MEDIEN-KULTUR-SCHAU

Gazi Çaglar/Hakan Ates Bakar: Die USA und der Nahe Osten
Geschichte und Gegenwart einer imperialistischen Beziehung. Unrast-Verlag, Münster 2005. 176 Seiten, 14,– Euro


Längst scheint das Lehrgebäude vom „Ende der Geschichte“ tiefe Risse bekommen zu haben. In seiner schimmeligen Architekten-Loge herrscht schicksalsschwere Stille. Darüber kreist der Chaos- und Krisenkomet, kreischt der kranke Krake endkapitalistischen Geblüts. Gazi Çaglar und Hakan Ates Bakar wagen einen kapitalen Standpunkt, richten ihren kritischen Blick auf das Bollwerk des Novum Romanum und auf dessen Husarenstück im Nahen Osten.

Wohlgezielt liefern die Autoren ein analytisches Porträt für den Konnex Orient-Okzident, kontern die studiokratische Apologetik jener Geschichte, auf deren Schlachtfeldern die imperialen Kompagnons Überhand haben und Zivilisation züchten.

„Der politische, ökonomische und militärische Siegeszug des Imperialismus wird von einem kulturellen Begriffsimperialismus flankiert, dessen Geschichte zutiefst mit dem Aufstieg des europäischen Kapitalismus verbunden bleibt. Wir erleben in diesem Prozess eine binäre Kodierung der geistig-moralischen Wahrnehmung des Eigenen und Fremden, die sich mit Vorliebe in Bezug auf den Orient reproduziert: Der Orient und Okzident werden essentialistisch gegenübergestellt. Dem Okzident wird Entwicklungsfähigkeit, dem Orient Erstarrung, dem Okzident die Religion der Vernunft, dem Orient die Religion der Sklaverei, dem Okzident rationale Herrschaft, dem Orient irrationale Despotie, dem Okzident rationale Rechnungs- und Betriebsführung sowie Wissenschaft, dem Orient Plünderungsökonomie und Aberglauben zugeschrieben. Diese dichotomischen Zuschreibungen gehen so weit, dass der Orient zum Lustgarten ungezügelter Sexualität und der Okzident zum Gott gesegneten moralischen Heim sittsamer Lebensführung verklärt werden.

Alle diese ideologisch höchst wirksamen Konstruktionen dienen einem einzigen Ziel: dem Orient unmissverständlich zu verdeutlichen, dass Entwicklung, Wachstum, Wissenschaft, Zivilisation nur von außen kommen können. Und dieses Außen hat die eine Bezeichnung: ‚Westen‘. Kurz: Es geht konkret um die Rechtfertigung der ökonomischen Ausbeutungs- und politischen Gewaltgeschichte, mit der die westliche Moderne den ‚barbarischen‘ Orient beglückt.“

Unverhohlen läßt sich die vorliegende Publikation von Gazi Çaglar und Hakan Ates Bakar als ein wohlgemut umfangreiches Standardwerk über den euro-amerikanischen Kreuzzug gegen das Morgenland honorieren. Im Vorwort merken die Autoren: „Wir fühlen uns der ersten, für kritische Vernunft einzig möglichen Schreibweise verpflichtet. Sie wissen: Geschichte wiederholt sich nicht. Wiederholt sie sich wirklich nicht? Eine mächtige Kontinuität an Leid, Hunger, Herrschaft unterstützt im Nahen Osten den Fatalismus, dass die Geschichte reine und ewige Wiederholung sei. Dieser Fatalismus ist nicht bloße Meinung. Seine Grundlage bildet die ungebrochene Fortdauer und Übermacht der Gewalt des Imperialismus und regionaler Herrschaftsverhältnisse brutalster Varianz. Die Analyse dieses Kontinuums imperialistischer Herrschaft im Nahen und Mittleren Osten, insbesondere der Beziehungen der USA zur Region, ist Gegenstand dieses Buches.“

