XXVIII. Jahrgang, Heft 152
Sep - Dez 2009/3
 
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Letzte Änderung:
18.10.2009

 
 

 

 
 

 

 

MEDIEN – KULTUR – SCHAU

   
 
 


Katja Kipping
Ausverkauf der Politik
Für einen demokratischen Aufbruch.
Econ Verlag, Berlin 2009. 368 Seiten, 19,90 Euro

Reanimation statt Aufbruch

Worte sind schneller als Gedanken. Bevor wir den Inhalt rezensieren, besprechen wir doch Titel und Untertitel. Kauf, Politik und Demokratie, drei Schlüsselbegriffe werden hier genannt und in Beziehung gesetzt. Verwendet werden sie als plakative Postulate. Katja Kipping, 31 Jahre jung, Bundestagsabgeordnete und stellvertretende Parteivorsitzende der Partei „Die Linke“, weist sich sofort als eine Politikerin aus, die fest auf den Grundlagen des bürgerlichen Systems und seiner Werte steht. Fürchten, dass die Autorin eine verkappte Revolutionärin ist, braucht sich niemand. Ihr geht es um das Obligate: Um Kaufkraft, Mittelstand, Staatsbürger, Nachfrage, Bezahlbarkeit und immer wieder Gerechtigkeit. „Die Linke versteht sich ausdrücklich als Partei der sozialen Gerechtigkeit.“ Noch immer wärmt dieses flüchtige Abstraktum die Seele der Menschen.

„Die junge Politikerin Katja Kipping unterzieht die eigene Zunft einer kritischen Analyse und ruft zur Reanimation der politischen Kultur“, heißt es im Werbefalter des Verlags. Genau das versucht sie. Felsenfest glaubt sie an die Prämissen ihrer Profession. Politik, so ihr Credo, dürfe sich nicht so billig hergeben. Da sie ihr teuer ist, muss jene sich teuer verkaufen. Die Politikerin versucht sich als Animationskünstlerin an einem Organismus, den sie in keiner Weise hinterfragen möchte. Sie identifiziert sich mit ihm, auch persönlich: „Zweifelsohne kann Arbeit für viele Menschen Selbstverwirklichung bedeuten - etwa für eine Bundestagsabgeordnete oder eine Journalistin…“, schreibt sie. Dass da einmal mehr das Verwirklichte mit dem zu Verwirklichenden verwechselt wird und sich Realismus nennt, sei unterstellt.

Schuld an der Misere der Politik sind jedenfalls die Politiker, die politische Klasse habe „ihre eigene Glaubwürdigkeit untergraben“, behauptet sie. Warum die Politik weltweit so einfach kapituliert hat, wird hingegen nicht erklärt. Vielleicht ist es ja tatsächlich so, dass Politik (polity, politics und policy) sich nur noch ausverkaufen lässt, dass sie der Ramsch ist, den die Leute in ihr vermuten, dass lediglich das kulturindustrielle PR-Spektakel, sprich Event und Campaigning, sie am Leben erhält. Dass hier ein letztes Angebot und Aufgebot steht, das von der Krise der Form kündet und nicht von falscher Politik oder schlechten Politikern. Während viele, wenn auch intuitiv, nicht mehr glauben wollen, schlägt Kipping vor, einfach weiter zu glauben. „Dieser Entwicklung dürfen wir nicht tatenlos zusehen“, so das herzhafte Stoßgebet, das freilich schon die letzten Jahrzehnte unerwünschte Resultate so gar nicht zu erschüttern vermochte.

Die Abwertung, die die Politik erfahren hat, sei eine „Selbstabwertung“. Aufwerten ist also angesagt. Aber wie soll das gehen? Wer soll das tragen? Und warum soll es funktionieren? Hartnäckig hält sich das Vorurteil, der aktuelle Status der Politik sei Folge politischer Fehlentscheidungen gewesen, die man jederzeit durch selbstermächtigende Beschlüsse korrigieren könne. Das nennt sich dann „andere Politik“ und ist nicht nur ein Everred vieler Linker, sondern gerade dabei, wieder Mainstream zu werden. Das gemeine Gerede von der „Allmacht der Wirtschaft“ suggeriert andererseits, dass diese, worüber sie verfügt, auch herrscht.

„Die politische Klasse führt einen Entmachtungsfeldzug gegen sich selbst und gegen das demokratische System. Das Politische wird zur Magd des Marktes.“ Doch war die Politik je jenseits des Marktes? Schon allein, dass fast alle politischen Beschlüsse im Medium des Geldes ausgedrückt werden, sollte zu denken geben. Die Kostenfrage bildet stets den Fokus aller Politiken. Eine Volksabstimmung, die die Löhne verdoppelt und die Preise halbiert, das halten wohl zu Recht alle für ein Hirngespinst. Das heißt aber zudem, dass Souveränität in der bürgerlichen Gesellschaft nicht außerhalb ökonomischer Prämissen liegt. Sie ist somit immer eine vorbestimmte und beschränkte.

Hilflos wirken in diesem Zusammenhang auch bildungspolitische Stehsätze wie: „Statt die Kinder aufs Konkurrenzdenken auszurichten, sollte Solidarität vermittelt werden“. Indes, die ganze Gesellschaft ist auf Konkurrenz ausgerichtet. Das kann man in Frage stellen (was die Verfasserin allerdings nicht tut), die Schule aber zu kontrafaktischer Erziehung aufzurufen, ist gelinde gesagt schräg. Wenn man positiv zum kommerziellen Wettbewerb steht, ist es Pflicht, den Nachwuchs dementsprechend zu wappnen.

Was für die Politik gilt, gilt Kipping natürlich auch für die Demokratie: „Denn es gilt, die Demokratie vor dem schleichenden Verfall zu retten. Sie muss wieder mit Leben erfüllt werden.“ Wieder? Wann war die Demokratie je erfüllter? In Adenauers Zeiten? In den Tagen Willy Brandts oder Helmut Kohls? Irgendwie schrammt die Autorin am Wesentlichen vorbei, gerade weil sie beharrlich und unentwegt mit dem Rosenkranz der Aufklärung fuchtelt. Kriterium dieser Erbauung ist das Bekenntnis, nicht die Erkenntnis. Der kritische Geist weicht den Gebeten, der „Andacht, deren Innerlichkeit in der Hymne zugleich Dasein hat“, wie Hegel es in seiner „Phänomenologie des Geistes“ ausdrückte.

Doch bedenken wir, dass vor allem Politiker der „Linken“ angehalten sind, permanent Geständnisse abzulegen, um überhaupt satisfaktionsfähig zu sein. Das haben sie nicht nur internalisiert, das betreiben sie ganz exzessiv, gelegentlich bis zur letzten analytischen Peinlichkeit. Vor lauter Demokratietrunkenheit wird nicht ernsthaft über Partizipation und Interesse, Legimitation und Organisation, Bürokratie und Freiheit bzw. deren Grenzen und Möglichkeiten gesprochen. Schlagwörter wie Transparenz werden nicht abgeklopft, sondern aufpoliert. Auf dass sie glänzen.

Den vorgegebenen Rahmen der Demokratie oder genauer: der Sozialdemokratie, den engen Raum verordneter Staatsbürgerkunde, den verlässt Kipping nie. Der Kommunismus hat hier nicht Kreide gefressen, er ist endgültig ad acta gelegt worden. Da mag die Autorin noch so jung sein, was sie vorlegt, schaut ziemlich alt aus. Und genau das ist in anderer Hinsicht auch zu fürchten. Es ist nicht auszuschließen, dass solch Politikansatz, sofern er nicht in den Zynismus kippt, früher oder später in der Verhärmung endet.

Politik ist nicht nur farbenblind (inzwischen sind lediglich Grautöne wahrnehmbar), Politik ist auch zusehends betriebsblind geworden. Das Niveau hohler Phrasen, unverbindlicher Stehsätze und polternder Ansagen ist dementsprechend entwickelt, was meint, es wird reklametüchtig antrainiert. Und die Exponenten nehmen dadurch keinen Schaden, weil das reklamesüchtige Publikum wiederum nicht gewohnt ist, in qualitativen Unterschieden zu denken, sondern bloß in Beliebigkeiten zu schwanken. Politiker haben kaum noch Zeit und Raum für Reflexionen, sie sind vielmehr permanent angehalten, unmittelbaren Stimmungen (Meinungsumfragen) nachzugeben und entsprechende Sachzwänge umzusetzen. Sie sind den Erfordernissen recht hilflos ausgeliefert, müssen aber andauernd so tun, als hätten sie alles im Griff und auch im Begriff.

Politiker schreiben Bücher nicht, weil sie etwas zu sagen haben, sondern weil sie so tun müssen, als hätten sie etwas zu sagen. Mag drinnen stehen, was will, ein Buch, das ist ein intellektueller Ausweis. Gelingt es den Verlagen, die Wichtigkeit einer Publikation zu suggerieren, entsprechende Rezensionen anzuleiern und den Band gar auf Bahnhofskiosken zu platzieren, dann ist der Erfolg garantiert. Politisch Unverdrossene greifen zu, lesen es an und legen es ab. In ein bis zwei Jahren landet die Restauflage dann in den Ramschabteilungen der Diskonter oder im Papiermüll.

Katja Kipping liefert keine Kritik des Kapitalismus, sondern eine an den in ihm zu behebenden Missständen. Prototypisch daher die Aussage: „Menschen brauchen ein Einkommen“. Tatsächlich? Menschen benötigen gar vieles: zu essen, zu trinken, zu kleiden, zu wohnen, zu reisen, aber Geld brauchen sie nur dann, wenn der soziale Stoffwechsel über Kaufen und Verkaufen erfolgt. Das ist kein Naturgesetz, sondern Ausdruck einer bestimmten gesellschaftlichen Konstellation.

Das Buch liest sich manchmal wie ein Rechenschaftsbericht, mit dem eine führende Parteipolitikerin ihre Existenz legitimiert. Indes wirkt alles nach einer Pflichtübung einer gebildeten Fachreferentin, die diese inklusive Fleißaufgaben vorbildlich löst. In den Ausschüssen, in denen sie tätig ist, wird sie wohl (so meine Vermutung) aufgrund ihrer Tüchtigkeit sehr geschätzt. Immer wieder finden sich viele praktische und vielleicht sogar unmittelbar praktizierbare Vorschläge, was wir jedoch vergeblich suchen, ist eine Perspektive, die jenseits des Hergebrachten Überlegungen anstellt. Das „klare Ja zur Transformation“ ist eine leere Formel. Kein wirklich radikaler Gedanke versteckt sich in den vielen Seiten. Von Aufbruch geschweige denn Bruch keine Spur.

Doch brechen wir den Verriss hier ab, er hat auch etwas Vermessenes und Strenges. Selbst wenn sich die Freude nie richtig einstellen wollte, hat sich das Leid bei der Lektüre in Grenzen gehalten. Selten ist das Buch langatmig, Konkretes und Abstraktes stehen in guter Proportion. Viele Passagen sind in sich schlüssig und solid argumentiert. Man könnte auch eine ausgesprochen wohlwollende Besprechung abliefern, dann, wenn man die von der Autorin ungewollte Immanenz aller Überlegungen als Maßstab anerkennt. Beziehen wir die Publikation auf dieses Metier der Politiker-Bücher, dann ist es dezidiert kein schlechtes. Im Gegenteil: müsste ich hundert solcher Machwerke vergleichen (was schon einer Bestrafung gliche), dann würde ich das gegenständliche recht weit vorne reihen.

Engagement kann man der Frau in keiner Weise absprechen. Sie ist fleißig, belesen, hat einiges zusammengetragen und bringt oft interessante Details. Etwa, dass das im Vergleich frühere Ableben der sozial schlechter Gestellten eine Subventionierung der Renten der Wohlhabenderen darstellt. Es gehört ja zu den beständigsten bürgerlichen Vorurteilen, dass die Reichen die Armen füttern und nicht die Armen die Reichen. Positiv hervorheben könnte man das Bekenntnis zur Lebenslust und ihre Kritik an der Arbeit, auch an der „zur Schau getragenen Arbeitswut“ in der eigenen Partei. Sympathisch wirkt weiters das Plädoyer für die Langsamkeit, auch wenn gerade das Tempo keine Frage falscher Beschlüsse mündiger Wesen ist, sondern Ausfluss ökonomischer Zwänge.

