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Barbara Serloth
Entpolitisierung der Politik?
Nationalstaatliche Demokratie zwischen Selbstentmachtung,
Globalisierung und ungebrochener Lenkungsmacht, StudienVerlag, Innsbruck-Wien-Bozen
2009, 164 Seiten, 22,90 €
Gleich eingangs stellt Barbara Serloth die Frage „warum
es zu einer Entmachtung der nationalstaatlichen Politik gekommen
ist“ (S. 9). Dass es dafür objektive Gründe geben
könnte, weist sie zurück (S. 45), Serloth spricht vielmehr
von einer „Entmachtung und Entpolitisierung durch die politische
Elite“(S. 44): „Provokant formuliert würde es bedeuten,
dass sich ein Teil der institutionellen Politikakteure selbst entmachtet,
um die eigenen Positionen, Einflusssphären und Möglichkeiten
als Politikakteure, aber auch als private Personen abzusichern bzw.
zu verbessern.“ (S. 45) Die Autorin, Leiterin der politischen
Dokumentation der sozialdemokratischen Parlamentsfraktion, geht
also dezidiert von „einer strukturell unnotwendigen Entmachtung
des nationalstaatlichen Parlamentarismus“ (S. 30) aus.
Zuletzt gerät diese These dann noch auf eine
verschwörungstheoretische Ebene: „Die nationalstaatliche
Demokratie und Politik als entmachtet anzusehen bzw. darzustellen,
kann als einer innerhalb der umfassenden und allgegenwärtigen
Mythen der Globalisierung und Entgrenzung angesehen werden. Die
Akzeptanz dieser Mythen basiert u.a. auf dem Interessenszusammenspiel
der Politikakteure der verschiedenen Ebenen und Verteter der para-instituionellen
Gruppierungen. Sowohl institutionelle, als auch para-institutionelle
Politikakteure und Entscheidugnsträger benutzen den Entmachtungsmythos
für ihre Interessen. Zumeist sind diese karriereorientiert
zu definieren.“ (S. 149) Warum gerade die Karrieren sich aus
der Entmachtung ihrer Einrichtungen speisen, bleibt allerdings ein
Rätsel.
„Dass die Strategie der Übergabe politischer
Vorentscheidungen an Experten nichts anderes als die teilweise Auf-
und Abgabe politischer Lenkungs- und Gestaltungsmöglichkeiten
durch die Elite der Entscheidungsträger selbst bedeutet, scheint
zweifelsfrei zu sein.“ (S. 23) Das unterstellt freilich, dass
die Politik stets ihre Entscheidungsgrundlagen selbst entwickeln
könnte. Doch kann sie das? Können Volksvertreter etwa
die Gefahren von Schweine- oder Vogelgrippe oder auch der Klimaerwärmung
wirklich einschätzen? Sind sie hier nicht unbedingt auf Leute
angewiesen, die sich auskennen? Das Problem liegt doch auf einer
anderen Ebene, nämlich, dass die Experten von Wirtschaft und
Politik abhängig sind, d.h. ihre Antworten nicht nur den sogenannten
sachlichen Anliegen oder Fragen gelten können. Wer zahlt die
Fachleute? Welchen Institutionen gehören sie an? Wer sind ihre
Auftraggeber? Wozu und wie sind sie ausgebildet? - Indes, ob ein
Impfstoff gut oder notwendig ist bzw. eine Bauvorschrift zweckdienlich,
kann gar nicht demokratisch entschieden werden. Allerhöchstens
kann das demokratisch beschlossen werden.
Politik erscheint als eine unbestimmbare Voraussetzung
des Daseins. Sie wird beschrieben als sich selbst setzende Struktur,
als „Politarchitektur“, die schon könnte, wenn
sie wollte, was sie sollte. Der Ohmacht der Politik begegnet Serloth
mit einem Postulat der Potenz, das suggeriert, dass die Schwäche
aus der Selbstschwächung rührt, die jederzeit auch wieder
durch eine Selbststärkung abgelöst werden könnte.
Politik gehört in diesem Weltbild der Politik selbst. Die Sache
scheint klar zu sein: Politisierung tritt auf als positive Kategorie,
Entpolitisierung als abwertender Begriff. Und so endet der Band
in der altbekannten Beschwörungsformel von der „Rückkehr
des Politischen in die Politik“.
Die Stärke des Buches liegt aber in der Darstellung
einer Mikrophysik der (österreichischen) Politik, d.h. in deren
Mechanismen und Binnenverhältnissen, Details und Verlaufsformen.
Wir erfahren einiges über die Tücken des Amtsgeheimnisses
(S. 112) als auch über die Ausweitung informalisierter Arbeitsabläufe
(S. 118). Es ist aber ein Unsinn zu fordern, dass „die informellen
Seiten des Willensbildungs- und Normsetzungsprozesses weitgehend
transparent geführt werden, institutionell verankert und einer
Kontrolle unterzogen sind.“ (S. 118) Das Informelle ist per
definitionem gegen Transparenz und Institution gerichtet. Auch der
Aspekt, dass gerade die Informalisierung die Effizienz steigert,
indem sie die Tendenz zur Bürokratisierung und Verlangsamung
unterläuft, wäre in diesem Zusammenhang erwähnenswert
gewesen.
Der Behauptung, dass NGOs inzwischen „Teil des
Systems“ (S. 145), ja eine „Demokratisierungsenttäuschung“
(S. 145) sind, soll gar nicht widersprochen werden, wohl aber der
Auffassung, „dass „die neuen, para-institutionellen
Politiakteure über keine Verankerung in der demokratischen
Legitimitätsbasis verfügen.“ (S. 147) Das ist doch
ein verengter Blick aus dem parlamentarischen Gehäuse, der
in beängstigender Manier Partizipation auf Repräsentation
und Wahl reduziert.
