DIE BRÜCKE AN DER SPREE

Europa und seine »geistigen« Grundlagen

Von Hans Ingebrand


Nein, aus dem „Oval Office“ kam er nicht, aber er las wie George W Bush in der Bibel und sah aus wie eine Bulldogge.

Ob er seine pietistische Frau angeschrien oder geschlagen hat, ist nicht bekannt. Es heisst, er habe eine Neigung zur Hysterie und Arroganz gehabt.

Mit guten Sprachkenntnissen bestückt und excellent schlagfertig, trieb er sich jahrelang in St. Petersburg und Paris herum allerdings in gehobener Position. Dann folgte er einem Notruf aus Preußen: „Kommen Sie schnell“, soll General Roon gefordert haben, „es ist Gefahr im Verzuge.“ Der König hatte - wie soll man sagen - die Schnauze voll vom Konflikt mit den Liberalen und wollte hinschmeissen.

Da trat Bismarck vor die Abgeordneten, die sich gegen die Heeresreform sperrten, und belehrte sie: „Nicht durch Reden und Majoritätsbeschlüsse“ würden die großen Fragen der Zeit entschieden, „sondern durch Eisen und Blut.“

Neun Jahre später, 1871, hatte der „nervöse Barbare“ (Golo Mann) das Reich geeint und den zögerlichen Preußenkönig zum Kaiser hochgepusht. „Habe ich einmal einen Feind in meiner Gewalt“, soll er einem Freund einmal anvertraut haben, „dann muss ich ihn vernichten.“ Mit denen, die er nicht in seine Gewalt bringen konnte, schloss er immerhin Rückversicherungsverträge.

Aber vor allen Dingen das erstere sollte Schule machen: „Gefangene werden nicht gemacht“, entschied sein späterer Widersacher, Wilhelm II, beim Boxeraufstand in China, und 70 Jahre später bombardierte der Bismarck-Bewunderer, Henry Kissinger, mit Hilfe amerikanischer Bomber Kambodscha.

Aber, halt!

„Europa, dieser Nasenpopel aus einer Konfirmandennase...“

(Gottfried Benn) hat mehr zu bieten, zum Beispiel Höhlengleichnisse: Der gewöhnliche Erdling sitzt nämlich in seiner Höhle und beäugt die Höhlenwand - das Blätterchaos auf Boulevard-Auen, von „Freundin“ bis „Bunte“ und auch die „Spiegel-Pfützen“ sind noch nicht erfunden, und so hält er die Schatten an der Wand für die Wirklichkeit.

Der Philosoph hingegen, meint Platon (ca. 428-348 v.Chr.) sitzt auch in einer Höhle, aber: Er dreht sich um und sieht deshalb aus der Höhle hinaus und die Wahrheit.

Aber das ist lange her.

Beim Vatikanischen Konzil (1870) muss es aber ähnlich gewesen sein. Nur weiss kein Schwein, in welcher Höhle und wiederum sie gesessen haben, als sie Papst Pius IX in das Unfehlbarkeitsdogma einwickelten und verschnürten. Es war der 18. Juli. Einen Tag später erklärte Frankreich Preußen-Deutschland den Krieg und Bismarck der Unfehlbarkeit den Kulturkampf.

Naja, eigentlich sei alles „im männlichen Sitzen erdacht, was das Abendland sein Höheres nennt“, meint Gottfried Benn - fast alles, möchte man korrigieren, denn immerhin kennt das Abendland auch Kolumbus, Alexander den Großen, Napoleon und den Aufbruch der Pilgrim Fathers. Da kommt Bewegung auf, Wellengang, kühne Suppe, Visionäres, Abenteuer Durchhaltevermögen, Grenzüberschreitendes, Kampf!

Sie alle haben ja gekämpft - jeder auf seine Art. Sie alle haben auch Recht und Unrecht auf ihrer Seite, je nach Blickwinkel: Sokrates, Aristoteles, Kopernikus, Galilei und Giordano Bruno, Machiavelli, Augustinus und Descartes. Und auch Pythagoras und Euklid oder Thomas von Kempen (1379-1471) mit „Nachfolge Christi“ - Kostprobe:

„Mein Sohn, du hast noch vieles zu lernen, worin du noch lange nicht ausgelernt hast.

Herr, was ist das?

Das musst du noch lernen; nicht dich lieben, sondern meinen Willen im edlen Wetteifer mit allen Engeln und Heiligen vollbringen.

Es fehlt dir nicht an Begierden, die dich schnell entzünden und mächtig treiben; aber prüfe dich genau, was dich denn eigentlich entzündet und treibt, ob meine Ehre oder dein Nutzen...

