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Björn Kuhligk / Jan Wagner
Lyrik von Jetzt zwei
Anthologie. Berliner Verlag, 2008. 288 Seiten. 19,90 Euro
Der Herbst ist die Zeit der Ernte in Dichters Garten.
Was da über den Sommer an Gedichten herangewachsen und gereift
ist, jetzt wird es eingefahren und gesammelt in kleinen Büchern
an den Leser gebracht. Und mancher Dichter versucht sogar den ganzen
Garten deutscher Lyrik zusammenzutragen und seine Freunde in einem
voluminösen Band auf den Markt zu bugsieren. So haben 2003
Björn Kuhligk und Jan Wagner, zwei junge, strebsame Poeten,
eine Anthologie "Lyrik von Jetzt" herausgegeben. Anscheinend
war noch soviel Material übriggeblieben oder hat sich in den
wenigen Jahren seitdem angehäuft, daß sie jetzt einen
Nachfolgeband: "Lyrik von Jetztzwei" herausbringen. Voran
stellen sie ein keckes Vorwort, in dem sie den Facettenreichtum
und die Vitalität dieser jungen Dichtkunst über alle Maßen
loben. Nun wir werden sehen.
50 Autoren sind in dieses Buch aufgenommen. Es sind
meist Leute um die dreißig, fast alle deutscher Nationa1ität
(von wegen Einwanderungsland!), sie haben alle studiert und viele
auch das Deutsche Literaturinstitut in Leipzig absolviert, und die
meisten sind schon mit Stipendien und kleinen Literaturpreisen ausgezeichnet
worden. Man kann in diesen Schriftstellern tatsächlich so etwas
wie den repräsentativen Lyrikernachwuchs Deutschlands sehen,
der in zwanzig Jahren des Gesicht der deutschen Lyrik bestimmen
soll. Und es ist auch auffällig, wie kunstfertig diese Autoren
sich der lyrischen Formen bedienen. Reine Jugendlyrik - die Verbindung
überschäumenden und naiven Gefühls mit eingeschränkter
Formgestaltung - ist selbst bei den jüngsten Beiträgern
nicht anzutreffen. Im Gegenteil: das Abgeklärte überwiegt.
Inhaltlich verbleiben die rund 200 Gedichte im Lebenskreis
des Yuppie: Liebe (mit narzistischem Einschlag), Reiseimpressionen
(zuvorderst aus dem unvermeidlichen New York), Alltags (Cafehaus)betrachtungen.
Politik oder Philosophie interessieren diese Lyriker nicht, Liebe
gibt es nur aus der Distanz, keine Erotik oder amour fou, nichts
über die Arbeit, mit der doch die meisten Autoren sich ihre
Brötchen verdienen mögen, und ebenfalls nichts über
gesellschaftliche Spannungen. überhaupt wird alles, was mit
Anstrengung, Schmutz, Körperlichkeit zu tun haben könnte,
streng vermieden. Die beinahe platonische Existenz, der diese jungen
Lyriker huldigen, hat natürlich Rückwirkung auf ihre Formgestaltung.
Sie sind kunstfertig, aber nicht schöpferisch. Ihre Vorliebe
gilt den kleinen, verspielten, geradezu intimen Formen der Dichtung,
aber selbst diese sind plötzlich zu groß für die
Autoren und sie wirken wie Kinder, die Erwachsene imitieren.
Nur wenige Gedichte können den Bannkreis der
Innerlichkeit durchbrechen, und es ist sicherlich kein Zufall, daß
es gerade diejenigen sind, die das Gespräch mit der Geschichte
aufzunehmen versuchen. Ulrike Almut Sandigs "Russenwald"
ist ebenfalls ein Text voll intimer Andeutungen und Anmerkungen,
aber der Hintergrund des 2. Weltkriegs, auf den dieses Gedicht sein
Licht wirft, ist hinreichend bekannt, so daß auch Anspielungen
und Umschreibungen Beklemmen und Nachdenken auszulösen vermögen.
