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Unsere alltäglichen „Selbstverständlichkeiten„
sind gewachsen und nicht ehern. Sie entstammen nicht der Natur,
sondern dem Training. In meinem Beitrag werden jene nicht einfach
vorausgesetzt, sondern im Gegenteil: ausgesetzt und auseinander
genommen. Sie stehen im Zentrum einer schrägen Betrachtung,
die mehr verrückt als sie ist. Die gebenedeite Marktwirtschaft
wird nicht nur einer Kritik unterzogen, ihre zentralen Mechanismen
Tausch, Geld, Wert, Arbeit, Konkurrenz oder Geschäft werden
überhaupt in Frage gestellt. Dem Selbstverständlichen
ist das Verständnis zu entziehen.
1. Rechnung und Berechnung
Womit wir täglich konfrontiert werden: Links
steht der Gebrauchswert (Menge, Titel, Marke), rechts der Tauschwert,
charakterisiert durch eine Zahl mit Komma, die den genauen Preis
ausweist. Rechts unten sind die einzelnen Posten dann zusammengezählt.
Die Rede ist vom Kassenbon. Die entsprechende Summe ist jedenfalls
zu entäußern, um in den Besitz der Lebensmittel zu gelangen.
Die Rechnung ist nicht bloß eine Bestätigung, sondern
auch ein Zeugnis, das dem Käufer Rechenschaft über seinen
Einkauf gibt, damit er die finanzielle Zweckmäßigkeit
seines Tauschhandels überprüfen kann. Die Rechnung ist
das, was jeder lesen können muss, egal ob er es lesen will,
ja lesen kann.
Jedes Produkt, jede Leistung ist übersetzbar,
überführbar in einem Maß. In diesem erlischt seine
konkrete Existenz. Links steht der Artikel, rechts steht eine Zahl,
gemeinhin Preis genannt. Decke ich links zu, weiß ich nicht
mehr, was die Summe ausdrückt. Und tatsächlich: sie könnte
jedes Produkt und jede Leistung zum Ausdruck bringen. Denn 1,99
kann dies und jenes sein, ja es kann alles sein. Jede Zahl ist eine
Proportion jeder Ware, jede Ware eine Proportion der Zahl. Alles
kann sich in alles verwandeln, vorausgesetzt die Proportionen stimmen.
Jeder Mähdrescher ist in Miniröcken ausdrückbar.
Jede Rechnung ist eine Abstraktionsleistung. Das heißt:
ich abstrahiere vom konkreten Objekt (Qualität) und beziehe
mich auf den Tauschwert oder Preis (Quantität), der jenen Gebrauchswert
ausdrücken soll. Jede besondere Qualität stellt sich dar
als eine spezifische Quantität desselben. Diese Abstraktifizierung,
die haben wir intus. Nicht umsonst hat die Hilfswissenschaft Mathematik
eine so steile Karriere gemacht – in den Lehrplänen wie
im Leben. Sie bringt alles auf das Maß ein- und desselben.
Zentrale Frage heutigen Wirtschaftens ist stets "Was
kostet das?". Zumeist ist es daher auch gleich angeschrieben.
Alles hat als Ziffer und Zahl zu erscheinen. Der Breitbandunterricht
in Zahlenmetaphysik, der sich gerade in Weiterbildungskursen und
Nachschulungen inflationiert, ist Bedingung des bürgerlichen
Subjekts. Es muss nicht denken, aber es muss rechnen können.
Kalkulation und Spekulation sind ihm charakteristisch. Nur sie machen
es markttauglich. Es kann sich nur auf dem Markt zurechtfinden,
wenn es und wenn es sich rechnet. Im Tausch geht es um die kommerzielle
Zurichtung der Individuen.
Wenn der Käufer die Ware ansieht, was sieht er?
Beim Kauf geht es ganz wild zu in den Ganglien: Nicht was ist zu
haben, ist die Frage, sondern was kann ich mir leisten. Der Gebrauchswert
der Ware muss mit dem ähnlicher Waren verglichen werden. Die
Ware ist bezüglich der eigenen Kaufkraft zu veranschlagen.
