XXVIII. Jahrgang, Heft 150
Jan - Mär 2009/1
 
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Letzte Änderung:
14.02.2009

 
 

 

 
 

 

 

MEDIEN – KULTUR – SCHAU




   
 
 


Björn Kuhligk / Jan Wagner
Lyrik von Jetzt zwei
Anthologie. Berliner Verlag, 2008. 288 Seiten. 19,90 Euro

Der Herbst ist die Zeit der Ernte in Dichters Garten. Was da über den Sommer an Gedichten herangewachsen und gereift ist, jetzt wird es eingefahren und gesammelt in kleinen Büchern an den Leser gebracht. Und mancher Dichter versucht sogar den ganzen Garten deutscher Lyrik zusammenzutragen und seine Freunde in einem voluminösen Band auf den Markt zu bugsieren. So haben 2003 Björn Kuhligk und Jan Wagner, zwei junge, strebsame Poeten, eine Anthologie "Lyrik von Jetzt" herausgegeben. Anscheinend war noch soviel Material übriggeblieben oder hat sich in den wenigen Jahren seitdem angehäuft, daß sie jetzt einen Nachfolgeband: "Lyrik von Jetztzwei" herausbringen. Voran stellen sie ein keckes Vorwort, in dem sie den Facettenreichtum und die Vitalität dieser jungen Dichtkunst über alle Maßen loben. Nun wir werden sehen.

50 Autoren sind in dieses Buch aufgenommen. Es sind meist Leute um die dreißig, fast alle deutscher Nationa1ität (von wegen Einwanderungsland!), sie haben alle studiert und viele auch das Deutsche Literaturinstitut in Leipzig absolviert, und die meisten sind schon mit Stipendien und kleinen Literaturpreisen ausgezeichnet worden. Man kann in diesen Schriftstellern tatsächlich so etwas wie den repräsentativen Lyrikernachwuchs Deutschlands sehen, der in zwanzig Jahren des Gesicht der deutschen Lyrik bestimmen soll. Und es ist auch auffällig, wie kunstfertig diese Autoren sich der lyrischen Formen bedienen. Reine Jugendlyrik - die Verbindung überschäumenden und naiven Gefühls mit eingeschränkter Formgestaltung - ist selbst bei den jüngsten Beiträgern nicht anzutreffen. Im Gegenteil: das Abgeklärte überwiegt.

Inhaltlich verbleiben die rund 200 Gedichte im Lebenskreis des Yuppie: Liebe (mit narzistischem Einschlag), Reiseimpressionen (zuvorderst aus dem unvermeidlichen New York), Alltags (Cafehaus)betrachtungen. Politik oder Philosophie interessieren diese Lyriker nicht, Liebe gibt es nur aus der Distanz, keine Erotik oder amour fou, nichts über die Arbeit, mit der doch die meisten Autoren sich ihre Brötchen verdienen mögen, und ebenfalls nichts über gesellschaftliche Spannungen. überhaupt wird alles, was mit Anstrengung, Schmutz, Körperlichkeit zu tun haben könnte, streng vermieden. Die beinahe platonische Existenz, der diese jungen Lyriker huldigen, hat natürlich Rückwirkung auf ihre Formgestaltung. Sie sind kunstfertig, aber nicht schöpferisch. Ihre Vorliebe gilt den kleinen, verspielten, geradezu intimen Formen der Dichtung, aber selbst diese sind plötzlich zu groß für die Autoren und sie wirken wie Kinder, die Erwachsene imitieren.

Nur wenige Gedichte können den Bannkreis der Innerlichkeit durchbrechen, und es ist sicherlich kein Zufall, daß es gerade diejenigen sind, die das Gespräch mit der Geschichte aufzunehmen versuchen. Ulrike Almut Sandigs "Russenwald" ist ebenfalls ein Text voll intimer Andeutungen und Anmerkungen, aber der Hintergrund des 2. Weltkriegs, auf den dieses Gedicht sein Licht wirft, ist hinreichend bekannt, so daß auch Anspielungen und Umschreibungen Beklemmen und Nachdenken auszulösen vermögen.

