XXIX. Jahrgang, Heft 154
Mai-August 2010/2
 
  Inhalt  
  Meinungen - Karawanserei  
  In den Kulissen der Teutozentrale  
  Weitläufige Weltbilder  
  Gegenwart der Geschichte  
  Kultur-Atelier  
  Die Brücke an der Spree  
  Medien-Kultur-Schau  
  Lyrik  
     
  Wir über uns  
  Der Verein  
  Archiv  
  Impressum  
     
 

Letzte Änderung:
11.7.2010

 
 

 

 
 

 

 

LYRIK


   
 
 



Hellas

In deiner leuchtenden Sonne wurden Menschen geschaffen,
den Göttern ähnliche Bilder,
reine Gedanken entwickelten ihre Form
jenseits von Irrtum und Trug,
der epische Fluss umspannte Kriege und Städteverwüstung,
aus Trauer und Trümmern wuchs die Hoffnung zum Neubeginn,
im tragischen Spiel der großen Gestalten
erkannte der Mensch, was ihm eigen ist.

Und nun?
Es brennen die waldigen Berge im Eigennutz,
Vettern verteilen die Posten untereinander,
von einem Ende der Bank verschiebt man das Geld zum andren,
beschleunigt den Bau von Ministervillen,
oder verkommt in hämischen Reden
hinter Abfallhaufen.

Bedenkt euch, Leute.
Konservative, die ihr die Werte im Alten erhaltet,
die klaren Begriffe, die klingende Sprache, das heilige Wort,
und ihr Sozialisten, erfasst die neue Zeit,
Güter für alle, freie Rede, Gleichheit untereinander,
das ist die Zukunft, das Band zwischen Gestern und Heute,
reicht euch die Hände, nach rechts, nach links,
und seid gemeinsam
ein götterähnliches Volk.

Wilhelm Riedel

***


Modern

Mir geht es schlecht,
Ich rede schön,
Möcht gerne bleiben,
Sag auf Wiedersehn,
Ich denke nein,
Und sage ja,
Bin nicht mehr hier,
Und noch nicht da,

Ich schaue fern,
Und blick zurück,
Du bist mein Stern,
Ich bin mein Glück,
Ich fühl mich mies,
Und lächle mild,
Mein Wort ist sanft,
Mein Herz schlägt wild,

Ich geh gemütlich,
Und mein Kopf rennt,
Ich tue freundlich,
Die Seele flennt,
Ich schreibe froh,
In mir ist Nacht,
Ich diene dir,
Und lieb die Macht.

Hadayatullah Hübsch

***


hymnisch

der markt
ist ihr gott
und der heilige geist
regiert mit unsichtbarer hand
und alles ist reguliert
wie die schöpfung
reichtum und armut
ist gottgegebenes zeugnis
und ganz oben
thronen die unternehmen
mit ihrer freiheit
nach der sich alle
zu richten haben
wirklich alle
haben anteil am geschehen
wenn die psychologie mitspielt
deswegen sind geister so wichtig
und ihre schamanen
und der glaube
der markt wird alles richten
bis zum jüngsten gericht
halleluja

Manfred Pricha

***


im schatten eines sommertages

ein leichter wind,
der sich wie von Worten
treiben lässt, unsicht-
bare autorität. wasser
tropft von balkonblumen,
gesprächsstoff,
der keiner ist,
ein gefühl von Zärtlichkeit
nach einem glas kalten weins,
durstig geleert
in einem schluck.
wiedergefundene erinnerung
im schatten eines sommertages
rosenduft wie verwunschen,
fröhliches lachen
der kindheit, unverhohlene
neugier, die geblieben ist,
ausgeklügelt dokumentiert
im unverschlüsselten haus
unseres gedächtnisses,
der reiz, die Identität,
der augenblick wie verhext.
unsere schreibhand folgt
den gedanken, dem
Wasserstrahl, der erfrischt,
den wandernden schatten,
die schützen, den faden
unseres geborgten lebens.
wir geraten in schweiß,
ein letzter beweis für
die mühe, aufrichtig
zu erzählen, was wir fühlen
und spüren.

Michael Starcke

***


In dieser Stunde

Heute redet einer,
er sah zu,
wie sie einen Menschen
mordeten.

Er spricht
wie gestern.
Niemand,
der Einhalt gebietet.

In diesem Moment
werden Würfel gezählt.
Niemand
erfährt den Ausgang
des Spiels.