Manchesmal muss man aber wider die Bewegungen der Sinnlichkeit mit Gewalt angehen und ihnen den mannhaftesten Widerstand entgegensetzen; muss gar nicht darauf achten, was das Fleisch will oder nicht will, sondern mit allem Vermögen dahin arbeiten, dass das Fleisch auch wider seinen Willen dem Geiste unterworfen wird.“

Doch, halt! Auch wenn das dtv-Lexikon „Nachfolge Christi“ das „verbreitetste Buch der Weltliteratur“ nennt (nach der Bibel). Für Europas geistige Grundlagen haben noch andere gekämpft:

Newton, mit der Mechanik der Himmelskörper, Darwin mit der Selektion in der Evolution, Spinoza „Deus sive natura“, Leibnitz, Kant, Leonardo und Goethe, Shakespeare und Keynes, Gene, Schuman, Adenauer, de Gàsperi, Madame Curie, Planck und Nils Bohr, Einstein, Tschaikowski, Hegel, Schopenhauer, Sartre, Heisenberg, die Beatles und Marta Hari - nur bei einem hat man den Eindruck, dass er mehr gespielt als gekämpft hat das Wolfgangerl, Wolfgang Amadeus Mozart:

10 Opern, 45 Symphonien, 15 Orchestermessen, darunter das Requiem und die c-moll-Messe. Schon das würde reichen, mindestens 10 hochkarätige Komponistenhirne zu füllen, aber es geht weiter: 36 Kassationen, Serenaden, Divertimenti, 7 Instrumentalkonzerte für Geige, 25 für Klavier. Ferner: 23 Sonaten und Fantasien, 15 Variationswerke, 40 Sonaten u.a. für Geige und Klavier, 8 Klaviertrios, 32 Streichquartette, 7 Streichquintette, 25 einzelne Stücke u.a. Kammermusik, je 2 Klavierquartette und -quintette, 3 Streichtrios. Und dann ist das Bürschchen nur 35 Jahre alt geworden und fabriziert noch: 38 Liedkompositionen, je 1 Instrumentalkonzert für Fagott, Oboe und Klarinette und 3 für Flöte und Klavier.

Das war’s? - Ich bin mir nicht sicher.

Bestimmt hat er beim Verfassen seiner Bäsle-Briefe auch noch in der Nase herumgepopelt - wahr Mensch und wahrer Gott.

Aber „Ach Gott! die Kunst ist lang;

Und kurz ist unser Leben...

Verzeiht! es ist ein groß Ergetzen,

Sich in den Geist der Zeiten zu versetzen;“ (Goethe)

Europa, das ist keine Frage,

tritt hier nur bruchstückhaft zu Tage.

Es sei, so hört man immer wieder,

rein christlicher Natur, an Haupt und Glieder.

So war denn wohl auch Moses Europäer und Jesus Christ, der Nazaräer?!

Nein, nicht doch: die sind nur geliehen, und was da fremd ist, wird verziehen.

Oder auch nicht.

Die Grenzen des werdenden Europa - im Osten vielleicht der Ural, im Westen Loch Ness, im Süden demnächst Konya und der Wan-See und im Norden die Eskimo-Nasen - sind weitgehend abgeschottet oder werden es noch.

Überhaupt, wo dieses Europa endet - geographisch, kulturell, militärisch, ist weitgehend ein offenes Messer.

Dennoch: Tausenden gelingt noch immer die Flucht ins gelobte Euroland, falls sie nicht vorher abgefangen werden, absaufen oder gefriergetrocknet aus Frachträumen kippen.

Aber, keine Sorge: „Niemand fällt tiefer als in Gottes Hand“, verkündet der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche Deutschlands, Bischof Huber.

„Frieden und Zufriedenheit“ entsprängen dort, wo Menschen andren mit dem Vertrauen begegneten, das im „Vertrauen zu Gott“ seinen Grund habe.

Schön wär’s, Excellenz, die Botschaft hör ich wohl, allein ich lese Bibel, etwa 4. Mose 31; -17/18: „So tötet nun alles, was männlich ist unter den Kindern und alle Frauen, die nicht mehr Jungfrauen sind; aber alle Mädchen, die unberührt sind, die lasst für euch leben“, spricht Gott der Herr. Oder 3. Mose 20; -27: „Wenn ein Mann oder eine Frau Geister beschwören oder Zeichen deuten kann, so sollen sie des Todes sterben; man soll sie - steinigen; ihre Blutschuld komme über sie.“ Ihre „Blutschuld?“

Ich möchte mein Blut retten und rette mich in die Evangelien. Als ich bei Matthäus 25; -41/46 ankomme, reicht es mir. Ich vernehme dort die „frohe Botschaft“, dass die „Verfluchten“ in die „ewige Pein“ und in das „ewige Feuer“ fallen, unter kräftiger Mitarbeit des barmherzigen Erlösers. Halleluja! Dem Reinen ist eben alles rein, selbst der Reinfall.