Im hinteren Teil ist das Buch auch ein recht amüsantes Protokoll zur Vereinigung von PDS und WASG. Weniger als an inhaltlichen Differenzen drohte dieser Zusammenschluss an der Namensfrage oder an der ohnehin unverbindlichen Höhe des Mitgliedsbeitrages zu scheitern. Die Politikerin beschwert sich wohl zu Recht darüber, dass die Frauen aus der Gründungsgeschichte der neuen Formation „Die Linke“ gesäubert wurden, dass einige wenige männliche Parteiführer (Lafontaine, Gysi, Bisky) „zu Machern der Vereinigung hochstilisiert“ werden. Auch dass man Frauen oft vorwirft, was man Männern kaum vorwirft, ist zweifellos grotesk, aber zumeist nicht, weil man es den Frauen vorwirft, sondern weil man es den Männern nicht vorwirft.

Franz Schandl

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Christian Jakob / Friedrich Schorb
Soziale Säuberung
Wie New Orleans nach der Flut seine Unterschicht vertrieb.

Unrast Verlag, Münster 2008. 227 Seiten, 13,80 Euro

Die Bilder gingen um die Welt, als im August 2005 der Hurrikan „Katrina“ über New Orleans hereinbrach, kurz darauf die Dämme brachen und der größte Teil des Stadtgebietes überflutet wurde. Es folgten Debatten, ob diese Naturkatastrophe aus dem Klimawandel resultiere und warum die US-Behörden angesichts der katastrophalen Zustände im Überflutungsgebiet tagelang untätig geblieben waren.

Christian Jakob und Friedrich Schorb wenden sich mit ihrem Buch „Soziale Säuberung“ den von der Katastrophe unmittelbar Betroffenen zu. Die Autoren haben vor Ort umfänglich recherchiert, Statistiken ausgewertet, Presserecherchen betrieben, zahlreiche Zeitzeugen interviewt - also die sozialen Folgen der Katastrophe detailliert untersucht. Das Fazit ihrer Untersuchung ist eindeutig: Von der Flut waren die ärmeren Bevölkerungsteile überproportional stark betroffen. Getreu dem Motto „Beseitige die Armen und du beseitigst die Armut“ wurde die Katastrophe von den zuständigen Behörden gnadenlos dazu ausgenutzt, die Stadt von unerwünschten Bevölkerungsgruppen zu säubern.

Die Autoren weisen statistisch nach, daß die zumeist schwarze Stadtarmut mehrheitlich in Wohnvierteln unterhalb des Normalwasserspiegels wohnte, die als erste überflutet wurden. Außerdem verfügten Angehörige der Stadtarmut größtenteils nicht über die finanziellen Mittel, die es ermöglichten, vor der Flut aus der Stadt zu flüchten.

Wie im Buch weiter nachgewiesen, trat soziale Ausgrenzung, gepaart mit Rassismus gerade während und unmittelbar nach der Katastrophe unverhüllt zutage. Die Autoren dokumentieren Beispiele, in denen bewaffnete Angehörige der wohlhabenden weißen Mittelschicht schwarzen Flüchtlingen den Zugang zu ihren höher gelegenen Wohngebieten verwehrten. Schätzungen von Bürgerrechtlern besagen, daß von den 1.800 Katrina-Toten mehrere Hundert tatsächlich Opfer der Nationalgarde oder schießwütiger weißer Bürgermilizen waren. Diesbezügliche Ermittlungen unterblieben - alle Leichen wurden ohne jede Untersuchung in Massengräbern verscharrt.

Nach der Evakuierung zurückkehrenden Flutopfern wurde in vielen Fällen von privaten Wachdiensten der Wiedereinzug in ihre Quartiere verwehrt. Die lokale Wohnungsbehörde hatte die Abwesenheit der Bewohner ausgenutzt, um ein offenbar von langer Hang geplantes Programm der Privatisierung der städtischen Infrastruktur umzusetzen. Fast alle Wohnblöcke des sozialen Wohnungsbaus - unabhängig vom Grad ihrer katastrophenbedingten Schäden - fielen in den Monaten nach der Flut der Abrissbirne zum Opfer; die betreffenden Grundstücke gingen an private Entwicklungsgesellschaften. Die Autoren zitieren Kritiker, die die Stadtsanierung als eine „riesige Profitmaschine für private Immobilienfirmen“ bezeichnen.

Wie im Buch dokumentiert, war nicht nur der Wohnungsmarkt von dem neoliberalen Umstrukturierungsprogramm betroffen: Auch die öffentlichen Schulen blieben zum großen Teil geschlossen; die Mittel für den Wiederaufbau gingen an neugegründete Privatschulen. Ein Großteil der gewerkschaftlich organisierten Lehrer verlor so ihren Job. Die Stadtverwaltung wurde insgesamt „verschlankt“: Nach der Flut entließ man 3.000 kommunale Angestellte und beauftragte mit deren bisherigen Aufgaben private Beraterfirmen - bezahlt aus Hilfsgeldern, die eigentlich für die Katastrophenopfern bestimmt waren.

Die Autoren zitieren zustimmend die kanadische Globalisierungskritikerin Naomi Klein, daß der „fundamentalistische Kapitalismus“ für die Umsetzung seiner Programmatik „Krisen und Katastrophen“ benötige. Auf der Gegenseite findet man in dem Buch den republikanischen Kongressabgeordneten Richard H. Baker zitiert: „Wir haben endlich mit den Sozialbauten in New Orleans aufgeräumt. Wir selbst haben das nicht geschafft, aber Gott hat es getan.“

Mittlerweile gehen seriöse Klimaforscher ausnahmslos davon aus, daß sich Wirbelstürme und ähnliche Naturkatastrophen in den nächsten Jahrzehnten häufen werden. Der von Christian Jakob und Friedrich Schorb ausführlich dokumentierte „Fall New Orleans“ ist ein Paradebeispiel dafür, was wir zukünftig vom neoliberalen Etablishment noch zu erwarten haben. Oder von Gott.

Gerd Bedszent

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Hans Eideneier
Ärmellos in Griechenland
Griechisch-Deutsche Sprachfindigkeiten.

Romiosini Verlag und Verlag der Griechenland Zeitung, Köln 2009. 254 Seiten, 19,80 Euro

Die Klippen, die sich der Kommunikation mit Griechen in den Weg stellen, hilft jetzt der Kölner Byzantinist Hans Eideneier zu umschiffen. Das fängt schon damit an, dass Griechen eigentlich gar nicht Griechen, sondern Hellenen zu nennen sind. Seit ein paar Jahren steht an der Griechischen Botschaft in Berlin „Botschaft der Hellenischen Republik“. Es dürfte allerdings noch ein Weilchen dauern, bis sich überall Hellene gegen Grieche durchgesetzt haben wird, befindet unser hochgelehrtes Haus. Wenn nun dessen schwäbischer Name auf Griechisch (bzw. auf Hellenisch) wiedergegeben wird, nicht buchstabengetreu (orthographisch), sondern korrekterweise lautlich (orthophonisch), so käme bei der Rückübertragung ins Hochdeutsche auf wundersame Weise Enteneier heraus. Wer zu solcherart Selbstverhohnepiepelung fähig ist, beweist, dass er mit dieser vertrackten Materie nicht nur hemdsärmelig, sondern (s. oben) spielerisch-leicht umzugehen versteht. Und da Kostas Mitropulos, der Oberhäuptling hellenischer Geloiografen (Spaßzeichner, d.h. Karikaturisten), diesem Büchlein obendrein seine witzigen Bilderfindungen hinzugegeben hat, sind diese locker aneinander gereihten Sprachfindigkeiten sogar eine vergnügliche Lektüre. Für sie gilt das Diktum Alfred Hitchcocks, wonach der nichts begriffen hat, der nicht die heitere Seite der Dinge sieht. Dennoch bleibt dabei ein ernst zu nehmender therapeutischer Effekt erhalten. Es stellt sich heraus, dass Wortfindungs- und - im Griechischen noch vermehrt - Verstehensschwierigkeiten weniger vom eigenen Alzheimer (wie hieß der doch gleich mit Vornamen?), sondern zuvörderst von der Sache selber herrühren. Der ist jedoch beizukommen.

Seit jeher haben griechische Wörter im Deutschen Konjunktur, manchen sieht man ihre Herkunft längst nicht mehr an, z.B. Kirche. Die lassen wir aber im Dorf und halten uns auch nicht länger bei den Wortschöpfungen auf, die Franz Dornseiff, mein Lehrer an der Leipziger Uni, als gräkoides Esperanto bezeichnet hat, wie z.B. Polizei, Brille, Bombe, Uhr, Zirkus. Umgekehrt haben es die Griechen da leichter. Bei ihnen ist die Zahl der Fremdwörter im Vergleich zu anderen europäischen Sprachen äußerst gering. Die nach altgriechischen Wortstämmen künstlich gebildeten Begriffe in den Bereichen der Technik und Naturwissenschaften finden mühelos ins Neugriechische zurück. Es zeichnet die Mittelmeerländer ohnehin aus, den offenen Gesellschaften zuzugehören, wo Mehrsprachigkeit von altersher ausgeprägt ist. Also lassen sich im Griechischen sogar türkische Wörter ausfindig machen, was nun beileibe nicht als Eideneiersche Spitzfindigkeit anzusehen ist. Sehr von Belang sind seine Erläuterungen zu den griechischen Namensformen. Da weniger der Geburtstag, sondern eher der Namenstag gefeiert wird, könnte man auf einen Blick in den Kalender angewiesen sein, um heraus zu bekommen, wann dort wer dran ist. Einen Mikis beispielsweise findet man da nämlich nicht verzeichnet. Warum? Weil der Heilige für diesen Tag mit vollem Namen, wie sicherlich auch nicht gleich jeder weiß, Dimitrios heißt. - Beschränken wir uns auf diese Kostehäppchen. Und verstehen wir dieses Büchlein als Aufforderung, der Fraktion beizutreten, die interkulturelle Kommunikation voran zu bringen gewillt ist.

Horst Möller

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Sabine Schiffer / Constantin Wagner
Antisemitismus und Islamophobie
Ein Vergleich.

HWK-Verlag

In der Debatte um die Vergleichbarkeit des Judenhasses mit der Feindseligkeit gegenüber Muslimen legen Dr. Sabine Schiffer, Leiterin des Instituts für Medienverantwortung, sowie der Soziologe und Religionswissenschaftler Constantin Wagner mit ihrem Buch „Antisemitismus und Islamophobie“ (HWK-Verlag) eine tiefschürfende Analyse vor. Dabei weisen sie von Anfang an darauf hin, dass es natürlich um keine Gleichsetzung der Diskriminierung von Juden während des Dritten Reiches und der Diskriminierung von Muslimen im Deutschland der Gegenwart gehen kann, wie immer wieder vor allem von jenen unterstellt wird, die eine Debatte offenbar von Anfang an unterbinden möchten. Stattdessen hat ein jahrhundertealter, wegbereitender Diskurs das Denken überhaupt erst möglich gemacht, auf dem die Greuel des Nationalsozialismus entstehen konnten. „Die Behauptung, dass Juden absolut schädlich seien, war von Theologen, Spinnern, Philosophen und Demagogen so oft wiederholt worden, dass sie schließlich von Revolutionären internalisiert worden war, die entschlossen waren, entsprechend zu handeln“ zitieren die Autoren hierzu ein Werk des Sozialhistorikers Jacob Katz.

