| DIE
BRÜCKE AN DER SPREE |
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Selbstverständlich ist es nicht rechts, Rot-Grün zu kritisieren. Weil Rot-Grün ja nicht links ist. Nicht mehr jedenfalls. Macht korrumpiert, das wissen wir schon seit Shakespeares KING LEAR, und wenn wir sagen: Die Achtundsechziger sind an der Macht, dann liegt das Problem in diesem Satz nicht in den Achtundsechzigern, sondern in dem Wörtchen Macht. Die Achtundsechziger sollten, wenn ihnen die Inhalte des Jahres, das ihrer Generation den Namen gab, wichtig genug wären, nicht an der Macht sein, sondern die Macht als solche überwunden haben. „Als solche“, damit meine ich das, was uns ständig Kopfzerbrechen bereitet, das, was den „Kulturverfall“, unter dem alle Medien klagen, ja erst ausgelöst hat: dieses hierarchische „Karriere“-Denken, dieses krankmachende Selektieren von Oben und Unten. Wenn die Achtundsechziger nicht an, sondern jenseits der Macht wären, dann hätten wir heute keinen Außenminister, der sich saturiert zurücklehnt und sich, weltfremd, als „immer noch links“ bezeichnet, und keinen Dieter-Bohlen- und keinen Harry-Potter- und keinen SPIEGEL-Terror. Glauben Sie nicht? Ist aber so. Der Machtgedanke ist das, was die beiden in ihrer Grundtendenz eigentlich unvereinbaren Begriffe Demokratie und Kapitalismus verbindet, aber nicht vereint und was ergo diese unerträgliche Mixtur der „Mediendiktatur“ produziert hat. Medien, die Macht haben, können sich allen möglichen Mist erlauben und das zur „Kultur“ erklären; die Kasse stimmt, weil die Leser, auch wenn sie über Kultur anders denken, kaum mehr Ausweichorgane finden; und der „Kulturverfall“ ist da. Kultur hat nichts mehr mit den Menschen, sondern nur mit Moneten zu tun. Imponierend ist das für viele. Deshalb ist „Karriere“ jedes zweite Wort, das in heutigen Studentenzeitschriften auftaucht, deshalb bekommt man dort mehr Tips dazu, wie man sich erfolgreich beim Konzernchef einschleimt, als dazu, wie man ein bißchen kritisches Gegendenken praktiziert, was doch eigentlich zu erwarten wäre nach dem, was anno 68ff an den Unis geschah. Deshalb funktioniert der Pluralismus-Gedanke nicht so, wie er sollte: weil es immer irgendwelche meinungsbildenden Fuzzis gibt, die bestimmen können, worüber ‚man’ spricht und wer ‚man’ ist und wer dann ergo alles ignoriert wird. Der Machtgedanke stinkt immer noch in unseren Köpfen. Nicht unbedingt immer bewußt, klar. Aber unbewußt im Wortschatz drin: an der Macht sein, die Macht haben, es geschafft haben, vorwärts kommen, aufsteigen - alles Begriffe, die ein Oben-Unten und einen hierarchischen Berg assoziieren. Und dann natürlich etymologisch: das indogermanische Stammwort „magh“ bedeutet „können, vermögen“, Macht ist also das Sich-Beweisen, das Sich-Hervortun, das Besser-als-andere-sein-Wollen. Macht ist Gewalt, Macht ist Beherrschung. Machtspielchen, Vergewaltigung, Herrschaft. Üble Wörter. Nein, ich bin nicht einer von denen, die bestimmte Wörter verbieten wollen; denn wer das Wort verbietet, hat ja nichts gegen den Inhalt getan, der hinter dem Wort steht. Ich plädiere vielmehr dafür, die Wörter und Phrasen unserer Sprache einfach mal öfter zu hinterfragen und den Prozeß ihrer Zementierung nachzuvollziehen. Macht ist der eigentliche Kuckucksei in dieser Demokratie. Wer Macht hat, kann nicht links sein. Und wer Macht will und anstrebt, erst recht nicht. Und der SPIEGEL hat Macht. Ich bin Schriftsteller, und mein Metier ist die Sprache. Die „Kultur“, der „Kulturverfall“. Das „Ressort“ Kultur. (Ich frag mich ja schon seit längerem, warum man, wenn man schon so besorgt um das „Niveau“ der „Kultur“ ist, dieses Wort nach wie vor über Berichte von Hohlkörpern wie Britney Spears oder Michel Houellebecq setzt.) Hier ist es deutlich zu spüren, daß der SPIEGEL kein linkes Blatt ist, das sich Pluralismus und Individualismus auf die Fahnen geschrieben hat, sondern eins, das nur in seinem engen elitären Zirkel schreibt und immer dieselben Autoren, wie Benjamin Lebert oder Benjamin von Stuckrad-Barre oder eben Michel Houellebecq, als „epochemachend“ anführt und immer dieselben Thesen über Popliteratur und Berlinroman auftischt („das eine hat ausgedient, jetzt beginnt die Ära des anderen“ und derlei Quatsch). Und dann natürlich immer dieselben „Repräsentanten“ wieder und wieder zu immer denselben Schlüssen heranzieht - Houellebecq ist der Mann zum Thema Sex und Neurosen im zwanzigsten Jahrhundert, Thomas Brussig der Mann zum Thema DDR-Ostalgie, Benjamin Lebert der Mann zum Thema „die neue junge deutsche Schriftstellergeneration kann wieder Prosa schreiben!“ Nicht allein, daß diese epochalen kulturellen „Phänomene“ nur in der Vorstellung des SPIEGEL so unglaublich epochal sind und daß man eben die Vielfalt der Kultur dadurch diskriminiert, daß man alles unter eine bestimmte Zeitgeist-Käseglocke pfropfen will, nein, es geht mir eben auch um die Beachtung der Tatsache, daß manche Dichter ständig im SPIEGEL auftauchen und manche nie, und das hat nichts damit zu tun, daß die Nichtbeachteten weniger gute Sachen veröffentlicht hätten. Was soll an dieser Schätzleswirtschaft links sein? Wer schaffts in den SPIEGEL und wer nicht? Ist das „Karriere“? Ist das gut? Wäre es nicht sinnvoller, mal die Kluft zwischen denen, die „es in den SPIEGEL schaffen“, und dem großen weiten Rest zu entfernen, indem man zugibt, daß diese Kluft vom SPIEGEL selbst geschaffen wurde und mit der eigentlichen Kulturlandschaft nichts zu tun hat? Niemand verlangt, daß der SPIEGEL alles weiß. Aber gelegentlich ein bißchen abwechseln, gelegentlich mal andere Stimmen zu Wort kommen lassen, Kleinverleger etwa oder Berliner Performancekünstler, wäre das nicht angemessen? Das wäre demokratisch, pluralistisch, universalistisch. Das wäre links. Als ich zwanzig war, wollte ich unbedingt beim SPIEGEL schreiben. Daraufhin sah mich der Philosoph C., dem ich diesen Wunsch anvertraute, kopfschüttelnd an und sagte: „Nee, du, das ist doch nicht dein Ernst! Beim SPIEGEL kannst du nur SPIEGEL-Sprech schreiben! Das ist geistige Gleichschaltung der übelsten Sorte!“ Damals verstand ich ihn nicht; der „SPIEGEL-Sprech“ schien mir klasse, witzig, spritzig, pointiert. Aber inzwischen verstehe ich C.; manchmal frage ich mich, ob die Redakteure ein Pflichtseminar „Wie geht der SPIEGEL-Sprech?“ besuchen müssen (genau wie Fußballer anscheinend alle ein Seminar „Beckenbauerisch für Fortgeschrittene“ absolviert haben). Hans-Hermann Tiedje schreibt in seinem Artikel im letzten CICERO so nett, daß der SPIEGEL unter Aust „lesernah, interessant, ideologiefrei“ sei. Das ist er nur oberflächlich betrachtet. Er ist ideologiefrei insofern, als er nicht die Ideologien und Gesellschaftstheorien der Altlinken wiederholt, sondern diese Alt- und Pseudolinken, wie einige Regierungsverantwortliche, kritisiert. Aber das ist es nicht, was ihn „rechts“ macht. Es ist die Tatsache, daß er furchtbar autoritär und meinungsbildend ist. Er hat SPIEGEL-Ideologie. Und das ist das eigentlich Un-Linke. Und das Traurige ist, daß