| MEDIEN-KULTUR-SCHAU |
| Nasrin
Amirsedghi (Hrsg.) „Was etwa hat der sagenhafte Bau des Turms der Sprachverwirrung und Völkerentzweiung zu tun mit der Zerstörung der Türme des World Trade Centers im 21. Jahrhundert?“ Gute Frage - und die Frage, zu der im Rahmen der Kunstaktion „Türme Babylons“ zwei Literaturwettbewerbe stattfanden. Angesprochen waren zum einen junge Autoren aus verschiedensten Ländern im Alter bis 35, sowie Schüler in Rheinland-Pfalz im Alter ab 16 Jahren. Ihre Texte in den unterschiedlichsten Gattungen reichten sie in der Originalsprache sowie auf Deutsch und Englisch, den beiden Projektsprachen, ein. Von den zahlreichen Beiträgen, die sich der inhaltlichen und formalen Herausforderung stellten, lesen wir hier die drei preisgekrönten Texte, darunter auch der Gewinner im Schülerwettbewerb, sowie neun weitere Favoriten, die es bis zur Vorentscheidung schafften. Sinn der Sache war nicht, Antworten zu geben - aber eingefallen ist den Teilnehmern trotzdem eine Menge. Allerdings nicht immer zum Thema - oder ist der Bezug nur zu gut versteckt? Wie es bei einer Sammlung auch deutscher Beiträge nicht anders zu erwarten ist, fehlt auch das Thema des Holocaust - und der Umgang damit heute und morgen - nicht. Die beiden Geschichten dazu sind nicht schlecht: sympathisch erzählt die eine („Student aus Deutschland“), und ein wirklich origineller Einfall die andere („Die Endlösung“). Doch wo bleibt Babel..? In der Multikulturaltät? Es ist aber auch zugegebenermaßen sehr schwierig, alles unter einen Hut zu bringen! Bei einem Beitrag frage ich mich allerdings: Ist da überhaupt irgendetwas unter dem Hut? „Nachgeburt“, einer wohl gewollt ekelerregenden Geschichte, aber, und diese Frage wird auch im Buch gestellt: Muss ich denn alles verstehen? Bei allen übrigen Beiträgen ist der Bezug, wenn manchmal vielleicht auch etwas gezwungen wirkend, sehr viel deutlicher herausgestellt. Die unterschiedlichsten Perspektiven werden eingenommen, Opfer des Anschlags, Hinterbliebene, die Generation einer fernen Zukunft, Personen wie du und ich, die die Nachrichten hörten und sahen - aber nicht die Perspektive eines Täters. Die wohl futuristischste Sicht erhalten wir in der preistragenden Geschichte „Für bessere Zeiten“ der Schülerin Susanne Schmieden, die in einem „Neuen Zeitalter“ spielt, das „keineswegs am 11. September, sondern „schon früher, vielleicht aber auch später“ begann, in dem alle „Globanisch“ sprechen und niemand versteht, Babylon sich als „nie wirklich besiegt“ herausstellt. Diese kleine Formulierung ist ein Beispiel dafür, wie durch die Beiträge hinweg ach so erstrebenswerte Dinge wie bessere Verständigung durch Einheitlichkeit hinterfragt werden. Die Reflexionen zum Thema sind den literarischen Personen eingegeben, wohnen ihrer Sprache inne oder treten in weniger erzählenden, mehr philosophierenden Texten pur ans Licht („Der Doppelgänger“), in symbolischer Sprache („Der dritte Turm“) oder an einer Bildbetrachtung aufgehängt („Der Turmbau in Bildern“). Die lyrische Gattung ist zweimal vertreten, zum einen mit dem siegreichen Gedicht „Die Legende der Türme“ von Ines Bouhannani, das tatsächlich den Bogen vom biblischen Babylon nach New York spannt, und zum anderen mit „Pfuuiiiii“, das sagt, das „müsste doch jeder verstehen“. Müsste? Einiges stellt dieses Buch in Frage, und gerade den Anspruch der Allverständlichkeit, den „Mythos, dass sich alle verstehen müssen“. Damit kommen wir zur Sprache oder zu den Sprachen, unverzichtbarer Bestandteil der Geschichte vom Turmbau zu Babel. Von der Dominanz der Sprachen, in denen wir heute global kommunizieren wollen - mit „Weltsprachen“ zur „Völkerverständigung“? -, und von der Agression, die dies hervorrufen kann, handelt die Geschichte in der Geschichte „Bau Beziehungen“. Schweigen, Sprechen und Schreiben und die verletzenden Wirkungen, die alle drei haben können, sind Themen der Geschichte „Schriftzeichen“ der Preisträgerin Sandra Niermeyer, Verstehen, und ob und wie Türme und Sprache Menschen zusammenhalten. „Gott hat uns beiden eine andere Sprache gegeben. Warum hat er das nur getan? ... Warum, Gott, hältst du mir vor Augen, dass jeder Mensch anders ist? Damit ich eine Brücke baue zum anderen?“ fragt sich eine der drei Personen aus „Die Sprache der Sprachen“, und gewissermaßen ist die Antwort zwei Seiten vorher in derselben Geschichte schon gegeben, nicht von Gott, aber im Gespräch mit ihm: „Dass ich Uneins bin, gibt mir die Chance, die Welt zu sehen“ - und, wie sich in der Geschichte zeigt, auch die Chance zu lieben. Die Feststellung, die babylonische Sprachenverwirrung sei eigentlich ein Segen, eine Bereicherung, keine Strafe, ist im Grunde platt und nichts Neues, wird auch in dieser Anthologie ausgesprochen, aber zusammen mit so schönen Fragen, interessanten Ideen und Gedanken, dass es einen durchaus auf Neues bringen kann. Warum bauen die Menschen Türme? Sie wollen Gott nahe sein? Er störte den Turmbau zu Babel, um uns auf einen anderen Weg zu bringen: durch unsere Unterschiede müssen wir uns Mühe miteinander geben, einander zu verstehen, uns kennenzulernen. Vielleicht bringt uns das viel weiter „nach oben“ als ein Wolkenkratzer? Doch die gewagte, vielleicht bewusst provozierende Verbindung zum 11. September macht mir immer noch Schwierigkeiten. Die Parallele Babylon-New York klingt mir nach moralischer Verdammung, einem Aufzeigen von Überheblichkeit, wie ich es mir in Täterköpfen denken könnte. Was hat man sich bei der Wahl dieses Titels gedacht? Doch wohl mehr. Überheblichkeit steckt natürlich auch hinter so einer moralisch verdammenden Zuweisung, und ganz schnell ergreift sie einen selbst, wenn man sich sicher ist, etwas „richtig“ beurteilen zu können. So vielleicht auch mich? Also bitte, lesen Sie selbst. Vielleicht verstehen Sie wie ich nicht alles, und Ihnen kommen neue Fragen. Wie kann ein Zusammenleben der Unterschiede nach Babel und nach dem 11. September aussehen? Was macht ein durch die Medien weltweit „erlebtes“ Ereignis mit unserer Sprache? Das wäre durchaus „im Sinne des Erfinders“, d.h. der Herausgeberin und Initiatorin Nasrin Amirsedghi. Lassen Sie sich von dieser Anthologie, gewidmet dem Gedenken an die Opfer des 11. September, anregen - zu ganz eigenen Gedanken, über Themen, die es wert sind. Das ganze Projekt, die 22 Nationalitäten und neben Literatur auch Bildende Kunst, Tanz, Theater, Film und Musik umfassende Kunstaktion, die im Rahmen des rheinland-pfälzischen Kultursommers 2003 mit dem Motto „Ein Land, viel(e) Kultur(en)“ stattfand, ist dokumentiert im Bildband: Nasrin Amirsedghi
(Hrsg.) Maria Thomas
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| Michael
Hardt/Antonio Negri Noch nie war die Wut des Humanen so groß und zugleich zu klein sein geistiges Vermögen zu begreifen, wie der bewaffnete Konflikt in den Kern der kollektiven Kommunikation erwachsen konnte. Die Kritiker der kapitalistischen Kastendynastien globaler Größe, die Gipfelgegner der Giganten, benötigen eine Perspektive für ihre Aktionen. Das wollen ihnen Michael Hardt (Professor für Literaturwissenschaft an der Duke University Durham, NC, USA) und Antonio Negri (Ex-Professor für Philosophie an der Sorbonne, zur Zeit wohnhaft in Rom) geben - mit dem „Projekt Multitude“. Ihr Buch stützt sich auf die