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Wo sind die Lieder die gesungen werden sollen in der Nachtverlorenheit?
Die besiegten Wörter verlangsamen ihre Töne im Blattwerk
immer zu zweit
Knospige Abgründe verschließen ihre Kunde
Tick-tack tick-tack-verloren im Gleichschritt treppabwärts
die Stund
Haben wir uns zurecht verlaufen?
Haben vertraute Orte sich zurecht gelegt?
Heute steht niemand mehr am Gleis wenn ein Zug vorbeiirrt am Licht
Und gestern begingen wir niemandes Händekuss aus Versehen
Komm mir als Regen in der Lichtung entgegen
Ewa Boura
Erschienen im 6. Almanach/25jähriges Bestehen,
Schriftstellerhaus Stuttgart 2008
***
fangquote
der fisch kommt in das land
aber nicht seine fischer
mumien in pirogen gestrandet
kreuzen die trawler die meere
vor afrikas westküste
liegt die inselkette der kanaren
ein markt für touristen
mit gefangenen fischen
und toten fischern
vom meer verschluckt
kommen sie auf den tisch
eine speisekarte von menschen
zum billigen verzehr
überfischt vom leben zuhause
das fremde macht reich
unter den armen gegriffen
vereinigt die unionisten europas
als ausrichter der eingrenzung
im gleichnis des todes
vertriebenes elend geboren
Manfred Pricha
***
Nachtlicht
Liebe deine Nächte,
Sie stärken dich,
Wenn du in ihnen schwankst,
Sie stärken dich,
Wenn du in ihnen bangst,
Sie stärken dich,
Solange du nicht wankst,
Sie stärken dich,
Liebe deine Nächte,
Sie sind wie Gold,
Verhüllt von Wolkenfetzen,
Sie sind wie Gold,
Kannst dich an ihnen wetzen,
Sie sind wie Gold,
Laß sie dich nicht verletzen,
Sie sind wie Gold,
Liebe deine Nächte,
Sie schützen dich,
Sie sind wie sanfte Wogen,
Sie schützen dich,
Sind Pfeile ohne Bogen,
Sie schützen dich,
Wenn du dich nicht belogen,
Sie schützen dich.
Hadayatullah Hübsch
***
du schläfst wenn ich gehe
bist fort wenn ich komme
trennt uns die Schicht
wir lieben auf Notiz
blättern im Kalender
selten wie ein Feiertag
dein müder Blick
der mich träumt
*
die alte Frau
geht gebeugt das Jahr durch
das Dorf zeigt am Baum die Äpfel
verfaulen die Pflaumen im Gras
distelt der Wind auf dem Feld
hat sie sich krumm gearbeitet
Norbert Büttner
***
Grenzkontrolle
Mit strengen Blicken
prüfst du mich
mit Händen und Geräten
von den Haaren
bis zu den Füßen,
als ob du treuer als ich
dem Staate dientest,
der Sicherheit,
verfasstem Recht
und dass ich unversehrt verbleibe.
Mir schaudert vor dir,
wenn du meine Hüllen öffnest
und mein Nacktes
preisgibst den Blicken,
als seist du mein Feind,
und solltest doch mein Schützer sein
mit wachen Augen
und redlichem Sinn,
mich liebend
mit sanften Händen.
Wilhelm Riedel
***
Fast täglich gehen wir hin
Feierabends, auch tags, froh in Gemüt und Herz,
Treten, eiligen Schritts, tüchtige Bürger mit
Leeren Taschen in unsre
Güterstätten als Käufer ein.
O du holdes Produkt! goldne Konserven, o
Gläser jeglicher Art, Tüten und Tuben, ihr
Grüßt wie himmlische Boten,
Steht der Käufer gebannt vor euch!
Kräftig wühlt, wie im Rausch, seine erhabne
Hand
In den Waren herum, ernsthaft betrachtend, und
Wählend, wägend und richtend
Kommt er endlich zur Kasse, wo
Ihn, gewinntrunknen Augs, an der Verkäufer blitzt,
Und es lächelt, voll Dank, glücklich der Konsument;
Dort, mit edler Gebärde,
Zahlt er freudig und will ... – doch da,
Wie vom Äther berührt, Wundem gleich, öffnet
sich
Weit die Türe, es steigt, Strahlen hinsendend, die
Sonne höher ins Blau, flicht
Ihm den Heiligenschein ums Haupt!
