DIE BRÜCKE AN DER SPREE

Guru Null sammelt Schöpfer-Gottheiten

Reimar Lenz

Es gibt Leute, die sammeln Bierdeckel, Briefmarken, Weinflaschenetiketten - da realisiert sich ein Sammeltrieb auf niedriger Bedeutungsstufe.

Auf höherer Stufe locken Schmuck, Gemälde, CDs und Bücher. Schliesslich existieren tüchtige Männer, die begehren ihres Nächsten Weib, Chefsekretärin, Rechenknecht, Laptop, Internet, Segeljacht, Aktienpaket und alles, was nicht - noch nicht - ihres ist, jedoch werden könnte...

Das ist nun bescheiden im Vergleich zu der unstillbaren Sammel-Leidenschaft der wirklich Berufenen: sie können nicht genug kriegen von Handfeuerwaffen, Mini-Nukes, Ölquellen, Fernsehsendern, militärischen Stützpunkten und Aktienpaketen und Atomraketen!

Wer bietet mehr? Man staune Chips und Bauklötze: hier in unserer Nachbarschaft in Berlin-Wilmersdorf wohnt ein älterer Herr ,Juf einem Gartengrundstück ganz romantisch, der nicht nach den Sternen greift, zumal auch die NASA sich für ihn nicht interessieren dürfte. Nein, sein Ziel ist noch höher. Er sammelt Götter. - Wir nennen ihn mit seinem Spitznamen: Guru Null.

Dabei belässt es der stolze Kauz nicht bei Kleingöttern im Kleingarten, bei Flussgöttern, Berggöttern, Tiergottheiten, Stammesgöttern, Halbgöttern und Gottkönigen, auch nicht mit Götter-Paaren oder Drei-Einigkeiten. Er stellt allerhöchste Ansprüche. Sammelt hohes Gut, das „Summum Bonum“, und das sogar im Plural. Er sammelt nichts Geringeres als Schöpfer-Götter und Schöpfer-Göttinnen aller Völker, Zeiten, Religionen.

Aber könnte ihm da jemand beistehen? Die meisten religiös interessierten Menschen sind ja fixiert auf ihren Gott, nämlich ihren eigenen, sofern sie nicht Halb- oder Ganz-Atheisten geworden sind (mit Ausnahme hoher religiöser Feste, die sie noch pro forma mitmachen - Weihnachten Gänsebraten).

Guru Null seufzt: „Wer, wenn ich schrie, hörte mich denn aus der Götter Unordnungen?“ (Frei nach Rilke, elegisch.) Wir treffen Guru Null im Volkspark. Er ist nicht gut aufgelegt und schickt noch einen zweiten Spruch hinterher: „Wer aber, wenn ich schwiege, verstünde sie dann besser, meine vielsagende Botschaft?“ Das dürfte eine Ankündigung sein seines nächsten Vortrags in seiner Garten-Scheune.

Neulich hat der Guru bereits angekündigt: „Es geht ein Gespenst um in Europa!“ Er meinte natürlich diesmal nicht den Kommunismus, sondern etwas anderes: „Die Religion kommt wieder“. Ob er dafür ist oder dagegen?

Hilf, Himmel! Wir, die wir dem „Guru“ gern mal lauschen, zumal es da auch immer etwas zu lachen gibt, wissen doch, dass er der Religion, summa summarum, „drei heilige Wahrheiten und vier heilige Dummheiten“ zuschreibt, dazwischen natürlich ganze himmlische Heerscharen von Halbwahrheiten. Wenn wir ihn dann fragen, ob er nicht ein Eingeweihter sei, antwortet er: „Ja, eingeweiht in die letzten Zweifel“.

Dieser Tage hat unser Gemüsegarten-Seher offenbar eine neue dialektische Wendung vollzogen. Offenbar sagt er sich: wenn schon die Religion wiederkommt, dann soll sie auch ihren Reichtum und ihre Schönheit zeigen, ihre dichterische Kraft. Dann, meint er, können wir es nicht bei den Fundamentalismen bewenden lassen. Dann wird er uns auffordern: „Ihr sollt viele Götter haben neben einem!“ Er wird den polytheistischen Rosenkranz beten (und wenn das jemand irgend stören sollte, wird es ein polytheistischer Nelkenkranz sein). Ansonsten zitiert er auch noch gern seinen Lobgesang: „Lobet den Herrn, den mächtigen König des Ethos, den KÜNG.“

Dabei ist diese Paraphrase doch etwas dünn ausgefallen. Denn sollte ”die Religion“ wiederkommen, dann sollte mindestens auch ihr Schatz an Schöpfungsmythen wieder mehr beachtet werden. Warum hat denn Guru Null eine ganze Hütte in seinem Rosen- und Nelkengarten vollgepackt mit einer weltweiten Fachliteratur von Büchern über diese Schöpfungsmythen (dazu eine zweite Hütte mit Büchern über wissenschaftliche Kosmologie).

