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Es gibt Leute, die sammeln Bierdeckel, Briefmarken,
Weinflaschenetiketten - da realisiert sich ein Sammeltrieb auf niedriger
Bedeutungsstufe.
Auf höherer Stufe locken Schmuck, Gemälde,
CDs und Bücher. Schliesslich existieren tüchtige Männer,
die begehren ihres Nächsten Weib, Chefsekretärin, Rechenknecht,
Laptop, Internet, Segeljacht, Aktienpaket und alles, was nicht -
noch nicht - ihres ist, jedoch werden könnte...
Das ist nun bescheiden im Vergleich zu der unstillbaren
Sammel-Leidenschaft der wirklich Berufenen: sie können nicht
genug kriegen von Handfeuerwaffen, Mini-Nukes, Ölquellen, Fernsehsendern,
militärischen Stützpunkten und Aktienpaketen und Atomraketen!
Wer bietet mehr? Man staune Chips und Bauklötze:
hier in unserer Nachbarschaft in Berlin-Wilmersdorf wohnt ein älterer
Herr ,Juf einem Gartengrundstück ganz romantisch, der nicht
nach den Sternen greift, zumal auch die NASA sich für ihn nicht
interessieren dürfte. Nein, sein Ziel ist noch höher.
Er sammelt Götter. - Wir nennen ihn mit seinem Spitznamen:
Guru Null.
Dabei belässt es der stolze Kauz nicht bei Kleingöttern
im Kleingarten, bei Flussgöttern, Berggöttern, Tiergottheiten,
Stammesgöttern, Halbgöttern und Gottkönigen, auch
nicht mit Götter-Paaren oder Drei-Einigkeiten. Er stellt allerhöchste
Ansprüche. Sammelt hohes Gut, das „Summum Bonum“,
und das sogar im Plural. Er sammelt nichts Geringeres als Schöpfer-Götter
und Schöpfer-Göttinnen aller Völker, Zeiten, Religionen.
Aber könnte ihm da jemand beistehen? Die meisten
religiös interessierten Menschen sind ja fixiert auf ihren
Gott, nämlich ihren eigenen, sofern sie nicht Halb- oder Ganz-Atheisten
geworden sind (mit Ausnahme hoher religiöser Feste, die sie
noch pro forma mitmachen - Weihnachten Gänsebraten).
Guru Null seufzt: „Wer, wenn ich schrie, hörte
mich denn aus der Götter Unordnungen?“ (Frei nach Rilke,
elegisch.) Wir treffen Guru Null im Volkspark. Er ist nicht gut
aufgelegt und schickt noch einen zweiten Spruch hinterher: „Wer
aber, wenn ich schwiege, verstünde sie dann besser, meine vielsagende
Botschaft?“ Das dürfte eine Ankündigung sein seines
nächsten Vortrags in seiner Garten-Scheune.
Neulich hat der Guru bereits angekündigt: „Es
geht ein Gespenst um in Europa!“ Er meinte natürlich
diesmal nicht den Kommunismus, sondern etwas anderes: „Die
Religion kommt wieder“. Ob er dafür ist oder dagegen?
Hilf, Himmel! Wir, die wir dem „Guru“
gern mal lauschen, zumal es da auch immer etwas zu lachen gibt,
wissen doch, dass er der Religion, summa summarum, „drei heilige
Wahrheiten und vier heilige Dummheiten“ zuschreibt, dazwischen
natürlich ganze himmlische Heerscharen von Halbwahrheiten.
Wenn wir ihn dann fragen, ob er nicht ein Eingeweihter sei, antwortet
er: „Ja, eingeweiht in die letzten Zweifel“.
Dieser Tage hat unser Gemüsegarten-Seher offenbar
eine neue dialektische Wendung vollzogen. Offenbar sagt er sich:
wenn schon die Religion wiederkommt, dann soll sie auch ihren Reichtum
und ihre Schönheit zeigen, ihre dichterische Kraft. Dann, meint
er, können wir es nicht bei den Fundamentalismen bewenden lassen.
Dann wird er uns auffordern: „Ihr sollt viele Götter
haben neben einem!“ Er wird den polytheistischen Rosenkranz
beten (und wenn das jemand irgend stören sollte, wird es ein
polytheistischer Nelkenkranz sein). Ansonsten zitiert er auch noch
gern seinen Lobgesang: „Lobet den Herrn, den mächtigen
König des Ethos, den KÜNG.“
Dabei ist diese Paraphrase doch etwas dünn ausgefallen.
