KULTUR-ATELIER

Die Waschung

Von Reinhard Bernhof

Ich kratzte mich ununterbrochen. Auch der Greis, der sich neben mir auszog und eine Sicherheitsnadel nach der anderen öffnete und mit diesen zugesteckt zu sein schien, kratzte sich, heimlich, damit es die anderen nicht sahen. Aber wie ich mich umdrehte, merkte ich, daß sich mein Nachbar, ein größerer Junge, dessen Schulterblätter aus dem abgemagerten Körper hervortraten wie zwei verstümmelte Flügel, auch eben kratzte. Alle zogen sich aus und kratzten sich, mal hier, mal da; selbst der alte Mann, der auf der marmorädrigen Sitzbank saß und noch immer seinen Kradmantel anhatte, rutschte hin und her und klopfte sich gegen die Gamaschen, die bockledernen, die er gerade ausziehen wollte, als säße drinnen etwas und bisse.

Dann ging ich ausgezogen vor die Tür, wartete auf meine Mutter und kam mir komisch vor, hielt ich doch meine Kleidungstücke gebündelt unterm Arm, für die Entlausung. Als meine Mutter endlich kam, ihre Blöße nur mit einem Handtuch bedeckt, und dann vor mir ging, ihre Kleidungsstücke ebenfalls gebündelt unterm Arm, wunderte ich mich über sie und mehr noch über eine ältere Frau, die wir überholten. Diese hatte einen eingezogenen Kopf, eine schlaffe Haut voller Falten, und ich versuchte mir vorzustellen, ob auch meine Mutter eines Tages so aussehen könnte.

Unter den Duschen befanden sich etliche Leute - und eine Russin in einem offenen weißen Kittel, die sich Herzlippen angemalt hatte, warf auf die nackten Körper eine Handvoll Schmierseife.

Während ich unter den Wasserstrahlen die warmen Güsse genoß, die Sprudel und Spritzer, beobachtete ich die vielen splitternackten Körper, die sich alle im dichten, heißen Dampf bewegten. Ich wußte nicht mehr, was ich denken sollte, als ich die vielen Haarbüschel zwischen den Schenkeln der Frauen sah. Meine Neugier wurde immer stärker, zwang mir meine widerstrebenden Augen erbarmungslos dorthin zu wenden, wohin ich sie noch vor wenigen Minuten nicht zu richten gewagt hätte. Und dazu sah ich wieder zu meiner Mutter: die Haltung ihrer Beine, die helle makellose Haut ihres Rückens, das Profil ihrer Schultern. Eine neue Gefühlswelt schien sich in mir zu regen - und wenn ich meine Mutter zwischendurch berührte, spürte ich ihre warme, fein gekörnte Haut. - Ich sah zu einer dicken Frau mit rosigem Körper, die sich streckte und ihre hervorstehenden Brustwarzen anschwellen ließ, ihre Füße sahen aus wie Baumstümpfe - und sie waren ebenso schwer zu bewegen; sie mußte sie richtig aus dem Boden reißen, wenn sie sich in Balance halten wollte. Ein dürrer Mann, fast grün vor Alter, wurde rot, winkelte zitternd seine Knie an, schrubbte die eingewachsenen Fußnägel und fuhr sich nebenbei über seine mageren, eingefallenen Gesäßbacken. Und im Gegensatz zum Gesicht, den adersträngigen Armen und dem Hals, war der Körper eines anderen Greises fast weiß. Komisch, dachte ich, weiß auch der faltige Bauch, der herunter hing wie ein Lappen, und Beine, als hätten sie noch nie die Sonne gesehen.

Ich spie einen Mundvoll Wasser aus und rieb mir übern Bauch; mir war, als lebe dort jemand, getrennt von mir, der mich abwechselnd peinigte und streichelte. Besser, es wäre niemand da drin, besser lebte es sich allein und ohne Hunger.

Ich sah, wie sich meine Mutter über die Brüste strich, sie hingen ihr schlaff herunter, und erinnerte mich, daß sie mir einmal gesagt hatte: Ich habe dir die Brust gegeben und dich mit Milch genährt...

Dann seifte mich meine Mutter ein. Obwohl die Schmierseife in meinen Augen brannte, sagte sie: Ganz anders als Tonseife. Und meine Mutter wusch mir mit einem Bastwisch alle Stellen des Körpers, wo sie noch Läuse vermutete.

