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DEN KULISSEN DER TEUTOZENTRALE |
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Die Rebellion der Rekrutin Nesttor
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| In Alanya finden Rentier- und Privatier-Partys statt. Ihre Promotoren proben den Song via Allemania, wo die Demographie das Konstrukt Demokratie detoniert und die Gut-Germanen-Generation nicht in Ruhe läßt. Diese Grünen-Grazien verblassen ins Grau wegen ihrer Klassenwurzel, der diplomierten Mittelschicht, die im Dilemma steht: Einerseits will sie in die alten harten Scheidewände Schlupflöcher einschlagen, um ihre touristischen Touren in den Morgen aufzubewahren - läßt sich zugleich ihr humanitäres Gewissen befrieden. Andererseits steht die Sicherheit ihrer pausbäckigen Besitztümer vor dem schwer kontrollierbaren Pauperismus. Grundsätzlich fühlen sich diese Grünen-Garnisonen auf dem nicht nur auf Profit bedachten Schlachtfeld für Heimat und Hegemonie schwarz. Gemeinsam mit allen Fraktionen der hiesigen Gewalt singen sie die Hymne eines europäisierten Bundesdeutschlands und meinen ein verdeutschtes Europa. Die Frage, ob diese Bastei mit einem Türkei-Beitritt bestialischer wird oder asiatischer, hat dabei einen kargen Klang. Den Türken wird bei der Komposition der Euro-Päan eine inferiore Position zugewiesen. Durch das Tal der Tränen dürfen sie jedenfalls nicht kommen. In ihnen sehen selbst die linksbündigen Libertinagen der Libertät ausschließlich das Anhängsel Europas, das man privilegieren oder primitivieren will. Um dieses Weltbild dreht sich folgende Novelle: Nesttor, ein Spätling Nasreddin Hocas zwanzigster Generation, ursprünglich Nestor im Derwischen-Terminus, bestand als Zwanzigjähriger den intermediären Integrationstest, erhielt sein Identitätspapier für sepia-farbene Greenhorns jener Allemania, die demographisch im Sinkflug begriffen war, delegierten-demokratisch dagegen im Höhenflug. Denn über fünfzig Prozent lag der parteienparat partizipierte Part derer, die sich auf dem Steg zum urtypischen Urnengang fanden, statt zum utopischen Residenz-Revier in Alanya, der allemanischen Kapitale in Province Anatolia. Die Demographie detonierte unverdrossen das delphische Fundament der dionysischen Demokratie, deformierte die letzten Dinge, determinierte die Chance der Disputanten-Demagogie. Ein Chancellor namens Gerhatz Störer signalisierte Revolte gegen die flutartige Flucht der grauen Rentiere und spärlichen Sparschwein-Privatiers zu den graziösen Gestaden des mediterranen Teichs. Erst ließ er ihre Ansprüche und Ersparnisse versteuern, was noch geschwinder Panik und Geschluchze verursachte. Die Kolonnen der Exilanten expandierten, nahmen das Ausmaß eines Exodus an. Daraufhin ließ der Überregent der Retro-Republik unter dem Berolina-Blick Redeschwall-Schreiber ein Exposé für die tränenselige Theatralik fabulieren. Dabei ging es nicht um das Drama des Titanischen, sondern darum, die manisch germanischen Kolonien der emigrierten Eremiten vor allem an der ost-levantinischen Riviera den Rücken zu stärken. Um diese Protegés des Demokratoren-Dominums zu protegieren, wies er hinterher seine Ministerialen an, mobile Gorilla-Garnisonen zu modellieren und sie gemäß dem Europiden-Modell der humanitären Interventionstrupps zu garnieren. Auch der feminine Nestor Nasreddin, der das Suffix „In“ stets über die Achsel ansah und das Neutrum in geschlechter-thematischen Gesprächen bevorzugte, meldete sich freiwillig zur einsatzbereiten Eingriffstruppe der Euro-Päane und ließ sich mit dem Namen Nesttor akklimatisieren. Schon am ersten Tag befand es sich in einer zwanzigköpfigen Rekruten-Rotte auf dem Trainingsgelände vor einer exerzierenden extra-grünen Instrukteurin von UnteroffizierIn-Rang. Indem die oliv-uniformierte, emma-emsige Basisdemokratin - die sich in ihrem grünenden Alter als prima Praktikantin in der offiziellen Assoziation der assimilatorischen Ästhetik hervorgetan hatte, einen absorbierenden Multi-Kulti-Kursus absolvierte und hier auch ihren fremdelnden Wortschatz bereicherte - ihre Argusaugen auf das künftigen Regionärs-Regiment richtete, artikulierte sie mit einem der Artistik arteigenen, dennoch dillettantischen Befehl: „Kompanie, es ist die Stunde der Poetik. Zu Beginn des Tages rezitieren wir im Team wie aus einem Guß die fiktiven Verse aus dem faktisch existierenden 14tägigen Sprachrohr der deutschsprachigen Residenten in Alanya, das den Titel 'Prima Leben‘ trägt.