Sie muss aber auch zum Warensortiment in Bezug gesetzt werden, das
der Warenkäufer erwerben will. Was braucht man notwendiger?
Was ist unverzichtbar? Was ist leistbar? Daraus folgen Reihungen
und Entscheidungen. Weiters: Welches Produkt ist billiger? Welches
Produkt lebt länger? Was sagen die Erfahrungen? Welches gefällt
resp. schmeckt besser? Die Ware muss schließlich zur gesellschaftlich
notwendigen Arbeitszeit in Beziehung gesetzt werden. Entspricht
der Preis dem Wert, kurzum ist der Artikel preiswert? Diese und
viele andere Fragen stellt der Warenkäufer sich dauernd. Er
braucht sie gar nicht auszuformulieren. Sie behaupten sich sowieso.
Ständig gilt es Preise zu vergleichen, Listen zu studieren,
Sonderangebote zu suchen. Obgleich diese einem ja entgegen fliegen,
öffnet man die Wohnungstür oder das Postfach.
Was wir brauchen, um erfolgreich zu sein, ist: Kalkül!
Kalkül! Kalkül! Die Waren- und Geldmonade ist darauf abgerichtet
permanent zu kalkulieren. Das funktioniert quasi automatisch. Wir
handeln wie im Affekt, weil Handeln zu einem Affekt geworden ist.
Jeder Käufer wird so zu seinem Geldbörsenspekulanten.
Wie im Großen, so im Kleinen. Der verfemte Börsenspekulant
ist nur die letzte Ausgeburt dieses bürgerlichen Alltagsmenschen,
er ist von dieser Welt, alles andere als ein Alien.
Kaufen ist eine ungemein komplexe Angelegenheit, es
erscheint nur nicht als solche, weil es kaum eine andere Gewohnheit
gibt, die so vertraut ist. Hier regiert die Allmacht der Konvention.
Will ich das können?, diese Frage stellt sich gar nicht. Ich
muss das können. Kann ich es nicht, geht es mir schlecht. Kaufen-Können
in doppelter Hinsicht ist ein Imperativ, den wir durch das alltägliche
Handeln vollziehen. Nur unser Training oder besser noch: unsere
Abrichtung lässt das Komplizierte als das Einfachste und Selbstverständlichste
auf der Welt erscheinen. Je genauer wir aber hinschauen, desto irrer
schaut es zurück. Und zweifellos, es ist auch eine verrückte
Form.
Mit Geld umgehen zu können, gehört zu den
gefragtesten Eigenschaften. Unzählige Spezialberufe haben sich
da im Lauf der Zeit herausgebildet: Börsenspekulanten, Steuerberater,
Versicherungsmakler, Bankangestellte, Kassiererinnen, Mahnabteilungen,
Finanzbehörden, etc.- Es wäre ziemlich interessant zu
erheben, wie hoch der Prozentsatz an menschlicher Gesamttätigkeit
dafür ist. Wir würden vermuten, es ist der Großteil.
Der direkte Dienst am Geld als Gelddienst ist zum vorherrschenden
Beruf geworden. Derlei quantitative Forschung findet sich freilich
kaum.
Die, die dauernd rechnen müssen und sich rechnen
müssen, werden zu berechnenden Wesen. Was sie am anderen interessiert,
ist weniger, was er ist, sondern was er hat. Diese Habe oder dieser
Job wird als kennzeichnendes Dasein bestimmt. Nicht „Wer bist
du?„ ist die obligate Alltagsfrage (diese erschiene vielmehr
als Zumutung), sondern „Was bist du?„ Was machst du?
Nicht Menschen schätzen Menschen, nein Warenbesitzer bewerten
Warenbesitzer.