Ein Überblick über den Inhalt dieses Buches findet sich im Klappertext auf dem Umschlag: „Die USA und der Nahe Osten: Eine komplexe Beziehung mit Hochspannung - insbesondere seit den barbar-modernen Anschlägen vom 11. September und den völkerrechtlich nicht gedeckten Angriffskriegen in Afghanistan und Irak. Das vorliegende Buch liefert vor diesem Hintergrund eine faktenreiche Analyse der mehrschichtigen Beziehung zwischen den USA und dem Nahen Osten. Die Geschichte der militärischen, ökonomischen und kulturellen US-Präsenz im Nahen Osten wird ebenso behandelt wie die heutigen US-Strategien. Zahlreiche Länderanalysen gehen den Spuren der US-Beziehung zur Region genau nach. Der politische Islamismus in seiner vielfältigen Erscheinung bildet gemeinsam mit den islamisch-konservativen Regimevorstellungen der regionalen Herrschenden einen weiteren Schwerpunkt, wobei stets der Bezug zu den USA im Blick behalten wird. Lesenswert wird das Buch zudem durch die kenntnisreichen Betrachtungen zur medialen Präsentation der ‚islamischen Frau‘ und des ‚Nahen Ostens‘ im ‚Westen‘. Kurzum: Eine historisch kenntnisreiche und politisch gegenwartsbezogene Analyse in emanzipatorischer Intention.“

Nicht nur wurden die emanzipatorischen Eventualitäten des Orients durch den neokolonialen Zugriff blockiert, mutmaßen die beiden Autoren. Auch führen die kriegerischen Kollisionen gegenwärtig zu weiteren Konfusionen. „Diese Destabilisierung durch die imperialistische Jagd nach Rohstoffen und Machtkonzentration zwingt immer größere Menschenmassen in einen kaum erträglichen Daseinsmodus der Flucht und Migration. Die erzwungene Deregulierung und Unterwerfung der Wirtschaftsbeziehungen, die ganze Wirtschaften in Asien, Afrika und Lateinamerika in Elends- und Plünderungsökonomien mit isolierten Wohlstandsinseln verwandelt, die Kulturalisierung und Ethnisierung von sozialen Konflikten, die Bildung von religiös-fanatischen Bewegungen, die zugleich wirtschaftliche Überlebensgemeinschaften sind, der Zerfall staatlicher Strukturen und politischer Ordnungen, gesellschaftlich produzierte Katastrophen wie Bürgerkriege, Wassermangel und Dürren lassen Migrations- und Fluchtbewegungen ungesehenen Ausmaßes entstehen.“

In ihrer Schlußbetrachtung nehmen die Autoren auch auf den Anti-Terror-Trubel Bezug, der einen neorassistisch diktatoralen Handstreich gegen die eingewanderten Einwohner handhabt, welche im Prozeß der Sicherheitsarchitekturen unter dem Leitbild des „Ausländers“ als potentielle Terroristen kultiviert werden. „Gegen die globalen Flucht- und Migrationsbewegungen entwickeln vor allem Europa und Nordamerika ein dichtes Netz aus Festungszäunen, Sicherheitsmaßnahmen und kulturalistischem Rassismus. Abschottungs- und Ausgrenzungsideologien neofaschistischer und nationalistischer Varianz werden durch einen scheinbar demokratisch legitimierten institutionellen Rassismus der Sondergesetze, Sicherheitspakete sowie Abwehrorganisationen und Abschiebungsinstitutionen komplettiert. Die Festung Europa und Nordamerika wird nicht nur an ihren Grenzen durch Hightech-Abwehrmethoden der Flüchtlingsbekämpfung gesichert. Eine ethnizistische und rassistische Schichtung der Arbeitsbeziehungen und -hierarchien auf Kosten der Migranten, Flüchtlinge und Illegalen sichert die elenden Wüsten der Ausbeutungsökonomie.“

