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als »national sortierte Untertanenschaft«?!
Abwegige Vorstellungen einer pervertierten Gedankenwelt
Standort und Absicht des selbsternannten Zensors sind nicht ganz klar zu durchschauen. Geht es lediglich um Schulmeisterei eines Oberlehrers, dem es womöglich nicht in den kram passt, dass „ein Ausländer“ sich solch massiver Kritik an der „deutschen Nation“, der deutschen Gesellschaft und den darin vorherrschenden Verhältnissen „erlaubt“? Oder handelt es sich um einen vom Gefühl übermäßiger Freiheit Beflügelten, der hier die Gesellschaft und den Staat gegen Sañas schonungslose Kritik an den herrschenden Verhältnissen verteidigt? Oder will der Zensor einfach zum Besten geben, dass die „kapitalistische Freiheit“ die unter eben diesen Verhältnissen einzig menschenmögliche Freiheit sei, um Sañas Kritik schließlich als „moralisch“ abtun zu können? Wie dem auch sei und ob dies unserem Zensor nun passt oder nicht, Heleno Saña hat sich seit Jahren zur Aufgabe gestellt, die vielfältigen Schichten gesellschaftlicher Realität im Zeichen kapitalistischer Herrschaft in all ihren trügerischen Facetten, und zwar auf allen Ebenen, aufzudecken. So auch in seinem letzten Beitrag, in welchem er die vermeintliche Freiheit im Zeichen der Herrschaft des Kapitals thematisiert. Dass das wahre Gesicht dieser von Saña in all seinen Veröffentlichungen stets schonungslos angeprangerte gesellschaftliche Realität sich nicht mehr verbergen lässt, hat sich auch inzwischen langsam herumgesprochen. Immer mehr bislang verblendete Bürger erkennen zunehmend deutlicher, dass sie einer gigantischen Selbsttäuschung aufgesessen waren, wie die vor einiger Zeit entbrannte Kapitalismusdebatte zeigt, die heute immer mehr Menschen zum Nachdenken über ihre unsichere Zukunft zwingt. Insofern ehrt es Heleno Saña, dass er - nicht erst seit heute - so unbeirrt und mit so bewundernswerter Ausdauer nicht müde wird, die Auswüchse kapitalistischer gesellschaftlicher Verhältnisse beim Namen zu nennen und den Menschen ungeschminkt ins Bewusstsein zu rufen sucht. Eben diese Auswüchse sind es nämlich, die letzten Endes in die gegenwärtige Misere heutiger Gesellschaften der sog. Spätmoderne münden mussten, der Bürger wie Politiker mehr oder weiniger ratlos gegenüberstehen. Ausgerechnet diese Ausdauer wird ihm nun von unsrem Zensor zum Vorwurf gemacht und als „Anmaßung“ gewertet! Und oben drein noch als „moralisch“ charakterisiert, was auch immer hinter diesem merkwürdigen Vorwurf in der pervertierten Sicht unseres selbsternannten Zensors sich verbirgt. Vielleicht kommt man der Sache näher, wenn man einige seiner „Statements“ liest, die wie Glaubensbekenntnisse in den Raum gestellt werden. So stellt er u. a. lapidar fest, das Volk sei eine „Untertanenschaft einer (national sortierten) Bevölkerung, die mitnichten souverän sein kann“, weshalb seiner Meinung nach „die Untertanen froh sein können, wenn sie der Herrschaft / dem Staat zustimmen können, dürfen, sollen“. In der Tat offenbaren diese und andere Formulierungen einen geistigen Horizont, der mitnichten in der Lage ist, die Gedankengänge eines freien Geistes mit einem völlig anders strukturierten Horizont nachzuvollziehen! Interessant ist es auch, dass unser Zensor zudem mit seiner gleich zweimaligen sprachlichen Entgleisung („pfui Teufel“!!) doch verrät, dass seine zur Schau getragene Souveränität so hieb- und stichfest gar nicht ist. Auf jeden Fall verrät eine solche Entgleisung alles andere als einen kühlen Kritiker, den er wohl gern abgeben will, und muss als grobe Beleidigung aufgefasst werden, und zwar nicht nur des Autors, sondern auch der „Brücke“ und seiner Leserschaft! Indes sind Sañas Ausführungen