Weniger gelungen ist Stefan Heuers "18. Oktober 1977" über die Tötung Hanns Martin Schleyers durch die RAF. Ein lyrisches Ich appelliert als Opfer an uns, kursiv eingefügte Zeilen aus RAF-Botschaften verstärken das Gefühl der Angst und sollen Mitleid bewirken. Bloß ist Herr Schleyer (nur zur Erinnerung: SS-Offizier und Arbeitgeberpräsident) nicht unbedingt der Jedermann, in den man sich einfühlen kann. Die Widersprüchlichkeit dieser Person ist in diesem Text nicht ansatzweise ausgeleuchtet worden und es überrascht, wie trivial dieses ambitionierte Gedicht einherkommt.

Von diesen wenigen Beiträgen abgesehen, hinterläßt die Anthologie einen eintönigen Eindruck. Mag auch mancher Leser dieses Urteil als zu hart empfinden und darauf verweisen, daß einige Texte kleine Kunstwerke sind oder, so sagt jetzt der Kritiker, mancher Autor Gehaltvolleres als das hier Angebotene vorgelegt hat, so ändert das nichts am Resümee: diese "Lyrik von Jetztzwei" ist eine Lyrik der Distanziertheit und der eingeschränkten Gefühle, der unbestimmten Melancholie und der verspielten Innerlichkeit. Sie will jung sein und zeigt greisenhafte Blässe.

Norbert Büttner

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Siegfried Jäger (Hrsg.)
Wie kritisch ist die Kritische Diskursanalyse?
Ansätze zu einer Wende kritischer Wissenschaft
Edition DISS Bd. 20. UNRAST-Verlag, Münster 2008. 266 Seiten, 24,– Euro

Der Gemeinplatz der Muselmanen-Meute wird überflutet mit Traktaten, Studien, Lektüre u.a. Die islamische Community bietet den Gesellen der medialen Gilde eine Menge Stoff: Zwangsehen, Ehrenmorde, Tesettür (Kopftuch & Schleier), Minaretten...

Je lauter die Klage-Klänge über das Scheitern der kommandierten Integrationskonvois erklingen, desto fetter kommen die Gebärden der Produkte aus dem majoritär nationalen Lehrgebäude zum Vorschein. Kenntnis erhält man davon kaum, aus welchem Urquell das ganze Donnerwetter hervorgeht. Es wird immer schwerer, die Scheidewand einer Gesellschaft zu überschreiten, deren Wurzeln felsenfest in den ethnisch homogenen Strukturen liegen. Der meist gutgemeinte Gemeinplatz im Diskurszirkus erkennt das andere ausschließlich als Ballast an. Nicht einmal die Fundamente eines Nationalstaates im Weltalter der globalen Glockenlaute werden leicht verständlich. Antworten auf den Kopfnuß in der Dunkelzone des gegenwärtigen Gesellschaftsgefüges lassen sich nicht für wahrscheinlich halten. Auch nach der Lektüre des vorliegenden Sammelbandes. Dennoch kann er einiges mehr zur Debatte betragen und einen Pfad zu Perspektiven ebnen. Es lohnt sich jedenfalls, sich mit seinen Inhalten gehörig auseinanderzusetzen.

"Können Diskurstheorie und Diskursanalyse dazu beitragen," heißt es im Klappertext des vorliegenden Sammelbandes, "neue politische Wege aufzuzeigen, wie globalen Fehlentwicklungen konkret gegenzusteuern ist? Reicht es, das scheinbar Selbstverständliche als fragwürdig und veränderungsbedürftig auszumachen, oder können auch bereits Orientierungen aufgezeigt werden, wie eine praktische politische Gegenwehr möglich ist? Um diese Fragen zu beantworten, werden in diesem Buch verschiedene Konzepte von Diskurstheorie und Diskursanalyse dargestellt und deren politischer Stellenwert anhand konkreter Untersuchungen beleuchtet."