Weniger gelungen ist Stefan Heuers "18. Oktober
1977" über die Tötung Hanns Martin Schleyers durch
die RAF. Ein lyrisches Ich appelliert als Opfer an uns, kursiv eingefügte
Zeilen aus RAF-Botschaften verstärken das Gefühl der Angst
und sollen Mitleid bewirken. Bloß ist Herr Schleyer (nur zur
Erinnerung: SS-Offizier und Arbeitgeberpräsident) nicht unbedingt
der Jedermann, in den man sich einfühlen kann. Die Widersprüchlichkeit
dieser Person ist in diesem Text nicht ansatzweise ausgeleuchtet
worden und es überrascht, wie trivial dieses ambitionierte
Gedicht einherkommt.
Von diesen wenigen Beiträgen abgesehen, hinterläßt
die Anthologie einen eintönigen Eindruck. Mag auch mancher
Leser dieses Urteil als zu hart empfinden und darauf verweisen,
daß einige Texte kleine Kunstwerke sind oder, so sagt jetzt
der Kritiker, mancher Autor Gehaltvolleres als das hier Angebotene
vorgelegt hat, so ändert das nichts am Resümee: diese
"Lyrik von Jetztzwei" ist eine Lyrik der Distanziertheit
und der eingeschränkten Gefühle, der unbestimmten Melancholie
und der verspielten Innerlichkeit. Sie will jung sein und zeigt
greisenhafte Blässe.
Norbert Büttner
***
Siegfried Jäger (Hrsg.)
Wie kritisch ist die Kritische Diskursanalyse?
Ansätze zu einer Wende kritischer Wissenschaft
Edition DISS Bd. 20. UNRAST-Verlag, Münster 2008. 266 Seiten,
24,– Euro
Der Gemeinplatz der Muselmanen-Meute wird überflutet
mit Traktaten, Studien, Lektüre u.a. Die islamische Community
bietet den Gesellen der medialen Gilde eine Menge Stoff: Zwangsehen,
Ehrenmorde, Tesettür (Kopftuch & Schleier), Minaretten...
Je lauter die Klage-Klänge über das Scheitern
der kommandierten Integrationskonvois erklingen, desto fetter kommen
die Gebärden der Produkte aus dem majoritär nationalen
Lehrgebäude zum Vorschein. Kenntnis erhält man davon kaum,
aus welchem Urquell das ganze Donnerwetter hervorgeht. Es wird immer
schwerer, die Scheidewand einer Gesellschaft zu überschreiten,
deren Wurzeln felsenfest in den ethnisch homogenen Strukturen liegen.
Der meist gutgemeinte Gemeinplatz im Diskurszirkus erkennt das andere
ausschließlich als Ballast an. Nicht einmal die Fundamente
eines Nationalstaates im Weltalter der globalen Glockenlaute werden
leicht verständlich. Antworten auf den Kopfnuß in der
Dunkelzone des gegenwärtigen Gesellschaftsgefüges lassen
sich nicht für wahrscheinlich halten. Auch nach der Lektüre
des vorliegenden Sammelbandes. Dennoch kann er einiges mehr zur
Debatte betragen und einen Pfad zu Perspektiven ebnen. Es lohnt
sich jedenfalls, sich mit seinen Inhalten gehörig auseinanderzusetzen.
"Können Diskurstheorie und Diskursanalyse
dazu beitragen," heißt es im Klappertext des vorliegenden
Sammelbandes, "neue politische Wege aufzuzeigen, wie globalen
Fehlentwicklungen konkret gegenzusteuern ist? Reicht es, das scheinbar
Selbstverständliche als fragwürdig und veränderungsbedürftig
auszumachen, oder können auch bereits Orientierungen aufgezeigt
werden, wie eine praktische politische Gegenwehr möglich ist?
Um diese Fragen zu beantworten, werden in diesem Buch verschiedene
Konzepte von Diskurstheorie und Diskursanalyse dargestellt und deren
politischer Stellenwert anhand konkreter Untersuchungen beleuchtet."
