| MEDIEN-KULTUR-SCHAU |
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Saliha Scheinhardt Töchter des Euphrat Roman. Brandes & Apsel Verlag, Frankfurt/Main 2005, 232 Seiten, 19,– Euro Welche Folgen den Staudammprojekten innewohnen, kennt man aus Referaten und Reportagen von global agierenden Beobachtern, Gutachtern, Archäologen, Ethnologen, Evangelismus-Experten, Antipoden der orientalischen Despotie, Promotoren des Ethnien-Events, Misere-Missionaren, Exporteuren der „Gesellschaft für bedrohte Völker“ u.a. Eines dieser Projekte wird im Südosten der Türkei, im Euphratgebiet, realisiert und bedroht eine altertümliche Stadt namens Hasankeyf mit der Sintflut, worauf sich seit fast einem Jahrzehnt das ethnophil artikulierende Augenmerk richtet. Als ausdrucksvoller literarischer Rapport des Verlaufs der Kampagne „Rettet Hasankeyf!“ kann man Saliha Scheinhardts vorliegende Opus einheften, das auf ein paar Fragmenten vorgefaßter Monumente fußt. „Es geht um die Zeit der Militärdiktaturen,“ heißt es im Werbetext des Verlags, „um Unterwerfung und Auflehnung, um Liebe und Tod, um unterschiedlichste, ineinander verwobene Lebensschicksale, um mythische Erzählungen und um geschichtliche Rückblicke und Erinnerungen.“ Und es lautet in einer ebenfalls vom Lektorat des Verlags abgerundeten Lektüre: „Leidenschaftlich erzählt Saliha Scheinhardt vom Schicksal der vom Staudammbau betroffenen Menschen. Da sind die alten Frauen, die aus ihrem in der Tradition verhafteten Leben herausgerissen werden und einer Ungewissen Zukunft entgegensehen. Da ist die von den Militärs gefolterte und ins Ausland geflohene Frau, die Jahre später auf der Suche nach den Orten ihrer Kindheit mit den Menschen am Euphrat und ihrem Widerstand konfrontiert wird und die dort ihre eigene Kindheit und Jugend noch einmal durchlebt. Da ist die Geschichte eines widerständigen Lehrers, der über Macht und Ohnmacht, über Zivilisation und Barbarei nachdenkt und die Menschen zu verändern versucht. All das fügt sich zum Bild einer untergehenden Kultur in einer Region, die von einer mehr als zweitausendjährigen Geschichte geprägt ist. Eingeblendet werden die Lebensgeschichten vieler anderer Menschen, insbesondere die von widerständigen Frauen.“ Die Lektüre nachfolgender Textseiten mit mannigfaltigen Metaphern und mythischen Momenten läßt den Leser nicht locker, verleitet ihn in einen dämmrigen Dualismus zwischen Zorn und Melancholie. Ablenken kann er sich kaum von der Reiseroute der Erzählerin, die in folgender biographisch pointierter Schlußpassage landet: „Alles in allem habe ich auf dieser unserer Erde menschlich gelebt und weiß, dass das, was ich erlebt habe, nicht vergebens war. Ein Leben ohne Bitterkeit und Hoffnung? Das wäre erbärmlich! Angesichts der Tatsache, dass nichts im Universum verloren geht, ist nichts vergeblich gewesen. Solange wir uns vom schwülstigen Patriotismus, der Spießigkeit und der brutalen Gewalt nicht erdrücken lassen, wird nichts umsonst gewesen sein...“ Ein selbstbezogener Schlußakt, der an die letzten Zeilen der „Autobiographie“ von Nazim Hikmet erinnert: „Kurzum, Genossen,/sollte ich heute hier in Berlin vor Kummer zugrunde gehen,/kann dennoch behaupten,/ich habe menschlich gelebt auf dieser unserer Erde./Wer weiß,/wie lange ich noch zu leben/und was ich noch alles zu erleben habe.“ Fraglos läßt sich Scheinhardts Opus als ein Epos für die Entmündigten und ihre Aufsässigkeit würdigen. Trotz einiger fragiler Fragmente fremder Fontäne. Denn es ruft erneut das von Nazim Hikmet unter „Die Legende einer Liebe“ als Bühnenstück adaptierte Märchen „Ferhat und Schirin“ ins Gedächtnis. In diesem volkseigenen Wortkunstwerk verlieben sich der Kaligraphen-Gesell Ferhat und die jüngere Schwester der Sultanin einer Stadt unheilbar, die immer wieder von der Plage der Wasserknappheit heimgesucht wird. Die Herrscherin, die von dem schönen Jüngling auch angetan ist, versucht der Herzensglut ihrer beiden Untertanen dadurch entgegenzutreten, indem sie ihr Ja zu ihrer glücklichen Gemeinsamkeit mit einer unmöglichen Tat verbindet: Ferhat soll ein