KULTUR-ATELIER

ID ohne IDNR

Von Goranka Rocco


Essen, den 20. Mai 2021

Sehr verehrter Herr Wittenchen,

Sie werden sich sicher wundern, diesen Brief, den letzten verzweifelten Versuch, mir Gehör zu verschaffen, auf der Treppe vor Ihrer Privatwohnung zu finden, und sich fragen, aus welchem Grund er aus zittrigen, ungeraden, mit Lippenstift gemalten Wörtern und Sonstigem besteht, und womöglich auch daran Anstoß finden, dass er auf zerknittertem und halb zerknabbertem Papier geschrieben ist und vielleicht sogar etwas übel riecht.

Ich, Roberto Grilli, geboren 01.01.1970 in Cosenza, Italien, wohnhaft seit zwanzig Jahren und bis 14. Januar d.J. in Essen, Schornstr. 42, und seit ungefähr diesem Datum anscheinend arbeits-, obdach- und identitätslos, bitte Sie aber aufs Herzlichste, diesem meinen Schreiben trotz seiner (und meiner) Unansehnlichkeit einen Augenblick Ihrer wertvollen Zeit zu widmen.

Warum ich mich ausgerechnet an Sie wende, werden Sie mit etwas Geduld in den folgenden, mühsam entstandenen Zeilen erfahren.

Alles fing an, als ich am 3. Januar meinen Zahnarzt, Herrn Höhner-Schnabel, aufsuchen wollte, um mich einem kleinen Schönheitseingriff zu unterziehen. Damals war ich als Vertriebsassistent bei HIERANDNOW AG in Essen beschäftigt und achtete selbstverständlich ganz penibel auf mein Äußeres. An diesem Morgen also musste ich, nachdem ich meine Chipkarte in die Eingangstür schob, zunächst überrascht feststellen, dass auf dem Monitor (nach den üblichen Meldungen wie OCSY knackiges Pfannengemüse mit Mayo, Afrikakids in Not – jetzt spenden & mit Promis chatten, 2 Jahre seidenglatte Waden mit EYRE6 usw.) plötzlich IDNR INEXISTENT erschien. Nach etwa zwanzig Minuten gelang es mir zwar dank einer Dame mit mexikanischem Hut, die gerade hinausging, in das Gebäude einzudringen, doch am Kartenleser des Fahrstuhls musste das Vorhaben endgültig scheitern, wollte der Automat doch nichts Anderes als das besagte INEXISTENT von sich geben. Dasselbe ereignete sich anschließend vor der Eingangstür meiner Firma. Da die Chancen, jemanden zu treffen, der mich kennt und sich dann noch zu dieser Uhrzeit vor dem Eingang aufhält, lächerlich gering waren, ging ich sogleich zum benachbarten Trinkshop, dann noch zu einem Autohändler und einem Imageberater, doch immer mit demselben Ergebnis. Müßig zu sagen, dass ich mir bei der anschließenden Hetzjagd durch die Stadt weder ins Bürgeramt, noch ins Amt für Tief- und Hochverkehr, Zahnprofilaxe oder Kirchenaustritte Zugang verschaffen konnte, und auch nicht ins Bankgebäude. Ich versuchte es trotzdem immer wieder, bei zunehmender Kälte und sinkendem Mut, kaum zu schweigen von vollkommen durchnässten Schuhen und Schnürsenkeln.

Als ich am späten Nachmittag noch einmal alle Möglichkeiten erwog, bot sich noch eins: Mich an ein Bestattungsinstitut zu wenden. Als ein mit Katzenfutterwerbung beklebter Wagen an mir vorbeizog, erinnerte ich mich nämlich an das Rentnerpärchen von nebenan. Welches Rentnerpärchen sich in monatelanger Unschlüssigkeit, ob dessen verstorbener Katze eine Balsamierung oder Einäscherung besser bekommen würde, an etliche Bestattungsdienste gewendet hatte, zweimal auch in meiner Begleitung. Wobei es mir ganz nebenbei auffiel, dass die Kartenleser der erwähnten Institute gerade eben die erloschene IDNR verlangten.

Nur, alle waren längst geschlossen. Was mich auch nicht sonderlich verstimmte; vielmehr war mir an jenem ersten Abend meiner neuen Existenz, wenn man es so ausdrücken kann, der Gedanke, dort Rat zu suchen, noch etwas unheimlich.

Diese erste obdachlose Nacht, oder besser: damals noch vermutlich mit Obdach aber ohne Zugang zu demselben, verbrachte ich noch relativ bequem. Es gelang mir, in einem Sit-In vor dem Arbeitsamt unterzutauchen und, erschöpft wie ich war, relativ schnell einzuschlafen, den Kopf auf einem fast wasserdichten 50-Stundenwoche für Familienväter, die Füße auf einem dünnen Rettet den Citypark, den Oberkörper auf einem Keine Macht den Langzeitrentnern und einem Auch Langzeitrentner sind Menschen, deren Besitzer sich anscheinend bis in die Ohnmacht gegenseitig auf den Kopf eingeschlagen hatten und nun leblos neben mir lagen.

