LYRIK

Reinfall ohne Ende

Manchmal,
auf der Mitte des Weges,
habe ich mich einen Augenblick
ausgesöhnt gefühlt mit
den Dingen,
aber im allgemeinen
ging ich durch die Welt,
das Herz durchbohrt
von Leid,
überzeugt,
daß das menschliche Leben
nur ein unnützes Abenteuer ist,
ein Reinfall ohne Ende,
ein reines Glücksspiel
oder gar
das Abbüßen einer Strafe.

Heleno Saña


***


Hinweg gehoben zu dir
hinzu,

die Verantwortungen,
tellurisch,

jedes mal wieder wenn
meine unverloren-behaupteten
Sprachpsychogene,
im Hand-
umdrehen gezogen
die Peripherie
um unsere offensichtlichen
Einstimmigkeiten.

Florian Adamski


***


Narrenweisheit

Haßprediger welcher
Religion auch immer
Führen in die Irre,
Also sollten man sie
Ins Irrenhaus einweisen,
Und nicht in irgend-
welche Länder ausweisen,
In denen sie dann
Weiter in die Irre weisen.

Hadayatullah Hübsch


***


Wenn man reich ist

Wenn man reich ist, hat man stets zu essen.
Jeden Tag verlebt man angemessen.
Jede Nacht legt man sich auf Mätressen.
– Wenn man arm ist, kann man so was nicht!

Wenn man reich ist, arrangiert man Feste.
Man empfängt bei sich die feinsten Gäste.
(Vorschrift: Frack mit (außen) weißer Weste.)
– Wenn man arm ist, kann man so was nicht!

Wenn man reich ist, abortiert man Kinder.
Fährt im Frühjahr, Sommer, Herbst und Winter
nach Italien, mittels Acht-Zylinder.
– Wenn man arm ist, kann man so was nicht!

Wenn man reich ist, kauft man sich Devisen
und verreist, wenn Kriege drohn, mit diesen
fernehin, wo keine Menschen schießen.
– Wenn man arm ist, kann man so was nicht!

Wenn man reich ist, kennt man keine Rassen.
Ist im Kampf mit Proletarierklassen
– einerlei ob jüdisch, heidnisch, arisch –
selbstverständlich völlig solidarisch!

– Wenn man arm ist, kann man so was nicht???

Frederic W. Nielsen


***


wenige schieben millionen
hin und her
um sie zu vermehren

manche rechnen und sparen
und kommen zurecht
im lauf ihres lebens

viele leiden not
und hasten unerfüllt
von versprechen zu versprechen

wir bauen verteidigungsmauern
sprengen bunker in die luft
fechten mit spitzen Worten

und schwächen uns
indem wir glauben
kapitalistische macht sei nicht zu lenken

Wilhelm Riedel


***


flächen in feldern

so weit das auge reicht: ein grün in vielen weiten,
dunklen schatten (ja, schattierungen), lichtreflexe,
wird zu moos wird zu gras wird zu wald / da zerfällt

eine fläche in felder, da wird der flügelschlag eines
schmetterlings zu so viel mehr als einem orkan //
flächen in feldern, um so viel intelligenter als das

spiel der könige: das privileg mehrerer züge, eine
perspektive gegen das vergessen, das verdrängen

Stefan Heuer


***


Das ewige Leben in dieser alten Welt

Die Toten sind nicht mehr vorhanden,
denn sie sind schon verstorben,
und die Lebenden müssen sie vergessen,
um den Tod nicht zu fürchten.

Die Freude ist auf der Suche
des Lebens nach einem bildhaften
Himmel, offen von Freiheit.

Das Leben ist ganz einfach Mut nur,
das sich wehrt nur gegen die Krallen des Todes,
bevor die Hunde es verschlingen.

Es annehmen hängt davon ab, dass man
die Gelegenheit umarmt, die ohne
Ankündigung kommt, und die familiären
Winkel umgeht, schnell, ohne Abschied
zu nehmen, und zurücklässt die Plagen
und die geschuldeten Lieben.

Den Glauben werfe man weg,
die Sonne gehöre allen.
Man muss nach vorn gehen wollen,
ganz frei, um neu zu erfinden
das Leben, dies grüne Blatt voller Zartheit,
noch taunass am Morgen und frisch vom Traume,
selbst wenn das Unendliche lebt nur
in der Illusion einer ewigen Minute.

Teresinka Pereira


***


Afrikanisches Kind

Kind mit einem so traurigen Körper,
aber in deinen Augen Liebe,
mit einem aufgedunsenen Bauche,
der nur den Schmerz kennt.

Kind, du aus Schwarzafrika,
stets nur von Hunger gestraft,
Hunger aufgetürmt für alle,
Hunger, der sich verwandelt in Blut.

