XXIX. Jahrgang, Heft 154
Mai-August 2010/2
 
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Letzte Änderung:
11.7.2010

 
 

 

 
 

 

 

MEDIEN–KULTUR–SCHAU


   
 
 


Barbara Serloth
Entpolitisierung der Politik?
Nationalstaatliche Demokratie zwischen Selbstentmachtung, Globalisierung und ungebrochener Lenkungsmacht, StudienVerlag, Innsbruck-Wien-Bozen 2009, 164 Seiten, 22,90 €

Gleich eingangs stellt Barbara Serloth die Frage „warum es zu einer Entmachtung der nationalstaatlichen Politik gekommen ist“ (S. 9). Dass es dafür objektive Gründe geben könnte, weist sie zurück (S. 45), Serloth spricht vielmehr von einer „Entmachtung und Entpolitisierung durch die politische Elite“(S. 44): „Provokant formuliert würde es bedeuten, dass sich ein Teil der institutionellen Politikakteure selbst entmachtet, um die eigenen Positionen, Einflusssphären und Möglichkeiten als Politikakteure, aber auch als private Personen abzusichern bzw. zu verbessern.“ (S. 45) Die Autorin, Leiterin der politischen Dokumentation der sozialdemokratischen Parlamentsfraktion, geht also dezidiert von „einer strukturell unnotwendigen Entmachtung des nationalstaatlichen Parlamentarismus“ (S. 30) aus.

Zuletzt gerät diese These dann noch auf eine verschwörungstheoretische Ebene: „Die nationalstaatliche Demokratie und Politik als entmachtet anzusehen bzw. darzustellen, kann als einer innerhalb der umfassenden und allgegenwärtigen Mythen der Globalisierung und Entgrenzung angesehen werden. Die Akzeptanz dieser Mythen basiert u.a. auf dem Interessenszusammenspiel der Politikakteure der verschiedenen Ebenen und Verteter der para-instituionellen Gruppierungen. Sowohl institutionelle, als auch para-institutionelle Politikakteure und Entscheidugnsträger benutzen den Entmachtungsmythos für ihre Interessen. Zumeist sind diese karriereorientiert zu definieren.“ (S. 149) Warum gerade die Karrieren sich aus der Entmachtung ihrer Einrichtungen speisen, bleibt allerdings ein Rätsel.

„Dass die Strategie der Übergabe politischer Vorentscheidungen an Experten nichts anderes als die teilweise Auf- und Abgabe politischer Lenkungs- und Gestaltungsmöglichkeiten durch die Elite der Entscheidungsträger selbst bedeutet, scheint zweifelsfrei zu sein.“ (S. 23) Das unterstellt freilich, dass die Politik stets ihre Entscheidungsgrundlagen selbst entwickeln könnte. Doch kann sie das? Können Volksvertreter etwa die Gefahren von Schweine- oder Vogelgrippe oder auch der Klimaerwärmung wirklich einschätzen? Sind sie hier nicht unbedingt auf Leute angewiesen, die sich auskennen? Das Problem liegt doch auf einer anderen Ebene, nämlich, dass die Experten von Wirtschaft und Politik abhängig sind, d.h. ihre Antworten nicht nur den sogenannten sachlichen Anliegen oder Fragen gelten können. Wer zahlt die Fachleute? Welchen Institutionen gehören sie an? Wer sind ihre Auftraggeber? Wozu und wie sind sie ausgebildet? - Indes, ob ein Impfstoff gut oder notwendig ist bzw. eine Bauvorschrift zweckdienlich, kann gar nicht demokratisch entschieden werden. Allerhöchstens kann das demokratisch beschlossen werden.

Politik erscheint als eine unbestimmbare Voraussetzung des Daseins. Sie wird beschrieben als sich selbst setzende Struktur, als „Politarchitektur“, die schon könnte, wenn sie wollte, was sie sollte. Der Ohmacht der Politik begegnet Serloth mit einem Postulat der Potenz, das suggeriert, dass die Schwäche aus der Selbstschwächung rührt, die jederzeit auch wieder durch eine Selbststärkung abgelöst werden könnte. Politik gehört in diesem Weltbild der Politik selbst. Die Sache scheint klar zu sein: Politisierung tritt auf als positive Kategorie, Entpolitisierung als abwertender Begriff. Und so endet der Band in der altbekannten Beschwörungsformel von der „Rückkehr des Politischen in die Politik“.

Die Stärke des Buches liegt aber in der Darstellung einer Mikrophysik der (österreichischen) Politik, d.h. in deren Mechanismen und Binnenverhältnissen, Details und Verlaufsformen. Wir erfahren einiges über die Tücken des Amtsgeheimnisses (S. 112) als auch über die Ausweitung informalisierter Arbeitsabläufe (S. 118). Es ist aber ein Unsinn zu fordern, dass „die informellen Seiten des Willensbildungs- und Normsetzungsprozesses weitgehend transparent geführt werden, institutionell verankert und einer Kontrolle unterzogen sind.“ (S. 118) Das Informelle ist per definitionem gegen Transparenz und Institution gerichtet. Auch der Aspekt, dass gerade die Informalisierung die Effizienz steigert, indem sie die Tendenz zur Bürokratisierung und Verlangsamung unterläuft, wäre in diesem Zusammenhang erwähnenswert gewesen.

Der Behauptung, dass NGOs inzwischen „Teil des Systems“ (S. 145), ja eine „Demokratisierungsenttäuschung“ (S. 145) sind, soll gar nicht widersprochen werden, wohl aber der Auffassung, „dass „die neuen, para-institutionellen Politiakteure über keine Verankerung in der demokratischen Legitimitätsbasis verfügen.“ (S. 147) Das ist doch ein verengter Blick aus dem parlamentarischen Gehäuse, der in beängstigender Manier Partizipation auf Repräsentation und Wahl reduziert.