Tradition des „Empire“, mit dem sich das Theorie-Duo hervortat, die globale Form der Souveränität analysiert zu haben. „Unser Ausgangspunkt war die Erkenntnis, dass die zeitgenössische Weltordnung sich nicht länger adäquat als Imperialismus beschreiben lässt, wie er von den Mächten der Moderne ausging: Der Imperialismus stützte sich im Wesentlichen auf die Souveränität des Nationalstaats und dehnte sie auf fremde Territorien aus. Heute entwickelt sich stattdessen eine ‘Netzwerkmacht’, eine neue Form der Souveränität, zu deren wichtigsten Momenten oder Knoten die dominanten Nationalstaaten ebenso gehören wie supranationale Institutionen, große kapitalistische Unternehmen und andere Machtfaktoren.“ Als Herrschaftsinstrument fungiert der permanent martialische Konflikt im Empire, das mit seinen Netzwerken von Hierarchien und Separationen den Globus umspannt. Auf der anderen Seite bedeute dieser Zustand, „dass neue Verbindungen des Zusammenwirkens und der Zusammenarbeit entstehen, die sich über Länder und Kontinente hinweg erstrecken und auf zahllosen Interaktionen fußen. Dieses zweite Gesicht der Globalisierung bedeutet nicht die weltweite Angleichung einer und eines jeden; es bietet uns vielmehr die Möglichkeit, unsere Besonderheit zu wahren und das Gemeinsame zu entdecken, das es uns erlaubt, miteinander zu kommunizieren und gemeinsam zu handeln.“ Die „Multitude“ beginnt mit dem Kapitel „Krieg“, der nicht vereinbar sei mit der Demokratie. Der Ode, „die Demokratie wird heute bedroht durch einen scheinbar permanenten und allgegenwärtigen Kriegszustand,“ liegt das Kernansinnen dieser Publikation zugrunde. Dennoch sei eine globale Demokratie durchsetzbar - durch die Macht der Multitude, der Menge, die im Innern des Empire als politisches Subjekt lebe. „Die Multitude, das sind die Vielen, vielgestaltig und einzigartig. Sie zeichnen sich weder durch gemeinsame Identität (Volk), noch durch Uniformität (Masse) aus. Sie sind dabei, ein Gemeinsames zu entdecken, indem sie miteinander in Beziehung treten und gemeinsam handeln, sich global vernetzen und Wissen produzieren.“ Michael Hardt und Antonio Negri erheben ihr Postulat zum notwendigen Rüstzeug, wollen in ihrer theoretischen Novelle auf keinen praktikablen, empirischen Weg hindeuten, der von der Diktatur des Empire zu einer „demokratischen Weltgesellschaft“ führt. „Dies ist ein philosophisches Buch. Auch wenn wir zahlreiche Beispiele dafür anführen, dass Menschen heute dafür eintreten, dem Krieg ein Ende zu bereiten und die Welt demokratischer zu gestalten, ist von uns dennoch nicht zu erwarten, dass wir eine Antwort auf die Frage ‘Was tun?’ geben oder ein konkretes Aktionsprogramm vorschlagen.“ Hier läßt sich die „Multitude“ als Manifest für eine Fiktion einordnen, das darauf abzielt, das Weltalter jeglicher sozialistischer Utopien als verblühende linke Melancholie zu erklären. Das Subjekt dieses Manifestes stützt sich nicht auf soziale sowie klassengemäße Wurzeln, sondern auf die zwischenzeitlichen Zweige - gemäß dem Aktionsradius ohne Kollektivität, ohne demonstrativ definiertes Zentrum oder einen allseitig anerkannten Hegemon. Unklar bleibt beim Theorien-Mix für ein Klassen-Gemisch, ob die „Menge“ auch gegen den Demokratie- und Menschenrechtsextremismus als Experiment zur Legitimation der globalen Apartheid auf die Barrikaden steigen oder schweigen soll. Auch wenn die Multitude-Theoretiker bekunden, daß ihr Projekt das Proletariat nicht ausschaltet, sondern ihm weitesten Rahmen verleiht, kann von der Rezeption der marxistischen Elementarteile kaum die Rede sein. „Im Gegensatz zu den Ausschlusskriterien, mit denen der Begriff