Horst Bingel

***


Der Eremit

Dem Leben auf den Grund gehen,
ohne vor die Hunde zu gehen,
in klösterlicher Abgeschiedenheit,
der Garten der Lüste liegt verlassen da,
die Natur,
die sich im Orgasmus verausgabt,
heftiges Geläut im Glockenstuhl,
noch alle Tassen im Schrank?

Die Unschuld ist eine Seerose auf dem Teich der Erkenntnis,
verwunschener Garten drum herum,
das Zuwachsen der Natur kommt einer Gotteslästerung gleich.
Weiße Mauern geben den Rahmen
für Ruhe & Abgeschiedenheit,
eine innere Einkehr
ins Wirtshaus der Beschaulichkeit,
sich berauschen an den prallen Weintrauben,
die am Hang des Wingerts oberhalb der Kirche
gar prächtig gedeihen.

Abheben im Garten Eden,
der Klostergarten wächst vor sich hin,
gedeiht um des Gedeihens willen,
Gott verdammt,
die Erkenntnis alter Gemäuer bringt einen Eremiten hervor,
der stumm & bescheiden am Rande des Teiches hockt,
worüber denkt er nach?

Abseits des Trubels der großen Städte,
mit ihren Reichtümern & anderen Obszönitäten,
er bleibt verschont, schont sich, wofür?
Worauf wartet er?
Daß es endlich 5 Uhr wird,
& er seinen ersten Nachmittags-Cocktail zu sich nehmen darf,
einen Wodka mit Cola vielleicht heute.

Peter Oehler

***

Befreiung

Unbedeutend
die Meinung jener
welche stets
die Schwächen anderer
als Wahrheit gegeben sehen
über ihre eigenen Schwächen
jedoch niemals nachdenken
und anderen
eine Wahrheit über sich selbst
verbieten.

Die Weiterentwicklung jener
die bei sich und anderen
Stärken und Schwächen
mit stärkerer Gewichtung
der Stärken
sehen können und wollen
ist als menschlicher Vorteil
entscheidend.

Gerd Egelhof

***


Mondnacht

Wie ein Leichentuch gebreitet
liegt die Nacht auf weitem Feld,
und das Licht des Mondes schreitet
zitternd um die stumme Welt.

An dem Himmelsvorhang stehen
Sterne, fern, in fremder Zahl;
von den hohen Bergen sehen
tiefe Schatten in das Tal.

Drunten schlafen traumgeborgen
Mensch und Tier in stiller Ruh;
atmen einem neuen Morgen,
einem neuen Leben zu.

Frederic W. Nielsen

***


Gleichgestellt

Weißer Mann mit schwarzer Seele,
schwarzer Mann mit weißer Weste…
geht in manche Köpf’ nicht rein;
für diese müsste das Verhältnis
immer umgekehrt nur sein!

Das ändert nichts an jenem Besten,
das wir gemeinsam alle haben:
die Eigenschaft untereinander,
in jedem Fall auch voreinander,
so wie vor Gesetz und Gott,
im Rechte gleichgestellt zu sein.

Johannes Bettisch

***


Wahnsinnlichkeit

Wenn wir denn wachsam wären,
Derweil die Welt in Schneeschlaf sinkt,
Könnten die Traurigkeit wir aus
Dem Kopf uns schlagen,
Und Worten lauschen,
Die das Herz zum Brennen bringen,
Wer weiß,
Vielleicht sogar dem Schlammregen entrinnen,
Der unsre Fenster, Türen finstert,
Doch wer schmilzt aus den
Ohren, Augen dieses Wachs,
und setzt den Bienenhonig frei,
Der Heilung schenkt dem Herzen
Und ihm den bösen Traum nimmt,
Der uns verhüllt,
So dass wir glauben,
Nicht unsre Seele hätte uns
Als schön erscheinen lassen,
Was nur der Abglanz einer Wirklichkeit,
Die jenseits Bilder und Buchstaben lebt?
Ach, weckte uns der Mann im Mond!