Am nächsten Morgen blieb mir also nur noch eins übrig. Und was ich in jenem eher herzlos eingerichteten Bestattungsunternehmen erfuhr, war zwar nicht besonders viel, doch ausreichend, um die Angelegenheit nicht mehr für einen leicht behebbaren Verwaltungsfehler zu halten. Als der dortige Angestellte endlich begriff, dass ich weder Angehöriger noch Nachbar eines verstorbenen IDNR-Besitzers, und auch nicht Sanitäter, Sozialarbeiter oder Mitarbeiter der Bahnhofsmission bin, sondern ein laufendes Exemplar erloschener IDNR, fuhr er nicht gerade entgegenkommend fort: Es sei ausgeschlossen, illusorisch, unerhört, eine - durch welche Todesursache auch immer, und ob der Betroffene diese anerkennen möge oder nicht - aus dem Verkehr gezogene IDNR wiederbeleben zu wollen, und übrigens sei es in der Praxis dieses Instituts sowie jeder denkbaren privaten oder staatlichen Einrichtung weder üblich noch erwünscht, und vielleicht gar unmöglich, sich mit unbelebten Entitäten, den so genannten Inhabern erloschener IDNR zu unterhalten oder diesen jedwede Auskunft zu erteilen. Ich möge also sofort das Institut verlassen (und an dieser Stelle fing der nicht unbeleibte Herr an, mich mit einem Besen in Richtung Ausgang zu schubsen) und mich möglichst schnell und unauffällig den Fakten stellen. Mein Outfit und Slang ließen übrigens ohnehin kaum daran zweifeln, dass es sich um ein auslaufendes Modell, ein Phantasma handele.

Dies war, sehr verehrter, lieber Herr Wittenchen, mein einziger Gesprächspartner in den langen Wochen, in denen ich diesen Brief schreibe, dies war also der letzte Innenraum, in dem ich mich seit dem Wandel meines Lebens befunden hatte. Und allmählich wurde mir auch klar, was ich nun alles nicht mehr kann: weder mit dem Fahrstuhl fahren noch Obst und Gemüse kaufen oder Eiskunstlaufen verfolgen, weder Bücher kaufen noch mit der Bahn fahren, und folglich auch nicht mehr in der Bahn Bücher kaufen, was mir immer so viel Spaß bereitete. Und auch keine Zahnärzte, Kinderpsychologen, Psychiater, Psychopaten oder sonstige Mediziner, Fußpfleger oder Steuerberater stehen einer unbelebten Entität zur Verfügung. Dieser eingangs erwähnte Roberto Grilli war Kettenraucher und hatte einen ungeheuren Appetit - ich rauche nicht mehr, trinke nachts heimlich Fontänenwasser und muss mich für das Essen mit Obdachlosen arrangieren, die mich übrigens Dingsbums ohne Chip, Dingsbums ohne Dings oder einfach Dingens nennen. Wenn sie gut gelaunt sind, treten sie mir Teppichreiniger und Autostaubsauger ab, welche sie neben Brot und Kaogummis mit ihrem Obdachlosenchip bekommen und welche ich dann gegen vergammelte Lebensmittel eintausche. Wobei sich auch immer wieder einer findet, der mich überbieten kann, so dass ich manchmal stundenlang in Fischeingeweide und Vergleichbarem herumwühle, um darin Essbares zu finden. Meine Kriterien sinken zusehends, ich weiß selbst nicht recht, ob ich Mann, Frau oder Dingsbums bin, und bei jeder Stufe, die ich hinuntersteige, muss ich an diesen Herrn Grilli denken, der wöchentlich Matratzen umdrehte, täglich Kleiderschränke lüftete und seine Untergebenen jeden Morgen mit SagrotanPlusPlus einsprühte, der sich, als er einmal einen rosafarbenen künstlichen Fingernagel im Salat fand, derart empörte und Alarm schlug, dass er das gesamte Küchenpersonal des Restaurants gegeneinander aufgebracht hatte. Und der andauernd schriftliche Beschwerden verschickte - ob nun wegen schlechten Empfangs bei Eiskunstlaufübertragungen oder wegen wackeliger Tischbeine und Hähnchenschenkel.

Sehr geehrter Herr Ansprechpartner, in diesem Moment, in dem mir auch noch mein einziges Schreibwerkzeug ausgeht, nämlich jener wahrscheinlich schon erwähnte und in der Nähe der Bahnhofstoilette aufgetriebene Lippenstift, und ich, um mich Ihnen weiter mitteilen zu können, zu den mit meinen immer längeren Fingernägeln ausgeschnipselten Zeitungsbuchstaben übergehe, ist es vielleicht an der Zeit, Sie aufzuklären, weshalb ich gerade Sie um Hilfe zu bitten versuche.

Sie wissen ganz bestimmt noch besser als ich, verehrter Herr und Freund, dass ich, um irgend eine Instanz auf meine fehlende IDNR aufmerksam zu machen, dieselbe zum Telefonieren, Tippen und Post schicken benötige, sowie um persönlich dorthin zu gelangen, wo die jeweils verehrte Instanz zu sitzen pflegt. Und da Sie vor etwa zwanzig Jahren oder genauer in unserem bei meinem ersten Besuch der Essener Anmeldebehörde stattgefundenen Gespräch ganz beiläufig erwähnten, gegenüber dem Frauen-Soccerclub zu wohnen, sind Sie für mich der einzige Behördenmitarbeiter, dem ich überhaupt einen Brief vor die Eingangstür legen kann.