Mit Vorliebe lädt er Frauen ein, auch gerade Feministinnen, um eine bevorzugte Literatur zum Thema der Mutter-Gottheiten ihnen zu zeigen, sowie über die androgynen Kräfte in der Schöpfungs-Branche.

Gern geht Guru Null auch den Geschlechtern nach in der Kosmologie. Das reizt ihn schon, wenn man von der Welt, dem Kosmos und dem Universum (Neutrum) spricht. Physikalisch dürfte das wenig besagen, geschlechtspolitisch aber viel, angesichts der patriarchalischen Monotheismen.

Was ist los mit Guru Null? Macht er sich bloss einen höheren Spass mit seiner Sammlung, die Hunderte von Kreativ-Göttern und -Göttinnen bei den Völkern, Zeiten, Gesellschaften, Klassen, Sprachen umfasst? Es gibt da Schöpfungshymnen, die ihn unmittelbar packen, auch wenn der Schwung sich noch durch eine Übertragung ins Deutsche durchsetzen muss. Am liebsten hat er die alten Veden, Weisheitsbücher der Inder (auch nicht schlechter als die Vorsokratiker, mit Schöpfungstexten in Bezug auf Götter wie Indra, Shiva, Agni etc. und Göttinnen).

Neuerdings fahren erhebliche Winde um Guru Nulls Gartenhaus! In mehreren Teilstaaten der USA wird nun im Biologie-Unterricht an Schulen neben der Darwinschen Evolutionslehre eine „religiöse Perspektive“ durchgesetzt: die Entstehung der Welt und des Lebens könne und müsse erklärt werden durch einen Hinweis auf ein „intelligent design“, einen Scnöpfungsplan, den ein „höheres Wesen“ ausgeheckt habe. Also nicht nur „die Religion“ ist wieder da, sondern auch „Gott“, als weltenplanendes Wesen. Guru Null hat eine grosse Aufstellung gemacht in Bezug auf die Methoden, welche von den Göttern beim Machen und Tun und Schöpfen angewandt werden, als da sind Sprechen, Singen, Kneten, Herausholen einer Gestalt aus Urstoff. Manchmal ist Verkehr mit einer Schöpfergöttin nötig, manchmal genügt beim Allgestalter auch eine „Selbsterhitzung“. Der ägyptische Gott Thot teilte den Himmel in sieben Sphären - allein durch sein Gelächter! (Was nicht heisst, dass Metaphysik immer mit Humor zu tun hat.)

Guru Null ist immer noch nicht davon überzeugt, dass der Bericht der Genesis in den Biologie-Unterricht fallen sollte. Aber studierenswert ist er!

„Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde...“ Schon in die verschiedenen Übersetzungen lohnt es sich zu vertiefen. „Und der Geist Gottes lag über den Wassern...“ Und ob! Über den Wassern der „Tiamat“, der babylonischen Meeresgottheit. Ähnlich wie die Jüdische Schöpfungsgeschichte mit der altbabylonischen zu tun hat.

Im Anfang war der ägyptische Gott Atum: er, der selbst seinen Namen schuf! Später schuf der Gott Marduk Babylon; aber längst vor ihm war seine Ur-ur-urgrossmutter, die Schöpferin Thalat. (in der christlichen Gnosis treten dann wieder solche Ur-Göttinnen auf.)

Wir sitzen in der Wilmersdorfer Laubenkolonie, bei „Guru Null“ im Garten. Er reicht Yogi-Tee. Und er strahlt. Ob er mal eine Kleinigkeit vorlesen dürfe. Aber gewiss. „Sagbar das Tao, doch nicht das ewige Tao, Nennbar der Name, doch nicht der ewige Name. Namenlos des Himmels, der Erde Beginn.“

Nun ja, das muss aus dem Tao-Te-King sein, dem philosophischen Gedichtbüchlein des Lao Tse, Guru Null kennt jemand, der seinerseits im Leben 25 verschiedene Übersetzungen des Tao-Te-King gesammelt hat. Es lohnt sich, ebenso wie mehrere Übersetzungen der Genesis.