der Arbeiterklasse operiert,“ bezeichne die „Multitude“ all jene, die unter der Herrschaft des Kapitals arbeiten und produzieren, wobei die soziale Differenz präsent bleibt. „Die Menge ist bunt wie das Gewand des biblischen Josef. Die Herausforderung besteht darin zu begreifen, wie eine gesellschaftliche Vielfalt es bewerkstelligen kann, die Differenz aufrechtzuerhalten und gleichzeitig miteinander Beziehungen einzugehen und gemeinsam zu handeln. ... Ein dezentrales Netzwerk wie das Internet ist dabei ein ganz gutes Bild, eine Art Modell, um die Multitude zu denken, denn erstens bleiben die verschiedenen Knoten ungeachtet ihrer Verbindungen im Netz in ihrer Differenz bestehen und zweitens sind die Ränder des Netzwerks offen, sodass jederzeit neue Knoten und neue Beziehungen hinzukommen können. ... Die Multitude ist im Gegensatz zur Bourgeoisie und zu allen anderen exklusiven und beschränkten Klassenformationen in der Lage, die Gesellschaft selbstbestimmt zu gestalten. Wir werden sehen, dass diese Fähigkeit zentral ist, was die Möglichkeiten der Demokratie angeht.“ Die „Multitude“ als Retter der Demokratie kommt natürlich nicht als Totengräber des Endkapitalismus zum Vorschein, sondern als dessen Reformmotor. Diese neolinke Romantik hilft manchen Einzelnen, ihre Wut zu stillen und einen Blütentraum vom freiwilligen Abgang der Tyrannen mit Epauletten zu pflegen - wie einen Baum im Garten Eden. Mehr als Protestzüge gegen die Globalismus-Glocke unter dem Transparent „eine andere Welt ist möglich“ während der Gipfeltreffen der imperialistischen Häuptlinge wie in Seattle, Neapel, Prag (aber auch in Porto Alegre) liegt der „Multitude“ als Weltkenntnis nicht vor. Dabei spielen die gerade vom Empire gemästeten NGOs eine beträchtliche Rolle mit jenen marktmental originellen oder vom linken Spektrum gewendeten monetär geläuterten Akteuren. Und gehören die ersten poppigen Paraden des dritten abendländischen Jahrtausends in Belgrad, Tbilissi, Kiew oder Beirut nicht zur „Multitude“? Haben sie tatsächlich nicht Schreie für die Demokratie ausgestoßen, deren Wurzeln in der freien Marktwirtschaft liegen - in der Fruchtzone der sozialen Apartheid? Als weitere Erkenntniselemente der „Multitude“ gelten die Lichterketten mit Adventskerzen und der „Aufstand der Anständigen“, die eigentlich vom Schicksal der Entwürdigten und Enteigneten im Flüchtlingsstatus nichts wußten und wissen wollen. Während hier die Broker der Migrationsbörse ihre geselligen Gespräche über die Paragraphenvorlagen wie ein „Antidiskriminierungsgesetz“ in den Schwerpunkt emanzipatorischer Aussichten postieren, positionieren sie gegen jedes Dafürhalten aus dem Unten des „globalen Dorfes“. NM
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| Susan
Arndt / Antje Hornscheidt (Hrsg.) Ein hochbrisantes Buch, das als ‘Kritisches Nachschlagewerk’ (Untertitel) aufzeigen möchte, „wie Begriffe zu Afrika im weitesten Sinne rassistisch gebraucht und welche Konzepte mit ihrer Benutzung transportiert werden“ (Klappentext). Um uns für den Gebrauch unserer Sprache zu sensibilisieren, werden „kolonial und rassistisch geprägte Begriffe“ erläutert und mit Alternativen konfrontiert. Ergänzend wird diskutiert, wie sich Rassismus direkt oder auch unbewußt durch Sprache manifestiert. Allgemein wird darauf hingewiesen, daß Sprache bewertet & zuordnet, wodurch eine Perspektive, eine (Macht-)Position zum Ausdruck kommt: „Menschen können durch Benennungen und Nicht-Benennungen aufgewertet oder diskriminiert, zur Norm gesetzt oder ausgegrenzt werden“ (Vorwort). Das Buch erläutert das „historische Gewordensein der deutschen Afrikaterminologie im