Lieber Herr Ansprechpartner, bevor ich Sie um diesen einen großen, enormen Gefallen bitte, möchte ich noch zweierlei sagen. Zunächst, dass dieser mein mutmaßlicher Vorgänger namens Grilli, wer immer er gewesen sein mag, sicherlich auch ein sich zur Demokratie, Tradition und Privatfernsehen, Leistung, Menschenrechte, Fastfood und Meinungsfreiheit und gegen Schmarotzentum und soziales Elend bekennender, ein vollständig integrierter, unauffälliger, guter Bürger, ein dynamischer, teamorientierter, eigenständiger Mitarbeiter war, ein zur aktiven Bevölkerung gehörendes Teilchen, das mit Regelmäßigkeit und Freude seine Steuern bezahlte - also einer, der bestimmt einer Nachfolgeidentität würdig gewesen wäre. Und zweitens, dass mir einige Buchstaben, vor allem W und V, langsam ausgehen und andererseits eine Menge H zur Verfügung stehen, was dem Besuch des verehrten Herrn Hans Hebel in der hessischen Hauptstadt zu verdanken ist, der von allen Zeitungen mit Interesse verfolgt wurde. So dürfte es im Folgenden mit der Ausdrucksweise etwas happern, was Sie mir, so hoffe ich, nicht allzu sehr herübeln herden.

Es hird immer kälter, ich nicke immer hieder ein und heiß im Moment auch nicht mehr genau, horauf ich hinaus hollte, doch hahrscheinlich lag es mir am Herzen, Ihnen zu sagen:

Man mag diesen Herrn Roberto Grilli auch mit Recht ausgelöscht haben. Hie es dem auch sei, möchte ich mich ihm aber nicht anschließen - ihm bestimmt nicht!

Oder anders ausgedrückt: Hie immer dieses mir nur flüchtig bekannte Indihiduum seine Tage beendet haben mag, und sollte man ihm jemals auf die Spur kommen oder gar sein Grab entdecken, so möge er in Frieden ruhen. Ich bitte Sie aber ganz herzlich, dieser für mich äußerst unangenehmen Herhechslung nachzugehen und mir - hie immer Sie mich zu nennen, und helche Steuerklasse immer Sie mir zuzuheisen belieben -, meine Identität zurückzugeben oder überhaupt eine IDNR zu erteilen, sei es auch nur die eines Zimmermädchens, Rentners oder Rugbyspielers.

Hoffnungserfüllt und hochachtungsholl

H


***


Schorf

Von Ulrich Bergmann


Sarah lachte laut in die dünne Luft der sommerlichen Gedanken. Er will keine anderen Götter haben neben sich, denkt er. Sarah lachte ihn aus.

Sarahs Stimme hell vor ihm. Sie stand in einer Gruppe, alle ohne Gesicht. Sarah sah Chris mit geschlossenen Augen an. Aber er sah nicht viel, Salz kitzelt den Kehlkopf, es kratzt die Seele aus der Gurgel, Sarahs Haut zischt auf dem Bein ganz weiß nach oben, rot untermischt von ihrer Stimme. Immer noch fließt die Gruppe in seine Augen. Er sagte leise: Geh jetzt nicht weg!

Sarah sprang im Salz.

Diese Dinge sind nicht irreal, sie sind möglich, das wissen alle, sie sind geheimnisvoll, aber sie ereignen sich täglich, an vielen Orten, die sich nicht kennen. Du langweilst dich doch mit dir selbst, dachte Chris, geh mit Sarah ins Kino.

Was?

Chris spielte mit sich. Wer so sehr spielt, kann verlieren, sich selbst, oder gewinnen, einen anderen. Aber nur, wenn einer gut verlieren kann. Dann gewinnt er sich auf andere Art sogar wieder.

Er gewann. Er ging mit Sarah ins Kino. Sie sah ihn die ganze Zeit an. Er war ihr Film. Er sah stur zur Leinwand, dachte Sarah weg, er wusste, dass sie ihn die ganze Zeit anstarrte, er fand das nicht falsch, es gefiel ihm, dass er nicht darauf reagierte. Er wollte unter der dunklen Kinokuppel nicht mit Mund und Händen reden. Er fand toll, wie er sich beherrschte, wie er sich hier noch einmal steil nach oben trieb. Das merkte sie nicht, sie konnte das gar nicht wissen, nicht einmal ahnen. Aber er unterschätzte seinen Körper, er wusste damals noch nicht, dass der ganze Körper denkt. Das Hirn ist ja nur ein kleiner Teil des Körpers.

Sie gingen nach Hause, die Nacht war mild. Er hatte kein Bier getrunken, im Kopf aber schwappte der Lappen, die Zunge im Hirn, alles in ihm lallte, er war blind und sprang aus den Augen. Vor ihm Sarah in der weißen Bluse. Im tiefblauen Rock steckte die Hüfte. Er griff in die Henkel am Leib und hob die lebende Skulptur hoch, da schrie sie wieder auf, das Salz lachte Schaum in die Nacht, es wurde alles weiß, sie liefen auf Schnee zurück in ihre Zukunft.

Mitten auf der Straße wuchs ein altes Haus aus dem Asphalt, sie stiegen die Treppe hinauf in den Windfang, die Haustür stand offen, er trug sie über die Schwelle. Dann fielen sie ins Bett. Chris spürte, wie er immer stärker wurde und sich vor lauter Spannung nach innen bog, bis die Spitze sanft in den Nabel stieß. Sarah lag hinter ihm. Sie schaute in den Flur.

