XXX. Jahrgang, Heft 158
Sep - Dez 2011/3

 
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Letzte Änderung:
6.11.2011

 
 

 

 
 

 

 

MEDIEN-KULTUR-SCHAU

   
 
 


Helge Lehmann
Die Todesnacht in Stammheim

Eine Untersuchung. Indizienprozess gegen die staatsoffizielle Darstellung und das Todesermittlungsverfahren. Pahl-Rugenstein Verlag, Bonn 2011. 240 Seiten, 19,90 €

Als ich begann die vorliegende „Untersuchung“ zu lesen, kam mir über den Instinkt ins Gedächtnis: Vor etlichen Jahren kam es zu einem durch das Medien-Transparent transportierte Streit zwischen der BRD und der Türkei wegen der Beschwerden der PKK-Häftlinge in den türkischen Haftanstalten. Als die Wortgefechte zuspitzten, stand in den türkischen Gazetten sinngemäß das Drohwort: „Müssen wir nun die Akte Stammheim öffnen“. Zitiert wurde damals der türkische Geheimdienst (MIT), die bekanntlich auch in der BRD aktiv war. Ich fragte mich damals, was damit geheimnisvoll gemeint war, was die MIT-Agenten über die Todesnacht wußten. Denn der Streit geriet danach gleich in Schweigen. Der Verdacht, daß der bundesdeutsche Staat etwas Folgenschweres zu verheimlichen hat, bekräftigt die beachtliche Arbeit Helge Lehmanns immens weiter.

Im vorliegenden Band recherchiert er präzise, nimmt jedes Detail der offiziellen Version vor, die von den ersten Stunden an auf dem Selbstmord fundiert. Die Klappertext des Arbeit „Die Todesnacht in Stammheim“ faßt das Anliegen und den Schwerpunkt wie folgt zusammen: „Auf Veranlassung des damaligen Bonner Krisenstabes verschickte die Deutsche Presseagentur am 18. Oktober 1977, um 8.53 Uhr folgende Eilmeldung: ‘baader und ensslin haben selbstmord begangen.’

Diese Mitteilung über den Tod von Häftlingen aus der RAF im Hochsicherheitsbereich der JVA Stuttgart-Stammheim legte noch vor Beginn der kriminaltechnischen und gerichtsmedizinischen Ermittlungen die Richtung fest, der die Ermittler und die meisten Medien folgten. Der ‘kollektive Selbstmord der Häftlinge’ scheint demnach bis heute die in Stein gemeißelte Wahrheit über die damaligen Ereignisse zu sein.

Dieses Buch stellt die offizielle Darstellung auf den Prüfstand. Nach jahrelanger Recherche aller zugänglichen Materialien, Auswertung neuer, da erstmals freigegebener Dokumente, sowie mit Hilfe praktischer Versuchsaufbauten entwickelt der Autor eine Art Indizienprozess. Er kommt dabei einer Vielzahl von Unterlassungen, Mängeln und einander widersprechenden Schlussfolgerungen in den amtlichen Untersuchungen auf die Spur.

Konnten Anwälte Waffen und Sprengstoff in das ‘sicherste Gefängnis der Welt’ schmuggeln? Hatten die Gefangenen ein funktionierendes Kommunikationssystem? Entsprachen die Obduktionsergebnisse und Tatortermittlungen dem damaligen Stand der Wissenschaft, sind sie umfassend und in sich widerspruchsfrei? Welche Rolle spielten Kronzeugen für die Ermittlungsrichtung? Waren die Waffen- und Sprengstoffverstecke so möglich wie dargestellt? Was hatte es mit den in jener Nacht im Gefängnishof beobachteten Autos auf sich? Dies sind nur einige der Fragen, denen in dieser Untersuchung akribisch nachgegangen wird.

Erstmals wurden hierfür zusätzlich materielle Testaufbauten geschaffen, um amtliche Behauptungen zu überprüfen. Der Autor rekonstruierte die ‘Aktencontainer’, die dem Waffenschmuggel gedient haben sollen, baute die angeblich funktionstüchtige Kommunikationsanlage nach, überprüfte die Möglichkeit eines Waffenversteckes im Plattenspieler Baaders anhand eines baugleichen Modells, nahm Schussvergleiche zu Bestimmung der Lautstärke von Schüssen in einem vergleichbaren Gebäude vor und präzisierte mit neuen Methoden die sehr wagen amtlichen Angaben über die Todeszeitpunkte von Baader und Ensslin.

Die Frage, warum auch Jahrzehnte nach den Ereignissen wesentliche amtliche Aktenbestände zu diesem Komplex „aus Gründen der Sicherheit der Bundesrepublik Deutschland“ weiterhin Staatsgeheimnisse sind, stellt sich aufgrund der Ergebnisse der hier vorliegenden Untersuchung um so dringlicher.“

In seinem „Eingangsplädoyer“ führt der Autor aus, worauf er seine Recherchen stützt, auf welche Art von Indizien und Fakten, um die offizielle Version der „Todesnacht“ zu zerpflücken. Die mehr als vier Jahre währende „Untersuchung“ hat im Sinn, Licht ins Dunkel zu bringen, aber auch das Fragezeichen etwas zu bleichen, das nach wie vor steht:

„Zu weichem Zweck sollte man erfahren wollen, was an der offiziellen Darstellung und dem Todesermittlungsverfahren (TEV) nicht stimmt? Wie in allen historisch aufgearbeiteten Texten ist es das Finden der Wahrheit, ja hier das Verlangen und das Recht auf die Wahrheit. Nach mehr als 30 Jahren ist es nun an der Zeit, dieses zum Thema RAF und die Todesnacht in Stammheim erreichen zu dürfen.“

Dem Autor gelang es aufzuzeigen, daß das Schmuggeln von Waffen und anderer Gegenstände aus Metall in das Gefängnis nicht möglich war. „Die verantwortlichen Beamten hätten ansonsten grob fahrlässig gehandelt und somit wissentlich andere Personen und vor allem sich selbst unmittelbar in Gefahr gebracht, was ein solches Vorgehen auf jeden Fall ausschließt. Der Parlamentarische Untersuchungsausschuss des Landtages Baden-Württemberg stellte unter Punkt 3 Nr. 1a) ‘Wie konnten die Gefangenen Baader und Raspe in den Besitz von Schusswaffen gelangen’ außerdem fest, dass die Handakten alle gründlich kontrolliert wurden, diese ohne Ausnahme den Anwälten aus der Hand genommen und dann durchgeblättert wurden. Mitunter hätten die zuständigen Beamten darüber hinaus die Handakten mit dem ‘Elbinger-Metallsuchgerät’ überprüft. ‘Aufgrund des Ergebnisses der Beweisaufnahme muss die Frage, wie die Gefangenen in den Besitz von Waffen und Sprengstoff gelangt sind, letztlich offen bleiben.’

