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Kunst ist kein Zufall, der Zufall keine Kunst
Auf die Zufallskunst wurde ich durch eine Ausstellung
über John Cage aufmerksam. Mit Zufallskunst meine ich eine
Kunst, die vor allem durch den Einfluss zufälliger Ereignisse
entsteht. Cage entwickelte z. B. einfache Computerprogramme, bei
denen ein Zufallsgenerator die Positionen von dicken, schwarzen
Strichen auf einer Fläche zufällig bestimmt (eigentlich
müsste man sagen: auslost) und die so entstandenen Bilder präsentierte
er dann als Kunstwerke. In der besagten Ausstellung hingen dann
solche zufällig entstandenen Bilder neben u. a. denen von Annie
Albers, die ganz ähnliche Sachen (nämlich ebenfalls dicke
schwarze Striche auf weißem Grund), allerdings ohne gezielten
Einsatz des Zufalls fabrizierte. Das für mich interessante
daran war, dass mir die Sachen von Annie Albers eindeutig besser
gefielen; sie schienen mir komponierter, eleganter, während
ich die Objekte von Cage beliebig, seelenlos fand. Dabei bin ich
mir nun gar nicht sicher, ob es nun tatsächlich die Werke selbst
waren, die diesen Eindruck bei mir hervor riefen, oder ob mein Wissen
um den jeweiligen Entstehungsprozess (bei Cage vermittels Zufall,
bei Annie Albers künstlerische Inspiration) meine Wahrnehmung
und vor allem meine Empfindung bei der Wahrnehmung, wie man so sagt,
präformierte. Anders gefragt: kann es sein, dass ich ein Kunstwerk,
von dem ich weiß, dass es zufällig entstanden ist, einfach
nicht als richtiges Kunstwerk akzeptieren will und es schon allein
darum zwangsläufig als seelenlos wahrnehme?
Und noch mal anders gefragt: warum ist es uns eigentlich
so wichtig, dass Kunstwerke eine Seele haben, während wir dem
Zufall die Seele schlechterdings absprechen? – Es ist ja eine
empirische Tatsache, dass fast jeder, der irgendein beliebiges Kunstwerk
schätzt, egal ob es sich um einen Film, einen Roman, ein Bild
oder ein Musikstück handelt, neben aller technischer, handwerklicher
Bewunderung für das Können und die präzise Hand des
Künstlers sagen wird: „Außerdem hat es Seele!„
Die meisten Menschen bestehen darauf, dass diese Seele, auch für
neutrale Dritte, spürbar sei: „Das musst du doch hören,
Amy Winehouse Gesang ist voller Seele!„ Außerdem impliziert
die Rede von der Seele, dass das ganze Kunstwerk ohne diese besagte
Seele nichts, keine Beachtung wert wäre. Über aller technischen
Raffinesse steht die Seele, die Seele ist das A und O. Es gibt sogar
Künstler, denen man das technische Können abspricht, die
gleichwohl über viel Seele verfügen: die Sängerin
Hildegard Knef, die nicht wirklich singen kann, aber dafür
sehr ausdrucksstark; die Sex Pistols, die nur drei Akkorde beherrschen,
aber den Punk prägten … bei einem Kunstwerk mit Seele
ist die Technik schnuppe, während noch die beste Technik kein
seelenloses Werk rettet …
Die Seele ist dem Kunstwerk immanent (wo sonst sollte
sie sich befinden), ja sie durchwirkt es in all seinen Details und
ist in jedem Detail eines Werks nachweisbar. Es gibt sogar Künstler,
für die wächst die Seele in ihren Werken mit dem Schöpfungsprozess.
Anders als andere Künstler, die sich bereits beseelt fühlen,
wenn sie mit dem Werk beginnen, spüren sie die Seele noch nicht
vom Anfang der Werkschöpfung an, sondern sie muss sich erst
mit dem Werk gemeinsam entwickeln, und wenn der Prozess der Werkschöpfung
missglückt, bleibt auch die Seele fern. Die Seele existiert
also nur mit und durch das Kunstwerk, sie ist an seine konkrete
Materialität gebunden, und dennoch meint der Betrachter, sie
existiere auch über das Werk hinaus oder sei zumindest stärker
als das Werk; wie eine Idee Platons, die unabhängig von der
Materie die Gestalt der Materie bestimmt. Das ist das Paradox der
Seele in der Kunst: sie ist im Grunde nichts als das Zusammenspiel
seiner Elemente, und doch ist das Zusammenspiel dieser Elemente
nichts ohne die Seele, die sie organisiert und in Form bringt.