Problematisch erscheint die unterschiedliche Gewichtung der einzelnen Ausführungen. Länge und Akribie dürften sich danach richten, ob die Autorin da oder dort involviert gewesen ist oder eben nicht. Etwas mehr Lektorrat hätte Stilblüten, Rechtschreibfehler, unfertige Sätze oder gar falsche Zuordnungen vermeiden helfen können. Pröll heißt einmal Erich statt Josef (S. 65), dafür soll er Innen- statt Landwirtschaftsminister gewesen (S. 115) sein. Es ist wirklich ärgerlich, wie hier die Verlage aufgrund des ökonomischen Sparstifts die Autoren in so manche Peinlichkeit laufen lassen. Oder wurde das Buch gar nur gedruckt, weil diese lästigen Tätigkeiten vorab outgesourct werden konnten?

Franz Schandl


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Volker Braun
Flickwerk
Suhrkamp, Berlin 2009. 77 Seiten, 16,80 €

Wenn es einen Schriftsteller gibt, den man als Repräsentanten der DDR-Intelligenz betrachten kann, so ist das zweifellos Volker Braun. Er hat sich in allen Gattungen versucht, in Lyrik, Dramatik und Prosa, doch wird sein Werk insgesamt vom Lyrischen bestimmt. Volker Braun hat Anregungen der französischen Dichtung des 19. und frühen 20. Jahrhunderts aufgenommen und einen eigenartig pathetisch-rationalen Stil entwickelt, der großen Anklang gefunden hat. Seit seinen Anfängen in den frühen sechziger Jahren hat Braun die Entwicklung der DDR-Intelligenz begleitet. Er hat ihre Formung und Wandlung erlebt, hat ihre Stimmungen verfolgt, ihre Ansichten vertreten, ihre Hoffnungen verfochten und ihre Enttäuschungen erlitten. Er ist gewissermaßen der Dichter der Intellektuellen gewesen.

Aber die DDR ist Vergangenheit und damit auch ihre Intelligenz. Vielleicht sollte man sie, um sie genauer von der westlichen und von der heutigen Intelligenz zu unterscheiden, mit dem russischen Wort Intelligentsia belegen. Die Intelligentsia ist eine politisierte Intelligenz, die sich als Fürsprecher der Gesellschaft und besonders ihrer unterdrückten Teile versteht. Sie beansprucht, deren Hoffnungen und Erfahrungen aufzunehmen und gefiltert und konzentriert wieder in die Gesellschaft zurückzugeben als Treibsatz für nötige Veränderungen, die zu einer besseren Welt führen sollen.

Die westliche Gesellschaft kann mit dieser Haltung wenig anfangen. Sie benötigt sie nicht, ja fürchtet sie sogar. Denn ihre Antriebsmittel sollen unsichtbar bleiben oder vielleicht wahrgenommen, aber nicht erkannt werden. Ihre Intelligenz soll sich der Unterhaltung und Zerstreuung widmen. Nur wenn sie sich die Narrenkappe des Spinners - ob ökofreak oder Dritte-Welt-Clown - überzieht, darf sie einige unliebsame Wahrheiten äußern, die sofort wieder verdrängt werden.

Obwohl Volker Braun auch im Westen bekannt ist, wirkt er vor diesem hier knapp skizzierten Hintergrund wie ein Fossil. Seine Dichtung braucht die Öffentlichkeit. Sie ist eine Aufforderung zum Dialog, zum Austausch mit gleichgesinnten, weil kritischen Geistern. Wenn es aber keine literarische Öffentlichkeit außerhalb des Literaturmarkts mehr gibt, dann mutiert der Dialog notgedrungen zum Monolog. Die öffentliche Rede wird zum Selbstgespräch, die Empörung mündet in Verzweiflung. Resignation und Hilflosigkeit - das sind die letzten Anmutungen des öffentlichen Dichters, der keine Öffentlichkeit mehr hat.

Diesen Eindruck erweckt jedenfalls sein jüngstes Buch: „Flickwerk“, eine Sammlung von Anekdoten und Glossen, notiert in der altmeisterlichen Manier eines Kleist und Hebel. Es ist ein interessanter Zug von Brauns Prosa - diese Abschweifung sei erlaubt -, daß sie auf die Vormoderne Tradition zurückgreift. Brauns Lyrik ist entstanden und gewachsen in der Auseinandersetzung mit der modernen französischen Dichtung, aber seine Prosa bezieht sich auf eine Literatur, die zwar die Unsicherheit des Stoffes, aber noch nicht die Unsicherheit des Erzählers kennt.

Brauns Anekdoten möchten Lehrtext und Narrenspiegel sein. Ihren Stoff beziehen sie aus den Partikeln der Wirklichkeit, die der Malstrom der Medien in unerschöpflicher Fülle liefert, um das Erkennbare unerkennbar zu machen und das zwingend Veränderbare als ewig Bestehendes in uns einzubrennen.

Braun versucht sich dem entgegenzustemmen. Er möchte - wie er es in der DDR getan hat -, diese Gesellschaft unterrichten, sie aufklären, damit sie sich ändert. Was aber, wenn sie das nicht will, wenn alle Änderung, alle Reform, um dieses Unwort des Kritikers zu verwenden, nur Spektakel oder kosmetische Korrektur ist?

„Es muß sich alles ändern, damit es bleibt, wie es ist.“ Diese Äußerung aus Giuseppe Tommasi di Lampedusas Roman: „Der Leopard“ kennzeichnet nicht nur das Italien des 19. Jahrhunderts, sie trifft auch die heutige westliche Gesellschaft. Sie will keine Änderung; und was sie nicht will, das will auch nicht ihre Kostümschneiderei, die Intelligenz, die dem nackten Kaiser täglich neue Kleider aus nichts näht.