Die Dinge sagen sich alle selber, dachte Chris, das Leben eine Formel des Nichts, wie eine Gleichung - links steht dasselbe wie rechts. Er sah zum Fenster hinaus auf die Straße, da fiel der Tag durch das Glas ins Zimmer, ein umgestülptes Nichts. Alles kann sich ereignen, dachte er, das Jetzt, das Immer und Nie, es ist ja genug Zeit und Raum da, durch alle Zustände zu gehen, auch die unmöglichen.

Chris stand auf einer hohen Leiter in der linken oberen Ecke eines hohen Bücherregals, direkt unter der Zimmerdecke. Das war weit oben! Er hatte keine Angst vor dem Fall. Unter ihm war alles viel zu klein. Eine helle Lampe, die er über sich fühlte, strahlte den ganz schattenlosen Raum aus. Bücherregale an allen Wänden. Hinter ihm öffnete sich der Raum zu einem breiten Gang. Rechts unter ihm stand Sarah, über einen Tisch gebeugt und sprach. Er war tief in den Büchern seiner Ecke. Sarah sprach den Zauberberg.

Dann stieg er von der Leiter, lief an Sarah vorbei, ohne sie anzusehen, sie blätterte das Tischtuch um wie die Seite eines Buchs. Er lief durch den Gang. Ich bin allein. Hinter mir, wo ich herkomme, ist es hell, ich schaue mich um, und alles leer. Ich gehe zur verschlossenen Tür. Da wohne ich! Er hörte Schritte im Zimmer und lief weg, zurück in die helle Wohnung. Der Tisch ist weg. Auf dem Boden liegt die Seite des Buchs, rot verkrusteter Schnee!

Sie gingen weiter durch ihre kurze Nacht. Sarah lachte ihn aus. Das gefiel ihm. Es gefiel ihm, weil sie ihn fand. Weil er sie nicht suchte und sich doch in ihr wieder fand.

Mein Körper ist bei dir. Daher schwebe ich ein wenig.

Als sie sich verabschieden, nimmt sie seinen Kopf und gibt ihm einen Kuss auf die Stirn. Die schwere Zunge darin schnappt nach Luft und Flügeln.

Im schwarzen Wasser die Barke, dicht am Steg. Kein Tau hält dich fest in lautloser Sonnenflut. Das ist nicht der Rhein. Aber Venedig ist das auch nicht. Ich sehe keine Häuser, kein Ufer, nur die Bretter unter mir und das Boot auf dem eisglattschwarzen Wasser vor mir. Da sitzt Sarah und schaut ihn fest an. Sie trägt den tiefblauen Rock. Die Hände liegen auf den Knien. Sie sagt nichts. Keine Bewegung. Ihr Gesicht ist so jung und so schmal. Sarahs Gesicht zoomt nah heran, er sieht nur Augen und Mund, sonst nichts.

Sonnenstille.


***


Danziger Underworld

Von Ní Gudix

In Danzig war ich vier Tage lang, vom neunten bis zum dreizehnten September. Was suchte ich in Danzig?

Ich kam von Stettin. Am dreizehnten fuhr ich weiter nach Warschau.

Ich suchte nicht, ich fand. Ich kam von Berlin, wo ich mich in der Subkultur rumgetrieben hatte, wo ich meine Freunde wiedersah, die Dichter, Denker, Performancekünstler, Alkoholiker, Kiffer, Dealer, Buddhisten, Groß- und Kleinspinner. Ich kam von der Berliner Subkultur und wollte mir nun die polnische ansehen. Ohne Polnisch zu sprechen, ohne jemanden in Polen zu kennen. Ich hatte einen Sprachführer aus dem Jahr 1973 bei mir und einen Reiseführer mit Bildern. Und ich hatte Janoschs Autobiographie, Gastmahl auf Gomera, dabei. Janosch stammt aus Zabrze, Südpolen. Das war alles. Im Trolley waren nur Kleider zum Wechseln drin. Bedenken hatte ich zuhause gelassen, die konnte ich beim Reisen nicht brauchen. Ich freute mich auf das, was ich sehen würde; ich wußte, dass es etwas zu sehen geben würde, auch wenn ich nicht genau sagen konnte, was.

Vielleicht war es das. Dieses Offensein.

Stettin war nur Zwischenstation gewesen. Weil der Bus von Berlin aus nach Stettin fuhr. Ich blieb dort eine Nacht und fuhr dann weiter nach Danzig. Als hätte ich in Danzig einen Termin. Ich fuhr nicht einfach hin - etwas zog mich hin. Jemand.

Hamlet.