Die offene Rechnung firmiert in der Alltagssprache
auch als Drohung. Ökonomisch ist sie eine Bedrohung für
den Käufer, der das Geld nicht hat, aber auch für den
Verkäufer, der das Geld nicht bekommt. Der Kauf wurde zwar
getätigt, aber nicht finalisiert.
Am Markt geht es daher überhaupt nicht um den
profanen Akt einer Aneignung bestimmter Güter, sondern um das
Abwägen, Bewerten, Einschätzen. Das Benötigen kann
sich nur realisieren über das Bezahlen. Die Frage ist nicht:
Wo gibt es wann was?, sondern Wo gibt es wann was zu welchen Preisen?
Jede Präferenz kann am Preis scheitern. Das Kriterium der Entnahme
ist nicht die Vorhandenheit, sondern die Bezahlbarkeit. Permanent
muss der Käufer resp. der Verkäufer rechnen. Und wehe
dem, der sich verrechnet. Diese Rechenvorgänge fressen sicher
Jahre des bürgerlichen Lebens einfach auf. Nicht nur in Berufen,
die auf Rechenvorgänge spezialisiert sind.
2. Einkaufen und Verkaufen
Kaufen ist keine Tätigkeit unter anderen, sondern
die zentrale Aktion des gesellschaftlichen Stoffwechsels, der wir
als Aktivisten zur Verfügung stehen. Permanent. Schon das Kleinkind
übersetzt: „Das will ich haben!„ in „Das
will ich kaufen!„ Was wir kaufen, können wir uns vielleicht
aussuchen, dass wir kaufen jedoch nicht. Die Frage nach dem Warum
wirkt fast abwegig und zweifelsfrei, sie verrückt auch die
ganze Sichtweise.
Nicht Güter sind an Produktionsstätten abzuholen
oder einfach an Verteilungsstellen zu entnehmen, sondern Waren am
Markt zu erwerben. Wenn wir etwas brauchen oder wollen, müssen
wir es kaufen. Mittel der Aneignung ist das Geld. Kaufen meint Geld
gegen Ware einzutauschen. Der Käufer muss daher über Mittel
verfügen, um sich als solcher am Markt zu behaupten. Aus der
Herausforderung folgt ja noch nicht die Verwirklichung.
Beim Einkaufen geht es darum, dass ein Geldhaber sich
in einen Geldausgeber transformiert. Es handelt sich dabei jeweils
um die gleiche Person in einem anderen Aggregatzustand. Geldausgeber
kann einer nur sein, der Geldhaber ist. Er ist dazu solange im Stande,
solange er über Geld verfügt oder ihm dieses vorgeschossen
wird (Kredit). Mit dem Geld macht der Geldgeber als Käufer
den Geldnehmer als Verkäufer gefügig. Geld ist der rationelle
Grund, eine Ware preiszugeben. Der Austausch wird so zu einer unpersönlichen
Kommunikation, wo im Regelfall allein die verdinglichte Beziehung
über Geben und Nehmen entscheidet. Die substanzielle Kraft
des bürgerlichen Subjekts liegt in seiner Kaufkraft.
Der Markt ist nicht der Ort gemeinsamer, also kommunistischer
Erfüllung, sondern der Raum gegenseitiger Abgleichung, ein
Platz, wo der kommerzielle Wettbewerb absolut gesetzt wird. Da treten
Konkurrenten an, nicht Freunde auf. Die schmerzhafte Trennung der
Konsumenten von den Produkten wird dort nicht aufgehoben, sondern
Produkte werden als Waren freigekauft.
Das uns entgegenkommende Produkt wird nicht als Gut
geschätzt, sondern als Ware wahrgenommen. Selbst wo es nicht
positiv angenommen wird („Wie kann ich es kaufen?„),
sondern bloß negativ („Was kann ich mir ersparen?„).
Geld und Wert sind schon im Kopf der Leute, die am Markt als Käufer
und Verkäufer, und eben nicht als profane Personen auftreten.
Der Mensch wird nicht erst im Kaufakt zum Käufer, sondern er
erfüllt in diesem Moment nur seine gesellschaftliche Funktion,
die er immer hat, auch dann, wenn er sie gerade nicht ausübt.
