| KULTUR-ATELIER |
| Polizeiaktion Von Michael Kiesen
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| Es war ein milder Sommermorgen. Ein dunstverwaschener Sonnenball schwebte über dem bewaldeten Höhenrücken, der den Teilort B. vom weiten Tal von Stuttgart trennt. Enver fuhr in seinem gebraucht gekauften Mercedes an der schlichten, weiß getünchten Kirche von B. vorbei. Neben ihm saß seine Frau Eldina. Sie hatten ihre kleine Tochter einer Bekannten übergeben, um mal ungestört einkaufen zu können. Sie sahen nun schon das alte, hübsch renovierte Haus, in dem sie wohnten. Davor standen einige dunkel gekleidete Gestalten. Auch auf der Steintreppe, die am Haus entlang nach oben führt, liefen Männer herum. Enver ahnte, dass es ihm galt. Trotzdem hielt er an und stieg mit seiner Frau aus. Die Vermieterin tauchte vor ihm auf. Sie sagte, beinahe hätten die seine Wohnungstür aufgebrochen; die hätten nämlich geglaubt, er sei da und mache nicht auf. Einige Männer umringten Enver; einer fragte, ob er Enver D. sei. Enver bejahte. Nun packte ein anderer seine Arme und bog sie nach hinten. Man legte ihm Handschellen an. Der Typ, der ihn angesprochen hatte, hielt ihm einen Durchsuchungsbefehl vors Gesicht, ein weiterer tastete ihn von oben bis unten ab. Eldina schloss mit erstarrter Miene die Wohnungstür auf. Zwölf Polizisten verteilten sich in den Räumen, öffneten Schränke, Kommoden... Der „Anführer“ sprach in ein Handy: „Wir haben ihn. Ihr könnt ihn holen.“ Er fragte Enver, wo sein Verwandter sei. Enver zuckte mit den Schultern. Polizisten rannten nun zum nächsten Stockwerk hinauf und polterten an eine Tür. Ein junger Türke öffnete in Boxershorts, starrte die Gestalten an, gähnte. Zwei Uniformierte betraten nun Envers Wohnung. Sie führten ihn aus dem Haus, setzten ihn in ein Polizeiauto und brachten ihn zur Wache in B.. Dann fuhr man ihn zu einer Dienststelle nach L.. Dort führte ihn ein Polizist ins Gebäude, zerrte dabei die Handschellen nach oben. Enver wies darauf hin, dass das weh tue. Der Polizist veränderte seinen Griff nicht. Enver sagte zu ihm, er komme sich wohl sehr stark vor, er sei aber ein Nichts. Den Polizisten schien das nicht zu rühren. Er brachte ihn in eine Zelle und nahm ihm die Handschellen ab. Er forderte Enver auf, die Schuhe auszuziehen und ihm den Gürtel zu geben. Enver wollte wissen, wozu das gut sei. „Damit Sie sich nicht erhängen“, belehrte ihn der Polizist. „Den Gefallen tue ich Ihnen nicht“, gab Enver zurück. Nach ungefähr zwei Stunden führte man Enver in ein Dienstzimmer. Ein Beamter und eine Beamtin saßen da. Der Beamte sagte, eine albanische Familie sei zur Polizei gekommen. Sie hätten Angst vor Enver, sie trauten sich kaum mehr auf die Straße; er habe Verwandte ins Land geholt, um sich mit ihrer Hilfe an ihnen zu rächen; er habe auch eine Pistole. Der Beamte fragte, ob Enver eine Waffe besitze, man habe in der Wohnung nichts gefunden. Enver erwiderte spöttisch: „Was für eine Waffe?“ Der Beamte sagte nun freundlich, Enver solle ihm doch mal ganz im Vertrauen erzählen, was bei dieser Schlägerei, aus der sich die ganze Sache ergeben habe, genau geschehen sei. Enver erwiderte, das Strafverfahren gegen ihn sei eingestellt, er sage dazu nichts. Der Beamte stellte nun in kühlem Ton fest, man sehe Enver sehr oft in L., wo er doch nun in Stuttgart wohne; in Cafés sei er immer umringt von jungen Leuten; was er mit denen zu besprechen habe. Enver grinsend: „Wir reden über Frauen.