In Schiffers und Wagners Darlegungen wird schnell klar, dass die verschiedenen Gewalttaten, die in der Geschichte gegen andere Menschen begangen wurden (ob Kreuzzüge, Kolonialismus, Sklaverei oder Völkermord) grundsätzlich mit zwei Strategien rechtfertigt werden. Die eine ist die Vorstellung von einer Minderwertigkeit des Gegenübers, dem man „helfen“ müsse, seine Interessen wahrzunehmen - wobei man als Überlegener natürlich besser weiß, wo diese Interessen gefälligst liegen sollten als der Betroffene selbst. Historisch wird man hier an „the white man’s burden“ des Kolonialismus denken, etwa nach dem Motto: Wir armen Weißen müssen leider die Last schultern, die unselbständigen Schwarzen zu ordentlichen Menschen zu erziehen. Was Islamophobie angeht, findet sich diese Strategie vor allem bei der extremen Linken von den Antideutschen (konkret, Lizas Welt etc.) bis zum Alice-Schwarzer-Feminismus („auch wenn du dummes Ding meinst, freiwillig ein Kopftuch zu tragen, wirst du dadurch in Wirklichkeit unterdrückt“). Die zweite Strategie entwächst aus dem Verteidigungsmythos. Hier richtet man seine Aggressionen gegen den anderen, weil man sich vor ihm vermeintlich schützen muss - ein Denken, das viele Kriege ebenso möglich machte wie den Holocaust. Diese Strategie wird gegenwärtig vor allem von rechts vertreten: also etwa von Henryk Broder und seiner „Achse des Guten“, der Jungen Freiheit, Pro Köln, Politically Incorrect und so weiter. Natürlich lässt sich inzwischen sehr darüber streiten, ob man auch „konkret“, Lizas Welt, Alice Schwarzer und Co. noch als links bezeichnen kann. (Diese Unterteilung wurde im übrigen vom Rezensenten vorgenommen und findet sich nicht in Schiffers/Wagners Buch selbst.)

Hieran schließt Schiffers Analyse des antisemitischen Denkens an, deren Vertreter sich tatsächlich als defensive Bewegung sahen (und sehen), ähnlich wie die Islamophoben heute. So wurde unter anderem 1883 im Chemnitzer Aufruf vor der „Jüdischen Gefahr“ gewarnt, und Chamberlain legitimierte die rechtliche Schlechterstellung der Juden damit, dass man sich vor ihnen „schützen“ müsse. Vermeintliche Beweise gab es genug: „Hatten nicht mehrheitlich jüdische Attentäter 1881 Zar Alexander ermordet? War der Mörder des US-Präsidenten McKinley 1898 nicht ein jüdischer Anarchist? Steckten nicht vielleicht doch hinter weiteren Terrorakten, die die Welt in dieser Zeit in regelmäßigen Abständen erschütterten, jüdische Täter, etwa beim Mord an der österreichischen Kaiserin 1898 oder am italienischen König 1900?“ Ritualmordvorwürfe sorgten ebenso für Aufsehen wie die Dreyfus-Affäre, der Rauschgifthandel war angeblich vor allem in jüdischer Hand und etliche Ideengeber der Umbruchstimmung (Marx, Lassalle etc.) waren Juden. Hätte es damals schon das Internet gegeben, man hätte die schönsten Hassblogs mit solchen Halbwahrheiten und als Tatsachen präsentierten Spekulationen füllen können.

In der Wahrnehmung der Mehrheitsbevölkerung fanden juristische Auseinandersetzungen zur damaligen Jahrhundertwende vor allem zwischen Juden und Nichtuden statt, während die Juden selbst zusammenzuhalten schienen, wie das bei Minderheiten nun einmal häufig vorkommt. Das führte indes zu Vorwürfen wie jenem, die Juden würden einen „Staat im Staate“ bilden - heute würde man mit dem Blick auf Muslime von „Parallelgesellschaften“ sprechen. Und schon damals konnte es die religiöse Minderheit der Mehrheit nicht recht machen: Versuchten ihre Mitglieder, ihre Kultur zu bewahren, wurden sie als integrationsverweigernd dargestellt, wollten sie sich hingegen assimilieren, beschuldigte man sie der Verstellung und des Parasitentums. Ähnlich wie heute den Muslimen warf man schon damals dem Judentum eine Unvereinbarkeit mit der Moderne vor. Das Religiöse wurde als grundsätzlich verdächtig und als Bedrohung einer liberalen Gesellschaft gesehen - in einer „aufgeklärten“ Welt schien es dafür keinen Platz mehr zu geben. Und obwohl der Anteil der Juden an der Gesamtbevölkerung damals ebenso im niedrigen einstelligen Prozentbereich rangierte, wie dies heute bei den Muslimen der Fall ist, galten sie als gefährliche Fremdkörper, die die Mehrheit bedrohten. Begierig wurden Passagen aus der Heiligen Schrift der Juden gerissen („Die Fremden magst du überwuchern, deinesgleichen nicht“), um damit die Gefahr zu belegen, die angeblich von dieser Minderheit ausging. Einzelne Autoren spezialisierten sich sogar geradewegs dazu, das Alte Testament, die Gesetzeswerke Hachalot sowie philosophische Bücher und Morallehren des Judentums selektiv nach Zitaten auszuschlachten, mit denen man den Juden irgendwas ans Zeug flicken konnte. Dasselbe Spiel spielt man heute mit Zitaten aus dem Koran. Und schließlich äußerte sich das allgemeine Misstrauen in Forderungen nach einer Untersuchung der Torahschulen und deren Lehrbücher sowie nach Predigten in deutscher Sprache. Von der Mehrheitsgesellschaft gerne gehört wurden indes jene, die persönlichen Nutzen daraus zogen, als (ehemalige) Juden das „Jüdische“ abzulehnen. Auch hier liegen die Parallelen zu den Medienlieblingen der Gegenwart auf der Hand. Der „Zentralrat der Ex-Muslime“ etwa konnte sich eines begeisterten journalistischen Interesses sicher sein, wie es einem „Zentralrat der Ex-Christen“ niemals gegolten hätte.

Wie Schiffer/Wagner in einem eigenen Kapitel (und an anderen Stellen des Buches) zutreffend ausführen, ist der Antisemitismus auch gegenwärtig noch nicht völlig überwunden. Als erstes Beispiel führen die Autoren hier jene Form von Israelkritik an, die weniger mit Interesse an den Menschenrechten der Palästinenser zu tun hat als mit bedenklichen Motiven - etwa wenn Praktiken in Israel fahrlässig und augenscheinlich vor allem zur Entlastung der eigenen Geschichte mit Praktiken im Dritten Reich verglichen werden. In diesem Zusammenhang räumen die Autoren aber auch ein, dass die Debatte etwas arg irre wird, wenn etwa ein Henryk Broder solche Vergleiche einerseits tabuisieren möchte, weil sie eine Verharmlosung des Nationalsozialismus darstellten, andererseits aber beständig selbst mit Nazi-Vergleichen um sich schlägt - egal ob er diese gegen einzelne Autoren richtet oder gegen Staaten wie den Iran: „Gerade Protagonisten wie Broder verlangen nichts anderes, als Israel zur einzigen Ausnahme in der Welt zu erklären: Israel wäre demnach das einzige Land, auf den ein Nazi-Vergleich nicht angewandt werden darf.“ Mit dieser Markierung durch eine Sonderstellung werde antisemitischem Denken ebenfalls Vorschub geleistet.

Als zweites Beispiel für antisemitische Versatzstücke in der Gegenwart führen Schiffer und Wagner Udo Ulfkottes Reißer „Gencode J“ an: „In diesem Roman konstruiert der Autor eine als Fiktion getarnte antisemitische Verschwörungstheorie ohnegleichen. Er beschreibt Machenschaften des Mossad sowohl in Nahost als auch in Europa, die nahe legen, dass die wirkliche Politik hinter den Kulissen der öffentlich werdenden Debatten gemacht wird - nämlich in Israel. Während der Mossad-Agent Abraham Meir sowohl innerhalb des Dienstes als auch nach seiner unehrenhaften Entlassung die Fäden einer Verschwörung zieht, wird diese gezielt Osama bin Laden und einem islamistischen Netzwerk in die Schuhe geschoben. Die Weltöffentlichkeit glaubts. Und während sie sich durch falsch gestreute ‘Informationen’ hinters Licht führen lässt, verfolgt Meir - seinem religiösen Wahn vom heiligen jüdischen Land erlegen - die Verseuchung der Erde mit Pesterregern, die in israelischen Labors gentechnisch so manipuliert worden seien, dass sie die Mitglieder des jüdischen Priestergeschlechts Kohanim verschonen sollen.“

Schiffer und Wagner merken hier zu Recht an, dass Personen und Gruppen, die sonst auch vor den verstiegensten Unterstellungen von Antisemitismus nicht zurückschrecken (Henryk Broder und seine „Achse des Guten“, Lizas Welt und die Lobbygruppe Honestly Concerned wären hier beispielhaft zu nennen), Ulfkottes Machwerk in trauter Einigkeit übergehen. Der Gedanke liegt nahe, dass dies nicht zuletzt daran liegt, dass Ulfkotte in seinen neueren, nicht weniger reißerischen „Sachbüchern“ dieselbe Gruppe als Zielscheibe wählt, die auch von Broder und Co. ins Kreuzfeuer genommen werden: die Muslime.

War in den bisherigen Kapiteln die Islamophobie der Gegenwart nur implizit und gespiegelt im Antisemitismus der Vergangenheit Thema, kommen Schiffer und Wagner nun direkt darauf zu sprechen. So wie damals die Ängste vor den Juden vor dem Hintergrund politischer und wirtschaftlicher Unsicherheiten entstanden, ist es heute offenbar die Globalisierung, die zu ähnlich bizarren Befürchtungen führt. Schiffer liefert einen groben Abriss der islamophoben Szene zwischen Internetportalen, obskuren Bürgerinitiativen und antimuslismischen Karikaturen wie etwa jenen Götz Wiedenroths. Es gibt wohl nichts Neues unter der Sonne: Webblogs wie Politically Incorrect und die von Udo Ulfkotte betriebene Website akte-islam.de erinnern die Autoren in ihren endlosen Auflistungen von muslimischen Taten an die Sammlung „jüdischen Vergehens“, die Hans Diebow 1938 für die Ausstellung „Der ewige Jude“ herausgab und die auf über 100 Seiten die Weltverschwörungsabsichten der Juden beweisen sollte - natürlich jeweils garniert mit Zitaten aus der Torah: „Aus jeder Zeit und von jedem Ort der Welt wird alles, was Juden diffamieren könnte, in einem Sammelsurium zusammengestellt. Dabei wird eie direkte Linie zwischen Beobachtungen aus dem Ghetto im Osten, jüdischen Viehändlern in Deutschland bis hin zu Geschäftsleuten aus den USA gezogen.“ Das ist natürlich dasselbe Prinzip, nach dem sich Politically Incorrect, Akte-Islam und ihre vielen Epigonen ausrichten.

Nicht nur die sprachlichen Parallelen sind offensichtlich - so wie heute die „Musel“ verspottet werden, machte man sich damals über die „Wollschädel“ lustig - auch die eifernden Prediger fanden sich schon damals: „Der Gott Jehowa (= Jahwe) hat mit der deutschen Religionsauffassung nicht das mindeste zu tun. Jahwe ist der Stammesgott der Juden und sonst nichts. Alle anderen Völker will er ausrotten oder wenigstens schädigen.“ Man lese im Kommentarbereich von Politically Incorrect die geradezu geifernden Beiträge gegen den „armseligen Wüstendämon Allah“ und findet dort dieselben Zeichen religiösen Wahns, der sich an dem Motto „Mein Gott ist viel stärker als deiner“ orientiert. Auch zu der von Ulfkotte & Co. gestreuten Behauptung, Muslime würden in Metzgereien auf das angebotene Schweinefleisch spucken, findet sich eine Parallele aus dem Jahr 1901 - nur dass es damals hieß, Schweinefleisch sei von Juden mit Urin beschmutzt worden. Und wenn auf „Akte Islam“ verbreitet werde, dass ein Moslem dazu aufgerufen habe, „das Blut der Ungläubigen zu trinken“, erinnere das an Ritualmordvorwürfe, die in früheren Zeiten gegen die Juden gerichtet wurden.