In Stettin hatte ich eine Zugfahrkarte erstanden, ohne ein Wort Polnisch zu können. Ich schrieb „1 Ticket: Szczecin - „Gdansk“ auf einen Zettel und schob den unter der Trennscheibe durch. Das funktionierte ohne viel Drumrum. Ich war euphorisiert. Nun musste ich nur noch herausfinden, wie man die Abfahrtspläne las. ODJAZDY und PRZYJAZDY stand über den Plänen. Ich hätte gern die Dame hinterm Schalter gefragt, wann und auf welchem Gleis ein Zug nach Danzig abführe. Aber ich verstand ja keine Zahlen. Ich blätterte in meinem Sprachführer. Odjazdy heißt Abfahrt, stand da. Aha. Ich baute mich vor der Odjazdy-Tafel auf und versuchte, daraus schlau zu werden. Ein nach Fusel riechender Penner mit Krücke kam auf mich zugehumpelt und hielt die Hand auf. Ich grinste. Wie sich rausstellte, sprach er Deutsch. Ich gab ihm ein paar Zloty, und als Gegenleistung erkundigte er sich für mich am Schalter, wo und wann der nächste Zug nach Danzig abfuhr und schrieb die Zahlen auf einen Zettel: 12.35 h, peron 2. Er klemmte sich die Krücke unter den Arm, hakte sich bei mir unter und lief (sein kaputtes Bein war mit einem Schlag wieder heil) mit mir zu Gleis 2, trieb einen Schaffner auf, half mir in den Zug und winkte lange. Ich suchte einen Platz in einem Abteil. Zwei Lümmel saßen drin. Sie halfen mir, meinen Trolley auf die Gepäcktrage zu hieven. Deutsch konnten sie nicht, aber ein bisschen Englisch, allerdings nicht sehr gut. Sie waren auf dem Weg nach Slupsk: das war alles, was ich verstand. Nach ihren Augen zu schließen, hatten sie lange nicht mehr geschlafen und wohl auch einige durchzechte Nächte hinter sich. Sie musterten mich neugierig und freundlich. Ich saß auf meinem Platz und lächelte zurück. Sie reichten mir einen Apfel, dann eine Mandarine, dann eine Dose Bier. Ich gab ihnen von meinen deutschen Schokoriegeln ab. Die Zigaretten ließen wir stecken: das war das Nichtraucherabteil. Wir rauchten einen Joint zum Fenster hinaus, und während ich in Fahrplänen blätterte, fläzten sie, die Beine quer durchs Abteil gehängt, auf den Sitzen und versuchten zu schlafen. Der Joint machte mich lockerer. Ich merkte, dass mich der jüngere der beiden Lümmel ständig ansah. Wenn sich unsere Blicke trafen, grinste er und sah zum Fenster raus. Ich beugte mich über eine polnische Landkarte und versuchte, die Käffer zu finden, an denen wir vorbeizockelten. Da spürte ich seine Knie an meinen, und sein Finger zeigte mir auf der Landkarte die Zugroute. Wir grinsten uns an. Sein Kumpel ächzte im Schlaf und stieß mit dem Kopf an meinen Arm, schreckte hoch und murmelte „sorry“ und wollte sich anders hinlegen, aber ich sagte „no problem, null problemski!“, und er ratzte wieder weg. Slupsk näherte sich. Wäre das nicht der Fall gewesen, wäre ich mit dem Jüngeren in der Zugtoilette gelandet. Die Atmosphäre war erotisiert zum Platzen, wie damals im Café Schliemann in Berlin, wo ich Absinth trank und kiffte und mich dann der Punk, der an unserem Tisch saß und den ganzen Abend schon die Hand in meiner Hose hatte, auf dem Schliemannklo von hinten nahm.

Die Lümmel schulterten ihre Adidastaschen und stiegen aus. Der Zug rukkelte wieder an. Ich ging auf die Toilette. Die Tür war angelehnt. Ich öffnete sie. Da stand ein Mann mit Bierdose in der Hand, die er erst vor mir verstecken wollte, dann aber, als er merkte, dass ich nicht der Schaffner war, hielt er nur den Finger auf die Lippen, grinste und nahm einen Riesenschluck.

Ich stieg eine Haltestelle vor Danzig Hauptbahnhof aus; warum, kann ich nicht sagen. Ein Vorort von Danzig. Zwei Schienen, ein Bahnhofshäuschen und - ganz klar - eine Apteka. Ich stand einfach da, rauchte ein paar papierossy und wartete auf einen anderen Zug, der mich nach Danzig brächte. Der kam. Ich walzte hinein. Wieder stand da ein neugierig grinsender Pole, der nach Bier roch. Er begann ein Gespräch auf englisch, wollte wissen, wen ich in Danzig besuchen wolle, wo ich da hinwolle, er könne mich hinbringen, er kenne sich aus. Ich sagte, das sei nicht nötig, weil ich keine Adresse hätte - ich müsse mir erst einen Platz zum Schlafen suchen. Mirek hieß der Mann, kurz für Miroslaw. Ob es nun an seinen beschränkten Englischkenntnissen lag oder daran, dass Mirek wirklich schwer von Kapée war: es dauerte eine Stunde, bis ich ihn los war. Er bestand darauf, mich sicher irgendwo abzuliefern; er war völlig aufgelöst, schien sich nicht vorstellen zu können, was mit mir geschehen solle, wo ich doch kein Wort Polnisch sprach und noch nie in Danzig war! Er zog meinen Trolley quer durch den Bahnhof, rannte zu x Auskunftsbüros, wo er auf Polnisch mit den Leuten dahinter sprach und auf mich zeigte. Ich wußte nicht, was ich hier sollte. Ich hatte keine Probleme! Mirek sah mich an und schüttelte den Kopf. Wir gingen über die Straße. Da war das Holiday Inn. Ich wollte protestieren: das konnte ich mir nicht leisten! An der Rezeption bat ich den Hotelier um die Adresse einer Jugendherberge in Danzig, die er mir gab. Mirek bestand darauf, mich dort hinzuführen. Auf der Straße knackte er eine Dose Zywiec für sich und eine für mich. Dann fanden wir die Jugendherberge. Ich buchte zwei Nächte. Endlich war Mirek beruhigt und ging.