Im Duschraum wurde es immer verschwommener, ein Nebel, der bald zerriß, bald wieder dichter wurde und mich umgab. Wie im Ruinenstaub kam ich mir plötzlich vor, als ich die Beleuchtung, die Milchglaslampen nur noch als blasse Monde sah. Auf dem Fliesenboden wäre ich bald auf einem Klecks Schmierseife ausgerutscht. Ich nahm ihn auf und wusch mich noch einmal selber. Dabei stellte ich mir vor, wie die Läuse durch die Wärme des Wassers unentwegt ihre klammerhakigen Beine lösten und aus den Verstecken meines Körpers fortgespült wurden, wie auch der Geruch des stinkenden Pferdekadavers, der mich, seit ich das von Fliegen umsummte Tier im Straßengraben gesehen hatte, ständig zu verfolgen schien. Jetzt aber, wo ich unter der Brause stand, versuchte ich mich auch von diesem Geruch zu befreien, ihn einfach abzuwaschen, konnte mir aber diese Vorstellungen daran nicht endgültig aus dem Gedächtnis waschen. - Als ich lange genug unter dem Wasserstrahl stand, der wohlig warm in Bächen und reißenden Flüssen über meine Haut stürzte und so schöne blinkende Perlen hinterließ, spürte ich, wie ich langsam einen neuen Körper bekam, eine neue Haut, ein neues Leben.

Die Russin kam und rief: Nix dawai! Nix dawai! - Sie sollten sich alle noch etwas gedulden, bis ihre Sachen entlaust seien.

So brauste ich mich unentwegt; auch die vielen Leute brausten sich noch immer - und manche mit erhobenen Händen, strahlendes Wasser in die Höhe schöpfend, bis das Wasser langsam lauwarm wurde.

Als ich abgetrocknet im Gang vor einem Wandspiegel in meine graugrünen Augen sah und mir mit einem Aluminiumkamm durch die verfitzten Haare fuhr, fühlte ich mich wie ein fremder Junge. Auf einmal stand meine Mutter hinter mir, sie trug einen durchsichtigen Unterrock, der ihr kaum über die Hüfte reichte, und steckte sich die Ohrringe an. Ihre Achselhöhlen gähnten wie zwei geöffnete Mäuler, und dünne schwarze Haare breiteten sich darin aus. Unversehens hielt sie inne; wie erstarrt sah sie mich aus dem Wandspiegel an, als hätte sie sich verloren und versuchte, sich in mir wiederzuerkennen. Und zwei winzige Perlen waren in ihren Augen, hartnäckig und kühn glänzten sie, daß sie mir vorkamen wie Messerspitzen.

***

Unter der Laterne

Von Heinz Jürgen Furian


Es war kalt. Sie stand klein und verfroren unter der Laterne. Als er vorbeiging, sprach sie ihn an. Sie sprach sehr leise, denn sie tat das zum ersten Mal und schämte sich. Sie sagte: „Ach, verzeihen Sie - ich habe Hunger...“

Er blieb stehn und musterte sie von der Strickmütze bis zu den Gummistiefeln. „Wie alt bist da?“ fragte er.

Sie sagte: „Sechzehn.“

Er griff in seine Manteltasche und gab ihr sein letztes Leberwurstbrot. „Geh nach Hause,“ sagte er.

Sie sagte: „Ich kann nirgendwo hingehn.“

Es war kalt. Er dachte an seine Dachkammer mit dem Gasofen und der Steppdecke. „Na, dann komm mit!“ sagte er.

Es war kalt. Er nahm ihren Arm. Als sie weitergingen, warf die Laterne einen breiten, dunkelblauen Schatten vor ihre Füße in den Schnee. Ihre Schritte klopften einen gemeinsamen Takt durch die Winternacht.

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Von Ihren gnaden (flugschrift no: 3)

Von Peter Schantz


Von Ihren gnaden hängen wir ab. Wir sind abhängige der ehrenwerten leute.

Ihren sermon kennen wir zur genüge - ihr mediengesabbel - ihre talkshow-machenschaften. Immer top on tv bleiben.

Sie vertreten nur angeblich volkesstimme. Wollen nur, wie wir schon, ihre Schäfchen ins trockene bringen.

Abspeisen lassen wir uns. Abspeisen lassen in den suppenküchen der nation, gar in den suppenküchen der kirche.

Doch: der alte Gott lebt noch sagt Arthur immer und er lebt wild und gefährlich.

Wehe, wenn wir nicht den anfangen wehren. Was kommt da noch zu auf die armen, die seligen, die friedvollen? Sie, sind immer die anderen und auch schon wir sind die anderen.

Sie versinnbildlichen den mammon. Sie sind schon der mammon selbst.

Sie bauen finanztürme rund um den globus, schlimmer als zu biblischen Babel’s zeiten. Wenn da mal nicht wieder was zum einsturz geschieht.