Loch durch jenen Berg bohren, hinter dem ein See voll mit Quellwasser ruht. Der Jüngling, dessen Ruhm zuvor als Rankenwerk-Meister weite Gegenden erreichte hatte, macht sich mit Hacke und Schaukel sowie mit einem zentnerschweren Schotterschlegel auf den Weg und beginnt, in den Felsbrocken zu hämmern. Seine Schlegel-Schläge widerhallen überall in allen Weiten. Jahre vergehen, und er wird in stetigem Fortgang von Nachrichten erfaßt, wie die Einwohner der Stadt auf der Durststrecke immer tiefere Blütenträume auf nasse Brunnen pflegen. Doch der Felskegel läßt keinen Durchfluß. Die von Amors Pfeil Getroffenen bekommen graue Haare. Die Sultanin weicht von ihrem Ferman, dem Straferlaß, ab. Der versessene Greis Ferhat weigert sich vor einem Zurück zum Privat-Glück, hat nur noch einen Wunsch, nämlich den Berg vor ihm zu bezwingen... Es ist vermutlich dieser Ferhat, der die „Töchter des Euphrat“ begleitet - in einem anderen, dem kulturalistischen Kompaß fixierten Habitus, einem zeitgeistparaten, europoid gewandten Generationsgenre. Maßgeblich in der Fiktion von Saliha Scheinhardt, Jahrgang 1950, seit 1967 in der BRD, anfangs Gastarbeiterin, danach Hochschullehrerin, vor allem aber Autorin einer Vielzahl von Buchprodukten wie „Drei Zypressen“, „Mondscheinspiele“, „Lebensstürme“, „Frauen, die sterben, ohne dass sie gelebt hätten“, „Und die Frauen weinten Blut“, „Von der Erde bis zum Himmel Liebe“, „Sie zerrissen die Nacht“, „Liebe, meine Gier, die mich frisst“, „Die Stadt und das Mädchen“, „Träne für Träne werde ich heimzahlen“, „Von der Erde bis zum Himmel Liebe“. Was wiederum ihre Ode auf die kontradiktorischen Lebenswelten Anatoliens samt ihrer Leiden und Freuden angeht, ihr kann man zweifellos ein hohes literarisches Gewicht beimessen. Andererseits: Engagement, Altruismus und Herzenswärme für die Völkerschwärme im Vorderen Orient - aber auch anderswo - müssen auf den Fährten einer auf der Kulturanthropologie fundierten Solidarität verschimmeln wie die apostolische Episode einer revolutionären Romantik. Denn dahinter steckt geradezu die Arrivierten-Arie der aufklärerisch kreierten Profession und die klerikale Standpauke der merkantilen Missionare. MK *** |
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Klaus Bittermann Wie Walser einmal Deutschland verlassen wollte Glossen über Querdenker de Luxe und andere Würstchen, Edition Tiamat, Berlin 2005, 175 Seiten, 13,– Euro. Erheiternd wie stets offeriert die Tiamat-Edition mit dem bewährten horazischen ridentem dicere verum wieder diverse Schmankerln aus der Knalldeppencommunity der deutschen Kultur- und Politprominenz. Es werden von Klaus Bittermann durchaus existentielle Fragen exponiert, etwa: Was macht Helmut Kohl in seinem Hobbykeller? Warum läuft Joseph Fischer in seiner Freizeit verwahrlost umher? Warum sind die Deutschen seit dem Tsunami Weltmeister der Herzen? „In der Politik sind Peinlichkeit, Dummheit und Ignoranz Voraussetzung, um Karriere zu machen“, weiß der Autor. Deshalb hat Souffleteur Jens Ammoser getan, was Tausende andere auch gern getan hätten: er hat dem totäugigen Volksankumpler Schröder, dem „miesesten, erfolglosesten und ahnungslosesten Kanzler, den wir je hatten“, eine gescheuert. Die Presse wollte Ammoser seinerzeit zum Psychopathen stilisieren, der aber ist aufgrund seiner Einstellung exakt jener Typus, an den der Phraseur Schröder mit seinem pastoraltremolierenden Sudat vom „Aufstand der Anständigen“ appellierte. Hübsch auch das Porträt des Mini-Pol-Pot Joscha Schmierer von der linken Protestgeneration, oder, quasi dessen Kontrahent, der liliputanische Mini-Napoleon Heinrich Lummer, der vormals von „linken Radaubrüdern“ halluzinierte und jetzt den Grüßaugust auf politischen Butterfahrten nach Berlin markiert, wo er bräsigen Rentnern statt Heizdecken seinen world-outlook verkauft. „Short people have no reason to live“, ahnte schon vor Jahren Randy Newman. Oder der Bild-Kolumnist und Klemmt Hans-Olaf Henkel, der mit dem ranzigen Odeur der Bohnerwachsjahre und seinem aus Platitüden zusammengestöppelten Froschperspektiven-Panorama „globalisierungstaugliche Weltbürger“ fürs Vierte Reich rekrutieren möchte. Auch der deutsche Literaturbetrieb mit seinen „pfeifenrauchenden sozialdemokratischen Bedenkenträgem und völkischen Raunern“ wird in Bittermanns Kompendium abgehandelt, etwa die Beamtenlyrik des töpfernden Nobelpreisträgers Günter Grass, die die bisherige ars poetica weit in den Schatten stellt, gerade auch dort, wo der biedere Querdenker sein bizarres Bocksgesträuch illuminiert und mit seinem Hansel Auferstehung feiert: „Soeben noch schlaff und abgenutzt / Nach soviel Jahren Gebrauch / steht er / - was Wunder! / Er steht -, / will von dir, mir bestaunt sein...“ Solche Top-Events norddeutscher Genital-Lyrik lassen die Meisterwerke von Hölderlin & Co. verblassen, sie sind eines Literaturnobelpreisträgers made in Germany wahrhaftig würdig. Erheiternd auch der furor satiricus in Bittermanns Magister-Psychogramm „Übles Lehrerpack“: Erinnerungen eines Scholasten an den Faukerpöbel der humansülzend-präzeptoralen Berufsquacksalber: „Lehrer sind auf der Skala der ekligen Berufe ganz weit oben angesiedelt. Davon kann nicht nur jeder Schüler ein strophenreiches Lied singen, das bestätigen auch Leute, die selber Lehrer sind und als Ausnahme die Regel bestätigen... Lehrer sind von Unfähigkeit, Blödheit, Arroganz, fachlicher Inkompetenz geschlagen, sie sind Neidhammel, Intriganten, Ignoranten, Idioten, Wichser, Wichte, Trampel, Heinis, Nieten, Maulaffen, Charakterschweine, Mieslinge, Fieslinge, Arschkriecher, Schnösel, Dödel, Deppen, Menschenschinder, Blödmänner, Hinterwäldler, Sackgesichter.“ Amüsant auch, wie Bittermann durchs Internet einen „üblen Fall von Namensdiebstahl“ dekuvriert: ein CSU-Philister namens Bittermann aus dem fränkischen Flachgau erklärt dort zum „Höhepunkt meiner politischen Karriere“ ein Vier-Augen-Gespräch mit dem bajuwarischen Stotter-Spezi Stoiber: „Vom Flair dieses Mannes, dessen Lächeln immer so aussieht, als wäre er gerade dabei ertappt worden, wie er jemanden gebissen hat, bzw. von jemandem etwas abgebissen hat, eine Art Oliver-Kahn-Lächeln, vom Flair Edmund Stoibers also beeindruckt zu sein, dazu muß man wirklich eine politische und auch sonst in jeder Beziehung eine Null sein, die Klaus Bittermann aus Lohr am Main mit dem gesamten ihm zur Verfügung stehenden Talent zu repräsentieren versucht.“ Michael Loeckle
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Irshad Manji Der Aufbruch Plädoyer für einen aufgeklärten Islam. Aus dem Englischen von Susanne Aeckerle. dtv, München 2005, 240 Seiten, 9,50 Euro
„Wie kann es sein, dass ein barmherziger Gott Freude und Lachen verbietet? Warum vergeuden wir die Fähigkeiten von Frauen, der Hälfte der Schöpfung? Wer ist der wirkliche Kolonisator der Muslime - Amerika oder Arabien?“ Mit solchen und ähnlich weiteren Fragen prangert sie die verbogenen Böden ihrer Religion an, plädiert feurig für eine Reform und fordert, die westlich universale Werte wie Frieden, Freiheit, Demokratie und Menschenrechte in einen modernisierten Islam zu integrieren. „Ich bestreite nicht,“ bemerkt sie im Nachwort ihres Briefbuches, „dass einige Muslime Ziel von Schikanen, Überwachung und Diskriminierung durch westliche Regierungen geworden sind. Ich habe das während des Golfkrieges 1991 selbst erlebt, als ich ohne ersichtlichen Grund aus einem Regierungsgebäude hinausgeworfen wurde. Aber trotzdem bleibt Folgendes eine Tatsache: Wenn wir Muslime im Westen es wagen, Fragen über unser Heiliges Buch zu stellen, und wenn wir Menschenrechtsverletzungen anprangern, die im Namen dieses Buches begangen werden, brauchen wir nicht zu befürchten, dass wir deshalb von Staats wegen vergewaltigt, geschlagen, gesteinigt, ins Gefängnis geworfen oder hingerichtet werden. Was in Gottes Namen machen Muslime im Westen aus unseren Freiheiten?“ Gott dankt Irshad Manji für diesen Westen. Wegen seines Vorgehens gegen den „Islamo-Faschismus“ oder seiner grandios nachhaltigen Raubzüge im Globus? Im übrigen: Religionen sind Dogmen, die nicht reformieren lassen. NM
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