Hadayatullah Hübsch

***


systemgastronomie

aus der küche der ökonomie
kommen viele bücher der ratgeber
nur die rezepte stimmen oft nicht
und es riecht irgendwie angebrannt

zu lange die gleichen speisen gekocht
und die selben schubladen bedient
so mancher der früh ausgesorgt hat
wechselt als broker ins gastronomiefach

die bebilderung ist etwas eitel sonnenschein
und die kommentare klar unausgegoren
mit fragwürdigem läßt sich gut verköstigen
man bleibt im gespräch nicht in der kritik

über geschmack läßt sich ja streiten
nichts geht über den eigenen tellerrand
ist schließlich reserviert unter freunden
und ein system korrumpiert halt gern

Manfred Pricha

***


Die Uhren des Lebens

Die Zeit schläft nicht
auch wenn wir träumen
wirbelt sie durch unsere Träume
Mann soll bedenken
die heilige Kraft
und die Natur verstehen
die Uhren des Lebens
die geruhsam weiterticken
auch in schlimmsten Zeiten
und auf weitesten Reisen
Wie Wächter aller Zeiten
bestimmen sie,den einen Beginn
den anderen Ende des Leids
manchen ist Historie zugemessen
anderen Jahrhunderte, Jahrtausende
wenn ihnen der Herzensrhythmus stocki
ist die Zeit ihr Nachtlager

Savo Kostadinovski

***


Was ist Glück

Was ist Glück? Wenn man das wüsste
wären viel mehr Leute glücklich,
denn beim eigenhändig schmieden
hat sich mancher schwer verbrannt.

Glück ist auf die Welt zu kommen,
wenn normal sie um sich dreht,
weder Krieg noch Katastrophe
dir und mir entgegensteht

Glück hat der hineingeboren
in die Zeit die richtig läuft,
weder Brand, noch Wirtschaftskrise
Menschen unter Brücken häuft.

Glück hat der, den seine Eltern
von Gefahren gut beschützen
und wenn ihn die eigenen Brüder
nicht zu ihrem Vorteil nützen.

Glück hat einer der gelernt hat
weil er durfte, konnte, wollte.
Seine Einstellung ist richtig,
immer sie bewahren sollte

Glück hat der, den Spiel und Saufen
an den Bettelstab nicht brachten,
und hat sogar was angesammelt
als an späte Jahre dachte

Glück hat einer, den die Krankheit
in das Krankenbett nicht warf,
und sein Leben ohne Krücken
bis ans Ende leben darf.

Glück hat einer, den die Räuber
vorläufig zumindest, schonten,
weder Mörder, noch der Henker
ihm an Hals und Kragen konnten.

Glück hat jemand der ihn findet
beim passenden Lebenspartner
und zusamm’ für lange Jahre
fröhlich in das Leben startet.

Glück hat einer dem die Arbeit
nicht genommen worden ist,
Lohn zum Leben man ihm zahlte
und nicht wühlte in den Mist.

Glück hat einer, der im Alter
morgens selbst noch aufsteh’n kann,
sich ernähren und bekleiden
und auch Baden dann und wann.

Glück hat der, wer nicht so lang lebt
bis die Freunde ihm verstorben,
und am Zaun noch mit dem Nachbar
plaudern kann noch jeden Morgen.

Glück hat einer dem die Seinen
Blumen auf den Friedhof tragen,
nicht beim Umackern die Knochen
weiß aus einer Furche ragen.

Glück hat einer den die Nachwelt
nicht gleich nach dem Tod vergisst
der von Töchtern, Söhnen, Enkeln
eine Weile noch vermisst

die vom Brunnen den er grub
zu dem Baum den er sich pflanzte
ab und zu auch Wasser brachten,
wenn im Winde Blüten tanzten.

Wenn der ein Poet gewesen
hätte er mit Glück geprahlt,
wenn Verleger, die er hatte
ihm sein Honorar bezahlt.

Was ist Glück? Wo ist’s zu finden?
Hatte ich’s? Gern möcht ich’s wissen
Jeder anders wird’s erfahren
und damit auch leben müssen.

Johannes Bettisch

***


fallweise operation in übersee

im zoo
im zirkus
in der manege
werden dressuren gezeigt

menschen quälen das tier
menschen quälen die natur
menschen quälen andere menschen
die mächtigen die machtlosen
die starken die schwachen

sie versklaven
sie unterdrücken
sie beuten aus

sie machen wilde aus ihnen
untermenschen
unmenschen
unpersonen

ungeziefer
unkraut
unrat

unnütze und unbrauchbare underdogs
unempfänglich und unempfindlich
unerbittlich unerschütterlich
kalt

sie erklären sie zu ungeheuern
ungestüm und unberechenbar

verteufeln und bekämpfen sie
prägen unworte wie terroristen
islamisten und schurkenstaat

später dann aber erklären sie G-W-O-T
den globalen krieg gegen den terror
sauber katalogisiert
rechtlich abgesichert
emotional entschlackt
zur overseas contingency operation

