| Versuch
der Verteidigung
Geboren ward
ich
wie alle Menschen,
verlassen und zerbrechlich,
ohne Bewusstsein dessen,
was auf mich zukam,
miserabel ausgestattet
zum Überleben
des brutalen Zuschlagens des Lebens.
Sag ich die
Wahrheit,
mein Leben war seit damals,
seit jenem Datum,
ein ständiger Versuch, mich zu verteidigen.
Wie viele
Male wurde ich gegen
den harten Felsen geschleudert,
die Schläfe mit Blut besudelt,
wunderbar geretteter Schiffbrüchiger
des gewalttätigen Wellenschlags?
Heleno
Saña
***
Bleistiftzeichnung, 1946
Hände
auf dem Stoppelfeld: zwei Ochsenköpfe am Waldessaum
bis sie Körper, Deichsel, Rad und Karren werden
– wehende Schwanzwedel der langsam zur Biegung hin
verschwindenden Hinterteile – lassen das Kind
in-sich-gekehrt zurück
Es steht
mit dem Stachel von Schlangen an seinen
nackten Füßen:
ein einziges schmerzendes Herz, das klopft
Neben brotwarmen
Steinen, Telegrafenmasten
– Worte im Summen der Drähte –
geht das Kind, Leinensäckel voll Ähren in der Hand
durch die Öffnung am weißen Horizont
Sonntags
nach der Mehlsuppe
– Roggenkörner durch die Kaffeemühle gemahlen
Glocken läuten, unausdeutbare – hört es die Mutter
die buntköpfige Nadeln in die taubstumme Gestalt steckt
rufen:
Marsch in die Kirche!
In dem kalten
unbegreiflichen Raum – Heiligengesichter
an den Wänden
Engel aus überirdischen Schatten mit smaragden-violetten Bändern
sitzt das Kind im Matrosenanzug in einem Übermaß an Ruhe:
barhäuptiges Warten und krampfhaftes Schlucken
– Dominus vobiskum auf das Kyrie Gloria excelsis antwortend –
während ein netzbauendes Wesen wie eine Perle, ein Ganker
hochbeinig über sein Gesangbuch zittert
Reinhard
Bernhof
***
Fregatte
Du Seeschiff,
so zerstückelt
von herzloser Ehre der Meere,
hast deinen Tod geopfert
der Meerenge von Magallanes.
Nunmehr nur
noch Erinnerung
zwischen Fabel, Gezeiten und Reisen,
belebst du vergangenes Unheil.
Ankläger
grausamer Verwüstung.
Als du dein
starkes Vorschiff lenktest
an die Gestade der Buchten,
nahm der Wind eine schmucke Form an
inmitten der Schönheit von Magallanes.
Seeschiff,
einstmals so ruhmreich,
Darstellung des eisigen Windes,
trinkst du schon lange Polarluft,
die gelben Stunden der Stille.
Fregatte
namens Lord Lonsdale,
dein Rumpf ist nur noch rostfarben
und ruht stolz am Rand des Erinnerns
in diesem nicht vereisten Patagonien.
Die Dämmerung
wird graue Flügel dir schenken,
gegen Abend Frosteinfall
für deine Tränen des Orpheus.
Maruja
Scott
***
Tsunami
Es läuten
die Erinnerungen wie Glocken,
Ströme von Wasser, Tod,
Weinen und Heimtücke.
Die Natur
zur Furie geworden,
in der Abdrift um sich schießend,
reißt mit sich einen Wirbel von Katastrophe
und jagt Trauer in alle Welt.
Sintflut,
die niemand vorhersah,
gewaltige Fluten entflammend
das Meer, ruinierend das Paradies.
Die Revolution
der Zeit
verschlingend Reiche und Arme.
Moslems, Juden und Christen,
Buddhisten, Gottlose und Brahmanen
erleiden gemeinsam den Tod
und die offene Hölle
an den Stränden Südasiens.