Da liefert uns Oswald Spengler (1880-1936) „Der Untergang des Abendlandes“ oder „Der Geist denkt, das Geld lenkt“ Überzeugenderes. Spengler geht von einem Blühen und Verfallen von Kulturen aus, analog zum Blühen und Verwelken in der Natur; und das ist gut so.

Es muss ja nicht gleich so rasant sein wie beim Verfall der „blühenden Landschaften“ von Helmut Kohl.

Das Interessanteste bei Spengler scheint mir sowieso sein zyklisches Kultur- und Weltverständnis zu sein - Asien blitzt auf, im Gegensatz zur linearen Sonderschule jüdisch-christlicher Pauker, mit Anfang und Ende oder sogar „kosmischem Christus“ (Teilhard de Chardin).

Und wenn es stimmt, was uns eine moderne Astrophysik lehrt, dann verschwindet in ferner Zukunft sowieso der mickrige Rest von Caesar und Kleopatra, George W Bush, Blair und Schröder in einem schwarzen Loch, und sie können froh sein, wenn ihr versautes Karma sie nicht auf Hartz IV festnagelt, bei der 100 000-sten Weltentstehung à la Buddha.

Aber noch haben Tony Blair und Gerhard Schröder den Suppenlöffel nicht in der Hand. Das schwarze Loch im Zentrum unserer Galaxis, Millionen, ja Milliarden mal massereicher als unsere Sonne, ruht sich zur Zeit aus, wie ein internationales Forscherteam jetzt hat mit Hilfe des europäischen Gammastrahlen-Satelliten „Integral“ und Koryphäen des Max-Planck-Instituts für Astrophysik in Garching nachweisen können. (Leon Reuter in der „Frankfurter Rundschau“, 8.2.05, „Stürmische Vergangenheit“) Und Europa steigt sogar!

Der ganze Kontinent habe sich -vorübergehend - gehoben, durch das Seebeben im Indischen Ozean. Ein Zentimeter soll es gewesen sein, und zwei Zentimeter ist Europa nach Norden verrutscht, hat Rudolf Widmer-Schnidrig vom Geowissenschaftlichen Observatorium in Schildtach (Kreis Rottweil) festgestellt.

Nun ja: eben ein bisschen schief das Ganze. Ist es da ein Wunder, wenn mancher vom Tektonischen aufs Geistig-Seelische schliesst?

Bei Descartes sass die Seele ja noch in der Zirbeldrüse; dann kam jemand, der befand, er habe zwei Seelen in seiner Brust und damit zwei Grundlagen - von den polymorph-perversen eines Säuglings (Sigmund Freud) wollen wir erst gar nicht anfangen. Und dann kam jemand, der entdeckte als Grundlage der Geschichte die Klassenkämpfe - nach materialistischer Geschichtsauffassung. Aber „mit des Geschickes Mächten ist kein ewger Bund zu flechten“ (Schiller).

In den Klassenkämpfen hockten die Feindbildverdächtigen, so ‘ne Art Liebesrasselbande, die immer wieder Klassen überbrückte. So konnte es nicht ausbleiben, dass eines Tages nicht nur die Liebesrasselbande für Klassenausgleich sorgte, sondern auch die ökologische Vernunft - eine Art „komische Alte“, mit Kräuternase und grünem Finger.

Auf der „UTECH 97“ berichteten Experten jedenfalls von Schulklassen aus 43 200 deutschen Schulen, an denen dieses Weib die Schüler scharenweise verhexte - zum Energiesparen.

Besonders die Klassen des Askanischen Gymnasiums in Berlin Tempelhof waren den Verführungskünsten erlegen. Sie liehen sich kurzerhand den grünen Finger und erreichten damit Veränderungen an der Heizungsanlage, die den Energiebedarf um 25 Prozent senkten.

Na, bitte: Das Sein schafft das Bewußtsein, aber das Schüler sein hebt es. Klassengräben wurden im Nu überwunden, denn der Zweck entheiligte die Mittel, und es kamen sogar 11000 Mark in die Klassenkassen.

Und von wegen „Der Geist ist willig, aber das Fleisch ist schwach.“ Ein williger Geist hat nicht zwangsläufig schwache Muckies. Auch dies gehört zu den geistigen Grundlagen Europas, und in die Wege geleitet hat das alles eine komische Alte.