Und auch die Bundesanwaltschaft kann den Schmuggelweg in den Handakten nicht beweisen. Im Prozess gegen die RAe Arndt Müller und Armin Neweria musste die Bundesanwaltschaft in ihrem Plädoyer am 21.12.1979 im kriminalistischen Teil einräumen, dass der genaue Hergang der Transporte der Waffen nicht zu ermitteln gewesen ist.

Diese Feststellungen des Untersuchungsausschusses von Baden-Württemberg sowie der Bundesanwaltschaft stehen somit in einem direkten Gegensatz zu den Einlassungen des damaligen Generalbundesanwalts Rebmann vor dem Untersuchungsausschuss vom 12.1.1978, der Weg der Warfen über die Anwälte sei eine gesicherte Erkenntnis. Mit dieser Aussage Rebmanns wird der Schmuggel von Waffen in den Handakten bis heute zum einzig möglichen Weg erklärt. Alle Fernsehdokumentationen zum Thema RAF und auch Stefan Aust in seinem Buch ‘Der Baader Meinhof Komplex’ stellen diesen wichtigen Punkt falsch dar.“

Die offizielle Version wurde bisher als die Wagre akzeptiert, weil sie in den Mainstreammedien abermalig dargestellt wurde. Oft dauert es Jahre oder Jehrzehnte, bemerkt der Autor, bis sie ins Wanken gerät. So trägt er im Kapitel „Finale und Abschlussplädoyer“ noch folgendes vor:

„Diese Untersuchung der Stammheimer Todesnacht in Form eines Indizienprozesses hat die tendenziöse Darstellung, die Verdrehung und die Unterdrückung von Tatsachen mit den Mitteln des Vergleichs von Aussagen der Beteiligten, der Überprüfung der Ermittlungsergebnisse und durch eigene materielle Tests nachgewiesen. Obwohl nach wie vor wichtige Aktenbestände geheim gehalten werden, konnte gezeigt werden: Die Ermittlungen der Geschehnisse in Stammheim wurden einseitig in eine Richtung betrieben und so in die Öffentlichkeit getragen, dass sie das gewünschte Ergebnis haben mussten und als unwiderlegbar akzeptiert werden. (...)

Angesichts dieser Lage wird auch erklärlich, warum die Todesermittlungen trotz gegenteiliger öffentlicher Bekundungen der politisch Verantwortlichen nur in eine Richtung gingen und die dabei zu Tage kommenden kriminalistischen und forensischen Widersprüche nicht geklärt wurden.

Durch die Geschichte des staatlichen Handelns in Sachen RAF zieht sich die Haltung, die rechtsstaatlichen Garantien, die für jeden Beschuldigten und Verurteilten zu gelten haben, gegebenenfalls bei einem selbst definierten „übergeordneten Notstand“ aufzuheben. Ein solcher „übergeordneter Notstand“ kann allerdings nach unserer Rechtsordnung nicht per geheimer Entscheidung der Exekutive festgestellt werden. Die ‘Notstandsgesetze’ im Grundgesetz sehen eine Beteiligung der Legislative vor.

So ist es denn auch kein Wunder, dass gerade das Aushebeln rechtsstaatlicher Garantien im Zusammenhang mit der Bekämpfung der RAF bis heute weitgehend verleugnet wird. Nach dem Bekanntwerden der Abhöraffäre in den Besucherzellen im Stammheimer Hochsicherheitstrakt ist bis heute nur der geringster Teil der als ‘streng geheim’ eingestuften Akten zur Einsicht freigegeben.

Vom Herbst 1974 bis Frühjahr 1975 saß ich ca. sechs Monate in Untersuchungshaft in Frankfurt am Main und Saarbrücken, angeklagt aufgrund des Paragraphen 129a. Isoliert. „Verschärfte (oder strenge) Einzelhaft“ lautete die Maßgabe. Die Monate lange Isolation blieb nach langer Zeit nicht ohne Folgen. Von jeglichen Kontakten und Kommunikationsmöglichkeiten ausgeschlossen. Baden, Hofgang, Einkauf als Einzelperson. Gegen Ende dieses „Aufenthalts“ in Frankfurt Preungesheim wurde die Isolation aufgehoben. Ich verließ diesen Arrestlokal sogar ohne Gerichtsverfahren. Ich hatte mit der RAF oder ihrer Umfeld nicht zu tun, sondern war in einer türkischen Organisation, die sich angeblich von der BRD aus zu einem bewaffneten Aufstand in der Türkei vorbereitet hätte.

Zu dem Band „Die Todesnacht in Stammheim“ hat der Autor die Webseite www.todesnacht.com eingerichtet, auf der Dokumente und weiterführende Materialien zum Thema einsehbar sind.

Necati Mert


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Linda Polman
Die Mitleidsindustrie

Hinter den Kulissen internationaler Hilfsorganisationen. Campus-Verlag, Frankfurt am Main 2010. 267 Seiten, 19,90 €

Bei der Autorin handelt es sich um eine Journalistin aus den Niederlanden, die seit ca. 1990 in vielen Krisen- und Kriegsgebieten gewesen war so in Afrika in Ruanda/Zaire, in Nigeria, im Sudan, in Irak und Afghanistan. Aus diesen und zahlreichen weiteren früheren und aktuellen Krisengebieten mit Bürgerkriegen oder auch Interventionen durch die USA und andere „Westmächte“ sowie weiteren Katastrophengebieten hat sie nicht nur das Kriegsgeschehen beobachtet, sondern auch das Auftreten und Wirken der Hilfsorganisationen, angefangen vom Internationalen Roten Kreuz bis hin zu kleinen christlichen Sekten aus den USA. Ihr Bericht ergibt ein sehr ernüchterndes bis erschütterndes Bild über das Handeln dieser Hilfsorganisationen vor Ort.

