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An meinem Bekanntenkreis und meiner Zeitungslektüre gemessen,
war der nicht sonderlich hochgewachsene Schriftsteller Arthur Koestler
ein Däumling, den man in der Regel übersieht. Allerdings
läßt er sich nur schwer in eine Schublade stecken. Vielsprachig,
sich aller Prosagattungen bedienend, mutet er uns auch noch einige
ideologische Brüche zu. Eine zeitlang hängt der 1905 in
Budapest geborene Koestler dem zionistischen Reaktionär Wladimir
Jabotinsky an. Über Wien und Tel Aviv kommt er nach Deutschland.
Er ist journalistisch tätig und dient nun der KPD. Der Spanienkrieg
macht ihn wankend. 1938 bricht er mit dem Kommunismus, nachdem er
von den stalinistischen "Säuberungen" erfahren hat.
In seinem 1940 erscheinenden Roman SONNENFINSTERNIS - vermutlich
sein bekanntestes Buch - schildert er die Praktiken der russischen
Stalinisten allein aufgrund von Rückschlüssen derart treffend,
daß die Welt nach Chruschtschows Enthüllungen im Jahr
1956 nur staunen kann. Die Kommunisten verleumden das Buch, schüchtern
den Verleger ein, kaufen ganze Lagerbestände auf – doch
sein Siegeszug ist nicht aufzuhalten. SONNENFINSTERNIS wurde bislang
in mehr als 30 Sprachen übersetzt.
Dagegen wird Koestler von anarchistischer Seite aus
immer mal wieder vorgeworfen, er habe im spanischen Krieg durch
seine Berichte an die Komintern so manchen Anarchisten ans Messer
geliefert. In zwei Standardwerken zum Spanienkrieg ist davon allerdings
nicht die Rede. Während Koestler in Julián Gorkins Erinnerungen
STALINS LANGER ARM von 1978 – im Gegensatz zu Orwell, Victor
Serge, Ilja Ehrenburg, Ignazio Silone und anderen – überhaupt
nicht vorkommt, führt ihn der US-Literaturwissenschaftler Frederick
R. Benson in seiner ausführlichen Studie SCHRIFTSTELLER IN
WAFFEN von 1967 korrekt als „Geheimagent“ der Komintern
ein – der allerdings in Feindesland, nämlich in Francos
Hauptquartier in Sevilla operiert. Benson schildert diese kühne
Unternehmung nicht anders wie Koestler selber in seinen Erinnerungen.
Es gelang Koestler, Beweise für Hitlers und Mussolinis Unterstützung
des faschistischen Generals zu ergattern – bis er aufflog
und in eine Todeszelle Francos wanderte. Im Übrigen spricht
Benson wiederholt mit Hochachtung von Koestlers humanistischen Motiven
wie auch seiner Aufrichtigkeit.
Wird Koestler von Antimilitaristen vorgeworfen, er
habe sich nach 1945 bereitwillig zu einer US-beflaggten Federspitze
im Kalten Krieg machen lassen, kann man leider nicht widersprechen.
In dieses Horn blies auch Sartre, der allerdings über lange
Strecken eine befremdliche Treue zur SU bewies. Zur Begründung
diente wie immer die von Orwell so getaufte „Zauberwaffe“
des Arguments, durch Kritik im eigenen Lager leite man lediglich
Wasser auf die Mühlen des Feindes. Ich kann und will diesen
Nachkriegsverstrickungen im Einzelnen nicht nachgehen. 1941 hatte
sich Koestler in London niedergelassen. Hier hält ihn immerhin
der erwähnte Orwell, der ja im Spanienkrieg als Mitstreiter
der von Gorkin geführten POUM-Milizen selber unter kommunistischen
Bestrebungen zu leiden hatte, einer engen Freundschaft wert. Bei
vielen Meinungsverschiedenheiten stimmt er mit Koestler doch in
der Bekämpfung der "Kommissar-Mentalität" überein,
die so gern in revolutionären Reihen Fuß faßt,
um jedes eigenverantwortliche Handeln oder auch nur jede kritische
Stimme im Keim zu ersticken. Leider muß Orwell schon mit 46
von der Erde abtreten. So kann er nicht mehr gegen Koestlers Neigung
zum Schematismus sticheln, die sich zunehmend in Essays und Abhandlungen
niederschlägt. An Parkinson und Leukämie leidend, nimmt
sich Koestler 1983 selbst das Leben.