Referiert und diskutiert wird darin die Frage nach
dem zivilgesellschaftlich-politischen Nutzen der sich an Michel
Foucault orientierenden Kritischen Diskursanalyse. Die Beiträge
lassen sich in primär theoretisch-methodische unterteilen und
einen empirischen Teil, der verschiedene Anwendungsmöglichkeiten
an Diskursanalysen brisanter Themen verdeutlicht.
Die zentrale Fragestellung lautete, inwiefern Kritische
Diskursanalyse einen Beitrag zur gegenwärtigen und zukünftigen
Gestaltung subjektiver und gesellschaftlicher Wirklichkeiten leisten
kann.
Der Perspektiventeil stellte im Besonderen die Frage
nach der Potenz von Poststrukturalismus und kritischer Diskursanalyse
zur Ausübung von Kritik vor dem Hintergrund einer unkritischen
und oft unvollständigen Rezeption Foucaults und anderer Autoren.
Die Vorträge zur angewandten Kritischen Diskursanalyse hatten
das Ziel, die Bandbreite an Möglichkeiten, die dieser Ansatz
bietet, exemplarisch zu veranschaulichen. Damit sollte zugleich
eine Art Fazit aus der 20-jährigen Forschungsarbeit des DISS
gezogen und Perspektiven für die zukünftige Arbeit des
DISS zumindest angedeutet werden.
Die auf dem 20. Jahrescolloquium des DISS gehaltenen
Vorträge und Diskussionen, ergänzt um weitere Artikel,
lassen sich in primär theoretisch-methodische unterteilen,
die sich zudem mit den Perspektiven poststrukturalistischer Theorie
auseinandersetzten, und einen empirischen Teil, der verschiedene
Anwendungsmöglichkeiten an Diskursanalysen brisanter Themen
verdeutlichen sollte.
Mit Beiträgen von: Siegfried Jäger (Von
der Ideologiekritik zu Foucault und Derrida. Ein Beitrag zu einer
möglichen Wende kritischer Wissenschaft und Politik), Gabriel
Kuhn (Zum politischen Stellenwert poststrukturalistischer Theorie),
Jürgen Link (WNLIA! Zur politischen Dimension des diskursanalytischen
Konzepts der Zeitschrift „kultuRRevolution), Ulrich Brieler
(Historische Wahrheitskämpfe und „Fernsehgeschichte“
- Interview), Franz Januschek (Kritische Diskursanalyse als Spiel),
Vassilis Tsianos / Serhat Karakayali (Turbulente Ränder. Neue
politische Perspektiven auf Migration an den Grenzen Europas), Ferda
Ataman (Der Türkeibeitritt in den deutschen Medien und die
Integrationsdebatte), Carolin Ködel (Positionierungen und Selbstpositionierung
von religiösen MuslimInnen), Markus Wrbouschek (Der arbeitende
Mensch im Brennpunkt der europäischen Beschäftigungspolitik),
Claudia Zuser (Der Diskurs um das Thema Errichtung von Auffanglagern
für Flüchtlinge in Nordafrika und die europäische
Identität), Jobst Paul (Das Projekt „Jüdische Autoren
zum Projekt der Moderne“ und seine politische Bedeutung),
Regina Wamper und Martin Dietzsch (Das - diskriminierende - Judenbild
in rechtschristlicher und extrem rechter Publizistik. Konzept eines
Forschungsprojekts).
Siegfried Jäger faßt in seinem "Einstieg"
den Inhalt des Sammelbandes wie folgt zusammen:
Im ersten Teil geht es um verschiedene theoretische,
aber miteinander verwandte Konzepte von Diskurstheorie und Diskursanalyse
und deren politischen Stellenwert. Dabei steht bei den Beiträgen
von mir, Gabriel Kühn, Jürgen Link, Ulrich Brieler und
Franz Januschek die Frage nach dem politischen Sinn und Zweck und
den Möglichkeiten neuerer diskurstheoretisch orientierter Theoriebildung
und Methodologie im Mittelpunkt. Die Kernfrage lautet: Können
kritische Theorie und Wissenschaft dazu beitragen, gesellschaftliche
Missstände nicht nur aufzudecken und zu hinterfragen, sondern
auch dazu, neue politische Wege aufzuzeigen, globalen Fehlentwicklungen
konkret gegenzusteuern? Reicht es, das scheinbar Selbstverständliche
als fragwürdig und veränderungsbedürftig auszumachen,
oder können Orientierungen aufgezeigt werden, wie eine praktische
politische Gegenwehr möglich ist?
