XXVIII. Jahrgang, Heft 152
Sep - Dez 2009/3
 
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Letzte Änderung:
18.10.2009

 
 

 

 
 

 

 

LYRIK

   
 
 


Denkmal

Jozef Kmiecikow
Czeslaw Wilkow
Leon Janusow
Anton Drozdzow
      23. 11. 1948 Lacko

an der Haltestelle versteckt fast
unter einem Baum
steht eine graue Granitstele
rot befleckt von achtloser Hand
Spritzer wie Einschüsse
die alte Inschrift

für den Sozialismus

wer kann lachen wenn
der Schmerz brennt

vergessen

die Toten warten
auf ihre Stunde

Norbert Büttner

***


branding

du bist schon eine besondere
marke
ohne bewußtsein
cool
läßt du dir ins hirn schauen
in die röhre
des magnetresonanztomografen geschoben
während es dir gezeigt wird
bild für bild
von den neuesten sportwagen
mit und ohne
belohnung deiner lieblingsmarke
fängst an aktivitäten zu zeigen
im hirn
hast du mehr sauerstoff als verstand
in den gefühlsregionen
die jetzt mehr blutfluß anzeigen
meßbar markiert
auf dem bildschirm
rot anlaufen
wie der sportwagen deiner lieblingsmarke
vorgestellt
auf wunsch des neuromarketings
darfst du länger hinschauen
mit diesem tollen gefühl
vorher
und diesem bedürfnis danach
ein aufgeweckter junge
dem kaufen spaß macht
mit dem abgeklärten blick
auf die lieblingsmarke

Manfred Pricha

***


Notstands-Gedicht

O laßt uns nicht verbittern,
Die nunmehr Siegheil wittern,
Sie wollen, dass wir zittern,
O laßt uns nicht verbittern,

Es hilft nicht, wenn wir kriechen,
Die jetzt den Durchmarsch riechen,
Sie wollen, dass wir siechen,
Es hilft nicht, wenn wir kriechen,

Nach vorne laßt uns schauen,
Die nicht der Freiheit trauen,
Sie wollen den Weg verbauen,
Nach vorne laßt uns schauen,

Laßt uns die Herzen wärmen,
Die von der Rasse schwärmen,
Woll'n brechen uns durch Lärmen,
Laßt uns die Herzen wärmen,

Laßt uns die Einheit wagen,
Die Wahrheit nicht vertragen,
Woll'n, dass am Streit wir nagen,
Laßt uns die Einheit wagen.

Hadayatullah Hübsch

***


Feuchte Blätter
überwuchern ungestüm
die graue Rinde
alter Stämme,

Blüten sprießen weiß
aus jungen Knospen,
verborgne Früchte
ahnen Sommersaft,

Bienen tragen
Honig und Pollen
an beliebige Orte
voll Lebendigkeit,

so dass ich
voll Duft und Süße
die Trümmer vergesse,
mutlose Augen.

Wilhelm Riedel

***


Gleichschritt

Gleich, gleich,
gleich im Schritt
Stiefel angepasst
auf Menschenhatz
der Staat geht mit
der Staat geht mit

Gleich, gleich,
gleicht geht's los –
Haltung eingenommen
auf Fremdenhatz
der Stammtisch geht mit
der Stammtisch geht mit

Gleich, gleich,
gleich sind wir
gleich gehen wir mit
aufs Schlachtfeld
der Deutsche geht mit
der Deutsche geht mit
Gleich dumm sind wir

Martin Kirchhoff

***


Nebenwelten

Höre das Wesentliche im unsichtbaren Augenblick
schwebe mit Weisheit übers Scheinbare
erhebe dich zum Gott
und wahre dir Demut
in die Wüsten treiben sich die Gedanken
geh hin
lern den sandigen Schmerz
in die Flüsse werfen sich die tiefen Sehnsüchte
lern schwimmen mit ihnen
binde an deinen Flossen den leisen Traum
das Ufer steht tausendjährig für die wehrhaften Lämmer
und der Glaube ist Errettung aller Hoffnungslosigkeiten.

Kamlem Hulliam

***


Aufruf

Ach, einmal Hirte sein auf deutscher Erde
Und neben mir drei edle Wächterhunde,
Ich trieb die ganze deutsche Hammelherde
Aus ihrem Dünkel und zur Nachholstunde.

Hinaus du Schulze, Lehmann, Meyer, Michel,
Zu Tausendschaften schweigend angetreten!
Habt keine Furcht vor einer Todessichel,
Doch hilft euch auch kein Brüllen und kein Beten.