Benennen wir Brauns Dilemma in einem Satz: Er hat keinen Adressaten für seine Prosa. Die Intelligenz mag ihn für sein ästhetisches Raffinement beklatschen, aber seinem Anliegen verweigert sie sich. Sie ignoriert es einfach. Es ist, als wäre Braun allein unterwegs in einem Nebel und die Worte, die er spricht, um die Mitmenschen zu erreichen, die er nur schemenhaft wahrnehmen kann, werden von dieser Watte der Ignoranz geschluckt.

Wenn die Welt aber keine Resonanz mehr bietet, dann ist die Sprache die vielleicht letzte Zuflucht vor dem Verstummen. Und hier berührt er sich mit Kleist, dem ersten bedeutenden Autor der Ortlosigkeit des Intellektuellen. Indem er zu sich spricht, spricht er zu allen. Indem er den Narren spielt, sucht er uns weise zu machen. Doch sein Stoff sind, wie schon erwähnt, die Wirklichkeitspartikel der Medien, ein Kaffeesatz, schon hundertmal aufgebrüht und vernutzt. Braun kennt die Wirklichkeit, die er kenntlich machen will, nur ungenügend.

Ein Beispiel mag es verdeutlichen. Eine Anekdote erzählt von den Demonstrationen gegen Hartz IV. Ein Jobberater vom Arbeitsamt möchte den Demonstranten Arbeitsstellen offerieren. Aber die Demonstranten weichen ihm aus. Sie wissen, behauptet Braun, daß er nur hundert Arbeitsplätze anbieten kann, aber sie brauchen lausende. Das ist Solidarität, sagt der Autor, auf den eigenen Vorteil verzichten, weil der Nachbar keinen Vorteil hat. Aber der unbefangene Leser würde doch eher denken, daß die Demonstranten keine Arbeit wollen und deshalb jeden Vorwand aufgreifen, um sie abzulehnen.

Nun braucht eine Geschichte nicht der Wirklichkeit zu entsprechen, um wahrhaftig zu sein, aber sie muß auf jeden Fall stärker als die Wirklichkeit sein. Doch in diesem Fall liefert die wirkliche Historie die größere Pointe. Die Anekdote beruht auf einer wahren Begebenheit. Aber die Demonstranten sind dem Jobberater nicht ausgewichen. Sie sind hingegangen und haben nachgefragt. Es stellte sich heraus: Die Arbeitsangebote waren meist erfunden oder vergeben. Vorhanden war nur der Ramsch, die Billigjobs, von denen man weder vor Hartz IV leben konnte noch mit Hartz IV leben kann.

Wie in dieser Anekdote, scheint es auch bei den meisten anderen Texten zu sein. Indem Volker Braun sich des Angebots der Medien bedient, fließen ungewollt auch deren Meinungen ein. Wenn der Schriftsteller über die Welt sprechen will, dann muß er sie auch an den Quellen kennenlernen. Denn sonst spricht er nur über das, was er vorher schon weiß oder was ihm vorgeliefert wird. „Kommt uns nicht mit Fertigem“, erklärte Braun vor fast einem halben Jahrhundert. Jetzt kommt er mit „Flickwerk“. Kann das wirklich ein letztes Wort sein?

Norbert Büttner


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Vassilis Vassilikos
Das letzte Adieu
Kettenerzählung. Aus dem Griechischen von Kyro Ponte. Edition Buntehunde, Regensburg 2010. 111 Seiten, 14,90 €

Den Fotos zufolge muss es am 1. April 2009 auf der vom Institut français d’Athènes organisierten Soirée sehr launig zugegangen sein. Versammelt hatte sich ein großes Publikum, darunter viel Prominenz: Staatspräsident Papoulias, Altpräsident Sartzetakis, Irini Pappas, Maria Farantouri, Mikis Theodorakis, Costa Gavras, Vassilis Vassilikos. Der Film „Z“ hatte 40jähriges Jubiläum. „Z comme Zero“ hatte vormals Yves Montand, Hauptdarsteller neben Jean-Louis Trintignant, über diesen Filmtitel gelästert. Und doch war ein Aristourjima, ein Welterfolg, entstanden, in Cannes und mit Oscars preisgekrönt. Was ursprünglich nach der gleichnamigen Romanvorlage von Vassilis Vassilikos über den Mord am Parlamentsabgeordneten Grigoris Lambrakis (am 22. Mai 1963 in Saloniki) unter der Bedrängnis durch die „Choleraepidemie“ der Jahre 1967 bis 1974 als Politthriller gegolten hat, wird nunmehr als zeitloses Gleichnis dafür wahrgenommen, dass Demokratie weltweit eine äußerst fragile Veranstaltung darstellt.