Hier sind natürlich keine Rezepte zu erwarten,
die einfach nur umgesetzt werden müssten. Ich gehe eher davon
aus, dass Kritische Wissenschaft Vorschläge zur Diskussion
stellen kann, die in sozialen Bewegungen und Praxisfeldern verschiedenster
Art diskutiert und auf ihre Umsetzung hin analysiert und ausprobiert
werden können.
Im zweiten Teil werden einzelne diskursanalyrisch
und / oder an Michel Foucault, Deleuze/Guattari und Jacques Derrida
orientierte Projekte vorgestellt, wobei es um die Themen Einwanderung
und Einwanderungspolitik, EU-Beitritt der Türkei, Islam und
Islamistinnen, EU und deren soziale Defizite geht. In der abschließenden
Abteilung dieses Sammelbandes geht es sodann um drei Projekte, die
sich mit Schriften von Deutschen jüdischen Glaubens befassen,
einmal um eine Analyse der jüdischen Publizistik des 19. Jahrhunderts
in Deutschland zum Thema "Staat, Gesellschaft, Nation"
und zudem um ein Editionsprojekt des DISS zur Rettung eines kulturellen
Erbes aus dem 19. Jahrhundert, nämlich um die Edition des vollständigen
deutsch-jüdischen Diskurses dieser Zeit, und sodann um Vorarbeiten
zu einem geplanten Projekt zum Bild von Juden in rechtschristlicher
und extrem rechter Publizistik der Gegenwart.
Ich will nicht verschweigen, sondern durchaus hervorheben,
dass auch dieses Colloquium Werkstattcharakter hatte, dass die Beiträge
exemplarisch, aber ganz offen und deutlich aufzeigen können,
ob und auch wie Kritische Diskursanalyse dazu beitragen kann, neue
politische Konzepte zu entwickeln und umzusetzen, die den Versuch
machen, nicht allein gegen die Basiskräfte derzeitiger neuer
Weltordnungen oder was man uns als solche verkauft, anzugehen, sondern
primär am Wissen anzusetzen, wobei unter Wissen hier alles
verstanden werden soll, was sich im Bewusstsein und im Leben der
Menschen versammelt und versammeln kann, also auch Affekte, Ängste,
Hoffnungen und vielleicht auch Träume. Die entscheidende Produktivkraft
ist heute das Wissen geworden, wie der erst kürzlich verstorbene
Andre Gorz noch jüngst formulierte.
Mir scheint, dass sich die zukünftigen Kämpfe
und Auseinandersetzungen eher um Macht-Wissenskomplexe drehen werden,
als Voraussetzung für die Sicherung von Ressourcen und die
Verteilung der Reichtümer. Das haben vorherrschende Wissensmonopole
wie z.B. - aber natürlich nicht nur - die Bertelsmann-Stiftung
m.E. längst erkannt, und sie versuchen, Wissensdiskurse in
ihrem Sinne zu steuern und zu beeinflussen.
Kritische Wissenschaft hat daher die Aufgabe, die
Gehalte dieses Wissens aufzudecken und ihre Inhalte zu hinterfragen.
Es geht also nicht um Wissen als Abstraktum oder auf Techniken reduziertes
Wissen, sondern um dessen Inhalte und ihre ethische Begründung.
Dabei ist zur Kenntnis zu nehmen, dass die Welt nicht nur ökonomisch
(und das auch nur einige Teile des Globus betreffend) globalisiert
wird, sondern dass wir möglicherweise an der Wende von vorherrschend
materieller Arbeit zu vorherrschend immaterieller Arbeit stehen.
Das verlangt ein radikales politisches Umdenken, das erst ganz allmählich
in Gang zu kommen scheint.
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