Sie heiligen sich selbst, was nur Gott zusteht. Bald liegen festgefügt in aller erden die Völker nach blutigen barrikadenkämpfen.

Wir wollen kein militarisiertes Europa. Wir wollen keine minen, überlandbomber, panzer und sonst den ganzen militärschrott.

Wir wollen die friedliche und mitmenschliche humanitäre, friedliche koexistenz aller Völker und religionen.

Gebt endlich denen die macht, denen sie auch zusteht.

Entscheide volk ganz du selbst, dann findest du auch deine identitäten.

Und nicht immer nur kreuzchen malen.

Lassen wir nicht länger zu, was man uns antut. Man will uns mit 345 Euro beruhigen, das kann niemals gelingen, dieses teufelswerk.

Die geld-, macht- und einflussmenschen sind schon überall.

Doch auch wir, die ewig anderen, sind schon viele.

Wenn wir nicht den aufstand proben und nur in unseren alten sesseln auch nur vor der glotze sitzen werden sie uns nur so weiter abzocken.

Endgültig schluss machen mit den machenschaften der globalen führer.

Später soll dann keiner sagen, er war nicht dabei, hat immer nur zugeschaut was wirklich geschah und konnte nichts machen.

Über lang oder kurz wird sich des volkes stimme erheben und sich bewegen und organisieren.

Ein volk soll entscheiden in bürgerbeteiligung über seine belange und nicht die handlanger des großkapitals, diese herren, die wir schon nur wie Götter anbeten und auch noch neidisch werden.

Die armen, seligen, friedvollen wollen endlich ihr tribut.


Heimat ein weiter horizont


Meine heimat ist ein ortloser ort. Das glück, manchmal nur einen steinschlag entfernt, wie ein unvergessliches himmelblau, liegt hinterm horizont.

Der weg dorthin ist nicht unbeschwerlich. Er führt über pflasterstrand, dünensand, riesige wellenschläge.

Heimat ist da wo ich bin und auch dort wo ich gerne sein möchte. Ein vertracktes spiel. Ja die liebe hier zu den Dahner Felsenländlern, zu den Wasgauindianern, bergen, felsen, bürgen, zu wiesengrün und baumesbunt. Das himmelblau ist noch blauer als in der erinnerung.

Die fahrt über land ist immer abenteuer. Hinter jedem hügel könnte ein waldgeist warten und lauern mich heimzuholen in die äste der bäume, wo ich dann ewig hängen bliebe und auch noch austriebe.

Heimat ist ein wagnis, ist auftrag zur Verbesserung dieser weit. Heimat verpflichtet. Da ist auch die liebe zu denen, die hier gäste sind und werden wollen wie wir sind, es dabei jedoch unendlich schwer gemacht bekommen von den einheimischen, die auch zu früher zeit einmal hierher gewandert sind, was nur keiner mehr wissen will.

Heimat meine liebe zu dir kann nur ambivalenter art sein, eine hass-liebe, das ist ja auch nach alt-fern-östlicher art die einzig wahre liebe, die beide extreme in sich eint. Wie yin und yang.

Der hass soll sich in einer friedvollen kritik zum bestehenden äußern. Die liebe eine menschenliebe sein. Doch immer mehr lieben dinge, gegenstände, charaktere des habens und immer mehr haben wollens. Wobei das sein auf der strecke bleibt.

Gerne wäre ich manchmal dort in der ferne, wo ich schon einmal war. Doch auch dort ist nur ortloser ort. Immer nur unbehaust frieren, ob der kälte, die sich zwischen uns immer mehr breit macht.

Heimat deine sterne, meine herren vaterland!

Wenn ich die sterne seh’, seh‘ ich sie auch dort wo ich war vor zeiten.

Was verblasst ist nicht vergessen, nur unkenntlicher geworden. Ein warmes gefühl ist es das bleibt immer. Und in Berlin hab ich noch einen kofler. In Nizza einen schlafsack und in Düsseldorf dieser schönen Stadt eine armbanduhr. Was soll da noch schief gehen?

Und luna und die sonne sind doch dort wie hier.

Immer mehr betrachte ich aus dem blickwinkel der angst und der Verbitterung heraus das geschehen hier und in der weite der weit.

Dabei könnte das globale dorf der heimat ein utopia sein und ist immer nur verlorenes untergegangenes Atlantis.

Heimat ein paradies? Doch ist da immer auch die schlänge dabei.

Oder warten bis der himmlische friede zur ewigen heimat wird?

Heimat ist ein weiter horizont.

Wie heißt es im lied „Wir sind nur gast auf erden“.

Ob allerdings ein Jammertal daraus wird liegt an uns.