Der Roman „Z“ war 1968 auf Deutsch in der Übersetzung von Vangelis Tsakiridis erschienen, zwei Jahre nach der Originalausgabe des Athener Verlags Themelio. Wurde bis dahin die zeitgenössische griechische Prosaliteratur hierzulande weitgehend für provinziell und traditionsgebunden gehalten, rückte der damals 35jährige Vassilis Vassilikos nun schlagartig als ein Autor europäischen Formats ins Blickfeld. Seiner bereits davor ins Deutsche übersetzten „Griechischen Trilogie“ folgten der Roman „Die Fotografien“, einzelne Erzählungen in Anthologien sowie in kurzen Abständen weitere Ausgaben des Romans „Z“. Mag sein, dass dieses eine Buch unseren Zugang zu weiteren Werken (ins Englische sind bereits übersetzt „The Coroner’s Assistant“, „K“, die Kurzgeschichten „And Dreams are Dreams“, die fiktionalisierte Autobiographie „The few things I know about Glafkos Thrassakis“) verstellt hat. Das ist zu bedauern, wie die jetzt, einunddreißig Jahre nach der Originalausgabe erschienene Übersetzung von „Das letzte Adieu“ erweist. Von der Fragilität des Seins handeln auch diese miteinander verflochtenen Kurzgeschichten. Anders als in seinem berühmten Roman spürt Vassilikos hier allerdings den Zerbrechlichkeiten nicht der Außen-, sondern der Innenwelt nach. Worum geht es in der titelgebenden Geschichte? Beschrieben wird, dass zwischen Ihr und Ihm eine tiefe Vertrautheit herrschte, in der das Schweigen eine Art des Redens und den beiden ein „Sprechen mittels der Gefühle“ zu eigen war. Und dennoch quälte ihn nun, nachdem sie zu ihm gekommen war und lediglich gesagt hatte „Lass mich auf deinen Beinen ruhen“, nicht dessen gewahr geworden zu sein, dass ebendieses „Lass mich auf deinen Beinen ruhen“ ihr letztes Adieu gewesen sein soll. Wie lässt sich‘s dann im Nachhinein mit den zu nichts führenden, ausweglosen Selbstvorwürfen fertig werden? Der, über den berichtet wird, gewinnt daraus den Impuls zum Schreiben. Wie er sich eingesteht, läuft das freilich ebenfalls auf vergebliche Mühe hinaus, denn: „Der heutige Grieche hält es nämlich für eine große Schande, ein Buch in seine Hände zu nehmen und zu lesen. Er schämt sich dafür. Er hat Angst, für einen Schwärmer oder einen Trottel gehalten zu werden. - Womit kann ich in diesem Land leben? fragte er sich. Eine derartige Veröffentlichung beschert dem Autor in jedem anderen Land ein behagliches Leben. Und hier…?“, lautet sein deprimierendes Fazit (in „Ihre wahre Geschichte“). - Vassilis Vassilikos hat über lange Jahre im griechischen Fernsehen eine Büchersendung realisiert. Sein „Das letzte Adieu“ ist ein Buch, das für sich selber spricht.

Horst Möller


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Hermann Kant
Kennung
Aufbau Verlag, Berlin 2010. 250 Seiten, 19,95 ¤


Hermann ist nicht Immanuel

Ein neues Buch von diesem altehrwürdigen DDR-Haudegen - das ist fast so etwas wie eine kleine literarische Situation. Kant (Jg. 1926), gebürtiger Hamburger, wurde v.a. mit seinem Roman ‘Die Aula‘ (1965) auch im „Westen“ bekannt. Marcel Reich-Ranicki schrieb damals über ihn: „Er ist zu vielem fähig. Er weiß Bescheid, er kennt sich im literarischen Gewerbe genau aus, er versteht sein Handwerk. Ein intelligenter, ein schlauer Bursche, ein vielseitiger, ein wendiger Journalist, ein professioneller und temperamentvoller Polemiker.“ Also alles andere als der vom damaligen Funktionärsregime geforderte dumpfbackige sozialistische „Realist“. Dennoch hat man ja durchaus Widersprüchliches in der verblassenden Erinnerung: es war ja auch fast vermessen, ein staatstreuer Präsident des damaligen DDR-Schriftstellerverbandes und Mitglied des Zentralkomitees der SED sein zu wollen (und zu müssen?) und gleichzeitig ein durchaus stilgewandter und der Ironie keineswegs abgeneigter Chronist seiner Zeitläufte.

Nach drei eher nichtssagenden Romanen beschäftigt sich Kant nun im vorliegenden Roman mit dem für die Deutschen verschiedentlich vertrauten Problem, daß man nicht immer genau zwischen Freund und Feind unterscheiden kann, v.a. wenn es noch einmal um das politische Rollenspiel zwischen DDR-Machthabern und Künstlern im Jahr 1961 geht, wenn man durch bescheidenes Schweigen oder eine schlichte Bemerkung „aktenkundig“ werden kann. Dem Kritiker und Essayisten Linus Cord fällt der Staatssicherheitsdienst lästig und will wissen, ob er sich noch an die Nummer seiner Wehrmachtserkennungsmarke erinnere. Eine für die (damaligen) 60er Jahre ebenso brisante wir absurde Angelegenheit. Cord soll als 17jähriger Wehrmachtsangehöriger das Verhalten der Sowjetsoldaten, als sie ihn gefangen nahmen, als „närrisch“ bezeichnet haben. Eine Angelegenheit allerdings, deren Aufklärung oder Nichtaufklärung weder nachträglich etwas am Ausgang des Krieges ändern noch die Loyalität zu den Sowjetgenossen effektiv gefährden kann.

Die Frage ist also, was der Stasi daran gelegen sein mag, den aufstrebenden Literaturkritiker dermaßen historisch verspätet noch einmal unter Druck zu setzen. Als ginge es nur darum zu beweisen, daß das Belästigungssystem DDR perfekt-unterkühlt - fast schon prozeßhaft-kafkaesk - funktioniert. Entgegen seinem Titel überhaupt nicht bis zur Kenntlichkeit erzählt Kant verschlüsselt-artistisch und läßt seine Figuren als Schemen möglicher Geisteshaltungen agieren. Sämtlich „Genossen“, sind sie doch unterschiedlich „staatstragend“, lavieren zwischen Loyalität und Opportunismus. Obwohl er sich dem offiziellen Ansinnen eigentlich verweigert, nimmt Cordes quasi privat Kontakt zur Wehrmachtauskunftstelle in WestBerlin auf, wobei er (selbstverständlich) von seinen „Genossen“ observiert wird. Dennoch hofft Cordes in gewisser Naivität, „künftig schreibe der eine nicht mehr auf, was der andere im Gespräch geäußert habe.“ Für das Ministerium gibt es kein „vorsätzliches Voneinanderabsehen“, was eben auch nach heutiger Erkenntnis einen funktionstüchtigen Überwachungsstaat auszeichnet.