Problematisch erscheint die unterschiedliche Gewichtung
der einzelnen Ausführungen. Länge und Akribie dürften
sich danach richten, ob die Autorin da oder dort involviert gewesen
ist oder eben nicht. Etwas mehr Lektorrat hätte Stilblüten,
Rechtschreibfehler, unfertige Sätze oder gar falsche Zuordnungen
vermeiden helfen können. Pröll heißt einmal Erich
statt Josef (S. 65), dafür soll er Innen- statt Landwirtschaftsminister
gewesen (S. 115) sein. Es ist wirklich ärgerlich, wie hier
die Verlage aufgrund des ökonomischen Sparstifts die Autoren
in so manche Peinlichkeit laufen lassen. Oder wurde das Buch gar
nur gedruckt, weil diese lästigen Tätigkeiten vorab outgesourct
werden konnten?
Franz Schandl
***
Volker Braun
Flickwerk
Suhrkamp, Berlin 2009. 77 Seiten, 16,80 €
Wenn es einen Schriftsteller gibt, den man als Repräsentanten
der DDR-Intelligenz betrachten kann, so ist das zweifellos Volker
Braun. Er hat sich in allen Gattungen versucht, in Lyrik, Dramatik
und Prosa, doch wird sein Werk insgesamt vom Lyrischen bestimmt.
Volker Braun hat Anregungen der französischen Dichtung des
19. und frühen 20. Jahrhunderts aufgenommen und einen eigenartig
pathetisch-rationalen Stil entwickelt, der großen Anklang
gefunden hat. Seit seinen Anfängen in den frühen sechziger
Jahren hat Braun die Entwicklung der DDR-Intelligenz begleitet.
Er hat ihre Formung und Wandlung erlebt, hat ihre Stimmungen verfolgt,
ihre Ansichten vertreten, ihre Hoffnungen verfochten und ihre Enttäuschungen
erlitten. Er ist gewissermaßen der Dichter der Intellektuellen
gewesen.
Aber die DDR ist Vergangenheit und damit auch ihre
Intelligenz. Vielleicht sollte man sie, um sie genauer von der westlichen
und von der heutigen Intelligenz zu unterscheiden, mit dem russischen
Wort Intelligentsia belegen. Die Intelligentsia ist eine politisierte
Intelligenz, die sich als Fürsprecher der Gesellschaft und
besonders ihrer unterdrückten Teile versteht. Sie beansprucht,
deren Hoffnungen und Erfahrungen aufzunehmen und gefiltert und konzentriert
wieder in die Gesellschaft zurückzugeben als Treibsatz für
nötige Veränderungen, die zu einer besseren Welt führen
sollen.
Die westliche Gesellschaft kann mit dieser Haltung
wenig anfangen. Sie benötigt sie nicht, ja fürchtet sie
sogar. Denn ihre Antriebsmittel sollen unsichtbar bleiben oder vielleicht
wahrgenommen, aber nicht erkannt werden. Ihre Intelligenz soll sich
der Unterhaltung und Zerstreuung widmen. Nur wenn sie sich die Narrenkappe
des Spinners - ob ökofreak oder Dritte-Welt-Clown - überzieht,
darf sie einige unliebsame Wahrheiten äußern, die sofort
wieder verdrängt werden.
Obwohl Volker Braun auch im Westen bekannt ist, wirkt
er vor diesem hier knapp skizzierten Hintergrund wie ein Fossil.
Seine Dichtung braucht die Öffentlichkeit. Sie ist eine Aufforderung
zum Dialog, zum Austausch mit gleichgesinnten, weil kritischen Geistern.
Wenn es aber keine literarische Öffentlichkeit außerhalb
des Literaturmarkts mehr gibt, dann mutiert der Dialog notgedrungen
zum Monolog. Die öffentliche Rede wird zum Selbstgespräch,
die Empörung mündet in Verzweiflung. Resignation und Hilflosigkeit
- das sind die letzten Anmutungen des öffentlichen Dichters,
der keine Öffentlichkeit mehr hat.
Diesen Eindruck erweckt jedenfalls sein jüngstes
Buch: „Flickwerk“, eine Sammlung von Anekdoten und Glossen,
notiert in der altmeisterlichen Manier eines Kleist und Hebel. Es
ist ein interessanter Zug von Brauns Prosa - diese Abschweifung
sei erlaubt -, daß sie auf die Vormoderne Tradition zurückgreift.
Brauns Lyrik ist entstanden und gewachsen in der Auseinandersetzung
mit der modernen französischen Dichtung, aber seine Prosa bezieht
sich auf eine Literatur, die zwar die Unsicherheit des Stoffes,
aber noch nicht die Unsicherheit des Erzählers kennt.
Brauns Anekdoten möchten Lehrtext und Narrenspiegel
sein. Ihren Stoff beziehen sie aus den Partikeln der Wirklichkeit,
die der Malstrom der Medien in unerschöpflicher Fülle
liefert, um das Erkennbare unerkennbar zu machen und das zwingend
Veränderbare als ewig Bestehendes in uns einzubrennen.
Braun versucht sich dem entgegenzustemmen. Er möchte
- wie er es in der DDR getan hat -, diese Gesellschaft unterrichten,
sie aufklären, damit sie sich ändert. Was aber, wenn sie
das nicht will, wenn alle Änderung, alle Reform, um dieses
Unwort des Kritikers zu verwenden, nur Spektakel oder kosmetische
Korrektur ist?
„Es muß sich alles ändern, damit
es bleibt, wie es ist.“ Diese Äußerung aus Giuseppe
Tommasi di Lampedusas Roman: „Der Leopard“ kennzeichnet
nicht nur das Italien des 19. Jahrhunderts, sie trifft auch die
heutige westliche Gesellschaft. Sie will keine Änderung; und
was sie nicht will, das will auch nicht ihre Kostümschneiderei,
die Intelligenz, die dem nackten Kaiser täglich neue Kleider
aus nichts näht.