über den trügerischen Schein des Gefühls subjektiver Freiheit unter kapitalistischen gesellschaftlichen Verhältnissen auch nicht einfach auf eine moralische Perspektive reduzierbar. Geht es ihm doch primär darum, ein im kapitalistischen Alltag individuell wie kollektiv ständig reproduziertes „falsches Bewusstsein“ in all seinen irreführenden Erscheinungen nachhaltig zu entzaubern. Eben dieses Bewusstsein ist es nämlich, welches zur völligen Selbstentfremdung vieler Menschen in heutigen spätkapitalistischen Gesellschaften führt, und ihnen letzten Endes auch suggeriert, frei zu sein und über ihr Schicksal frei verfügen zu können. Erst wenn der eine oder andere, was heute massenhaft geschieht, fassungslos zusehen muss, dass sein „Job“ (wie man im Jargon des entfesselten Kapitalismus das heute nennt, was früher „Beruf“ hieß) der Profitgier kaltblütiger Kapitalinteressen zum Opfer fällt - und seine kümmerliche bürgerliche Existenz mit einem Schlage vernichtet wird - erst dann dämmert ihm (oder ihr) die wahre Realität von Freiheit im Zeichen totaler Herrschaft des Kapitals im „freiheitlich-demokratischen Rechtsstaat“. Die Aufdeckung dieser und anderer Zusammenhänge einfach als „moralisch“ verächtlich machen zu wollen, ist schlichtweg unbegreiflich! Und noch ein Wort zum „Moralismusvorwurf“. Was ist eigentlich dabei verwerflich, die Aufforderung eines Immanuel Kant ernst zu nehmen, wie Heleno Saña dies tut, (oder auch Carl Amery, ein anderer „Moralist“ der Gegenwart, ein Theologe der sich aufgrund der desolaten Situation unserer Welt veranlasst sieht, vom „globalen Sklavenhaus des Kapitalismus“ zu sprechen!) - was ist dabei verwerflich, wenn man eine solche, meinetwegen „moralische“ Aufforderung Kants ernst nimmt und den Mut aufbringt, „sich des eigenen Verstandes zu bedienen“ und sich von der „selbstverschuldeten Unmündigkeit“ zu befreien - auch und gerade unter Bedingungen kapitalistischer Herrschaft, wo eine solche Unmündigkeit geradezu gezüchtet wird? Heleno Saña wird sich wohl kaum vom wirren „Moralismusgerede“ eines W.R. als Einwand gegen seine Kapitalismuskritik (oder ist es eher gegen seine Person als solche gerichtet, über die der selbsternannte Zensor, aus welchen Gründen auch immer, irgendwie erbost zu sein scheint, was hier und da durchsickert?) - Heleno Saña wird sich von solchem Gerede nicht beirren lassen oder sich darum scheren, von einem „Möchte-gerne-Kritiker“ mit „Pfui Teufel“ beschimpft zu werden! Er kann sicher sein, dass seine wohltuend kultur- und gesellschaftskritischen Beiträge vielen Lesern regelrecht aus der Seele sprechen, die darin unschwer ihre eigenen Erfahrungen mit dem Leben in der heutigen Gesellschaft und Kultur wieder erkennen und froh darüber sind, dass es Menschen wie ihn gibt, die dies so klar und eindringlich artikulieren. Weiterhin so Heleno auf diesem Weg! Marie-Luise Kandil und Prof. Dr. Fuad Kandil Karlsruhe *** »Auf Bewährung«. Rassismus? Oder Mangel an Empathie? Am 29. Juni 2005 lesen wir in der Frankfurter Rundschau mit der Überschrift „Letzter Attentäter von Solingen kommt frei“ folgende zwei Sätze: „Zwölf Jahre nach dem ausländerfeindlichen Brandanschlag von Solingen, bei dem fünf türkische Mädchen und Frauen starben, kommt der letzte noch inhaftierte Täter frei. Der Rest seiner Strafe von 15 Jahren werde zur Bewährung ausgesetzt, sagt ein Sprecher des Oberlandesgerichts Düsseldorf am Dienstag.