Mit mächtigen Mythen über die enteignete Mehrheit des Menschentums zielen die pentagon-parat paradierenden Architekten und präpotenten Apparatschiks der Pax Okzidentale auf das Auftürmen einer global sozialen Apartheidspyramide, artikulieren eine nord-atlantisch nivellierten Bravour-Bastei der Besitzgötzen, involvieren explosive Extremitäten durch den Konsum-Terror, ernten von ihren Untertanen im Musentempel der Zivilisationszentren Kopfnicken. Es gelang Gazi Çaglar und Hakan Ates Bakar mit ihrem Schreibwerk ein zusammenhängendes Denken dagegen. Ihnen gilt mein freimütiger Dank.

NM

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Giorgio Agamben: Die kommende Gemeinschaft
Merve Verlag, Berlin 2003. 105 Seiten, 10,80 Euro


Der Titel der vorliegenden Schrift des bekannten italienischen Philosophen läßt zunächst an eine neoapostolische Sekte denken, an Pfingstbewegung, Neuoffenbarung, Philadelphia, Und tatsächlich, schon einleitend verkündet der römische Ontologe mit rhetorischer Wucht: „Das kommende Sein ist das beliebige Sein“. Seit Wittgensteins „Tractatus“ hat man derartig profunde Sentenzen kaum mehr vernommen. Und Agamben weiß: „Exemplarisches Sein ist ein rein sprachliches Sein... In Trickstern und Tagedieben, Gehilfen und Cartoons begegnen uns die ersten Exemplare der kommenden Gemeinschaft.“ Das kann ja heiter werden, sagt sich Agamben und verweist uns auf die Ethik, die aber erst dann beginnt, „wenn sich herausstellt, daß das Gute nichts anderes als die Erfassung des Bösen ist, und daß das Authentische und das Eigentliche keinen anderen Inhalt haben als das Unauthentische und das Uneigentliche.“ Zum ersten Mal eröffnet sich für Agambens „Salvation Army“ „die Möglichkeit, uns die Uneigentlichkeit als solche anzueignen, die Gehenna restlos in uns aufzunehmen.“ Das Böse ist für den Gnostiker „die Reduzierung des Statt-Findens der Dinge auf eine Tatsache unter anderen, Böses entsteht, wenn in Vergessenheit gerät, daß die Transzendenz dem Statt-Finden der Dinge selber innewohnt.“ Folglich „kann das Gute als eine Selbstergreifung des Bösen verstanden werden, und die Erlösung als das Zu-sich-Kommen des Ortes.“

In Abwandlung der hübschen Persiflage Heines über den deutschen Professor als Bildungsphilister am Beispiel des Philosophen Hegel könnte man schon jetzt bilanzieren: „Ich will mich zum römischen Professor begeben./Der weiß das Leben zusammenzusetzen,/Und er macht ein verständlich System daraus;/Mit seinen Nachtmützen und Schlafrockfetzen/ Stopft er die Lücken des Weltenbaus.“ Und siehe: das Principium individuationis hilft weiter: „Das Beliebige ist das Mathem der Singularität, ohne das weder deren Sein noch deren Individuation gedacht werden kann.“ Schlemihl Agamben weiß als Talmudist, daß jedem Menschen in der Schöpfung zwei Plätze zugeteilt sind, einer in Eden, einer im Gehinnom. Und ebenso weiß er als Satanologe, daß der Teufel nichts anderes ist, „als die Impotenz Gottes“. Die Schöpfung ist für den kryptischen Schwadroneur „die Ohnmacht Gottes gegenüber seiner eigenen Impotenz.“ Aber Rätsel über Rätsel: ist nun Agamben impotent oder der Allmächtige? „Es scheint, als ob der Potenz und der Möglichkeit, insofern sie von der Wirklichkeit unterschieden sind, immer die Gestalt des Beliebigen, ein irreduzibler quodlibetaler Charakter anhaften.“ Nun weiß der impotent-potente Sophist freilich, daß er, jeglicher Potenz beraubt, zu keinem Akt fähig wäre, noch auch, daß er „unterschiedslos alles vermag, totipotent ist. Im eigentlichen Sinne beliebig ist das Sein, das zum Nichtsein fähig ist, das die Potenz zur Impotenz hat, sein eigenes Unvermögen vermag.“ Für den quodlibetalen Totipotenten ist klar, daß nur diejenige Potenz, die zu Potenz und Impotenz gleichermaßen fähig ist, die höchste Potenz ist. „Wenn jede Potenz gleichermaßen Potenz-zu-sein wie Potenznicht-zu-sein ist, kann sich der Übergang zum Akt nur vollziehen, indem die eigentliche Potenz nicht zu sein in den Akt überführt wird.“ Das bedeutet für den Radoteur und Dittologen, „daß Glenn Gould gleichwohl der einzige ist, der es vermag, nicht nicht zu spielen und, indem er seine Potenz nicht ausschließlich auf den Akt, sondern auch auf seine Impotenz richtet, gleichsam mit seiner Potenz nicht zu spielen spielt.“