Benennen wir Brauns Dilemma in einem Satz: Er hat
keinen Adressaten für seine Prosa. Die Intelligenz mag ihn
für sein ästhetisches Raffinement beklatschen, aber seinem
Anliegen verweigert sie sich. Sie ignoriert es einfach. Es ist,
als wäre Braun allein unterwegs in einem Nebel und die Worte,
die er spricht, um die Mitmenschen zu erreichen, die er nur schemenhaft
wahrnehmen kann, werden von dieser Watte der Ignoranz geschluckt.
Wenn die Welt aber keine Resonanz mehr bietet, dann
ist die Sprache die vielleicht letzte Zuflucht vor dem Verstummen.
Und hier berührt er sich mit Kleist, dem ersten bedeutenden
Autor der Ortlosigkeit des Intellektuellen. Indem er zu sich spricht,
spricht er zu allen. Indem er den Narren spielt, sucht er uns weise
zu machen. Doch sein Stoff sind, wie schon erwähnt, die Wirklichkeitspartikel
der Medien, ein Kaffeesatz, schon hundertmal aufgebrüht und
vernutzt. Braun kennt die Wirklichkeit, die er kenntlich machen
will, nur ungenügend.
Ein Beispiel mag es verdeutlichen. Eine Anekdote erzählt
von den Demonstrationen gegen Hartz IV. Ein Jobberater vom Arbeitsamt
möchte den Demonstranten Arbeitsstellen offerieren. Aber die
Demonstranten weichen ihm aus. Sie wissen, behauptet Braun, daß
er nur hundert Arbeitsplätze anbieten kann, aber sie brauchen
lausende. Das ist Solidarität, sagt der Autor, auf den eigenen
Vorteil verzichten, weil der Nachbar keinen Vorteil hat. Aber der
unbefangene Leser würde doch eher denken, daß die Demonstranten
keine Arbeit wollen und deshalb jeden Vorwand aufgreifen, um sie
abzulehnen.
Nun braucht eine Geschichte nicht der Wirklichkeit
zu entsprechen, um wahrhaftig zu sein, aber sie muß auf jeden
Fall stärker als die Wirklichkeit sein. Doch in diesem Fall
liefert die wirkliche Historie die größere Pointe. Die
Anekdote beruht auf einer wahren Begebenheit. Aber die Demonstranten
sind dem Jobberater nicht ausgewichen. Sie sind hingegangen und
haben nachgefragt. Es stellte sich heraus: Die Arbeitsangebote waren
meist erfunden oder vergeben. Vorhanden war nur der Ramsch, die
Billigjobs, von denen man weder vor Hartz IV leben konnte noch mit
Hartz IV leben kann.
Wie in dieser Anekdote, scheint es auch bei den meisten
anderen Texten zu sein. Indem Volker Braun sich des Angebots der
Medien bedient, fließen ungewollt auch deren Meinungen ein.
Wenn der Schriftsteller über die Welt sprechen will, dann muß
er sie auch an den Quellen kennenlernen. Denn sonst spricht er nur
über das, was er vorher schon weiß oder was ihm vorgeliefert
wird. „Kommt uns nicht mit Fertigem“, erklärte
Braun vor fast einem halben Jahrhundert. Jetzt kommt er mit „Flickwerk“.
Kann das wirklich ein letztes Wort sein?
Norbert Büttner
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Vassilis Vassilikos
Das letzte Adieu
Kettenerzählung. Aus dem Griechischen von Kyro Ponte. Edition
Buntehunde, Regensburg 2010. 111 Seiten, 14,90 €
Den Fotos zufolge muss es am 1. April 2009 auf der
vom Institut français d’Athènes organisierten
Soirée sehr launig zugegangen sein. Versammelt hatte sich
ein großes Publikum, darunter viel Prominenz: Staatspräsident
Papoulias, Altpräsident Sartzetakis, Irini Pappas, Maria Farantouri,
Mikis Theodorakis, Costa Gavras, Vassilis Vassilikos. Der Film „Z“
hatte 40jähriges Jubiläum. „Z comme Zero“
hatte vormals Yves Montand, Hauptdarsteller neben Jean-Louis Trintignant,
über diesen Filmtitel gelästert. Und doch war ein Aristourjima,
ein Welterfolg, entstanden, in Cannes und mit Oscars preisgekrönt.
Was ursprünglich nach der gleichnamigen Romanvorlage von Vassilis
Vassilikos über den Mord am Parlamentsabgeordneten Grigoris
Lambrakis (am 22. Mai 1963 in Saloniki) unter der Bedrängnis
durch die „Choleraepidemie“ der Jahre 1967 bis 1974
als Politthriller gegolten hat, wird nunmehr als zeitloses Gleichnis
dafür wahrgenommen, dass Demokratie weltweit eine äußerst
fragile Veranstaltung darstellt.
Der Roman „Z“ war 1968 auf Deutsch in
der Übersetzung von Vangelis Tsakiridis erschienen, zwei Jahre
nach der Originalausgabe des Athener Verlags Themelio. Wurde bis
dahin die zeitgenössische griechische Prosaliteratur hierzulande
weitgehend für provinziell und traditionsgebunden gehalten,
rückte der damals 35jährige Vassilis Vassilikos nun schlagartig
als ein Autor europäischen Formats ins Blickfeld. Seiner bereits
davor ins Deutsche übersetzten „Griechischen Trilogie“
folgten der Roman „Die Fotografien“, einzelne Erzählungen
in Anthologien sowie in kurzen Abständen weitere Ausgaben des
Romans „Z“. Mag sein, dass dieses eine Buch unseren
Zugang zu weiteren Werken (ins Englische sind bereits übersetzt
„The Coroner’s Assistant“, „K“, die
Kurzgeschichten „And Dreams are Dreams“, die fiktionalisierte
Autobiographie „The few things I know about Glafkos Thrassakis“)
verstellt hat. Das ist zu bedauern, wie die jetzt, einunddreißig
Jahre nach der Originalausgabe erschienene Übersetzung von
„Das letzte Adieu“ erweist. Von der Fragilität
des Seins handeln auch diese miteinander verflochtenen Kurzgeschichten.