Rudolph Bauer

***


Einsicht

Es macht nicht besonders viel Spaß,
Am Sonntag morgen bei hohem Schneematsch
Und leichtem Regen zum Bäcker zu strolchen,
Um Frühstücksbrötchen zu kaufen, oh ja,
Gut, wir haben ein geheiztes Haus und
Wieder in den eigenen vier Wänden
Kannst du in alten Zeitungen stöbern
Und mit Hanna, sie ist jetzt schon fast
Drei, ein paar Worte zu wechseln, bis
Sie plötzlich unvermittelt meint: "Gleich
Ist Sommer!", so dass wir zum Fenster
Rausschauen, um zu prüfen, wie wahr
Sie spricht, aber der Himmel ist grau
In grau und die Sonne ein Wesen in
Unserer Vorstellungskraft, was uns bewegt,
Hanna zu fragen, wieso denn gleich
Sommer sei, doch es ist wie es ist und
Sie gibt keine Antwort und lächelt nur,
Bis sie, Minuten später sagt, "Weil
Wir doch in’s Schwimmbad gehen", ja,
Dort ist das Wasser so warm wie in
Jeder Kindheit und so schwimmen wir in
Den Tag hinein, der noch viele kalte
Monate andauern mag, was uns nicht
Weiter stört, denn gleich ist ja Sommer.

Hadayatullah Hübsch

***


Ein bißchen Auschwitz

Mütter mit Kindern am Eingang.
Und einen Kaffee im Museum.
Das ist fast dasselbe wie ein Besuch im Kolosseum.
Dort fraßen die Löwen die ersten Christen.
Warum traurig sein.
Im Garten von Kommandant Höß
hängt an der Leine die Wäsche.
Das Krematorium davor rostet schon.
Merkwürdiger Bunker und alles so leer.
Die achtundzwanzig Blocks ebenso.
Wie konnten so viele dort sein?
Die Walze aus Stein dämmert entgegen der Ewigkeit.
Kein Haus wird so lange bestehn.
Klasse für Klasse hindurch:
"Nie wieder das", sagt der Lehrer.
Die Literatur beschreibt und beschreibt.
Wo sind die Geister der Henker?
Der Kleinbürger unter uns.
Wann wird Höß,
am Krematorium gehenkt,
auferstehn?

Jaime Salas

***


Innen

Mein herz
auf dessen trommel
die ebbe schläft
das sich emporhebt in die wolken
dunst trinkt
und auf mehr verwirrung drängt

grün ist es nicht
nicht rot
und nicht müde
geliebten zu zählen
so heilen sich von selbst
die heidnischen gelübten in seinem strohfrühling

mein herz
das von allem
nichts verspricht
mit flutschender güte
sich das antlitz putzt
wunschfrei den tag ins aug blickt.

Kamlem Hulliams

***


Gedicht als Offener Brief an Sarrazin

Herr Sarrazin, Sie sagen:

Die Türken tun nichts
Lehnen den Staat ab
Betreiben nur Obst- und Gemüsehandel
Produzieren ständig kleine Kopftuchmädchen
Und erobern Deutschland
Ich erkenne sie nicht an

Was sollten sie denn tun?
Sollten sie eine Bank ausrauben?
Sollten sie Morde begehen?

Die gestrigen Gastarbeiter sind
Heutige Obst- und Gemüsehändler
Sie bereichern die arme deutsche Küche

Vermehren die deutsche Bevölkerungsanzahl
Die allmählich schrumpft
Das heißt sie tun etwas
Sie tun Gutes

Und das ist noch nicht alles

Sie produzieren unzählige Ärzte Ingenieure Anwälte Lehrer
Unzählige Abgeordnete Erzieher Künstler Schriftsteller Dichter
Unzählige Akademiker Professoren Arbeitgeber
Schaffen unzählige Arbeitsplätze
Geben unzähligen Menschen Arbeit

Die Gastarbeiter von gestern sind
Heute bewußte und ehrliche
Deutsche Bürger

Die Türken haben schöne Visionen
Und was haben Sie, Herr Sarrazin?
Nur überholte Floskeln