Er ist als Käufer formiert, selbst dort, wo nicht unmittelbar
der Markt regiert. Das kommerzielle Wesen betrachtet die Welt durch
das Auge von Kauf und Verkauf.
Wenn wir die Waren betrachten, denken wir den Tauschwert
nicht bloß mit, wir begreifen und betätigen, ja empfinden
ihn. Das ist eine synthetischer Vorgang. Und dieser gleicht nicht
nur einem sozialen sondern einem organischen Reflex, der den Instinkten
nahe kommt, und daher sich auch als solcher einschätzt. Die
Kalkulation in den Geschäften folgt dem Gespür alltäglichen
Handelns, den vielfachen Erfahrungen, die jedermann mit der Warenwelt
so hat.
In letzter Instanz nimmt der Käufer als Käufer
nicht sinnliche Möglichkeiten wahr, sondern monetäre Gelegenheiten.
Wir sind weitgehend unfähig etwas aufzufassen, ohne die Kosten
zu denken. Unser Denken ist ein Denken in Preisen, ein primitives
Reflektieren in und von Werten. Was das kosten wird? Was das wohl
gekostet haben mag? Oder: Wie komme ich selbst auf meine Kosten?
Was will der Zirkulant? Als Käufer will er so
billig als möglich einkaufen, als Verkäufer will er so
teuer als möglich verkaufen. Seiniges wie sich. Was er als
Verkäufer will, will er als Käufer nicht. Dieser Widerspruch
muss aber im Tauschakt aufgehoben werden. Handeln meint, dass der
Verkäufer die Ware anpreist und der Käufer sie abpreist,
um sich idealtypisch doch auf ihren Wert zu einigen.
Von Steuern und sonstigen Abgaben abgesehen, kann
der Käufer nicht mehr bzw. weniger zahlen als der Verkäufer
erhält. Sie müssen gegeneinander sein, aber zueinander
finden, soll das Geschäft sich realisieren. Auf den Preis müssen
sie sich einigen. Vergesellschaftung durch den Kauf funktioniert
so, dass Käufer und Verkäufer etwas Gemeinsames vollziehen,
aber nicht miteinander, sondern gegeneinander. Ihr Aufeinandertreffen
gleicht einem Kampf. Sie sind zwar füreinander da, aber sie
behüten sich nicht, sondern müssen immer auf der Hut voreinander
sein. Besorgung meint nicht Fürsorge. Die Rede von der ungesellschaftlichen
Gesellschaftlichkeit macht durchaus Sinn. Das Gesellschaftliche
ist kein solidarisches Miteinander, sondern ein konkurrenzistisches
Gegeneinander.
Am Markt stehen sich die Teilnehmer als „Tauschgegner„
(Max Weber) gegenüber. Im Preis finden sie einen Vergleich
ihrer Wünsche und Möglichkeiten. Der Markt ist sachlich,
d.h. er geht nicht von den Bedürfnissen der Menschen aus, wenn
für diese nicht bezahlt werden kann. Alle Käufer sind
ihm gleich, d.h. egal. Wenn sie kaufen können erhalten sie
das Produkt oder die Dienstleistung, wenn nicht, nicht. Sein böses
Kriterium ist die Zahlungsfähigkeit.
Billig kaufen, teuer verkaufen! Dieses sich widersprechende
Prinzip ist eine Zumutung sondergleichen. Jeder schaut in den Konfliktsituationen
auf sich, nimmt Einbußen des anderen nicht nur in Kauf, sondern
strebt sie direkt an. Rücksichtnahme verursacht Kosten. Doch
nicht nur Käufer und Verkäufer treten gegeneinander an,
auch Verkäufer gegen Verkäufer, und ebenso Käufer
gegen Käufer, etwa auf der Jagd nach billigen Produkten, Leistungen
und Arbeitskräften. Der Gier nach Schnäppchen entsprechen
die Sonderangebote, die feilgeboten werden. Sie befriedigen sie,
weil sie sie hervorrufen. Schnäppchenjagd gleicht einem Basistraining
für Käufer.