Hast du noch Träume, mein Kind du,
wenn deine Augen sich schließen?
Träumst du von offenen Wegen,
träumst du von reichen Ernten?
Oder hast du keine Kraft mehr,
noch Hoffnungen, die dir geblieben?

Kind aus Ebenholz, ich bitt dich,
lass nur nicht das Träumen sein,
wenn auch weit weg,
es gibt Hoffnung
auf Frieden und auch auf Brot.

Myrtha San Martín Cárcamo


***


Es wird regnen
und es werden deine Augen
nach verhangenen Bergen langen.
Tropfen werden deine Brauen netzen
und im Fall von deinen Lippen aufgefangen,
während deine Füße sich mit Bedacht
neben die Pfützen setzen.

Es wird regnen
und ein schwerer Duft
wird deine Sinne an die Erde ziehen
und in perlend feuchter Luft
wird ein Sonnenstrahl
einen Regenbogen zwingen aufzublühen.

Jaime Salas


***


Liebe – nur ein Vers

Oh Kosmos, junger Mond
bringt mir auf den Schultern
seine Augen, edle Seele.
Um die Brust zu küssen, heilige Glieder
aus verfluchter, milder Gnade
im endlosen Traum.
Vor dem wilden Sturm
ist der Weg zum Erden-Tal nicht weit,
blutiger Imperatoren.
Ohne Sehnsucht nach dem Morgen
im Polartag ohne Licht,
ist die Lyrik weit von allem.
Auf dem Weg sind Morgenschmetterlinge,
in den Versen Traurigkeit.
Oh Kosmos, junger Mond
gebt mir Kraft, damit diese Liebe
nur ein Vers bleibt.

Jasmina Segrt


***


luftminen für julia und romeo

unter der brücke dreizehntem bogen
werde ich warten, des reigens
aus ähren und zapfen
nicht achten, ich werde
warten
sagte mein liebster
die glieder schon dünn, noch kurz
die gestalt. für die trommler zu jung
alt genug für ein mädchen wie mich

nach tausendundeiner
bunkernacht
waren wir mündig geworden

unter der brücke dreizehntem bogen
werde ich warten, des reigens
aus blüten und beeren
nicht achten, ich werde
warten
rief ich zurück
in die heulende stille
pfeifenden herolds
der welle

die uns fortriss
unsichtbar machte, doch anders
als kinder je es gespielt

unter der brücke dreizehntem bogen
kann niemand mehr warten
da ist jetzt
ein loch in der welt ich aber warte
warte zwischen
vierzehn steinernen stümpfen zwischen
grasmulden und mädchen
gleich mir
der liebste kam auf holz und einem bein
nein, nicht zu mir, nicht zu ihr
er wartet hier. mit uns. auf die seine

unter der brücke dreizehntem bogen
ist der
kälteste nicht-ort der welt

Jutta Dornheim


***


GÖÖGLMÖÖSCH ¥ ECKSOUPUSHTIM =
Ekndui

1
Ich weiß es wie heut wir waren acht
und Yann war einer von ihnen
Wir wollten in der nachbarschaft
bei der bierverteidigung dienen
Platt auf den häusern lag nebelgeräusch
Bis runter hörten wir's scatten
Die dächer klackten auf mauern im takt
gebisse von kastagnetten

2
Ich glaub es war MI die das schweigen brach
Sie maulte das sei doch wie immer
W boxte sie kurz ins trainereck
denn der war straßenprielschwimmer
Yann hatte löcher inn armen vernäht
den hatten sie mal am haken
No 4 war Kalla die kriegte nix raus
so ging sie flamingoisch staken

3
Kalla war auch beim film wo man sie
in Einer szene gesehn hat
Das war die wo die transvestitesse
zum ersten mal einen stehn hat
Privatdetektivisch stan'n mauern im wind
den mantel zugeschlagen
Ein rattenwatt war der boulevard
Wir rammelten sternfrische wagen

4
Die straße kriegte den kaderbruch
Wir trabten richtung hafen
Adiposita ließ ihre zähne sehn:
So was muß man bestrafen
Der wind beschnüffelte uns am bein
Luzie trug nix untern fransen
Der himmel hing wie ne katzenhaut ab
Die ecke elektrikte pansen

5
MI hatte ihre Linda dabei
Ich knuffte sie: sing uns was Missus
Don sagte: lohnt nich wir sind gleich da
Hier um die ecke is es
Benja roch nach wein und nach weib
beides nasse ste sorte
Der wind lud uns zum einsurfen ein
waagrecht in brüchigem ferte

ToussainT/HEL


***


novembernacht

um die einsamkeit
der haut
des gedankens

baut sich jedes wort
buchstabierend auf
dunkle vokale
bestimmen das metrum

noch stunden bis
orion verglüht

Werner K. Bliß


***


Fieberfesseln

Fleisch hängt
aus meinen Wunden
tropft die Hast
aderlang
in Fieberfesseln
zittert
unter mir
die Stille
einer Funkenbahn
stimmenhell
geschrien
in meinen Rückstoss

Olaf Kurtz


***


Reiche mir deine Hand

Alle Unterschiede
Unserer Kulturen,
Die uns trennten
Habe ich überbrückt,
Um mehr Verständnis
Zwischen den Menschen
Füreinander hervorzurufen.