Doch wenn das alles ist – warum gelingt es dem
Zufall dann nicht, beseelte Werke zu schaffen? – vielleicht
weil zufällig eine sinnvolle Ordnung zu schaffen statistisch
zu unwahrscheinlich ist? - so wie bei den Affen an der Schreibmaschine,
die wild auf die Tastatur hämmern und natürlich immer
nur sinnlose Zahlen und Buchstabenkolonnen wie etwa „weztvp2h
g4wq zo81„ zusammen bringen, aber in einer Milliarde oder
Billiarde Jahren vielleicht zufällig auch einmal Goethes Faust
tippen. Die Evolution denkt in Dimensionen der Erdgeschichte und
hat mithin viel Zeit, man muss also nur lange genug warten. Allerdings
muss jemand den Prozess begleiten und die Zufälle auswählen,
ein zur Kunstkritik fähiges Wesen muss den Faust erkennen,
wenn er ihn in die Finger kriegt. Die Affen selbst können ihn
nicht von „agfogwv zt34o8vt 3tv2o vt8o57tv„ unterscheiden.
So William S. Burroughs, der seine CutUp-Textproduktion
zwar mit Zufallsprozessen beginnt, indem er Textseiten in zwei Hälften
schneidet und diese anders zusammenfügt, so dass sich zufällig
neue, absurde Satzzusammenschlüsse ergeben, der aber dann diese
Satzzusammenschlüsse kritisch sortiert und nur die aufhebt,
die für ihn Geist oder Witz ausstrahlen. Von zehn zerschnittenen
Seiten hebt er nur einen Satz auf, was Kollegen Jörg Fauser
die CutUp-Methode als „eine Knochenarbeit„ beurteilen
ließ. Wie in der allgemeinen Evolutionstheorie heißen
also die Schritte in der Zufallskunstproduktion: Mutation (neue
Kombinationen werden zufällig gebildet), Selektion (geeignete
Kombinationen werden ausgewählt) und Reproduktion (die geeigneten
Kombinationen werden wiederholt). Es reicht nicht hin, bloß
den „gelungenen Zufall„ auszuwählen; man muss ihn
auch reproduzieren können. Dazu dient Burroughs’ Übung.
Ein Zufall allein macht noch kein Kunstwerk, doch zu viele Zufälle
ergeben ein Gewimmel. Nötig ist der Zufall, der sich wiederholt.
Freilich nicht im Sinne einer Endlosschleife, sondern im Sinne gelungener
Variationen, die das Faszinierende des Zufalls spiegeln, reflektieren
und in vielerlei Brechungen immer wieder neu zutage fördern.
Man muss sozusagen gucken, was sich alles aus einem Zufall herausholen
lässt. Denn so wenig, wie sich eine Inspiration auf dem erst
besten Weg voll entblättert, dürfen wir von einem Zufall
kaum erwarten, dass er bereits beim ersten Auftritt voll zur Geltung
kommt. Auch er gleicht einem rohen Diamanten, man muss ihn noch
schleifen und polieren.
Ich denke, dass Burroughs’ Figuren und Motive
zuerst zufällig entstanden sind: die Idee einer Sprache, die
nicht durch Interaktionen unter den Menschen entstanden, sondern
als Virus aus dem Weltall auf die Erde gefallen ist, die Gehirne
der Menschen infiziert und im Dienst fremder Mächte unser Denken
manipuliert … das alles klingt zu verrückt, als dass
er es sich einfach nur so ausgedacht haben könnte. Ich vermute,
dass es sich bei ihnen um Produkte seines CutUp-Verfahrens handelt:
Burroughs hat also Zeitungsseiten zerschnitten und verschiedene
Hälften anders zusammengefügt, so dass sich aus den so
entstandenen Nonsens-Sätzen neue Ideen herauslesen ließen,
wie etwa Worte als kleine Tiere, die sich in die Gehirne fressen.