Gründlich analysieren Schiffer und Wagner die Sprache, die auf Websites wie Politically Incorrect gang und gäbe ist und mit welcher der Islam im Zusammenhang mit Wörtern wie „Krebsgeschwür“ und „Ansteckungsgefahr“ genannt wird, geradezu inflationär aber auch mit dem Nationalsozialismus und dem Faschismus gleichgesetzt wird. Beides sorge dafür, dass dem Islam und den Muslimen jegliche Existenzberechtigung abgesprochen werde. Und wenn früher Saddam Hussein und heute Ahmadinedschad der „neue Hitler“ sei, ermögliche diese Dämonisierung offenbar die Propaganda für einen Angriffskrieg und damit die diskursive Ausschaltung des Völkerrechts. Wo hingegen bei Diffamierungen anderer Gruppen (Antisemitismus, phänotypischer Rassismus) beherzt eingegriffen wird, gilt die kollektive Diffamierung von Muslimen als „freie Meinungsäußerung“. Inzwischen müsse sich die Verteidiger der Minderheiten für ihr „Gutmenschentum“ rechtfertigen.

Eine besonders unrühmliche Rolle spielt bei solchen Manövern - hier ist den Autoren klar zuzustimmen - einmal mehr Henryk Broder. Wenn dessen Warnungen vor einer „Islamisierung“ und der „Lust am Einknicken“ sowie seine Kriegspropaganda berauschte Würdigungen von Journalisten erhalten, dann wirft dies, wie Wagner und Schiffer ausführen, in der Tat ein bezeichnendes Licht auf den intellektuellen Zustand der Republik - oder zumindest auf den Zustand unserer Medien: Die Republik insgesamt dürfte von Broders Verstiegenheiten eher entnervt sein, während vor allem seine Kollegen ganz ergriffen von seinem Gegifte auf den Knieen liegen. Schiffer führt zu dieser irritierenden Reaktion auf Broders Hetze aus: „Auch die Übernahme antisemitischer Motive und Topoi in den antiislamischen Diskurs sowie seine Nazi-Verbalia werden damit für legitim und mehrheitsfähig erklärt. So auch anlässlich des siebzigsten Jahrestages der Reichspogromnacht am 9. November 2008 in Nürnberg, wo er stehende Ovationen dafür erhält, dass er es den Menschen erlaubt, wieder jemanden zu hassen“. Während der Antisemitismus heute im Bildungsbürgertum verpönt ist, war er das im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts keineswegs, sondern erhielt von Ingenieuren, Lehrern und anderen Akademikern ebenso starken Aufwind, wie dies heute bei der Islamophobie geschieht. Gegenwärtig vereint die Anti-Islam-Haltung die widersprüchlichsten politischen Ausrichtungen: so etwa Neoliberale, Feministinnen, christliche Fundamentalisten, Humanisten, Rechtsextreme und Antideutsche. Nirgends ist man sich so einig wie im gemeinsam ausgemachten Feind.

Mit einem Kapitel über die Darstellung des Islams in den Medien baut Sabine Schiffer auf ihrem sehr gelungenen Buch über speziell dieses Thema auf. Dabei fällt auf, wie manipulativ Journalisten wieder und wieder Terrorakte und Religion insbesondere auf Bildebene miteinander verknüpfen, so als sei beides wechselseitig bedingt. Als eines von vielen Beispielen analysieren die Autoren eine suggestive Reportage Esther Schapiras über den Mord an Theo van Gogh: „Der Beitrag (…) beginnt mit einer Koranrezitation, dem Blick in eine Moschee und auf ein Wandbild von Mekka. (…) Damit wird der Mord nicht mehr dem einzelnen Täter, der Muslim ist, sondern allen Muslimen zugeordnet.“ (Broder geht in seinen Büchern auf ähnliche Weise vor). Wir als Zuschauer sind an solche Collagen auch aus Zeitschriften bereits so gewöhnt, dass wir sie kaum noch hinterfragen. Um unsere Wahrnehmung zu schärfen und uns aufzurütteln, entwirft Schiffer eine Analogie: „Wir stellen uns vor, ein Bericht über den Einsatz israelischen Militärs im Gaza-Streifen begänne mit dem Blick auf eine Synagoge - vielleicht einen Einblick in einen Gottesdienst - und schweift dann über die Menorah einer Schabbat-Feier hinweg hinüber zu einem Kippa-tragenden Vorbeter mit Gebetsschal und Schläfenlocken. Diese Praxis würde die Aktivitäten israelischer Militärs als ‘jüdisch’ markieren“ - und wäre als antisemitische Propaganda sofort erkennbar. Eine vergleichbare Darstellung des Islams wird von den meisten Rezipienten nicht einmal mehr hinterfragt.

Insofern, so die Autoren, bilde „der antiislamische Propaganda-Film FITNA von Geert Wilders (…) nur einen kleinen Höhepunkt in der langen Tradition des Zusammenschnitts“. Fast sei es zu bedauern, dass der NS-Propagandafilm „Der ewige Jude“ für die Öffentlichkeit unter Verschluss liege, da hier die Parallelen zu FITNA deutlich zu erkennen seien. Dementsprechend wies die niederländische Gruppe „Eine andere jüdische Stimme“ um Harry de Winter zu Recht darauf hin, dass Wilders Film sofort geächtet würde, wenn man „Moslem“ durch „Jude“ ersetzen würde: „Ein Demonstrant, der das auf einem Plakat umgesetzt hatte, wurde auch verhaftet. Diese Gegenprobe zeige das Messen mit zweierlei Maß in Bezug auf die Diffamierung von Juden und Muslimen deutlich - ebenso deutlich wie etwa Henryk Broder, wenn er einerseits nach dem Schema „Antisemitismus ankreiden und überall wittern“ verfahre und daraufhin eben mit den angeprangerten Mitteln der Diffamierung über Muslime und den Islam herziehe. Und auch ein Ralph Giordano spiele inzwischen „eine fast tragische Rolle, weil er gegen den Moscheenbau mit ähnlichen Argumenten zu Felde zieht, wie 100 Jahre zuvor die Judenhasser gegen den Synagogenbau“. Wobei unsere Medien es selbstverständlich sofort zur Schlagzeile machen, wenn Giordano von Muslimen oder wem auch immer Morddrohungen erhält, aber Morddrohungen aus dem Umfeld von Giordanos Verbündeten, dem Blog Politically Incorrect, etwa gegen politischkorrekt.info (inzwischen „Politblogger“) keine Schlagzeile wert sind. Morddrohungen scheinen nur dann medial interessant zu sein, wenn derjenige, der sie äußert, behauptet, Moslem zu sein.

Hier gelangt die Analyse Wagners und Schiffers an einen besonders interessanten Punkt. Es fällt schon auf, dass Broder und Giordano beides Juden sind. Interessant ist hierbei, dass die deutschen Medien aus der gesamten Menge an „Islamkritikern“ aktuell eben nicht Raddatz, Ulfkotte oder irgendjemand anderen als Kronzeugen für die Islamisierungsgefahr herausgegriffen und zu Stars gemacht haben, sondern eben Broder und Giordano. Naheliegend ist es, dahinter den zynischen Wunsch vieler Journalisten zu vermuten, politisch korrekt und fremdenfeindlich zugleich sein zu können, etwa nach dem Motto: „Hey Leute, die Juden haben gesagt, wir dürfen jetzt wieder auf Minderheiten losgehen!“ Schiffer und Wagner hingegen sehen in dieser Besetzung (und anscheinend auch durch das Platzieren von Themen wie „muslimischer Antisemitismus“) den Versuch, Juden und Muslime medial gegeneinander aufzuwiegeln und im Zuschauer hier das Bild einer unausweichlichen Konfrontation zu verankern. Schiffer und Wagner zufolge „arbeitet die Konfrontationsstellung zwischen Juden und Muslimen bestimmten geostrategischen Interessen zu. Einigen Betroffenen ist es gelungen, dies zu durchschauen und zu durchbrechen.“

Im folgenden Kapitel präsentieren Schiffer und Wagner genau diese Gruppen, Projekte und Einzelpersonen, die die anscheinend gewollte Konfrontationsstellung bewusst durchbrechen und infolgedessen in den Medien, wenn sie überhaupt erwähnt werden, sehr viel weniger Aufmerksamkeit erhalten als Broder und Giordano. Dabei handelt es sich beispielsweise um Organisationen wie Schalom 5767, die Jüdische Stimme für gerechten Frieden in Nahost, die European Jews for a Just Peace, der Berliner Arbeitskreis Nahost, die jüdisch-palästinensische Dialoggruppe, das Projekt Opfer treffen Opfer, die Jewish Voice for Peace, die Jüdisch-Islamische Gesellschaft in Deutschland, das Abrahamische Forum Deutschland, das Jugendtheater Grenzenlos, der Türkisch-Jüdische Runde Tisch, der jüdisch-muslimische Seniorenkreis, die Sarah-Hagar-Initiative, die Kreuzberger Initiative gegen Antisemitismus, die Jewish Contribution to an Inclusive Europe - man könnte damit eine ganze Blogroll füllen. Und gleich danach könnte man weitermachen mit all den Einzelpersonen, die sich gegen den ständig heraufbeschworenen „Kampf der Kulturen“ engagieren, so etwa Alfred Grosser, John Bunzl, Norman Finkelstein, Shraga Elam, Ian Kershaw, Micha Brumlik, Rolf Verleger, Evelyn Hecht-Galinski und viele mehr - mit anderen Worten die gesamte Hassliste von Henryk Broder und Co. In die Schlagzeilen und die Talkshows schaffen es hingegen Themen und Personen wie zum Beispiel eben Hendryk Broder und die palästinensische Hamas. Wird ausnahmsweise einmal über die Gründung einer Gruppe wie der Jüdisch-Islamischen Gesellschaft im März 2008 berichtet, die von jüdischen, muslimischen und christlichen Vertretern viel Lob erhielt, wobei es aber mit dem Leiter einer Israelitischen Kultusgemeinde in Süddeutschland eine einzige Gegenstimme gab, titelte die „Süddeutsche Zeitung“ prompt „Juden gegen Islam-Projekt“.

Wagner und Schiffer indes machen klar, dass sie in eben solchen Projekten die Hoffnung sehen, BEIDES zu überwinden: den Antisemitismus und die Islamophobie. So habe etwa die Erklärung des Jüdischen Kulturvereins Berlin „Wider die Islamophobie“ im Jahre 2004 eine Erklärung der Deutschen Muslimliga nach sich gezogen, in der sich diese gegen jede Form von Antisemitismus und weitere Diskriminierungen aussprach. Anlässlich der OSZE-Antisemitismuskonferenz 2004 ließ der Zentralrat der Muslime verlauten, dass „die Bekämpfung rassistischer und totalitärer Ideologien, wie des Antisemitismus, ein Anliegen eines jeden Muslims sein muss“. 2006 forderte die Schura Hamburg in einer Pressemitteilung zum Holocaust-Gedenktag, dass jeder Versuch von Holocaust-Leugnung oder -Relativierung zu verurteilen und zu unterlassen und nicht mit dem Islam vereinbar sei. Man könnte weitere von Schiffer und Wagner genannte Beispiele aufführen, die wunderbar geeignet wären, die von vielen Journalisten offenbar gewünschte Polarisierung zu überwinden. Vermutlich liegt hier auch tatsächlich die Zukunft der Debatte um Antisemitismus und Islamophobie.

