DIE BRÜCKE AN DER SPREE

Ach, wie war es doch vordem mit Vaterunsern so bequem

Reimar Lenz

Vater, unser, -

der Du, leider Gottes, nicht existierst, weniger denn je, seitdem Du als Schimäre eingezogen bist in die Massenpresse, trübe Sensation geworden im medialen Papst-Rummel und Märchen-Himmel. Aber was soll’s? Vielfach entheiligt wurde schon früher Dein Name.

Dein Reich kam nie.

Doch noch ertönt an Weihnachten, Ostern und gewissen Familienfesten ein rhythmisches, dunkles, ungeheures Gemurmel bei der Restgemeinde, das „Vater-unser“ - wie einst im Mai, als käme ein neues Pfingsten.

Und ich? Hier sitze ich, liege ich, höre Bach (Protestant), Messiaen (Katholik), meditiere, murmele manchmal buddhistische Mantren; immer dasselbe Ergebnis: Pluralität, Relationen, Synthesen. Kein verkrampftes Absolutum wie bei Papst Benedikt.

Der Autor des „Vater-unser“, Jesus von Nazareth, schloss sich spätjüdischen Gebets-Vorläufern an. Schon in urchristlichen Gemeinden war das Gebet vielfach in Gebrauch, mal mit fünf, mal mit sieben Bitten.

Für die Religion generell ist es bezeichnend, sofern sie nicht matriarchal. „Gott“ in seiner Eigenschaft als „Vater“ stammt aus dem Ahnenkult (Sparte Patriarchat). „Er“ hat uns geschaffen, ähnlich dem Menschenvater, der uns erzeugt. Vom Vater sind wir abhängig, neben der Mutter. Ihm wird Hilfe zugetraut. Ihm gebührt Ehr-Furcht. Dann sorgt er auch für uns. Bei Ungehorsam kann er strafen. Bei Reue auch „Sünden“ vergeben. So erscheint er in vielen Religionen, speziell den Monotheismen.

Einen „Gott“ nun, den wir uns so naheliegend entwerfen können, um dann festzustellen: „den gibt es“, diesen gibt es, bei Lichte besehen, als Welt-Prinzip nicht, jedenfalls nicht als anthropomorphen „Schöpfer“ und „Vater“. -

Und ich? Wahrlich, hier sitze ich, liege ich, meditiere ich, - ich kann nicht anders. Ein alter Zweifelskopp. Ich höre Umm Kalthoum, lese mit Respekt alte Texte von islamischen oder christlichen Mystikern, und manchmal sage ich mir, ganz leise, um die Meister nicht zu kränken: „Tut mir leid; das ist nicht meine Wahrheit. Das Wort, sie sollen lassen stahn. Man soll es dahin tun, wo es hingehört: ins Museum. Museen sind heutzutage sowieso besser besucht als Kirchen; von der Schönheit der Welt soll sich wenigstens dort noch etwas spiegeln...“

Brüder und Schwestern, unsere,

Wenn ihr nicht bloss Ästheten sein wollt, sondern euch auch engagieren, etwa für Flüchtlinge, so meldet euch bei „Asyl in der Kirche“ oder der Berliner Hilfsstelle der Katholiken für „illegale“ Flüchtlinge, Vertriebene, die noch „sans papiers“. Kirchliche Kreise sind da immer noch die aktivsten, im Gegensatz zur CDU-CSU. Und wenn es bei der Zusammenarbeit mit diesen christlichen Kreisen mal zu einem „Vater-unser“ kommt, dann braucht man ja nicht mitzusprechen, wenn man mit dem Text nichts mehr anfangen mag- Wahrhaft Engagierten sind solche Nuancen egal.

I am awfully sorry: I am not convinced.

Bin zwischenzeitlich durch den Feuerbach geschritten.

Mein Prinzip Hoffnung hat auch Schaden genommen.

Die klassenlose Gesellschaftshimmelfahrt hat, mit einer Bruchlandung, geendet.

Die seligen Hippie-Engel: längst abgedüst.

Das rosarote „New Age“: verblasst.

Das dort verkündete „Wassermannzeitalter“ ist ins Wasser gefallen, ebenso wie das gute alte „Dein-Reich-komme“ aus der zweiten Bitte des „Vater-unser“ - das „Königreich der Himmel“.

Übrig blieb allemal MAYAS Reich. Die Mediengöttin des schönen, des schlimmen Scheins lädt jeden Abend neu ein im Fernsehland zum Ausblick auf lichtvolle oder finstere Utopie. Wirklich glauben sollen wir an die „neue Weltordnung“ (MAMMONS Reich, erkämpft von Texas aus, notfalls mit einem Djihad für die Demokratie.)

Vater, unser?

Was machst Du? Weinst Du oder lachst Du?

Ein eiserner Wille geschehe nun bitte nicht, weder auf Erden noch in einem von Spionage-Satelliten bestirnten Himmel über uns!

Grossvater, unser,

Dein übrig gebliebener Wille zum Vorgestern geschehe bitte auch nicht!

Patriarchalische Restposten und lieblose Verbote ersetzen keine lebendige Religion.