Zum Ersten versickern viele der Spendengelder, zu denen weltweit, vor allem aber in der „westlichen Welt“ immer wieder über die Medien aufgerufen werden, bereits in der Bürokratie und bei gut bezahlten Managern und Presseattachés sowie engagierten hübschen Pressesprecherinnen sowie bei den gecharterten Flugzeugen, um in den Krisengebieten in Luxushotels bei bestem Essen abzusteigen und um den Regierungen oder War Lords ihre Aufwartungen mit entsprechender Bezahlung zu machen und sodann bei den sog. Meetings vor Ort in den Flüchtlingscamps, wohin sie in dicken Rovern mit Bodyguards brausen, um sich für die Einwerbung neuer Spendengelder mit verkrüppelten Kindern und Jugendlichen ablichten zu lassen.

Zum Zweiten versickert ein weiterer Teil der Hilfsgelder und Hilfsgüter als sog. Eintrittsgeld bei den Kriegsführern und ihren Unterführern und Soldaten in der jeweiligen Region, damit überhaupt noch ein Teil - manchmal nur ein kleiner Rest - bei den wirklichen Hilfsbedürftigen ankommt. Die Kriegsführer päppeln damit ihre zum Teil zerschundenen Kriegstruppen wieder auf und kaufen neue Waffen auf dem zumeist in den „westlichen“ Staaten organisierten Waffenmarkt - was übrigens allen Regierungen hier bekannt ist und woran zahlreiche Unternehmen hier prächtig verdienen -, um sodann ihre kriegerischen Aktionen fortzusetzen und um dabei noch mehr gegnerische Menschen aus ihren Orten nicht nur zu vertreiben, sondern zu verstümmeln, verhungern zu lassen oder um sie umzubringen. Sie heizen mit den in Flüchtlingscamps zusammengetriebenen Überlebenden die Hilfsmaßnahmen sogar noch weiter an, wovon sie sodann wiederum zur Fortsetzung ihrer Kriegshandlungen in deutlichem Maße profitieren. In manchen Fällen kommt von den Hilfslieferung sogar nichts bei jenen an, für sie sie eigentlich gedacht sind; so etwa in vielen Regionen Afghanistans, wo diese Hilfsorganisation entweder die Taliban offen unterstützen müssen oder mehr und mehr riskieren, von ihnen exekutiert zu werden. Die Situation in vielen dieser Krisengebiete lautet also, Hilfe zu leisten, was zumeist zu noch mehr Toten, Verarmten und Verkrüppelten führt - eine Entwicklung, die schon in den 1960er Jahren in Afrika eingesetzt hat und sich seitdem immer mehr bis heute in vielen Krisenregionen der Welt ausgebreitet hat - oder die Hilfe einzustellen. Aber nur die wenigsten Hilfsorganisationen ziehen sich aus diesem Grunde aus diesen Gebieten zurück, während das „Gros“ - um im internationalen Wettbewerb der Mitleidsindustrie weiter mitmischen zu können, dieses letztlich zynische Spiel weiter betreibt.

Zum Dritten - und das klingt demgegenüber fast harmlos - werden bei bestimmten Katastrophen zu einem erheblichen Teil völlig unsachgemäße Güter geliefert. So kamen nach dem Tsunami in Südostasien in der Provinz Aceh auf Sumatra zahlreiche Pelzmäntel an, Wagenladungen voller Kuscheltiere, hochhackige Stöckelschuhe und Slips für die frommen Muslimas und einiger Unsinn mehr, anstatt jener Güter, die dort akut, klimatisch und den kulturellen Lebensumständen gemäß benötigt wurden. Zudem versickerten noch fast 80% aller Hilfslieferungen und Gelder in den Taschen staatlicher, regionaler und lokaler Herrschaftseliten.

Linda Polman stellt schon eingangs ihres Buches die Frage, ob man eher dem Leitbild von Henri Dunant (1828-1910) folgen solle, der von allen Hilfsorganisationen fordert, allen hilfsbedürftigen „neutral“ zu helfen, ohne dabei abzuwägen, ob es sich um Krieger oder Bekriegte und Besiegte handelt, oder ob man gemäß der Ansicht von Florence Nightingale (1820-1910) dort die Hilfe versagen soll, wo sie im Ergebnis zu noch mehr Gräuel, also Toten, Verkrüppelten und total Verarmten führt, und überwiegend jene unterstützt, die dies vor Ort mit ihren grausam geführten Kriegen und Abschlachtungen anderer Menschen bewirken. Die Antwort geben zunächst erst einmal die allermeisten Hilfsorganisationen selbst: In dem sie dem Prinzip von Henri Dunant folgen, das er 1859 nach der Schlacht von Solferino aufgestellt hatte, tragen sie zu einem erheblichen Maße zur Verlängerung der Kriegshandlungen und des schon bestehenden Elends bei. Die Auffassung der Autorin ergibt sich dadurch, dass sie sich gezwungen sah, dieses Buch mit seinen erschütternden und schrecklichen Ergebnissen nieder zu schreiben.

Norbert Cobabus


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Eberhard Rondholz
Griechenland

Ein Länderporträt. Ch. Links Verlag, Berlin 2011. 200 Seiten, 16,90 €

Obwohl Griechenland nun so ins Gerede gekommen ist, darf die Faszination, die vom Land und seinen Leuten ausgeht, getrost als unkaputtbar gelten. Zu dieser Gewissheit verhilft der jeder Schwärmerei abholde Insiderblick, an dem - nach zahlreichen, seit Jahren regelmäßig vorgelegten erhellenden Einzelstudien - hier Eberhard Rondholz in einer längst von ihm erwarteten Zusammenschau teilhaben lässt. Was läuft da seinem Urteil nach in den deutsch-griechischen Beziehungen eigentlich falsch? Beim Athenbesuch im Januar 2010 mahnte Außenminister Guido Westerwelle (der seinen Dr. jur. an der Uni Bonn beim Staatsrechtler Dimitris Tsatsos gemacht hat) die Einlösung eines griechischen Kaufversprechens aus dem Jahr 2000 an: 60 Kampfflugzeuge vom Typ Eurofighter zum Preis von zwei Milliarden Euro. Außerdem stehen zur Verhandlung: sechs Fregatten vom Typ FREMM im Wert von zwei Milliarden, sechs U-Boote des Typs U214 für rund drei Milliarden und ähnliches mehr. Dazu ER: „Es ist eine absurde Situation: Deutsche und französische Politiker drängen zu Käufen von Waffen, die zwei Nato-Partner (Türkei und Griechenland) aufeinander richten, und das, obwohl sie einerseits über den drohenden Staatsbankrott Griechenlands informiert sind und es andererseits strikte Regelungen gibt, nach denen aus Deutschland Waffen exportiert werden dürfen: eben nicht in politische Spannungsgebiete, wie es die Ägäis de facto allemal eines ist.“ Dass dieser Irrsinn den griechischen Steuerzahler umtreibt, das sollte auch den eigentlich nicht weniger davon betroffenen deutschen Steuerzahler aufbegehren lassen, denn in beiden Fällen bietet die Wirtschaftskraft des eigenen Landes mehr, als für ihn herausspringt.