Referiert und diskutiert wird darin die Frage nach dem zivilgesellschaftlich-politischen Nutzen der sich an Michel Foucault orientierenden Kritischen Diskursanalyse. Die Beiträge lassen sich in primär theoretisch-methodische unterteilen und einen empirischen Teil, der verschiedene Anwendungsmöglichkeiten an Diskursanalysen brisanter Themen verdeutlicht.

Die zentrale Fragestellung lautete, inwiefern Kritische Diskursanalyse einen Beitrag zur gegenwärtigen und zukünftigen Gestaltung subjektiver und gesellschaftlicher Wirklichkeiten leisten kann.

Der Perspektiventeil stellte im Besonderen die Frage nach der Potenz von Poststrukturalismus und kritischer Diskursanalyse zur Ausübung von Kritik vor dem Hintergrund einer unkritischen und oft unvollständigen Rezeption Foucaults und anderer Autoren. Die Vorträge zur angewandten Kritischen Diskursanalyse hatten das Ziel, die Bandbreite an Möglichkeiten, die dieser Ansatz bietet, exemplarisch zu veranschaulichen. Damit sollte zugleich eine Art Fazit aus der 20-jährigen Forschungsarbeit des DISS gezogen und Perspektiven für die zukünftige Arbeit des DISS zumindest angedeutet werden.

Die auf dem 20. Jahrescolloquium des DISS gehaltenen Vorträge und Diskussionen, ergänzt um weitere Artikel, lassen sich in primär theoretisch-methodische unterteilen, die sich zudem mit den Perspektiven poststrukturalistischer Theorie auseinandersetzten, und einen empirischen Teil, der verschiedene Anwendungsmöglichkeiten an Diskursanalysen brisanter Themen verdeutlichen sollte.

Mit Beiträgen von: Siegfried Jäger (Von der Ideologiekritik zu Foucault und Derrida. Ein Beitrag zu einer möglichen Wende kritischer Wissenschaft und Politik), Gabriel Kuhn (Zum politischen Stellenwert poststrukturalistischer Theorie), Jürgen Link (WNLIA! Zur politischen Dimension des diskursanalytischen Konzepts der Zeitschrift „kultuRRevolution), Ulrich Brieler (Historische Wahrheitskämpfe und „Fernsehgeschichte“ - Interview), Franz Januschek (Kritische Diskursanalyse als Spiel), Vassilis Tsianos / Serhat Karakayali (Turbulente Ränder. Neue politische Perspektiven auf Migration an den Grenzen Europas), Ferda Ataman (Der Türkeibeitritt in den deutschen Medien und die Integrationsdebatte), Carolin Ködel (Positionierungen und Selbstpositionierung von religiösen MuslimInnen), Markus Wrbouschek (Der arbeitende Mensch im Brennpunkt der europäischen Beschäftigungspolitik), Claudia Zuser (Der Diskurs um das Thema Errichtung von Auffanglagern für Flüchtlinge in Nordafrika und die europäische Identität), Jobst Paul (Das Projekt „Jüdische Autoren zum Projekt der Moderne“ und seine politische Bedeutung), Regina Wamper und Martin Dietzsch (Das - diskriminierende - Judenbild in rechtschristlicher und extrem rechter Publizistik. Konzept eines Forschungsprojekts).

Siegfried Jäger faßt in seinem "Einstieg" den Inhalt des Sammelbandes wie folgt zusammen:

Im ersten Teil geht es um verschiedene theoretische, aber miteinander verwandte Konzepte von Diskurstheorie und Diskursanalyse und deren politischen Stellenwert. Dabei steht bei den Beiträgen von mir, Gabriel Kühn, Jürgen Link, Ulrich Brieler und Franz Januschek die Frage nach dem politischen Sinn und Zweck und den Möglichkeiten neuerer diskurstheoretisch orientierter Theoriebildung und Methodologie im Mittelpunkt. Die Kernfrage lautet: Können kritische Theorie und Wissenschaft dazu beitragen, gesellschaftliche Missstände nicht nur aufzudecken und zu hinterfragen, sondern auch dazu, neue politische Wege aufzuzeigen, globalen Fehlentwicklungen konkret gegenzusteuern? Reicht es, das scheinbar Selbstverständliche als fragwürdig und veränderungsbedürftig auszumachen, oder können Orientierungen aufgezeigt werden, wie eine praktische politische Gegenwehr möglich ist?