Unser täglich Fast-Food, Gen-Food aus God’s own country kann man sich sparen.

(Allerdings, als Ökologe warst Du nie besonders weitsichtig, angeblicher Vater-unser. Die Erde sollten wir uns Untertan machen? Tiere und Pflanzen unter die Füsse tun? Also diese Gebrauchsanleitung haben wir nur allzu gut befolgt.

Sollten aber heute noch Sünder gesucht werden, denen der Zorn eines strengen Vaters gelten müsste, so empfiehlt sich folgendes: nicht zu schnell sollte uns allen vergeben werden unsere Schuld, die wir auf uns laden mit tierquälerischer Massentierhaltung, Tier-Versuchen und -transporten.

Buddha war da, mit seiner proklamierten Liebe zu allen Wesen weiter als unsere abendländischen Väter, unsere. Eine heilige Schwalbe aus Assisi macht noch keinen Sommer.)

Vater, unser, -

wenn es Dich gäbe, könnte ich Dir nicht zurufen: „Freue Dich!“ Und abermals müsste ich gewaltig zögern mit einem Ruf wie „Freue Dich!“ Guter Rat wäre teuer.

Denn man stelle sich vor, Du existiertest tatsächlich und müsstest früher oder später entdecken, dass in Deinem Namen Ketzer, „Sektierer“, „Hexen“, Sarazenen, Sklaven, Sozialisten, Juden diffamiert oder gar verfolgt wurden? „Sodomiter“, Lesben oder wer weiss noch - Du würdest ja Deines ewigen Lebens nicht mehr froh!

Für Millionen in dieser Welt hiess es „Not lehrt beten“, was da bedeutete: Todesnot wegen „Schwert-Mission“.

Ob und in welcher Form und Definition Du nun existierst oder nicht - Vater, unser -, jedenfalls wirst Du eingespannt für alles Mögliche und Unmögliche.

Päpste, Priester, Präsidenten, Politiker, Militärs, selbst Kaiser und Könige, Dichter und Denker spüren womöglich einen „göttlichen Auftrag“ und stellen dann irgendetwas an. Und dann kann man nur noch rufen: „Hilfe!“

Vater, unser, -

wie auch immer.. Vor allem eins: führe uns nicht länger (schon allein durch Deinen Namen, Deine Rolle, Deine anthropomorphe Statur) in Versuchung, einen platten Theismus zu unterstützen.

Schon die bizarre Annahme eines allmächtigen und allgütigen Schöpfers, der sich stolz betrachtet, was er gemacht hat, sich dann auf die Schulter klopft, um festzustellen, dass es gut sei, was er gemacht habe, jeweils, also auch alle Erdbeben und Sintfluten, Raub- und Beutetiere, Schlupfwespen und Giftschlangen, Viren und Bakterien, Geisseltierchen, Flöhe und Wanzen, überzeugt nicht.

Hiob war böse mit Dir, aus gutem Grund, doch am Ende hast Du ihn überrumpelt mit dem Argument, schliesslich habest doch Du und nicht er diese grandiose Welt gemacht - jawohl!

Ach, diese Welt ist kein Spass, so wenig wie mein Text.

Dringend würde ich Dich bitten, auf Knien, händeringend (wenn es Dich gäbe), dass Du uns erlösen würdest von dem Übel, (das Du mit erschaffen hättest, wenn es Dich denn gäbe.) etwa das Übel von Alter, Krankheit, Tod (Realitäten, deren Bedeutung der Buddha, ein mutiger A-Theist, klarer gesehen hat als alle diese gutwilligen Monotheisten. Nirvana gilt ihm als Ziel).

Ach, Du liebe Güte: ach, Du liebe buddhistische Güte..! (Früher noch als Jesus von Nazareth hat er die Liebe zu allen Menschen verkündet, allerdings auf seiner pessimistischen Grundlage)

Schönfärberischer, schöngefärbter Vater!

Ich verstehe ja, dass liebe Eltern immer wieder Kinder zu beruhigen versuchen mit optimistischen Kindermärchen über Dich. Die Enttäuschung wird dann eventuell umso grösser. Zu Jesu Zeiten mag so ein Gebetstext wie das Vater-unser noch hilfreich gewesen sein - es passte ins Weltbild. Aber heute?

Heute? Da ist kein „Paradies“, keine „Hölle“ (im „Jenseits“ - im „Diesseits“ freilich reichlich).

Kein „Schöpfer“, kein ‘Vater“, im „Himmel“, keine „unbefleckte Empfängnis“, keine „Gottesmutter“, kein „Gottes-Sohn“ (freilich Jesus, ein bedeutender Neuerer), keine „Auferstehung,“ kein „ewiges Leben“ (die absolute Spitze haltloser Spekulation).

Kurz, die Brille muss geputzt, das Weltbild erneuert werden. Entmythologisierung dieses ganzen mythischen Weltbilds ist angesagt - gerade auch im Dienste einiger jesuanischer Kern-Botschaften! Es wäre doch schade, wenn das Jesuskind vollends mit dem Bade ausgeschüttet würde.