Europas Wurzeln seien vielfältig, und unter den unterschiedlichen Einflüssen seien die christlichen Fundamente sicher nicht die beherrschenden, „Und sie sind schmutzig“, meint Filippo Gentiloni im italienischen Linksintellektuellenblatt „II Manifeste.“

Für den Historiker und Philosophen haben die Griechen das moderne Europa - etwa die Prinzipien der „Französischen Revolution“ - mehr geprägt als das Evangelium. Was es denn helfe, den christlichen Geist in einem Verfassungstext zu suchen, fragt er, anspielend auf die Klage des Papstes, in der Verfassung Europas fehle der Hinweis auf die christlichen Wurzeln.

Der wahre Text stecke immer im wirklichen Leben, und da finde man alles andere als Christentum. Man finde aber ein Europa, das in den vergangenen Jahrhunderten nach der Herrschaft über alle anderen gestrebt habe, sich über Krieg und Macht definiere und sicherlich nicht über den Geist der Glückseligkeit.

Zu fragen sei auch, wie wohl die kolonialisierten Völker, von Afrika bis Indien, das Gesicht Europas sähen. Ihre Stimme zähle doch mehr, als ein Text, den Diplomaten am Schreibtisch entworfen hätten. Gar nicht zu sprechen von den Juden. „Wäre es nicht gut, sie zu fragen, welches wohl ihre Rolle in einem Europa sein soll“, das sich seiner christlichen Wurzeln rühme? Vielleicht seien diese Wurzeln ja sogar geradewegs antisemitisch.

Auch heute, während man von Globalisierung und Immigration spreche, zeige Europa sicher kein „christliches Gesicht“: Wer daran zweifle, spreche nicht mit den Abgeordneten in Straßburg, sondern mit den Flüchtlingen, die an die Küsten des Mittelmeers stranden, um dann hinter Zäunen von Lagern eingeschlossen zu werden.

Seit dem ersten Tag seines Pontifikalamtes spreche dieser Papst von einem vereinten Europa - rechend vom Atlantik bis zum Ural - der Fall der Mauer aber mache seinen Traum nicht wahr. Es wachse nämlich ein Europa heran, das sich mehr aus einem filo-amerikanischen Kapitalismus speise als aus seinen angeblich christlichen Wurzeln.

Diese lägen sicherlich nicht in der Oktoberrevolution, wie vielleicht einige gehofft hätten. Aber sie fänden sich genauso wenig auf den Seiten des Evangeliums, wie es sich der Vatikan erträume. Am ehesten wachse dieses Europa aus den bürgerlichen Revolutionen des 18. und 19. Jahrhunderts.

Voilà: Vielen Dank, gratias, Signore Gentiloni! Many thanks! „Es wächst der Mensch mit seinen größeren Zwecken“ (Schiller), und auch Europa wächst - „riesengroß! Hoffnungslos weicht der Mensch der Götterstärke“ (Schiller), von 6 auf nunmehr 25 Mitgliedsstaaten und „ohne Grenzen“ wie eine „Informationsbroschüre für Deutschland“, vom Europäischen Parlament (www.europarl.de) propagiert.

Mit Zitterknien wird hier ein „Raum der Freiheit“ abgeschritten: rund 400 Millionen reisen frei, arbeiten frei und werden ebenso frei vorgeführt, zwischen Gen-food von Monsanto, PCB-, Dioxin- oder Antibiotika-Beigaben. Die Schönwetterbroschüre mutet an wie ein später Leibnitz (1646-1716) bei dem bekanntlich diese Welt die „vollkommenste“ aller Möglichkeiten war. Sie schwelgt von den vielen Arbeitsplätzen, die der Binnenmarkt schaffe, vom „bunten, vielfältigen“ Warenangebot, sinkenden Preisen und auch davon, dass für den Kapitalverkehr „alle Beschränkungen“ aufgehoben seien. Von „Verantwortung“ für so viel Freiheit liest der „Informierte“ in der 112-seitigen Broschüre mit keinem Wort.

So bahnt sich auch schon an, dass beispielsweise Arbeitnehmer aus Oststaaten zum Lohnniveau ihres Heimatlandes in Deutschland arbeiten und somit den deutschen Arbeitsmarkt ruinieren. Oder Großfirmen - die völlige Steuerfreiheit im Blick - hiesige Sozialstandards erpresserisch verändern möchten und dabei noch vorgeben, sie seien besorgt: „Die deutsche Industrie ist überhaupt nicht daran interessiert die soziale Marktwirtschaft in Frage zu stellen“, beteuert Olaf Henkel, Präsident des Bundesverbandes der deutschen Industrie in einem Interview mit der Frankfurter Rundschau am 8.7.1996, sie mache sich nur große Sorgen darüber, dass „die Fundamente der sozialen Marktwirtschaft“ durch „zu viel Sozialismus“ in Frage gestellt würden.