Abschließend: Das Buch von Sabine Schiffer und Constantin Wagner lässt sich von seinem Anspruch sehr gut mit der Dokumentation Islamfeindschaft und ihr Kontext des Zentrums für Antisemitismusforschung vergleichen. Alles Behauptete wird bestens belegt, es gibt im Anhang des Buches sogar ein ausführliches Glossar sowohl zu Fachausdrücken als auch zu konnotativ-semantisch gelandenen Schlagworten wie „Dhimmitude“, „Islamkritik“, „Islamophilie“ und „Taqiya“. Das Buch ist für die Islamdebatte ein großer Gewinn, da seine Autoren den Blick dafür freiräumen, welche zu Recht eigentlich längst diskreditierten Methoden hier zugunsten eines neuen Feindbilds wieder aufgegriffen werden. So wie der Antisemitismus wenig bis nichts über die Juden, aber viel über die Antisemiten aussagt, verrät uns auch die Islamophobie vor allem etwas über die moralische und mentale Verfasstheit der Islamophoben. Insofern dürfte es gegen die Analyse von Schiffer und Wagner von denjenigen, die vor allem an einer Vertiefung der Gräben interessiert sind, dieselben Anpöbelungen geben, wie sie noch vor wenigen Wochen gegen die ZfA-Dokumentation geäußert wurden. Die Aufmerksamkeit der Medien (vom SPIEGEL bis zum „Perlentaucher“) und damit natürlich auch das schnelle Geld dürfte weiterhin vor allem den Pöblern und Demagogen sicher sein, was von hohem Idealismus Sabine Schiffers und Constantin Wagners zeugt, die Debatte trotzdem wieder auf seriöse Pfade zurückführen zu wollen. Man kann ihnen dafür nur danken, ihnen alles Gute wünschen und die eigene Unterstützung anbieten.

Arne Hoffmann

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Thomas Collmer
Pfeile gegen die Sonne
Der Dichter Jim Morrison.

4. um ein langes Nachwort ergänzte Auflage, 2 Bände. Maro Verlag 2009, 964 Seiten (+ 24 Bildseiten), 39,– Euro

Mit „Pfeile gegen die Sonne“ von Thomas Collmer liegt nun in der vierten Auflage ein umfassendes Werk vor, das sich nicht mit dem Rockstar, sondern mit dem Dichter und Denker Jim Morrison befasst. Mit jeder Auflage wurden Korrekturen (wie die Datierung der Rock is Dead-Session) vorgenommen sowie neue Erkenntnisse verarbeitet sodass dieses Werk nun auf dem aktuellen Stand der Forschung ist. Längst hat sich Pfeile gegen die Sonne im deutschsprachigen Raum als Standardwerk zu Jim Morrison etabliert.

Angeschlossen an das Werk ist ein dreigeteiltes Nachwort. Der erste Teil greift bestimmte Themen und Aspekte auf und ergänzt diese durch neuere Erkenntnisse und Erläuterungen. Teil 2 befasst sich mit der Analyse einiger neuer Sekundarliteratur. Teil 3 schließlich geht auf Vorgehen und Methode des Buches ein. Ein gut sortiertes Literaturverzeichnis sowie ein Register der interpretierten Songtexte und Gedichte bilden den Abschluss. Die Kapitelreihenfolge ist nicht zwingend einzuhalten. Man kann dort einsetzen wo das Interesse liegt, sei es ein bestimmter Aspekt oder Autor. Durch das Register ist das Buch auch als Nachschlagewerk zu nutzen.

Worum es in dem Buch geht trifft der Text des Buchumschlags ziemlich genau: „Pfeile gegen die Sonne spürt Morrisons Vorbildern nach, seiner metaphernreichen Sprache, seinem Selbstverständnis. So entsteht eine intellektuelle Biographie im Schnittfeld von Philosophie und Literaturwissenschaft, Magie und Psychologe, Rockkultur und Politik“.

Thomas Collmer analysiert nicht nur mögliche literarische Hintergründe der Songtexte und Gedichte Morrisons, sondern stellt zudem Autoren und Stilrichtungen ausführlich dar, ohne deren Verständnis, das Werk wie auch die Person Morrisons nicht zu begreifen ist. Neben bekannten Quellen wie Artaud, Celine, Nietzsche oder Rimbaud führt Collmer eine Menge bisher unbekannter Autoren auf, die Morrison ganz offensichtlich beeinflusst haben, wie James Baldwin oder Richard Farina.

Bemerkenswert ist die Gliederung des Buches. Es werden keine Songs oder Gedichte in loser Folge besprochen. Stattdessen stehen die 21 Kapitel unter thematischen Oberbegriffen. So wird die Interpretation der Schriften ihren Zusammenhängen gerecht. Beispielsweise lässt sich der Einfluss avantgardistischen Theaters, wie des Living Theaters, auf Morrison nur kontextuell begreifen, nicht aber auf einzelne Songs festnageln. Das zeigt sich auch bei immer wiederkehrenden Begriffen wie ‘Sun’, ‘Night’, ‘Snake’, ‘End’, die für Morrison auch von persönlicher Bedeutung waren, wie Collmer auch bei der Darstellung von solarem und lunarem Prinzip aufzeigt.

Interessant ist die Darstellung der Arbeitsweise und Stilmittel Morrisons. Denn hier gelingt es Collmer, den Mythos Morrison insofern zurecht zu rücken, als er aufzeigt, dass viele seiner Schriften eben nicht seiner Phantasie entsprungen sind, sondern dass er sich bei einer Vielzahl von literarischen Quellen und in der griechischen Mythologie Anleihen genommen hat. In Anbetracht der enormen Literaturkenntnisse Morrisons mögen diese Anleihen gelegentlich unbewusst geschehen sein, in anderen Fällen sind sie aber so deutlich, dass eine Verbindung erkannt werden kann. In einzelnen Fällen (wie bei Dylan Thomas und Samuel Beckett) zeigt Collmer auf, dass Morrison schlicht abgeschrieben hat.

Dabei bringt er gelegentlich so viele Quellen ein, dass zwar eine Vielzahl von Interpretationen möglich ist, aber auch die Gefahr besteht, dabei den Überblick zu verlieren. Das gilt z.B. für den Songtitel ‘Five to One’. Collmer bringt zur Bedeutung dieses Titels eine Fülle an plausiblen Möglichkeiten ein und erweitert dieses Spektrum in dieser Auflage weiter. Collmers Verdienst ist es, dass er all diese möglichen Vorlagen für Morrisons Texte aufgespürt und ausführlich analysiert hat. Einige davon werden von ihm erstmals ins Spiel gebracht. Welche Arbeit dahinter steckt, lässt sich nur erahnen.

Zudem zeigt er etwa bei ‘Moonlight Drive’ auf dass Morrison bei seinen Texten (sowohl den Songtexten als auch den Gedichten) nicht von ‘der Muße geküsst’ wurde, dass also nicht die erste bereits die endgültige Fassung war, sondern dass die Texte einem Entwicklungsprozess unterlagen, bis sie in der endgültigen Fassung vorlagen. Interessant ist auch die Darstellung, dass Morrison Fragmente aus einen Songtexten und Gedichten neu kombiniert hat. Bruchstücke einzelner Texte finden sich in abgewandelter Form in anderen Texten wieder.

Gute Arbeit hat Collmer auch bei der Schilderung der Persönlichkeit Morrisons geleistet. Eine Darstellung, die der komplexen Persönlichkeit Morrisons gerecht wird. Keine Schwarz-Weiß-Malerei, keine Verherrlichung Morrisons (wie sie immer wieder zu beobachten ist) und keine Darstellung Morrisons als versoffener Freak (wie es leider auch oft vorkommt). So vermeidet er bei Themen die andernorts gerne ausgeschlachtet werden jedwede Effekthascherei und Sensationsgier. Selten wurde Morrisons Anliegen außerhalb der Musik, wie etwa die Freiheit des Individuums, so demonstrativ dargestellt. Eindringlich auch die Schilderung der Hilflosigkeit und Verletzbarkeit des späten Morrison, die zunehmende Distanzierung zu seinen Fans. Deutlich aufgezeigt wird seine Verstrickung in die amerikanischen Unterhaltungsindustrie, der er sich trotz seiner, letztendlich misslungenen Versuche der Medienmanipulation nicht entziehen konnte. So ist es ist nicht erstaunlich, dass Collmer intensiv auf das Thema der Selbstmythologisierung Morrisons eingeht.

Neue Aspekte finden sich in diesem Buch auch im Verhältnis Jims zu seinem Vater. Demnach war dieses Verhältnis gar nicht so kühl und abweisend, wie es bisher immer dargestellt wurde. Auch einen völligen Bruch hat es wohl nicht gegeben. Dies entspricht wohl eher Jims Selbstmythos. Offensichtlich hat sein Vater Morrisons Karriere mit Interesse verfolgt und sei auf dessen Erfolg durchaus stolz gewesen, wenn auch er sich, was moderne Musik betreffe, nicht kompetent fühlte.

Collmer hat sich die Mühe gemacht, die zitierten Quellen (und das sind nicht wenige) im Original zu lesen. Das sind dann zumeist englischsprachige Quellen. Daran kommt man aber auch nicht vorbei, will man Parallelen zu Morrisons Schriften aufdecken. Da er aus diesen Quellen immer wieder in der Originalsprache zitiert, ist es sinnvoll, wenn der Leser zumindest ordentliche Englischkenntnisse mitbringt.

Leider ist das Buch nicht immer einfach zu lesen. Dazu tragen Autoren wie W.S. Burroughs oder Antonin Artaud bei, die nicht einfach zu verstehen sind. Die teilweise sehr, manchmal vielleicht auch zu ausführliche Auseinandersetzung mit Morrisons literarischen Bezugspersonen und möglichen literarischen Quellen führt gelegentlich zu gewissen ‘Längen’. Dennoch gibt es zumindest in der deutschen Sprache kein vergleichbares Werk, nicht in der Genauigkeit der Recherche, nicht in der Ausführlichkeit und auch nicht im Umfang. Es ist kein Buch, das sich mal nebenbei liest. Man sollte sich schon intensiver damit auseinander setzen. „Pfeile gegen die Sonne“ dient nicht der Unterhaltung (kann es auch nicht), sondern dem Verstehen. Von dieser Prämisse ausgehend muss man das Buch betrachten d.h. lesen. Dann aber bekommt man aber eine Menge neuer Aufschlüsse, die sowohl dem besseren Verständnis der Schriften und der Person Morrisons dienen, als auch dem Verstehen der Quellen selbst, an die Morrison sich angelehnt hat. Für viele Leser dürfte das Buch auch Ansporn, sein das eine oder andere Buch, das hier erwähnt oder besprochen wird, erstmals oder auch wieder zu lesen.

Christian Stede

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Helena Bobinska
Die Rache des Kabunauri
Übersetzt aus dem Polnischen von Wanda Koch. Jugendroman. BS-Verlag-Rostock, Rostock 2003. 120 Seiten, 9,90 Euro

Späte Bekanntschaft mit einer Unbekannten
– Lesen im Club der toten Dichter –

Ob Helena Bobinskas Roman bereits auf der Liste des Bibliothekars Dr. Hermann zur Bücherverbrennung vom 10. Mai 1933 indiziert war, ist nicht gesichert. Sicher aber ist, Die Rache des Kabunari erscheint auf der „Liste des schädlichen und unerwünschten Schrifttums“ von 1938 auf Seite 13. Sicher ist auch, westdeutsche Literaturlandschaft, angeführt vom Börsenverein des Deutschen Buchhandels, lebte mit all den damaligen Listen nicht unzufrieden, hielt und hält sich, bis auf wenige Ausnahmen, auch 2009 daran. Im Westen nichts Neues. Im Westen der Club der rund einhundertfünfzig toten Dichter, abgesehen von einzelner nicht Wiederbelebung, statt dessen Überleben trotz Bücherverbrennung. Zu den Überlebenden gehören die Werke Elena Fedorovna Bobinskajas nicht.