3. Sprechen und Entsprechen
Wovon sprechen wir, wenn wir sprechen, ist zweifellos
eine wichtige Frage. Wichtiger noch ist allerdings diese: Womit
sprechen wir, wenn wir sprechen? Meine These: Wir sprechen nicht,
wir entsprechen. Wobei dieses „ent„ einiges aussagt.
Ent-sprechen heißt, sich einer eigenen Sprache zu ent-ledigen.
Wer sich entsprechend verhält, verhält sich nicht sprechend.
Man sagt nichts zu dem, was passiert, man sagt einfach zu. Man hat
nichts zu sagen, außer zuzusagen. Entgegen jedem ideologischen
Getöse geht es gar nicht darum, sich selbst zu finden, sondern
sich zurechtzufinden, was meint abzufinden. Leben soll gelten als
Suche nach Entsprechung und nicht als Ort des Sprechens. Ihr sozialer
Kontext lässt die Subjekte vorgefertigte Texte rezitieren,
die sie zwar geringfügig variieren, in deren Matrix sie aber
trotzdem fest haften. Sie bewegen sich frei in ihrem kommunikativen
Betriebssystem, das sie verwenden, aber nicht beherrschen.
Niemand wird abstreiten können, dass Worte und
ihre Assoziationen vorgegeben sind, eben nicht von ihren Anwendern
entworfen oder erfunden. Sprache setzt Sprecher. Auf dass sie reden.
Die Sprache, die wir haben, hat uns. Ihr affirmativer Charakter
ist offensichtlich. Ihre strikte Immanenz vergattert uns alleine
durch ihre Macht, gut vom Bestehenden zu reden. Sprache ist positiver
Ausdruck der gesellschaftlichen Verhältnisse. Gegen diese effektiv
zu sprechen und nicht nur affektiv zu raun(z)en, bedarf einer außerordentlichen
Anstrengung. So scheitert das, was wir sagen wollen, manchmal schlicht
am vorhandenen Material, das die Sprache uns bietet. Auch der Widerspruch
ist oft nicht mehr als sperriger Bestandteil eines pluralistischen
Rituals.
Nichts ist heute kenntlicher als das fortwährende
Eindringen des Jargons der Wirtschaft in die Verkehrssprache. Die
ökonomische Vokabel „Wert„ hat ihren Siegeszug
erst im 19. Jahrhundert angetreten. Heute ist sie selbstverständlich,
da ist die Rede von mentalem Mehrwert, von einer Ökonomie der
Aufmerksamkeit, von Trauerarbeit, von kulturellem Mehrwert, von
Humankapital oder zuletzt gar von Zornbanken. Da wird fleißig
angeheftet, auf dass klar wird, in welcher Welt wir leben.
Man denke bloß an den ganzen Marktadel der Wertworte.
Unablässig ist da die Rede von „Wertschätzung„
über „Wertschöpfung„ bis hin zur „Wertegemeinschaft„.
Neben den Substantiven gehören unzählige Verben und Adjektive
dieser weitverzweigten Familie an, und sie wird immer größer.
Wahrlich, da schwafeln nicht wenige von Werten, ohne je nach dem
Begriff des Werts gefragt zu haben. Die affirmative Sprache ist
Ausdruck der schier unendlichen Ökonomisierung der Welt. Womit
nicht gesagt ist, dass diese Sprache nichts erfasst. Im Gegenteil,
sie erfasst gar viel, auch wenn sie noch so wenig begreift. Ihre
Verwendung macht uns zu-ge-hörig.
4. Tausch und Täuschung
Wenn wir unseren Geschäften nachgehen, können
wir gar nicht ehrlich sein. Ehrlichkeit ist entwaffnend, eine Schwäche.