“ Der Beamte sah Enver unwirsch an. Enver sei ein Drahtzieher, bemerkte er, er mache zwar wohl selbst nichts, aber er lasse machen. Am Nachmittag war Enver wieder zu Hause. Tags darauf besuchte mich Enver. Mit unsicherem Lächeln begann er seinen Bericht. „Polizei war bei mir.“ „Was?!“, schrie ich auf. „Sie haben Ahmet gesucht“, ergänzte er. Na den fanden sie in Stuttgart bestimmt nicht. Im Spätherbst des vergangenen Jahres war Enver mit zwei Freunden vor einem Einkaufszentrum in L. von einer Gruppe Albaner angegriffen worden. Einer hatte eine Flasche geworfen und Envers Gesicht getroffen. Das Auge war verletzt. Enver wurde im Katharinenhospital in Stuttgart operiert. Der einundvierzigjährige Anführer der Gruppe erlitt einen Schädelbruch. Enver wollte sich an ihm rächen. Ich versuchte immer wieder, es ihm auszureden. Der Typ sei mit seinem Schädelbruch gestraft genug, außerdem habe er die Flasche gar nicht geworfen. Und Selbstjustiz sei in Deutschland nicht zulässig, und er solle sich von seiner vorgestrigen albanischen Dorfmoral lösen und er werde im Gefängnis landen, das könne er seiner Frau und Tochter nicht antun, und Jesus von Nazareth, von dem er neuerdings so viel halte, sage ... und im Gefängnis würden ihn gleich ein paar ekelhafte Männer vergewaltigen, weil er jung und hübsch sei ... Aber alle Argumente prallten an Enver ab, er war wie besessen von einem wuchernden Wahn. Er bat seinen Cousin Ahmet, der in Skopje lebte, nach Stuttgart zu kommen, um ihm bei der Bestrafung seines Feindes zu helfen. Ahmet gelangte auf irgendeine Weise ohne Visum nach Deutschland. Enver musste seinem Cousin etwas bieten, um ihn bei Laune zu halten. Sie gingen oft miteinander aus. In L. stießen sie eines Abends in einer Disco auf zwei der Angreifer. Enver und sein Cousin schlugen die beiden mitten im Lokal zusammen. Und nur weil der Türsteher mit Enver befreundet war, unterließ es der Discobesitzer, die Polizei zu rufen. Aber diese Revanche genügte Enver nicht. Sein Hass bezog sich auf den Einundvierzigjährigen und dessen achtzehnjährigen Sohn. Enver lauerte mit seinem Cousin mehrfach nachts vor deren Wohnung in L.. Aber Vater und Sohn erschienen nicht. Als Envers Auge verheilt war, fuhr er mit Frau und Tochter nach Skopje und besuchte seine Eltern. Enver rief mich aus Skopje an und berichtete mir über ein Grundstück, das sein Vater und er kaufen wollten. Er fragte mich, was ich davon hielte. Ich erwiderte, jetzt gehe er mal was Sinnvolles an und er solle endlich aufhören, seine Rachsucht auszuleben. Enver antwortete, er mache in Deutschland nichts mehr gegen diesen Albaner, er habe das mit seinem Vater besprochen. Und Ahmet lernte in der Disco ein Mädchen kennen, das aus Algerien stammte. Ausgehungert machte er es in der folgenden Nacht sieben Mal mit ihr. Das beeindruckte sie. Ahmet zog zu ihr in ein Dorf bei Tübingen. Enver war das recht. Denn er brauchte seinen Cousin nicht mehr. Zwei Wochen später erschien die Polizei bei Enver. Und ich staunte, wie sorgsam die Polizei mit