Es ist innerhalb der Agamben-Forschung bis heute strittig, ob der Autor des vorliegenden Elaborats einen an der Kanne hat, aber dem Sequenzen-Dichter Notker dem Stammler hätte er alle Ehre gemacht. Goethe hat im „Faust“ den philosophischen Hokuspokus solcher Schimären und Fabulanten mit den Worten karikiert: „Wo Gespenster Platz genommen,/Ist auch der Philosoph willkommen./Damit man seiner Kunst und Gunst sich freue,/Erschafft er gleich ein Dutzend neue.“

Agamben jedoch läßt nicht locker, neben Kapiteln wie „Irreparabel“ oder „Strumpfhosen“ exploriert der sektöse Mystagoge quasi als Zenit und Kulmination seines philosophischen Brimboriums die auch innerhalb der Philosophiegeschichte revolutionäre Ontologie des „So-sei-es“: „Das Wie hat kein anderes Dasein als in Gestalt des So und das So kein anderes Wesen als in Gestalt des Wie. Sie gehen aufeinander ein, stellen sich gegenseitig aus. Das was existiert ist das So-Sein, eine absolute Qualität des So, die auf keine Voraussetzung verweist. Arche anypothetos... Darum ist die Qualität des So-Sein jeder Sache, seine Qual und seine Quelle - seine Grenze. Wie du bist - dein Gesicht ist deine Qual und deine Quelle. Und jedes Sein ist seine Seinsweise, seine Entstehungsweise. Es hat so zu sein wie es ist.“ Existentialontologisch folgt daraus; „So sei es. Nur das So jeder Sache bejahen, sic, jenseits von gut und böse. Doch so bedeutet nicht einfach: auf diese oder jene Weise, mit diesen bestimmten Eigenschaften. ‘So sei es‘ bedeutet: Es sei so. D.h.: Ja.“ Und was folgt aus diesen kruden Distinktionen des spinösen Soologen? „Etwas einzig in seinem So-Sein wahrzunehmen: als irreparabel, doch gleichwohl nicht notwendig; so wie es ist, doch deshalb nicht als zufällig - das ist Liebe.“

Selten findet man innerhalb der philosophischen Polyphrasie derart viel Kokolores auf einem Haufen, wie in Agambens „kommender Gemeinschaft“. Zu allem Überfluß nobilitiert sich der Homilet des neuen Kerygmas auf dem Buchrücken seiner Schwarte mit der kryptischen Notion: „Dit buchelin heizit ein paradis der fornunftigen sele, paradisus animae intellegentis.“ Mit dem Scholastiker Boethius darf dem verunglückten „bonus orator“ Agamben und seinen künftigen Neophyten versichert werden: „O si tacuisses, philosophus mansisses.“