Ihr Liberalen, Grünen, Atheisten,
Genossen, rot und braun, ihr Schweiger, Christen,
Ich mag euch nicht, nicht mal als Tiegelbraten,

Wenn ich euch raufen seh im Wortgestammel
In Politik und Kunst. Ihr deutschen Hammel,
Vertragt euch wie die Schafe andrer Staaten!

Kurt May

***


Was ist denn fair

was ist denn fair
wo kommen wir her
die informationen lassen sich klonen
die informationen lassen sich klonen

was ist denn richtig
sind wir so wichtig
wir verfolgen den fall zurück zum urknall
wir verfolgen den fall zurück zum urknall

in allen vereinen
nagt man an gebeinen
die ganze existenz entbehrt der präzedenz
die ganze existenz entbehrt der präzedenz

nur hymnische gesänge
und kosmische klänge
verwirren die ohren seit wir geboren
verwirren die ohren seit wir geboren

keiner wird geschont
jeder wird belohnt
existenz ist radau erlösung nur schau
existenz ist radau erlösung nur schau

Karl-Heinz Schreiber

***


Internet

zusammengelesene freigeistigkeiten
selbstgefällig unwissend geschwätzig
pompöse diskussionen
unter schlagwortgewittern
haarsträubende geschichten
ohne leidenschaftliches gelächter
es herbstelt hinter den Stirnen
über dem ganzen feuereifer schnarcht
die banalität des superlatives

Elisabeth ba Schmid

***


Wortbild Bildwort I

Wörter lassen Bilder in mir zurück
Bilder lassen Wörter in mir zurück
Ein Wort lässt Bilder zusammenfallen
Ein Bild lässt Wörter zusammenfallen
‚Zusammenfallen’ in doppelter Bedeutung?
Koinzidenz/Verschmelzung und Kollaps/Einsturz?

Wort stolpert, Bild fällt von der Wand
Wortsturz, Bildsturz, Übereinanderpurzeln
Wort klammert sich an entweichendes Bild
und Bild sich an fehlendes Wort
Wörter klammern sich aneinander fest, um im Bild Bestand zu haben
Bilder halten Wörter zusammen und überleben dadurch

Thomas Collmer

***


Brennende Blume

Für das Lied, das deiner Seele
entsprang, war ich das zweite Leben
mit ihm löschte ich die Brände,
entzündet von der Liebe
weil deine entbrannte Schönheit
auch durch die Esse meines Herzens lohte
und ein einziger Funke hätte
weitere Herzen entflammen können
was die zum Glück gut vermögen
sofern nicht Feuer mit Feuer gelöscht wird.

Mit Metaphern stieg ich zur Sonne empor
die in deiner Seele brannte
und gemeinsam schifften wir uns ein
auf dem Schioff des Glücks
unter dem Sternenhimmel des Lebens

Savo Kostadinovski

***


Zwischen des Regens Flut.
und dem Lammbein
löscht das UNION-Pils die Unlust.
Am Nebenplatz mischen sich Englisch-
und Italienischbrocken durchbrochen.
Der Ober kreist voll von höflich
zwischen Küche, Bar und Toilette.
Ziemlich fleischige Mädchen
plaudern erkennbar vom Süden.
Welches Gemisch. Wenig Deutsche.
Mittlere Mainstadt der Zukunft,
weißer Hundeschweif hochkant
umtastet majestätisch die Theke.

Feiste Männer belegen
mit vielen Bieren die Eckbank.
Balde springen die Funken.
Liebendes Misch-Masch. Europa.

Jaime Salas

***


dienstleistung

wir sind für sie da
auch wenn sie das hundert mal nicht woll'n
sind wir trotzdem für sie da
wir müssen für sie da sein
wir werden immer für sie da sein
auch wenn sie nicht mehr da sind
nur können wir dann nichts mehr für sie tun

Fred Luhde

***


Leidvolle Trennung

Würde ein Blatt es wollen,
dem Wind zu verfallen,
auf dem Boden zu schleifen,
und an den Felsen zu zerschellen.

Wenn er bei Verstand wäre,
welcher Mensch wünschte,
sich von Geliebter und Heimat zu trennen,
sein Herz mit Sehnsucht zu zerfleischen.

Keine Trennung bringt Frieden,
in der Vereinsamung kann weder eine Hand etwas erhalten,
noch kann das Leben die Schmerzen ertragen.
Diese Ärmlichkeit ist schlimmer als jedes Leid.
Diese Ärmlichkeit ist misslicher als jedes Elend.