Der Protagonist und der Leser sollen offensichtlich „verwickelt“ werden, Kant verzahnt seinen Lebenslauf mit dem Schicksal seiner Hauptfigur, die „verwirrt“ ist. Aber das sei ein Zustand, „den der Erzähler mitteilen, aber nicht teilen darf.“ Man gewinnt beim Lesen den lästigen Eindruck, daß sich irgendwie Demagogie und Ironie vermengen, zumindest mag man es dem Kant nicht abnehmen, daß er sich womöglich von der DDR emanzipiert hat. Kant schaltet sich hin und wieder als auktorialer Erzähler ein, ohne allerdings eine eindeutige ideologische Richtung einzuschlagen. Mit scheinbarer Distanziertheit läßt er seinen Protagonisten in eine lächerliche Falle tappen und stellt parallel dazu erzählstrategische Überlegungen an: „Weil der Erzähler, hat er sich einmal zum Wunsch nach Allwissenheit bekannt, immer halbwegs wissend erscheinen muß, schlägt er Linus Cord zu den Leuten, die unter Umständen eher handeln, als daß sie sich bedenken.“ Erinnert wird an die damalige Debatte, ob ein allwissender Erzähler nicht „unrettbar altmodisch“ sei oder ob ein unwissender und „folglich nur mutmaßender Erzähler modernistisch und höchst verdächtig“ sei. Besserwisserischerweise könnte man hier zumindest einflechten, daß es damals für einen gewissen Herrn Uwe Johnson ganz selbstverständlich war, ‘Mutmaßungen‘ anzustellen und ‘Zwei Ansichten‘ zu thematisieren.

Kant läßt Cordes in Kritikerkreisen darüber diskutieren, daß man „zwischen dem unwissenden Erzähler spätbürgerlicher Denkungsart und dem frühbürgerlich allwissenden Erzähler“ eine Position finden müsse. Kant äußert sich dazu eher bieder, daß sein Erzähler „sowohl seinen Figuren durch ihre Geschichte helfen als auch dem Publikum zu deren Verständnis helfen muß.“ Eigentlich geht es hier um das ewige Spiel des Wissens beruhend auf der schnöden Erkenntnis: Wissen ist Macht. Die Stasi spielt mit ihren Untertanen, der Autor spielt als Erzähler mit seiner Figur. Und der auf eine Lösung erpichte Leser wird sukzessive der Absurdität überlassen und der Lächerlichkeit preisgegeben. Man fragt sich am Ende, was überhaupt geschehen ist. Der Verlag versprach „ein zur Groteske getriebenes Spiel um Einfluß, Beschränktheit und Arroganz eines Machtapparats.“ Gegen eine von jeglichem System verpaßte Kennung hilft einmal nur Selbsterkenntnis und zum andern eigentlich nur Flucht oder Rückzug. In der vorgeführten Weise bleibt Cordes allerding ein universaler Dilettant. Und Kant gesteht posthum seine Ohnmacht gegenüber dem System ein - und dies mit erzähltechnisch hinterhältiger Arroganz.

Und so kann sich auktoriales Erzählen als Illusion erweisen, wenn nicht wie zu Zeiten des Entwicklungsromans der Aufklärung ein gutbürgerliches Emanzipationsbedürfnis dahinter steckt. Hermann Kant ist eben nicht Immanuel Kant, sein Austritt aus der mitverschuldeten Unmündigkeit wird vielleicht unterschwellig intendiert, allein es fehlt die Konsequenz - vielleicht fehlt ja auch der Glaube, wenn hier die Anspielung auf Faust auch noch gestattet sei. Der Glaube an den Sozialismus, der Glaube an seine Statthalter, der Glaube an eine veritable Alternative. Dabei wird auch ein wenig über Wahrheitsbegriff im Marxismus und in der Hermeneutik geplänkelt. Und ganz nebenbei rutscht eine herrliche Satire auf die damaligen Treffen mit dem SDS bzw. westdeutschen Intellektuellen dazwischen, welche nach Kants Darstellung etwa die Effektivität eines Kindergeburtstages gehabt haben mußten. Im übrigen bekommt Uwe Johnson eventuell auch noch einen zarten literarischen Streifschuß ab, indem Cordes ein recht dilettantisches Techtelmechtel mit einer westberliner Buchhändlerin anstrebt.

Kant scheint uns alle zu veralbern, indem er zum Ende seiner Geschichte kommen möchte, „die ihn zunehmend befremdet.“ Ja, freilich, dem Cordes wird nicht der Prozeß gemacht, weil dann auch der Kant dran kommen müßte. Und so geht es um ein großes Nichts: „Du lieber Gott, wußten diese Kenner der Verhältnisse wirklich nicht, wie man die Nummer einer Hundemarke gelangte?“ Nun, bei Shakespeare hieß das einstmals: ‘Much Ado About Nothing‘! Und die Ironie tanzt Harakiri: „Wenn Herr Cord von seiner Verwirrtheit spreche, benenne er einen Zustand, in den man ihn auf keinen Fall versetzen dürfe. Alle Aufklärung ziele auf Klärung, das stehe in aller Klarheit fest. Ein Bürger jedoch, der von seiner Verwirrtheit spreche, entspreche dieser Zielsetzung nicht.“ Allerdings gewinnt Cord den Eindruck, alles sei nur ein „mißlich mistiges Geschehen“ mit einer zeitraubenden Pointe: „Falls sie in Wahrheit gar nicht wissen wollten, wonach sie sich erkundigten, wollten sie ihm wahrscheinlich damit etwas sagen.“ Ja, die Partei geruht dem Literaten- und Kritikerpack mitzuteilen: „Verschont uns mit der Scheiß-Allwisserei!“ Denn allein die Partei ist allmächtig und allwissend. Das wußten wir aber doch schon. Es hätte nicht dieses umständlichen Romans bedurft, um zu verraten, der Kritiker möge ein Pamphlet wider den allwissenden Erzähler verfassen. Eine raffinierte vielschichtige Satire eigentlich, die leider durch Langatmigkeit ihres Schwungs und ihrer Überzeugungskraft beraubt wurde. Und im übrigen, lieber Herr Hermann Kant: heute bedarf es keines Mutes mehr, diesen Stoff zu entfalten - das hätten Sie mal schön vor 50 Jahren tun sollen!