Nach ERs Angaben verfügen die griechischen Reeder über eine Handelsflotte von 55 Millionen BRT, was 70% der gesamten EU-Handelsschifffahrt und ein Fünftel der globalen Tonnage ausmacht und sich in der griechischen Zahlungsbilanz niederschlägt. Die Fischzucht in Aquakultur ist mittlerweile eine Industrie mit enormen Zuwachsraten, Griechenland ist Selbstversorger, was bestimmte zuchtfähige Fischarten angeht, und zugleich größter Exporteur. Was ER zudem über Spitzenweine und exquisites Olivenöl Marke Hellas wissen lässt, hat gut und gern als Geheimtipp zu gelten. Hingegen sind die aufgezeigten Schattenseiten jene, die man auch von anders woher kennt. Die Rede ist von Leuten, die gegenüber dem Finanzamt ihr Einkommen an der Armutsgrenze beziffern und durch einen Wohlstand auffallen, der sich disproportional zu den bezogenen Gehältern verhält. Die Art und Weise, wie sich Teile der politischen Elite in den letzten Jahrzehnten bereichert haben, rieche nach Mafia und Politkriminalität - so das ernüchternde Resümee. Wie anhand der wenig lustigen aufgeführten Beispiele zu erfahren ist, steht einem ausgeprägt investigativen Journalismus leider leider ein deprimierend lahmer Justizapparat gegenüber.

Angesichts der aus der konfliktreichen Vergangenheit herrührenden tiefen Gräben im Volk überrascht dann doch im Kapitel Griechen gegen Griechen - Exkurs über den Bürgerkrieg der Schlusssatz: „Es gibt eine große Bereitschaft zur Versöhnung.“ Unabgegolten bleibt indessen, womit Deutschland nach wie vor in der Schuld steht, unter anderem mit der „Rückzahlung eines Zwangskredits, den die Besatzungsmacht Deutschland im Zweiten Weltkrieg den Griechen abgepresst hat“ - nach heutigen Berechnungen etwa 20 Milliarden Euro. Dass darüber hinaus die bundesdeutsche Justiz hinsichtlich der Kriegs- und NS-Verbrechen Täterschutz übte, und zwar mit fatalen Spätfolgen, wird von ER hier nicht zum ersten Mal angesprochen - aus ungutem Grund, wie das Folgende veranschaulicht: Für Alfred Eickworth, der auf Karpathos beim Versuch, zur Befreiungsfront überzulaufen, am 29. November 1943 von einem deutschen „Kameraden“ erschossen wurde, war in seinem sächsischen Heimatort Crimmitschau-Gablenz eine Straße benannt und ein Denkmal aufgestellt worden. Beides ist nach der Wende 1989 dort verschwunden, wohingegen das von griechischen Patrioten auf Karpathos für ihn errichtete Grabmal auch weiterhin gepflegt wird.

Wie anderswo in Europa auch ist neuerdings - und bei sich zuspitzender Wirtschafts- und Finanzkrise womöglich dauerhaft - im Athener Parlament eine rechtsradikale Partei vertreten. Sich deren Hetztiraden von einer gegen Griechenland gerichteten Verschwörung des weltweit agierenden jüdischen Finanzkapitals zu bedienen, wie das Mikis Theodorakis - gewissermaßen einem Anti-Herostratos gleich - unternommen hat (um den Volkszorn zum Kochen zu bringen oder weshalb auch immer), quittiert ER rechtens mit Unverständnis. Unerwähnt zu lassen, dass sich Theodorakis nachträglich erklärt und gegen jede Form von Antisemitismus ausgesprochen hat, und ihn als „Musik-Ikone“ (à la Michael Jackson?) in einen Zusammenhang zu bringen mit dem notorischen Holocaust-Leugner Plévris und denen, die ungehindert Hitlers Mein Kampf in griechischer Übersetzung verkaufen, das verschiebt allerdings die Optik dann doch gewaltig.

Das Buch verdiente nicht den Untertitel Ein Länderporträt, wenn es sich auf die - in herkömmlichen Reiseführern zumeist ausgesparten - aktuellen Bezüglichkeiten beschränkte. Eine Fülle von Details zur Landes-, Parteien-, Kirchen-, Sprach-, Literatur-, Architekturgeschichte, zur Asylanten- und Minderheitenproblematik sowie, gleichsam als roter Faden, zu den deutsch-griechischen Befindlichkeiten gewährt einen fundierten, von billigen Vorurteilen freien, dringendst gefragten zeitgemäßen Gesamtüberblick.