Dabei traten diese neue Romanideen freilich noch nicht gleich in
der entwickelten, literarisch perfekten Form zutage, wie wir sie
heute in seinen Romanen finden; überhaupt tauchen sie ja in
mehreren Texten auf, die jeder für sich dann sicherlich nicht
zufällig entstanden sind. Zufällig entstanden ist allein
die erste Idee. Aber sie waren bei ihrem ersten Auftreten eben noch
ganz grob und unfertig und mussten noch weiter ausgeführt werden.
Und dieses weitere ausführen ist dann wieder eine konventionelle
schriftstellerische Arbeit.
Für unsere eingangs formulierte Frage nach dem
Wesen der Seele in der Zufallskunst ist dies ein erster, wichtiger
Befund: denn er macht deutlich, dass in dem Zufall durchaus eine
Seele stecken kann, allerdings ist sie anfangs zumeist sehr unscheinbar
und versteckt; und es bedarf eines aufmerksamen Beobachters, der
die herausragenden Zufallsprodukte in der Ursuppe des bloßen
Rauschens sicher erkennt und weiter auszuschlachten versteht. Man
braucht ein Gefühl dafür, was der Zufall so hergibt, wie
weit das Spiel sich treiben lässt. Womöglich lässt
sich dem Prozess vergleichen mit dem einer Jam-Sesssion: die Musiker
spielen munter drauflos, spontan und ohne nachzudenken, wie es gerade
kommt, und entwickeln dann in einem mühevollen, allmählichen
Prozess aus dem Chaos Strukturen, Formen, entwickelte Melodien bis
hin zu fertig gefügten Songs. Sehr plastisch zum Beispiel bei
„Can: die Musiker scheinen über weite Strecken einfach
nur so auf ihren Instrumenten herumzudreschen, man hört chaotische
Klangcollagen, scheinbar zusammenhangslose Geräusche oder schlicht
und einfach nur Lärm, dann aber auch kurze melodische Fragmente,
die wie kleinen Blüten aus dem Sumpf herausgucken, als eingängiger
Song ins Ohr gehen, um gleich darauf wieder von uferlosen kakophonischen
Improvisationen verschlungen zu werden. Es ist so, als ob im unbestimmten
Chaos hier und dort immer wieder kleine gefällige, melodische
Formen entstünden und wieder vergingen. Man kann sie festhalten,
man kann sie aber auch wieder sich auflösen lassen und gucken,
was der Zufall als Nächstes bringt.
An dieser Stelle möchte ich einen nahe liegenden
Einwand vorweg nehmen: eine Jam-Session ist nicht zufällig!
Auch wenn die Musiker ohne bewusste Kontrolle spielten, so führe
doch nicht der Zufall, sondern ihr Unbewusstes Regie. Das stimmt.
Ich meine allerdings, dass es für meine Argumentation keinen
Unterschied macht, denn das Material wird so oder so erst im Nachhinein
betrachtet und beurteilt, egal wie der Zufall wirklich beschaffen
ist. Über die Realität des Zufallsmechanismus lässt
sich letztlich eh nichts sagen. Das zeigt sich anhand der naturwissenschaftlichen
Diskussion über Zufall oder Determinismus. Für einen radikalen
Materialisten, für den nichts ohne Ursache existiert, sind
zumindest rein theoretisch alle Ereignisse determiniert und keines
rein zufällig: selbst wenn man eine Münze für Kopf
oder Zahl in die Luft wirft, ließe sich das Ergebnis voraussagen,
wenn man nur alle nötigen Faktoren wüsste, also Rotationstempo,
Wurfhöhe, Luftwiderstand etc., und ein gutes Computerprogramm
zur Simulation ihrer Einflüsse auf den Prozess besäße.
Da wir das nicht haben, erscheint uns das Ergebnis wie ein Zufall
- es ist, theoretisch gesehen, kein Zufall, wir behandelt es nur
so. Und wir können es auch so behandeln, weil es eben in unserer
grobe Wahrnehmung wie ein Zufall erscheint. Und in dieser Weise
sichten wir auch die Ergebnisse einer Jam-Session: als Material,
das in Wirklichkeit vielleicht gar nicht zufällig entstanden
ist, das sich uns als Betrachter aber wie ein Zufallsprodukt präsentiert
– und als solches eben, wie die Zufallsmutationen in der Evolution,
gesiebt und kultiviert werden muss.