Der Tsunami
überquert das Festmahl
wie eine Front aus Blut und Zeit.
Teresinka
Pereira
***
Notstands-Gedicht
O laßt
uns nicht verbittern,
Die nunmehr Siegheil wittern,
Sie wollen, dass wir zittern,
O laßt uns nicht verbittern,
Es hilft
nicht, wenn wir kriechen,
Die jetzt den Durchmarsch riechen,
Sie wollen, dass wir siechen,
Es hilft nicht, wenn wir kriechen,
Nach vorne
laßt uns schauen,
Die nicht der Freiheit trauen,
Sie wollen den Weg verbauen,
Nach vorne laßt uns schauen,
Laßt
uns die Herzen wärmen,
Die von der Rasse schwärmen,
Woll'n brechen uns durch Lärmen,
Laßt uns die Herzen wärmen,
Laßt
uns die Einheit wagen,
Die Wahrheit nicht vertragen,
Woll'n, dass am Streit wir nagen,
Laßt uns die Einheit wagen.
Hadayatullah
Hübsch
***
Fehlschläge
Ich vergas
den wichtigen Schritt
Betrat Katakomben
Ging unter in Hysterie
Bastelte Illusionen wie eine Ikebana
Kniete nieder vor meinen Domptören
Und tanzte nahe am Abgrund
Der Sturm braut sich zusammen
Ich aber bin dort irgendwo
Selbstsicher, überzeugt
Obwohl es nur ein Alptraum ist
So als wäre ich nicht mehr ich
In diesem Septemberleben
Jasmina
Segrt
***
auf winterwegen
für
Ingeborg Bachmann
dein atem
unter der erde
bricht die kruste des schnees
schickt dampfende worte einer
toten sprache
an die ober
fläche um dort zu erstarren /
was als laues lüftchen begann
wird zum
sturm / wir singen
um noch nicht zu sterben
jede strophe eine neue lungen
füllung
kalt und klar –
auf deinem nachttisch die bilder
stehen friedlich und warm
so haben
wir es gerne –
so hätten wir es gerne
Stefan
Heuer
***
Hunde in Ewigkeit
Zum Gedenken
an Giuseppe Gioacchino Belli
Und wir?
Hä? Führen wir kein Hundeleben?
Belecken wir dem Chef die Schuhe nicht?
Und ekelt uns denn sein Getue nicht,
von dem uns die Kollegen Kunde geben?
Und wenn
sie dann ein Glas zum Munde heben,
zu feiern ihn, der uns die Ruhe nicht
vergönnt - sind wir beim Kuhgemuhe nicht
die lautesten? In froher Runde eben...
Wir könnten
Menschen sein und sind nur Hunde.
Wir könnten stolz auf unsre Einzigkeit sein;
doch würde nicht das Tier in uns bereit sein,
noch zu verdüstern
unsre Sterbestunde?
Was wollen wir in dieser Köterwelt?
Das Ewige erwartet uns. Es bellt.