Anders als in seinem berühmten Roman spürt Vassilikos
hier allerdings den Zerbrechlichkeiten nicht der Außen-, sondern
der Innenwelt nach. Worum geht es in der titelgebenden Geschichte?
Beschrieben wird, dass zwischen Ihr und Ihm eine tiefe Vertrautheit
herrschte, in der das Schweigen eine Art des Redens und den beiden
ein „Sprechen mittels der Gefühle“ zu eigen war.
Und dennoch quälte ihn nun, nachdem sie zu ihm gekommen war
und lediglich gesagt hatte „Lass mich auf deinen Beinen ruhen“,
nicht dessen gewahr geworden zu sein, dass ebendieses „Lass
mich auf deinen Beinen ruhen“ ihr letztes Adieu gewesen sein
soll. Wie lässt sich‘s dann im Nachhinein mit den zu
nichts führenden, ausweglosen Selbstvorwürfen fertig werden?
Der, über den berichtet wird, gewinnt daraus den Impuls zum
Schreiben. Wie er sich eingesteht, läuft das freilich ebenfalls
auf vergebliche Mühe hinaus, denn: „Der heutige Grieche
hält es nämlich für eine große Schande, ein
Buch in seine Hände zu nehmen und zu lesen. Er schämt
sich dafür. Er hat Angst, für einen Schwärmer oder
einen Trottel gehalten zu werden. - Womit kann ich in diesem Land
leben? fragte er sich. Eine derartige Veröffentlichung beschert
dem Autor in jedem anderen Land ein behagliches Leben. Und hier…?“,
lautet sein deprimierendes Fazit (in „Ihre wahre Geschichte“).
- Vassilis Vassilikos hat über lange Jahre im griechischen
Fernsehen eine Büchersendung realisiert. Sein „Das letzte
Adieu“ ist ein Buch, das für sich selber spricht.
Horst Möller
***
Hermann Kant
Kennung
Aufbau Verlag, Berlin 2010. 250 Seiten, 19,95 ¤
Hermann ist nicht Immanuel
Ein neues Buch von diesem altehrwürdigen DDR-Haudegen
- das ist fast so etwas wie eine kleine literarische Situation.
Kant (Jg. 1926), gebürtiger Hamburger, wurde v.a. mit seinem
Roman ‘Die Aula‘ (1965) auch im „Westen“
bekannt. Marcel Reich-Ranicki schrieb damals über ihn: „Er
ist zu vielem fähig. Er weiß Bescheid, er kennt sich
im literarischen Gewerbe genau aus, er versteht sein Handwerk. Ein
intelligenter, ein schlauer Bursche, ein vielseitiger, ein wendiger
Journalist, ein professioneller und temperamentvoller Polemiker.“
Also alles andere als der vom damaligen Funktionärsregime geforderte
dumpfbackige sozialistische „Realist“. Dennoch hat man
ja durchaus Widersprüchliches in der verblassenden Erinnerung:
es war ja auch fast vermessen, ein staatstreuer Präsident des
damaligen DDR-Schriftstellerverbandes und Mitglied des Zentralkomitees
der SED sein zu wollen (und zu müssen?) und gleichzeitig ein
durchaus stilgewandter und der Ironie keineswegs abgeneigter Chronist
seiner Zeitläufte.
Nach drei eher nichtssagenden Romanen beschäftigt
sich Kant nun im vorliegenden Roman mit dem für die Deutschen
verschiedentlich vertrauten Problem, daß man nicht immer genau
zwischen Freund und Feind unterscheiden kann, v.a. wenn es noch
einmal um das politische Rollenspiel zwischen DDR-Machthabern und
Künstlern im Jahr 1961 geht, wenn man durch bescheidenes Schweigen
oder eine schlichte Bemerkung „aktenkundig“ werden kann.
Dem Kritiker und Essayisten Linus Cord fällt der Staatssicherheitsdienst
lästig und will wissen, ob er sich noch an die Nummer seiner
Wehrmachtserkennungsmarke erinnere. Eine für die (damaligen)
60er Jahre ebenso brisante wir absurde Angelegenheit. Cord soll
als 17jähriger Wehrmachtsangehöriger das Verhalten der
Sowjetsoldaten, als sie ihn gefangen nahmen, als „närrisch“
bezeichnet haben. Eine Angelegenheit allerdings, deren Aufklärung
oder Nichtaufklärung weder nachträglich etwas am Ausgang
des Krieges ändern noch die Loyalität zu den Sowjetgenossen
effektiv gefährden kann.
Die Frage ist also, was der Stasi daran gelegen sein
mag, den aufstrebenden Literaturkritiker dermaßen historisch
verspätet noch einmal unter Druck zu setzen. Als ginge es nur
darum zu beweisen, daß das Belästigungssystem DDR perfekt-unterkühlt
- fast schon prozeßhaft-kafkaesk - funktioniert. Entgegen
seinem Titel überhaupt nicht bis zur Kenntlichkeit erzählt
Kant verschlüsselt-artistisch und läßt seine Figuren
als Schemen möglicher Geisteshaltungen agieren. Sämtlich
„Genossen“, sind sie doch unterschiedlich „staatstragend“,
lavieren zwischen Loyalität und Opportunismus. Obwohl er sich
dem offiziellen Ansinnen eigentlich verweigert, nimmt Cordes quasi
privat Kontakt zur Wehrmachtauskunftstelle in WestBerlin auf, wobei
er (selbstverständlich) von seinen „Genossen“ observiert
wird. Dennoch hofft Cordes in gewisser Naivität, „künftig
schreibe der eine nicht mehr auf, was der andere im Gespräch
geäußert habe.“ Für das Ministerium gibt es
kein „vorsätzliches Voneinanderabsehen“, was eben
auch nach heutiger Erkenntnis einen funktionstüchtigen Überwachungsstaat
auszeichnet.