“ Die Rezitation spielte sich im routinierten Rhythmus einer rumorenden Romanze ab: Alanya - alleluja Jeremiaden dem Sonnwendkäfer geschenkt haben Kulinarier der Arier das Dolce vita der Belle époque gewagt wie einst am Lorenzberg Hansamca in Machismo-Manier des Orang-Utans der Löwin schrägen Schreck eingejagt ließ sich der Rentier- und Privatier-Tiger in der östlichen Levante nieder liest weit vom schweren Winter und der schwarzen Nacht den Osmanen des Orients die Leviten stimmt mit dem Refrain den Alleluja-Hymnus an in Alan- Ya Viva Alleman- Ja... Kurz, nachdem die Horde ein Schloß vor dem Mund und auf einen Stillstand gehofft hatte, ließ die Paukerin oliv kolorierter Uniform ein weiteres Kommando los: „Allemann der Alternativen-Amateure! Allons!“ „Warum vier?“ fragte sich das Nesttor. „Weil sich vielleicht vier auf Privatier-Offizier der Pleitiers reimt?...“ Jedenfalls rührte es sich nicht vom Platz. Auch dann nicht, als die Sergeantin, die im Zivilleben oft dem Habitus einer Serenade-Sängerin nachäffte, ihren Befehl zum vierten Mal im archetypisch preußischen Argot wiederholte. „He Nasentrompeter! Hast du Läuse in Ohren?..“ bäumte sie sich auf und eilte zum eloquenten Eleven: „Ich habe Allemann gesagt!..“ „Erstens bin ich kein Mann...“ wollte Nesttor auf die Political Correctness bezüglich des Geschlechter-Gesums aufmerksam machen, wurde aber von der Kommandantin unterbrochen, die ihm die Faust unter die Nase hielt, wobei sie den Mittelfinger himmelwärts gerade stellte: „Im Namen des Allvaters!.. Also gut: AllemannInnen!..“ „Zweitens,“ führte Nesttor seinen Fingerzeig auf die Korrektheit der kulturell konstruierten Künstelei fort, „fühle ich mich auch dann nicht angesprochen. Denn ich bin keine Allemannin, sondern immer noch eine Anadolusin. Schließlich habe ich auf den Respekt vor der Identität ein Gelübde geleistet, vornehmlich vor der Fortuna der populär völkischen Populationen. Das ist das Exportgut, das unsere Formation überall zu verteidigen verpflichtet ist.“ „Anatolisches Allotria! Aber nicht hier!“ „Zu spät, Madame... Allzu alte Allegorie... Die Praktikusse der Gettos, in Palaverpartys der arischen Lemminge sensationell auch Parallelgesellschaften genannt, prahlen allerorts im Allerlei des metropolitanen Gettogethers. Die mannigfachen Kanakstanen lassen sich nicht mehr aufknacken, ihre Pop-Partisanen den Daumen aufs Auge setzen und als Homo primitivicus präsentieren.“
Ein Abriß aus Heleno Sañas Robinsonaden inmitten des kalten alten Kontinents Mitte der 1980er geriet ich in die Karambolage zwischen mediterraner Heiterkeit und nordischer Gründlichkeit der Konformität. Revolutionäre Rhetoren, die zehn Jahre zuvor im Sekten-Sektor des westdeutschen Ordo-Kapitalismus hervorgetreten waren, das imperialistische Joch in der Heimat zu brechen, mutierten zu Initiativen-Sachwaltern der Integrationsgilde, karikierten die Klassenkonfrontation, machten als gewendete Gentilhommes und geläuterte Kreaturen des Gutmenschentums vor dem Genre der demo-kreativen Nomenklatur einen Kratzfuß, verschoben die soziale Emanzipation auf den Feierabend am Sankt-Nimmerleinstag. Meine Gedankengänge, die hiesigen Verhältnisse bezüglich der Leibeigenenexistenz der aus dem kleinasiatischen Orient stammenden Menschenlandschaften als ordinär völkisches Konstrukt an den Pranger zu stellen, denunzierten sie als „Donquichotterie“. Gerade in dieser Zerwürfnis bekannte ich mich coram publico zum iberischen Ritter des Miquel de Cervantes Saavedra. Etwas später begegnete ich dem aus Barcelona stammenden Darmstädter Autoren Heleno Saña, der sich in seinen Traktaten und Buchpublikationen über die historische Hidalgo-Figur Don Quijote nicht als bourgeoise Karikatur des kleinkarierten Brimboriums schieflachte, sondern als Idol seiner philanthropisch