| »Es
gibt keinen zweiten Nazim im Gedicht des Jahrhunderts. Für
mich ist er das Zeichen der Liebe und des Kampfes.«
Pablo Neruda, 1963
Nazim
Hikmet, geboren 1902 in Saloniki, aus aristokratischer Familie stammend,
Enkel des Dichters Nazim Pascha, gestorben 1963 in Moskau, gehört
mit Wladimir Majokowski, Luis Aragon, Pablo Neruda, Jannis Ritsos
zu den größten Weltdichtern des 20. Jahrhunderts. Ihm
widmete die UNESCO das Jahr 2002.
Die
Verse Nazim Hikmets, der lebenslang überzeugter Kommunist war
und ein Viertel seines Lebens im Kerker, ein weiteres Viertel im
Exil verbringen mußte, wirken in ihrer ursprünglichen
Frische weiter - in über fünfzig Sprachen. Gerade gegenwärtig
manifestieren sie den Blütentraum auf Brot, Freiheit und Frieden.
Sie bekrakeln nicht den Raum, sondern überqueren Berge.
Der
Enthusiasmus ist Hauptelement in Hikmets Versen, die der dialektische
Materialismus durchzieht. Sie sprechen jeden an: den radikalen Revolutionär
genauso wie den verliebten Proleten, den pessimistischen Paria ebenso
wie den optimistischen Opponenten, den städtischen Intellektuellen
wie den analphabetischen Bauern gleichermaßen.
Nazim
Hikmet empfand zutiefst die Freuden und Leiden von Menschen, die
er nie sah und kannte, verwandelte seine Gefühle in Elegien
und Epen. Er proklamierte die freie und lebensnahe Strophenzeile
anstelle des metrischen Verses und der höfischen Diwan-Lyrik.
Neben Poesie schrieb er erzählerische Prosa, Theaterstücke,
Romane, Märchen, Kritiken und politische Essays (u.a. „Der
Deutsche Faschismus und Rassismus“).
Autobiographie
1902
kam ich zur Welt.
An meinen Geburtsort kam ich nie wieder,
ich kehre nicht gern um.
Mit drei Jahren war ich in Aleppo Pascha-Enkel,
mit Neunzehn Student an der Kommunistischen Universität Moskau,
mit Neunundvierzig wiederum in Moskau als ZK-Gast der Partei,
und seit meinem vierzehnten Lebensjahr schmiede ich Verse.
Mancher Mensch kennt die Arten der Gräser,
mancher die der Fische,
ich die Eigenart des Lebewohls.
Manche wissen die Namen der Sterne auswendig,
ich zähle die der Sehnsüchte.
In Kerkern saß ich und übernachtete auch in Grand-Hotels,
hielt Hunger aus, Hungerstreiks inbegriffen,
und es gibt kaum Speisesorten, die ich nicht kostete.
Mit Dreißig wollte man mich hängen,
mit Achtundvierzig mir den Friedenspreis verleihen,
den ich auch erhielt.
Mit Sechsunddreißig legte ich in einem halben Jahr
den vier Quadratmeter Beton zurück.
Mit Neunundfünfzig flog ich von Prag nach Havanna
binnen von achtzehn Stunden.
Lenin habe ich nicht mehr erlebt,
hielt doch 1924 Wache an seiner Bahre,
seine Bücher sind das Ehrenmal,
das ich 1961 besuchte.
Man wollte mich von meiner Partei trennen,
ist danebengegangen,
unter stürzenden Götzen wurde ich auch nicht überwältigt.
1951 fuhr ich mit einem jungen Freund auf dem Meer
dem Tod entgegen,
lag 1952 vier Monate auf dem Rücken,
wartete mit einem Herzriß auf den Tod.
Wie verdreht war ich eifersüchtig auf die Frauen, die ich liebte,
habe Chorlot aber nicht im geringsten beneidet.
Ich betrog meine Frauen,
doch sprach hinterrücks über meine Freunde nicht.
Ich trank, ohne Trinker geworden zu sein,
bin stolz,
mein Brot im Schweiße meines Angesichts verdient zu haben.
Ich schämte mich für andere und mußte lügen,
habe gelogen, um andere nicht zu quälen,
aber auch ohne ersichtlichen Anlaß habe ich gelogen.