An dieser Stelle wird deutlich, dass Ästhetik
eine empirische Angelegenheit ist. Ob etwas gefällt oder nicht,
kann man nur entscheiden, wenn man es sieht, schmeckt, hört,
fühlt oder liest. Das mag trivial klingen, ist es aber nicht:
tatsächlich lehrt uns die tägliche Erfahrung doch, dass
die meisten Menschen dazu neigen, Kunst nach ihrem Image oder ihrer
Reputation, nach Ideologien oder Trends, was allgemein als chic
oder revolutionär gilt, zu beurteilen. Es gelingt praktisch
kaum, all diese Einflussfaktoren wirklich auszuschalten und nur
die reine, unverfälschte Wirkung eines Werks für das eigene
Geschmacksurteil zuzulassen. Doch genau hier kommt uns die Zufallskunst
entgegen: weil sie auf keine anderen Quellen zurückgreifen
kann als den Zufall, schließt sie eine Beurteilung nach sozialem
Raster praktisch aus: man kann dem Zufall nicht unterstellen, er
sei kleinbürgerlich, kommerziell, kitschig oder avantgardistisch,
oder man macht man sich lächerlich. Man kann darum gar nicht
anders als sich ihm unvoreingenommen zu nähern. Weil der Zufall
eben aufgrund seines Ursprungs im Zufall solche (oder ähnliche)
kategorischen Zuschreibungen ausschließt, empfiehlt er sich
für eine Beurteilung allein nach dem ästhetischen Gefühl
des Betrachters. Im Idealfall zwingt uns Zufallskunst also zu einer
Besinnung auf unser ästhetisches Erleben.
Zufallskunst, wenn man sie so betreibt, ist eine zähe,
mühselige Angelegenheit: es gilt ja jedes Produkt, das der
Zufall produziert (und er ist sehr produktiv, je nachdem wie man
ihn einsetzt, vermag er hundert Produkte in wenige Stunden zu fabrizieren)
genau zu prüfen, ob ihm das Potential für ein Kunstwerk
innewohnt. Diese Prüfung kann ja, wie oben beschrieben, nicht
anhand einer von außen an die Produkte angelegten Checkliste
erfolgen, sondern muss den Produkten immanent erfolgen. Der Zufallskünstler
muss jedes Zufallsprodukt einzeln in die Hand nehmen, es unvoreingenommen
daraufhin betrachten, ob es sich bei ihm um ein potentielles Kunstwerk
handeln könne, und überlegen, ob es sich lohnt, die Arbeit
des Zufalls fortzusetzen, das Werk im Sinne des Zufalls zu vollenden.
Für mich wird hier eine tiefe Ambivalenz zur
Zufallskunst deutlich: der Künstler macht sich, bzw. die Entwicklung
seiner Werke drastisch vom Zufall abhängig, er unterwirft seine
gestalterische Kraft dem Wirken des Zufalls. Idealistisch motivierte
Menschen könnten das als Blasphemie empfinden, den Verrat der
Seele der Kunst an den Zufall. Revolutionär gesinnte Zufallskünstler
werden diese Sorge als kleinbürgerlichen Reflex abtun, als
einen reaktionären Rückfall in den Geniekult des 18ten
Jahrhunderts; aber ist der Einspruch damit wirklich schon erledigt?
Schließlich scheint für den Wert einzelner Kunstwerke
mehr als für andere Dinge in der Welt die Absicht des Urhebers
relevant: ein Beispiel dafür ist die Geschichte eines berühmten
Malers, der aufgrund einer Hirnerkrankung gegen Ende seines Lebens
zunehmend an geistigen Fähigkeiten verlor; unter den Kunstsammlern
entbrannte daraufhin eine Diskussion darüber, bei welchem Bild
die Krankheit wie weit fortgeschritten sei und ab wann die Bilder
mithin wertlos seien. Ein schönes Beispiel, finde ich, für
die Bedeutung bewusster Urheberschaft in der Kunst. Als Kunst gilt
ein Werk nur dann, wenn es mit voller Absicht entstanden ist. Wenn
es dagegen aus Versehen, wie im Beispiel in geistiger Umnachtung
oder eben gar zufällig entstanden ist, gilt es nicht wirklich
als Kunst. Darum widerspricht das Prinzip der Zufallskunst der Idee
der Kunst radikal; und der ernsthaft vertretende Gedanke an Zufallkunst
hat darum etwas anarchisches, antihumanes oder sogar nihilistisches.