Denn nicht anders vermag, meine ich kühn, der
Gott
Auszudrücken ein Lob, das er uns schuldet, wird
So gesegneter Dienst an
Den Erzeugnissen ihm erfüllt!
Gottfried Weger
***
Im Angesicht
Die Erde gehört dir nicht, der Acker nicht, du
im Lehm,
halt' ein, du stürzt doch nicht, du stichst
sie
an, du spießt sie auf,
du, du reichst deine Hand,
die Erde trägt dich fort, sie gibt dich ab, sie, sie
zaubert, du machst die Augen zu, die Erde fliegt,
du, du an Deck,
du jagst doch nicht.
Du hast die Erde nicht verbrannt, die Feuer dir entfacht,
hast sie verkauft, geschunden, im Beton erwürgt,
du, du im Pferd, im Maul, der
Zaum,
du hast die Erde nicht gekannt, du, im Gebiß, im Lassowurf,
die Bäume, sie warten, dich, dich trifft
nicht
mal der Tod,
dein Schritt trägt leicht.
Die Erde hält dich fest, du stirbst ja so schnell,
wir
neben dir, im Wind, sieh, der Galgen, dort im
Boden wächst, ihre Grüße, dir
bleibt fast nichts,
die Erde läßt stets dich heiter sein, du schläfst,
Eis,
nichts kümmert dich, die Erde wächst,
die Bäume,
wir, wir tragen dich,
du merkst es nicht.
Horst Bingel
***
stille nacht
junge frauen als Sprengstoff
durchaus im sinne der gleichberechtigung
genau wie die mutter aller bomben
das gibt schon zu denken
aber die mordsmütter und väter können nicht überall
sein
es finden sich noch oasen des friedens
die alsbald vom papst heilig gesprochen werden
einer der wenigen
die noch für den frieden bezahlt werden
Fred Luhde
***
Sie war wahrscheinlich keine Hetäre,
sondern wie die Blüte beim Löwenzahn,
ein bißchen verworfen, ein bißchen Ehre,
ein Mädchen, das man lieben kann.–
Andere sagten ..., ich hab es vergessen,
doch eines weiß ich, ich hab sie geliebt.
Sie war allerdings an nichts zu messen,
eine Frau, die es sonst nicht gibt.–
Sie hat ziemlich viel aus den Angeln gehoben,
was verlogen war und langst verfault
und Angst erregt in Kutten und Roben
und manche Respektabilität vergrault.–
Später fand man sie rote Fahnen schwingend,
geliebtes Glied einer Kommunität,
und Kirchenlieder, verballhornt, singend,
auch bei Bombenlegern, wenn auch spät.–
Sie war wahrscheinlich keine Hetäre,
sondern wie die Blüte beim Löwenzahn,
ein bißchen verworfen, ein bißchen Ehre,
ein Mädchen, das man lieben kann.
Jaime Salas
***
Keine Schatten
Er legte sich zu ihr,
sie deckte ihn mit
ihrer Wärme zu.
Der lichte Mond.
warf keine Schatten.
Eine Zeit
ohne Stunden,
glaubte sie.
Tief verborgen in ihr
der Abschied.
Als er
nach Hause mußte,
sprach er
von Wolgograd
am großen Fluß.
Abgeerntet die Felder,
zwischen Stoppeln
verlorene Ähren.
Frauen sammelten,
rissig die Hände.
Von ihren Männern
erzählten sie,
hofften und bangten,
schmähten
die Schwangere.
Der Junge wuchs heran,
ein kleiner Prinz
im Käfergarten.
Schmetterlinge,
nahmen ihn mit.
Von der Stadt
am großen Fluß
wußte er
nichts.
Marlies Schmidl
***
Leben
Du bist ein Gast
auf Erden
so wie Du gekommen bist
wirst Du gehen.
Sekundenbegrenzt
ist Deine Zeit
vorgesehen
ist Dein Leben.
Du entbrennst selbst
die bengalischen Feuer
und sie verrauchen
liebst
den Sound
end er verklingt.
Du bist nur
ein Gast
zum Abschied
bestimmt.
Betti Fichtl
***
anschreien könnte ich
sie alle stehen
und glotzen durch mich
hindurch in zeitfallen
stecken sturmböen
kündigen gewitter an
der wolkenwand schreiben
blitze hieroglyphen
ins grauen verlieren sich
träume aus roten wolken
perlt verbrauchtes licht
und verschwindet im
dunkel stehen sie
alle anschreien
könnte ich
Karl Feldkamp
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Netzbrücke:
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