XXX. Jahrgang, Heft 157
Mai - Aug 2011/2

 
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Letzte Änderung:
18.6.2011

 
 

 

 
 

 

 

EDITORIAL

Mythengeflecht um den Teutonen-Terminus Integration

   
 
 


Im dritten Jahrzehnt tritt das kosmopolitische Blätterwerk DIE BRÜCKE in Eigenart einer Melange aus zivilisations- und kulturkritischen sowie literarischen Texten zutage, demonstriert die Vielfalt, was die frei assoziierten Autoren angeht.

Cayucos und verweste Seelenverkäufer überqueren den mediterranen Teich. Im Dunkel an den Fregatten der Frontex-Flotte vorbei. Mehrere kentern, ihre Passagiere ertrinken, versinken in den Gottesacker unter dem salzigen Wasser. Etliche erreichen im geheimen das Zentrum der Prosperität. Hier beginnen neue Mordgeschichten: Isolation vom allgemein gesellschaftlichen Alltag, Separation in den von Betonmauern und Stacheldraht umzäunten Konzentrationslagern, verordnete Residenzpflicht, Frondienst in der Illegalität.

Der Mitleidsmarkt floriert. Humanitäre Hilfswerke fiebern nach, die mannigfachen Konflikte nicht endigen, sondern allerenden in die Länge strecken zu sehen und so Lichtblick auf Spendentöpfe auch künftig zu pflegen.

Mythengeflecht um den Teutonen-Terminus Integration fährt sich fest im Teufelskreis. Status-quo-Kumpanen in den Studierstuben bevölkern den Themenpark der kulturellen Identität. Resignierte Randreviere werden reklamehaft als Rivalitäten-Risiko registriert, quasi güterlose Quartiere in Gettos verdeutscht. Wut geht in Glut auf. Alarmglocken läuten. Für mehrere tierisch, für wenige folkloristisch satirisch. Das Ganze faktisch fakirisch. Die assimilatorischen Sub-Systeme und der Identifikationskurs der kulturellen Kollektive bewirken das beschleunigte Auseinanderdriften der bornierten Bewohner autochthon majoritären Artefakts. Ein gemeineigenes Gemisch bleibt langwierig dicht bewölkt. Die ethnische Melange der Majorität und Minorität läßt sich kurzerhand nicht reglementieren oder regulieren. Sie gilt dennoch als ein progressiver Prozeß. Zuvor muß das Universum der westlichen Werte emanzipatorisch aufgehoben werden.

Sicherheitsstrategie der kapitalistischen Zentren lautet: Stopp des Zustroms von migrantischen Heeren und bedarfsweise militärische Interventionen im humanitären Tarnmantel. Der artikulierte emanzipatorische Effekt des globalisierten Liberalismus und die zivilisatorische Mission der westlichen Werte-Verfechter gründen sich auf Exklusion und Repression der Überflüssigen. Tabula Rasa als Programm. Bereit werden die zivilisierten Zeloten mitnichten, die Reichtümer mit Minderbemittelten zu teilen, die aus allen Löchern des Blauen Planeten quellen.

Hier oben im Norden bewerkstelligen die Teuto-Mentoren und Motivatoren im demographischen Selektions-Sektor eine systematisch symmetrische Migrationsmontage, zugleich ein makellos makaberes Migrantenmanagement, um profitables Humankapital aus der Peripherie heranzulocken, modellieren einen hermetischen Kulturalismus als weißgewaschenes Wesensmerkmal ihrer Untertanen, die weit entfernt vom Stande der frei assoziierten Individuen eine kribbelige Kolonisatoren-Kompanie verkörpern. Gehorsam und gehörig. Und Mangelmigranten bilden das doppelt prekarisierte Unterschichten-Universum. Geliefert, geschlagen, geladen.

Während die neofeudalen Fronarbeits-Kommandos unter den Globalismus-Glocken wie eine Panzerfront die kollektiven Kräutergärten niederwalzen, attackieren die Apostel des Kulturkreis-Konstrukts jegliches Gegenufer, wo neben der kreativen Kritik an der Zyklopen-Zivilisation auch die Misanthropie jenes Volksstaates ins Visier genommen wird, der droht, mit migrantisch minoritären Lebenswelten aufzuräumen, weil sie ihre kniefällige Akklimatisation nicht aktiv genug akklamieren.

Ein mondiales Publikum braucht den Ausflug in die »Utopia«. Das kann den Privatier-Poeten als Illusion vorkommen, wenn nicht Irritation. Zu Fall läßt sich das Gedankengut nicht bringen, der generalerprobten Apartheidspyramide die Perspektive des Kollektiven entgegenzuhalten.

Ein anderes wagemutig experimentierendes Sprachgut braucht die Zivilisationskritik und Rebellenlyrik einer zielstrebigen Zukunft, auch wenn sie mit dem Attribut »wild« attackiert wird – mit aller pompös populären Magie der parlamentarisch positionierten Patrone. Ein Blätterwald, der vielen aktiven Handwerkern des ästhetischen Wortes eine Heimat bietet, lebt vom Beistand jener Nonkonformisten, die ihren Blick unentwegt auf einen frischen lichten Morgen richten und nicht um dasselbe Reservoir werben wie die Musketiere der medialen Gilde. Darauf fußt die redaktionelle Werkbank weiter.

Zutage kommt als Positivum für diesen Kurs die Menge des zugesandten Textmaterials und das Anwachsen des Autoren-Terrains. Auch wenn sich die Redaktion stets mit Platzmangel konfrontiert fühlt, nahm sie sich bisher nicht vor, den Schreibwillen mit den formalen Regeln zu beeinträchtigen, die eingetroffenen Beträge zu selektieren sowie Vorgaben über ihren Umfang zu machen. Dennoch erscheint mit Blick auf künftige Bürden der freiwilligen Arbeit vonnöten, ein weiters Mal folgendes zu klären:

• Die Redaktion erwartet, daß Manuskripte per Mail-Anhang (RTF- oder DOC-Format), CD, notfalls Diskette mit einem Ausdruck gesandt werden. Papier-Vorlagen sollten deutlich schwarz-weiße Konturen zum Scannen haben.

• Zwischentitel im Text sollen nicht hierarchisch gestaffelt bzw. nummeriert, Fußnoten als Endnoten – möglichst sparsam – verwendet und fremdsprachige Zitate übersetzt werden.

• Rezensionen sollen komplette Angaben enthalten: Autor bzw. Herausgeber, Titel und Untertitel, Verlag (mit Anschrift), Jahr und Preis. Am Textende Name und Adresse des Rezensenten.

Fundationen und staatlich protegierte Fonds haben DIE BRÜCKE von ihren Förderprogrammen längst gestrichen, ihre Abonnements gekündigt. Daß dieser Blätterwald dennoch blühen kann, verdankt er jenen Verfechtern des freien und ästhetischen Wortes, die der Redaktion unter die Arme greifen. Der Appell an jene gilt nach wie vor, die sich leisten können zu spenden oder einige Exemplare für ihren Freundeskreis zu bestellen...

Necati Mert

   

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