem Ressentiment laviert. Zielscheibe ist jenes Land, das - obwohl islamisch geprägt - ein säkulares politisches System aufweist, einen moderaten Islamismus verkörpert und sich bereits seit den Sechzigerjahren um eine Aufnahme in den elitären Klub der reichsten und schönsten Staaten Europas bemüht.

Diese Avancen werden jedoch mit äußerstem Unbehagen erwidert - das ist zumindest das von einer breiten Front von Politikern vermittelte Bild. Und auch wenn es keiner so offen kommunizieren will, geht es um „den Islam“, der mit der „europäischen Kultur“ (was auch immer das sein mag) per se als nicht kompatibel gilt.

Nicht nur von der extremen Rechten wird der kemalistische Staat als ungeliebter Invasor einer im Kern christlich geprägten Wettbewerbszone verleumdet, die Sogwirkung dieses Feindbilds reicht bis zu den österreichischen Sozialdemokraten. Da Österreich generell zu den absoluten Skeptikern einer Vollmitgliedschaft der Türkei gehört, ließe sich mit Recht auf die von Bolkestein ins Spiel gebrachte historische Kontinuität von 1683 verweisen. Allein scheint eine derartige Pauschalierung unseriös, weil undifferenziert und historisch falsch: Feindbilder sind genauso wie Weltanschauungen und ökonomische Konjunkturen einem stetigen Wandel unterworfen.

Vielmehr wird heute, da der Beitritt der Türkei - wenn auch zeitlich stark in die Zukunft verschoben - stattfinden wird, an einer Delegitimierung zwecks strategischer Schwächung der türkischen Position im Verhandlungspoker gearbeitet.

Der Grund für die Entscheidung für eine Aufnahme von Beitrittsverhandlungen liegt in dem strategischen Interesse potenter europäischer Staaten - Frankreich, Deutschland, Großbritannien - an der Türkei als missing link zu Zentralasien und dem Nahen Osten. Doch sind es nicht nur geopolitische Motive, die hier im Hintergrund wirken, sondern auch ökonomische Verflechtungen.

Nirgendwo im aktuellen politischen oder gesellschaftlichen Diskurs wird auf den Aspekt der europäischen Interessen an der Türkei und die Frage von Beherrschung und Beherrschten verwiesen. Dabei haben diese eine lange Geschichte, die bis ins 16. Jahrhundert zurückreicht, als das Osmanische Reich sukzessive gegenüber den europäischen Staaten ins Hintertreffen geriet. Das europäische, besonders das zentraleuropäische Bild ist von der Vorstellung des gewonnen Abwehrkampfs gegen das Osmanische Reich geprägt, wovon sich ein kulturelles Dominanzgefühl ableitet, das heute durch den militanten Islamismus massiv in Frage gestellt - und gerade dadurch zumindest vordergründig ostentativ beschworen wird.

Dieser Überlegenheitsmythos hat seine Wurzeln bereits vor der Durchsetzung der militärischen und ökonomischen Dominanz Europas: In einem Brief Papsts Pius II. an Sultan Mehmed aus dem Jahr 1461 klassifiziert das Oberhaupt der katholischen Kirche den Islam als eine der christlichen Zivilisation unterlegene Kultur, und zwar weil diesem die im Christentum verankerte Rationalität und verstandesmäßige Reflexion fehlen würden - ein unbelegtes Vorteil, das trotzdem oder vielleicht gerade deswegen seine Wirkungskraft entfalten konnte.

Denn der Machtverlust der Osmanen begann erst rund einhundert Jahre später - und dauerte bis zu seiner Vervollkommnung weitere zweihundert. In dieser Phase wurde das mächtige Osmanische Reich des 15. und 16. Jahrhunderts in die kapitalistische Weltökonomie integriert, was eine Änderung der Arbeitsverhältnisse sowie die Integration des Osmanischen Reichs in das diplomatische System der Weltmächte bewirkte. Externe europäische Interessen verschränkten sich mit jenen von lokalen und regionalen Eliten im Osmanischen Reich selbst.