Wie „zu viel Sozialismus“ aussieht, darüber berichtete allerdings ein Jahr zuvor das Statistische Bundesamt in Wiesbaden etwas verlässlicher: Dessen Vermögensstatistik von 1995 weist für Westdeutschland zum Beispiel 155 179 Personen oder Haushalte nach, mit jeweils mindestens einer Million Mark Gesamtvermögen. Die Zahl der Vermögensmillionäre habe sich binnen 10 Jahren um drei Viertel erhöht...

Von „zu viel Sozialismus“ mag vielleicht auch folgendes künden: Im Dezember 2004 gab es 1,45 Millionen Mädchen und Jungen in Deutschland, die von Arbeitslosen- und Sozialhilfe leben mussten, während auf der anderen Seite der Sozialschere über 50 Milliardäre das Land bevölkern und der Staat den verarmten Großkirchen noch

a) die Gehälter von Bischöfen, Kardinalen, Erzbischöfen und Weihbischöfen bezahlt - das monatliche Salär angesetzt bei etwa 10 000,– Euro.

b) die Reparatur und den Erhalt zahlreicher Kirchen und kirchlicher Gebäude

c) die Ausbildung von Priestern und Theologen

d) den konfessionellen Religionsunterricht an öffentlichen Schulen

e) die Gehälter von Oberkirchenräten, Domvikaren, bischöflichen Sekretären und ein Großteil von Kirchentagskosten. Sogar der Weihrauch, der Messwein und die Messgewänder werden bei der Militärseelsorge vom Staat bezahlt, so Carsten Frerk, „Finanzen und Vermögen der Kirchen in Deutschland”, Alibri-Verlag 2002, Internet: www. Kirchenopfer.de

Die Broschüre „Das katholische und evangelische Unheil“ der Initiative „Mahnmal für die Millionen Opfer der Kirche“, V.i.S.d.P.: Ralf Speis, Theaterstraße 75, 97070 Würzburg, fordert ausserdem die “Abschaffung des staatlichen Einzugs der Kirchensteuer und der staatlichen Subventionen an die Kirche (ca. 14 Milliarden Euro pro Jahr!)

Aber, halt! - Europa hat mehr zu bieten:

1. Das Glück des Tüchtigen.

2. Bassermannsche Gestalten. Am 18. November 1848 erstattete der Abgeordnete Friedrich Daniel Bassermann der „Frankfurter Nationalversammlung“ einen Bericht über Berliner Zustände: „Spät“ sei er angekommen in der Stadt, berichtete er, aber er habe noch die Strassen durchwandert und müsse gestehen, „daß mich die Bevölkerung, welche ich auf denselben, namentlich in der Nähe des Sitzungslokals der Stände, erblickte, erschreckte.“ Er habe dort Gestalten die Straßen bevölkern sehen, die er nicht schildern wolle. - Seitdem eben: „Bassermannsche Gestalten.“

3. Das Ei des Columbus: „Zwei Lebensstützen brechen nie Gebet und Arbeit heißen sie.“

Diese geniale und gleichzeitig verblüffend einfache Lösung war unserer Familie beschieden. Arbeiten aber hiess vor allem dienen; und man hatte Glück: Der Nordatlantik lag noch nicht am Hindukusch, und so diente mein Großvater bei der Kavalerie in Wesel (Niederrhein). „Herrlichen Zeiten führe ich Euch entgegen“, hatte der Kaiser versprochen, jedoch: „Die Zeit war viel zu groß, so groß war sie (frei nach Kästner und im Vorgriff auf noch Größeres). Aber bevor die Zeit noch größer werden konnte, stolperte ein Heer von Kulturoptimisten in eine blutige Bauchlandung und stand nie wieder auf, 1918.

Ich weiss nicht, woran es lag - als Kind bekommt ja so mancher von den Herrlichkeiten dieser Welt nur zu Weihnachten was ab aber die Zeiten waren wohl mal wieder schlecht, da entschied mein Großvater, der galoppierenden Erwerbslosigkeit müsse eine Heissmangel entgegengesetzt werden. Die Haustüre sprang auf, und - simsalabim - da stand sie.

Sie sah etwas furchterregend, mürrisch aus. Nur, wenn man ihr Kabel in ein geheimnisvolles Loch in der Wand steckte und ihr dann auf die Füsse trat, geriet sie in Bewegung. Trotzdem - meine Mutter war unzufrieden: „Kann mir mal jemand verraten, wo dieses Ding hin soll?!“ - Die Küche ist zu klein, der Korridor unmöglich. Sollen wir sie vielleicht vorm Schlafzimmerfenster aufstellen? - Sie zog ein Metermass aus ihrem Kittel und nahm Mass: „Zweimeterundfünfzehn; also, bitte! Sie kann nur in den Keller.“

„In den Keller? - Herrlich!“ Die Hauptsache, sie kam nicht in mein Kinderzimmer. Unser neues Familienmitglied war nämlich nicht nur furchterregend und mürrisch, sondern auch schwierig. Wer von ihm ein Bettlaken faltenfrei geplättet haben wollte, musste ihm gut zureden. Dann erstmal die Spitzendeckchen! Jede einzelne Faser, jedes filigrane Muster musste in seiner ursprünglichen Form gehalten und geglättet werden. Die Besserverdienenden erwarteten absolute Akuratesse! Und dann war es endlich soweit: Der erste frischgemangelte Korb rollte zu den Kunden.