Karlyce Schrybyr


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Ulrich van der Heyden (Hrsg.)
Kolonialer Alltag in Deutsch-Ostafrika in Dokumenten
trafo Verlag, Berlin 2009. 285 Seiten, 34,80 €


Über die grausige Epoche des europäischen Kolonialismus und dessen noch gegenwärtige Folgen auf dem afrikanischen Kontinent ist schon viel veröffentlicht worden. Glücklicherweise hat sich seit geraumer Zeit eine ernsthafte Erforschung der vorkolonialen afrikanischen Gesellschaften und des Widerstandes gegen die europäischen Eroberer gegen die Geschichtsklittungen der Eroberer durchgesetzt. Der bekannte Historiker Ulrich van der Heyden hat sich mit dem hier rezensierten Buch der Aufgabe gestellt, das alltägliche Verhalten der deutschen Kolonisatoren und ihre Sicht auf die unterjochte Bevölkerung zu dokumentieren und kritisch zu beleuchten.

Das Ergebnis seiner Recherchen ist ein Band zeitgenössischer Reiseberichte, Briefe und Dokumente, verfaßt von sehr unterschiedlichen Leuten in den Jahren von 1887 bis 1907: Einem Kaufmann, der aus Reklamegründen die Beschwerden einer Afrikareise auf sich nahm, einem abenteuernden Sohn eines kleinen Beamten, einer kolonialbegeisterten Romanschriftstellerin, einem Offizier der deutschen „Schutztruppe“ und der Ehefrau eines Missionars.

Der Wert dieser Texte liegt nicht nur in der Erwähnung zahlreicher Details über die Zustände in den eroberten Gebieten, die sich in den offiziellen Dokumenten der Kolonialverwaltung nicht finden. Wichtig ist auch die ungefilterte und ungeschminkte Widergabe der persönlichen Eindrücke und der Denkweise der Autoren, die sich wohl nicht wesentlich von der damaligen Sicht des deutschen Durchschnittsbürgers unterschieden haben. Vom Herausgeber wurde im Vorwort ausdrücklich darauf hingewiesen, daß die Originaltexte unverändert abgedruckt sind, herabsetzende und offen rassistische Formulierungen einer kritischen Wertung der aufgeklärten Leserschaft überlassen wurden.

In den meisten Texten ist von patriotischer Begeisterung bei Inaugenscheinnahme der in Besitz genommenen Kolonien nur wenig zu verspüren. Mal beklagen die Autoren sich über das ungewohnte Klima, mal über miserable Transportmittel, mal über die respektlosen Lohnforderungen des schwarzen „Boys“ und kündigen an, diesem demnächst „mal herzhaft in die Visage (zu) fahren“.

Sehr häufig dient nackter Rassismus als Begründung für die sklavereiähnlichen Bedingungen, unter denen die einheimische Bevölkerung „stramm zur Arbeit angehalten“ wurde. Es finden sich in den Beschreibungen immer wieder stereotype Formulierungen vom „unglaublich faulen Neger“, der „die Arbeit haßt (...) als das größte Laster, das nicht mal schön ist“, und „genau nur so lange (arbeitet) als er braucht, um für das verdiente (...) Geld das zu kaufen, was er eben benötigt“. Oder vom „schwarzen Gesindel“, das sich vor der Arbeit „drückt“, aber „essen konnte (...) für zehn“. Angesichts „gierig“ bettelnder Kinder wurde von einzelnen Autoren auch schon mal drohend die Reitpeitsche erhoben. Und positiv erwähnt, daß Einheimischen beim geringsten Vergehen ausgepeitscht werden oder als „Kettengefangene“ unentgeltlich Zwangsarbeit leisten müssen.

Eine Ausnahme in dem Band bildet der hier erstmals publizierte Bericht des deutschen Offiziers Hans Paasche über das damalige Deutsch-Ostafrika im Jahre 1906. Der Bericht ist nicht grundsätzlich kolonialkritisch, bemüht sich aber um eine realistische und ungewöhnlich aufrichtige Beschreibung der damaligen Verhältnisse. Als Ursachen für die miserable wirtschaftliche Lage der Kolonie benennt der Autor beispielsweise den Raubbau am Wildbestand durch europäische Ansiedler und die Tatsache, daß einheimische Arbeiter von burischen Farmern regelmäßig um ihren Lohn betrogen würden. Wie der Herausgeber schreibt, wandelte sich Paasche wenig später zum überzeugten Pazifisten, saß während des Weltkrieges in Festungshaft und wurde nach seiner Befreiung im Jahre 1920 von rechten Freikorpsleuten ermordet. Kurt Tucholsky widmete ihm in der „Weltbühne“ und der USPD-Zeitung „Freiheit“ jeweils einen Nachruf.

