MEINUNGEN -KARAWANSEREI



Die Grenzgänger

Ansprache zur Hochzeit von Almut Hähner-Ural und Mehmet Ural

Liebe Almut, lieber Mehmet, liebe Eltern, liebe Gäste!

Anlässlich der standesamtlichen Trauung möchte auch ich ein paar Gedanken zu diesem bedeutenden Ereignis unter dem Begriff „Die Grenzgänger“ zum Ausdruck bringen.

„Was ist ein Grenzgänger?“ werdet Ihr fragen.

Jemand der täglich von Freiburg nach Basel zur Arbeit fährt - vielleicht, oder jemand der sportlich nach den Herausforderungen in den Extremen sucht - vielleicht?

Meinen Grenzgänger möchte ich heute vielmehr verstanden wissen als jemanden, der sich beständig zwischen unterschiedlichen Kulturen bewegt. Der täglich den exotischen Duft des „anders-seins“ atmet und der so die Chance verspürt sich aus der eigenen, ihm oftmals zu eng erscheinenden Herkunft zu lösen.

„Wie lebt ein Grenzgänger?“ möchtet Ihr jetzt gerne wissen.

Das Leben eines Grenzgängers ist spannend und abwechslungsreich zugleich. In der ihm eigenen Neugierde sammelt er unentwegt neue Eindrücke und er begegnet ständig den Herausforderungen fremder Geisteswelten. Er sieht sich permanent im wachen Hinterfragen gefordert und entdeckt so neue Formen des Verstehens. Sein Dasein und sein Blick ist von einer zuvor nicht gekannten Offenheit und Toleranz geprägt.

Fast unmerklich sieht sich der Grenzgänger in eine neue Dimension des Zusammenlebens erhoben. Das Wechseln von einer Kultur zur anderen, von einer Sprache in die andere, vermittelt ihm den Eindruck eines „grenzlosen“ Lebens. Die Welt ein Dorf, die Kulturen eine Weltgemeinschaft, Christentum, Islam, Hinduismus und Buddhismus eine Weltreligion.

„Braucht ein Grenzgänger eine Heimat?“ werdet Ihr fragen.

In der zuvor beschriebenen, attraktiven Form des Lebens eines Grenzgängers wirkt die Frage nach Heimat hinsichtlich Sprache, Essen, Musik, Religion, Humor, Literatur und gar Familie eher unpassend, wenn nicht sogar entbehrlich.

Kann ein Grenzgänger, der in der Welt zu Hause ist, den Wunsch nach eigenen kulturellen Wurzeln, dem Leben wie es in seinem Ursprung für ihn war, verspüren?

Einmal unterstellt, dass Heimat mit Lebensorientierung gleichgesetzt werden darf, dann ist die Antwort auf die Frage nicht so schwer. Auch ein Grenzgänger braucht Orientierung, quasi einen Kompass der ihm die Richtung weist, damit er nicht verloren geht oder sich nicht verliert in der Welt der Vielfalt, des Pluralismus, eben der „Grenzlosigkeit“.

Geborgenheit und Sicherheit findet der Grenzgänger nur dann, wenn es ihm möglich ist, immer wieder in seine Geisteswelt zurückzukehren. Dies geschieht nicht in plötzlicher Abkehr von den „Grenzgängen“, sondern allein in dem Bewusstsein Ausgleich zu finden, Kraft zu tanken, um sich dann unbeirrt und mit neuem Mut auf den Weg diesseits und jenseits der Grenzen zu machen.

Die Herausforderung

„Zwei Grenzgänger plus zweimal Heimat gleich eine gemeinsame Orientierung? Ist das möglich?“ werdet Ihr fragen.

Die Antwort ist offensichtlich und klar. Für zwei sich liebende Grenzgänger ist die gemeinsame Orientierung die Liebe.

Die Liebe sieht alles, sie glaubt alles. Die Liebe verzeiht alles und sie erträgt alles. Die Liebe gibt niemals auf und sie vergeht niemals.

Perfekte Aussichten um zu dem gewünschten Erfolg einer gemeinsamen Lebensorientierung zu gelangen. Aber schon schleicht sich Unsicherheit ein mit dem Gedanken, ob sich diese Vollkommenheit der Liebe je erreichen und gar auf Dauer tatsächlich halten lassen wird.

Eine gewisse Lebenserfahrung und die Erkenntnis um die der eigenen Person anhängenden Unzulänglichkeiten werden sofort nach einer Pflege für eine solch großartige, alles überwindende Verbindung Liebe fragen.