Man fuhr mit dem Fahrrad, dicht am Rinnstein und oft mit der Angst unterm Sattel; denn wenn so ein Korb umkippte, weil es plötzlich hiess: „Die Strassen frei, die Fenster zu, hier wird scharf geschossen“, dann war alle Mühe umsonst. Auf den Strassen des Ruhrgebietes kämpfte man miteinander: der „Spartakus“, mit den „Flintenweibern“, wie mein Großvater sie nannte; die „Freikorps“ und die „Grüne Polizei“; immer wieder diese „Grüne Polizei“ - Nahm das denn nie ein Ende?!

Das Ende kam schneller als gedacht: Die „Freiheit der Andersdenkenden“ (Rosa Luxemburg) landete als Dosenfutter bei den Vaterlands-Falken, und die frassen radikal alles auf, bis zum letzten Krümel.

Mein Großvater beriet sich mit seiner Frau: Am Morgen war dieser Wisch vom Amt gekommen, „betreffs gewerbliche Nutzung von Räumen, etcetera; und einer von der NSDAP war auch da. Die „Inbetriebnahme“ einer Heissmangel bedürfe der Zustimmung durch die Partei, und da niemand aus der Familie da drin sei, könne die Genehmigung nicht erteilt werden. Nunja: „Den Teufel spürt das Völkchen nie...“ (Goethe), und die „nationale Erhebung“ erforderte gewisse Anpassungsbemühungen. Allzu schlimm würde es schon nicht kommen; schliesslich hiess der Reichspräsident „Hindenburg“ der Sieger von Tannenberg; und es schadete ja nicht, wenn die Kommunisten und Juden etwas härter angefasst würden, oder? Vielleicht käme ja - es wäre ein Traum - der geliebte Kaiser zurück!

Über das Gesicht meiner Großmutter huschte das berühmte „Mona Maria-Lächeln“, denn sie hiess Maria, war recht ansehnlich, und manchmal konnte sie verblüffend vieldeutig schmunzeln wie das Bild des großen Malers - wie nannte er sich doch gleich? Leonardos oder Lionardo? - Egal.

Jedenfalls wäre es schön, wenn der Kaiser..., und man hatte ja auch gar nichts gegen Juden oder so, aber wer mit Juden ins Geschäft kam, zog immer den kürzeren. Im übrigen; was sollte eine Frau an Politik interessieren? - Politik war was für Männer. Zwar konnte „das schwache Geschlecht“ seit 1919 wählen, und das war schön, jedoch:

Eine anständige Frau blieb in den vorgegebenen Gleisen- Kinder, Küche, Kirche. Schon das Radfahren war ja anrüchig und außerdem unpraktisch in den langen Kleidern. Bei fünf Kindern, selbst, wenn sie schon groß waren, war die Familienkasse ständig leer und so eine Heissmangel gold-richtig; da sollte es doch nicht so schwer fallen, eine vernünftige Entscheidung zu fällen! So wurde aus dem Bergmann und Frührentner Emil K. der Parteigenosse und SA-Mann Emil K.

Aber das ist lange her, das war einmal. Heute sieht der Ruhrpott und sieht Deutschland anders aus, oder? Die Weltwirtschaftskrise von 1929 bescherte Deutschland ca. 7 Millionen Arbeitslose. „Jetzt 5,2 Millionen Arbeitslose“, titelt die „Berliner Zeitung“ am 1.3.2005; bei dem Mangel an Arbeit brauchte man vielleicht doch wieder eine Mangel? Aber bekanntlich wiederholt sich Geschichte nicht, sie verähnelt sich nur. Europa ist im Werden. Der rasante technisch-wissenschaftliche Komplex, die Euro-Knete und die elektronische Kommunikationsflut lassen allmählich ein Euro-Feeling wachsen, mit dem Überbau einer Europäischen Verfassung.

Aha! Ansonsten, Herr Luther, ist alles in Butter? Nachtigall ick hör Dir trapsen!

