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DEN KULISSEN DER TEUTOZENTRALE |
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| Türken-Tüncher vor dem Teuto-Turm der Bravour-Bastei Und die Bravaden-Brigaden der Humanrights-Rituale am Bosporus Spätsommer-Impressionen von Necati Mert
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Ein Sommer verflüchtigte sich spurlos, und ich hatte vor, eine Istanbul-Reportage zu Papier zu bringen. Mir drang aber auf Windesflügeln ins Bewußtsein, daß in diesem Koloß der gesichtslosen Betonbauten jeder einzelne den eigenen Roman schreibt - einsam im Kampf ums Überleben. Das Panorama der paradoxen Paraphrasen: Die Renaissance der laissez-passer-Passion, das Pathos präpotenten Patronats, die Rivalität des popularisierten Patriziats mit den privilegierten Parvenüs... Die ungezügelt zugkräftige Parade der kreuzzüglerisch rekrutierten Privatier-Patrouillen... Das Zugstück der zugewanderter Zombies und Krummbuckel... Byzantinische Brigaden und bravouröse Briganten... Das Politikum der bourgeoisen Bramarbasse und burleske Busineßmen... Bravaden-Parties der Parias zwischen Papageien-Palais und Ulanen-Pavillons... Der superkapitalistische Kraken-Krach wirft auf dem TV-Bildschirm Blasen. Es ist unmöglich, am Bosporus, dem Hexenkessel, Blütenträume zu pflegen. Überall Hyänen und Haramiten. Nur noch menschenähnlich erscheinen die Zweibeiner im stets kochenden Konsumtempel - kraftlose Kreaturen, die kommandiert werden, vor den Grossisten einen Kratzfuß zu machen. Alles befindet sich im atemberaubenden Schwung. Im merkantil meuternden Flammenmeer geht der Orient unter, wird vom Okzident erodiert. Es orakelt: Ex okzidente lux! Längst präsentiert Istanbul, womit die Tüftlergenies der globalen Kastenpyramide in den Wolken schweben: Tags und nachts überfüllte Supermärkte. Längst hat Istanbul die Güteklasse der EU-Bastei erreicht, in den meisten Bereichen sogar übertroffen: Billige Arbeit, teure Technologie, sichere Profitraten, gebrochene soziale Kontakte, isolierte Nachbarschaften, institutionalisiertes Elend... Längst gilt Istanbul mit seiner Liberalität als Modellprojekt für die EU-Architektur: Über fünfzig Prozent der Tätigkeiten funktionieren jenseits öffentlicher Kontrolle, den Tod ausgenommen. Es gibt kein Grab ohne Konzession. Der Kollaps kommuniziert mit dem Kommando der Marktkräfte. Einwandfrei glückt z.B. das Müll-Management. Denn eine Menge Menschen an der Grenze der Hungersnot leben davon, daß sie die Mülltonnen vor den Wohnblöcken der betuchten Viertel leeren, um etwas Eß- oder Verwertbares aufzufischen. Für den Hundekot verantworten die Halter. Überall hängen städtische Werbetransparente mit der Aufschrift „schon bemerkt, wie grün unsere Stadt ist?“ Zwischen den Plattenbauten werden Obstbäume placiert mit verfaulten Früchten. Überfüllt sind die Straßen mit Autos neuester Modelle. Der liberalisierte Verkehr geht auch ohne Mühe der Polizei glatt - dank der privatisierten Abschleppdienste. Hinter der Devise, wer eine Schlacht ausruft, muß auch fechten, marschiert besonders eifrig der Regent, brillantiert das Blockwart-Weltbild, läßt sich brillieren. Billets verkauft er für den Orient-Express westwärts unterwegs. Männer und nebenbei Weiber, die - wie überall - in den televisionären Talkrunden ihr Haupt wiegen, flanieren als sattelfeste Tausendsassa. Sie systematisieren das visuelle Verhältnis zwischen