Die konkret geforderte Rezeptur für unsere Grenzgänger bedarf sorgfältiger Überlegung. Ich möchte mich heute auf drei Zutaten konzentrieren, die zu bedenken in jedem Fall nicht schaden kann.

Erstens: Die Zutat Sprache. Dieses Instrument der Kommunikation und des Gedankenaustausches wird in seiner Bedeutung immer wieder unterschätzt.

Sprachersatz wie Körpersprache im engeren Sinn, d.h. kuscheln und liebkosen und im weiteren Sinne, wie das Sprechen mit Händen und Füßen, vermögen es gerade nicht, eine fehlende Sprachgewandtheit zu ersetzen.

Das Ziel eine gemeinsame Sprache zu besitzen, bedeutet die Sprache des anderen sprechen und verstehen zu können. Nur ein tiefes Eintauchen in das Ausdruckvermögen des jeweils anderen eröffnet die Chance und die Sensibilität für das was er, was sie mir wirklich sagen will.

Zweitens: Die Zutat Streitkultur. Dieses Instrument zur Erarbeitung eines gemeinsamen und tragfähigen Konsenses oder auch fairen Kompromisses wird in den meisten Fällen überhaupt nicht erkannt.

Streit heißt es da, haben wir nie; streiten...ja aber nur über unbedeutende Kleinigkeiten; eine Kultur des Streitens.. was soll das bringen, dafür bleibt keine Zeit.

Die Tatsache, dass man über Positionen streitet, belegt zunächst einmal die Gemeinsamkeit des Anliegens. Meinungspluralismus und Meinungswettbewerb sind dabei Ausdruck eines vitalen geistigen Umfeldes.

Die Unvermeidbarkeit des Streits, gar dessen Wünschbarkeit ist nötig, um tatsächlich einen Ehelebensprozess aufzuweisen.

Klares Mittel in der Auseinandersetzung ist das Argument. Die Kultur und die Basis der Auseinandersetzung bilden die sogenannten Spielregeln. Zu nennen sind hier vor allem die Achtung vor dem jeweils anderen und seinem vorgetragenen Argument, sowie die Toleranz und Fähigkeit auf die eigene Position verzichten zu können.

Drittens: Die letzte Zutat Gottgläubigkeit. Hier geht es nicht um die Proklamation, zu einer Religionsgruppe zu gehören und deren mehr oder weniger kompromisslose Haltung gegenüber „anders“ Gläubigen zu vertreten.

Es geht hier auch nicht darum, den eigenen Glauben wie er durch Familie und kulturelles Umfeld geprägt worden ist, in gut gemeinter „Nächstenliebe“ dem anderen als den wahren Glauben oktroyieren zu wollen.

Es geht auch nicht darum, in der Erkenntnis um die Fehlerhaftigkeit und die Schwächen von Glaubensträgern und -institutionen sich jeglicher Art von Glauben mit besten Argumenten entziehen zu wollen.

Entscheidend ist, sich eine gemeinsame Glaubensbasis zu schaffen und auch gegenseitig zu erhalten, welcher im Pluralismus von Christentum und Islam eine ungeahnte Chance erfährt.

Gott Raum geben, könnte man das Ziel der dritten Zutat nennen, d.h. Gott in Eurer ehelichen Gemeinschaft einen Platz und Bedeutung beizumessen.

Mit der Pflege der Verbindung Liebe unter den o.g. Zutaten und im Bewusstsein um das Leben und die Bedürfnisse eines Grenzgängers dürft Ihr beide aus meiner Sicht sehr zuversichtlich in die Zukunft schauen.

In diesem Sinne wünsche ich Euch alles erdenklich Gute. Bitte erhebt die Gläser für Almut und Mehmet und stoßt mit mir auf Ihre gemeinsame und glückliche Zukunft an.

Sabine Reitzig

Die Schwester, die Schwägerin

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Die Straßenbahn 12

ATTAC Frankfurt am Main / CDU-Oberbürgermeisterin / Internationale Bewegung

Nach der bundesweiten und offiziellen Bekanntmachung per Presse, ATTAC werde nicht mehr zu Montagsdemos aufrufen, kam ATTAC am darauffolgenden Montag zur Montagsdemo und verkündete: „Am Donnerstag sollen alle Interessierten zum Hauptbahnhof kommen. Treffpunkt: Straßenbahnhaltestelle der Linie 12. Wir wollen alle an diesem Tag kostenlos Straßenbahn fahren und fordern, daß ab 01. Januar 2005 alle die Alg II erhalten, kostenlos öffentliche Verkehrsmittel benutzen dürfen.“ Großer Applaus schallte aus der kleinen Menge von Demonstranten, Demonstrantinnen.