Horst Möller


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Norbert Sternmut
Wildwechselzeit

Wiesenburg Verlag, Schweinfurt 2011. 229 Seiten, 15,90 €

Unbesinnliche Besinnungsarbeit

Fiktiv oder nicht, eine Frage, wie sie der Klappentext aufwirft, ist doch eigentlich unter dem Niveau dieses Buches. Hier wird Schwerstarbeit geleistet über einen „Prozeß ins Bewußtsein“, der mit scheinbar lockerer Hand in einer Art Tagebuchform protokolliert wird. Und wir als Leser werden quasi mit einbezogen in eine Realitätstherapie. Ich muß mich als Rezensent hier gleich einmal outen: ich war von Anfang an einer der Kritiker, denen sich Sternmut anvertrauen wollte. Er hat mich nie enttäuscht, es war immer den Aufwand wert, seine Texte zu lesen - aber dies hier ist sein bestes Buch, sein ehrlichstes, sein persönlichstes. Und obwohl er ja noch verhältnismäßig „jung“ ist (Jg. 1958), scheint er einem Trend zu folgen, den einige bekannte Literaten (etwa Christa Wolf oder Günter Grass) bereits vorgezeichnet haben: man schreibt jetzt Bücher, deren Genre nicht mehr eindeutig zu klassifizieren ist: Roman? Report? Reflexion? Bekenntnisliteratur eben, die hat übrigens auch Tradition mindestens seit der Aufklärung. Eine Mischung aus ‘Sentimental Journey’ und ‘Sapere aude’ oder gar ein Wiederauflebenlassen der Innerlichkeitsliteratur der 1960er/1970er?!

Sternmut tut hier etwas, was ich besonders mag: er integriert Zitate bekannter Kulturschaffender, Intellektueller und Autoren. Damit ordnet man sich ja quasi selbst ein in eine Reihe Gleichgesinnter. Das Buch wendet sich gegen „die Angst vor sich selbst“, es dokumentiert die „stetige Suche nach der eigenen Innerlichkeit“ und bringt zum Ausdruck: „Ich bin nicht der, der ich bin, werden wollte, sein werde.“ Ein Buch, das sich im Grunde aus einer Aussage Christoph Schlingensiefs zu entwickeln scheint: „Wer seine Wunden zeigt, wird geheilt, wer sie nicht zeigt, wird nicht geheilt.“ Wir alle haben Wunden, ein Schnösel, der dies nicht zugäbe, und ein Hundsfott, der daraus sein Image basteln wollte. Übrigens hat auch Joseph Beuys einmal gesagt: „Zeige deine Wunde.“

Ein „Entwicklungstagebuch“ soll hier vorgelegt werden, das authentische Ich will „ein Hauptwerk schreiben! Über mein Haupt, das wasserweiche Gehirn“ - auch wenn hier fast ein Kalauer entstanden wäre, bleibt der Grundtenor ernst und der Autor lebt „in der ‘Wildwechselzeit’ der Vorstellungen“, womit der Titel ein wenig erklärt wäre. Und Sternmut wird grundsätzlich: „Wer weiß, was Literatur bedeutet für das eigene ICH des Schreibers. Wer weiß denn, was die Worte sagen wollen, bei aller Verklärung.“ Wenn schon die Schriftsteller nicht ihrer Worte mächtig sind (im Sinne des Wortes sozusagen), wie sehr sind sie dann ausgeliefert der Raffinesse der Interpreten und der Lethargie der Leser und Nichtleser?! Daß wir zum Ausdruck unserer Identität und unseres Weltverständnisses auf Worte angewiesen sind, ist wohl unser Dilemma.

Dabei geht es Sternmut nicht nur um sich, sondern um alle, weil alles zusammenhängt. Man fragt sich, wie ernst oder polemisch er es meint, es scheine ihm, „als müßte die Menschheit geschlossen in Therapie gehen.“ Denn er will auch nicht glauben, daß er der einzige sei, der leidet. Jedenfalls sei er Künstler geworden, um damit besser umgehen zu können. Wie er sich fremd fühlt, sich selbst gegenüber, unter den Menschen. Und eine Vollkommenheit oder ein Glück kann es sowieso nicht geben: „Ich bestehe aus Bruchstücken, unterschiedlichen Kräften.“ Und er kann selten etwas als sinnvoll erachten. So landet er bei Camus und Sartre: „Ich fühle absurd, denke absurd.“ Und das kulminiert dann in der Aussage: „Ich will, daß ich etwas anderes will, als ich will.“

Sollte es für manchen Zeitgenossen ein Problem sein, daß die Gedanken über den Sinn des Lebens zu anspruchsvoll geraten, so kann man ihn getrost an Sternmut verweisen, der sich zwischendurch auch mal gehen läßt: „Scheiß drauf! Ehrlich gesagt, es war nie mein Ziel, Heiliger zu werden. Dazu bumse ich zu gerne und liebe die Existenzphilosophie. Ich bin der Philosoph, der das eine mit dem anderen verbindet.“ Und etwas später: „Ich will weiterhin zumindest einmal im Dasein mit jeder Frau des Planeten geschlafen haben. Ich will … erklären, wie mein Zauberstab in die Wundertüten der Frauen dringt.“ Da muß ich gestehen, das lenkt mich etwas ab von der Ernsthaftigkeit der Thematik, und da halte ich es lieber mit Edgar Wallace: „Ein Intellektueller ist jemand, der etwas Interessanteres als Sex gefunden hat.“

Da wir doch beide, Sternmut und ich als sein Edelrezensent, Intellektuelle sind, dazu verdammt sind, welche sein zu wollen, bestürzt und verunsichert mich eigentlich ein irgendwo weiter hinten im Buch versteckter Satz am meisten: Wenn ich wenigstens wüßte, wer ich nicht bin!“ Boah! Da muß ich meine Tastatur vor mir schützen und kann nur noch dringend empfehlen, dieses Buch erstens zu lesen und es zweitens langsam zu lesen und sich selbst dabei zu beobachten. Mir kam es jedenfalls so vor, als habe Sternmut dieses Buch für mich geschrieben.

Karlyce Schrybyr


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Heinrich von Kleist
Die heilige Cecile

Reclam, Stuttgart 2007. 2,60 €

Deutschland, dieser ungeschlachte, aber meist gemütliche Koloß in der Mitte Europas, Heimstatt der Gedankenfreiheit und der Heimtücke, nach außen gepanzerte Einheit und dabei innerlich zerrissen bei allem, was es tut; Deutschland - wiederhole ich -, das vom Progreß nur den Rückschritt kennt und von den Revolutionen nur die Konterrevolutionen, so daß in den vergangenen zwei Jahrhunderten seine Nachbarn um ihres Überlebens willen öfter gezwungen waren, ihm den Fortschritt aufzudrücken; Deutschland - zum letzten - hat, wenn es denn ein Gesicht gefunden, es am ehesten in der Musik und in der Literatur zu erkennen gegeben.