Denn sollte ”die Religion“ wiederkommen, dann sollte
mindestens auch ihr Schatz an Schöpfungsmythen wieder mehr
beachtet werden. Warum hat denn Guru Null eine ganze Hütte
in seinem Rosen- und Nelkengarten vollgepackt mit einer weltweiten
Fachliteratur von Büchern über diese Schöpfungsmythen
(dazu eine zweite Hütte mit Büchern über wissenschaftliche
Kosmologie).
Mit Vorliebe lädt er Frauen ein, auch gerade
Feministinnen, um eine bevorzugte Literatur zum Thema der Mutter-Gottheiten
ihnen zu zeigen, sowie über die androgynen Kräfte in der
Schöpfungs-Branche.
Gern geht Guru Null auch den Geschlechtern nach in
der Kosmologie. Das reizt ihn schon, wenn man von der Welt, dem
Kosmos und dem Universum (Neutrum) spricht. Physikalisch dürfte
das wenig besagen, geschlechtspolitisch aber viel, angesichts der
patriarchalischen Monotheismen.
Was ist los mit Guru Null? Macht er sich bloss einen
höheren Spass mit seiner Sammlung, die Hunderte von Kreativ-Göttern
und -Göttinnen bei den Völkern, Zeiten, Gesellschaften,
Klassen, Sprachen umfasst? Es gibt da Schöpfungshymnen, die
ihn unmittelbar packen, auch wenn der Schwung sich noch durch eine
Übertragung ins Deutsche durchsetzen muss. Am liebsten hat
er die alten Veden, Weisheitsbücher der Inder (auch nicht schlechter
als die Vorsokratiker, mit Schöpfungstexten in Bezug auf Götter
wie Indra, Shiva, Agni etc. und Göttinnen).
Neuerdings fahren erhebliche Winde um Guru Nulls Gartenhaus!
In mehreren Teilstaaten der USA wird nun im Biologie-Unterricht
an Schulen neben der Darwinschen Evolutionslehre eine „religiöse
Perspektive“ durchgesetzt: die Entstehung der Welt und des
Lebens könne und müsse erklärt werden durch einen
Hinweis auf ein „intelligent design“, einen Scnöpfungsplan,
den ein „höheres Wesen“ ausgeheckt habe. Also nicht
nur „die Religion“ ist wieder da, sondern auch „Gott“,
als weltenplanendes Wesen. Guru Null hat eine grosse Aufstellung
gemacht in Bezug auf die Methoden, welche von den Göttern beim
Machen und Tun und Schöpfen angewandt werden, als da sind Sprechen,
Singen, Kneten, Herausholen einer Gestalt aus Urstoff. Manchmal
ist Verkehr mit einer Schöpfergöttin nötig, manchmal
genügt beim Allgestalter auch eine „Selbsterhitzung“.
Der ägyptische Gott Thot teilte den Himmel in sieben Sphären
- allein durch sein Gelächter! (Was nicht heisst, dass Metaphysik
immer mit Humor zu tun hat.)
Guru Null ist immer noch nicht davon überzeugt,
dass der Bericht der Genesis in den Biologie-Unterricht fallen sollte.
Aber studierenswert ist er!
„Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde...“
Schon in die verschiedenen Übersetzungen lohnt es sich zu vertiefen.
„Und der Geist Gottes lag über den Wassern...“
Und ob! Über den Wassern der „Tiamat“, der babylonischen
Meeresgottheit. Ähnlich wie die Jüdische Schöpfungsgeschichte
mit der altbabylonischen zu tun hat.
Im Anfang war der ägyptische Gott Atum: er, der
selbst seinen Namen schuf! Später schuf der Gott Marduk Babylon;
aber längst vor ihm war seine Ur-ur-urgrossmutter, die Schöpferin
Thalat. (in der christlichen Gnosis treten dann wieder solche Ur-Göttinnen
auf.)
Wir sitzen in der Wilmersdorfer Laubenkolonie, bei
„Guru Null“ im Garten. Er reicht Yogi-Tee. Und er strahlt.
Ob er mal eine Kleinigkeit vorlesen dürfe. Aber gewiss. „Sagbar
das Tao, doch nicht das ewige Tao, Nennbar der Name, doch nicht
der ewige Name. Namenlos des Himmels, der Erde Beginn.“
Nun ja, das muss aus dem Tao-Te-King sein, dem philosophischen
Gedichtbüchlein des Lao Tse, Guru Null kennt jemand, der seinerseits
im Leben 25 verschiedene Übersetzungen des Tao-Te-King gesammelt
hat. Es lohnt sich, ebenso wie mehrere Übersetzungen der Genesis.
Es gibt ein friedliches, fruchtbares Streitgespräch.