Kontext von Kolonialismus und Rassismus“ & möchte über einen rein äußerlichen „politisch korrekten“ Sprachgebrauch hinaus dafür sensibilisieren, wie sich Rassismus „auch unabhängig von rassistischen Begriffen“ manifestiert. Und so werden wir hier allgemein auch zur Reflexion über gesellschaftliche Denkmuster angeregt. Wir verwenden in Deutschland teilweise immer noch einen Wortschatz, der aus kolonialen & biologistischen Ideologiemustern stammt, wobei die Postulierung von Rassenunterschieden aus europäischer Perspektive mindestens bis ins 17. Jahrhundert zurückreicht. Aus dem politischen hat sich der scheinbar harmlosere kulturelle Rassismus entwickelt. Generell behauptet(e) der Wortschatz einen Unterschied zwischen Natur- und Kulturvölkern, womit gleichzeitig die Zivilisierung ersterer durch zweitere postuliert wurde (und noch wird). Der historisch entwickelten „hegemonialen Benennungspraxis“ muß ein „Ersetzen rassistischer Fremdbezeichnungen durch politisch-alternative Selbstbenennungen“ folgen, was ein Überdenken von Wertvorstellungen bedingt und bewirkt. Da eine Aufarbeitung des deutschen Kolonialismus nicht erfolgte, ist im Alltag weniger die offensive Beleidigung als der scheinbar harmlose Gebrauch kolonial herzuleitender Begriffe das Problem, da man bestimmte Worte als „nicht so schlimm“ empfindet. Die Herausgeberinnen legen in ihrem eigenen Beitrag großen Wert darauf, Sprache bewußt zu gebrauchen, denn sie kann psychische Gewalt bedeuten & sie zwingt Sprechende sowie Angesprochene ständig, sich zu positionieren. Kein Begriff ist wertneutral & sprachliches Handeln bedeutet große Verantwortung für das sprechende Individuum & für die Gesellschaft. Beklagt wird u.a., daß Wörterbuch-Redaktionen (auch bei Duden) völlig unsensibel mit den Stichwörtern verfahren & es wird gesagt: „Entscheidend sind sowohl der historische Entstehungskontext eines Wortes als auch die im aktuellen Gebrauch dominierende Konnotation.“ Angeprangert wird auch die Verwendung pauschalisierender Stereotype oder auch Phrasen, welche die „Schwarzen“ von den „Weißen“ unterscheiden - eben aus der Perspektive letzterer. Sprache leistet auf diese Art immer noch eine fortgesetzte Kolonialisierung & Ghettoisierung in Bezug auf dunklerfarbige Ausländer & Mitbürger. Gefordert wird nun, sich bewußt zu machen, daß Sprache nie neutral ist, daß wir die Entwicklungslinie von kolonialistischer Mentalität zum heutigen Rassismus erkennen & durchbrechen müssen. Der schwierige aktuelle Prozeß muß dann darin bestehen, alternative Begriffe zu finden oder Selbstbenennungen der Afrikaner (oder auch Afrodeutschen) zu übernehmen. Übrigens ist es ohnehin erstaunlich bis erschreckend, wieviel Diskriminierungspotential in unserem Sprachgebrauch steckt. Den Hauptteil des Buches nimmt quasi ein Lexikonteil ein, in dem häufiger verwendete Begriffe wie „Dritte Welt“, „Eingeborener“, „Mischling“, „Neger“, „Schwarzer Kontinent“ u.a. auf ihre rassistischen Konnotationen hin überprüft & Alternativen vorgeschlagen werden. Damit läßt sich intensiv arbeiten & der eigene Wortschatz sozusagen ausmisten & neu aufforsten. Sehr aufschlußreich erscheint eine abschließende Textanalyse eines Artikels ohne explizite rassistische Begrifflichkeiten, in dem dennoch mehr oder weniger latent abwertende Konnotationen & Rückschlüsse spürbar werden. Es ist gut, daß es knapp fünfzig Jahre nach dem ‘Wörterbuch des Unmenschen’ (Sternberger, Storz, Süsskind,) dieses ‘Nachschlagewerk’ zur Befreiung unserer Sprache von rassistischem & diskriminierendem Denken gibt! Pflichtlektüre für alle! Karlyce Schrybyr
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| Gerd