Hier sind natürlich keine Rezepte zu erwarten, die einfach nur umgesetzt werden müssten. Ich gehe eher davon aus, dass Kritische Wissenschaft Vorschläge zur Diskussion stellen kann, die in sozialen Bewegungen und Praxisfeldern verschiedenster Art diskutiert und auf ihre Umsetzung hin analysiert und ausprobiert werden können.

Im zweiten Teil werden einzelne diskursanalyrisch und / oder an Michel Foucault, Deleuze/Guattari und Jacques Derrida orientierte Projekte vorgestellt, wobei es um die Themen Einwanderung und Einwanderungspolitik, EU-Beitritt der Türkei, Islam und Islamistinnen, EU und deren soziale Defizite geht. In der abschließenden Abteilung dieses Sammelbandes geht es sodann um drei Projekte, die sich mit Schriften von Deutschen jüdischen Glaubens befassen, einmal um eine Analyse der jüdischen Publizistik des 19. Jahrhunderts in Deutschland zum Thema "Staat, Gesellschaft, Nation" und zudem um ein Editionsprojekt des DISS zur Rettung eines kulturellen Erbes aus dem 19. Jahrhundert, nämlich um die Edition des vollständigen deutsch-jüdischen Diskurses dieser Zeit, und sodann um Vorarbeiten zu einem geplanten Projekt zum Bild von Juden in rechtschristlicher und extrem rechter Publizistik der Gegenwart.

Ich will nicht verschweigen, sondern durchaus hervorheben, dass auch dieses Colloquium Werkstattcharakter hatte, dass die Beiträge exemplarisch, aber ganz offen und deutlich aufzeigen können, ob und auch wie Kritische Diskursanalyse dazu beitragen kann, neue politische Konzepte zu entwickeln und umzusetzen, die den Versuch machen, nicht allein gegen die Basiskräfte derzeitiger neuer Weltordnungen oder was man uns als solche verkauft, anzugehen, sondern primär am Wissen anzusetzen, wobei unter Wissen hier alles verstanden werden soll, was sich im Bewusstsein und im Leben der Menschen versammelt und versammeln kann, also auch Affekte, Ängste, Hoffnungen und vielleicht auch Träume. Die entscheidende Produktivkraft ist heute das Wissen geworden, wie der erst kürzlich verstorbene Andre Gorz noch jüngst formulierte.

Mir scheint, dass sich die zukünftigen Kämpfe und Auseinandersetzungen eher um Macht-Wissenskomplexe drehen werden, als Voraussetzung für die Sicherung von Ressourcen und die Verteilung der Reichtümer. Das haben vorherrschende Wissensmonopole wie z.B. - aber natürlich nicht nur - die Bertelsmann-Stiftung m.E. längst erkannt, und sie versuchen, Wissensdiskurse in ihrem Sinne zu steuern und zu beeinflussen.

Kritische Wissenschaft hat daher die Aufgabe, die Gehalte dieses Wissens aufzudecken und ihre Inhalte zu hinterfragen. Es geht also nicht um Wissen als Abstraktum oder auf Techniken reduziertes Wissen, sondern um dessen Inhalte und ihre ethische Begründung. Dabei ist zur Kenntnis zu nehmen, dass die Welt nicht nur ökonomisch (und das auch nur einige Teile des Globus betreffend) globalisiert wird, sondern dass wir möglicherweise an der Wende von vorherrschend materieller Arbeit zu vorherrschend immaterieller Arbeit stehen. Das verlangt ein radikales politisches Umdenken, das erst ganz allmählich in Gang zu kommen scheint.

   

Netzbrücke:

• Necati Merts Kolumne

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