Die Geschichte meiner Ahnen
Brachte ich dir bei
Und lernte
Über deine Vorfahren,
Um uns gegenseitig
Besser zu verstehen
Und uns näher zu kommen.

Einen Regenbogen
Der Gefühle
Entflammte ich
In unseren Herzen,
Um eine Brücke
Zwischen den Menschen,
Die Liebe heißt, zu schaffen.

Reiche auch du
Mir deine Hand,
Denn auch ein kleinster Steg
Kann auf unserem Weg
Über den Abgrund des Bösen,
Auf der Schwelle des Hades,
Unsere rettende Brücke sein.

Dragica Schröder


***


Merkantiler Nebelschleier

Flachpanorama von einem
Drachensommer – Tagebuchfragmente eines Morgenländers

Wer sich weigert, seine Pfoten beim Poeten-Politikum für die Profitraten der Monekraten drinhaben zu wollen, dem droht der Gemütsreichen-Gendarm mit der zeremoniellen Selbstzensur. Wer sich integrant initiierte Illusionen nicht anhand eines spartanischen Sprachgutes aneignen und majestätische Kunst im Sinne der Majorität werkeln will, dem wird bald auch der Doppelpaß- und Zwangsheiratsbulle die Faust ballen.

Elementare Erkenntnishorizonte orientalisch fremdartiger Fragmente, die nicht ins Raster des aufklärerischen Blickfangs passen, gehören eliminiert. Als geläuterter Morgenländer gilt hier einer nur, wenn er lakaien- und papageiennhaft die original okzidentale Zunge meistert, höchstens die Get-together-Party der Zivilisations- und Menschenrechtsersten mit exotischem Seemannsgarn aus Tausendeinernacht erheitert. Entgegentreten wollen diesem hochbetagten, dennoch zeitnahen Weltbild nachstehende Notate der Verse-Variante:

     Tabula rasa posaunen auf der Tartüff-Terrasse
           die Bastei-Barden und Bravo-Bramarbasse
     sprechen der Sehnsucht nach dem Morgenfeuer hohn
     und lief wieder ein Heroldenheer in der Zyklonen-Saison
nach dem Ziffernzyklus Zweitausendfünf davon

Memoriert über Mücken und Moor
         der Metropolitan-Mentor
bleibt der Sommerfaden lebenslang
                    Zornrot vor dem Urbanen-Furor
und der Mohr vor dem Weißen-Gesang

Beim Bastarden-Sturm auf Broken-Bastion
partizipiert der aparte Theater-Bonaparte
         im Ulanen-Pavillon an der Saar
die Network-Nomaden der Rivalen-Ringe
mit Pardon-Poem für Untertanen-Schar
                    als Tour der linken Lemminge
im Regenbogen-Refugium der Armen-Armeen
    referiert im Senioren-Sumpf immer noch
    über den biblischen Bestand der Privatier-Partei
    seit der Mensch aus dem Urschlamm kroch
    während der Zirkus-Cäsar vom Hasardeuren-Haus
         das Abendrot der Rivalenriege
erstürmt und im alten Helfer-Horden-Trott
den Orakel-Orbit der arischen Orator-Arien
    mit Bravour und ruhmreichem Rapport
    für die Rauchfahnen der Fangkriege
              hintennach Puppenpapier publiziert

      Vor der Wiederkehr der Wilden wider den Vasallen-Wind
      wallen die Wacht-Veteranen der Allwaren-Walhalla
überfallen die Allmenden-Alm und das Frondienst-Personal
            im Arier-Areal und Arien-Arsenal
während Krautjunker zum Ministranten
         delegiert und zur mondialen Miseren-Feier
                 im merkantilen Nebelschleier
     dirigiert das Routinier-Chor zu schwärzen
die Druckfahnen des Meuterer-Manifests
und das Sommersonnenbunt und Wetterleuchten
durch Rhetorik und Ritual
          Eremiten-Erotik und Esoteriker-Ethik
          und Zeremonie-Zirkus für Mäuse-Moral
kommentiert der Akribien-Akrobat der Roboter-Romantik
mit dem Schraubstock des Blockwart-Schaitans
den Schreibblock des Schnabel-Scharlatans
komplementiert hochgemut Rund-Mails
                 voll schriller Windbeutel-Details
verteilt Morgengabe und Regenbogen-Reste
und Ampel-Hampel-Appelle auf den Schlachtfeldern
eilig die Standarte der Champions zu schwenken
um im Aasgeruch von Schwermut abzulenken