Egal ob wir über Medikamente, Fernreisen oder Beleuchtungskörper
reden. Wir müssen das und UNS verkaufen, egal was und wie.
Das Dasein der Waren muss laut und sichtbar präsentiert
werden. Hier ist auch der Urknall der kommerziellen Werbung zu suchen.
Nicht jede Reklame ist schon kommerziell, aber alles Kommerzielle
betreibt Reklame. Dieses penetrante Aufmerksam-Machen dient der
Verwertung. Wenn es sich nicht reklamiert, ist es seinem Untergang
geweiht. Die Ware ist kein krudes Ding, sie gedeiht auf ihrer Verkündigung,
ja Verheißung. Ware trägt Reklame in sich. Waren müssen
PR-mäßig aufgerüstet werden. Der Verkauf erfordert
hochentwickelte psychologische Strategien. Produktwerbung ist meist
wichtiger als Produktentwicklung oder Produktqualität. Interessanter
als die Veröffentlichung der Werbeprospekte wäre allemal
die Publizierung der Werbekonzepte. Doch da gilt in der offenen
Gesellschaft einmal mehr das Betriebsgeheimnis. Wie überhaupt
wichtigstes Wissen in Black boxes steckt.
Werbung geht der Erwerbung voraus. Werbung fällt
auf die Seite des Verkäufers, der Käufer hingegen muss
umworben werden. Werbung ist beim Verkäufer eine aktive Größe
und beim Käufer eine passive. Was eins tut, wird dem anderen
angetan. Erwerben tue ich ausschließlich mit Geld, aber werben
tue ich in erster Linie mit Eindrücken und Versprechungen.
Um zu kaufen, muss man Erscheinungen haben. Der Verkäufer hat
diese extra anzubieten. Anmache, Animation, Indiskretion, das sind
seine Aufgaben.
Die Ware ist für den Markt noch nicht fertig,
wenn sie als Produkt fertig ist. Es bedarf zusätzlicher Fermente,
die eben in seinem Stoff nicht, aber in ihrer Funktion sehr wohl
enthalten sind. Es handelt sich dabei um gesellschaftlich notwendige
Projektionen und Täuschungen, die imstande sind, die Kunden
auch unabhängig von Produkt und Preis zu beeinflussen. Es geht
um die Herstellung serieller Eindrücke. Zweifellos ist es leichter,
Produkte nicht haben zu wollen als Eindrücke. Letzteres geht
nicht, und wenn, dann nur äußerst bedingt. Denn nicht
ich habe Eindrücke, die Eindrücke haben mich, sind eigentlich
Beeindruckungen. Eindruck ist etwas von mir Erzeugtes, Beeindruckung
ist etwas in mir Erzeugtes.
Was den Konsumenten in Gang setzt, sind zweifellos
die Gebrauchswerte, die er konsumieren will. Was ihn jedoch zu diesem
oder jenem Handel treibt, sind die Reize, die Waren zu bieten haben.
Der Verkäufer und insbesondere der Kaufmann hat seine Waren
entsprechend anzureichern und auszustatten. Sie müssen als
mehr erscheinen, als sie sind, um als solche zu gelten. Kaufentscheidungen
sollen einem überdeterminierenden Verlangen folgen, sie sind
mehr als profane Wünsche, sie sind formatierte Begierden.
Man mag einwenden, dass man die Werbung nicht mehr
wahrnimmt, und in gewisser Hinsicht stimmt das. Aber das ist auch
nicht notwendig. Wichtig ist nicht, dass man sie wahrnimmt, sondern
was man hinnimmt. Es wäre nicht in ihrem Sinne, dass wir Werbung
bewusst reflektieren, sondern umgekehrt, es geht darum, dass sie
sich in uns einnistet und festsaugt, auf dass wir sie zwar nicht
spüren, aber trotzdem spuren und in ihrem Sinne agieren und
funktionieren. Reklame giert nicht nach Bekenntnissen, sondern nach
Käufen.