Ihre Brille ist Schrott
Tauschen Sie sie aus
Lesen Sie dann die deutsche Geschichte
Das Kapitel der Vierziger Jahre des Zwanzigsten Jahrhunderts
Lesen Sie es gut
Lesen Sie immer wieder immer wieder
Denn Sie bekommen
Den besten Unterricht
Von der Geschichte erteilt

Sie dürfen die Türken nicht diskreditieren
Nicht diskriminieren
Den inneren Frieden nicht stören
Gegen uns nicht hetzen

Der Tag wird kommen,
An dem Sie
Die Türken anerkennen werden
Alle Sarrazinisten werden es tun

Die Türken sind
Wie Sie
Deutsche Bürger
Deutschland ist auch
Seit fünfzig Jahren
Heimat der Türken

Die Türken sind
Unverzichtbare und
Sichere Bausteine Deutschlands
Sie erschufen es von neuem

Die Türken sind ein Phänomen
Wie eine Revolution
Wie ein Erdbeben
Sie kamen von unten
Schritt für Schritt
Und leise

Doch keine Angst
Ihre Farbe ist blau

Das
Sehen sogar
Die Blinden

Mehmet Özata

***


Venedigduft

schwebt durch die bröckelnden Fassaden
unter Brücken hindurch
gestemmt lasse ich mich über dichte Wasserschuppen gleiten

schaue blickgefunden
über Plätze greifend in die engen Gassen
einem Labyrith tapetengelb
in dem die Schritte der Verirrten klingen

teilen sich die Taubenscharen
zu meinen Füßen Himmelsspritzer
behäbig wie der Name
Lagunenblau

Olaf Kurtz

***


Die Macht der Macht

Die Macht ist Macht, wie man sich machtvoll macht.
Und ist man machtvoll, macht man Macht gewaltig.
Gewaltige Gewalt wählt bald die Schlacht
Der Urgewalt, um Völker fiederspaltig

Zu zwingen unter Zucker, Zeit und Zucht,
Um ihnen ihre Würde auszusaugen.
Und zwischen Brüdern teuft man eine Schlucht.
Befehl der Macht: Das Volk der toten Augen!

Gewehr und Kerker, Spitzel, Mauern, Fluch,
Verboten alles, Wahrheit, Lachen, Buch.
Und Bonzen gehen ihre Pfründe messen.

Geschrei und Fahnen, Lügen, Orden, Not
Erlaubt das Böse, Blut und Hassen, Tod.
Und solche Lumpen sollen wir vergessen?

Kurt May

***


Was macht die Wörter zum Gedicht

Sich sammeln, sich ein Herz nehmen
Um ein Gedicht zu schreiben
Aber woher nehmen und nicht stehlen
Als entleibte man sich für ein Weib
Aber was ist man ohne Leib

Ganz ohne schreibt man kein Gedicht
Aber was weiß ich, was du nicht
Immer die Frage, was macht dich heiß
Was hält kühl wenn Sonne sticht
Was gibt Gesicht, hält frei die Sicht

Was nimmt Schwere, schafft Gewicht
Was macht die Wörter zum Gedicht
Soll es wachsen wie ein Baum
Soll es gebaut sein wie ein Haus
Damit man hinein gehn kann, hinaus

Die Fragen brennen, stehn im Raum
Zu brennen beginnt am Stoff ein Saum
Wer löscht den Brand der Wörter
Ein Dichter wird ungern zum Mörder
Vor allem wenn es um Wörter geht

Was ist Gedicht, was ist nur Text
Die Wörter wollen errungen sein
Sangbares will gesungen sein
Manchmal ist es wie verhext
Da hilft kein Wollen und kein Werben

Wie leicht lässt sich etwas verderben
Wie leicht geht etwas in Scherben
Was als vollkommene Form erschien
Das Sein der Wörter ist oft Schein
Es ist wie im richtigen Leben

Einer trinkt Wein, ein anderer träumt
Leicht ist die Gunst der Stunde versäumt
Leicht gehn dem Stift die Wörter stiften
Mal wird der Stift zum Zauberstab
Mal wendet sich das bekritzelte Blatt

Zum Guten

Peter Frömmig

***

Die Folter ist tot, es lebe die Humanität

Andächtig durch alte Burgen wandelnd,
bestaunen wir in den Kammern
Zeugen grausamer Vergangenheiten.