Abstieg und Sieg, weiden jeglichen Weg zum Kollektiv aus. Perfektioniert wird eine kratzbürstige Falle, in die periphere Mittelschichten längst hineingetappt sind - spartanische Karikatur-Klassen, die sich vor den imperialistischen Karren spannen lassen. Das Gesetz des Sozialdarwinismus zwingt auch die Intellektuellen dazu, den Allmächtigen der Allwaren-Varia anzubeten. Wer als Marktteilnehmer nicht untergehen will, muß bereit sein, Krieg zu führen. Gewehre gewährleisten dem gottgefälligen Gewerbe des Ökonomismus das Überleben, und die Finanzhyäne kann den großen Gewinn ergattern. Die parlamentarisch-manisch partizipierten Regenten regieren nicht, sie reagieren nur noch auf die Reglemente des IWF. Partei-Potentaten pokern um die Entweder-Oder-Order des Imperium Okzidentum, dem erpresserisch angetragenen Freihandelsabkommen. Sonst droht der Einsatz der „humanitären Intervention“ in Fällen besonders störrischer Staaten. Der Schatten-Schleier der Globalismus-Globulen verhüllt das menschliche Allerlei lückenlos. Die in den wilden, jeglichem Zügel widerspenstigen Kapitalismus einprogrammierte Demokratie protegiert Demagogie statt Empirie. Den okzidental ornamentierten universalen Menschenrechten wohnen einzig Partikular-Interessen der Plutokraten und Planetär-Aristokraten inne. Wie überall gelingt auch hier den Stabsarchitekten der globalen Apartheidspyramide, alles Widerständige in der Datei der asiatischen Despotie sowie des Terrorismus zu sichern und zu zeigen, wo der Hammer hängt.
Vom Wohlklang der Kritik mit der zivilisatorischen Affirmation entsteht die Attraktion. Auf den EU-Standard zielen die Doktrinär-Demokraten des Mammon- und Markt-Konservatismus, ordnen sich unter der Standarte des Imperiums ein. Der miserable Mythos der Menschenrechte gibt dem Turban-Event den letzten Schliff im Konsumtempel. Die Tugend des ökonomischen Terrors übertrumpft jeglichen Zwischenruf des human Sozialen. Der Bramarbas vom Goldenen Horn auf dem Premier-Posten, Recep Tayyip Erdogan, trägt die Fustanella bei seinen Auftritten im Westen, zieht seine Weste der „Takkiya“ nicht aus, was bedeutet, der Glaube erlaubt, seine wahre Absichten hinter taktischen Tricks zu verstecken. Den komfortablen Konsumtempel kolonisieren die Juwelen der High-Society, die Junioren und Yuppies der Mäuse-Fürsten. Und in jedem zweiten Palais mit Meerblick residiert vermutlich ein Unterhändler der Cosa Nostra, relaxt ein Parlamentär irgendeiner Rekonstruktionsreklame. Sie stehen in Fokus der Öffentlichkeit. Hinter den Mauern und Grenzen von Schichten und Kasten kreischen Menschenscharen wie Möwenschwärme im Kampf ums Dasein. Man redet, forscht und berichtet über sie, ohne sie an den Früchten der gesellschaftlichen Produktion zu beteiligen. Wer fähig ist, sich dem Kröten-Kurs anzupassen, überlebt. Der Rest ringt um Brosamen durch Fronarbeit. Der Miseren-Emissär setzt seinen Höhenflug auf den Fährten der Moderne, des neodarwinistischen Dogmas, fort, berät sanktionsbewährt, schenkt den völkischen Sippschaften Mythen und Mysterien, verspricht ihnen das Heil. Im Stadium des Nirwana? Esoterik begünstigt, der Kapitalismus nimmt einen gotgefälligen Charakter an. Akteure und Apologeten des deregulierenden Deliriums kommunizieren im freien Spiel der Marktkräfte mit Sittenwächtern und Denunzianten - sozialisatorisch, zivilisatorisch, kulturalistisch, historisch, kolonisatorisch, schariatisch.