Michael Loeckle

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Regina Scheer: Im Schatten der Sterne
Eine jüdische Widerstandsgruppe. Aufbau-Verlag 2004, 478 Seiten, 24,90 Euro

Der Widerstand gegen die Nazidiktatur wird meist von Historikern erforscht. Etwas ungewöhnlich ist es daher, wenn die Autorin eines der Belletristik zuzuordnenden Werkes nicht nur auf Publikationen der Historiker zugreift, sondern auch ihre umfänglichen eigenen Forschungen beschreibt.

Regina Scheer hat zunächst wohl nicht die Absicht gehabt, eine Geschichte der Widerstandsgruppe „Herbert Baum“ zu schreiben. Dies wäre auch schwer möglich gewesen. Fast alle Mitglieder der Gruppe sind hingerichtet worden - in den Wochen und Monaten nach dem 17. Mai 1942, an dem Herbert Baum und weitere Angehörige der Gruppe sich an einen Brandanschlag gegen die Nazi-Ausstellung „Das Sowjetparadies“ beteiligt hatten. Die Akten der Gestapo zu den Hauptangeklagten im Prozeß sind bis heute verschwunden - die Aussagen der wenigen Überlebenden widersprüchlich und lassen Fragen offen. Regina Scheer ist den Fragen nachgegangen.

Zu Beginn des Buches wird ein Foto beschrieben: Eine junge Familie mit Kind - aufgenommen im Januar 1942. Kurz darauf ist das Kind tot. Noch etwas später ist die Mutter in Untersuchungshaft. Dann in Theresienstadt. Dann auf Transport in die Todesfabrik. Seitdem ist sie verschollen. Der Mann überlebte.

Regina Scheer recherchiert das Schicksal von Edith Fraenkel, der Mutter des Kindes, wird fündig in Gestapoakten, in Memoiren von Widerstandskämpfern, spricht mit Bekannten, die in der Emigration überlebt haben, findet schließlich Ediths Verlobten, dem sie im Buch den Namen Robert Mohn gibt. Auf viele Fragen findet sie Antworten - andere müssen offen bleiben. Es gibt oft keinen Beteiligten mehr, der am Leben ist - und die Akten schweigen.

Am Anfang stand ein Beschluß: Die Auslandleitung der Kommunistischen Partei Deutschlands empfahl im Jahre 1935 den in der Illegalität agierenden Gruppen, die Kontakte zu Mitgliedern, die gemäß den Auffassungen der Nazis als „Juden“ galten, abzubrechen. Diese - offenbar nur mündlich verbreitete - Richtlinie hatte keinen antisemitischen Hintergrund, sondern war der Situation im Widerstand geschuldet: Unter der Nazidiktatur waren Juden ständig wachsenden Repressionen ausgesetzt und demzufolge besonders gefährdet. Und die Verhaftung eines Mitgliedes konnte eine ganze Gruppe auffliegen lassen.

Herbert Baum - ein junger Kommunist jüdischer Herkunft - war als Funktionäre des Kommunistischen Jugendverbandes seit Hitlers Machtübernahme im Widerstand. Zwischenzeitlich infolge einer Verhaftungswelle von der Parteizentrale abgeschnitten, sah er sich mit diesem Beschluß konfrontiert, als er wieder Kontakt zu führenden Genossen bekam. Wohl mehr aus Verlegenheit empfahl man ihm die Arbeit mit jüdischen Jugendlichen. Er übernahm diese Aufgabe. Baum trat noch bestehenden jüdischen Organisationen bei, organisierte Gesprächszirkel, Bildungsabende, gemeinsame Wochenendausflüge - knüpfte geduldig das Netz, das später unter der Bezeichnung „Herbert-Baum-Gruppe“ in die Akten der Gestapo einging. Für viele junge Menschen in Deutschland, die infolge der barbarischen Rassegesetze der Nazis plötzlich bildungs- und chancenlos, von ständigen Demütigungen und Diskriminierungen betroffen waren, muß er über Jahre hinweg der Mittelpunkt ihres Lebens gewesen sein. In die Untergrundarbeit, Sabotageakte und Verteilung von Flugschriften, weihte er freilich nur den harten Kern dieses Netzwerkes ein - geschulte Marxisten, deren er sich sicher war und die die Nazis tödlich haßten.