Wir sehen:
die Streckbank,
Daumenschrauben,
die eiserne Jungfrau,
Brenneisen und anderes Gerät
und ein Gefühl des Grauens
befällt uns leise.

Doch manchmal entsteht
vor unserem geistigen Auge
ein seltsames Bild,
in dem wir selbst uns sehen
im schwarzen Gewand der Folterer.

Das tut man nicht!
Das tut man nicht!
In anderen Ländern vielleicht!
Türkei, Russland, Uganda,
in Korea, im Vatikan vielleicht!
In allen Diktaturen, aber nicht hier!

Wirklich nicht?
Wird hier keinem Menschen
der Wille gebrochen, die Seele gewaschen?
Was passiert in vielen Ehen,
in denen täglich geschlagen wird?
Und die Kinder!
Die misshandelt werden?

Geschlagen, geschunden, gequält!
Täglich und stündlich und überall!

Vorgespielt in Horrorvisionen
der Videomarkt weiß Bescheid,
Filme in denen der Betrachter
still und leise Anteil nimmt
an unendlichen Qualen.

In denen stellvertretend
die Darsteller agieren
der Betrachter sich leben lässt
nach seinen Verlangen!
Die Sensationslust hat Anhänger,
verschwiegen und geheim.

Das tut man nicht! Das tut man nicht!
Nie wieder Folter! Wir sind dagegen!
Wir verbannen sie als Vergangenheit
und besuchen alte Burgen
in denen uns das Grauen befällt
beim Anblick der Instrumente.

Einen Augenblick vergessen wir
die Gegenwart der Folter überall.

Martin Kirchhoff

***


Klage an Prometheus

Großer gewaltiger Titanensohn
Spross der Göttin Urgewalten
Gebracht hast du vor Urgezeiten
Uns einen qualenvollen Mühelohn

Feuriger Fackelträger des Kosmos!
Lichtbringer und lodernder Bezwinger
Der Dunkelheiten tiefster Niederringer
Deine List ist unser größtes Plagelos

Abertausend Jahre schon frisst und nagt
Der grausame Greif des Gotteszorns
Der schallend durch die Berge jagt
Labend an deinen süßen Eingeweiden

Rot sind die Gipfel der hohen Berge
Blutgefärbt sind auch die tiefsten Täler
Und wir, die wir des Gottes Pfähler
Sind, bleiben doch die kleinsten Zwerge

Wieso hast du uns mit einem Atemzug erschaffen
Aus der Erde stickend Schlamm und trüben Wasser?
Sind wir nicht deine allergrößten Hasser
Die verabscheuen, was du einst hast groß geschaffen?

Götterlos und längst verlassen
So irren wir hoffnungslos hin und her
Die alten Götter gingen und wir verblassen
Und unser Innerstes ist kalt und leer

Nimm dein Licht, verschlagener Titanensohn!
Nimm es wieder und bring es heim!
Tiefste Dunkelheit ist des Menschen Lohn
Denn für Titanenlicht ist der Mensch zu klein!

Bülent Kacan

***


GÖÖGLMÖÖSCH & = 16

76
Und sie schössen Thös mit der klebwaffe fest
   und ketteten Posi vom bett los
Sie weigerte sich einen schritt zu tun:
   Was wollt ihr? auch Beuys war in fett groß!
Billy schnitt ihr die spilkes ab
   und soff aus den enden die bluten
Posi fühlte sich ohne so gut
   und schrie: Een bott is noch buten

77
Wir haben Posi aufs tramgleis gesetzt
   von Verdun bis zum Tienanmenplatz
Sie kam in fahrt und wir blieben dahint
   zu leicht gewogen am rennplatz
Wir trabten Chausseen Chausseen zurück
   in Jacken unterteilte
zur gradheit geboren zur biege bestellt
   gestellungen Childishgestylte

78
So sind wir ohne zu wissen wann
   ins neue Jahrhundert gestolpert
Wir dachten wir seien die letzten dabei
   waren wir die ersten der wolpert-
inger Wir blickten ins pisistozän durch
   aufs utopia mächtiger henkel
Am horizont ging das urwasser ab
   zu atem kam erst das enkel

79
Du mußt aus deiner politischen klau-
   se raus wo das leben privat ist
dahin wo geborgenheit mit dem feind
   und wo mit dem freund der verrat ist
wo das äuge schreit und der mund nichts hört
   dahin dahin mit zitronen
Hier leckt die Luzie hier spring auf
   und verzocke deine tachyonen

80
So zogen wir aus dem schon ins noch
   die kurrende die selapsalmende
Wir wären die insein im stillen antill
   wofern man uns wiederfände
Wir waren der krezuweg der hochsinnton
   die letzten bekehrten des big bang
Ehr geht ein kamel aus dem noch ins schon
   als einer von uns aus dem cliffhang

ToussainT

***


Erinnerung

Meine Stadt wurde größer,
als es die Mauer nicht mehr gab.
In Schöneberg wohntest du,
die Jahre der Briefe waren vorbei.