Und der östliche Teil deutscher Zweistaatlichkeit? Nein, auch im Osten nichts Neues, bis auf wenige Ausnahmen, Ausnahmen, die inhaltlich dem sozialistischen Gesellschaftsentwurf näher standen, aus solcher Nähe heraus den Nationalsozialisten besonders schädlich, ausdrücklich unerwünscht waren. Folgerichtig erscheint der erstmals 1931 auf Deutsch publizierte und von den Nazis indizierte Jugendroman 1949 in der Ostzone im Verlag Neues Leben in Berlin, erlebt eine Neuauflage 1959 in der „sogenannten DDR“ im Verlag Kultur und Fortschritt, Berlin. Was für Nationalsozialisten schädliches und unerwünschtes Schrifttum war, blieb von westdeutschen Büchertischen wegen „positivistischer“ Darstellung östlicher Sozialisierungsversuche der Vorkriegszeit weiterhin verb(r)annt, wurde in ostdeutschen Bücherstuben wegen seines Wahrheitsgehaltes anerkannt.

Und die nunmehr geeinte Republik? Sie möchte schweigen. Besonders westliche Mehrheit möchte solche Literatur verschweigen. Auferstehung, jenes christ-österliche Bild mag nicht so recht zur Literaturlandschaft passen. Auch das Bild des geeinten Deutschlands samt blühender Landschaften mag nicht so recht passen. Warum sollte also ein kleiner Verlag passen, noch dazu eine Verlegerin in Rostock, in der nun ehemaligen DDR und Neubundesrepublik, wenn es darum geht, die verfemten, verbannten, verbrannten Autoren dem Publikum zurückzugeben, sie aufblühen, auferstehen zu lassen? Immerhin sind im Verlag dreizehn Titel verfemter Autoren in der Sonderreihe Das verbrannte Buch neu veröffentlicht.

Helena Bobinska hatte ihre Erzählung Die Rache des Kabunauri in die Zeit zwischen zwei Weltkriege, genauer in das erste Jahrzehnt nach der Oktoberrevolution eingebettet. Schauplatz sind der damals östliche Teil Polens um das heutige Tiflis und kaukasische Bergregionen Georgiens. Der Protagonist Niko wird als Findelkind im Säuglingsalter in Tiflis von der Familie Tolkatschow aufgenommen und aufgezogen. In den politischen, bürgerkriegsähnlichen Wirren nach dem Untergang des Zarenreiches wird seine Pflegefamilie von ihm getrennt. Ab seinem sechsten Lebensjahr auf sich gestellt, erweist sich das Vorrücken der Roten Armee und die ihr nachfolgende politische Sozialisierung für Niko als Glücksfall gesicherter Existenz mit Heimerziehung und erster schulischer Ausbildung. Freudig nimmt der Junge die sozialistischen Ideale an, unterwirft sich bereitwillig den Anforderungen und Ritualen der Komsomolzen. Nie aber vergißt er die Pflegefamilie, sehnt sich nach den Pflegeeltern und deren Tochter. Mit Abschluß einer 7-jährigen Schulausbildung, persönlich und beruflich für seinen weiteren Weg wenig festgelegt, erhält er über eine ihm vertraute Person Gelegenheit zu einer Reise in ein entlegenes Bergdorf zum Stamm der Chewsuren. Hier erfährt er, der bisher unter dem Familiennamen Tolkatschow gelebt, seine Pflegeeltern als seine Familie angenommen, sich darin verwurzelt geglaubt hatte, er sei als letzter männliche Nachkomme der Chewsurensippe Kabunauri nur deshalb zum „Findelkind“ gemacht worden, um abseits in Blutrache verfeindeter Stämme unbeschadet aufzuwachsen, „Tradition“ einschließlich Blutrache fortleben zu können. Als nun Niko Kabunauri der in städtischer Umgebung aufgewachsene Jugendliche wird mit den harten Lebensbedingungen der Bergstämme konfrontiert, ebenso mit ihren mittelalterlichen Auffassungen der Geschlechterrollen, Ehe, Familie und Ehre. Mit Anpassungsfähigkeit des unfertigen Jungmannes sucht der Protagonist sich den neuen Anforderungen und Herausforderungen zu stellen, kann sich trotz aller Bemühungen und seines mehr als nur guten Willens nicht mit den Bräuchen der Bergstämme arrangieren. Zwei Welten prallen aufeinander, gehen im gesellschaftlichen Wandel letztlich in einer dritten Welt auf.

Auch wenn die Autorin solches mit dem Titel der Erzählung ganz sicher nicht ausdrücken wollte, solch abrupter Übergang archaischer Gesellschaften in Neuzeit könnte durchaus als „Rache“ der Moderne verstanden werden.

Jugend heute wird sich ohne detaillierte zeitgeschichtliche Kenntnis zwar grundsätzlich mit dem Erzählten anfreunden können, jedoch über bloße Unterhaltung hinaus keinerlei Erkenntnis gewinnen. Dem kundigen/sachkundigen Leser liefert die Schriftstellerin ein gutes Stück Zeitgeschichte und eine Gesellschaftsstudie en miniature sowohl der sozialen Umbrüche in Osteuropa im ersten Drittel des zwanzigsten Jahrhunderts als auch der Herausforderungen zur Überwindung tradierter Stammesrituale. Letzteres gewinnt gar für die Auseinandersetzungen im Nahen- und Mittleren Osten heute Tagesaktualität.

Angenehm knapp entwickelt Helena Bobinska einen breit gefächerten Spannungsbogen, hält überraschende Wendungen bereit, folgt konsequent den Handlungssträngen. Allerdings nimmt sie einen zunächst angelegten Nebenstrang nicht wieder auf, läßt ihn als Luftmasche enden. Für einen Jugendroman sicher vertretbar, im Genre Entwicklungsroman eine nicht ganz läßliche Sünde. Die Übersetzerin nimmt den Sprachduktus Bobinskas zunächst auf, um dann erkennbar in eigenem Sprachfluß zu verflachen, was jedoch dem Erzählten und der Spannung keinen Abbruch tut.

In modernen Zeiten hält dann digitale Satztechnik gerne Überraschungen bereit. Besonders schade ist, daß dem Werk nicht eine mehr dem Bibliophilen zugeneigte Gestaltung für äußere Aufmachung widerfahren ist.. Ein wenig entschädigen in Textseiten eingewobene Federzeichnungen von Ernst Jadzdewski.

Keine Frage aber, Nationalsozialisten hatten keine Wahl. Für sie war der Inhalt sowohl schädlich als auch unerwünscht. In Wahrheit aber ist das Werk hilfreich, seine Verbreitung wünschenswert. Als Wessi schäme ich mich ein wenig, erst jetzt und 64 Jahre nach dem Untergang der Reichsschrifttumskammer mit Elena Fedorovna Bobinskaja und Die Rache des Kabunauri Bekanntschaft geschlossen zu haben.

Teja Bernardy

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Frank Meier
Religiöser Fanatismus
Jan Thorbecke Verlag, Ostfildern 2008. 174 Seiten, 19,90 Euro

Nicht daran glauben

Wie sich ‘Menschen zwischen Glaube und Besessenheit’ (Untertitel) von der Antike bis heute mitmenschengefährdend verhalten haben, erfahren wir in diesem Buch. Der Karlsruher Professor Meier stellt unmißverständlich fest: „Extremismus, Fundamentalismus, Terrorismus - religiöser Fanatismus ist eine der größten Gefahren unserer Zeit.“ Dabei beweist er aber, daß dies keine Erfindung der Moderne ist, sondern die Geschichte seit Jahrhunderten als sozialschädliches Verhaltensmuster durchzieht. Meier stellt von Anfang an klar: „Dieses für den interessierten Laien geschriebene Buch ist einseitig, spart die großen kulturellen Leistungen von Judentum, Christentum und Islam ... aus ... und konzentriert sich in bewußter und exemplarischer Beschränkung auf ihre gewaltsame Komponente“ (Vorwort).

Das erste Kapitel präsentiert ‘Religiöse Eiferer in der Antike’ - seit damals zieht sich die blutige Spur der sogenannten Offenbarungsreligionen durch die Historie. Meier erinnert aber auch an die Christen, die bereit waren, den Märtyrertod für ihren Glauben zu erleiden. Interessant ist ja, wie durch das Mailänder Toleranzedikt von 313 aus Verfolgten Verfolger wurden. Darin lautete einer der zentralen Sätze: „Keinem Menschen soll die Möglichkeit verweigert werden, sein Herz entweder dem Kult der Christen zu weihen oder aber der Religion, die er selbst für die angemessenste hält.“ Bereits 380 wurde das Christentum in Rom zur Staatsreligion erklärt und man ging gegen „Ketzer“ vor. Wie eine Ironie wirkt da der von Thomas von Aquin zitierte 1. Brief an die Korinther (Vers 19): „Denn es muß Irrlehren geben, damit unter euch deutlich wird, wer zuverlässig ist.“ Seit der Synode von Verona 1184 gingen Papst und Kaiser gemeinsam gegen Häretiker vor, woraus sich die systematische Inquisition entwickelte. In den Massakern der Kreuzzüge wurden Tausende „Ungläubiger“ niedergemetzelt.

Im Mittelalter wurde auf Katastrophen durch religiöse Riten reagiert, woraus sogar eine Art kollektiver religiöser Solidarität erwuchs. Dazu stellt Meier fest: „Krisenhafte Zeiten fördern also religiösen Fundamentalismus - heute wie früher.“ Eine Religion sieht sich im Besitz der absoluten Wahrheit und teilt die Menschheit in Recht- und Falschgläubige ein. Schon im Mittelalter sah sich die Amtskirche durch die individuell-visionären Glaubenspraktiken der Mystiker bedroht. Und aus der Religionspraxis des einfachen Volkes und der Laienprediger entwickelte sich über die Gesellschaftskritik sogar Kirchenkritik. Als extreme Fanatiker traten bis Ende des 16. Jahrhunderts die Selbstgeißler auf; Wundermeldungen wurden durch die Jahrhunderte hin überliefert, zahlreiche Sekten bildeten sich heraus, die v.a. Askese praktizierten. In Kritik geriet das ausschweifende Leben der Geistlichen und die Pfründenwirtschaft der Kirchen - eine Folge davon war die Reformation.

Der über Jahrhunderte hin virulente Hexen- und Teufelsglauben eskalierte zum eigentlichen religiösen Massenwahn, dem geistliche und weltliche Obrigkeiten gerne Vorschub leisteten. Seriöse Historiker rechnen mit bis zu 70.000 vorwiegend weiblichen Opfern der Hexeninquisitionen - letzte Hexenhinrichtungen sind z.B. noch 1782 in Würzburg überliefert. In der katholischen Kirche ist der Exozismus noch heute fester Bestandteil der Lehre - der sogenannte ‘Kleine Exorzismus’ befreit z.B. den Täufling von der Erbsünde und dem Einfluß des Teufels. Auch der Antisemitismus ist durch das Christentum entstanden - mit Zwangstaufen versuchte man seit dem frühen Mittelalter die Zahl der Juden zu vermindern. Im Vorfeld des Ersten Kreuzzugs 1096 kam es zu zahlreichen Pogromen. Auch dem Islam gegenüber verhielt sich das Christentum aggressiv intolerant und Mohammed galt sogar als der Sohn Satans. Der Kirchenlehrer Augustinus (354 - 430) hatte in seiner Schrift ‘Der Gottesstaat’ den Begriff vom „gerechten Krieg“ gegen Andersgläubige eingeführt - Kreuzzüge galten demgemäß auch als „bewaffnete Wallfahrt“.

Quasi analog dazu gibt es im Koran den Begriff des „Dschihad“ - gefordert wird die Tötung von Nicht-Muslimen (Sure 9,5 und 9,29). All diese Religionskriege und Tötungsaufrufe haben ihre Nachwirkungen bis heute. Die radikal-shiitischen Assassinen des 12. Jahrhunderts waren womöglich „die ersten Terrorboten der Weltgeschichte“ (Meier). Junge Männer wurden unter Drogeneinfluß zu Attentätern gegenüber „Tyrannen“. Das Problem mit religiösen Fanatikern bzw. Fundamentalisten ist, daß ihre Ansichten nicht hinterfragt oder gar lächerlich gemacht werden dürfen. Religionen machen unser Zusammenleben gefährlich. Meier endet mit dem Appell, sich vor den falschen Propheten zu hüten - besser noch, man ignoriert jegliche Propheten. Dieses detailreich entwickelte vorliegende Geschichtsbuch sollte uns in der Gegenwart klüger werden lassen.