Klaus
M. Rarisch
***
PHIL & BAUC 22
Weiß
noch jemand Ihr leute: Europa war damals gespalten
ja der zipfel der heut nur dem namen nach dort besteht
damals war es noch mächtig! heut wie wir wissen gehalten
weltkulturerbe zu deichen der nimbus ist lang obsolet
Beide seid
Ihr die letzten der altamirischen herde
letzte europäer im hier aufgetauten Sibir
Heißen wir sie willkommen! soll enden ihr zug um die erde
Ruhen sollen sie einstweilen unterm polarischen stier
Hier das
ur-ur-ur-ur-enkel jährlings geboren
Ja wir hielten die generationenfolge kurz
Sieht sie sie nicht mehr? hörst Du es nicht mehr? vor den toren
warten die tausend Eurer familie schwierig wurd 's
alle zusammenzukriegen
vom Mond vom Mars und noch weiter
träumt noch mal - brot und tasche am tisch – 1 zonengehirn
habt in dem zirkel gesessen bis daß der zirkelleiter
kopf auf die brüst fallend starb im abend alteigenfirn
bis Ihr die
letzten wart bis Ihr es aufbewahrt raumvoll in stoßen
bis Ihr 's klebtet Fühmanndick das memorial
unendend wo Ihr beginnt und wo sie schabotten entblößen
wo sich die Wahrheit schindet und windet sich lüge in qual
lief jener
Staat noch einmal ab in der rolle rückwärts
spiegelte sich in zukunft schmal in Vergangenheit breit
lief Euer leben langsam in ebenen aus und dann bückwärts
vierzig und vierzig und vierzig und das parallel und zu zweit
Allen sei
es bestätigt ja sie erlitten nen hitzschlag
beide auf einmal: sie traten vors haus und hatschten zur see
War ein laufmorgen arbeitsmittag dämmernder sitztag
Was sind 's für bäume? linden? eichen? pflanzen wir eh
ToussainT
***
Nest der Liebe
Lasst uns
zusammen wandern, uns haltend an den Händen,
fröhlich über die Straßen, wir halten in Frieden uns fest,
glücklich wollen wir zur Welt dies milde Antlitz wenden
und uns ihr zeigen als Brüder aus einem Nest.
Lasst Lieder
uns singen, die alle fröhlich machen,
ja, jedes lebende Wesen, das keine Liebe kennt,
sie sollen es wissen, dass Kinder gerne lachen,
und so vereint sind, weil Frieden von Gott nicht trennt.
Zeigen wir
der Welt, dass wir als kleine Leute
wohl Reichtum wollen, aber alles für das Herz,
der aus der Seele komme, um Herrschaft einzuläuten
in einer Welt voll Waffen, die nur blickt rückwärts.
Lasst uns
zusammen wandern, vereint durch das Leben,
Lieder voll Liebe singend, das fällt nicht so schwer,
zeigen wir der Welt, das Kind will Hoffnung geben,
dass mit uns vereint in Liebe sei unser Herr.
Umberto
Cárcamo V.
***
Unterm Graben
In dem Graben
in dem Graben
stehen graue Feldsoldaten
Tag um Tag und Nacht für Nacht
kommandiert zu Heldentaten
vor dem Gegner auf der Wacht
in dem Graben
in dem Graben.
Überm
Graben
überm Graben
stürmen graue Feldsoldaten
früh beim ersten Morgenrot
durch den Hagel der Granaten
auf den Feind und in den Tod
überm Graben
überm Graben
Unterm Graben
unterm Graben
liegen graue Feldsoldaten
regungslos und blaß und stumm;
ihre Lippen
nur verraten
noch den letzten Schrei: Warum
unterm Graben
unterm Graben?
Frederic
W. Nielsen
Aus: »Alle
meine Lieder«,Freiburg 1995
***
Europas Stier
Europa
reitet auf ihrem Stier
schon viele tausend Jahre.
Doch dann und wann
wird der Stier
zum Mann
und hat dann
nur
Haut und Haare.