Ich hatte für zwei Nächte bezahlt; doch die zweite Nacht sollte ich nicht hier verbringen, obwohl mein Koffer hier im Gepäckraum stand. Die zweite Nacht schlief ich bei Slawek Dmitrowski, der eine kleine Wohnung hatte in jenem Vorort, an dem ich zuerst aus dem Zug gestiegen war. Ich war auf Slawek gestoßen, als ich in Danzig herumirrte und die Post suchte. Ich hatte gehofft, sie beim Stadtbummel zu finden, aber ich fand sie nicht, und so suchte ich in meinem Sprachführer den Satz „wo ist hier bitte das Postamt?“ und sagte den vor allen möglichen Leuten auf. Die schickten mich in alle Richtungen, aber die Post fand ich immer noch nicht. Ein Polizist, der aussah wie Stalin, erklärte mir den Weg langsam und geduldig auf Englisch, und nach dieser Anleitung kam ich fast ans Ziel - aber nur fast. Irgendwo war ich falsch abgebogen. Der nächste wies mich wieder zurück zum Bahnhof, und dort stand plötzlich Slawek vor mir. Er zeigte mir das Postamt, half mir beim Briefmarkenkaufen und lud mich anschließend auf ein paar polnische Bierchen in einem Biergarten mit Holzbohlenboden ein. Es lag bestimmt nicht am Bier, dass wir uns so gut verstanden. Er sprach gut englisch, und wir saßen da, rauchten, tranken, schwätzten und lachten, als ob wir alte Freunde wären. Polnisches Bier ist eine ziemliche Plörre, und so lag es nicht am Suff, dass ich mit Slawek mitging - es lag daran, dass mir der Kerl wirklich sympathisch war. Wir sprangen in eine Tram, fuhren, stiegen wieder um, fuhren, stiegen nochmal um und waren dann genau da, wo ich schon mal war. Die Treppe runter, dann über Gras, Stufen, Trampelpfade zu einem Wohnviertel mit hässlichen klotzigen Hochhäusern. Einer der Klötze war ein Supermarkt, einer war die Policja, dann war da noch eine Apteka (schon die zweite innerhalb von hundert Metern!) und eine Bank. Slawek kaufte im Supermarkt Hühnchen und Bier und Zigaretten, und dann fuhren wir in seine Wohnung im siebten Stock in einem der Wohnklötze. Da saßen wir dann und machten da weiter, wo wir in dem „Restaurant“, wie er es nannte, aufgehört hatten. Und die Nacht blieb ich hier. Wir vögelten ein bisschen und schliefen dann nebeneinander auf seiner ausziehbaren Bettcouch.

Am nächsten Morgen gab es zum Frühstück Kawa, Kaffee, für mich und Bier für ihn. Dann fuhren wir wieder mit sämtlichen Trams zurück in die Innenstadt, zu der Jugendherberge, um mein Gepäck zu holen. Brachten das auf demselben Weg wieder zurück in die Wohnung. Natürlich fuhren wir schwarz. Slawek löste keinen Fahrschein, ich auch nicht, und ein Kontrolleur kam nie vorbei.

Oben wieder angelangt, rutschte die Stimmung etwas ab. Slawek knackte die nächste Dose Bier. Ich wollte raus. Ich fand es langweilig, in einer Wohnung hinter Danzig zu sitzen und Bier zu trinken, wo ich zum ersten mal in Danzig war und von der Stadt noch kaum was gesehen hatte. Ich wollte mir die Stiefel anziehen und spazierengehen, da packte mich Slawek plötzlich von hinten, riss mich hoch, warf mich auf die Couch, zeigte auf meine Schenkel und brüllte: „Open!“ „No!“ sagte ich, „spinnst du?“ Nein, Angst hatte ich keine, nicht vor Slawek. Vor zwei Jahren hätte mich mal fast ein Pizzafritze in Konstanz vergewaltigt, vor dem hatte ich wirklich Angst gehabt, den hatte ich in panischer Verzweiflung in die Eier treten müssen. Aber dies hier war damit nicht zu vergleichen. Ich sagte „no“, stand auf, nahm Slawek am Arm und nötigte ihn, sich hinzusetzen. Er fing an zu weinen. Ich streichelte ihn. Es gab noch mehr Bier. Später bekochte er mich.

Dann gingen wir spazieren. Slawek war sternhagelvoll, torkelte kichernd über die Wege. Ich hielt seine Hand und passte auf, dass er nicht vor ein Auto rannte. Ich kannte das; ich kenn meine Staffelberger, ich weiß, wann Alkoholiker im Suff wie drauf sind und wann man sie besser mit ihrer Pulle allein lässt.