Der Protagonist und der Leser sollen offensichtlich
„verwickelt“ werden, Kant verzahnt seinen Lebenslauf
mit dem Schicksal seiner Hauptfigur, die „verwirrt“
ist. Aber das sei ein Zustand, „den der Erzähler mitteilen,
aber nicht teilen darf.“ Man gewinnt beim Lesen den lästigen
Eindruck, daß sich irgendwie Demagogie und Ironie vermengen,
zumindest mag man es dem Kant nicht abnehmen, daß er sich
womöglich von der DDR emanzipiert hat. Kant schaltet sich hin
und wieder als auktorialer Erzähler ein, ohne allerdings eine
eindeutige ideologische Richtung einzuschlagen. Mit scheinbarer
Distanziertheit läßt er seinen Protagonisten in eine
lächerliche Falle tappen und stellt parallel dazu erzählstrategische
Überlegungen an: „Weil der Erzähler, hat er sich
einmal zum Wunsch nach Allwissenheit bekannt, immer halbwegs wissend
erscheinen muß, schlägt er Linus Cord zu den Leuten,
die unter Umständen eher handeln, als daß sie sich bedenken.“
Erinnert wird an die damalige Debatte, ob ein allwissender Erzähler
nicht „unrettbar altmodisch“ sei oder ob ein unwissender
und „folglich nur mutmaßender Erzähler modernistisch
und höchst verdächtig“ sei. Besserwisserischerweise
könnte man hier zumindest einflechten, daß es damals
für einen gewissen Herrn Uwe Johnson ganz selbstverständlich
war, ‘Mutmaßungen‘ anzustellen und ‘Zwei
Ansichten‘ zu thematisieren.
Kant läßt Cordes in Kritikerkreisen darüber
diskutieren, daß man „zwischen dem unwissenden Erzähler
spätbürgerlicher Denkungsart und dem frühbürgerlich
allwissenden Erzähler“ eine Position finden müsse.
Kant äußert sich dazu eher bieder, daß sein Erzähler
„sowohl seinen Figuren durch ihre Geschichte helfen als auch
dem Publikum zu deren Verständnis helfen muß.“
Eigentlich geht es hier um das ewige Spiel des Wissens beruhend
auf der schnöden Erkenntnis: Wissen ist Macht. Die Stasi spielt
mit ihren Untertanen, der Autor spielt als Erzähler mit seiner
Figur. Und der auf eine Lösung erpichte Leser wird sukzessive
der Absurdität überlassen und der Lächerlichkeit
preisgegeben. Man fragt sich am Ende, was überhaupt geschehen
ist. Der Verlag versprach „ein zur Groteske getriebenes Spiel
um Einfluß, Beschränktheit und Arroganz eines Machtapparats.“
Gegen eine von jeglichem System verpaßte Kennung hilft einmal
nur Selbsterkenntnis und zum andern eigentlich nur Flucht oder Rückzug.
In der vorgeführten Weise bleibt Cordes allerding ein universaler
Dilettant. Und Kant gesteht posthum seine Ohnmacht gegenüber
dem System ein - und dies mit erzähltechnisch hinterhältiger
Arroganz.
Und so kann sich auktoriales Erzählen als Illusion
erweisen, wenn nicht wie zu Zeiten des Entwicklungsromans der Aufklärung
ein gutbürgerliches Emanzipationsbedürfnis dahinter steckt.
Hermann Kant ist eben nicht Immanuel Kant, sein Austritt aus der
mitverschuldeten Unmündigkeit wird vielleicht unterschwellig
intendiert, allein es fehlt die Konsequenz - vielleicht fehlt ja
auch der Glaube, wenn hier die Anspielung auf Faust auch noch gestattet
sei. Der Glaube an den Sozialismus, der Glaube an seine Statthalter,
der Glaube an eine veritable Alternative. Dabei wird auch ein wenig
über Wahrheitsbegriff im Marxismus und in der Hermeneutik geplänkelt.
Und ganz nebenbei rutscht eine herrliche Satire auf die damaligen
Treffen mit dem SDS bzw. westdeutschen Intellektuellen dazwischen,
welche nach Kants Darstellung etwa die Effektivität eines Kindergeburtstages
gehabt haben mußten. Im übrigen bekommt Uwe Johnson eventuell
auch noch einen zarten literarischen Streifschuß ab, indem
Cordes ein recht dilettantisches Techtelmechtel mit einer westberliner
Buchhändlerin anstrebt.
Kant scheint uns alle zu veralbern, indem er zum Ende
seiner Geschichte kommen möchte, „die ihn zunehmend befremdet.“
Ja, freilich, dem Cordes wird nicht der Prozeß gemacht, weil
dann auch der Kant dran kommen müßte. Und so geht es
um ein großes Nichts: „Du lieber Gott, wußten
diese Kenner der Verhältnisse wirklich nicht, wie man die Nummer
einer Hundemarke gelangte?“ Nun, bei Shakespeare hieß
das einstmals: ‘Much Ado About Nothing‘! Und die Ironie
tanzt Harakiri: „Wenn Herr Cord von seiner Verwirrtheit spreche,
benenne er einen Zustand, in den man ihn auf keinen Fall versetzen
dürfe. Alle Aufklärung ziele auf Klärung, das stehe
in aller Klarheit fest. Ein Bürger jedoch, der von seiner Verwirrtheit
spreche, entspreche dieser Zielsetzung nicht.“ Allerdings
gewinnt Cord den Eindruck, alles sei nur ein „mißlich
mistiges Geschehen“ mit einer zeitraubenden Pointe: „Falls
sie in Wahrheit gar nicht wissen wollten, wonach sie sich erkundigten,
wollten sie ihm wahrscheinlich damit etwas sagen.“ Ja, die
Partei geruht dem Literaten- und Kritikerpack mitzuteilen: „Verschont
uns mit der Scheiß-Allwisserei!“ Denn allein die Partei
ist allmächtig und allwissend. Das wußten wir aber doch
schon. Es hätte nicht dieses umständlichen Romans bedurft,
um zu verraten, der Kritiker möge ein Pamphlet wider den allwissenden
Erzähler verfassen. Eine raffinierte vielschichtige Satire
eigentlich, die leider durch Langatmigkeit ihres Schwungs und ihrer
Überzeugungskraft beraubt wurde. Und im übrigen, lieber
Herr Hermann Kant: heute bedarf es keines Mutes mehr, diesen Stoff
zu entfalten - das hätten Sie mal schön vor 50 Jahren
tun sollen!