Ein weiterer Einwand lautet: da sich Zufallsergebnisse
mathematisch mittelfristig immer einer so genannten Gauss’schen
Normalverteilung annähern, zum Beispiel beim Würfeln die
sechs Zahlen jeweils gleich häufig erscheinen, wird Zufallkunst,
je länger ihr Prozess dauert, statistisch immer balancierter,
ausgewogener – das heißt aber auch: langweiliger werden.
Auf jeden langen Ton, folgt früher oder später ein kurzer,
auf jeden Kreis ein Quadrat, auf jede Niederlage ein Sieg. Das aber
ist der Tod der Kunst, die ihre Spannung und damit auch ihren Reiz
aus einer niedrigen, keiner hohen Entropie zieht: der Held ist 80
Minuten lang ein Verlierer und verwandelt seine Verluste erst in
den letzten zehn Minuten des Films in einen Sieg, das macht seine
Dramatik aus. Seine Motive und Bilder sind damit alles andere als
statistisch normal verteilt, sondern im hohen Maße künstlich.
Vielleicht ist dies sogar die allgemeinste Definition eines Kunstwerks,
dass es sich gerade durch sein sichtbares Gestaltet-Sein aus dem
Amorphen heraushebt.
Auf der positiven Seite wird durch Zufallskunst ein
neuer Horizont eröffnet und damit eine neue Dimension von Freiheit
sichtbar: durch den Einfluss des Zufalls dürfte das Repertoire
an Themen, das Kunstwerken zur Verfügung steht, auf jedem Fall
erweitert werden. Wir trauen der menschlichen Erfindungskraft nichts
wirklich Neues mehr zu. Wir haben einfach zu oft erlebt, wie vermeintlich
neue Einfälle nur aufgewärmte alte Ideen waren. Ja, vielleicht
kann sich der menschliche Geist gar nichts wirklich Neues ausdenken,
sondern ist von Natur aus dazu verdammt, nur bekannte Gedanken zu
variieren; doch merkt er es nicht und hält sein stereotypes
Wiederkäuen für originell. Auch für diese These ließen
sich gewiss eine Menge Beispiele finden: scheinen nicht die Themen
der Romanliteratur bereits seit der Antike abgezählt: Verrat,
Liebe, Eifersucht, Mord? Hat Bach nicht im 17ten Jahrhundert bereits
den Jazz vorweg genommen und die Höhlenmalerei den Comic? –
wenn das wirklich so ist, kann nicht die häufig überschätzte
menschliche Schöpfungskraft, sondern allein der Zufall etwas
wirklich Neues in die Welt bringen. Wie in der Geschichte der Evolution
durch zufällige Mutation neue Tiergattungen entstanden sind,
die die Vielfalt des Lebens auf der Erde bereicherten, könnte
die Zufallskunst die Welt der Kunst durch neue Themen und Genres
bereichern. Man muss nur wach bleiben und im richtigen Augenblick
zuschnappen. Der Zufall bringt das Neue in die Welt. Ein verschleppter
Ton, der sich hinzieht wie eine quietschende Bremse und dann in
ein Kriegsgeschrei übergeht, ein Schachspiel, dessen Verlierer
nicht mit Ohnmacht bestraft, sondern mit Liebe belohnt wird, ein
Kriminalkommissar, der seine Fälle mithilfe von Korruption
löst, eine Gesellschaft, in der die Armen die Reichen ausbeuten
– das alles könnte es geben, nicht weil es sich der menschlichen
Phantasie intuitiv aufdrängt, sondern weil der Zufall die Elemente
so kombiniert und vorgibt. Die Frage dabei ist freilich stets, was
die zufälligen Kombinationen künstlerisch jeweils hergeben
und ob sie sich reproduzieren, also als zu stabilen Kunstwerken
weiter entwickeln lassen.
Thomas Nöske
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