Als entscheidende Phase erwies sich dabei das 18. Jahrhundert, in dem Westeuropa zu einer Expansion in der Weltwirtschaft ansetzte: Frankreich und Großbritannien teilten sich den Großteil Asiens auf, die Macht Chinas wurde extrem beschnitten, um dann im 19. Jahrhundert einer quasi-kolonialen Dominanz Europas Platz zu machen. Das Osmanische Reich geriet dabei sowohl von Seiten Englands und Frankreichs als auch der Habsburgermonarchie unter Beschuss: Letztere hatte dem Osmanischen Reich seit 1683 in einer Welle außergewöhnlicher militärischer Erfolge eine Reihe bedeutender Territorien abgeluchst. In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts sprang die Monarchie dann auf den fahrenden Zug der Proto-Industrialisierung auf - allerdings in geringerem Maße als England und Frankreich. Das Ergebnis war, dass das Osmanische Reich zum Rohstofflieferanten der entstehenden Industrien in den west- und mitteleuropäischen Staaten wurde. Ein massives Abhängigkeitsverhältnis war geschaffen, aus dem sich das Osmanische Reich bis zu seiner Auflösung nicht mehr befreien konnte.

Zwar wurden gegen Ende des 18. Jahrhunderts erste Reformprojekte initiiert, die auch nach der Jahrhundertwende ihre Fortsetzung erfuhren, doch bewirkte die Realität der Befreiung Bulgariens, Rumäniens und Griechenlands weitere Territorial- und damit Machtverluste.

Erste Industrialisierungserfolge konnten im autonomen Ägypten erzielt werden, doch nahm dies 1838 ein jähes Ende - wieder auf Initiative der Westmächte, die mit einem Handelsvertrag das Staatensystem des Osmanischen Reichs massiv schwächten und seine periphere wirtschaftliche Position einzementierten. Versuche aus dem ökonomischen Dependenzgefängnis zu entfliehen scheiterten mit Nachdruck in den Siebzigerjahren des 19. Jahrhunderts, als die Verschuldung des Staats zur Aufnahme westlicher Kredite führte. Die Abhängigkeit schien nun - aus der Sicht Westeuropas - perfekt zu sein.

Die inneren Streitigkeiten Europas, die direkt in den Ersten Weltkrieg mündeten, gaben dem „kranken Mann am Bosporus“, wie das Osmanische Reich zynisch in europäischen Staatskanzleien genannt wurde, jedoch eine Chance, die ungeliebte Rolle des Peripheren abzulegen. Doch waren die Partner leider die falschen: Das Deutsche Reich und Österreich-Ungarn verloren den militärischen Superkonflikt, und dem Osmanischen Reich schien das gleiche Schicksal wie der habsburgischen Doppelmonarchie zu drohen: Desintegration bis auf einen Rumpfstaat in Anatolien.

Das Interesse der Westmächte an der Region des Nahen Osten war ungemein groß, doch stießen sie bei der Umsetzung ihrer Wunschvorstellungen auf den Widerstand Mustafa Kemals, der heute als Kemal Atatürk der faktische und geistige „Vater der türkischen Nation“ ist. Die ihm zukommende Verehrung ist verständlich, verhinderte seine Strategie ein noch größeres Trauma vor allem der türkischen Oberschichten. Der Vertrag von Lausanne sicherte 1923 der Türkei ihre auch heute noch bestehenden Grenzen - und dem Westen nach einem kurzen Zwischenflirt Atatürks mit der Sowjetunion weiterhin Macht und Einfluss.