Das Kürzel EU enthält einen geheimnisvollen Blütentraum, den die Privatier-Partei der Parvenüs nebulös ausschenkt. Stets systematisiert und sytemisch stigmatisiert wird der Begriff Terror im grauen Allerlei. Während der Verkehrsterror televisionär thematisiert wird, kommt der Tyrannen-Terror der Ökonomie kaum zum Vorschein. Gehaltvoll kann der Tayyip-Troß die breiten Unterschichten durch den medialen Diskurs-Zirkus über die Beitrittsgespräche mit der EU-Autokratie informieren und ausgiebig amüsieren. Für jeden hat dieser Maskeraden-Kurs der Kaskaden-Kader ein besonderes Gewicht. Für Spekulanten, Bazar-Händler, Gammler, Mülltonnen-Wühler... Es ist der Heißhunger auf einen Morgen, der kaum kommen wird. Der Abend sitzt fest. Das Abendland liegt weit hinter der Nebelzone. Mehr als eine primitive Präsentation der neokonservativ europoiden Hegemonial-Allüren birgt die „privilegierte Partnerschaft“ nicht. Real ist eine Tayyip-Türkei der Turbulenzen und Tartüff-Trümpfe mit dem Trost, an die internationalen Trusts veräußert zu werden. Ihr parlamentarisch partizipiertes Primat ist bereit, alle Gesetze gemäß der Kopenhagener Kriterien zu novellieren. Die Sozialdemokraten à la Antonio Blair folgen dem Wahlspruch „Widerstand zwecklos!“ Das Gegenfeuer des Kemalismus brennt nur noch am Rande, ist bald gelöscht. Das Politikum der Pax Okzidentale vernebelt das Panorama. Kaum einer mehr kann erkennen: Der Ostwärtsblick des Westens, ob links oder rechts, ist kolonialistisch, erwartet byzantinische Kontinuität vom kranken Mann am Bosporus. Trotz alledem wird die Megalopolis am Bosporus nie zu den Binnenmetropolen der EU-Burg gehören, sondern eine semiperiphere Spielwiese der okzidental orakelnden globalen Apartheidspyramide bleiben - im Rahmen einer „privilegierten Partnerschaft“. Neben der Birnen-Partei Recep Tayyip Erdogans wird die westliche Öffentlichkeit ihre Kenntnisse über jene Dichter wie Orhan Pamuk beziehen, die parodieren, womit die Missionare der Zitadellenzivilisation paradieren: Markt und Mammon. Menschenrechte für die Knechte des Besitzgötzen. Orhan Pamuk, der Absolvent einer New Yorker Romancier-Schule und Spätling einer Kostantineapolitaner Mischpoche, wird als Dichter einer orientalischen Sprache gefeiert, ist aber in seinem Herkunftsland als Gemeinplatz-Schreiberling bekannt, der kaum gelesen wird - außer von der Oberschicht vielleicht. Er gilt als Sprachrohr der anglo-amerikanischen Weltbilder, jetzt auch der germanischen Gedankengüter, erhielt als Lohn den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels 2005. Vor dem Teuto-Turm der Bravour-Bastei Die Euphorie, dem EU-okzidentalen Club der Betuchten und Beute-Bezieher anzugehören, bewirkt, daß Alemanians Aischas und Alis wie Alien beim Besuch im Mutterland sich als Yuppies und Greenhorns brüsten. Denn sie verfügen längst über jenen Reisepaß mit dem Adler-Einband, von dem die millennaren Mini-Marketender und Klein-Geld-Geier noch lange träumen müssen. Früher, vor etwa drei Jahrzehnten, war das Aerodrom am Bosporus mit dem Portal eines Chateaus vergleichbar. Alles der strikten Kontrolle der Zoll- und Grenzgendarmerie unterzogen. Heute läßt sich, abgesehen von einer Paßkontrolle, das Hin- und Her auf dem Flughafen-Gelände als Attraktion kennzeichnen. Es herrscht angenehme Luft, der Reisende kann aufatmen, bevor er sich dem Abenteuer auf den Straßen der Megalopolis ergibt. Keine Spur von der verpesteten Atmosphäre Mainhattens. Alles in allem verläßt der Reisende Istanbul zufrieden, z.B. heimwärts nach Frankfurt am Main. In Schlamassel gerät er erst hier, als wäre er vom Paradies der Peripherie in die Hölle des Zentrums gelangt, begegnet er den grimmigen Minen der Limes-Wächter. Vor der Paßkontrolle „für EU-Bürger“ erscheinen plötzlich so viel Kopftuch-Trägerinnen, die man in Istanbul fast vermißt hat. Es herrscht hier reger Betrieb der Sicherheitssysteme, denen neorassistische Elemente innewohnen, wenn eine Maschine aus dem Osten oder Süden mit brünetten oder dunkelhäutigen Passagieren landet: Kontrolle beim Verlassen der Maschine. Zollkontrolle Handgepäck. Paßkontrolle. Zollkontrolle Koffer. Aggressive Beamten...