“ Ich bin entsetzt, keine Empörungsschreie über die „15 Jahre auf Bewährung“ in der Öffentlichkeit zu hören. Zumindest von einigen Organisationen habe ich an dem „Tag-seiner-Frei-Lassung“ einen Prostest erwartet. Der ausblieb oder von der Presse verschwiegen wurde? Was sind 15 Jahre in Verhältnis zu 84 Jahren, 3 Monaten und 10 Tagen, die die kleine Hülya Genç theoretisch hätte alt werden können? Doch stattdessen 1993 qualvoll verbrannte. Es geht nicht um „Bewährung von zwei Tagen“ oder „fünf Wochen auf Bewährung“. Sondern um 15 Jahre(!), die aus einem neun jährigen Mädchen eine Frau gemacht hätten, doch die sie nicht werden durfte. Geht es wirklich um „Bewährung“? Wie hat sich der „letzte Attentäter“ bewährt in einer Zeitspanne, in der die kleine Hülya als Jugendliche eine Ausbildung hätte machen können trotz Ausbildungsmangel und als Frau die Welt beginnen hätte zu erobern? Bewährung statt Wiedergutmachung? Kann sich ein Mensch überhaupt „bewähren“, der Frauen, Mädchen, Türkinnen und Hülya wie ein Tier behandelt, bis er sie dann - aus Haß - umbringt (DIE BRÜCKE, 137, S. 34)? Um welches Rechtsempfinden geht es bei „Bewährung“, das 15 Jahre einem Täter schenkt, der jede humane Grenze überschritt und 84 Jahre vernichtete? Geht es überhaupt um Recht? Sicher hat er eine Chance verdient. Zwei Chancen. Drei. Vier... Stopp. Wo ist die Grenze? Für einen grenzenlosen zerstörerischen Menschen. Wie viele Chancen bekam Hülya, lesen und schreiben zu lernen? Den Duft von Sonnenblumen riechen zu wollen? Das Lachen ihrer Mutter zu hören? Recht, lautet eine stark gekürzte These, wird heute - auch in der BRD - zunehmend ohne Moral gesprochen, weil es vorwiegend auf rationaler Argumentationsebene stattfindet (Udo Di Fabio. Die Kultur der Freiheit, 2005). Recht wird zum Tauschgeschäft: drei Jahre für Raub, 15 Jahre für Totschlag... Oder ist es fahrlässig, heimtückisch? Recht, lesen wir, ist abhängig von Grenzempfinden und Grenzdefinitionen. Individuell und kollektiv. Mord, Raub, Korruption, … vorsätzlich, unzurechnungsfähig… In diesem „grenzbestimmenden“ Rechtssystem wird oft Recht ohne Gerechtigkeitsempfinden verkündet, denn die Matrix für Recht, zunehmend nach dem Rationalitätsprinzip ausgeübt, entspricht nicht der Folie der mit ethischen Prinzipien ausgestatteten Gerechtigkeit, deren Grenzen immer wieder neu justiert werden müssen. Recht, Grenzen, Selbst eine Symbiose. Es findet seit 1968 eine „Abkehr von Selbstdisziplinierung“ statt (ebd.). Es fehlt zunehmend an vernünftiger „Selbstbegrenzung“ (ebd.). Es widerspricht dem Gerechtigkeitsgefühl, daß ein junger Mensch, der kaum ein Grenzempfinden kannte, d.h. das Leben anderer nicht respektierte, der von seiner Umwelt und der Welt anscheinend nicht mit Grenzen konfrontiert wurde und erzogen ist, so daß er jede nur erdenkliche Grenze 1993 mit weiteren Jugendlichen überschreiten konnte und bei einer dieser Grenzüberschreitungen mit Verachtung ein Haus anzündete und dabei fünf Menschenleben vernichtete, auf unerklärliche Art auf Bewährung sein Leben - mit Hilfe des deutschen Rechtssystem - in Freiheit und Sicherheit verbringen darf, was er anderen nie zugestanden hat. Staat, Familie, Schulen, Kindergarten sind Bildungsinstitutionen, die in der Pflicht stehen, Respekt jedem Menschen gegenüber durch Erziehung vermitteln zu müssen (Konstanz Südkurier 23.08.05). Das bedeutet, dem einen das Grenzgefühl beizubringen und das Grenzempfinden anderer zu respektieren. Doch während in der „Bildungsinstitution“ Kindergarten kopftuchtragende Frauen „nicht mehr beschäftigt“ (FR 16.07.05) werden, führt das Gesamtversagen aller Institutionen als werte- und grenzensetzende öffentliche Instanzen - ohne Kopftuch - zum Urteil „auf Bewährung“ für ein ausgelöschtes Leben, das sich weder wehren noch wegrennen konnte, während die Flammen sich ausbreiteten; wie sich das verlorene (deutsche) Grenzgefühl „wieder“ ausbreitet und eine Spur der Zerstörung hinterläßt. María del Carmen González Gamarra Frankfurt am Main
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