Das „freie Individuum„ ist nicht frei
beim Auswählen, worauf seine Aufmerksamkeit fällt. Nicht
Menschen suchen ihre Waren aus, nein Waren suchen sich die Menschen.
Das ist der Zweck der Werbung, der verraten werden nicht darf, obwohl
er so offensichtlich ist. Werbung ist also nicht Entscheidungshilfe,
sondern Beschlagnahme. Aufmerksamkeit ist keine eigenständige
Verfügung, sondern eine beständige Fügung. Sie ist
kein Raum, der einem gehört, sondern weitgehend okkupiertes
Gebiet.
Werbung funktioniert als gefälliger und adaptierter
Modus, wo Bewerber wie Beworbene sich permanent Selbsttäuschungen
hingeben. In jedem Bewerbungsgespräch wird das Vorstellen zu
einem Verstellen, ja das wird sogar gefördert und geschult.
Die entsprechenden Erwartungshaltungen mögen Halluzinationen
sein, aber sie konstituieren die Subjekte in der vorgegebenen Kommunikationsstruktur.
Daher nützt auch Aufklärung über Werbung kaum, denn
was man den Leuten sagen kann, das wissen sie ohnehin. Aber sie
wollen das Wahrgenommene nicht wahrhaben, verdrängen es. Was
soll diese traurige Wahrheit auch ausrichten gegen die bunte Warenwelt
der Realfiktionen? Widerwissen bleibt konsequenz-, ja geräuschlos,
weil es im Treiben regelrecht untergeht. Es erscheint als widerspruchsloses
und fatalistisches Einsehen.
Die Leute betreiben ihre Geschäfte nicht als
aktive Bewusstseinsträger, sondern als narkotisierte Reakteure.
Nur nicht aufwecken! Werbung ist ein kompliziertes und aktives Getäuscht-werden-Wollen,
nicht ein profanes und passives Getäuscht-Werden. Also hergestellte
Selbsttäuschung, nicht bloß hingenommene Täuschung.
Wir sprechen darauf an, weil wir angesprochen werden wollen.
Werbung ist das Hochamt aller Waren. Sie ist Ansprache,
Predigt, Gottesdienst. Sie vermittelt Fetischisten fetischistisches
Bewusstsein. Eine Unmenge Zeit unseres Daseins verbringen wir an
diesem Fetischdienst: Berechnen, Bezahlen, Bewerten, Bewerben, Bepreisen,
Besteuern, Kalkulieren oder Spekulieren – das sind alles für
uns selbstverständliche Sachen, obwohl diese ja nur aufgrund
ihrer gesellschaftlichen Konstitution als natürlich erscheinen.
Diese Vergeudung von Leben nennt sich Business und dieses lobt fortwährend
seine ungemeine Sparsamkeit. Was bei den monetären Kosten stimmen
kann, stimmt bei den gesellschaftlichen Folgen nie und nimmer.
Wie den Objekten, ergeht es auch dem Subjekt. Das
bürgerliche Individuum steht unter dem Zwang, sich in Wert
zu setzen, (sich) zu verkaufen, um kaufen zu können. Das bedingt
natürlich unzählige und aufdringliche Spielarten der charakterlichen
Maskierung, sei es Bluff oder Fassade, Mode oder Werbung. Anbieten,
Anpreisen, Anmachen sind bürgerliche Formen der Selbstverstellung.
Es geht wiederum um Täuschung im Sinne des Tauschs.
Das Verdrängte ist allerdings nicht ausgelöscht.
Es schlummert und dämmert, ist ein Herd der Unruhe. Der Sieg
der Werbung ist stets prekär, die Anstrengung, ihn zu erzielen,
groß. Nicht zufällig verschlingt mittlerweile das Marketing
mehr Geld als die Produktion. Auch wenn es retrospektiv anders erscheint,
es läuft nichts von selbst, es muss mit immensem Aufwand am
Laufen gehalten werden. Die Formatierung der gesellschaftlichen
Subjekte ist nie abgeschlossen. Irgendwie hat man das Gefühl,
als müsste die Kulturindustrie die Dosis stetig erhöhen,
um den Vollzug zu garantieren.