Karlyce Schrybyr
***
Ulrich van der Heyden (Hrsg.)
Kolonialer Alltag in Deutsch-Ostafrika
in Dokumenten
trafo Verlag, Berlin 2009. 285 Seiten, 34,80 €
Über die grausige Epoche des europäischen Kolonialismus
und dessen noch gegenwärtige Folgen auf dem afrikanischen Kontinent
ist schon viel veröffentlicht worden. Glücklicherweise
hat sich seit geraumer Zeit eine ernsthafte Erforschung der vorkolonialen
afrikanischen Gesellschaften und des Widerstandes gegen die europäischen
Eroberer gegen die Geschichtsklittungen der Eroberer durchgesetzt.
Der bekannte Historiker Ulrich van der Heyden hat sich mit dem hier
rezensierten Buch der Aufgabe gestellt, das alltägliche Verhalten
der deutschen Kolonisatoren und ihre Sicht auf die unterjochte Bevölkerung
zu dokumentieren und kritisch zu beleuchten.
Das Ergebnis seiner Recherchen ist ein Band zeitgenössischer
Reiseberichte, Briefe und Dokumente, verfaßt von sehr unterschiedlichen
Leuten in den Jahren von 1887 bis 1907: Einem Kaufmann, der aus
Reklamegründen die Beschwerden einer Afrikareise auf sich nahm,
einem abenteuernden Sohn eines kleinen Beamten, einer kolonialbegeisterten
Romanschriftstellerin, einem Offizier der deutschen „Schutztruppe“
und der Ehefrau eines Missionars.
Der Wert dieser Texte liegt nicht nur in der Erwähnung
zahlreicher Details über die Zustände in den eroberten
Gebieten, die sich in den offiziellen Dokumenten der Kolonialverwaltung
nicht finden. Wichtig ist auch die ungefilterte und ungeschminkte
Widergabe der persönlichen Eindrücke und der Denkweise
der Autoren, die sich wohl nicht wesentlich von der damaligen Sicht
des deutschen Durchschnittsbürgers unterschieden haben. Vom
Herausgeber wurde im Vorwort ausdrücklich darauf hingewiesen,
daß die Originaltexte unverändert abgedruckt sind, herabsetzende
und offen rassistische Formulierungen einer kritischen Wertung der
aufgeklärten Leserschaft überlassen wurden.
In den meisten Texten ist von patriotischer Begeisterung
bei Inaugenscheinnahme der in Besitz genommenen Kolonien nur wenig
zu verspüren. Mal beklagen die Autoren sich über das ungewohnte
Klima, mal über miserable Transportmittel, mal über die
respektlosen Lohnforderungen des schwarzen „Boys“ und
kündigen an, diesem demnächst „mal herzhaft in die
Visage (zu) fahren“.
Sehr häufig dient nackter Rassismus als Begründung
für die sklavereiähnlichen Bedingungen, unter denen die
einheimische Bevölkerung „stramm zur Arbeit angehalten“
wurde. Es finden sich in den Beschreibungen immer wieder stereotype
Formulierungen vom „unglaublich faulen Neger“, der „die
Arbeit haßt (...) als das größte Laster, das nicht
mal schön ist“, und „genau nur so lange (arbeitet)
als er braucht, um für das verdiente (...) Geld das zu kaufen,
was er eben benötigt“. Oder vom „schwarzen Gesindel“,
das sich vor der Arbeit „drückt“, aber „essen
konnte (...) für zehn“. Angesichts „gierig“
bettelnder Kinder wurde von einzelnen Autoren auch schon mal drohend
die Reitpeitsche erhoben. Und positiv erwähnt, daß Einheimischen
beim geringsten Vergehen ausgepeitscht werden oder als „Kettengefangene“
unentgeltlich Zwangsarbeit leisten müssen.
Eine Ausnahme in dem Band bildet der hier erstmals
publizierte Bericht des deutschen Offiziers Hans Paasche über
das damalige Deutsch-Ostafrika im Jahre 1906. Der Bericht ist nicht
grundsätzlich kolonialkritisch, bemüht sich aber um eine
realistische und ungewöhnlich aufrichtige Beschreibung der
damaligen Verhältnisse. Als Ursachen für die miserable
wirtschaftliche Lage der Kolonie benennt der Autor beispielsweise
den Raubbau am Wildbestand durch europäische Ansiedler und
die Tatsache, daß einheimische Arbeiter von burischen Farmern
regelmäßig um ihren Lohn betrogen würden. Wie der
Herausgeber schreibt, wandelte sich Paasche wenig später zum
überzeugten Pazifisten, saß während des Weltkrieges
in Festungshaft und wurde nach seiner Befreiung im Jahre 1920 von
rechten Freikorpsleuten ermordet. Kurt Tucholsky widmete ihm in
der „Weltbühne“ und der USPD-Zeitung „Freiheit“
jeweils einen Nachruf.