ihren äußerst knappen Ressourcen umging, indem über 20 Mann anrückten, um einen illegal Eingereisten aufzugreifen und eine Waffe sicherzustellen, über die in Albanerkreisen des Städtchens L. nebulöse Gerüchte umliefen, und ich war verblüfft, wie genau die Polizisten im rechtsstaatlichen Sinne den Grundsatz der Verhältnismäßigkeit beachteten, als sie Enver in Handschellen abführten, nachdem Leute, die mit ihm verfeindet waren, etwas behauptet hatten, was nicht bewiesen werden konnte, wie während der Durchsuchung ohne Weiteres zu erkennen war. *****
Von Ulrich Bergmann Ptok ruft an. Er ist zurück aus Frankreich. Zur Zeit stagniert sein Pendeln zwischen Sucht und Selbstdisziplin. Manchmal redet er von neuem Sinn, von Wende. Doch bald ist er wieder niedergeschmettert. Die Mutter liegt im Sterben. „Eh die Mutter nicht gestorben ist, mach ich nichts!“, sagt er. Als sie stirbt, ist er freier. Er kümmert sich auf einmal mehr um seine Kinder, besucht den Sohn in Weimar, der dort das Abitur nachholt, und trifft sich wieder mit mir, wirkt besser. Bis zum nächsten Absturz, denke ich, Alkohol, Tabletten, oder beides. Er hat Glück, sein Körper ist zäh, der Kopf funktioniert. Ptok sieht alles ganz klar. Aber er hat keine Kraft. Immer wieder bedrängen ihn Schuldgefühle, er zieht sich von allen Menschen zurück. Ich schau da nicht durch. Geniepläne in der Jugend, von der Mutter gepflanzt. Der Vater, Arzt, erwartet beruflichen Erfolg. Aber der Antrieb ist einfach zu schwach. Die Mutter verschafft ihm Aufputschmittel. Dann Medizinstudium, Heirat, Geburt der Tochter, Famulatur. Alles läuft wie am Schnürchen. Da kommt der erste körperliche Zusammenbruch, totale Lähmung durch einen Medikamentenversuch, an dem Ptok teilnimmt, um Geld zu verdienen. Dann folgt das Ende der von Anfang an zum Scheitern verurteilten Ehe. Ptok liebte nicht die Frau, die er heiratete, er heiratete aus Langeweile. Er liebte schon in der Schulzeit die Freundin seines Lebens, mit der er Theater spielte, sie Antigone, er Kreon, die große Liebe, die sich nach dem Abitur irgendwie verlor. Sie heiratete, als er heiratete. Ihre Ehe ging noch vor seiner zu Bruch. Ein Jüngling liebt ein Mädchen, Die hat einen andern erwählt; Der andre liebt eine andre, Und hat sich mit dieser vermählt. Das Mädchen heiratet aus Ärger Den ersten besten Mann, Der ihr in den Weg gelaufen; Der Jüngling ist übel dran. Es ist eine alte Geschichte, Doch bleibt sie immer neu; Und wem sie just passieret, Dem bricht das Herz entwei. Ptok läuft durch ein Labyrinth der Sinnlosigkeit, immer untauglicher als Vater und Arzt. Der Körper ist vollgepumpt mit Antidepressiva. Alkohol kommt noch dazu. Antigone ist plötzlich wieder da. Sie wird zur neuen Droge. Sie kriecht in seinen Kopf, in seinen Körper. Er verkommt innerlich und äußerlich, flieht immer öfter in den Alkoholrausch, verliert seine Stelle am Krankenhaus, trennt sich von Frau und Kindern, zieht aus. Er erhält eine gute Berufsunfähigkeitsrente, das Haus wird abbezahlt, er kauft ein Appartement, materielle Not droht nicht. Die Söhne haben unter den ganzen Umständen gelitten. Die Tochter wird Ärztin, heiratet, zwei Kinder. Die Söhne bleiben lange schwierig, gewinnen nur langsam berufliche Stellungen. Zwei Mal fährt