Die moderne, das heißt auch heute noch vielgelesene deutsche Prosaliteratur setzt mit Heinrich von Kleist ein, keinem Titanen wie Goethe, der damals mindestens schon ebensosehr der Welt wie Deutschland zugehörte, keinem leidenschaftlichen Kämpfer wie Lessing, der den Journalismus zur Kunstgattung erhob, auch keinem überlegen heiteren Aufklärer wie Wieland und ebenfalls nicht einem versponnenen Träumer, dessen Phantasien heute unentwirrbar sind, wie Jean Paul.

Es ist ein preußischer Kammerjunker, ein blasses Geschöpf der friderizianischen Offiziersschule, ein lebensuntüchtiger Spätling dieser Verbindung von Spießrute und Aufklärung, der Altpreußens Gloria vor dem Untergang noch einmal glanzvoll erstrahlen läßt. In allem ein Sonderling, verkannt von den Romantikern, mit denen er den engsten Umgang pflegte, verachtet von Goethe und überhaupt nicht wahrgenommen von Deutschland, leuchtet er so hell zu uns aus dieser Epoche der vielen Sterne, als wäre er der einzige an einem leeren Firmament. Von Kleist her, von seinem schmalen und widersprüchlichen Werk spinnt sich der Faden, der die ganze moderne deutsche Literatur durchzieht.

Es ist dabei nicht unbedingt die Schönheit seines Stils, die diesen prägenden Einfluß ausübt. Kleists Sprache ist das aufklärerisch regulierte, trockene und völlig emotionslose Kanzleideutsch der preußischen Amtsstuben. Sie ist weder metaphernreich noch besonders schöpferisch; neue Sprachkreationen sind von Kleist kaum bekannt. Und schon gar nicht ist sie so schwärmerisch und empfindsam aufgelegt wie bei den anderen Romantikern. Sie erweckt eher den Eindruck, als wäre sie gefesselt, ja geradezu eingeschnürt in das Korsett der Kanzleisprache, aber sie steht dabei immer unter Anspannung. Und wie ein anscheinend gesunder Mensch plötzlich von epileptischen Anfällen geschüttelt wird, so durchziehen sie häufig unbestimmbare Konvulsionen, scheinbar kaum wahrnehmbare Schwingungen, die von der Stärke der Erschütterungen im Inneren künden und die sich manchmal in heftigen Eruptionen Luft verschaffen und dabei das Gespinst der schöngezirkelten Perioden und Ellipsen zerreißen.

Auch der Inhalt seiner Prosa ist näher am Leben als bei seinen romantischen Zeitgenossen. Während diese sich irgendwelchen Krähwinkeln zuwenden, idyllischen Provinzorten, deren anrührende Verträumtheit schon von ihrer Existenz im Lande Nirgendwo spricht, oder sich gleich in der Märchenwelt eines ausgedachten Mittelalters verlieren, zielt Kleist immer auf seine Gegenwart. Selbst die exotischen Orte, die er zum Teil als Schauplatz nimmt, schildert er als deutsch. Jede Weltflucht, jede Träumerei ist getilgt. Seine Geschichten sind von einem Realismus bestimmt, der in seiner Konzentration der Wirklichkeit geradezu brutal wirkt und den selbst Kleists gewundener Stil nicht dämpfen kann. Und wo Kleist, der Mode folgend, das Mittelalter ausersieht, da nimmt er keinen Sänger, keinen Maler, keinen fahrenden Kaufmann, keinen Ritter und auch keinen König zum Helden, sondern einen geschichtlich verbürgten Roßhändler, der einst für viel Aufsehen gesorgt hatte. In der Wahl der Stoffe steht Kleist den Spätaufklärern wie Hebel nahe, nicht aber in seiner Behandlung.

Unter den Novellen Kleists gibt es eine, „Die heilige Cecilie“, die keine große Bekanntschaft genießt. Es ist das eine kleine, beinahe naive Wundergeschichte, in der auf den ersten Moment nur der wie auf Sprungfedern einherkommende, verwickelte, aber trotzdem das Lesetempo nicht unnötig bremsende Stil an Kleist erinnert. Zum Inhalt nur dies: Am Ende des 16. Jahrhunderts versuchen in Aachen vier aus Holland stammende Brüder, dem Beispiel der Geusen folgend, einen Sturm auf das Kloster der heiligen Cecilie anzustiften. Dieses Vorhaben wird weniger von den weltlichen Gewalten vereitelt als von der Heiligen selbst, die plötzlich unter die Brüder tritt und sie mit Wahnsinn schlägt.

Man sieht: Vom Stoff her ist es nicht mehr als eine katholisierende Legende mit deutlich antirevolutionärer Stoßrichtung. Solche trivialen Heiligengeschichten sind damals häufig produziert worden und werden auch heute noch überall dort hergestellt und verbreitet, wo eine Gesellschaft von einem starken reaktionären Impuls durchzuckt wird, gewissermaßen ein Vergeltungsstromschlag, der die Revolution und genau genommen jede Entwicklung wieder zurückholen, ja einsperren soll in das Prokrustesbett der überkommenen Verhältnisse. Es ist Propagandaliteratur und im Grunde nur unter soziologischen Aspekten zu betrachten.

Um so erstaunlicher mutet daher an, daß Kleist, der eigentlich nicht durch katholisierende oder das Mittelalter verklärende Darstellungen auffiel, sich einer derartigen Geschichte zuwendet. Der Inhalt selbst bewegt ihn auch nur wenig, er wird knapp und anekdotisch wiedergegeben. Ihn interessiert die Pointe der Erzählung, die Geisteskrankheit der Brüder. Und besonders genau betrachtet er den Moment, als sie wahnsinnig werden und ihre Umgebung das nicht erkennt und sie behandelt, als wären sie normal. Der Mensch, der innerlich aus seiner Bahn geworfen wird, aber dem Gesetz der Schwerkraft oder einem anderen Gesetz gehorchend noch eine Zeitlang in der alten Bahn rollt, die er nicht mehr begreift - das ist Kleists Thema, das ist ein deutsches Thema.