In einem Leserbrief an die „Frankfurter Rundschau“ vom 24.2.05 wirft Hans-Joachim Lemme der EU vor, das Wort „Verteidigung“ nur als Tarnwort für Aggression zu missbrauchen, Frieden solle mit militärischen Mitteln erzwingbar oder zu sichern sein. Es bedeute, die EU sei dazu vorbereitet, überall in der Welt in kriegerische oder revolutionäre Prozesse militärisch einzugreifen, wenn sie es denn für nötig halte, zum Beispiel um Rohstoffquellen zu sichern. Endlich stünde die EU dann da, wo sie ehrgeizige Politiker schon längst haben wollten: als Weltpolizist, gleichberechtigt neben den USA. In einem weiteren Leserbrief an die gleiche Zeitung beschäftigt sich Helmut Usinger mit der Rolle des Eigentums in der EU-Verfassung:

Die in unseren Grundgesetz (Art. 14,2) verankerte Sozialpflicht des Eigentums, moniert er, werde mit dem Satz: „Jeder Mensch hat das Recht, sein rechtmäßig erworbenes Eigentum zu besitzen, zu nutzen, darüber zu verfügen und es zu vererben“ ausgehebelt. (Frankfurter Rundschau, 23.2.05) Schließlich problematisiert er, wenn die EU-Verfassung vorschreibe, „einer offenen Marktwirtschaft mit freiem Wettbewerb zu dienen“, dann habe das mit dem, was wir unter „sozialer Marktwirtschaft“ verstehen, nicht mehr zu tun. Man fragt sich allerdings, warum dann so viele ins gelobte Euroland hineindrängen?

Das Ergebnis der Präsidentenwahl in Kroatien, so Daniel Riegger in der „Frankfurter Rundschau“ vom 8.1.05, sei vor allem ein „Beleg für die Strahlkraft des Modells Europa.“ Es bedeute eine Absage an die“ultranationalistischen Lager der Vergangenheit“, die so viel Hass und Gewalt über diese Region gebracht hätten.

Kroatien solle jetzt nach vorne schauen und die Herausforderungen eines EU-Beitritts annehmen, ohne Vorbehalte und ohne die eigene Vergangenheit zu leugnen. Voilà, Ustasi ade! - „Durch Kroatien muss ein Ruck gehen!“ (frei nach Roman Herzog).

Jahrzehntelange klerikale und nationale Übersättigung muss abspecken. Eine der geistigen Grundlagen von Neu-Europa ist also die Neuorientierung, nicht in der tödlichen Engmaschigkeit nationalistischer Schleppnetze hängenzubleiben als rückständiger Adria-Hering. Wie lehrte schon „Nathan der Weise?“ (Lessing): „Bevor wir Christen, Juden und Mohammedaner wurden, waren wir Menschen.“

Entschuldige, Nathan, das hatten wir vergessen.

Das Menschliche ist ja auch schwierig. Das Zwischenmenschliche, Mitmenschliche, Übermenschliche. Und das zwischen Mensch und Tier, Nobellpreis-Schlepper und Koralle auch. Vor 20 000 Jahren, in der Höhle von Altamira, war das vielleicht noch leichter als auf den Ledersesseln der Bank of England, aber auch damals haben wir uns schon gegenseitig belauert, bekämpft und erschlagen.

„1,2 Milliarden Menschen leben von weniger als einem Dollar pro Tag“, berichtet uns Michail Gorbatschow in seinem Buch „Mein Manifest für die Erde.“ Man müsse kein Marxist sein, um die Explosivität dieser Situation zu begreifen. „Die Europäische Union und die Vereinigten Staaten“, so Gorbatschow, „müssen endlich begreifen, dass sie mit ihren internen Agrarsubventionen die Bauern Afrikas und anderer Entwicklungsländer zum Elend verurteilen.“

Aber ob es nur am Begreifen liegt? Sollten wir nicht eher davon ausgehen, dass die beiden sehr genau begreifen, um was es geht und dass ihnen das europäisch-amerikanische Hemd näher als der afrikanische Rock ist?!

Die Praxis, kolonialisierte Länder, auch, wenn sie später, meist mit viel Blut und Tränen, in die „Unabhängigkeit“ entlassen wurden, in einer wirtschafts-imperialistischen Spirale zu bändigen, und sogar über die „Entwicklungshilfe“, durch Auftrags- und Kaufverträge einen Teil der Gelder wieder ins Land zu holen, ist seit langem gängige Praxis.

„Dritte Welt fühlt sich erpresst“, so ein Bericht der „Frankfurter Rundschau“ vom 28.11.1990.

Verbände der Entwicklungshilfe, unter anderem die „Arbeitsgemeinschaft Kirchlicher Entwicklungsdienst“ (AGKED) fordern darin ein „Recht der Länder der Dritten Welt“ auf eine nationale Agrarpolitik zur Sicherung der eigenen Ernährung.