Ptok sein Auto zu Schrott und sich selbst fast zu Tode. Jetzt ist er zum Selbstmord zu schwach. Er will Sinn, aber er kann ihn nicht mehr erschaffen, er sucht bald gar nicht mehr danach. So lebt er dahin ohne Ziel, ohne Richtung, wird älter, immer sonderbarer, ein Gefangener seines furchtbaren Relativismus. Ptok glaubt an nichts, nur an seine Freundin. Sie ist sein ganzer Halt. Auch der wird schwächer. Absurd das alles. Nur mühsam richtet er sich her für den kurzen Tag nach langer Nacht, in deren Stumpfsinn er fast umkommt. Er ist immer noch neugierig auf alles und zugleich gelangweilt, lebt das Leben im Kopf. Er begreift nur noch den Tod. Die Gelenke knirschen. Alles schmerzt. Der ganze Körper ist ausgemergelt. Das kriecht in die Seele. Selbstzerstörung. Ptok kann nicht lieben. Weder seine Kinder noch seine Geschwister und die wenigen Freunde. Er vernachlässigt sich, verletzt und verrät sich. Er dämmert durch die Tage, fällt bald in die schwarze Nacht. Er verzettelt sich im Licht des Tages und löst sein Ich auf, bis er den Überblick verliert und nur noch leere Interessen in einem Ozean manischer Hinwendung an die Welt versenkt. Die kurzen Einbildungen immer formaler werdender Zusammenhänge erschaffen keinen Standpunkt, keine Orientierung, keinen Horizont. Ptoks Endzeit rückt näher. Alles ist nur Spiel. Kein Ernst, kein Glaube. Was für ein Seelentumor! Die Metastasen breiten sich in seinem ganzen Leben aus. Da geht er. Die schwachen Füße halten ihn nicht. Er schwankt, wenn er steht. Er stolpert und fällt. Er schlägt die Zeit tot, unbewusst oder ungewollt, wer weiß das schon. Sein Leben ist kalt. Ptok weiß, der Tod ist unberechenbar, das Leben auch, absurd das alles, relativ und ganz egal. Kein Schrei von innen, ertrunken die Stimme zu sich selbst zu sprechen, die Ohren sich selbst zu hören erstickt, alles taub. ***** Komm du mal
an mein Fenster. *** Steige auf
den Wachtturm deiner früheren Frommheit *** Immer die
langen Schatten Einfluss nahmen, *** Schneien *** Komm, lass
die Seele unterm Amboss liegen, *** Mit keinem
Tage wird mein Sein wiederkommen. *** Den untröstlichen
Schatten heulen hören Josefina Verde: El día del diluvio / Der Tag der Sintflut
Von Alfonso Ortega Das Vorhaben dieser Präsentation ist natürlich nicht die gerechte Bewertung der Ästhetik und des Inhalts des poetischen Schaffens von Josefina Verde, das in einer besonderen Anthologie gesammelt und lebendig ist. Seit Jahrzehnten trägt sie in ihren zarten Händen das freundliche Zepter der Musen unter den erlesenen Dichterinnen unserer Heimat Salamanca. Fest in Händen hält sie es mit der würdigen Kraft, die nie irgendeine Konzession dem Banalen und Leichten gewährte, mit dem gehörigen Respekt gegenüber dem Wort, unermüdlich jung durch ihre Stärke und schöpferische Erfahrung, mit ungewöhnlicher Leistung, mit der sie aus Liebe zur Poesie in Salamanca die Dichter gefördert hat. Nicht neidisch, aber beneidenswert öffnete sie ständig neuen Stimmen die Tür zur Kultureinrichtung „Ateneo“, in der sie die Mut machende Stimme war. Mut machende Stimme bedeutet soviel wie Stimme, die wachsende Energie ausschüttet. Wenn etwas zutiefst ihre Seele und lyrische Tonart enthüllt, so ist es die volle Kraft eines Werkes, das in seinen