Jutta
Dornheim
Aus: »In
sperriger Lebenswelt«
***
Kosmopolitanen-Karawane auf Sommertour
Aus Fremdlingen
und ähnlich Dingen
porträtierten die Gilden-Gesellen des Jägerlatein
erst das Wenigen-Konterfei
dann die blutige Partie zwischen Furie und Feiglingen
am blumigen Portal der Untertänigen-Partei
Posiert der Versmeister in virtuellen Varia
jagt nach Massel die Schickeria
mit Missale und Miszellaneen übergibt
aus dem Missionaren-Herbarium
die Massa-Message des weißen Messias
en masse dem Autoren-Auditorium
In Manhatten
memorieren
die Mentoren der Menschenrechtsmeriten
das Weißbuch der Erotema-Emeriten
zwischen Harlems Schwarzen-Schanze
und Aliens der Broker-Bastei
spazieren Ali Babas Haramiten
fühlt sich wohl dabei
die Falkenfurie im State Department
konstatiert den Käfig der Papagei
die Zeremoniell-Zone der Fata Morgana
und die Vorposten der Tyrannei
zelebriert Zocker und Zeloten
züchtet Zündler und Zampanos
reißt über die Nachwelt Zoten
Himmelsmeer
bestellen Bittsteller in Raten
hinter dem Damm der Dämmer-Demokraten
dinieren Bild- und Fallensteller Bülbül-Braten
Im Mond-Tempel der drei Grazien
kräht im Kosmopolitanen-Container der Klassenhahn
kracht unter dem Hesperos der Rassenwahn
Auf dem Olymp der Apoll-Allüren
weint Athene zum Steinerweichen
um die Angaria-Leichen
die Pleitier-Party der Privatier-Poeten
Patriarch läßt Metropolis-Athleten
mit Tyrannentuch marschieren
in die Arena der Horen
hintern Siegespalmen der Gladiatoren
gehen Seelenverkäufer in der Levante unter
Expandiert
durch das General-Gouvernement
planetär das Primitiven-Syndrom
brilliert das Patronaten-Primat im Piraten-Parlament
dem Privatier-Paradies als Karneval-Narretei
stürmt der Cyberspace-Regent
das Subportal der Supernova-Datei
traktiert nach Star-Treck-Symptom
das Stars-and-Stripes-Phantom
maskiert mit Hesperiens Heros-Taten
und Hollywoods Homunklus
massakriert im Trubel der Herostraten
die Kosmopolitan-Daten
im Hominiden-Humus
Tritt hervor
der Don Quichotten-Chor
bietet Odysseus Robinsonaden
mit Herz und Hirn
der Sirene der Pax Okzidentale-Fanfaronaden
dem Zyklopen des Zitadellen-Zyklus
dem Civis Europeanum die Stirn
dem Zyklon des Zombie-Zirkus
allgegenwärtig im Weltbürgerkrieg
gegen Patriarchat und Patriziat
Apokalypse und Apartheid
Hyänen- und Hunnen-Kulturen
Zeloten-Zucht und Heloten-Leid
Dream-Team-Tamtam der Nomenklaturen
Auf der Suche
nach einer Eselsbrücke
als der Belvedere-Block zu mutieren begann
zum zornroten Regenbogen
dem Borderline-Bann
alle Trumpfe in den Rauchhimmel geflogen
hinter zertrümmerten Triumphtoren
die Alleen der Kapital-Kapitalen
unter die Räder der Routine-Roboter kamen
im Dekorum der Demokreaturen
und Dolce vita der Kapitol-Huren
auf der Tribüne der Zoo-Cäsaren
und in der Katakombe der Mäuse-Zaren
Ein Bündel
Blütentraum
Morgenflieder und Mohrenlieder
zerbricht den Zauberzaum
und landet der Mond des Horen-Herolds wieder
zeitgerecht im Nachwintermärz
prangert den Homo novus an
und seinen unmäßigen Weltschmerz
den Herkules der Hetären
den Heuchler-Turm der Haudegen
unterm Tränenregen des Theater-Humanitären
Auf der Suche
nach Eselsbrücken
als der Morgen zu singen begann
die Sonette aus Sonnenstücken
kam die Frühlingskarawane
in den Biotopen der Utopia an
Blütenblut
tropft aus der Wolkenbrust
Nazim Hikmet beim Rebellen-Training
auf der Brücke Orient-Okzident grüßt
Jannis Ritsos zum Frühlingsmeeting
mit Merhaba Bagdad
Kalimera Belgrad
Kalimerhaba Kosmopolitania
Damit auch
jene Human-Herden
die in Plantagen geplagt
von den Plateaus der Planeten verjagt
auf der Flucht von Gestern angeklagt werden
Sonne trinken können
aus den Quellen der Erden
M. Kurtulus
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