Weder kommt die Post an
        noch die Fracht per Bahn
Kismet umkreist am Himmel Randstädte
Krisenkomet über Kampanilen der Bourgeoisen-Bastei
näselt Kapriolen-Nestor nervenschwach
                       und der Eldorado-Lakai
stimmt das Lied an vom alten Ach-Wach
Ab und wann
kracht das Karneval-Karussel
Spekulanten speisen in Spelunken
Kanaillen gegen Kanakstan
prahlt Papas Syndikaten-Papagei
wenn Papagallos mit Viagra dopen
           in zombig zotigen Zeitzonen
                    seit Homers Amazonen
wieder den Nomenklatur-Kult zelebrieren
mit zornig züchtigen Zirkus-Nonnen
                    unter rastlosen Abendsonnen
fingert die Intelligenzia am Amphitheater-Turm
fingiert Prätext-Proteste für das Ammen-Amen
           vor dem bevorstehenden Armensturm
amendiert integrante Intrigen

Im Neutrum verwirrt der Himmelsvater
wie der Erdling Summus Episcopus
mit Turbo-Tumult und Tiara
                   und Turban und Trara
prangt das Abendland am Bosporus

***

Guten Abend Morgenland
Auf den Dächern deiner Städte sitzen
seit tausend Jahren immer noch die Raub-Raben
mit schwarzen Nachrichten aus dem All
bewachen den grundlosen Graugarten-Graben
mit Ammenmärchen richten
          sie deine Spätlinge
unter den Betonbrücken und berichten
                       vom Ende der Erdlinge

Du hast ihnen den Weltenlenker geschenkt
dem Husaren-Humus unterm Hesperus
                   einen Herren Jesus Christus

Guten Abend Morgenland
Schwer wird deine Nacht wiegen
         der Schmerz nackt
                in deiner Brust liegen
beim Werben von Wettbewerben
                   für Okzidenta Irredenta

Guten Abend Morgenland
Allein mit Kanonen kommt das Dunkel nie
    vielmehr durch den Handstreich der Arier-Armada
              die Invasion der Missionar-Banden
und den Tugenden der Kompradoren-Kompanie

An deiner Brust tränken sie Kinderkadaver
patrouillieren Palast-Parasiten
paradieren Gutleut-Guerilleros
            als Herolden-Horde und Heros

Guten Abend Morgenland
Dich fand ich manisch
nach der Piraten-Partie spartanisch
          auf dem Demokraten-Pfad
                   durchs Monekraten-Syndikat

Hinter dem Dunkel dicht
hegt der Blütentraum leicht das Licht

Du hast immer als Geheimnis gegolten
als Tummelplatz der Beutegut-Bravaden
seit im Piraten-Port die Arena-Athleten
             zu Planetär-Patrioten mutierten
                     zu urbanen Adel-Adlaten
sehen sie dich vermehrt
dicht durch Goldbrillen-Rahmen des Pontifex maximus
als schwerer Kummer-Schrei mit Krummschwert
schenken sie dir einen Tonbecher Scherbett
machen sie das Mitbringsel
           mit einem Silberfaß Wein wett

Guten Abend Morgenland
Auch hattest du einen Lichttag
als deine Kinder den Tyrannen-Turm
im byzantinischen Längsschnitt bezwangen
und das Monopol-Monstrum
                     durch den Morgensturm
und die Dinosaurier Oktopoden
       und Pranger-Poeten
                  und Pleitier-Papageien
                             und Privatier-Lakaien

Dir wurde dann beigebracht
beim langen Nomadieren durch die Nacht
das Katzbuckel-Krakeelen im Randstand
immerfort mit
         Guten Morgen Abendland

Dir haben sie mordsmäßig als Haudegen
gern in Morpheus‘ Armen gelegen

Im Methusalems Übelstand
berichten seither im Modder jeder Metropolis
die Mäuse-Mönche und Münchhausen und Prallhans
nach ihrem morastigen Modus unterwegs Land um Land
           über Schlachtfelder Kismetistans

Dagegen mein Manifest
wider den Ukas vom Markt-Diktat
an den Markscheiden mein Plakat
in allen Alleen jeder Metropolis
         mit dem Prädikat
                Widerstand
und dem Sturm vom Rand
                        auf das Abendland

M. Kurtulus