Der Verfall der Preise auf dem Weltagrarmarkt sei das Ergebnis der „aggressiven Exportpolitik“ der USA und der EG. Hochsubventionierte Getreideexporte dieser Länder erschwerten erheblich die einheimische Nahrungsmittelproduktion. Vielen Kleinbauern bleibe gar nichts anderes übrig, als ihre Waren unterhalb der Produktionskosten zu verkaufen, „um wettbewerbsfähig zu bleiben“. Zu „bleiben“ ist gut. Sie sind ja nicht wettbewerbsfähig - bis zum heutigen Tag.

Auch das gehört zu Europas geistigen Grundlagen. Doch, siehe Hölderlin: „Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch.“

Ach, wenn es nur nicht so trödelig wäre. Nicht jeder ist ja ein Dichter und kann sich pflegen lassen, im Turm, bei einem Schreiner, und das „Rettende“ wuchs meistens nicht bei uns, sondern das Gegenteil: 10 Millionen Tote, unzählige Gefolterte, Gequälte, Terrorisierte in der Zeit der Inquisition (Der Spiegel, 1.6.98)

22 Millionen Tote, darunter Tausende von deutschen Juden, bei den Kreuzzügen („Die bewaffneten Wallfahrten nach Jerusalem“, von Hans Wollschläger). Bei der Eroberung Amerikas durch die Spanier werden in den ersten 150 Jahren rund 100 Millionen umgebracht, „im Namen Gottes!“ Der Theologe Boff, nennt das im Publik-Forum (31.5.91) den „größten Völkermord aller Zeiten.“

Aber kürzen wir ab: Der „Dreissig-jährige Krieg. Der erste und der zweite Weltkrieg. Also wieder mindestens 100 Millionen Tote.

Dann - sehr früh schon - das systematische, mit wissenschaftlicher Akribie betriebene Dreinschlagen auf die Natur, der eiskalte Manipulator, etwa in der Gestalt eines Francis Bacon (1561-1626), der bereits methodisch vorging, um der Natur die „Geheimnisse“ abzupressen, darin sogar die Verherrlichung Gottes und einen Schöpfungsauftrag erblickte.

Die größten Greuel der Menschheitsgeschichte sind von diesem Europa ausgegangen.

Ladenhüter wie „Das Tier als Sache“ (Thomas von Aquin) halten Naturwissenschaft und Technik auf Trab und eine industrielle Ausbeutung: 1,5 Millionen Tierversuche in Deutschland, pro anno, die meisten tödlich. („Der Spiegel“, 40/99)

14 Millionen Tiere bei Tiertransproten auf dem Gebiet der Europäischen Union, unter „teilweise grausamen Bedingungen“, weitere Millionen vegetieren unter erbärmlichen Bedingungen in der Massentierhaltung (Ralf Speis: „Ein Mahnmal für die Opfer der Kirche“ Theaterstrasse 25, 97070 Würzburg.

Allein 11 Millionen Sklaven dann vom afrikanischen Kontinent nach Südamerika, natürlich von Europa betrieben - Familien auseinandergerissen: Frauen ohne Männer, Kinder ohne Väter, Mütter verlieren ihre Söhne, die Schwester verliert ihre Brüder, der Vater, weil zu schwach und alt wird erschlagen oder aber daran gehindert, seinen Sohn zu retten.

Natürlich können wir nun die Aufklärung dagegenhalten, den Humanismus, die Entwicklung moderner Menschenrechte, aber schon sind europäische Mächte mit dabei, einen völkerrechtswidrigen Krieg im Irak zu führen, gesamtverstrudelt mit den USA - mächtiges, reiches, armes Europa.

Werden wirklich „die großen Fragen der Zeit“ durch „Eisen und Blut“ entschieden? - Die großen Fragen haben sich vielleicht geändert. Statt Eisen und Blut sind es vielleicht die ökologischen Grundlagen:

„Erlauben Sie uns die Feststellung, dass das ökologische Problem unserer Zeit nach einer grundlegenden Umformulierung unseres Weltbildes verlangt, dass eine neue Interpretation von Begriffen wie Materie und Welt notwendig ist, dass wir Menschen andere Wege des Umgangs mit der Natur finden und dass wir unser Verhältnis zur Produktion und dem Gebrauch materieller Güter überdenken müssen“, fordert der Patriarch Bartholomäos I, Ehrenprimat der orthodoxen Kirchen und ökumenischer Patriarch von Konstantinopel. Eurokles am Scheidewege? - Es sieht so aus.

„Leben
einzeln und frei
wie ein Baum
und brüderlich
wie ein Wald
ist unsere Sehnsucht“
(Nazim Hikmet)