Des Glückes und der Liebe Zerfall,
das auf Trennung verurteilte Leben,
wie kann da der Mensch behaupten:
„Schicksal ist es zu trennen sich?“

Was würde ich mit Dir machen,
wenn Du das Meer wärest und ich der Wind,
Dich aufwühlen,
alle Ufer entlang gegen alle Felsen schmettern,
würde ich Dich,
während Du dich erhebst,
Ich hingegen hilflos in der fremden Ferne,
getrennt von der Heimat und der Geliebten sein muss,
und die Einsamkeit sammelt meine Tränen zu einem Fluss

Molla Demirel
Aus dem Türkischen von Türkan Kurt

***


Ein lastwagen mit grauer plane

Sie hieß Sarah
saß vor mir auf der Schulbank
auf dem heimweg
spielten wir hopse
Wir wohnten in mietshäusern
Nebeneinander

Von ihren büchern erzählte sie
von den blumen
die sie malte
von ihrem zimmer im Vorderhaus
Ich sah es vor mir
gesehen habe ich es nie

Kellerdurchgang zum hof
dort wohnten wir
Ein zimmer
vier betten mit schrank
toiette eine treppe tiefer
Spielen im hof verboten

Auf der Straße sah ich
an Jacken gelbe Sterne
Sarah trug auch einen
kam dann nicht mehr
in die schule
Nur einmal traf ich sie

Nicht weit der milchladen
Mit einem litermaß
schöpfte der Verkäufer
Die vollen kannen
schleuderten wir herum
wetteten um die schnellste acht

Ein lastwagen mit grauer plane
hielt vor Sarahs haus
Männer gingen hinein
kamen zurück
in der mitte Sarah
und ihre Mutter

Mit der kanne in der hand
hob ich den arm
wollte winken
Sarah drehte sich um
sah mich
hinter ihnen krachte
die ladeklappe zu

Nicht weit
fuhr der wagen
hielt vor dem Solonplatz
Die männer sprangen ab
Zu hause fragte ich
mutter schwieg

Die lehrerin am anderen tag
schwieg nicht
blickte über die klasse
schaute mich an
sagte
Sarah ist verreist

Marlies Schmidl

***

Bürger, Bürger

In deinem Bett rennen keine Mäuse, keine Angst,
ihnen gehört allein die Stadt,
die Ratten heben deinen Klodeckel hoch, du hast sie ausgehalten,
das geht in Ordnung, der Kammerjäger grüßt dich jedes Jahr,
bald, sie offerieren dich von der Bühne,
du, schlaf nur.

In deinem Bett schleimen keine Würmer, keine Angst,
ihnen gehört allein die Stadt,
die Ratten heben deinen Klodeckel nicht mehr, du winkst
      ihnen nun nach,
das geht in Ordnung, die Rechnungen sind im Ticket schon drin,
bald, sie stehen stramm vor dir vor der Bühne,
du schläfst nicht.

In deinem Bett jagen keine Mücken, keine Angst,
ihnen gehört allein die Stadt,
die Ratten heben deinen Klodeckel wieder, du kiffst in ihrem Haus,
das geht in Ordnung, die Wechsel warten im Himmel auf dich,
bald lebt deine Ewigkeit auf der Bühne,
du, triff dich.

Horst Bingel

***


nachrichten

      für Kalle Gajewsky

nachrichten,
herzzerreißend viele
an irgendeinem tag,
einem herbsttag meinetwegen.
nebel zieht auf,
eine art unwider–
stehlicher drang,
zu entschlüsseln
die rätsel des lebens,
Verrichtung oder
flüchtige begegnung.
warum diese stille,
warum dieses schweigen
jetzt und zehn
stunden später.
was man gehört hat,
hat man gehört,
selbst wenn es
kaum zu glauben ist
die selbstmordattentate,
unwiderrufliche bekenntnisse,
aufgeregte berichte.
wir, reisende in
misslicher läge,
kommen oft hinter
verschlossenen türen
und fensterläden an,
ohne die neugier
leugnen zu können,
täuschungen, respekt
in einer bekennenden stimme,
die sich fremd bleibt
und doch erfinderisch ist.

Michael Starcke

***


Liebeslied I

Mit Granaten zerbarst ich deine Träume,
Mädchen mit den Augen wie grüne Steppe,
mit Augen wütender Löwen,
die ich aus taufrischen Morgen,
aus wirren Zeiten kenne.
Deine Heimatstadt habe ich überrollt
und deine heimischen weißen Felder.
Unter der Birke kroch ich,
unter dem Flügel der Vögel, dich suchend
durchkämmte ich sie, ertastet wie ein Blinder...
Aber du bist schon längst vor der Morgendämmerung gegangen
und hast die Laterne am Himmel gelöscht,
bist irgendwo in der Zeit versunken,
bist verschwunden, mir aus den Händen geglitten
wie die Forelle zwischen den glatten Steinen,
und so wütend, dass du nicht da bist,
machte ich Alles platt.
Danach wischte ich von der Karte
alle Namen der Städte, Länder, den Verlauf der Flüsse
änderte ich.
Ich änderte die Wolken am Himmel, überall kam ich
und hoffte dich zu finden,
dich Mädchen, dich Antilope, die Wiesentau begehrt.