Am angekündigten Tag treffen sich alte Anhänger, Sympathisantinnen, Freunde und Familienmitglieder von ATTAC vor der angegebenen Straßenbahnlinie. Alle passen jetzt schon nicht in die Drei-Wagen-bestellten-Straßenbahn. ATTAC-Leute werden nervös. Sicher haben sie sich viele Menschen gewünscht für diese Aktion. Publicity wäre gesichert. Und ihre missionarische Tat konnten sie so „evaluieren“. Doch mit so vielen Leuten haben sie doch nicht gerechnet. Auch wenn sie von dem „Heer“ der Arbeitslosen mehrmals in der Tageszeitung - jeden Tag - lesen. Aber, daß so viele Menschen kommen würden, haben sie nicht gedacht. Und immer wieder strömen Leute herbei. Mal kommt von links ein Mann zur Straßenbahn, mal von rechts zwei junge Frauen, mal von hinten eine Mutter mit drei Kindern, mal von vorne zwei alte Männer. Sie steigen auch gleich in die Straßenbahn ein. Sie lachen, singen, sind einfach fröhlich. Als die Straßenbahn fast voll ist, klatschen einige von ihnen, denen sich der Rest anschließt. „Wir haben die Drei-Wagen-Straßenbahn voll bekommen,“ ruft einer mit einem AStA-Megafon. Alle jubeln, klatschen oder pfeifen mit ihrer Trillerpfeife. „Jetzt kann es losgehen,“ ruft die gleiche Männerstimme zum Fahrer. Doch aus der Sprechanlage ertönt eine ruhige Stimme: „Keine Abfahrt,“ ruft der Fahrer, „die Straßenbahn leidet an ‚Gewicht‘“. Alle lachen und grölen, während weiterhin Menschen auf die Straßenbahn zukommen und einsteigen wollen. Manche sind sehr traurig, als sie sehen, daß sie keinen Fuß breit mehr auf die Straßenbahn setzen können. Die Türen gehen schon seit langem nicht mehr zu. Die Aktivisten und Aktivistinnen halten sich mittlerweile an den Griffen oder an dem Menschen vor ihnen fest, oder hängen an den Straßenbahntüren, wie in den bekannten Filmbildern mit Zügen.

Immer mehr Leute strömen herbei. Eine große Menschentraube um jede Tür auf jeder Straßenbahnseite hat sich gebildet. Die Straßenbahn scheint schwanger zu werden. Immer dicker wird sie um den „Bauch“. In und außerhalb der Straßenbahn herum nur glückliche alte und junge Menschen. Sie lachen und freuen sich, daß so viele gekommen sind. ATTAC-Leute jedoch werden nervöser, drücken und schieben, möchten, daß die Straßenbahn losfährt, bekommen einen roten Kopf, die Polizei kommt auf sie zu, redet mit ihnen, während die ATTAC-Leute dabei ständig den Kopf schütteln. Ab und zu erklingt eine Stimme durch ein ATTAC-Megafon: „Bitte geht zurück von der Straßenbahn, sonst können wir nicht losfahren!“ Ein großes Gelächter bricht in der Straßenbahn und um die Straßenbahn aus. Die Polizei spricht wieder mit ATTAC. Wieder ein Kopfschütteln. Der eine von ihnen sagt, er gehe nach Hause. Das wäre doch eine Nummer zu groß für ihn. Eine ATTAC-Frau hält ihn am Ärmel fest. Doch er zieht solange, bis er sich losgelöst hat. „Unsolidarisch,“ und ähnliche Wörter fallen. Von den ATTAC-Leuten sind immer weniger zu sehen. Auch ihr Megafon kann kaum noch gehört werden. Sie rücken immer weiter weg von der Straßenbahn.