Bedszent Der trojanische Krieg oder besser die Legenden um ihn, sind bis in die heutige Zeit Gegenstand von unterschiedlichster geschichtlicher Betrachtung, vor allem aber künstlerischer Be- und Verarbeitung. Erst jüngst kam eine entsprechende Hollywood-Produktion über uns, aufwendig produziertes Schlachtengepränge mit einem rechtschaffenden und (natürlich) schönen Achilles (Brad Pitt). Dieser hatte vor allem gut auszusehen, edel von Geblüt und letztlich auch Gemüt stolzierte er durch einen Krieg, der als eine einzige ästhetisierende Inszenierung wahrzunehmen war. Also ganz im Sinne des Zeitgeistes. Der Roman, von dem im Folgenden die Rede sein soll, ist das vollständige Gegenteil und, wen wundert’s, wider den Zeitgeist. Die Geschichte, die der Autor Gerd Bedszent (Jahrgang 1958) hier entwickelt, beschränkt sich auf drei Tage in diesem Krieg und schildert, so etwas wie eine „Kippsituation“ während des Feldzuges. Die Konstellation, die der Autor entworfen hat geht, grob skizziert so: Die Griechen berennen seit geraumer Zeit ebenso ergebnislos wie verlustreich die Mauern Trojas. Im Heerlager der Griechen beginnt es zu brodeln. Seuchen breiten sich aus. Die Versorgung der Truppen ist miserabel. Als Achills Myrmidonen sich vom griechisches Heer unter Agamemnon lossagen, und das Schlachtfeld verlassen (bei Bedszent, weil Achilles den Anteil an der Beute für sich und die Seinen aufgestockt wissen will - er will auch auf eigene Rechnung plündern dürfen), nutzen einige Männer, darunter der kampferprobte Söldner Thersites die Gunst der Stunde und besetzen mit wenigen Dutzend Soldaten eines der großen Ausfallstore in Richtung Troja und damit eine Schlüsselstellung. Sie wollen diesen Feldzug beenden. Sie wollen nach Hause. Dies ist die Ausgangssituation für einen spannungsgeladenen Roman, der diese drei dramatische Tage schildert. Dabei begegnen dem Leser unterschiedliche Charaktere, die, jeder auf seine Art und mit seinen Mitteln in das Rad des Schicksals oder eben der Geschichte zu greifen. Da ist der Arzt Machaon, der das Elend des Sterben jeden Tag hautnah mitbekommt und der es immer weniger vermag dagegen etwas zu tun. Da ist jener Thersites, der viele Kriege gesehen hat und ihrer mehr als müde ist, und der anders als viele anderen Mitstreiter rasch begreift, wie klein das Zeitfenster zu entschlossenem Handeln von Beginn ist. Da ist der blinde Sänger Hippolochos, der Geschichte und Gegenwart so anders sieht und Andere daran teilhaben läst mittels seiner Kunst. Und da ist schließlich der Fürstensohn Adrastos, der sich durch den Tod des älteren Bruders in eine Verantwortung gestellt sieht, der er anfänglich kaum gewachsen ist. Ich bekenne, daß ich das Buch mit Beklommenheit zur Hand genommen habe. Dies hat auch mit der Widmung („Dem unbekannten Deserteur“) zu tun. Offen gestanden befürchtete ich, es wieder mit einem gut gemeinten (linken) „Tendenzroman“ zu tun zu haben, an dem man am Ende einmal mehr nur die gute Absicht loben kann. Die Ent-Täuschung bei der Lektüre war gründlich und gründlich positiv. Was Bedszent hier auf 234 Seiten entwickelt ist, zunächst einmal eine richtig spannende Geschichte. Die Dramatik dieser drei Tage entwickelt sich zwangsläufig aus den Handlungen der Figuren. Deren Motivationen, deren „unterschiedliche Zwecke“ sind für den Leser nachvollziehbar. So nimmt man nach kurzer Zeit an ihrem Schicksal Anteil, ja fiebert mit ihnen, bangt um den Ausgang der Sache, auch wenn man schon ahnt, daß das Ganze einen rundum guten Ausgang wohl nicht nehmen kann. Das sich der Autor mit seinem Plot und der den Ereignissen dieser drei tage innewohnenden Dramatik