Nach Michael Shelden (1991) hat Orwell Koestler auch
erbarmungslos formale Schwächen in diversen Romanen angekreidet.
Doch dieses Spielchen kenne ich. Zupft man den anderen an seinem
offensichtlich mißratenen Segelohr, braucht man sich nicht
an die eigene krumme Nase zu fassen. Orwells erste Bücher waren
nie und nimmer so gut, wie der Ruf, den er sich damit erstaunlicherweise
erschrieb. Selbst 1984 (im Jahr 1949 erschienen) hat schmerzliche
Längen. Mir jedenfalls gilt Koestler als durchaus fesselnder
Erzähler, der oft sehr wichtige Einsichten vermittelt. So kreist
er im Roman EIN MANN SPRINGT IN DIE TIEFE um das Gemisch aus subjektiven
und objektiven Motiven, dem sich unsere Anschauungen und Handlungen
in der Regel verdanken. Diese Einsicht kann kaum zu hoch bewertet
werden, weil sie einen Riegel vor der Rechthaberei darstellt. Der
junge Kommunist Peter, schwerer Folter in Nazi-Deutschland entronnen,
sah seinen Widerstandskampf von hehren sozialpolitischen Motiven
getragen: Gerechtigkeit, Freiheit und so weiter. Eine psychologisch
bewanderte Frau, die er in Portugal trifft, macht ihm klar, wie
beträchtlich ihn auch kindliche Schuldgefühle und Ängste
ins kommunistische Martyrium trieben. Er wähnt sich schuldig
am Tod seines kleinen Bruders und zittert vor seinem Vater, der
auf Abbitte und Unterwerfung pocht. Die Sühne leistet Peter
später, aber unterwerfen tut er sich dem Folterchef Raditsch
nicht. Man sieht die vertrackte Verschiebung. Peter wurde zum Helden
aus Schwäche. Diese Einsichten können ihn allerdings nicht
daran hindern, den Kampf gegen das finstere Naziregime wieder aufzunehmen.
Das kommt fast einer Pointe gleich. Doch Orwell nörgelt, durch
Flucht und Rückkehr sei das Buch "allzu symmetrisch"
geraten.
Koestlers SONNENFINSTERNIS ist ein hellsichtiger Reißer
- den Kommissar Maigret bestimmt wegen Handlungsarmut aus dem Verkehr
gezogen hätte. Für die Figur des Rubaschow stand angeblich
Karl Radek Pate. Unter Stalin in den Kerker gewandert, kreisen die
Gedanken des Altbolschewiken um die Frage, ob der Zweck wirklich
die Mittel heilige. Koestler meint, die falschen, unmenschlichen
Mittel müßten unweigerlich auch das Ziel beschmutzen.
Statt das Paradies zu erobern, landet man in einer Kloake. In unseren
anarchistisch orientierten Kommunekreisen folgt daraus oft das Gebot
des Pazifismus. Gewalt gebäre immer nur neue Gewalt. Ich fürchte
allerdings, angesichts der von italienischen und deutschen Bombern
flankierten Truppen Francos wären die spanischen Anarchisten
von diesem Gebot nicht begeistert gewesen. Hier scheint ein riesiges
Dilemma auf. Können sich egalitär gestimmte Menschen überhaupt
- wie legal auch immer - am "Kampf um die Macht" beteiligen?
Von der KPD und dem zertrümmerten Ostblock einmal abgesehen,
haben uns doch jüngst erst die Sandinisten des Regenwalds und
die Grünen von Travemünde bis Schwarzwald gezeigt, in
welchem Sumpf der Herrschaft das endet. Der Ex-PDS (mit ihrem unaussprechlich
anmaßenden Namen) genügt das noch nicht - sie wiederholt
die ekelerregende Demonstration des Verkommens. Das Muster unserer
pfründegeilen Reformisten ist bald 100 Jahre alt: es heißt
USPD. Hegel soll einmal bemerkt haben, die einzige Lehre der Geschichte
bestehe darin, daß die Menschen nichts aus ihr lernten.