Edith Fraenkel gehörte nicht dazu. Bis zu deren nazistischer Gleichschaltung besuchte sie eine Rudolf-Steiner-Schule und stand der Anthroposophischen Gesellschaft nahe. Vom Kommunismus hatte sie kaum mehr als blasse Vorstellungen, war nur einmal von Herbert Baum eingeladen worden, auf einem Bildungsabend einen Vortrag über Psychologie zu halten. Dies reichte den Häschern, sie nach dem Brandanschlag zu verhaften. Wegen „Nichtanzeige einer Straftat“ wurde sie zu fünf Jahren verurteilt. Die sie nicht absaß.

Die wenigen Mitglieder der Herbert-Baum-Gruppe, die später noch berichten konnten, überlebten durch Zufall - oder dadurch, daß ihre verhafteten Genossen schwiegen. Herbert Baum kam in Untersuchungshaft ums Leben - wahrscheinlich tötete er sich selbst, um unter der Folter nicht aussagen zu müssen. Die meisten Frauen und Männer, mit denen er zusammengearbeitet hatte, starben unterm Richtbeil - ihre kopflosen Körper wurden der Anatomie übergeben, damit angehende Nazi-Ärzte sich an ihnen üben konnten. Andere - so wie Edith Fraenkel - wurden aus der Haft in Konzentrationslager überstellt. In der Wannsee-Konferenz waren ohnehin alle Juden, ob im Widerstand oder nicht, zum Tode verurteilt worden. Nach einem Jahr Theresienstadt wurde Edith Fraenkel am 18. 10. 1944 „auf Transport“ geschickt. Von den 1500 Häftlingen dieses Transportes überlebten nur 117 die Selektion. Edith Fraenkel war nicht unter ihnen.

Unter Historikern ist der Kreis um Herbert Baum umstritten - wie der Brandanschlag überhaupt. Von überlebenden KPD-Funktionären wurde dem toten Baum nach 1945 Abenteuertum und Verstoß gegen die Parteidisziplin nachgesagt. Israelische Historiker vereinnahmten Baum und seine Mitkämpfer als zionistische Gruppe und verschwiegen seine Kontakte zur KPD. Westdeutsche Historiker wiesen auf den geringen Erfolg des Brandanschlages hin und machten Baum für die Racheakte der Nazis verantwortlich - 500 jüdische Geiseln waren nach dem Anschlag als Vergeltung erschossen worden.

Das Buch gibt auf die unterschiedlichen Sichtweisen keine eindeutige Antwort - Regina Scheer überläßt es den Lesern, sich selbst eine Meinung zu bilden. Dadurch, daß die Klassifizierungen der Historiker von der Autorin ständig hinterfragt werden, gewinnen die vor über 60 Jahren ermordeten Menschen der Herbert-Baum-Gruppe an Nähe, treten aus der grauenhaften Anonymität der Millionen Opfer des Regimes hervor. An die Stelle der nackten Zahlen treten Menschen mit ihren - oft nur durch eine Verkettung von Zufällen - miteinander verknüpften individuellen Schicksalen. Menschen mit Schwächen und Fehlern, die unsere Zeitgenossen sein könnten, statt dessen aber gezwungen waren, unter einem unmenschlichen System zu leben. Und von denen einzelne sich zum Widerstand entschlossen, als sie begriffen, daß nur der Sturz dieses Systems ihr aller Leben retten konnte.

Gerd Bedszent