Gerd Bedszent


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Patrice Nganang
La République de l’Imagination
Vents d’ailleurs, France 2009. 9,90 €


Gibt es eine afrikanische Geschichte?

Geschichtsschreibung ist keine Selbstverständlichkeit. Ein Historiker braucht Quellen. Selbst die seit einigen Jahrzehnten verbreitete oral history schreibt auf, was die Leute zu sagen haben, und erst in aufgeschriebener Form gilt sie als „Quelle“. Die Wissenschaft der „Ägypthologie“ entstand, seit man - dank dem Stein von Rosette - lernte, die Hieroglyphenschrift zu lesen. Vorher existierte das alte Ägypten eher als Mythos, als Ort eines unbestimmten Geheimwissens.

Im subsaharischen Afrika fanden europäische Historiker fast keine schriftlichen Quellen vor, und sie taten daher die Afrikaner als „geschichtslos“ ab. Kolonisatoren-Hochmut, könnte man sagen, aber es fehlten ihnen die Maßstäbe. Sie verstanden wenig, und das Wenige wurde von den Mächtigen nicht ernst genommen. Später wurden in Afrika Staaten gegründet, „Staaten“ nach westlichem Vorbild; niemand fragte aber, auf welche Geschichte sich diese Staaten stützen sollten. Es gibt doch keinen einzigen westlichen Staat, dem nicht eine eigene Geschichte zugrundeläge, auf die sich alle Staatsbürger berufen können.

Welche Möglichkeiten besitzen nun Afrikaner, wenn sie heutzutage in einer Republik leben wollen?

Der kamerunische Schriftsteller Alain Patrice Nganang, Jahrgang 1970, denkt über diese Frage seit langem nach. Kürzlich erschien in Frankreich sein neuestes Werk „La République de l’Imagination“, ein Appell, um Kamerun in eine echte Republik zu verwandeln, wo die Redefreiheit mit der Fantasie konkurriert, wo Verantwortung für das Gemeinwesen jeden seiner Bewohner beseelt, wo die Anführer nicht zuerst an den eigenen Vorteil denken. Kamerun und seine Hauptstadt Yaoundé sind Nganangs Heimat. In einem Interview in USA sagte er: „In my writing, my goal is to transform the city of my birth, Yaoundé, into a library, to reconstruct the voices, smells, tastes and languages of people, animals and plants, in order to create a sense of this city in letters. For, after all, one cannot return to the place of one’s birth.“

Indem Nganang in seinem Appell seine Heimat als Beispiel wählt, zielt er auf alle afrikanischen Staaten. Für jeden von ihnen stellt sich die Frage nach der eigenen Geschichte. „La République de l’Imagination“ besteht aus fünf Kapiteln und ist als Brief an den jüngsten Bruder konzipiert. Der Schreiber lebt außerhalb von Afrika, der kleine Bruder hat ihn um ein Flugticket gebeten, damit auch er rauskomme: „il n’y a pas de futur en Afrique“. Dieser verzweifelten Grundhaltung, für die er tiefes Verständnis zeigt, stellt nun Patrice Nganang ein weit ausgreifendes Panaroma der afrikanischen Geistesgeschichte gegenüber und endet mit dem Satz: „L’occident n’a pas le monopole du futur.“ Nganang vertritt den Standpunkt, dass nicht nur Afrikas Zukunft in Afrika liegt (und nicht im Westen), sondern dass auch die Welt auf Afrikas Zukunft angewiesen sein könnte.

Nganang schwelgt nicht in politischen Ideologien. Er beschränkt sich auf die Idee von einer Republik, in der die Wähler sachkundig ihre Stimme abgeben. Zur Sachkundigkeit gehört freilich mehr als nur die Gegenwart, ihre Bewältigung, oder das Streben nach Glück. Es bedarf der Fantasie, des Lernwillens, der Zielstrebigkeit. Die Fantasie vermag sich eine andere Form von Republik vorzustellen als die bislang existierende (die meist in die Diktatur mündete). Das Lernen umfasst die Welt, die Welt des Westens, gewiss, ihre Philosophie, ihre Literatur, ihre Deutungsmuster - Nganang selbst hat sie studiert und nutzt sein Wissen - doch das Ziel bleibt ein Afrika, das sich von anderen Kontinenten unterscheidet.

Für solche Unterscheidungen bietet Nganang Ausgangspunkte: die eigenen Vorfahren, nämlich die Eltern und Großeltern, die mit Fantasie und mit ihrem Leben für die Unabhängigkeit gekämpft haben. Weiterhin nennt er jenen kamerunischen König Njoya, der vor gut hundert Jahren eine Schrift und eine Sprache neu erfand, eine Bibliothek und dazu viele Schulen gründete, um eine Einheit zwischen den vielen Sprachen seiner Untertanen zu schaffen, die sie gleichzeitig unabhängig von den Europäern gemacht hätte. Alle seine Bemühungen wurden von der französischen Kolonialmacht gnadenlos vernichtet, doch sind die Spuren davon in den Bibliotheken der Welt zu finden. Nganang führt in diesem Zusammenhang die Tatsache ein, dass die erste Schrift in Afrika erfunden worden ist, nämlich die Hieroglyphen am oberen Nil, und dass aus dieser Schrift u.a. die hebräische, die griechische, die lateinische Schrift hervorgegangen seien, eben die, in der er jetzt schreibe.