Leider stellt der Kapitalismus - zumal im Zeitalter
ständig wechselnder imperialistischer Bündnisse - kein
Räubernest dar, das sich mal eben ausräuchern läßt.
Wer ihm ans Leder will, muß massive Mittel einsetzen, organisierte
Massen etwa, oder Streik, Beschlagnahmung, auch militärische
oder volkspolizeiliche Gewalt. Es ist absolut unwahrscheinlich,
Oberbertelsmann Reinhard Mohn, die Gebrüder Albrecht oder Frau
Susanne Klatten (BMW, Altana, Nordex AG) würden sich freiwillig
ihrer Paläste, Freßställe und Aktienpakete begeben,
um in einer Bauernkate des verwaisten Vorpommern von Hartz-IV-Käse
zu leben. Doch nach allen Erfahrungen scheinen eben jene massiven
Mittel die Aufrührer (und deren alternativen Gesellschaftsentwurf)
unfehlbar mit dem Gift der Herrschaft, also unter anderem mit jener
"Kommissar-Mentalität" zu infizieren. Gioconda Belli
aus Nicaragua hätte wahrscheinlich von einer Commandanten-Mentalität
gesprochen. Doch darin erschöpft sich die Klemme noch nicht.
Auf der anderen Seite kommt es ja dem Verderben und dem Verrat gleich,
einfach nichts zu tun. Das nutzen die Somoza-Clane oder die Hoffentlich-ALLIANZ-Versicherer
gnadenlos zur Potenzierung ihrer Grausamkeiten aus. Somit macht
sich der Aufrührer genauso schuldig wie der Duldsame –
während die aufs „Gemäßigte“ geeichten
Reformisten emsig für die nächste "Reform" der
bestehenden Klassenherrschaft sorgen – als deren Garantie.
Das Problem ist alt und hat schon viele Theorie-Gurus verschlissen.
Manche weichen in literarische Gefilde aus. Was mir
an Koestlers hervorragend geschriebenen Erinnerungen ALS ZEUGE DER
ZEIT besonders gefällt, ist ihr unheldischer Zug. Er bekennt
seine Neigung zum Prahlen durchaus, brüstet sich hier jedoch
mit gar nichts. Stattdessen läßt er immer wieder sein
dünnes Selbstvertrauen durchschimmern. So stolpert er gleichsam
von einem Abenteuer ins nächste – für ein paar Monate
sogar in die erwähnte francistische Todeszelle. Beschreibt
er seine Ängste in der Isolation, beim Verhör oder auf
der Flucht, lassen sie sich geradezu körperlich nachempfinden.
Die Schärfe seiner Selbstbeobachtung ist kaum zu übertreffen.
Freilich war er auch ein Schlawiner, wie ich eingangs schon angedeutet
habe. In den Erinnerungen von Simone de Beauvoir, die ihn vor allem
1946/47 in Paris erlebte, kommt Koestler eher unsympathisch weg:
pfauenhaft und rechthaberisch, daneben vorwitzenschaftlich, wenn
ich mir diese Wortschöpfung gestatten darf. Das heißt,
wir stoßen auch hier auf jenen Ohren-Nasen-Mechanismus. Jemand
kann die Fehler der anderen oder die Gebrechen der Welt besonders
gut anprangern, weil er sie von sich selber her gut kennt. Das bindet
er uns natürlich nicht unbedingt bei jeder Gelegenheit auf
die Nase.
