XXVIII. Jahrgang, Heft 150
Jan - Mär 2009/1
 
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Letzte Änderung:
14.02.2009

 
 

 

 
 

 

 

KULTUR – ATELIER

Koestlers Ungeborenheit

Von Henner Reitmeier

   
 
 


An meinem Bekanntenkreis und meiner Zeitungslektüre gemessen, war der nicht sonderlich hochgewachsene Schriftsteller Arthur Koestler ein Däumling, den man in der Regel übersieht. Allerdings läßt er sich nur schwer in eine Schublade stecken. Vielsprachig, sich aller Prosagattungen bedienend, mutet er uns auch noch einige ideologische Brüche zu. Eine zeitlang hängt der 1905 in Budapest geborene Koestler dem zionistischen Reaktionär Wladimir Jabotinsky an. Über Wien und Tel Aviv kommt er nach Deutschland. Er ist journalistisch tätig und dient nun der KPD. Der Spanienkrieg macht ihn wankend. 1938 bricht er mit dem Kommunismus, nachdem er von den stalinistischen "Säuberungen" erfahren hat. In seinem 1940 erscheinenden Roman SONNENFINSTERNIS - vermutlich sein bekanntestes Buch - schildert er die Praktiken der russischen Stalinisten allein aufgrund von Rückschlüssen derart treffend, daß die Welt nach Chruschtschows Enthüllungen im Jahr 1956 nur staunen kann. Die Kommunisten verleumden das Buch, schüchtern den Verleger ein, kaufen ganze Lagerbestände auf – doch sein Siegeszug ist nicht aufzuhalten. SONNENFINSTERNIS wurde bislang in mehr als 30 Sprachen übersetzt.

Dagegen wird Koestler von anarchistischer Seite aus immer mal wieder vorgeworfen, er habe im spanischen Krieg durch seine Berichte an die Komintern so manchen Anarchisten ans Messer geliefert. In zwei Standardwerken zum Spanienkrieg ist davon allerdings nicht die Rede. Während Koestler in Julián Gorkins Erinnerungen STALINS LANGER ARM von 1978 – im Gegensatz zu Orwell, Victor Serge, Ilja Ehrenburg, Ignazio Silone und anderen – überhaupt nicht vorkommt, führt ihn der US-Literaturwissenschaftler Frederick R. Benson in seiner ausführlichen Studie SCHRIFTSTELLER IN WAFFEN von 1967 korrekt als „Geheimagent“ der Komintern ein – der allerdings in Feindesland, nämlich in Francos Hauptquartier in Sevilla operiert. Benson schildert diese kühne Unternehmung nicht anders wie Koestler selber in seinen Erinnerungen. Es gelang Koestler, Beweise für Hitlers und Mussolinis Unterstützung des faschistischen Generals zu ergattern – bis er aufflog und in eine Todeszelle Francos wanderte. Im Übrigen spricht Benson wiederholt mit Hochachtung von Koestlers humanistischen Motiven wie auch seiner Aufrichtigkeit.

Wird Koestler von Antimilitaristen vorgeworfen, er habe sich nach 1945 bereitwillig zu einer US-beflaggten Federspitze im Kalten Krieg machen lassen, kann man leider nicht widersprechen. In dieses Horn blies auch Sartre, der allerdings über lange Strecken eine befremdliche Treue zur SU bewies. Zur Begründung diente wie immer die von Orwell so getaufte „Zauberwaffe“ des Arguments, durch Kritik im eigenen Lager leite man lediglich Wasser auf die Mühlen des Feindes. Ich kann und will diesen Nachkriegsverstrickungen im Einzelnen nicht nachgehen. 1941 hatte sich Koestler in London niedergelassen. Hier hält ihn immerhin der erwähnte Orwell, der ja im Spanienkrieg als Mitstreiter der von Gorkin geführten POUM-Milizen selber unter kommunistischen Bestrebungen zu leiden hatte, einer engen Freundschaft wert. Bei vielen Meinungsverschiedenheiten stimmt er mit Koestler doch in der Bekämpfung der "Kommissar-Mentalität" überein, die so gern in revolutionären Reihen Fuß faßt, um jedes eigenverantwortliche Handeln oder auch nur jede kritische Stimme im Keim zu ersticken. Leider muß Orwell schon mit 46 von der Erde abtreten. So kann er nicht mehr gegen Koestlers Neigung zum Schematismus sticheln, die sich zunehmend in Essays und Abhandlungen niederschlägt. An Parkinson und Leukämie leidend, nimmt sich Koestler 1983 selbst das Leben.