Dann erklingt wieder die Megafonstimme: „Leute so können wir nicht abfahren!“ Alle lachen und freuen sich. Dann ruft von vorne in der Straßenbahn eine Frauenstimme, „dann schieben wir die Straßenbahn.“ „Ja,“ brüllen viele. „Was hat sie gesagt,“ fragt einer auf der Straße. Denn jetzt stehen bestimmt über Zweitausend Menschen um die Straßenbahn und von den Stimmen in der Straßenbahn kann keiner draußen etwas hören. Außerdem hören einige Walkman, andere schwatzen miteinander, andere lästern über die Polizei, andere wollen wieder aussteigen, sie haben Hunger bekommen, denn sie sind seit mehr als zwei Stunden hier, wollen schnell zu McD..., können aber durch die Menge nicht durch, suchen nach einem in der Menge, der für sie einen Kaffee holt, „ein Donat auch,“ sagt ein kleines Mädchen, und während der Nachbar in der Straßenbahn dies mitbekommt, gibt auch er seine Bestellung auf. „Ja, schön,“ brüllt einer aus dem zweiten Wagen, auch er hat eine Bestellung. Jeder und jede will etwas bestellen, weil sie nicht wissen, wann es los geht und wie lange sie unterwegs sein werden und überhaupt die Polizei, „was will die noch?“ ruft ein griechisches Mädchen aus dem dritten Wagen. „Los,“ ruft ein Auszubildender, „wir schieben die Straßenbahn.“ An die dreitausend Leute sind jetzt um die Straßenbahn und schieben. Alle brüllen: „sie bewegt sich.“ „Nein,“ brüllt der Fahrer. „So geht das nicht, ich bin der Fahrer! Ich. Ich.“ Er klopft an seine Glastür, durch die er nicht mehr in den Wagen gelangen kann, da so viele Menschen davor stehen und sie nicht mehr aufgeht. Immer mehr Menschen klatschen, denn die Straßenbahn bewegt sich immer schneller und ohne Strom. „Ökologisch einwandfrei,“ brüllt einer. „Toll,“ ruft eine Frau mit hessischem Dialekt. „Ja, so wollen wir Straßenbahn fahren.“ Die ATTAC-Leute sind kaum noch zu sehen. Sie sind „sehr“ mit der Polizei beschäftigt. Und die Polizei mit ihnen. Während die Straßenbahn immer schneller fährt, da immer mehr Menschen schieben. Viele Menschen drücken auf irgendeinen Menschenrücken, dieser Mensch drückt auf einen Popo, dieser wiederum auf den nächsten.

Der 31. Mensch drückt endlich direkt auf die Straßenbahn. „Genial,“ ruft ein russisches Mädchen, „ich möchte gar nicht mitfahren, so finde ich es viel spannender.“ Die Polizei gestikuliert mit den Händen. Die noch wenigen ATTAC-Leute schwitzen, nach dem schon wieder drei weggegangen sind. „Rechts oder links,“ ruft eine französische Frau als die Straßenbahn vor einer Gabelung steht. Einige rufen rechts, andere links, andere wiederum geradeaus. „Ja, ja, ja,“ grölt die Menge. „Aber da liegen keine Straßenbahnschienen,“ ruft die Stimme aus dem Fahrerhäuschen. „Eine Straßenbahn, die ohne Strom fährt, kann auch geradeaus ohne Schienen fahren,“ meint ein italienischer Junge. Alle brüllen, pfeifen, doch nur wenige klatschen, denn die Hände sind immer beim Drücken, mal gegen Rücken, mal gegen Popos, mal gegen Rippen, mal gegen Rucksäcke. Der Fahrer ruft, „Hilfe,“ schlägt mit den Fäusten gegen die Türscheibe, dreht sich nach vorne, wohin die Straßenbahn sich bewegt, dann nach hinten zu den Leuten, klopft und brüllt: „Ich will raus! Bitte nicht über die Straße ohne Straßenbahnschienen mit meiner Straßenbahn!“ Alle applaudieren und rufen, „das ist die Idee, wir tragen die Straßenbahn.“ „Was haben die gesagt?“ ruft ein junges Mädchen von hinten, „wir tragen die Straßenbahn ab jetzt,“ sagt der Rentner neben ihr. „Toll,“ rufen alle um das Mädchen. „Nein, ich kann nicht,“ sagt der alte Mann neben dem Mädchen. „Ich kann nichts Schweres tragen.“ Alle schweigen eine Sekunde. Dann ruft eine portugiesische Frauenstimme, „dann tragen wir Dich auch.“ „Ja, ja, ja,“ ruft die Menge um die vier Leute. „Wir sind ja fast fünf Tausend. Das können wir.“ „Nein,“ schreit von ganz weit hinten der letzte ATTAC-Mensch. „Wir müssen die Aktion abbrechen. Sonst bekommt ATTAC eine saftige Rechnung von der Stadt.“ „Saftige Rechnung? brüllen einige MLPD-Leute. „Sei nicht so rücksichtslos,“ meint von hinten ein Mann von der PDS. „Rücksichtslos,“ ruft eine Römer-Grünen-Abgeordnete, die ganz plötzlich in der lustigen Menge aufgetaucht ist. „Das hat damit nichts zu tun! Es geht nicht...“ Doch bevor sie weiter reden kann, wird sie unterbrochen. „Nein es geht nicht,“ rufen sieben schwarze Schüler, „daß die Grünen sich hier einmischen, sie haben zur Verteuerung der Fahrkarten beigetragen.“ „Ja, ja,“ sagt eine sehr alte und kleine Frau mit einem Stock in der Hand und hebt dabei ihren Stock, als wolle sie mit ihm die Grünen-Abgeordnete schlagen. „Nein Muttchen,“ meint ein langer Typ mit Sommersprossen und rotem Haar. „Wir gehen zum Römer mit der Straßenbahn und teilen allen Römer-Abgeordneten mit, daß wir sie ab jetzt nicht mehr brauchen.“ Ein SPD-Mann ruft mit panischer Stimme: „Nein, nein, nicht zum Römer!“ „Du bist ruhig,“ sagt ein Türke drei Reihen hinter ihm, „wir sind noch nicht im Römer und hier darfst du nicht sprechen.“ „Ha,“ meint der SPD-Mann und dreht sich um zur türkischen Stimme. „Ich will Redefreiheit,“ sagt er ganz leise. Alle um ihn klatschen begeistert und rufen: „Redefreiheit für die Straßenbahn,“ die getragen und ab und zu schaukelt und von vorne fast lachend aussieht. Die Straßenbahn und an die 10.000 Menschen aus allen Schichten, jeder Nationalität, Geschlecht, Alter und Hautfarbe befinden sich hinter dem „schauspielfrankfurt“ auf der Mainseite. Die Passanten am Straßenrand applaudieren, wenn sie die Straßenbahn in der Schwebe kommen sehen, getragen von Tausenden Menschen, die alle singen. Eine asiatische Touristen-Gruppe mit Männern und Frauen bleibt stehen, fotografiert die schwebende Straßenbahn, die bunte Bewegung und den letzten durchgeschwitzten ATTAC-Mann.