Es gibt ein friedliches, fruchtbares Streitgespräch. Wir einigen uns darauf, dass „heilige Texte“ aus alter Zeit immer eine Interpretation lohnen, ja erfordern, sei es auch ein „Vater-unser“, ein „Glaubensbekenntnis“, einer der grossen Schöpfungsmythen in klassischer Fassung; ein Sonnengesang eines Echnaton oder eines Franz von Assisi. Jedenfalls dürfte es nicht genügen, die klassischen, gar sakralen Texte nur nachzumurmeln, ohne sich je mit ihnen auseinandergesetzt zu haben. Guru Null hört gern Koran-Rezitation aus der Nachbarschaft an Freitagen, muss da mal einiges nachlesen.

Was das alles nun über einen Weltanfang realistisch bedeutet, wollen wir nicht überschätzen. Vorausgesetzt wird meist, dass „die Welt“ überhaupt „einen Anfang“ habe. Kosmologen von heute drücken sich oft anders aus, sprechen etwa vom „Rande der Raumzeit“. Und der Meister Eckart glaubte eh nicht an einen isolierten Weltanfang. Sollte da Beginnlosigkeit herrschen - von Ewigkeit zu Ewigkeit, Amen?!

Alle paar Wochen treffen wir uns bei „Guru Null“ im Garten, im Winter in seiner geheizten Bruchbude. Gegen Ende unserer Sitzungen besteht immer die Gefahr, dass man in ein eifriges Schwatzen gerät. Es geht dann um Fragen wie: „Wann ist die Welt zur Welt gekommen?“ oder: „Wann hat die Welt das Licht der Welt erblickt?“ Die sind naturgemäss schwer entscheidbar.

Jemand erinnert an die biblische Schöpfung in sieben Tagen. Eine Studentin hat mal gelesen, tausend Jahre seien vor ihm, damit sei wohl Gott gemeint, wie ein Tag und eine Nachtwache. Klingt irgendwie nach Psalm? Bevor wir nachschlagen, trifft die Nachricht ein aus den alten Veden, ein Brahma-Jahr sei bei den Indem auf 4,5 Milliarden Jahre veranschlagt worden. Guru Null muss die Grundlage noch mal nachsehen.

Eine ältere Dame, welcher der Humor offenbar keineswegs ausgegangen ist, platzt heraus mit der Behauptung „Im Anfang war ein fluktuierendes Quantenvakuum“! Und zwar will sie das erfahren haben von einem hellen Oberschüler kurz nach dem Ende seines Konfirmationsunterrichts. Der verstünde das doch noch garnicht. Der sei bestimmt nicht zugelassen in den zärtlichen kleinen Kreisen zu Cambridge, Stanford, am Massachusetts Institute of Technology. Aber bei Gott sei doch kein Ding unmöglich, sie meine natürlich Professor Richard Gott, Professor für Astrophysik in Princeton.

Ein Christ sagt: „Ich muss mich an andere Autoritäten hatten. „Gott sprach: Es werde Licht. Und es ward Licht!“ Ein Möchtegern-Physiker meint: „Wenn die Sache mit dem Urknall stimmt, dann kann aus dem so entstandenen heissen Plasma in der Frühzeit nichts an Photonen entwichen sein.“

Guru Null klatscht in die Hände und ruft:
„Jetzt ist aber Schluss!
Ich bitte noch um ein paar Minuten Ruhe.
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Ich hatte hier im Spätsommer
öfters eine Art von Andacht,
Andacht im Dienste von Fragen,
etwa der Frage nach dem Anfang.

Andacht ohne Altar,
Andacht antwortlos?

Aus dem Zentrum der Zentren,
dem unbekannten, geht sie hervor,
sich ständig erneuernd,
die Frage der Fragen,
nach dem Ursprung des Ganzen,
unseres Grunds,“

Schöpfungsgötter und -Göttinnen hat er ja nun genug gesammelt, unser „Guru Null“. Ist es schon Zeit, sich ein neues Kapitel vorzunehmen? Erstmal die philosophische Kosmogenie? Platos Demiurg zum Beispiel?

Wenn man hier so langsam weiterarbeitet in diesem Häuschen, dann können wir bald am Ort eine „Akademie des Nichtwissens“ begründen.

Dann können wir auch noch mal nachdenken über den Aphorismus des Franz von Foerster „Sage mir, wie die Welt begonnen hat, und ich sage Dir, wer Du bist.“

„Die Welt“, „der Kosmos“, „das Universum“ - wenn wir deren Entstehung verstehen wollen, können wir dann vom subjektiven Faktor absehen? Und vom Irrtum?

Im Anfang war das Vorwort, und gleich danach kam das grosse Wundern.