Nicht der Faschismus droht, sondern der Liberalismus
Derlei Aussagen sind unerträglich und müssen in aller Schärfe zurückgewiesen werden. Dabei aber in wilder Analogie gleich eine Wiederbetätigung zu entdecken anstatt eine Variante ordinären Staatsrassismus auszumachen, zeugt von analytischer Beschränktheit. Vor allem verfolgt man damit strategisch einen üblen Zweck: Im Liberalismus verkommt der Antifaschismus von einer wachen und wehrhaften Reflexion zu einem beliebigen Beißreflex. Die neoliberale Geisterbahn lässt den braunen Unrat auffahren, um von sich selbst und ihren Ungeheuerlichkeiten abzulenken. Sie instrumentalisiert den Antinazismus um jeden Einwand gegen die soziale Destruktion als Ressentiment zu diskreditieren. Sozialkritik soll schlichtweg als überflüssig entsorgt werden. Es geht jedenfalls darum, jede soziale Regung mit der Gülle der Volksgemeinschaft zu bespritzen, um sodann einen braunen Stallgeruch behaupten zu können. Nicht Hitler und Goebbels beherrschen die politische Arena, sondern Lafontaine und Schröder, Gysi und Stoiber, Merkel und Fischer. Das ist schon schlimm genug, aber nicht dasselbe. Das Hitler-Spiel wird übrigens nicht besser, wenn man des Braunauers Schnauzer ins Gesicht von Merkel oder Stoiber projiziert. Was in Deutschland und anderswo droht, ist nicht der Faschismus, sondern der Liberalismus. Der schreitet zügig voran. Die Demokratie offenbart ihren sozialdarwinistischen Kern und der Linken fällt nichts anderes ein als keynesianische Korrekturen vorzuschlagen. Zur Marktwirtschaft hat sie keine Alternativen, ja sie propagiert diese selbst so, als seien Geld und Tausch eherne Gewissheiten wie Essen und Trinken. Natürlich ist die soziale Frage nicht per se links, sie kann auch nationalistisch und faschistisch besetzt werden, und das um so leichter, je weniger Perspektiven es auf emanzipatorischer Seite gibt. Keineswegs ist daraus jedoch zu schließen, dass die Kritik sozialer Verelendung und die Einforderung menschenwürdiger Standards ein reaktionäres Anliegen ist. Aber genau das unterstellt der Liberalismus. Die Denunziation sozialer Ansprüche darf in keiner Weise hingenommen werden. Tragisch ist, dass viele Debatten in retrospektive Orgien überführt werden, die den Opfern des sozialen Kahlschlags überhaupt nicht weiterhelfen, sondern sie im Gegenteil völlig ratlos hinterlassen, im schlimmsten Fall von der Depression in die Regression treiben. Und ist das gelungen, dann zückt der Liberalismus genüsslich die Antifa-Karte. Wie abgefeimt. In Deutschland gibt es keine Debatte ohne die Nazis. Ginge Hitler ab, ginge wirklich was ab. Indes ginge zumeist gar nichts ab. Hitler ist die falsche Fährte, die den aktuellen Wahnsinn stets als beste Normalität erscheinen lässt. Es wäre wirklich einmal ein Fortschritt, die braune Bagage aus vielen (nicht: allen!) gegenwärtigen Diskussionen zu entfernen, sie nicht für jedes Stück extra zu engagieren. Das hat nichts mit Verdrängung von Erinnerung zu tun, sondern damit, dass es irreführend ist mit den primitiven Vergleichen die unmittelbare Realität zuzuschütten. Die fieberhafte ”Nazifizierung” ist ein Querschläger. Wie wär’s daher mit einer neuerlichen Entnazifizierung? Franz Schandl |