Karlyce Schrybyr

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Holger Benkel
Meißelbrut
Gedichte mit Holzschnitten von Sabine Kunz. Ziethen-Verlag, Oschersleben 2009

Auf der Suche nach der Anderswelt

„Holger Benkels Gedichte leben vom Elementaren. Seine Motive sind Erde, Feuer, Wasser, Luft, sind Dinge, Pflanzen und Tiere, Landschaftsformen seiner mittelelbischen Heimat, Körpererfahrungen, Wunden, Zerfall. Aber wenn die Gedichte im wörtlichen Sinn leben, in sich fließen und vibrieren und einander Echo geben, so gerade, weil ihre Motivwelt komplexer ist, als sie auf den ersten Blick scheint.“ (André Schinkel)

Der Dichter Holger Benkel, der 1959 in Schönebeck an der Elbe geboren wurde, dort in der Lessingstraße wohnt und ganz von seiner Arbeit als Schriftsteller und Lesender lebt, ist ein Gewächs auf dem Seelenboden der Magdeburger Börde. Das führt sogleich zur Dialektik eines Menschen zwischen extremer literarischer Fruchtbarkeit einerseits und Distanz zu den Dingen der Welt. Der Börde-Mensch ist verschlossen und lebt gern zurückgezogen, und doch lebt in ihm das Feuer der Worte - aber diese Kommunikation will eine strenge Form, sonst kann sie nicht leben. Er ist dem Vulkan vergleichbar, unter dem das Magma-Meer schwappt, aber nur virtuell ausbricht und nur so geboren wird: Als Wort. Aus der fruchtbaren Erde dieser nach heutigen Begriffen im Osten liegenden Landschaft wuchs ein vielgestaltiges Werk, das mit der Welt korrespondiert, wie sie ist, und zugleich ein intimes Zwiegespräch mit dem Totenreich und dem Transzendenten führt.

Was heißt das?

Holger Benkel lebt eigentlich gar nicht. Weder hier noch jetzt. Wir sehen ihn dort und glauben: Da ist er. Aber das ist eine Täuschung. Er ist nämlich da, wo er eigentlich lebt, nämlich bei den Toten. Wir müssten also, wenn wir ihn wirklich erreichen wollen, zu ihm gehen, zu den Toten, wo das wirkliche Leben atmet.

Das geht nicht, denken wir. Doch, es gibt einen Weg. Ich finde ihn in seinen Briefen, in denen er Tag für Tag lebt, da drunten in seinem Reich, wo auch die Gedanken zu Hause sind. Der irdischen Welt bedient er sich ja nur aus lauter Anhänglichkeit an einen Lebensstatus, den er schon früh überwand, mit Ausnahme der Sprache, die er liebt wie kein zweites Wesen, und weil das Transzendente nun mal nicht existent sein kann ohne das Diesseits. Benkel kehrt in seinen Gedichten Leben und Tod um, das Leben ist tot - erst im Tod kann ich leben. Karl Marx hat Hegel wieder auf die Füße gestellt - Holger Benkel stellt Marx auf den Kopf, er verlässt die unlebbare Basis und lebt im Überbau einer geistigen und seelischen Welt, die viel gemeinsam hat mit keltischen Vorstellungen. Ich weiß bis heute nicht, ob die keltische Mythologie für ihn eine ästhetische Bilderwelt darstellt, die er als Instrument seiner Dichtung benutzt, oder einen religiösen oder weltanschaulichen Glauben. Sein letzter Brief an mich ist keltisch datiert, wie alle seine Briefe seit über zehn Jahren: 12. tag des efeumonats - auf der suche nach der anderswelt. Er fällt konsequent aus der Zeit - wer so tot ist wie Holger Benkel im Nirgendwo, im Reich von Kein-Ort, der lebt wörtlich in der Erlösung von der irdischen Welt: In einer Utopie der Worte.

Später begriff ich, dass er ja schon hinübergewandert war zu den Toten, wo er wirklich leben kann. 1995 veröffentlichte er seinen Gedichtband „kindheit und kadaver“ und den Prosaband „reise im flug“, Träume und Ereignisse, beide im Verlag Blaue Äpfel, Magdeburg. Später schrieb er Aphorismen: Gedanken, die um die Ecke biegen, inzwischen auch ein gigantisches Prosawerk, eine Art moderne Mythologie der Tiere (hier sind weit über eintausend Seiten entstanden in einem Werk, vielleicht sogar ein opus magnum, das noch seine endgültige Form sucht) - und immer wieder neue Gedichte, die permanent überarbeitet werden. Die unter dem Titel „meißelbrut“ versammelten Gedichte befinden sich in einem reifen Zustand, werden aber nie fertig.

Vor allem hier finden wir ein Portal zu Holger Benkels Gedanken. Dort gibt es nicht mehr die Kompromisse, die der Lyriker in seinen weltlichen Briefen eingeht. Dort ist er ganz er selbst im vollendeten Wort eines Todes, der über die Welt siegt: „vielleicht kann man zuletzt allein noch jenen worten vertrauen, die scheinbar keinen sinn ergeben. während der logik der geschichte die paradoxie der begriffe entspricht, werden wir erst in der absurdität der bilder einsichtig“, sagt er in einem Gespräch mit dem Schriftsteller A. J. Weigoni, „... was erweckt, das tötet auch. wer den tod nicht will, darf sich nicht erwecken lassen. utopien sind ein ewiger kreuzzug... auf der reise zum ort ohne grund, hinter den wind oder unter die wellen müssen wir uns sowieso von uns selbst ernähren. und am ende wirkt jedes tiefere einfühlen kannibalisch. wiederum muss der künstler, um barrieren zu übersteigen, die seine kreativität hemmen, immer erneut grenzgängerisch aus der kultur, die ihn umgibt, heraustreten, was mit der tatsache korrespondiert, dass das wahre selbst etwas ausserhalb des ich ist und nur substanz bilden kann, wessen seele wandert oder wer mehrere seelen hat. die völlige einheit, im sinne der deckungsgleichheit, von kultur und kunst, ich und selbst, wissen und ahnen, aussenwelt und innenraum, wäre jedenfalls die komplette erstarrung.“

hunde
führt der hund die toten über die grenze
indem er sie frißt kann er sie begreifen
und besitzen glaubt der mensch in
seinem geist
der andern kreatur steh ich auf der schwelle
im zwielicht der sinne leg ich mich nieder
zum liebesakt ins grab folgen mir wölfe
verwandle ich mich in jedes tier
begleit ich
meine eigne beigabe zieh ich die seele
aus dem fleisch wächst mir das fell glänzend weiß
lauf ich mir durch wälder entgegen komm ich an
unter der erde fresse ich mich selbst wie hunde
einst als aas birgt mich der frauenleib
erst wenn mir goldne borsten wachsen

Der Totenhund erinnert sofort an Charon. Der hat sich im Hades bezahlen lassen und tut seine parallele Pflicht zu Sisyphos - hier aber frisst er die Menschen, um sie zu begreifen. Wenn dieser Hund Repräsentant der zuletzt gestorbenen Menschen ist, dann bedeutet dieses Bild: Erst nach dem Leben verstehen wir das Leben, im Leben verstehen wir uns nicht.

Angesichts des elliptischen Charakters, der sich durch permanente Subjekt-Prädikat-Inversionen in allen Gedichten Benkels einstellt, kann gesagt werden, dass sich das Wenn-dann-Gefüge, das sich (mir) beim Lesen immer aufdrängt und einen gute Lese-Lenkung bewirkt, ganz einfach aufgehoben wird, wenn ich zu Beginn - oder später an entsprechender Stelle - ein „Es“ ergänze: es führt der hund … Die Inversionstechnik findet ihre Entsprechung in der Umkehrung der Seinsverhältnisse, wo Benkel der Sphäre des Todes das eigentliche Leben zuspricht - und umgekehrt. Das lyrische Ich wird hier grammatisch und semantisch versetzt und vermindert im Schatten der inversiven Semantik.

Prägnant ist das Bild vom Zwielicht der Sinne. Das Bild enthält eine Zweikörpertheorie, ich bin erinnert an das Licht als Welle und Korpuskel. Der eine Sinn ist der physische, der äußere Körper, der andere Sinn ist der zum fühlenden gewordene innere Körper an der Schwelle zum inneren Leben. Aber das körperliche Fühlen wird im Bild des Liebesaktes nicht aufgegeben, Sterben wird als erotischer Prozess verstanden, man kann vielleicht auch sagen: Alle Veränderung ist erotisch, wie alle Berührung von Fremdem erotisch stimuliert. „… zum liebesakt ins grab folgen mir wölfe“ - ich bin wegen der folgenden Verse versucht anzunehmen, dass die Wölfe die Veränderung der eigenen Natur beschreiben, sodass der Sterbende, den ich nun lieber als Werdenden verstehe, mit sich selbst schläft, er erotisiert sich mit seiner in ihm längst schlummernden fremden Gestalt, er will sich schon in diesem Vers fressen, also lieben, besitzen, verstehen, er ist sich selbst der Totenhund als Wolf, er gefährdet sich im Tod zu neuem Leben, seine Flucht vor dem Wölfischen in ihm endet im Liebesakt, der sogar als erotischer Suizid erscheint - aber Suizid als Rettung ins eigentliche, nicht entfremdende oder entfremdete Leben. Nun wird auch klarer, dass der im Sterben ins Leben Auferstehende nicht nur die wölfische Natur in sich zulässt, sondern alle Möglichkeiten an sich werden lässt („verwandle ich mich in jedes tier“), die er im bisherigen Leben nicht hatte.

Nun folgen Verse der Selbstreflexion („begleit ich meine eigne beigabe“) und Autonomie solchen Sterbe-Werdens („zieh ich die seele aus dem fleisch“). Die Trennung vom Körper ist die Befreiung der Seele, die bisher offenbar wie ein verletzender Fremdkörper im Fleisch steckte, da war der Körper eine Wunde, jetzt kann er gesunden: Nun „wächst mir das fell glänzend weiß“. Die doppelte Entfremdung von Körper und Seele ist aufgehoben, nun kann ich mir begegnen („lauf ich mir durch wälder entgegen“) und mich verstehen und mich ganz besitzen: „unter der erde fresse ich mich selbst“. Es folgt der Rückbezug („wie hunde“) zum Anfang des Gedichts und der Kreis wird endgültig geschlossen: Der Gestorbene wird wiedergeboren („als aas birgt mich der frauenleib“), wenn er durch alle Wandlungsprozesse zu seiner Vollendung („goldne borsten“) gegangen ist.

Ich verstehe hier den Hund als eine Einheit von (selbst-)liebender Treue und ins Wölfische gesteigerter (Selbst-)Zerfleischung. Der Plural im Titel will den mythischen Singular ins Allgemeine weiten, zum Wir. Das Gedicht ist ein Trost, wenn wirklich ganz gestorben werden soll, eine Utopie, wenn es im Leben gelten soll um anders zu leben: Aber dem Schwein werden goldene Borsten wohl nie wachsen...

Holger Benkels Lebens- und Todesauffassung wird in diesem und in fast allen anderen „meißelbrut“-Gedichten deutlich: Dass wir nur im Tod leben können. Oder geht dieser Gedanke noch weiter: Es ist das Allerbeste, gar nicht zu leben? Oder: Genüge ich als Idee? Ich teile nicht die Welt- und Lebensablehnung in dieser Schärfe, aber ich stehe dieser Kunst mit großer Achtung und Sympathie gegenüber. Wir sind gar nicht so weit auseinander: Auch in meinen Geschichten passiert nichts Gutes. Über das Gute würde ich ja auch gar nicht schreiben wollen. Über das Gute kann der Künstler nur im Scheitern schreiben. Wir sind Schriftsteller, die der Realität nur mit der Fiktion beikommen. Was bleibt? Benkels Gedichte schärfen kassandrisch das Bewusstsein. Das ist die Voraussetzung für ein besseres Leben im Leben und für die Überwindung der Angst vor dem Tod.