Nach Michael Shelden (1991) hat Orwell Koestler auch erbarmungslos formale Schwächen in diversen Romanen angekreidet. Doch dieses Spielchen kenne ich. Zupft man den anderen an seinem offensichtlich mißratenen Segelohr, braucht man sich nicht an die eigene krumme Nase zu fassen. Orwells erste Bücher waren nie und nimmer so gut, wie der Ruf, den er sich damit erstaunlicherweise erschrieb. Selbst 1984 (im Jahr 1949 erschienen) hat schmerzliche Längen. Mir jedenfalls gilt Koestler als durchaus fesselnder Erzähler, der oft sehr wichtige Einsichten vermittelt. So kreist er im Roman EIN MANN SPRINGT IN DIE TIEFE um das Gemisch aus subjektiven und objektiven Motiven, dem sich unsere Anschauungen und Handlungen in der Regel verdanken. Diese Einsicht kann kaum zu hoch bewertet werden, weil sie einen Riegel vor der Rechthaberei darstellt. Der junge Kommunist Peter, schwerer Folter in Nazi-Deutschland entronnen, sah seinen Widerstandskampf von hehren sozialpolitischen Motiven getragen: Gerechtigkeit, Freiheit und so weiter. Eine psychologisch bewanderte Frau, die er in Portugal trifft, macht ihm klar, wie beträchtlich ihn auch kindliche Schuldgefühle und Ängste ins kommunistische Martyrium trieben. Er wähnt sich schuldig am Tod seines kleinen Bruders und zittert vor seinem Vater, der auf Abbitte und Unterwerfung pocht. Die Sühne leistet Peter später, aber unterwerfen tut er sich dem Folterchef Raditsch nicht. Man sieht die vertrackte Verschiebung. Peter wurde zum Helden aus Schwäche. Diese Einsichten können ihn allerdings nicht daran hindern, den Kampf gegen das finstere Naziregime wieder aufzunehmen. Das kommt fast einer Pointe gleich. Doch Orwell nörgelt, durch Flucht und Rückkehr sei das Buch "allzu symmetrisch" geraten.

Koestlers SONNENFINSTERNIS ist ein hellsichtiger Reißer - den Kommissar Maigret bestimmt wegen Handlungsarmut aus dem Verkehr gezogen hätte. Für die Figur des Rubaschow stand angeblich Karl Radek Pate. Unter Stalin in den Kerker gewandert, kreisen die Gedanken des Altbolschewiken um die Frage, ob der Zweck wirklich die Mittel heilige. Koestler meint, die falschen, unmenschlichen Mittel müßten unweigerlich auch das Ziel beschmutzen. Statt das Paradies zu erobern, landet man in einer Kloake. In unseren anarchistisch orientierten Kommunekreisen folgt daraus oft das Gebot des Pazifismus. Gewalt gebäre immer nur neue Gewalt. Ich fürchte allerdings, angesichts der von italienischen und deutschen Bombern flankierten Truppen Francos wären die spanischen Anarchisten von diesem Gebot nicht begeistert gewesen. Hier scheint ein riesiges Dilemma auf. Können sich egalitär gestimmte Menschen überhaupt - wie legal auch immer - am "Kampf um die Macht" beteiligen? Von der KPD und dem zertrümmerten Ostblock einmal abgesehen, haben uns doch jüngst erst die Sandinisten des Regenwalds und die Grünen von Travemünde bis Schwarzwald gezeigt, in welchem Sumpf der Herrschaft das endet. Der Ex-PDS (mit ihrem unaussprechlich anmaßenden Namen) genügt das noch nicht - sie wiederholt die ekelerregende Demonstration des Verkommens. Das Muster unserer pfründegeilen Reformisten ist bald 100 Jahre alt: es heißt USPD. Hegel soll einmal bemerkt haben, die einzige Lehre der Geschichte bestehe darin, daß die Menschen nichts aus ihr lernten.