Wir einigen uns darauf, dass „heilige Texte“ aus alter
Zeit immer eine Interpretation lohnen, ja erfordern, sei es auch
ein „Vater-unser“, ein „Glaubensbekenntnis“,
einer der grossen Schöpfungsmythen in klassischer Fassung;
ein Sonnengesang eines Echnaton oder eines Franz von Assisi. Jedenfalls
dürfte es nicht genügen, die klassischen, gar sakralen
Texte nur nachzumurmeln, ohne sich je mit ihnen auseinandergesetzt
zu haben. Guru Null hört gern Koran-Rezitation aus der Nachbarschaft
an Freitagen, muss da mal einiges nachlesen.
Was das alles nun über einen Weltanfang realistisch
bedeutet, wollen wir nicht überschätzen. Vorausgesetzt
wird meist, dass „die Welt“ überhaupt „einen
Anfang“ habe. Kosmologen von heute drücken sich oft anders
aus, sprechen etwa vom „Rande der Raumzeit“. Und der
Meister Eckart glaubte eh nicht an einen isolierten Weltanfang.
Sollte da Beginnlosigkeit herrschen - von Ewigkeit zu Ewigkeit,
Amen?!
Alle paar Wochen treffen wir uns bei „Guru Null“
im Garten, im Winter in seiner geheizten Bruchbude. Gegen Ende unserer
Sitzungen besteht immer die Gefahr, dass man in ein eifriges Schwatzen
gerät. Es geht dann um Fragen wie: „Wann ist die Welt
zur Welt gekommen?“ oder: „Wann hat die Welt das Licht
der Welt erblickt?“ Die sind naturgemäss schwer entscheidbar.
Jemand erinnert an die biblische Schöpfung in
sieben Tagen. Eine Studentin hat mal gelesen, tausend Jahre seien
vor ihm, damit sei wohl Gott gemeint, wie ein Tag und eine Nachtwache.
Klingt irgendwie nach Psalm? Bevor wir nachschlagen, trifft die
Nachricht ein aus den alten Veden, ein Brahma-Jahr sei bei den Indem
auf 4,5 Milliarden Jahre veranschlagt worden. Guru Null muss die
Grundlage noch mal nachsehen.
Eine ältere Dame, welcher der Humor offenbar
keineswegs ausgegangen ist, platzt heraus mit der Behauptung „Im
Anfang war ein fluktuierendes Quantenvakuum“! Und zwar will
sie das erfahren haben von einem hellen Oberschüler kurz nach
dem Ende seines Konfirmationsunterrichts. Der verstünde das
doch noch garnicht. Der sei bestimmt nicht zugelassen in den zärtlichen
kleinen Kreisen zu Cambridge, Stanford, am Massachusetts Institute
of Technology. Aber bei Gott sei doch kein Ding unmöglich,
sie meine natürlich Professor Richard Gott, Professor für
Astrophysik in Princeton.
Ein Christ sagt: „Ich muss mich an andere Autoritäten
hatten. „Gott sprach: Es werde Licht. Und es ward Licht!“
Ein Möchtegern-Physiker meint: „Wenn die Sache mit dem
Urknall stimmt, dann kann aus dem so entstandenen heissen Plasma
in der Frühzeit nichts an Photonen entwichen sein.“
Guru Null klatscht in die Hände und ruft:
„Jetzt ist aber Schluss!
Ich bitte noch um ein paar Minuten Ruhe.
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Ich hatte hier im Spätsommer
öfters eine Art von Andacht,
Andacht im Dienste von Fragen,
etwa der Frage nach dem Anfang.
Andacht ohne Altar,
Andacht antwortlos?
Aus dem Zentrum der Zentren,
dem unbekannten, geht sie hervor,
sich ständig erneuernd,
die Frage der Fragen,
nach dem Ursprung des Ganzen,
unseres Grunds,“
Schöpfungsgötter und -Göttinnen hat
er ja nun genug gesammelt, unser „Guru Null“. Ist es
schon Zeit, sich ein neues Kapitel vorzunehmen? Erstmal die philosophische
Kosmogenie? Platos Demiurg zum Beispiel?
Wenn man hier so langsam weiterarbeitet in diesem
Häuschen, dann können wir bald am Ort eine „Akademie
des Nichtwissens“ begründen.
Dann können wir auch noch mal nachdenken über
den Aphorismus des Franz von Foerster „Sage mir, wie die Welt
begonnen hat, und ich sage Dir, wer Du bist.“
„Die Welt“, „der Kosmos“,
„das Universum“ - wenn wir deren Entstehung verstehen
wollen, können wir dann vom subjektiven Faktor absehen? Und
vom Irrtum?
Im Anfang war das Vorwort, und gleich danach kam das
grosse Wundern.
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