An der Apteka am Bahnhof kaufte Slawek sich eine Spritze. Dann stiegen wir in den Vorortzug und fuhren zum Hauptbahnhof. Gdansk Glowny. Von dort bewegten wir uns ungleichmäßig herumschusselnd weiter, immer geradeaus. Slawek schien ein bestimmtes Ziel zu haben. Es regnete. Der Weg wurde immer holpriger, der Asphalt immer seltener, und bald stapften wir über matschige Grashügel und schlammige Trampelpfade auf eine Ansammlung von windschiefen und verfallenen Häusern zu, durchquerten Hinterhöfe, liefen schmutzige Gassen entlang und betraten schließlich durch eine marode, nur halb schließende Holztür einen Flur, in dem es dumpf roch. Im Dunkeln tastete ich mich hinter Slawek eine wacklige Treppe hoch. Oben war eine Tür, an die Slawek klopfte. Nach einer Weile ging die Tür auf, und ein unglaublich hässliches Gesicht sah uns an. Es gehörte einem Mann um die vierzig, mit Schnauzbart, Narben, Pickeln und bleicher Haut. Er und Slawek schienen gut befreundet zu sein, sie lachten und quatschten, Slawek ging in das Zimmer, in dem es unglaublich penetrant nach Fusel und alten Socken roch, stellte mich dem hässlichen Vogel vor und einer Frau, die in einem Sessel saß, Bier trank und fernsah. Der hässliche Typ holte mir und Slawek zwei weitere Bierdosen, ein Hocker wurde von Zeug befreit, damit ich mich setzen konnte, und da saß ich dann und lauschte der Unterhaltung und verstand kein Wort.

Nach einer Weile brachen wir zu dritt wieder auf. kauften in einem Laden nebenan noch mehr Bier, und ich stand da und war umringt von räudigen schmutzigen Kindern, die mich unverhohlen anstarrten. Dann trafen wir draußen auf einem der matschigen Grashügel noch mehr Typen, einer hässlicher als der andere, und allen wurde ich vorgestellt, und jeder zog erfreut Mundwinkel und Augenbrauen hoch und schüttelte mir die Hand. Trainspotting auf polnisch. Ein paar gaben mir sogar einen formvollendeten Handkuss.

Dann begaben sich Slawek, ich und der erste hässliche Kauz wieder zurück zum Hauptbahnhof, wo Slawek Drogen kaufen wollte. Wir liefen die Unterführung unter dem Bahnhof rauf und runter, rauf und runter und hielten Ausschau nach den Underground-Verbindungsmännern. Wir liefen immer mit einigem Abstand zwischeneinander. Der Hässliche lief vorneweg, drehte sich manchmal um und sagte was zu Slawek oder mir, dann lief er wieder weiter. Und plötzlich hielt ihn die Policja an. Slawek zog mich weiter. In einiger Entfernung blieben wir stehen und beobachteten die Szene. Dann ließen wir uns wieder vom Touristenstrom mitschwemmen. Als wir wieder an den beiden Beamten vorbeikamen, sahen wir, wie sie den Hässlichen packten und wegzerrten. Er sah sich nach uns um, erblickte Slawek, zog eine Grimasse und verschwand hinter den Polizisten. Slawek und ich gingen in die andere Richtung. Slawek traf eine alte Freundin, die sehr verlebt aussah. Wir setzten uns in eine bahnhofsinterne Wartehalle und warteten. Noch ein Freund tauchte auf, und wie sich rausstellte, war das der Drogenmann. Zu dritt gingen wir zu den Zuggleisen, betraten einen stehenden Vorortzug und gingen durch zu einem bestimmten Abteil, in dem einige abgewrackte Gestalten saßen und standen. Einer der Wracks hatte einen Strauß Rosen in der Hand, die er einzeln an Touristen verkaufte. Slawek ging auf ihn zu, zeigte auf mich, sagte: „Look, it’s a lady here!“ und dann dasselbe auf Polnisch, lachte und zog eine Rose aus dem Strauß, die er mir brachte. Der Junkie grinste mir müde zu. Slawek nahm dann die Spritze, die er vorhin gekauft hatte (für zwanzig Groszy, also fünf Cent) aus der Hosentasche und ließ sie von einem anderen Typen füllen. Mir war das egal. Harte Drogen nehme ich nicht, das Härteste, was ich je genommen hatte, war eine Nase Koks; aber Injektionsdrogen hatten mich noch nie gereizt, obwohl ich in Berlin auch damit in Kontakt gekommen war. Ich saß hier also da und sah Slawek zu, wie er sich die Spritze füllen ließ - es war mir gleichgültig, womit, ich würde nichts davon nehmen.

Es war Speed. Wieder zuhause in der Wohnung sagte Slawek, ich könne das Zeug haben. Ich wolle es nicht, erklärte ich. Er zuckte die Schultern und fiel auf die Couch, wo er sofort schlief wie ein Klotz. Alkoholikertiefschlaf. Jetzt hätte ich sogar mit Sack und Pack abhauen können, er wäre nicht aufgewacht. Ich dachte auch eine Weile darüber nach. Ich wollte weiterreisen und nicht ewig in Danzig festsitzen. Aber jetzt hätte ich nirgends hingekonnt. Zurück in das Hostel, das ja; aber wozu da noch eine Nacht zahlen, wenn die Nacht ohnehin schon fast vorbei war? Um sechs fuhr der erste Zug nach Warschau. Wenn Slawek bis da nicht wach wäre, würde ich mir ein Taxi nehmen und mich zum Bahnhof chauffieren lassen. Aber Slawek schuldete mir noch Geld. Ich hatte ihm am Morgen hundert Zloty geliehen, die er mir zurückgeben wollte, darauf legte er Wert.