Gerd Bedszent
***
Patrice Nganang
La République de l’Imagination
Vents d’ailleurs, France 2009. 9,90 €
Gibt es eine afrikanische Geschichte?
Geschichtsschreibung ist keine Selbstverständlichkeit.
Ein Historiker braucht Quellen. Selbst die seit einigen Jahrzehnten
verbreitete oral history schreibt auf, was die Leute zu sagen haben,
und erst in aufgeschriebener Form gilt sie als „Quelle“.
Die Wissenschaft der „Ägypthologie“ entstand, seit
man - dank dem Stein von Rosette - lernte, die Hieroglyphenschrift
zu lesen. Vorher existierte das alte Ägypten eher als Mythos,
als Ort eines unbestimmten Geheimwissens.
Im subsaharischen Afrika fanden europäische Historiker
fast keine schriftlichen Quellen vor, und sie taten daher die Afrikaner
als „geschichtslos“ ab. Kolonisatoren-Hochmut, könnte
man sagen, aber es fehlten ihnen die Maßstäbe. Sie verstanden
wenig, und das Wenige wurde von den Mächtigen nicht ernst genommen.
Später wurden in Afrika Staaten gegründet, „Staaten“
nach westlichem Vorbild; niemand fragte aber, auf welche Geschichte
sich diese Staaten stützen sollten. Es gibt doch keinen einzigen
westlichen Staat, dem nicht eine eigene Geschichte zugrundeläge,
auf die sich alle Staatsbürger berufen können.
Welche Möglichkeiten besitzen nun Afrikaner,
wenn sie heutzutage in einer Republik leben wollen?
Der kamerunische Schriftsteller Alain Patrice Nganang,
Jahrgang 1970, denkt über diese Frage seit langem nach. Kürzlich
erschien in Frankreich sein neuestes Werk „La République
de l’Imagination“, ein Appell, um Kamerun in eine echte
Republik zu verwandeln, wo die Redefreiheit mit der Fantasie konkurriert,
wo Verantwortung für das Gemeinwesen jeden seiner Bewohner
beseelt, wo die Anführer nicht zuerst an den eigenen Vorteil
denken. Kamerun und seine Hauptstadt Yaoundé sind Nganangs
Heimat. In einem Interview in USA sagte er: „In my writing,
my goal is to transform the city of my birth, Yaoundé, into
a library, to reconstruct the voices, smells, tastes and languages
of people, animals and plants, in order to create a sense of this
city in letters. For, after all, one cannot return to the place
of one’s birth.“
Indem Nganang in seinem Appell seine Heimat als Beispiel
wählt, zielt er auf alle afrikanischen Staaten. Für jeden
von ihnen stellt sich die Frage nach der eigenen Geschichte. „La
République de l’Imagination“ besteht aus fünf
Kapiteln und ist als Brief an den jüngsten Bruder konzipiert.
Der Schreiber lebt außerhalb von Afrika, der kleine Bruder
hat ihn um ein Flugticket gebeten, damit auch er rauskomme: „il
n’y a pas de futur en Afrique“. Dieser verzweifelten
Grundhaltung, für die er tiefes Verständnis zeigt, stellt
nun Patrice Nganang ein weit ausgreifendes Panaroma der afrikanischen
Geistesgeschichte gegenüber und endet mit dem Satz: „L’occident
n’a pas le monopole du futur.“ Nganang vertritt den
Standpunkt, dass nicht nur Afrikas Zukunft in Afrika liegt (und
nicht im Westen), sondern dass auch die Welt auf Afrikas Zukunft
angewiesen sein könnte.
Nganang schwelgt nicht in politischen Ideologien.
Er beschränkt sich auf die Idee von einer Republik, in der
die Wähler sachkundig ihre Stimme abgeben. Zur Sachkundigkeit
gehört freilich mehr als nur die Gegenwart, ihre Bewältigung,
oder das Streben nach Glück. Es bedarf der Fantasie, des Lernwillens,
der Zielstrebigkeit. Die Fantasie vermag sich eine andere Form von
Republik vorzustellen als die bislang existierende (die meist in
die Diktatur mündete). Das Lernen umfasst die Welt, die Welt
des Westens, gewiss, ihre Philosophie, ihre Literatur, ihre Deutungsmuster
- Nganang selbst hat sie studiert und nutzt sein Wissen - doch das
Ziel bleibt ein Afrika, das sich von anderen Kontinenten unterscheidet.
Für solche Unterscheidungen bietet Nganang Ausgangspunkte:
die eigenen Vorfahren, nämlich die Eltern und Großeltern,
die mit Fantasie und mit ihrem Leben für die Unabhängigkeit
gekämpft haben. Weiterhin nennt er jenen kamerunischen König
Njoya, der vor gut hundert Jahren eine Schrift und eine Sprache
neu erfand, eine Bibliothek und dazu viele Schulen gründete,
um eine Einheit zwischen den vielen Sprachen seiner Untertanen zu
schaffen, die sie gleichzeitig unabhängig von den Europäern
gemacht hätte. Alle seine Bemühungen wurden von der französischen
Kolonialmacht gnadenlos vernichtet, doch sind die Spuren davon in
den Bibliotheken der Welt zu finden. Nganang führt in diesem
Zusammenhang die Tatsache ein, dass die erste Schrift in Afrika
erfunden worden ist, nämlich die Hieroglyphen am oberen Nil,
und dass aus dieser Schrift u.a. die hebräische, die griechische,
die lateinische Schrift hervorgegangen seien, eben die, in der er
jetzt schreibe.
Vernichtet wurde noch ein weiterer Unabhängigkeitsträumer:
Ruben Um Nyobè . Am 17. Dezember 1952 hielt er vor einer
Entkolonisierungs-Kommission der UNO eine Rede. Er wurde später
ermordet. Dennoch lebt seine Rede weiter: man kann sie sich im Internet
auf der Webseite von Canal 2 International anhören. Obwohl
alle seine Äußerungen bis 1990 (in Kamerun) verboten
waren, lebt die Stimme dieses Sprachkünstlers weiter, dieses
„sorcier de la dialectique“, wie Nganang begeistert
schreibt. Es mangelt nicht an Vorbildern! Das ist es, was Nganang
seinem kleinen Bruder, allen Brüdern und Schwestern sagen will.