Werbung als stabilisierender Faktor gerät selbst
in destabilisierende Hektik. Wenn der Markt ins Rasen gerät,
tut sich jede langfristige Planung schwer, da ja der kurzfristige
Erfolg maßgeblich ist. Nicht langer Atem ist gefragt, sondern
die Beschleunigung des Kurzstreckenläufers. Taktik hat Strategie
ersetzt. Werbung wird zum Exzess einer Form, Indiskretion ist ihr
Imperativ geworden. Indiskretion ist in der Reklame zwar angelegt,
aber erst unter Bedingungen verschärfter Konkurrenz wird sie
in ihren Auftritten hemmungslos, rücksichtslos, schamlos. Je
radikaler der Markt, desto rabiater das Marketing.
5. Conclusio
„Life is business„, so ähnlich wird
es einem nicht nur täglich suggeriert, so stellen es sich die
meisten Zwangsmitglieder der bürgerlichen Vergesellschaftung
auch vor, weil sie es ja selbst so und nicht anders anstellen. Dementsprechend
funktionieren sie oder kommen (was nur die Kehrseite ist) unter
die Räder, scheitern in und an der Konkurrenz. Als Täter
und Opfer ihrer Geschäfte laufen sie im Laufrad des Kapitals.
Ihr freier Wille ist einer zum Kaufen und zum Gekauft-werden. Alles
andere kommt erst nachher – falls überhaupt. Leben wird
zum nachgeordneten Aspekt des geschäftlichen Soseins. Man existiert,
um sich zu verwerten.
Mein Ansatz und Anspruch will auf nichts weniger hinaus
als darauf, den gesamten menschlichen Stoffwechsel in seiner obligaten
Form in Frage zu stellen. Kaufen, Tauschen, Handeln, Bewerten, das
ist nicht der Weisheit letzter Schluss, sondern ökonomisches
Diktat. Markt und Mensch sind also keine eherne Zusammengehörigkeit,
sondern vielmehr ein Widerspruch. Dort, wo der Markt herrscht, ist
der Mensch durchgestrichen und dort, wohin der Mensch sich als solcher
rettet, dort ist kein Markt. Es geht unfreundlicher Weise darum,
das Geschäft (und alles was dazu gehört) als lebensfeindliche
Form menschlicher Kommunikation zu dechiffrieren. Es ist pathologisch,
schwer pathologisch. Geschäfte fressen Zeit und Raum auf. Lebenszeit.
Lebensraum. Leben.
Käufer sein ist jedenfalls keine in der Natur
angelegte Eigenschaft, sondern eine kulturelle Normierung, die zu
einem Anspruch an alle geworden ist. Da ist nichts Ewiges an ihr.
Praktische Befreiung beginnt, wo die Menschen mit dem Kaufen und
Verkaufen bewusst aufhören. Wenn sie sich geben und sich nehmen,
was sie brauchen. Wenn sie die Kostenrechung verwerfen und durch
profane Zuneigung und Zueignung ersetzen. Wenn Angebot und Nachfrage
durch Eingabe und Entnahme ersetzt werden. Wenn der konkurrenzistische
Geschäftstrieb von einer kompetenten Kooperation abgelöst
wird. Wenn die Trennung von Motiv und Bedingung bei der Transaktion
von Gütern überwunden wird.
Wie sagt doch der Erste Gott im Brechtschen Stück
„Der gute Mensch von Sezuan„: „Ich gebe zu, ich
verstehe nichts von Geschäften, vielleicht muss man sich da
erkundigen, was das Übliche ist. Aber überhaupt Geschäfte!
Machten die sieben guten Könige Geschäfte? Verkaufte der
gerechte Kung Fische? Was haben Geschäfte mit einem rechtschaffenen
und würdigen Leben zu tun?„ – Nichts! Absolut Nichts!
Franz Schandl
A – Wien
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