geordneten schöpferischen Phasen, so klar und bedeutsam, ständig zunimmt an poetischer Vision, reicher Besonnenheit, Fruchtbarkeit ohne Übertreibung und mit Maß. Dieses schwunghafte Gegenübertreten von Ideen und literarischen Mitteln gelangt bis an den Punkt, dass ein jedes dieser Gedichte seine eigene und genaue Architektur einstürzen ließe, wenn jemand wagte, auch nur ein Wort zu beseitigen. Die Worte bei Josefina Verde sind nicht nur Worte, sondern erlittene und in einer formalen Struktur kund getane Wirklichkeiten, deren geringste Änderung durchaus die völlige Zerstörung ihres dynamischen Inneren mit sich brächte. Hier, bei diesen hervorragend vom Dichter Herbert Becher übersetzten und mit Bedacht vom Professor und Dichter A.P. Alencart ausgesuchten Gedichten, ist nichts überflüssig und erhebt sich alles über sich selbst, wie ein Bogen, der sich krümmt und dennoch gespannt bleibt. Wer den biographischen Prozess dieser Gesamtheit von Gedichten verfolgt hat - wesentliche Linien des bis jetzt entstandenen Werkes -, der wird nicht das begriffen haben, was in der bekannten kritischen Analyse als sich steigernde Perfektion bewertet wird, sondern den genauen Eindruck mitnehmen, dass die Ideen von Josefina Verde und ihr handwerkliches Können weiter wachsen und den Höhepunkt erreichen, weil sie zwangsläufiges Abbild von Poesie und Leben voller Wahrhaftigkeit sind. Sie sind ein großartiger und schmerzhafter Aufstieg durch die rauen und hellen steilen Abhänge der unverwechselbaren Schönheit und erreichten Humanität. In diesem Sinne stellen die Bücher Con Hambre (1976), Con Acento de Lluvia (1980), Obreros del Vacío (1982), Sonora Oscuridad (1991) und vor allem árbol o Dios (1994), in Teilen hier gegenwärtig, die genetische Notwendigkeit einer neuen poetischen Realität dar. Man könnte dieses Geschehen von Intimität und Formen einen folgerichtigen Prozess und eine handwerkliche Lehre nennen. Aber man hat dann immer noch nicht verstanden, was das Leben eines Dichters und was der Dichter im Leben ist. Man würde Josefina Verde nicht verstehen. Ihre Poesie ist ontologisch, ist eine Amphore durchstrahlt vom Licht des Seins, ist jubelnder und schmerzhafter Speer von Wahrheiten. Ein kraftvolles und glanzvolles Zeugnis wahrer Poesie ist dieser Strauß von Gedichten, die in der spanisch-deutschen Anthologie des dichterischen Werkes von Josefina Verde enthalten sind. Sache der Kritiker wird sein, in ihrem Wissen den Zauber und den Reiz ihrer formalen Vollendung zu entdecken, das Flüstern der Ideen, die kaum skizziert, die wesentlichen Gedanken einer stottrigen Welt darlegen, die Kernsubstanz einer Poesie, in der, wie in der einzigen wahrhaften Poesie, anscheinend sich Gott versteckt, damit die Dichter antworten. Zu dieser Anthologie, einer Sammlung von Blumen, wie erstmals Meleagro de Gádara im ersten Jahrhundert unserer jetzigen Zeitrechnung zu dem Strauß von Gedichten von 47 Dichtern, von ihm ausgewählt, sagte, zu dieser glänzenden Zusammenstellung von Gedichten von Josefina Verde, dem Zeugnis ihres geistigen Weges, erleuchtet von einem neuen und guten Stern. Unter diesem Stern kamen zwei Dichter zusammen: Der eine, Alfredo Pérez Alencart, Entdecker von vorher unveröffentlichten Geheimnissen der