dieses Phänomen nicht nur beim SPIEGEL auftritt, sondern quer durch die „etablierte“ Medienlandschaft geht. Wirklich links, wie schon Tiedje schreibt, ist nicht einmal mehr die ganze, sondern nur noch „Teile der taz“ sowie „das PDS-Blatt Neues Deutschland“ (wenn das heißen soll, daß es nur links sei, weil es PDS-Blatt ist, dann wohl auch nicht), „ein paar marodierende Alt-68er-Reste im WDR“ (genau, jene nämlich, die sich nicht saturiert und „an der Macht“ vorkommen, sondern für die Kultur immer noch Pluralismus bedeutet und nicht Zementgarten), „die SPD-Parteizeitung Frankfurter Rundschau. Und an guten Tagen Jürgen Trittin.“ An jenem Tag, als er Laurenz Meyer als Skinhead bezeichnete zum Beispiel. Da rebellierte er gegen den gleichmacherischen Phrasenkodex und sagte die Wahrheit, auch wenn sie ihm fast die Macht gekostet hätte. Und dann gibt es noch DIE BRÜCKE, das „Forum für antirassistische Politik und Kultur“ aus Saarbrücken, eine Zeitschrift, die kompromißlos links ist (die aber leider kaum jemand kennt, weil sie nicht zur „etablierten“ Medienlandschaft gehört, sondern zu jenen Organen, die für den SPIEGEL und Konsorten gar nicht existieren), sowie die GRASWURZELREVOLUTION aus Münster, DIE BEUTE und die (etwas bekanntere) Wochenzeitung FREITAG aus Berlin oder auch WESPENNEST aus Wien, eine Kultur- und Literaturzeitschrift mit original 68er Geist, die bei der letzten Mainzer Minipressenmesse den V. O. Stomps-Preis erhalten hat, ein Preis, der noch wirklich links ist, der linke Bemühungen in der linken Ecke der deutschsprachigen Literatur, genauer: im anti-globalistischen Kleinverlags- und -zeitschriftennetzwerk, belohnt und nicht, wie andere etablierte Literaturpreise, an immer dieselben saturierten Gemüter verliehen wird, die doch keines Preises mehr bedürfen, da sie nur noch Kulturmacht ausdrücken. Der SPIEGEL, schreibt Tiedje, ist nicht mehr links, weil „die Linke, deren Sozialismus so armselig gescheitert ist, das nicht auch noch jede Woche im ‚Spiegel’ lesen (will)“. Möglich. Aber darum geht es nur marginal. Denn „die Linke“ sind nicht mehr nur die Altsozialisten und Urgrünis, sondern die vielen kleinen kritischen kulturellen und politischen Gegenbewegungen, die es nach wie vor gibt, die aber zeitweise verzweifelt auf der Stelle treten, weil sie in einer macht- und imagefixierten Mediendemokratie nicht zur Kenntnis genommen werden. Früher war der SPIEGEL links, ja; früher kam Rudi Dutschke im SPIEGEL, und die entstehende junge Alternativbewegungen mit ihren Sit-ins und Zeitschriften und Zentren fanden im SPIEGEL ihr Organ. Damals haben meine Eltern geheiratet und den SPIEGEL zu abonnieren begonnen. Und jetzt haben sie, wie auch so viele andere Leser der „etablierten“ Medien, den Eindruck, daß es keine linken Organe mehr gibt, keine eigenständigen klugen individualistischen Zeitschriften und kein politisches Interesse. Ich aber, der ich in der literarischen Gegenkultur tätig bin, sehe das Gegenteil: es gibt sie, die progressive Linke anno 04, nur wird sie nicht gesehen, weil sie nicht bis zur Schnauze des SPIEGEL hochreicht. Und manchmal ist die Schnauze der taz schon genauso hoch oben. Es ist nicht links, etwas Pro-Grünes und etwas Anti-Amerikanisches von sich zu geben. Jedenfalls nicht nur. Wer links sein will, sollte die demokratische Universalität nicht vergewaltigen. Die Lektüre von CICERO ist sehr wohltuend, denn einen „CICERO-Sprech“ gibt es hier nicht - noch...? Ní Gudix |
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