Wenn Koestler in London lebte (und starb), war es
sicherlich nicht unangemessen, da er zumindest in seinen Erinnerungen
über einen selten trockenen Witz verfügt. Ein Abglanz
davon findet sich auch in einem Interview, das er Ende 1966 Gerhard
Zwerenz im Münchner Hotel Bayerischer Hof gewährt. Nebenbei
läßt er darin seine tiefsitzenden Minderwertigkeitskomplexe
aufblinken, wenn er als seinen sehnlichsten Wunsch bekennt, von
Wissenschaftlern akzeptiert zu werden. In seinen Essays rennt er
ihnen und ihren Titeln, Orden, Preisen geradezu hinterher. Selbst
in seinen Erinnerungen versäumt er es nie, die ihm begegnenden
Akademiker standesgemäß zu erwähnen – sie
mögen „Dr. Herzl“, „Dr. Mann“ oder
„Dr. Goebbels“ heißen. Um "Sir" zu werden,
hätte er vermutlich sogar seine auffallend junge dritte Ehefrau
Cynthia verkauft, die ihn – mit 55 – in den "Freitod"
begleitete. Der US-Publizist Peter Kurth schildert Cynthia in seinem
gründlich recherchierten Aufsatz KOESTLER'S LEGACY von 1992
als scheu, linkisch, ergeben. Vielleicht hatte sie in Koestler eine
Reinkarnation ihres früh verstorbenen Vaters erblickt.
Mit Zwerenz sitzt er zunächst auf der Dachterrasse
am Swimmingpool, ohne sich hinein zu stürzen. Plötzlich
taucht ein Hotelmanager auf und bittet sie nachdrücklich das
Feld zu räumen. Warum? "Die Beatles sind angekommen und
möchten schwimmen. Sie wollen unter sich sein." Koestler
gluckst - und weicht den "Schlägern". Ein weltberühmter
Autor aus London, der bereits drei Millionen Bücher verkauft
hat! Die SONNENFINSTERNIS endet mit einem dröhnenden Schlag
gegen Rubaschows Ohr. "Dann wurde alles still. Das Meer war
wieder um ihn, und die Geräusche des Meeres. Eine Welle hob
ihn langsam hoch. Sie kam von ferne und reiste gemächlich weiter,
ein Achselzucken der Unendlichkeit."
Seinem Schöpfer erging es besser. Nach gut drei
Monaten in der francistischen Todeszelle wird Koestler aufgrund
geballter Intervention durch Frau, Freunde, Journalisten-Kollegen
und europäische PolitikerInnen ausgetauscht. Ein Agent Francos
bringt ihn in einem Sportflugzeug zur Grenze. Der kleine Zweisitzer
wird vom Wind geschüttelt, während sie „befreites
nationales“ Gebiet überfliegen. „Die Roten sind
alle Feiglinge“, brüllt der Agent und Pilot gegen den
Lärm an, „sie verstehen nicht einmal zu sterben. Können
Sie sich vorstellen, wie das ist, wenn man tot ist?“ - „Bevor
wir geboren wurden, waren wir alle tot“, schreit Koestler
zurück. So in seinen erwähnten Erinnerungen ALS ZEUGE
DER ZEIT. Die Auffassung beherrscht ihn ausdauernd genug, um sich
auch in einem Handbuch des britischen Sterbehilfe-Verbands EXIT
von 1981 wieder zu finden, dessen Vizepräsident Koestler war
– bis er sich 1983 verbandsgemäß umbrachte. Dort
formuliert er, Vernunft sage uns, „that before we were born
we were all dead, and that our post-mortem condition ist no more
frightening than the pre-natal twilight (Dämmerung). Only the
process of getting unborn makes cowards (Feiglinge) of us all.“
Der angebliche Skeptiker Koestler – der
allerdings stets zum Aberglauben neigte; so stiftete er testamentarisch
einen Lehrstuhl für Parapsychologie – bringt also das
Kunststück fertig, die Beschaffenheit des Totseins zu kennen
und auch noch von dieser auf die Beschaffenheit des Ungeborenseins
zu schließen. Ich dagegen poche auf die Befangenheit in unserer
menschlichen Existenzform, die möglicherweise sehr spezifisch
ist. Sie macht uns für anderes blind. Da wir das Andere –
ob Existenzform oder nicht – gleichwohl denken können,
wäre es absurd, es zu reinen Hirngespinsten zu erklären.
Vielmehr wird dadurch wahrscheinlich, daß es „etwas“
gibt, das diesen Gedanken veranlaßt oder ermöglicht.
Ob es Arthur und Cynthia Koestler zu sehen bekamen, läßt
sich im Rahmen dieser Arbeit leider nicht feststellen.
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