„der moderne künstler muss nicht notwendig prophet sein. das wäre nur eine seiner möglichkeiten“, sagt Holger Benkel, „ich biete ja gerade die völlige desillusionierung als ausgangspunkt der utopie an. auf die frage, welche aufgaben literatur haben könnte, sagte ich einmal, am besten sie hätte welche und niemand würde es merken. ... für mich eröffnet kunst das nicht seiende und ist daher das vollkommen andere gegenüber der utilitären realität, antiwelt und alternative geschichte, und solcherart verwandt mit magie, mythen, mystik, alchemie, märchen, träumen, wahngebilden und einem postvitalen dasein.“ Die Dichter aller Zeiten bedienten sich oft der gleichen poetischen Technik zur Bewusstmachung der Leser: „Werthers Leiden“, „Die Blechtrommel“ oder „Kassandra“ sind Erzählungen des Scheiterns nach dem Muster der negativen Utopie, um eine bessere neue Welt zu fordern. „genau genommen“, sagt Holger Benkel, „sind sogar, oder gerade, meine apokalyptischen gedanken bloss umgekehrte utopien. und ich bleibe dabei, gegenwelten formieren und die realität verändern wollen, das gehört zusammen. der eigentliche fatalismus besteht darin, das vorhandene für unveränderbar zu halten.“

Ich denke, das ist ein überzeugendes Plädoyer für ein besseres Leben. Es gewinnt umso mehr an Authentizität, als die Stimme dieser Ermutigung aus dem Munde eines Toten kommt, der sich auf der Suche nach der Anderswelt befindet. Tote lügen nicht.

Ulrich Bergmann


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Maureen Maisha Eggers, Grada Kilomba, Peggy Piesche, Susan Arndt (Hrsg.)
Mythen, Masken und Subjekte
Kritische Weißseinsforschung in Deutschland.

UNRAST-Verlag, Münster 2009. 552 Seiten, 24,– Euro

Der umfangreiche Sammelband, in dem die kritischen Weißseinstudien unter die Lupe genommen werden, läßt sich als ein kultur-kritischer Bericht bezeichnen. Die Autorinnen und Autoren behandeln das Thema aus unterschiedlichem Blickwinkel, somit umfaßt das Werk die Kritik der dominanten ethnophoben Weltbilder... Die Kritik mannigfaltiger Segmente aus der seit dreißig Jahren geführten, von der Majorität dominierten Debatte über die Formen der kulturalistischen bzw. rassistischen Hierarchie. Jeder Beitrag ergänzt den anderen und bereichert das Ganze.

Ganz neue trotzende Ansätze zur akademischen Debatte um den Rassismus. Poetische Berichte, Erlebnisse, Erkenntnisse u.a. aus dem Alltag Teutoniens begleiten theoretische Thesen und kritische Analysen. Ihre Spannbreite reicht von Zentren und Zitadellen des weißen Leitgedanken über künstlerische Küsten bis hin zu ihrer aktuellen Rolle im Rassen-Klassen-Gesellschaftsgebäude. Zum Anfang rücken die herausgebenden Autorinnen verschwiegene Töne und Farbenblindheit der rassifizierten Weltbilder in der Philosophie in den Vordergrund, setzen sich mit Protagonisten der „Aufklärung“ wie Kant und Hegel als Wegbereiter der Rassenlehre auseinander.

Der Inhalt der vielfältigen Beiträge läßt sich im Rahmen eine Rezension schwer zusammenfassen. Sie ergänzen sich, und jeder von ihnen bringt Erkenntnisse zutage, die bisher von weißen Forschern nicht forciert wurden. Das Werk erhebt den Anspruch darauf, periphere Analysen ins Zentrum zu transportieren, und es gelingt ihm.

Fatima El-Tayeb im Vorwort:

„Der vorliegende Band stellt den bisher deutlichsten Versuch dar, einen solchen Dialog für den deutschen Kontext zu initiieren. Masken, Mythen und Subjekte fasst aber nicht nur den Stand der Kritischen Weißseinsforschung in Deutschland zusammen, sondern schreibt sich, auch in internationale Diskussionen ein. Hito Steyerls Überlegungen zur Farbmetaphysik des Kunstbegriffs, die um Konnotationen von White Cube und Block Box kreisen, öffnen ebenso neue Dimensionen des Diskurses um Weißsein wie Aischa Ahmeds Untersuchung des Themas passing im spezifischen Kontext der Bundesrepublik oder Nisma Cherrats Erfahrungsbericht einer Schwarzen Schauspielerin an deutschen Theatern.

Insgesamt lassen sich die AutorInnen nicht auf eine Sicht von Sinn und Zweck einer Kritischen Weißseinsforschung festlegen, nähern sich dem Thema aus literarischer, psychologischer oder linguistischer Perspektive. So folgt etwa Kien Nghi Ha den Traditionslinien des deutschen Kolonialismus bis in die Gegenwart, während Nicola Lauré al-Samarai eine kulturelle Topographie des Widerstands nachzeichnet und Jinthana Haritaworn die Ethnisierungspolitik weißer Queers und Feministinnen untersucht und nach produktiven Formen des weißen ‘Rassenverrats’ fragt. So bietet diese erste deutsche Anthologie zum Thema Weißsein Denkanstöße, die in diesen Zeiten der erneuten Normalisierung weiß-christlich-westlicher Dominanz mehr als nötig sind.“

Die Herausgeberinnen:

„Die Beiträge des Bandes unterziehen die Debatte um die Kategorie Weißsein in Deutschland einer kritischen Prüfung und fragen nach den Transferpotentialen, Grenzen und Leerstellen, die sich aus der transatlantischen Applikation eröffnen. In diesem Zusammenhang werden nicht nur die aus den anglo-amerikanischen Wissenschaften bekannten Parameter der postkolonialen Studien neu beleuchtet, sondern auch einzelne geistes- und sozialwissenschaftliche Disziplinen selbst aus wissenschaftskritischer Perspektive diskutiert und verortet. Die Herausgeberinnen haben mit diesem Band einen interdisziplinären Blick aus Schwarzen, People of Color und weißen Perspektiven auf die Kategorie Weißsein freigelegt und versuchen damit, die Grundlage für einen Diskurs zu schaffen, der jenseits von hegemonialtypischen Dynamiken eine Bereicherung nicht nur für die hiesige akademische Debatte darstellen kann, sondern auch für eine gesamtgesellschaftliche (Aufarbeitungs-)Debatte in Deutschland und Europa.“

Arnold Farr, der seine Analysen auf das Konzept „rassifiziertes Bewußtsein“ stützt, verfolgt die Spuren der rassistischen Reflexen in der Philosophie, die mit Kant und Hegel beginnen:

„Hegels Geschichtsphilosophie macht deutlich, dass sich der Geist in weißen Völkern verwirklicht hat. Als Träger des Geistes sind weiße Menschen europäischer Herkunft ganz Mensch und mit der Aufgabe betraut, den Rest der Welt zu humanisieren. Merkwürdig ist dabei, dass diese Humanisierung der übrigen Welt durch so unmenschliche Maßnahmen wie die Sklaverei geschehen kann. Doch eine solche Ansicht ist unter Denkern wie Kant und Hegel nichts Ungewöhnliches. Es gibt eine Reihe von Problemen, auf die ich hinweisen möchte. Erstens stellen Hegels Verteidiger niemals seine Thesen zu Rationalität, Geschichte oder Kultur in Frage. Hegels Sicht der Weltgeschichte beginnt mit problematischen Behauptungen und ist von fragwürdigen europäischen Werten geleitet. Wie Bemasconi betont, war Hegels Sichtweise nicht die einzig mögliche. Tatsächlich wurden die offen rassistischen Ansichten sowohl Hegels als auch Kants von einigen ihrer Zeitgenossen in Frage gestellt. Zweitens stellen Hegels Verteidiger niemals den Zusammenhang zwischen Hegels Denken über ‘Rasse’ und Afrika und den undenkbaren Erfahrungen von AfrikanerInnen her, die Opfer des transatlantischen Sklavenhandels wurden. Sie haben die entmenschlichenden Auswirkungen der Sklaverei und rassistischer Diskriminierung niemals ernst genommen. Sie berücksichtigen niemals die Langzeitfolgen von Rassismus und rassistischen Gesellschaftsstrukturen.“

Jinthana Haritaworn:

„Die zentrale Rolle Schwarzer Leute an der Herausgabe dieses Buches ist ein wichtiger Schritt, um den wir TeilnehmerInnen of Colour des Berliner Workshops, welcher die Einführung von Weißseinsstudien in Deutschland untersuchen sollte und diesem Band zugrunde lag, hart kämpften. Unsere kollektive Intervention in die weiße rassistische Universität ermöglichte es uns, Weißseinsforschung als Wissenspolitik zu problematisieren. Wir fragten uns, warum es Ressourcen für eine neue Disziplin wie die Critical Whiteness Studies gibt, die prompt von Mehrheitsdeutschen monopolisiert wird, nicht aber für Ethnic Studies. In Nordamerika gingen Ethnisierte auf die Straße, um African American, Asian American, Native American und Chicano/a/Latino/a Studies studieren und lehren zu können. Sie erkämpften sich ein Anrecht auf materielle und symbolische Ressourcen, auf Selbst-bestimmte Arbeits- und Studienplätze und emanzipatorische Geschichten und Werkzeuge des Widerstands. Gerade in Deutschland, wo Mehrheitsdeutsche als Subjekte gerne unter sich bleiben, fragt sich, was wir nötiger brauchen: Einen weiteren weißen Kanon oder eine Politik der Umverteilung, die nicht in der Dekonstruktion stecken bleibt, sondern einen Anspruch nährt auf eine gerechte Welt.“

Schwarz erhellt also den Horizont der neorassistischen Debatte und verdrängt das Weiße. Es entlarvt die wahren Gesichter des nordischen Selbstbildes, die in ihren Antirassismus-Maskeraden „Alibi-Neger“ oder originelle Orientaler gebrauchen.

Mit „Mythen, Masken und Subjekte“ hat der Verlag etwas Mutiges gewagt, was bisher in verschwiegenen Denkansätzen versteckt war. Die Beiträge scheuen Konfliktstoffe nicht und eröffnen eine für majoritäre Momente unangenehme Debatte, die dokumentieren kann, daß die weißen Massen auch gegenwärtig von der kollektiven Gedankengewalt der rassifizierten Ressourcen gelenkt werden.

Der Band hat einen Mangel, was die Aktualität der rassistischen Aussichten angeht. Denn die Autoren richten ihr Augenmerk zentral auf die Hauptfarbe, bringen den Kulturalismus nur in Marginalien. Nicht zuletzt Barack Husein Obamas Aufstieg auf den Thron des nordamerikanisch demokratischen Imperiums kommt dabei als ein Hinweis darauf, daß selbst der schwarze Abendländer in den weißen Morgenländern das Menschengeschlecht minderwertiger Werte sieht. Die Konturen zwischen Koloniesierten und Kolonisatoren der westlichen Werte-Weltgemeinde werden immer schwächer, ethnisierte bzw. kulturalisierte Konkurrenzen wachsen.

Weiße Fremdenfreunde, vor allem im integrationalen Berufsstand und in interkulturellen Initiativen sowie Institutionen haben die Kunst, die Werte-Gewicht des anderen zu marginalisieren und es zum Objekt ihrer selektiv assimilatorischen Absichten zu stilisieren.

   

Netzbrücke:

• Necati Merts Kolumne

• Mehr lesenswertes   Textmaterial

• Wider den Schwarzen   Winter

• Porträt des   Periodikums