Damit nahm allerdings auch jene Entwicklung seinen Anfang, welche der Türkei bis in die Siebzigerjahre eine stabile Zunahme ihres Wohlstands erlaubte: Industrialisierung und Stärkung des Binnenmarkts schienen die Demütigungen des 18. und 19. Jahrhunderts vergessen zu machen, allerdings zum Preis einer verstärkten Abhängigkeit gegenüber den westlichen Mächten. Ein plakativer Beleg dafür sind die Migrantenströme tausender Türken, die ab den Sechzigerjahren als bevorzugtes Ziel Österreich und Deutschland ansteuerten. Die aktuelle Ausgrenzung der türkischen Minderheiten ist deswegen einer der besten Treppenwitze der Geschichte und zugleich Beleg für die rassistische Logik des Systems: Menschen sind im Kapitalismus in erster Linie Waren, doch gibt es dabei verschiedene Rangordnungen. Die menschlichen Waren der Peripherie kann man stärker ausbeuten, da ihre Position und Freiheiten entschieden schwächer sind als jene ihrer KollegInnen im kapitalistischen Zentrum. Dies äußert sich beispielsweise in der Geschichte jener türkischen ArbeitsmigrantInnen, die in den Sechzigerjahren dem Ruf Deutschlands und Österreichs nach mehr Arbeitskräften gefolgt sind, um heute als Außenseiter der Gesellschaft den Blitzableiter für die psychosozialen Folgen diverser Wirtschaftskrisen zu stellen.

Die in der aktuellen Debatte prominent vorgeschobene Frage, inwieweit die Türkei denn zu Europa gehört, mutet aus dieser Perspektive reichlich skurril an. Schließlich war es die durch Westeuropa wesentlich mitformulierte Nachkriegsordnung, welche die Türkei in Europarat und UEFA-Cup hievte. Gespräche über eine Mitgliedschaft in der noch jungen EG folgten dem - bereits in den Sechzigerjahren.

Heute, fast ein halbes Jahrhundert später, geht es zwar um nichts anderes als damals, nämlich um die Stabilisierung und verschärfte Kontrolle einer für Westeuropa peripheren Zone. Nichtsdestotrotz haben sich sowohl sozioökonomische Situation wie strategische Bedeutung des Ganzen massiv geändert: Durch die Strukturkrisen der Siebzigerjahre ist der vordergründige Wohlstand der Türkei aufgebrochen, schmerzhafte „Transformationsprozesse“ fanden statt; sie mussten stattfinden, auf Geheiß internationaler Institutionen und veränderter wirtschaftlicher Interessen. Das hat die Türkei - wie auch Europa insgesamt - regional brüchiger gemacht. Das Pro-Kopf-Einkommen zwischen reichster und ärmster Provinz klafft um das 6-fache auseinander, und die sozialen Ungleichheiten sind enorm. Bei einer verstärkten Modernisierung von Landwirtschaft und sozialen Strukturen wird sich dieses Maß an Ungleichheit wohl noch verstärken, und die Bereitschaft der EU, über die Strukturfonds gegenzusteuern, ist begrenzt. Nicht umsonst soll der Beitritt der Türkei gerade dann stattfinden, wenn viele der sozialen Kosten bereits getilgt sind. Und zugleich soll die EU gerade diese regionale und soziale Brüchigkeit beheben helfen, und die Türkei als strategisch wichtigen Staat in der Region stabilisieren.

Fragen der Menschenrechte und der demokratischen Standards sind jene Bedenken, die von progressiven Politikern und Parteien am meisten geäußert werden, wenn die Türkei zur Sprache kommt. Doch nur wenn auch die sozioökonomische Integration und Stabilisierung der türkischen Gesellschaft gelingt, werden diese Fragen im Sinn einer progressiven Politik lösbar sein. Als Grundvoraussetzung dafür bedarf es einer umfassenden Diskussion des Themas - nicht nur bei hermetisch abgeriegelten Verhandlungsrunden in Brüssel, sondern gerade auch in den europäischen Gesellschaften, um ein Klima von gegenseitiger Toleranz und Solidarität zu stimulieren. Nur dann besteht für die Türkei eine reale Chance, sich aus ihrer peripheren und abhängigen Rolle zumindest teilweise zu befreien.