Schmal deine Wohnung,
Waschmaschine im Keller,
unterm Dach ein Raum für alle,
die Kirche im Hof.

Plötzlich war dein Leben
ein anderes, du konntest
nicht mehr laufen,
ich lief für dich, Jahr um Jahr.

Letzter Umzug,
wir wußten es.
Im Pflegeheim ein Doppelzimmer.
Heimatlos nun, sagtest du.

Sessel, Intarsientisch,
dein Lieblingsbild und das Klavier
Vertrautes sollte um dich sein,
hier blieb es fremd.

Mit dem Rollstuhl zum
Potsdamer Platz, mauerverschnürt
hast du ihn gesehen.
Jetzt saßen wir, bestellten Eis.

Im Tiergarten
auf stillen Schattenwegen
sprachst du mit den Bäumen,
leise
hier fängt mein Leben wieder an.

Dann saß ich an deinem Bett
hielt deine Hände,
die sich nicht mehr wärmen ließen,
sah dich lächeln.

Nach zehn Jahren
durch vertraute Straßen.
Ich ging nicht auf den Friedhof,
du kamst mir entgegen.
Eine Amsel warnte laut,
vielleicht brütet sie schon im Strauch,
wir aber nickten uns zu
und wußten so viel.

Marlies Schmidl

***


doppelzüngig

wiederaufbau in afghanistan
im lichte der kriegsbilder

ruinen durch ein tor gesichtet
untergehende abendsonne
spielt um ein restaurant aus staub
fast im freien bestaunte teller

und die töpfe aus aluminium
verbeult wie der koch ohne

mütze im fahlen geisterraum
die wenigen gäste kennen sich
familiär füttert der schmerz
unter dem schleier neuer kleider

rechtfertigen geschickte soldaten
ihre zerstörung einzig nach hause

Manfred Pricha

***


Steigerungsfähige Relationen

manche freilich sind reicher
andere sind die ärmsten

manche freilich sind fröhlicher
andere sind die traurigsten

manche freilich sind satter
andere sind die hungrigsten

manche freilich sind fauler
andere sind die fleißigsten

manche freilich sind cleverer
andere sind die naivsten

manche freilich sind flexibler
andere sind die behindertsten

manche freilich sind schmieriger
andere sind die offenherzigsten

manche freilich leben besser
andere leben am besten – gar nicht

Karl-Heinz Schreiber

***


Solch eine Zerstörungswut
hinter manchem Denken
hinter vielem Denken
mitten unter uns
unsichtbar
schon wirkend
bevor es Hand anlegt

Traurig
die Wirklichkeit
nach ihrem Ausbruch
Sinne entfesselnd
die dem Leben
nur Leid einbringen

Und manchmal
ein Gegengedanke
ein Wink eines Herzens
ein Fürgedanke
für Heil
das dort erhungert wird
wo einmal
die Liebe gestorben
und Menschen
verdorben

Friederike Weichselbaumer

***


Okzidenta Irredenta

Guten Abend Morgenland

Auf den Dächern deiner Städte sitzen
immer noch die Raub-Raben
mit schwarzen Nachrichten aus dem All
   voll die Graben
      besitzen
Mit Ammenmärchen richten
sie deine Spätlinge
   und berichten
      vom Ende der Erdlinge

Du hast ihnen den Weltenlenker geschenkt
den Krisen-Kriegern unterm Hesperus
   einen Herren Jesus Christus

Guten Abend Morgenland
Schwer wird deine Nacht wiegen
in deiner Brust nackt liegen
beim Werben von Wettbewerben
für Okzidenta Irredenta
die Waren-Wertezentrale erben

Scharlatenenstab beim State Department
kommandiert die Invasions-Scharen
   gegen Schurkendreck
      und barfüßige Barbaren
im sympathischen Dreieck
Demokratie-Menschenrecht-Markt
mit Latrinen-Latein ins Stammbuch geschrieben
      von Börsen-Haus-Dieben

