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Im dritten Jahrzehnt tritt das kosmopolitische Blätterwerk
DIE BRÜCKE in Eigenart einer Melange aus zivilisations- und
kulturkritischen sowie literarischen Texten zutage, demonstriert
die Vielfalt, was die frei assoziierten Autoren angeht.
Cayucos und verweste Seelenverkäufer überqueren
den mediterranen Teich. Im Dunkel an den Fregatten der Frontex-Flotte
vorbei. Mehrere kentern, ihre Passagiere ertrinken, versinken in
den Gottesacker unter dem salzigen Wasser. Etliche erreichen im
geheimen das Zentrum der Prosperität. Hier beginnen neue Mordgeschichten:
Isolation vom allgemein gesellschaftlichen Alltag, Separation in
den von Betonmauern und Stacheldraht umzäunten Konzentrationslagern,
verordnete Residenzpflicht, Frondienst in der Illegalität.
Der Mitleidsmarkt floriert. Humanitäre Hilfswerke
fiebern nach, die mannigfachen Konflikte nicht endigen, sondern
allerenden in die Länge strecken zu sehen und so Lichtblick
auf Spendentöpfe auch künftig zu pflegen.
Mythengeflecht um den Teutonen-Terminus Integration
fährt sich fest im Teufelskreis. Status-quo-Kumpanen in den
Studierstuben bevölkern den Themenpark der kulturellen Identität.
Resignierte Randreviere werden reklamehaft als Rivalitäten-Risiko
registriert, quasi güterlose Quartiere in Gettos verdeutscht.
Wut geht in Glut auf. Alarmglocken läuten. Für mehrere
tierisch, für wenige folkloristisch satirisch. Das Ganze faktisch
fakirisch. Die assimilatorischen Sub-Systeme und der Identifikationskurs
der kulturellen Kollektive bewirken das beschleunigte Auseinanderdriften
der bornierten Bewohner autochthon majoritären Artefakts. Ein
gemeineigenes Gemisch bleibt langwierig dicht bewölkt. Die
ethnische Melange der Majorität und Minorität läßt
sich kurzerhand nicht reglementieren oder regulieren. Sie gilt dennoch
als ein progressiver Prozeß. Zuvor muß das Universum
der westlichen Werte emanzipatorisch aufgehoben werden.
Sicherheitsstrategie der kapitalistischen Zentren
lautet: Stopp des Zustroms von migrantischen Heeren und bedarfsweise
militärische Interventionen im humanitären Tarnmantel.
Der artikulierte emanzipatorische Effekt des globalisierten Liberalismus
und die zivilisatorische Mission der westlichen Werte-Verfechter
gründen sich auf Exklusion und Repression der Überflüssigen.
Tabula Rasa als Programm. Bereit werden die zivilisierten Zeloten
mitnichten, die Reichtümer mit Minderbemittelten zu teilen,
die aus allen Löchern des Blauen Planeten quellen.
Hier oben im Norden bewerkstelligen die Teuto-Mentoren
und Motivatoren im demographischen Selektions-Sektor eine systematisch
symmetrische Migrationsmontage, zugleich ein makellos makaberes
Migrantenmanagement, um profitables Humankapital aus der Peripherie
heranzulocken, modellieren einen hermetischen Kulturalismus als
weißgewaschenes Wesensmerkmal ihrer Untertanen, die weit entfernt
vom Stande der frei assoziierten Individuen eine kribbelige Kolonisatoren-Kompanie
verkörpern. Gehorsam und gehörig. Und Mangelmigranten
bilden das doppelt prekarisierte Unterschichten-Universum. Geliefert,
geschlagen, geladen.
Während die neofeudalen Fronarbeits-Kommandos
unter den Globalismus-Glocken wie eine Panzerfront die kollektiven
Kräutergärten niederwalzen, attackieren die Apostel des
Kulturkreis-Konstrukts jegliches Gegenufer, wo neben der kreativen
Kritik an der Zyklopen-Zivilisation auch die Misanthropie jenes
Volksstaates ins Visier genommen wird, der droht, mit migrantisch
minoritären Lebenswelten aufzuräumen, weil sie ihre kniefällige
Akklimatisation nicht aktiv genug akklamieren.
Ein mondiales Publikum braucht den Ausflug in die
»Utopia«. Das kann den Privatier-Poeten als Illusion
vorkommen, wenn nicht Irritation. Zu Fall läßt sich das
Gedankengut nicht bringen, der generalerprobten Apartheidspyramide
die Perspektive des Kollektiven entgegenzuhalten.
Ein anderes wagemutig experimentierendes Sprachgut
braucht die Zivilisationskritik und Rebellenlyrik einer zielstrebigen
Zukunft, auch wenn sie mit dem Attribut »wild« attackiert
wird – mit aller pompös populären Magie der parlamentarisch
positionierten Patrone. Ein Blätterwald, der vielen aktiven
Handwerkern des ästhetischen Wortes eine Heimat bietet, lebt
vom Beistand jener Nonkonformisten, die ihren Blick unentwegt auf
einen frischen lichten Morgen richten und nicht um dasselbe Reservoir
werben wie die Musketiere der medialen Gilde. Darauf fußt
die redaktionelle Werkbank weiter.
Zutage kommt als Positivum für diesen Kurs die
Menge des zugesandten Textmaterials und das Anwachsen des Autoren-Terrains.
Auch wenn sich die Redaktion stets mit Platzmangel konfrontiert
fühlt, nahm sie sich bisher nicht vor, den Schreibwillen mit
den formalen Regeln zu beeinträchtigen, die eingetroffenen
Beträge zu selektieren sowie Vorgaben über ihren Umfang
zu machen. Dennoch erscheint mit Blick auf künftige Bürden
der freiwilligen Arbeit vonnöten, ein weiters Mal folgendes
zu klären:
• Die Redaktion erwartet, daß Manuskripte
per Mail-Anhang (RTF- oder DOC-Format), CD, notfalls Diskette mit
einem Ausdruck gesandt werden. Papier-Vorlagen sollten deutlich
schwarz-weiße Konturen zum Scannen haben.
• Zwischentitel im Text sollen nicht hierarchisch
gestaffelt bzw. nummeriert, Fußnoten als Endnoten –
möglichst sparsam – verwendet und fremdsprachige Zitate
übersetzt werden.
• Rezensionen sollen komplette Angaben enthalten:
Autor bzw. Herausgeber, Titel und Untertitel, Verlag (mit Anschrift),
Jahr und Preis. Am Textende Name und Adresse des Rezensenten.
Fundationen und staatlich protegierte Fonds haben
DIE BRÜCKE von ihren Förderprogrammen längst gestrichen,
ihre Abonnements gekündigt. Daß dieser Blätterwald
dennoch blühen kann, verdankt er jenen Verfechtern des freien
und ästhetischen Wortes, die der Redaktion unter die Arme greifen.
Der Appell an jene gilt nach wie vor, die sich leisten können
zu spenden oder einige Exemplare für ihren Freundeskreis zu
bestellen...
Necati Mert
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