philosophischen Poetik begeisterte, um der Rebellen-Route seines Weltalters Licht am Ende des Tunnels zu stiften. Heleno Saña heißt Streiter, Philosoph, Dichter, dessen Besitz aus einem Bucharsenal mit fast drei Dutzend Titeln besteht - in spanischer, seit 1979 in deutscher Sprache wie: „Benposta, eine Stadt für Kinder“, „Verstehen Sie Deutschland“, „Die verklemmte Nation“, „Das Vierte Reich“, „Das Ende der Gemütlichkeit“, „Die Lüge Europa“, „Die Deutschen - zwischen Weinerlichkeit und Größenwahn“, „Die Zivilisation frißt ihre Kinder“, „Die verlorene Menschlichkeit“, „Das Elend des Politischen“, „Die libertäre Revolution. Die Anarchisten im spanischen Bürgerkrieg“, „Macht ohne Moral. Die Herrschaft des Westens und ihre Grundlagen“. Heleno Saña riskiert in seinem 75. Jahr ein Auge auf sich selbst und offeriert mit „Don Quijote in Deutschland“ seinen Freunden ein kostbares Geschenk. In dieses Opus vergrub ich mich zwei Nächte und hatte das Gefühl, der Rezitation eines Epos am hellen Tag beigewohnt zu haben. Nachdenklich wurde ich gestimmt wegen der Frage nach dem Gehalt Don Quijotes Lebens. Doch erfuhr ich immer wieder, wie sich der Ritter richtig aufbäumt und die Kletterpartie der klerikalen Reaktion attackiert - im kollektiven Geist auf der Seite der Unterdrückten. Er prahlt coram publico nicht mit eigenen Taten, hält Distanz zum Normativen. Ich fand mich stets vor der Kraftfontäne des revolutionären Blütentraums, dessen Laterne auf jenen Herold Licht ausstrahlt, der das Ende des Zeitalters hyperreaktionärer Aggressionen verkündet. Wie angenehm, von jenem Don Quijote als Getreuer akzeptiert zu werden, der den „Propheten der Nacht und des Nichts“ das Fürchten lehrte und lehren wird - mit seinem Stift als Schwert, ohne den Gramgebeugten einen Platz zu gewähren. Den „autobiographischen Aufzeichnungen eines Außenseiters“ wohnt jedoch ein Mißverständnis inne. Heleno Saña notiert, daß ich, „ohne Spanier zu sein“, auch Don Quijote sei, „im Grunde viel quijotischer als ich selber“. Doch die Bekanntschaft mit dem Herausforderer der Windmühlen als Symbol eines Systems der feudalen Fäulnis machte ich bereits in der Schule, wo der Wert des Werkes von Cervantes viel universalistischer geschätzt wurde als alle anderen universalistischen Werte, die das Abendland seit fünf Jahrhunderten exportiert - mit Feuer und Schwert. Heleno Saña kennt unzählige Facetten des Lebens, die er auch in seinen „Aufzeichnungen“ aufzählt und als eisenfester Universalist sowie rebellischer Erdenbürger seine Leser vom Stuhl kippen läßt. Als Don Quijote räumt er seiner Dulzinea den gebührenden Platz ein, konterfeit eine Romanze wie Romeo und Julia, verwandelt zwischendrin in einen Don Juan, den er jedoch mit kritischen Worten konterkariert. Müde ist er nicht geworden auf den abenteuerlichen Reisen zwischen dem iberischen Metropolen Madrid und der hessischen Provinzstadt Darmstadt - zwischen unzähligen Rezitationsabenden, Podiumsgesprächen, unterwegs als Gast der Feuilletons und Studios. Wer weiß, welche Odysseen ihm noch bevorstehen. Don Quijote hat im Gesamtwerk Heleno Sañas den symbolischen Gehalt eines Rebellen, der jedoch nicht die Attrappen attackiert, sondern jegliche Art der konformistischen Kontraktion kontert und mit der Kontraposition eines honetten Humanisten korrespondiert. Sein Wagnis, den anthropophoben Anachronismen der antiquierten Zivilisationszombies die Stirn zu bieten und den Antipoden der imperialen Herrschaft ein Hoch auszusprechen, weist ein weit schwereres Gewicht von sich als Cervantes Epos Anfang des 17. Jahrhunderts - beide von Weltrang. „Don Quijote in Deutschland“ läßt sich mehr als ausgereiftes Wagestück, als Robinsonade eines mediterranen Jünglings im Streit mit der Volksfront der rechtschaffenen Demokratur lesen. Er setzt seinen literarischen Feldzug gegen die okzidentale Bravourstück-Bastei mit quijotischer Leidenschaft fort. Von ihm kann man vor allem erfahren, wie man mit eigenen Schwächen, den Phasen innerer Einsamkeit umgeht und Blütenträume pflegt - von einem Weltalter ohne Gewalt und Elend. Necati Mert
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