Die katholische Soziallehre ist gar nicht schlecht. Von Katholiken wie Drevermann, Küng, Cardenal, Boff, Blüm, Geissler liesse sich lernen. Kühn der Schritt der Protestantin Dorothee Solle, die an einen allmächtigen Vatergott nicht mehr glauben wollte und konnte, sich aber sehr wohl fragte, ob wir nicht, in einer Art von „Stellvertretung“, etwas an Nächstenliebe und Weisheit zu leben versuchen sollten, die wir einem „Allmächtigen“ immer munter angedichtet haben.

„Brüder, überm Sternen muss ein guter Vater wohnen“ - das Schillerjahr rettet uns nicht.

Im Zeichen eines augenblicklichen medialen Papst-Rummels hat Religion eine scheinbare Konjunktur; ernsthaften Christen schadet das mehr, als dass es nützt. Bevor man noch mal echt fromm wird, sollte man sich frisch impfen lassen gegen obsolete „Offenbarungswahrheiten“. Sollte sich, zur Sicherung gegen Fundamentalismus, sich outen als wiedergeborener A-Theist, Humanist. Es scheint tatsächlich nötig, Patenonkel wie Darwin, Marx, Feuerbach, Nietzsche, Freud noch einmal zur Hilfe zu rufen gegen ein neues Mittelalter. Und wenn man verschiedene Perspektiven miteinander in Beziehung setzt, als Relationist, dann ist man noch lange kein Nihilist.

Vater, unser,

der Du nicht bist wie oft beschrieben. Freue Dich! Wir erlösen Dich von einigen Dir angedichteten Eigenschaften, einem alten Übel. Du bist frei gesprochen! Du bist es nicht! Du warst es nicht, der die Welt-Tragödie geschrieben. Wenn Du tatsächlich der Autor wärest, Du anthropomorpher Geist, dann müsstest Du ja in der Erde versinken.

Jetzt soll ein konfessioneller Religionsunterricht unsere „Kids“ in zwei Wochenstunden mit Vorstellungen beglücken, die längst von Comics, Walkman, Handy, Glotze und Internet umgeschmolzen sind?! Da zitiert dann auch keiner mehr ein Gebet an die Mutter Erde, wie es in den Siebzigern noch möglich gewesen wäre (ein weiblicher Mythos, der zu einer tragischen Evolution noch eher passen würde als ein Ökologie-blinder Patriarch).

Mutter, unsere,

dunkle Mutter Erde...

(klingt gut, nicht wahr, obwohl doch auch nur von Poeten gemacht, nur Narren, nur Dichtern...)

Mutter, unsere, -

ich hoffe, die Gläubigen des Vater-unser werden nicht gleich eifersüchtig werden, wenn wir Deiner gedenken. Vielleicht hilft eine feministische Idee uns dabei, den Vater-Wahn zu zähmen, alle an Machtphantasien verlorenen Väter heimzuholen ins Sohneshaus.

Aber ach,

der Vater-Euer-:

sein ist leider oft das Reich eines offensiven Patriarchats, eines hierarchiefrohen „Herrn“, der sich dann outet als „polemos pater panton“, als Streitvater in allen Dingen...

in power and greatness,

in vanity, without eternity.

I am sorry. I am not convinced.

Deshalb für dieses mal:

kein Amen.


Nachwort

Stattdessen ziehe ich mich zurück,

halte Andacht,

Andacht ohne Altar,

Andacht im Dienste der Frage -

der Frage nach dem Anfang

dieser zweifelhaften Welt.

Doch da die Frage mir ohne Antwort bleibt,

nach durchwachter Nacht, bin ich doppelt erstaunt,

dass am frühen Morgen sich mir Lippe und Laut

einigen auf ein neues Lied:

„Lobet den Herrn, den mächtigen König der Hymnen und Hypothesen: lobt SAPIENS!

Kommet zu Hauf, Synthisizer und Psalter, wacht auf,

lasset den Lobgesang hören auf den Vater von Religion

und Wissenschaft, denn beides ist sein Werk: SAPIENS!

Im Vergleich dazu ist mancher Gott ein Zwerg.“

Tatsächlich! Ist doch Sapiens der Schöpfer aller Schöpfer

und Schöpfungsgeschichten wie auch der Entwickler aller kosmologischen Modelle.

Und alles das entwickelt sich weiter, das wird heiter.

Sollen wir Sapiens promovieren? Habilitieren?

Sapiens sapiens gar zum „Homo Creator Spiritus“ hochjubilieren?

Das wäre doch zu hoch gepokert.

Denn Sapiens’ wissenschaftliche Experimente und Hypothesen haben sich schon oft als gefährlich erwiesen wie auch seine religiösen Entwürfe.

Ich bleibe skeptisch. Lege mich, nach einigen Atemübungen, endlich aufs Ohr. Habe nun, ach, erstmal genug studiert mit heissem Bemühn Religionswissenschaft und, leider auch, Kosmologie. Überall Fragezeichen - über Fragezeichen...

Was sagen uns „Superstrings“?

Was hätte dazu gesagt mein alter Kardinal Frings?

Ach, wie war es doch vordem

mit einem Vaterunser so bequem.