Es ist das auch der Moment, in dem Kleists anekdotischer Stil an federnder Spannkraft gewinnt. Der Erzähler bezeugt eine Neugier am Verhalten der Brüder und ihrer Umwelt, die im ersten Augenblick den Leser befremdet. Woher, fragt er sich peinlich berührt, kommt nur dieses beinahe pathologische Interesse? Der Fakt ist bekannt und damit genug. Und mit wachsendem Widerwillen verfolgt er die Ausbreitung der Krankengeschichte der Brüder und wird allmählich eingestimmt gegen den offensichtlichen, den katholisierenden Ton der Erzählung. Was auch immer Kleists Absicht war: Man empfindet Schmerz über das Schicksal der Aufrührer.

Wie schon erwähnt, wird Kleist in der Nähe der Romantiker angesiedelt. Das waren Intellektuelle, deren Jugend von einer großen Enttäuschung bestimmt wurde. Die französische Revolution schien ihnen eine neue, eine menschlichere Zeit anzustoßen. Aber leider bedeutete sie nicht nur die Befreiung des Bürgers von feudaler Abhängigkeit und kirchlicher Bevormundung. Sie setzte auch das Ungeheuer des Bourgeois, des Bankiers, Wucherers und Börsenspekulanten, frei. Die großen Hoffnungen auf eine Erneuerung der Menschheit wurden erst kompromittiert vom Direktorium, eine der korruptesten Regierungen in der Geschichte Frankreichs, und dann erstickt in der festen Umarmung des Napoleonischen Kaiserreichs.

Waren die Romantiker auch nur Zaungäste des Geschehens, in ihrem Geiste fochten sie die ideologischen Schlachten der Zeit bis in die letzte Konsequenz aus. Und das bedeutete: Wer die Herrschaft des Mobs in Samt und Seide nicht zu akzeptieren vermochte, der fand nur einen Ausweg, nämlich die Flucht in die mittelalterliche Vergangenheit.

Die Romantiker, tatenlose geschlagene Kinder einer tatenreichen Zeit, sehnten sich nach einer Heilung der Wunden, die ihnen die Epoche zugefügt hatte. Die lindernde Salbe auf ihren Verletzungen und die tröstlichen Heilumschläge, wer konnte sie anders geben als die katholische Kirche, die noch jeden Weltmüden zur Ruhe gebettet hat?

Kleist, dieser lebensschwache Kammerjunker, ist so etwas wie der Romantiker der Romantiker gewesen. Die explosive Zerrissenheit, die sein Leben wie sein Merk auszeichnet, trieb ihn zur Übersteigerung all der Ansichten und Haltungen, die den Romantikern eigen waren, und da er sie in der Praxis anzuwenden versuchte, zu ihrer Verneinung.

All seine Unternehmungen waren Fehlschläge, seine Pläne wurden zu Wegweisern in den Mißerfolg, seine Erkenntnisse zu Schlüssen ins nichts. Die Welt, die er zu kennen glaubte, erwies sich jeden Augenblick anders und feindlicher, als er es sich vorstellen konnte. So entdeckte er den Widerspruch, der jeder Sache innewohnt, wenn er ihn auch nur negativ erlebte und ihn nur als menschentötend beschreiben konnte. Aus dieser Ahnung, denn es war mehr Ahnung als bewußte Einsicht, erwuchs das Interesse für die Psychologie. Und dieses Interesse führte in der Literatur zur Novelle.

„Die heilige Cecilie“, begonnen als Anekdote, unternimmt am Abgrund der menschlichen Persönlichkeit den Sprung in die Novelle. Es ist das ein Widerschein des Sprungs, der sich zur selben Zeit in der Gesellschaft vollzog. Die einheitliche, wenn auch gefesselte Persönlichkeit des Spätfeudalismus zerriß beim Eintritt in den Kapitalismus in die Gestalten des Bourgeois und Citoyen. Und diese Teilung ist der Gesellschaft eingeschrieben bis zu ihrem Ende oder ihrer Umwandlung in eine andere Gesellschaft. Kleist hat diese Spaltung noch nicht erkennen können, aber er hat das literarische Instrumentarium entwickelt, mit dem die späteren Schriftsteller sie ausgelotet haben.

Norbert Büttner


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Harold Brodkey
Die flüchtige Seele

Roman. Deutsch von Angela Praesent. Rowohlt Verlag, Reinbek 1995. 1343 Seiten, 14,90 €

Der Phallus ist kein Flaggenmast

Vor dem Hintergrund der dreißiger bis fünfziger Jahre des XX. Jahrhunderts beschreibe der Autor die Kindheit seines alter ego Wiley Silenowicz, verspricht der Klappentext. Abgekauft seinen leiblichen Eltern, wächst der Protagonist nach dem Tod der Mutter adoptiert auf. Sprachgehemmt. Verhaltensgestört. Ungeliebt von Adoptivmutter Lila, Stiefvater S.L. und deren leiblichen Tochter Nonie, nicht weniger verhaltensgestört, pathologisch eifersüchtig, sadistisch, des Mordes an zweien ihrer leiblichen Brüder verdächtig. Freilich verspricht der Klappentext noch einiges mehr, weckt Erwartung. Unter anderem solche auf ein literarisches Meisterwerk zur Kartographie einer oder gar mehrerer Seelen und ihrer Fluchtwege.

Von der Seele unseres Nächsten verstehen wir so wenig, weil wir ständig mit der Pflege der eigenen beschäftigt sind, ohne sie zu verstehen. Nichts anderes widerfährt dem Autor hier. Nicht Seele flieht, sondern er weicht jeder Entscheidung aus, welche Seele ihm abverlangt, begibt sich auf die Flucht, zieht sich in intellektuelle Denkkategorien zurück, um nicht zugeben, nicht anerkennen zu müssen, was ihn mit seinem Protagonisten eint: Unentschiedenheit gegenüber jedwedem sexuellen Verhaltensmuster zwischen Heterosexualität und Homophilie. Eine Lebensfalle, in welcher der Autor selbst lebenslänglich be- und gefangen bleibt. Nicht Widersprüchlichkeit menschlicher Wahrnehmung und Identität, sondern Suche nach absoluter Lustbefriedigung, verstanden als Wesen von Liebe, das Mißverständnis aus Gleichsetzung von Sex und Liebe, Produkt der Lieblosigkeit, lassen den Protagonisten nicht ankommen.