Vinka Perisic
Aus dem Serbischen von Dragica Schröder

***


Vor meinen Träumen
Traumlosigkeit
oder vielleicht
durch den Blick
in die Natur
Einsichtigkeit
Richtung
Traum
der in der Wirklichkeit
atmet
um in Herzen
zu schreiben
was sich nur durch sie
weiterschreibt

Gedankenverloren
immer wieder
Wirklichkeitsträume
in der Natur
wenn sie sieh wandelt
zum Wohle des Lebens

Immer wieder

Friederike Weichselbaumer

***


Gestern, Gesten

Auf der offenen Straße
Der Erinnerung warte ich
Auf ein Wort, einen Ton,
Ein Geräusch, einen Geruch,

Ich biege meinen Kopf,
Ich krümme mein Haar,
Ziehe Luft in die Nase,
Aus meiner Brust Gestöhn,

Was bist du verborgen,
Ob im hohen Holunderbusch,
Ob auf der Krautwiese,
Im fremden Haus,

Noch einmal zu schmecken,
Lauschen wie eine Fledermaus,
Finden, ohne zu grübeln,
Mit dem Mond aufgehen.

Hadayatullah Hübsch

***


der alte achtundsechziger

wie eine schaufensterpuppe
steht er abgenabelt da
der achtundsechziger
als erinnertes ausstellungsstück
punchingball im boxkampf
der feisten meinungskrieger
in die magersüchtigen gramjahre
und heruntergekommen
auf den boden nücherner statistik
beim billigen komasaufen
ausgeleiert durch nostalgie
vom herumtragen zerbeult
in die karzerecke gestellt
wo er nicht hingehört
als hausgeburt von blumenkindern
auf den esoteriktrip geschickt
so paßgenau geläutert
im marsch durch die institutionen
für die reuse hängengeblieben
bis zum schnieken ministeramt
massenhaft komisch grassiert er
als ob seine generation
keine anderen typen gekannt hätte
ein prägendes symbol
mit falscher münze abbezahlt
im rückwärtigen zeitgeist
schwärmen die einen aus
erschrecken vor ihren frühlingstaten
wie selbstgezüchtigte schuljungen
während die nachfolger sich
vor langeweile bedrückt fühlen
und orientierungslos amok laufen

Manfred Pricha

***


cappuccino light

mit milchschaum
weisheiten löffeln
mittelmeerblau
ein eiscafé kühles
haupt bewahren
gegen german angst
walküren schwer mut
haben leichtfüßig
mit dem schicksal
einen tanz wagen
bargeldlos märchenhaft
goldklumpen aufs
glücksspiel setzen

und
wieder ganz
bei mir und dir
beginnen

Karl Feldkamp

***


Totenbett

die Haut
ist
aufgebraucht
an einer Hand
der Schlafenden
vergeht sich
noch die Zeit
auf ihren Augen
mundlos
hat die Musik
längst
aufgehört
kommt der Tag
zurück
ohne Wissen
was geschehen wird
weinen sie
in meinem Kopf
springen
Hitze oder Kälte
auf der Erinnerung
wandelt
die Stille
aus der Nacht
in mein Gesicht
die Kinderspuren
übermalt
in blau
rot
und grün
eingefallen
zieht die Sonnenuhr
das Schwarz

Olaf Kurtz

***


Heinrich von Kleist
29 Interpretationen des berühmtesten Gedankenstrichs der deutschen Literatur

Ein Bett
Eine Bahre
Eine Matratze
Eine Zensur
Ein Verbot
Ein Geheimnis
Eine Variable
Ein Stellvertreter
Ein Platzhalter
Ein rein gar Nichts
Eine Lücke
Eine Verbindung
Eine Fortführung
Eine Verknüpfung
Eine Brücke
Ein gespanntes Seil
Ein Schwert
Eine Klinge
Ein Riss
Ein Buch
Ein Heft
Ein Teppich
Ein Mann und eine Frau,
die sich vereinigt haben
Ein geschlossenes Auge
Ein Lidstrich
Ein Glied
Ein Schlitz
Eine Peitsche
Eine Unverschämtheit
Etc. etc. etc.

Bülent Kacan

***


unrast

mauern türme himmelan
die straßen krumm
inmitten alter städte
vom rand wandern
steinfransen weit hinaus

auf allen plätzen
lange schatten am abend

aber nachts
nur sisyphusschritte

Jutta Dornheim

   

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