Vernichtet wurde noch ein weiterer Unabhängigkeitsträumer: Ruben Um Nyobè . Am 17. Dezember 1952 hielt er vor einer Entkolonisierungs-Kommission der UNO eine Rede. Er wurde später ermordet. Dennoch lebt seine Rede weiter: man kann sie sich im Internet auf der Webseite von Canal 2 International anhören. Obwohl alle seine Äußerungen bis 1990 (in Kamerun) verboten waren, lebt die Stimme dieses Sprachkünstlers weiter, dieses „sorcier de la dialectique“, wie Nganang begeistert schreibt. Es mangelt nicht an Vorbildern! Das ist es, was Nganang seinem kleinen Bruder, allen Brüdern und Schwestern sagen will. Mehr noch: die Katastrophen der afrikanischen Geschichte - Sklaverei, Kolonisierung - verbinden die Afrikaner durch Sprache, Schulbildung, Erfahrung mit Ländern in Europa und jenseits des Atlantiks und mit allem, was Menschengeist dort hervorgebracht hat. Nicht nur das Erbe der Heimat, auch die westliche Welt steht ihnen offen, und Nganang zieht wie selbstverständlich Verbindungslinien von Platon zu Shakespeare, von Brecht zu Wole Soyinka usw. Der autonome Staat und die individuelle Freiheit stehen dem Denken zur Verfügung: „C’est à nous d’inventer l’Afrique!“ Aus der Literatur erwächst die Geschichte.

Barbara Höhfeld


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Paul Bellebaum
Der Weg vom Bild zum Wort
Untersuchungen zur Lyrik von Konrad Weiß. Verlag Ch. Möllmann, Schloss Hamborn, Borchen. 32,– €


Der Name Konrad Weiß steht im Lexikon der Weltliteratur und manche, die es wissen müssen, beklagen, dass das Werk des Dichters nicht die Beachtung findet, die ihm gebührt.

Zu diesen darf wohl auch Paul Bellebaum gezählt werden, der es sich zur Aufgabe gemacht hat, Licht in diese vermeintlich dunklen, oft als hermetisch betrachteten Gedichte zu bringen, will bedeuten, „eine Einführung zu den Dichtungen“ zu versuchen. Warum sich Paul Bellbaum dieser Mühe unterzieht, kann man nach der oft nicht einfachen, aber lohnenden Lektüre am Ende des Buches nicht schwer verstehen. Es ist womöglich die „innere Biografie“ des Dichters Konrad Weiß, in der sich Paul Bellebaum im eigenen Selbst zu erkennen glaubte, es ist „der theologische Gehalt der Bild-Wort-Thematik“ des Dichters Konrad Weiß, unverbrüchlich verbunden mit seiner „metaphorischen Redeweise“, dem bildhaften Sprechen.

Paul Bellebaums Ansatz, die Dunkelheit der Weißchen Lyrik aufzuhellen, ist die Zuhilfenahme der theoretischen Schriften des Dichters, um die Programmatik oder besser die Losung dieses Werkes „Weg vom Bild zum Wort“ erläutern zu können und Grundzüge der Gedichte verständlich zu machen, sie zu deuten und zu interpretieren. Im Ergebnis fand Paul Bellebaum fünf Punkte, die den Zugang zu den Gedichten erleichtern oder letztendlich erst möglich machen.

1. „Die Formel“ „Weg vom Bild zum Wort“ benennt die Aufgabe und Form der christlichen Kunst, wie Konrad Weiß sie verstanden wissen will, als die einzig mögliche Kunst, die Kunst der „Menschwerdung“, die er in seiner Lyrik umsetzt.

2. Somit ist diese Lyrik eine weltanschaulich gebundene, die vor allem und in erster Linie „christophorische Aktion“ sein möchte.

3. Diese Lyrik ist zudem Programmlyrik, deren Ziel es kurzgesagt ist, die mittelalterliche Figuralkunst wiederherzustellen und das in ihr zum Ausdruck kommende Weltverständnis.

4. Dieser Wille zur Wiederherstellung des mittelalterlich-christlichen Seinsvollzug verleiht der Weißchen Lyrik den Charakter der Zeitgebundenheit. An dieser Stelle wären verschieden Schaffensperioden des Dichters zu erwähnen, in welchen er einmal sein Anliegen gelungen, dann aber auch wieder schwinden sieht wie in den Gedichten des Jahres 1939, in denen der „Weg“ zu dem zu Erreichenden als vergebliche Mühe endet.

5. Dadurch, dass die Gedichte vom Schicksal des „Weges“ in einer bestimmten Zeit handeln, handeln sie auch von sich selbst. Die zentrale Metaphorik meint also nicht nur etwas, das außerhalb der Gedichte existiert, sie verbildlicht auch die Sprache der Gedichte, womit diese Lyrik als absolut bezeichnet werden kann und muss.

Nicht ohne Bescheidenheit schreibt Paul Bellebaum, dass, um zu einer wirklich angemessenen Interpretation der Weißschen Gedichte zu kommen, wesentlich mehr Gedichte untersucht werden müssten als die in seinem vorliegenden Buch. Ihm ist immerhin ein erstaunlicher Einstieg und ein Ansatz gelungen, der von anderen beispielhaft und enthusiastisch weiterverfolgt werden könnte. Paul Bellebaum ist dies leider nicht vergönnt, denn er starb am 30. 09. 2006.

Meinem Verständnis nach ist dieses Buch für alle Interessierten ein notwendiges, ein Schicksalsbuch, das die Beschäftigung mit den Gedichten von Konrad Weiß für Paul Bellebaum mit sich brachte.

Als Schlusssatz möchte ich, gerade der Wertschätzung dieses Buches gegenüber, ein verkürztes Zitat wiedergeben, das trotz des berechtigten und intensiven Forschens auch ein Grund für die Faszination Paul Bellebaums an den Gedichten von Konrad Weiß gewesen sein wird. Es stammt von Soergel-Hohoff und wird im Buch erwähnt: „Der volle Sinn seiner Gedichte (der von Konrad Weiß) erschließt sich erst über die Sinne.“

Michael Starcke

   

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