Schönheit Salamancas mit seinen tiefgründigen Versen; der mit richtigem Gefühl und ästhetischer Sorgfalt die Anthologie geordnet und die Gedichte an den richtigen Platz gesetzt hat. Der zweite, Herbert Becher, selbst Dichter und Autor dieser bemerkenswerten Übersetzung in die deutsche Sprache. Und es ist kein Zufall, dass in seiner Brust zwei Herzen schlagen, nämlich das der Grazie Andalusiens, seiner Mutter aus Almería, und das des westfälischen Vaters. Herbert, jetzt beheimatet am Rhein, dem Fluss mit dem bezaubernden Lied auf die Loreley. Erwähnenswert ist auch sein Wissen als Jurist - Goethe vereinte ebenso beides - mit seinem beachtenswerten Wörterbuch der Rechts- und Wirtschaftssprache in zwei Bänden und zwei Sprachen, dessen 5. Auflage 1999 erschienen ist. Daneben steht seine Tätigkeit für die in Deutschland lebenden Spanier und seine gestalterische juristische und politische Arbeit im Kommisariat der deutschen Bischöfe in Bonn. Seine dichterische Kraft in Bezug auf Form und literarischem Ausdruck verwandelt diese Gedichtsammlung in einen anderen Verlauf von dichterischen Worten, in ein doppeltes Symposium zweisprachigen Genusses für die deutschen und spanischen Leser. In dieser Anthologie wird das alte italienische Sprichwort „traduttore traditore“, „der Übersetzer ein Verräter“, außer Kraft gesetzt. Herbert Becher ist kein Verräter, er ist vielmehr Bewunderer, der die reinen Ströme aus dem Herzen von Josefina Verde überträgt, um sie neu zu beleben mit der lebendigen Quelle, die Luther zu einer Sprache wandelte, die geeignet ist für beste Literatur, die weitergegeben und aufgestiegen ist zu einem universalen Wert im Verlauf einer glänzenden Folge von ausgezeichneten Dichtern deutscher Sprache, ohne die man die Geistesgeschichte Europas nicht verstehen kann. Man bleibt nicht ohne Bewunderung, vergleicht man die übersetzerische Leistung von Herbert Becher mit anderen Übersetzungen, die wir bei unseren häufigen Besuchen in Deutschland vergleichen konnten; wenn man sich die Übertragungen von Lope de Vega oder García Lorca vergegenwärtigt, wo Lorcas „perfume de la marina“ , d.h. „Der Duft der Meeresbrise“, unachtsamerweise und schlecht übersetzt wurde mit „Der Duft der Matrosen“. Ich möchte mich ungern an den Autor jener Übersetzungen erinnern. Wer den Text von Josefina Verde mit dem uns von Herbert Becher dargebotenen vergleicht, steht man vor der schwierigen Aufgabe, sich für das Original oder Herberts Fassung zu entscheiden, wobei keiner von beiden seine eigene Persönlichkeit aufgibt und wobei beide Texte sich gegenseitig befruchten in der vortrefflichen Gegenüberstellung literarischer Inhalte und Werte. Eine mühselige Angelegenheit ist, richtig abzuwägen, in welcher Weise es der Übersetzung gelingt, wegen ihrer Klangfülle, ihres inhaltlichen Gewichts der Ausdrücke von Energie und emotionaler Fortführung, manchmal mit Zweisilblern, die den Rhythmus verstärken, uns begreifen zu lassen, wie ein neues Leben in das spanische dichterische Können von Josefina Verde einfließt, umgewandelt in eine andere Erfahrung, so neu wie das Original, das hier eine Renaissance erfährt. Das ist die hervorragende dichterische Leistung des Übersetzers Herbert Becher, ein Dichter des Dichters. |