Im Zug reiste ich, im Auto und Flugzeug,
die Meisten können das nicht,
Ich ging in die Oper,
die Meisten können das nicht,
haben von der Oper nicht eine dem Namen nach gehört,
seit 1921 vermeide ich aber die Stätten,
welche die Mehrheit besucht:
Moscheen und die Kirchen,
Tempel und Synagogen und Hexenmeister,
doch hin und wieder ließ ich mir den Kaffeesatz deuten.
Meine Bücher erscheinen in dreißig bis vierzig Sprachen,
sind in meiner Türkei in meinem Türkisch verboten.
An Krebs erkrankte ich bisher nicht,
was auch nicht unbedingt sein muß.
Premier oder dergleichen werde ich durchaus nicht,
es liegt mir auch nichts daran.
Fernerhin erlebte ich den Krieg nicht,
mußte um Mitternacht nicht in die Luftschutzräume flüchten
und auch nicht die Flucht ergreifen
unterm Beschuß von Stukas,
gegen Sechzig aber habe ich mich verliebt.
Kurzum, Genossen,
sollte ich heute hier in Berlin vor Kummer zugrunde gehen,
kann dennoch behaupten,
ich habe menschlich gelebt auf dieser unserer Erde.
Wer weiß,
wie lange ich noch zu leben
und was ich noch alles zu erleben habe.
Diese
Autobiographie wurde am 11. September 1961 in Ostberlin geschrieben
Blaue
Veilchen, hungrige Freunde
und das goldäugige Kind
Bruder
Dichter, auch wir
haben hier
etwas über die Liebe zu sagen.
Von diesem Übel ahnen auch wir eine Spur,
ein klein wenig nur...
Mit lauthals jubelndem, närrischem Schrei
aus voller Kehle ging der Sommer vorbei,
wie ein gelber Zug
mit hölzernen Wagen
und dem Geruch nach Schweiß, Tabak und Heu.
Ich
jedoch
wünschte, er käme noch
und brächte in roter Kupferschale
mir heiße Milch.
Aber was hilft's,
so kam der Sommer nicht,
so kommt der Sommer nicht,
nicht so – zum Teufel! – so nicht!
Ach
du,
Tochter, Mutter, Schwester,
ach du
mit sonnenumwehter Stirn,
mein goldäugiges Kind,
mein goldäugiges Kind!
Mit
lauthals jubelndem, närrischem Schrei
aus voller Kehle ging der Sommer vorbei,
und nicht mal ein Veilchensträußchen
brachte
ich
dir!
Was sollte ich machen?
Hunger hatten die Freunde,
das Veilchengeld nahm ich dafür.
Brief
an meine Frau
11.
November 1933, Zuchthaus Bursa
Meine
Einzige auf der Welt!
Du schreibst mir
in deinem letzten Brief:
“Mein Kopf zerspringt,
mein Herzschlag stockt,
wenn sie dich hängen,
wenn ich dich verliere,
sterbe ich."
Meine
Frau! Du wirst leben,
mein Bild wird sich wie schwarzer Rauch
im Wind
verlieren.
Du wirst leben,
gewiß, das ist wahr,
meines Herzens rothaarige Schwester du!
In unsrem Jahrhundert
beweint man die Toten
länger nicht
als ein Jahr.
Der
Tod,
ein Gehenkter am Galgen –
solch einem Tod
stimmt mein Herz nicht zu.
Doch glaube mir, Liebste,
wenn eines armen Zigeuners
dunkle, behaarte Hand,
einer schwarzen Spinne gleich,
mir den Strick um den Hals legen sollte,
wird niemand
in den blauen Augen Nazims
den leisesten Schimmer von Furcht erspähen.
Im Zwielicht meines letzten Morgens
werde ich meine Freunde sehen
und dich,
und nur den Schmerz um ein unvollendetes Lied
nehme ich
mit ins Grab.
Meine
Frau, meine Liebste,
meine zärtliche, goldene Biene
mit Augen, süßer als Honig!
Warum schrieb ich dir so, als verlangte man
meinen Tod?
Der Prozeß hat erst angefangen,
und den Kopf eines Menschen kann
man nicht einfach abreißen, wie eine Frucht.
Denk nicht mehr daran!
Das ist alles ganz ungewiß.
Wenn du Geld hast,
kauf mir warme Unterwäsche,
mich plagt das Rheuma im Bein.
Und vergiß
niemals: Eines Häftlings Frau
muß immer voll guter Gedanken sein!