Leider stellt der Kapitalismus - zumal im Zeitalter ständig wechselnder imperialistischer Bündnisse - kein Räubernest dar, das sich mal eben ausräuchern läßt. Wer ihm ans Leder will, muß massive Mittel einsetzen, organisierte Massen etwa, oder Streik, Beschlagnahmung, auch militärische oder volkspolizeiliche Gewalt. Es ist absolut unwahrscheinlich, Oberbertelsmann Reinhard Mohn, die Gebrüder Albrecht oder Frau Susanne Klatten (BMW, Altana, Nordex AG) würden sich freiwillig ihrer Paläste, Freßställe und Aktienpakete begeben, um in einer Bauernkate des verwaisten Vorpommern von Hartz-IV-Käse zu leben. Doch nach allen Erfahrungen scheinen eben jene massiven Mittel die Aufrührer (und deren alternativen Gesellschaftsentwurf) unfehlbar mit dem Gift der Herrschaft, also unter anderem mit jener "Kommissar-Mentalität" zu infizieren. Gioconda Belli aus Nicaragua hätte wahrscheinlich von einer Commandanten-Mentalität gesprochen. Doch darin erschöpft sich die Klemme noch nicht. Auf der anderen Seite kommt es ja dem Verderben und dem Verrat gleich, einfach nichts zu tun. Das nutzen die Somoza-Clane oder die Hoffentlich-ALLIANZ-Versicherer gnadenlos zur Potenzierung ihrer Grausamkeiten aus. Somit macht sich der Aufrührer genauso schuldig wie der Duldsame – während die aufs „Gemäßigte“ geeichten Reformisten emsig für die nächste "Reform" der bestehenden Klassenherrschaft sorgen – als deren Garantie. Das Problem ist alt und hat schon viele Theorie-Gurus verschlissen.

Manche weichen in literarische Gefilde aus. Was mir an Koestlers hervorragend geschriebenen Erinnerungen ALS ZEUGE DER ZEIT besonders gefällt, ist ihr unheldischer Zug. Er bekennt seine Neigung zum Prahlen durchaus, brüstet sich hier jedoch mit gar nichts. Stattdessen läßt er immer wieder sein dünnes Selbstvertrauen durchschimmern. So stolpert er gleichsam von einem Abenteuer ins nächste – für ein paar Monate sogar in die erwähnte francistische Todeszelle. Beschreibt er seine Ängste in der Isolation, beim Verhör oder auf der Flucht, lassen sie sich geradezu körperlich nachempfinden. Die Schärfe seiner Selbstbeobachtung ist kaum zu übertreffen. Freilich war er auch ein Schlawiner, wie ich eingangs schon angedeutet habe. In den Erinnerungen von Simone de Beauvoir, die ihn vor allem 1946/47 in Paris erlebte, kommt Koestler eher unsympathisch weg: pfauenhaft und rechthaberisch, daneben vorwitzenschaftlich, wenn ich mir diese Wortschöpfung gestatten darf. Das heißt, wir stoßen auch hier auf jenen Ohren-Nasen-Mechanismus. Jemand kann die Fehler der anderen oder die Gebrechen der Welt besonders gut anprangern, weil er sie von sich selber her gut kennt. Das bindet er uns natürlich nicht unbedingt bei jeder Gelegenheit auf die Nase.