Doch von weitem sieht die laufende Menschenmenge plötzlich eine Polizeikette vor dem Römer, hinter der die Oberbürgermeisterin der Stadt Frankfurt am Main, Frau Roth, steht. Je näher die Menge und die schwebende Straßenbahn auf Frau Roth zukommen, desto schneller geht sie hinter der Polizeisperre zurück. „Stehen bleiben,“ ruft die Polizei der Menge zu. „Sonst...“ Aber die Straßenbahnfans lassen auch die Polizei nicht zu Wort kommen und gehen weiter. „Wenn ab heute,“ ruft der Straßenbahnfahrer durch sein kleines Fenster hindurch, „nicht alle Arbeitslose mit oder ohne Alg II kostenlos fahren dürfen, dann bringen wir Ihnen jeden Tag eine Straßenbahn, U-Bahn, S-Bahn und einen Bus bis vor die Römertür.“ Alle brüllen und klatschen und dann stellen sie, wie ein liebgewonnenes Kind, die Straßenbahn quer vor der Polizei hin. Frau Roth rennt weg und die Polizei hinter Frau Roth her. Holt sie zurück: „Sie können uns doch nicht mit einer Straßenbahn alleinlassen. Wir sind Staatsdiener,“ ruft eine Polizistin. „Ja,“ haucht ein junger Polizist, „und nicht Straßenbahnbewacher,“ dann stellt sich dieser schnell hinter einen dicken Polizeibeamten. Frau Roths Silberlocken kleben mit Schweißperlen unordentlich an ihrer Stirn. Gespannt schaut die schweigende Menge auf sie. Sie schaut zur Polizei. Diese hat sich zu einem Knäuel in eine Ecke zurückgezogen und schüttelt den Kopf. Die Demonstranten und Demonstrantinnen gehen, um die Straßenbahn herum, einen halben Schritt auf die Stadtrepräsentanten zu. Dann nickt Frau Roth und nickt und nickt und nickt. Ab 01.01.2005 dürfen alle Alg II-Bezieher und Bezieherinnen kostenlos in Frankfurt am Main mit öffentlichen Verkehrsmitteln fahren und auch alle die, die bis dahin aus der Statistik „herausgefallen“ sind sowie die Sozialgeld-Bezieher und Bezieherinnen.

Diese Geschichte widme ich allen Menschen, die sich weder von den Linken (oder Rechten, ohne diese gleichsetzen zu wollen) noch von denen einschüchtern lassen, die glauben „vorne“ zu sein. Einige von ihnen sind: Gudrun Ziesemer, Antonio Gamarra Gutiérrez, Marianne Langweg, Brigitte Müller, Harald Reim, Brigitte Neumann, Frank Jäger, Pourandokht Maleki, Pater Gregor Böckermann, Rita Mora...

Maria del Carmen González Gamarra

Frankfurt am Main