nicht zufrieden gibt, sondern uns, vermittelt durch dieses ablaufende Drama mit einem anderen Blickwinkel auf Geschichte, einen anderen Geschichtsverständnis konfrontiert, ist eine weitere Stärke des Buches. Die Sicht von Bedszent auf das, immer wieder gestaltete Geschehen vor Troja, wählt eine andere Perspektive, nämlich maßgeblich die des Heerlagers. Es ist eine Sicht auf den Kriegsalltag des einfachen Söldners, auf Entbehrung und massenhaftes, sinnloses Sterben und nicht di Perspektive aus den Fürstenzelten. Seine Sicht auf die Heroen der Legenden und der Ilias unterscheidet sich deutlich von der über Jahrtausende gepflegten Kunst-Geschichtsschreibung. Dies ist im übrigen ausführlich in dem klugen, und kenntnisreichen Nachwort von Robert Kurz ausführlich gewürdigt worden. Es gelingt dem Autor des Romans durch die Entwicklung einer anderen Totalität ein überzeugendes Geflecht aus Motivationen, Interessen und den daraus resultierenden Handlungen zu knüpfen. Das Ergebnis ist eine spannende Geschichte, die auf einem anderen, nämlich einem dialektisch-materialistischem Geschichtsverständnis basiert. Da dies sich aus dem Stoff des Buches und seiner Gestaltung fast immer zwangsläufig sich entwickeln läßt, entgeht Bedszent (weitgehend) der Versuchung, die „Botschaft“ des Buches mit erhobenem Zeigefinger zu repetieren, oder uns gar altklug aus heutigem Geschichtsverständnis heraus, seine Figuren zu präsentieren. Davor hat dem Autor sicher auch sein Sprachvermögen bewahrt. Bedszent ist in der Lage, dem Leser nicht nur Geschehnisse und Schauplätze sinnlich konkret nahe zu bringen, sondern er vermag es auch die Situationen, in welche die Figuren geraten glaubwürdig und für den Leser nachvollziehbar zu gestalten. Freilich, und dies soll nicht unerwähnt bleiben, hat das Buch einige Schwächen. Diese sind vor allem struktureller Natur. Die zuweilen unentschiedene Erzählperspektive (hier vor allem bei den Teilen, die in Troja spielen) hat vor allem damit zu tun, dass der Junge aus Troja, der im Roman fast nur eine reine Beobachterfunktion hat, und so als Figur nicht wirklich funktioniert, ein Stück weit eine „Erzähl-Krücke“ des Erzählers bleibt. Auch sind einige Ungeschicklichkeiten im Bau der Geschichtenicht zu übersehen, so wenn der Arzt Machaon in der Schlacht niedergestreckt wird, und just danach eine Rückblende in seine Vorgeschichte beginnt. Manchmal wirkt das Buch ein wenig gehetzt, auch was den Perspektivenwechsel angeht. Dies geht dann vor allem zu Lasten der Differenziertheit der Figuren, die man sich schon etwas sorgsamer ausgearbeitet wünscht. Insgesamt hatte ich manchmal den Eindruck, dass die Arbeit abgebrochen wurde, dass eine ursprünglich größerer Entwurf, auf eine Grundgeschichte hin reduziert worden ist. Es ist selten genug, daß man dies sagen kann und sollte, hier scheint mir es jedoch angebracht: Der Roman hätte gut noch 100 Seiten mehr vertragen. Dies hätte eine ausgewogenere Erzählstruktur ermöglicht, mehr Möglichkeiten für die Figurenwicklung und die sorgsamere Verfolgung verschiedener Erzählstränge. Vielleicht wäre auch noch Raum gewesen für die Entwicklung einer wirklichen Frauenfigur in diesem Buch, an der es leider schmerzlich mangelt. Diese Einwände vermögen den positiven Gesamteindruck nur wenig zu schmälern. Gerd Bedszent hat einen überzeugenden historischen Roman vorgelegt, der gleichzeitig ein Buch gegen den Krieg ist. Ihm ist, wie ich finde, ein bemerkenswertes Debüt gelungen, dem man nur viele Leser wünsche kann. Und man darf auf weitere Bücher dieses Autoren gespannt sein. Es bleibt die Hoffnung, dass er uns nicht allzu lange warten läßt. Michael Mäde |