Wenn Koestler in London lebte (und starb), war es sicherlich nicht unangemessen, da er zumindest in seinen Erinnerungen über einen selten trockenen Witz verfügt. Ein Abglanz davon findet sich auch in einem Interview, das er Ende 1966 Gerhard Zwerenz im Münchner Hotel Bayerischer Hof gewährt. Nebenbei läßt er darin seine tiefsitzenden Minderwertigkeitskomplexe aufblinken, wenn er als seinen sehnlichsten Wunsch bekennt, von Wissenschaftlern akzeptiert zu werden. In seinen Essays rennt er ihnen und ihren Titeln, Orden, Preisen geradezu hinterher. Selbst in seinen Erinnerungen versäumt er es nie, die ihm begegnenden Akademiker standesgemäß zu erwähnen – sie mögen „Dr. Herzl“, „Dr. Mann“ oder „Dr. Goebbels“ heißen. Um "Sir" zu werden, hätte er vermutlich sogar seine auffallend junge dritte Ehefrau Cynthia verkauft, die ihn – mit 55 – in den "Freitod" begleitete. Der US-Publizist Peter Kurth schildert Cynthia in seinem gründlich recherchierten Aufsatz KOESTLER'S LEGACY von 1992 als scheu, linkisch, ergeben. Vielleicht hatte sie in Koestler eine Reinkarnation ihres früh verstorbenen Vaters erblickt.

Mit Zwerenz sitzt er zunächst auf der Dachterrasse am Swimmingpool, ohne sich hinein zu stürzen. Plötzlich taucht ein Hotelmanager auf und bittet sie nachdrücklich das Feld zu räumen. Warum? "Die Beatles sind angekommen und möchten schwimmen. Sie wollen unter sich sein." Koestler gluckst - und weicht den "Schlägern". Ein weltberühmter Autor aus London, der bereits drei Millionen Bücher verkauft hat! Die SONNENFINSTERNIS endet mit einem dröhnenden Schlag gegen Rubaschows Ohr. "Dann wurde alles still. Das Meer war wieder um ihn, und die Geräusche des Meeres. Eine Welle hob ihn langsam hoch. Sie kam von ferne und reiste gemächlich weiter, ein Achselzucken der Unendlichkeit."

Seinem Schöpfer erging es besser. Nach gut drei Monaten in der francistischen Todeszelle wird Koestler aufgrund geballter Intervention durch Frau, Freunde, Journalisten-Kollegen und europäische PolitikerInnen ausgetauscht. Ein Agent Francos bringt ihn in einem Sportflugzeug zur Grenze. Der kleine Zweisitzer wird vom Wind geschüttelt, während sie „befreites nationales“ Gebiet überfliegen. „Die Roten sind alle Feiglinge“, brüllt der Agent und Pilot gegen den Lärm an, „sie verstehen nicht einmal zu sterben. Können Sie sich vorstellen, wie das ist, wenn man tot ist?“ - „Bevor wir geboren wurden, waren wir alle tot“, schreit Koestler zurück. So in seinen erwähnten Erinnerungen ALS ZEUGE DER ZEIT. Die Auffassung beherrscht ihn ausdauernd genug, um sich auch in einem Handbuch des britischen Sterbehilfe-Verbands EXIT von 1981 wieder zu finden, dessen Vizepräsident Koestler war – bis er sich 1983 verbandsgemäß umbrachte. Dort formuliert er, Vernunft sage uns, „that before we were born we were all dead, and that our post-mortem condition ist no more frightening than the pre-natal twilight (Dämmerung). Only the process of getting unborn makes cowards (Feiglinge) of us all.“

Der angebliche Skeptiker Koestler – der allerdings stets zum Aberglauben neigte; so stiftete er testamentarisch einen Lehrstuhl für Parapsychologie – bringt also das Kunststück fertig, die Beschaffenheit des Totseins zu kennen und auch noch von dieser auf die Beschaffenheit des Ungeborenseins zu schließen. Ich dagegen poche auf die Befangenheit in unserer menschlichen Existenzform, die möglicherweise sehr spezifisch ist. Sie macht uns für anderes blind. Da wir das Andere – ob Existenzform oder nicht – gleichwohl denken können, wäre es absurd, es zu reinen Hirngespinsten zu erklären. Vielmehr wird dadurch wahrscheinlich, daß es „etwas“ gibt, das diesen Gedanken veranlaßt oder ermöglicht. Ob es Arthur und Cynthia Koestler zu sehen bekamen, läßt sich im Rahmen dieser Arbeit leider nicht feststellen.

   

Netzbrücke:

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