Mit Schalmeientöne schwer
seit Menschengedenken drehen
die Direktoren von EU-Nomenklatura
      Brüsseler Syndikat
diktieren den Besitzlosen den Spagat
mit einer Alternative hausieren zu gehen

Guten Abend Morgenland
Nicht mit Kanonen und Fliegern allein
kommt Insania und Invasion und Pein
sondern mit Sölder-Banden der Demokratie
Tugenden der Kompradoren-Kompanie
      und Tartüffe-Apathie

Von der Brust trennen sie deine Kinder
Patrouillieren Privatier-Palast-Parasiten
als Guerilleros und Heros-Papagei
   aus der Bravour-Bastei
Schwer die Schlacht der Supermacht
   die Pracht und Tracht
      im Dunkel der nackten Nacht

Fabulanten-Figuranten-Briganten
Migranten-Eleven-Eleganten
randalieren galant am Randstand
   und verbrannten Sandstrand

Guten Abend Morgenland
Dich fand ich manisch
nach der Piraten-Tat spartanisch
Im Kessel Abrahams Schlag um Schlag
vor dem Demokraten-Syndikat
Alle Zeiten im Monekraten-Monat
Alle Werker entspringen
   dem Nukleus des Humanismus
dem Wettbewerbs-Werben und singen
   byzantinisch den Krötenhymnus

Ein Sklave war Spartakus
bevor er zum Rebellen erwuchs
und zum Opfer fiel zum Schluß
   im Gladiatoren-Glanz
      beim Intriganten-Tanz

In meinen Tagebüchern brennt
die Brust der Brotlosen brutal – der Paria
brilliert den Rebell wider den Tyrannen-Traum
mitten aus dem Leben der Kosmopolitania
      im herrenlosen Weltraum

Guten Abend Morgenland
Nicht als gestrig – du weißt
Dicht das Dunkel vom Rand
leicht das Licht im Geist
   seit Privat der Nukleus
      alles urbanen Lebens ist

Du hast immer als Geheimnis gegolten
als Objekt der Beute-Partie-Drachen
Und seit das Patriziat das Gebot achtet
die Erde Untertan zu machen
wirst du vom Everest herunter betrachtet

Vereint im Piraten-Port
weint die Mutter Oktopus
   im Adel-Adlaten-Fort
Dich sehen Arena-Athleten des Hokuspokus
durch Goldbrillen-Rahmen des Summus Episcopus
als schweren Kummer-Schrei mit Krummschwert
systematisch schaitanisch-scharlatanisch vermehrt
      in deinem defekten Dasein
Bieten sie dir einen Tonbecher Scherbett an
ist ihnen sicher ein Silberfaß Wein

Guten Abend Morgenland
Auch hattest du den Tag kurzer Dauer
als deine Kinder
die Bramarbasse der arischen Erfinder
vom Teufel-Turm herunterholten
   und Pleitier-Papageien
      und Privatier-Lakaien

Dir wurde dann beigebracht
beim langen Nomadieren durch die Nacht
die manische Melancholie zum Schreien
   für immer mit Laie-Litaneien
      im Liliputaner-Terrain

Guten Morgen Abendland
Dich haben sie mordsmäßig moorig
in Morpheus' Armen gelegt mit Segen
dann als Monopol-Monstrum beim Kugelregen
morbid und Mammon-motorig
seit deine High-Tech-Kannibalen
   den Gegenwind-Barbaren
      an die Gurgel fahren

Wenn gezwungen irgendwann
zum Verfall in den Tartarus
nimmst du den Erdball dann
      mit in den Orkus

Im Übelstand des Alterns
im Modder des Metropolen-Sterns
Die Reporter haben nicht genug davon
in ihrem Modus überall
von Schlachtfeldern zu berichten im Qual
Vorm Tiefenpanorama mobilisiert
      der Protektoren-Patron
   den Mob für das Dauerdrama
nach dem Handstreich auf Babylon
Im Abwägen zwischen Profit und Pflicht
alles dem Mäuse-Moloch unterworfen
      selbst das Morgenlicht

M. Kurtulus

   

Netzbrücke:

• Necati Merts Kolumne

• Mehr lesenswertes   Textmaterial

• Wider den Schwarzen   Winter

• Porträt des   Periodikums