Ich konnte nicht schlafen. Ich ging ins Nebenzimmer, schrieb einen Brief, kochte mir eine Tasse Kaffee, las, freute mich auf Warschau. Die Spritze voll Speed hatte ich versteckt. Als Slawek am nächsten Morgen erwachte, wußte er von unserer Drogenexpedition nur noch Bruchstücke. Vom Fusel wollte er nichts mehr wissen. Er rauchte hektisch, trank Kaffee, spülte, wischte, trug den Abfall runter. Er war auf Entzug. Seine Hände zitterten und er hatte Schweißausbrüche und entschuldigte sich ständig dafür. „Crazy guy“, nannte er sich, „crazy guy!“ Jetzt war er doch wochenlang trocken geblieben, aber dann, am Dienstag, hatte er einem Bierchen nicht widerstehen können, und dann war ich gekommen, und jetzt war schon wieder das ganze Geld versoffen, o mein Gott, wie kann man nur so blöd sein und ständig dieselbe Scheiße wieder und wieder machen! Er verfluchte sich. Wir warteten auf den Postboten, der ihm Geld per Einschreiben bringen würde. Es war Freitag, der zwölfte September. Wenn der Postler dagewesen war, wollten wir nach Sopot fahren, einem kleinen Städtchen an der Ostseeküste, das mit Danzig und Gdynia das magische Dreieck bildete.

Der Postbote kam nicht. Ich warf ihm vor, mich verarschen zu wollen. Er beschwor alle polnischen Geister, dass dem nicht so wäre, und flehte mich an, ihm zu glauben. Ich glaubte ihm. Wir warteten noch eine halbe Stunde, dann fuhren wir nach Sopot. Ohne Geld, ohne einen Zloty. Wir sprangen in die Tram, von dort in den Vorortzug und von dort in einen Bus und bummelten die putzige Sopoter Flaniermeile entlang. Wir bildeten zwischen den aufgeputzten Touristen und den niedlichen Cafés mit Sonnenschirmchen ein seltsames Paar: Slawek mit seinem Cowboygang, seinen räudigen Jeans und der Schildmütze, und ich mit einem alten T-Shirt, schmutzigen Reisehosen und der Tasche mit dem Pro-Haschisch-Aufkleber (den die Lümmel im Zug nach Danzig schon grinsend begutachtet hatten). Dann fuhren wir wieder zurück in Slaweks Wohnung, wo ein Bescheid von der polnischen Post im Briefkasten lag. Slawek triumphierte. „See“, sagte er zu mir, „see! I would not lie to you! Here’s my money coming, see!“ Er übersetzte mir den Wisch: am nächsten Werktag zwischen neun und zwölf Uhr sei das Geld am Postschalter abzuholen. Wir tranken Kaffee, rauchten Zigaretten und sprangen dann nochmal in das Set von verschiedenen Trams in die Danziger Innenstadt und bummelten dort die Flaniermeilen entlang. Danzig bei Nacht, der Neptunbrunnen, der Zurow Gdanski, das Rathaus, die malerischen Altstadtgassen. Um den Bahnhof machte Slawek einen großen Bogen. „Underworld, this“, sagte er zu mir, „crazy guys, not good for me now, see.“

Am nächsten Morgen stand Slawek um acht auf, wusch sich, rasierte sich und schmiss sich in Schale: dunkelrotes Hemd, dunkelblauer Schlips, dunkelblauer Anzug. Dann schlenderten wir Arm in Arm und in bester Laune zur Post - um feststellen zu müssen, dass sie geschlossen hatte. Entsetzen machte sich breit auf Slaweks Gesicht. Er zog den Benachrichtigungsbescheid aus der Tasche, studierte ihn erneut und stöhnte laut auf: die Klausel „w soboty zamyka“, „am Samstag geschlossen“, hatte er übersehen. Was nun? Slawek schwitzte und schluckte. Er hatte keinen einzigen Zloty mehr. Er würde ohne Bargeld über das Wochenende kommen müssen. „Das geht schon“, tröstete ich ihn, „du hast doch den Kühlschrank noch voller Essen, die Gefriertruhe auch, Kaffee ist auch da - was brauchst du denn?“ „Yes, no problem“, sagte er, „but it’s cigarettes I need, see? Where shall I suck at - my fingers?! Oh, oh, oh, crazy guy I am, fucking beer, no single zloty! You understand with me now?“ Ich verstand ihn, aber leihen konnte ich ihm nichts mehr, da meine Reisekasse beschränkt war und ich meine restlichen Zloty für Warschau, Krakau, Kattowitz zusammenhalten musste. Wir einigten uns darauf, dass er mir das Geld, das er mir noch schuldete, überweisen sollte.

Dann packten wir mein Zeug, und er brachte mich auf den Zug nach Warschau. Die Zeit, bis er abfuhr, bummelten wir noch einmal die Danziger Sehenswürdigkeiten ab, diesmal bei hellem Sonnenschein und mit Fotoapparat. Die Spritze voll Speed ließ ich am Zurow Gdanski unauffällig in einen öffentlichen Mülleimer fallen.

Dann rollte der Zug an. Slawek stand am Gleis und winkte lange. Er sah traurig und fertig aus. Das Geld ist bis heute nicht auf meinem Konto eingetroffen; aber das lag nicht an Slawek, das weiß ich sicher, sondern es muss irgendein Problem beim Überweisen gegeben haben. Wenn ich ihn bei meiner nächsten Danzigreise wieder treffe, werde ich das Problem beheben.

Three crazy days with the crazy polish guy im Danziger Underground für hundert Zloty, also zwanzig Euro, inklusive Essen und Schlafen? Was ich hier erlebt hatte, hätte ich mir nirgends kaufen können.