Der
blauäugige Riese, die winzige Frau
und Jelängerjelieber
Es
war ein Riese mit Augen so blau,
der liebte eine winzige Frau,
die konnte es gar nicht erwarten,
in einem knallbunten Garten
in ein ganz winziges Haus zu ziehn,
umrankt von Jelängerjelieber.
Er
liebte so, wie ein Riese liebt,
und nur an gewaltigen Dingen
hatte er seine Riesenhände geübt!
So konnte es ihm nicht gelingen,
in einem knallbunten Garten
so ein ganz winziges Haus zu baun
oder zum Türchen hineinzuschaun,
umrankt von Jelängerjelieber.
Es
war ein Riese mit Augen so blau,
der liebte eine winzige Frau,
eine ganz besonders winzige Frau.
Sie wollt ein behagliches Leben genießen
und verging auf der Riesenstraße des Riesen!
Sie
sagte adieu zu den Augen so blau
und wollte nicht länger warten,
trat am Arm eines reichen Zwerges hinauf
in einen knallbunten Garten,
in ein besonders winziges Haus,
umrankt von Jelängerjelieber.
Da merkte der Riese am Ende,
daß es für einen Riesen, der liebt,
nicht einmal eine Grabstelle gibt
in einem knallbunten Garten,
in einem besonders winzigen Haus,
umrankt von Jelängerjelieber.
An
die Schriftsteller Asiens und Afrikas
Meine
Brüder,
sind meine Haare auch blond,
bin dennoch Asiat.
Sind meine Augen auch blau,
bin ich doch Afrikaner.
Auch bei uns werfen die Bäume
Keinen Schatten auf ihren Stamm,
genau wie bei euch.
Zwischen den Zähnen der Löwen steckt unser Brot,
Drachen belauern die Quellen,
du stirbst ehe du fünfzig bist,
genau wie bei euch.
Sind
meine Haare auch blond,
bin ich dennoch Asiat.
Sind meine Augen auch blau,
bin ich doch Afrikaner.
Auch bei uns können achtzig Prozent nicht schreiben,
Die Gedichte fliegen als Lieder von Mund zu Mund
und werden manchmal Fahnen,
genau wie bei euch.
Meine
Brüder,
spannen wir unsre Lieder
zu den halbverhungerten Ochsen,
daß sie mit ihnen die Erde umbrechen
und bis an die Knie im Schlamm
durch Reisfelder waten!
Alle
Fragen stellen muß unser Gedicht,
anzünden jedes Licht,
ein Meilenstein
auf jedem Weg sein!
Unsre Verse müssen den lauernden Feind
als erste entdecken
und auf Tamtams trommeln im Dschungel!
Und solange es auf der Erde
noch ein einziges ausgebeutetes Land,
noch einen einzigen Sklaven gibt,
solange am Himmel noch eine Atomwolke steht,
müssen sie alles geben für die Freiheit
Gedanken, Seele und Herz.
Spanien
Spanien,
du unsre Jugend,
Spanien, du dunkle Rose, aus unsren Herzen erblüht,
Spanien, du unsre Freundschaft in Todesnacht,
du unsre Freundschaft im Glanz unsterblicher Hoffnung,
deine Ölbäume waren zerschunden,
deine Erde zerrissen von tausend Wunden...
Unter
uns gibt es heut bereits Sechzigjährige,
viele in alle Winde verstreut
oder seit langem schon
nur eine Handvoll Staub.
1939 fiel Madrid –
wieviel Süßes und Bitteres
erlebten seither die Menschen mit.
1939 ist Spanien gefallen –
und 1962
erhob sich die Stimme des Zorns
in den Bergwerken von Asturien,
und in Bilbao, wo der Schimmer der Hoffnung
nie ganz erloschen war.
Spanien, unsre vergangene Jugend,
Spanien, immer noch unsre Jugend,
Spanien, Schicksal du von uns allen.
Das
kleine tote Mädchen
Ich
klopf an deiner Türe an,
– bei wieviel Türen ich schon war! –
wenn mich auch keiner sehen kann;
denn die Toten sind unsichtbar.
Ich
lebte in Hiroshima
Das ist zehn Jahre her
Jetzt bleib‘ ich für immer sieben Jahr‘
Tote Kinder wachsen nicht mehr.
...
Leis’ klopf ich an eure Türen
Gebt mir eure Unterschrift
Dass es nie mehr Kinder trifft,
dass nie mehr Kinder verbrennen,
und dass sie Bonbons essen können
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