Mehr noch: die Katastrophen der afrikanischen Geschichte - Sklaverei,
Kolonisierung - verbinden die Afrikaner durch Sprache, Schulbildung,
Erfahrung mit Ländern in Europa und jenseits des Atlantiks
und mit allem, was Menschengeist dort hervorgebracht hat. Nicht
nur das Erbe der Heimat, auch die westliche Welt steht ihnen offen,
und Nganang zieht wie selbstverständlich Verbindungslinien
von Platon zu Shakespeare, von Brecht zu Wole Soyinka usw. Der autonome
Staat und die individuelle Freiheit stehen dem Denken zur Verfügung:
„C’est à nous d’inventer l’Afrique!“
Aus der Literatur erwächst die Geschichte.
Barbara Höhfeld
***
Paul Bellebaum
Der Weg vom Bild zum Wort
Untersuchungen zur Lyrik von Konrad Weiß. Verlag Ch. Möllmann,
Schloss Hamborn, Borchen. 32,– €
Der Name Konrad Weiß steht im Lexikon der Weltliteratur und
manche, die es wissen müssen, beklagen, dass das Werk des Dichters
nicht die Beachtung findet, die ihm gebührt.
Zu diesen darf wohl auch Paul Bellebaum gezählt
werden, der es sich zur Aufgabe gemacht hat, Licht in diese vermeintlich
dunklen, oft als hermetisch betrachteten Gedichte zu bringen, will
bedeuten, „eine Einführung zu den Dichtungen“ zu
versuchen. Warum sich Paul Bellbaum dieser Mühe unterzieht,
kann man nach der oft nicht einfachen, aber lohnenden Lektüre
am Ende des Buches nicht schwer verstehen. Es ist womöglich
die „innere Biografie“ des Dichters Konrad Weiß,
in der sich Paul Bellebaum im eigenen Selbst zu erkennen glaubte,
es ist „der theologische Gehalt der Bild-Wort-Thematik“
des Dichters Konrad Weiß, unverbrüchlich verbunden mit
seiner „metaphorischen Redeweise“, dem bildhaften Sprechen.
Paul Bellebaums Ansatz, die Dunkelheit der Weißchen
Lyrik aufzuhellen, ist die Zuhilfenahme der theoretischen Schriften
des Dichters, um die Programmatik oder besser die Losung dieses
Werkes „Weg vom Bild zum Wort“ erläutern zu können
und Grundzüge der Gedichte verständlich zu machen, sie
zu deuten und zu interpretieren. Im Ergebnis fand Paul Bellebaum
fünf Punkte, die den Zugang zu den Gedichten erleichtern oder
letztendlich erst möglich machen.
1. „Die Formel“ „Weg vom Bild zum
Wort“ benennt die Aufgabe und Form der christlichen Kunst,
wie Konrad Weiß sie verstanden wissen will, als die einzig
mögliche Kunst, die Kunst der „Menschwerdung“,
die er in seiner Lyrik umsetzt.
2. Somit ist diese Lyrik eine weltanschaulich gebundene,
die vor allem und in erster Linie „christophorische Aktion“
sein möchte.
3. Diese Lyrik ist zudem Programmlyrik, deren Ziel
es kurzgesagt ist, die mittelalterliche Figuralkunst wiederherzustellen
und das in ihr zum Ausdruck kommende Weltverständnis.
4. Dieser Wille zur Wiederherstellung des mittelalterlich-christlichen
Seinsvollzug verleiht der Weißchen Lyrik den Charakter der
Zeitgebundenheit. An dieser Stelle wären verschieden Schaffensperioden
des Dichters zu erwähnen, in welchen er einmal sein Anliegen
gelungen, dann aber auch wieder schwinden sieht wie in den Gedichten
des Jahres 1939, in denen der „Weg“ zu dem zu Erreichenden
als vergebliche Mühe endet.
5. Dadurch, dass die Gedichte vom Schicksal des „Weges“
in einer bestimmten Zeit handeln, handeln sie auch von sich selbst.
Die zentrale Metaphorik meint also nicht nur etwas, das außerhalb
der Gedichte existiert, sie verbildlicht auch die Sprache der Gedichte,
womit diese Lyrik als absolut bezeichnet werden kann und muss.
Nicht ohne Bescheidenheit schreibt Paul Bellebaum,
dass, um zu einer wirklich angemessenen Interpretation der Weißschen
Gedichte zu kommen, wesentlich mehr Gedichte untersucht werden müssten
als die in seinem vorliegenden Buch. Ihm ist immerhin ein erstaunlicher
Einstieg und ein Ansatz gelungen, der von anderen beispielhaft und
enthusiastisch weiterverfolgt werden könnte. Paul Bellebaum
ist dies leider nicht vergönnt, denn er starb am 30. 09. 2006.
Meinem Verständnis nach ist dieses Buch für
alle Interessierten ein notwendiges, ein Schicksalsbuch, das die
Beschäftigung mit den Gedichten von Konrad Weiß für
Paul Bellebaum mit sich brachte.
Als Schlusssatz möchte ich, gerade der Wertschätzung
dieses Buches gegenüber, ein verkürztes Zitat wiedergeben,
das trotz des berechtigten und intensiven Forschens auch ein Grund
für die Faszination Paul Bellebaums an den Gedichten von Konrad
Weiß gewesen sein wird. Es stammt von Soergel-Hohoff und wird
im Buch erwähnt: „Der volle Sinn seiner Gedichte (der
von Konrad Weiß) erschließt sich erst über die
Sinne.“
Michael Starcke
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