In stupender nachträglicher Selbstanalyse eigenen Verhaltens in frühester Kindheit über Pubertät bis ins Erwachsenenalter sucht Brodkey mit der Attitüde des Intellektuellen nach Handlungsmotiven und Entscheidungsinhalten, ohne zu einer Entscheidung zu gelangen. Letztlich dreht sich alles ausschließlich um Sexualität und einem ihr narzißtisch anhängenden Ich. Nebenbei und mühelos gelingt dem Autor als jüdischer Zuwanderer noch vor der Shoa, darin seinem Protagonisten gleich, der hier ausgebreiteten Sexualität in chauvinistischer Manier das Sternenbanner anzuheften, sie in einen nationalistischen Kontext zu zwängen. Angesichts auch heute noch rigider Sexualmoral des Einwanderungslandes ein gewagtes, ein verfehltes Unterfangen.

Trefflich läßt sich darüber streiten, ob zur Ausbreitung persönlicher sexueller Unentschiedenheit und ihrer mal inzestuösen, dann homophilen, auch heterosexuellen Spielarten ohne eigentlichen Gewinn persönlicher Zufriedenheit Wortwahl und Textumfang gerechtfertigt sind. Unübersehbar begibt sich der Autor auf die Suche nach Selbstvergewisserung. Ebenso unübersehbar wird im Text Lieblosigkeit einer Familie, ihres sozialen Umfeldes, Lieblosigkeit der Zu- und Einwanderungsgesellschaft deutlich. Lieblosigkeit, die in krassem Widerspruch zur narzißtischen Suche nach ’erlösender’, ultimativer Lustbefriedigung steht, zugleich mit ihr Hand in Hand geht. An solcher Lieblosigkeit scheitern Selbstanalyse und Selbstvergewisserung, bleiben im Klassendünkel und im Gestus des Einwanderungslandes und demjenigen des gehobenen bis abgehobenen Harward-Stipendiaten Brodkey hoffnungslos gefangen.

Wenn und wo ein Autor 1343 Buchseiten mit Wörtern füllt, darf der Leser erwarten, die Wegbeschreibungen der einen Seele, jener des Protagonisten, soweit notwendig auch diejenigen der Mitflüchtenden, mögen ein präzise Skizze liefern. Eben dies geschieht nicht! Nicht einmal bis zum Notausgang führt der rote Faden. Über vage Selbstreflexion, die im Unbestimmbaren versinkt, schwingt sich der Text nicht hinaus, bleibt kleben in Unentschlossenheit des Protagonisten, in Zerrissenheit des Wiley Silenowicz, welche mit derjenigen seines Geschichtenerzählers identisch ist.

Kein Wunder, daß Harold Brodkey fast 30 Jahre benötigt hat, diesen Text niederzulegen, letztlich Bilanz zu ziehen. Kann da verwundern, daß manch Leser nach endloser Lektüre ermattet aber unbefriedigt zurückbleibt, gar flüchtet?

Teja Bernardy


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Lutz Höttler
Cote d’Ivoire

Geteiltes Land. Horlemann Verlag, 2007. 150 Seiten, 12,90 €

Der Bürgerkrieg in dem westafrikanischen Staat Cote d’Ivoire ist nach dem militärischen Eingreifen Frankreichs zugunsten des mutmaßlichen Wahlsiegers Alassane Ouattara und der Inhaftierung des ehemaligen Präsidenten Laurent Gbagbo aus den Schlagzeilen verschwunden. Offensichtlich hält der Westen das Problem mit der Machtübernahme des als liberal und pro-französisch geltenden gewesenen Rebellenchefs für gelöst. Tatsächlich ist es mehr als wahrscheinlich, dass der seit 1999 andauernde Bürgerkrieg jetzt lediglich für eine Weile den Atem anhält.

In den westlichen Medien wurden die blutigen Auseinandersetzungen meist auf Konflikte zwischen den etwa 60 Ethnien des erst 1960 gegründeten Staates sowie auf die kulturellen Unterschiede zwischen dem islamisch dominierten Norden und dem weitgehend christianisierten Süden des Landes reduziert. Zahlreiche Informationen zu den tatsächlichen Ursachen des Bürgerkrieges finden sich in dem 2007 erschienenen Band “Cote d’Ivoire. Geteiltes Land” von Lutz Höttler.

Der Autor, jahrelang als wirtschaftspolitischer Berater in dem westafrikanischen Land tätig, sieht die Hauptursache der Konflikte in den aus der Kolonialzeit überkommenen volkswirtschaftlichen Disproportionen zwischen den verschiedenen Landesteilen und der Unfähigkeit bisheriger Regierungen, die Kluft zwischen dem entwickelten küstennahen Süden und dem unterentwickelten Landesinneren zu überwinden.

Als Exporteur hauptsächlich von Kaffee und Kakao galt Cote d’Ivoire lange Zeit als eines der reichsten Länder Westafrikas; in dieser Zeit strömten Millionen Gastarbeiter ins Land, um sich auf den Plantagen zu verdingen. In den 1990er Jahren sorgte ein rapider Preisverfall dieser Exportgüter für eine tiefe Wirtschaftskrise; das Land rutschte in die Schuldenfalle. Es folgte die Ablösung der langjährigen Präsidialdiktatur durch einen unblutigen Militärputsch im Jahre 1999 und die Herausbildung einer Mehrparteienlandschaft. Diese politische Öffnung erwies sich jedoch letztlich als fatal. Auswege aus der wirtschaftlichen Misere boten die nun zugelassenen Parteien keine; es ging bei der Herausbildung politischer Frontlinien lediglich um die Teilhabe an den noch vorhandenen Resten gesellschaftlichen Reichtums. Den Süden des Landes dominierende Gruppierungen propagierten krassen Wohlstandschauvinismus und forderten eine Ausweisung sämtlicher Migranten aus den Nachbarländern sowie die wirtschaftliche und politische Ausgrenzung der den bettelarmen Norden bewohnenden Ethnien. Gegen die Präsidentschaft Laurent Gbagbos formierten sich daher im Norden mehrere Rebellenbewegungen; aus dem Bürgerkrieg resultierte die Herausbildung einer Gewaltökonomie, dann der vollständige wirtschaftliche Kollaps des Landes und die Vernichtung großer Teile seiner natürlichen Ressourcen. Das Buch endet im Jahre 2007 mit der faktischen Teilung des Staatsgebietes in den von Rebellen beherrschten Norden und vom regierungstreuen Militär gehaltenen Süden.

Höttlers in dem Buch etwas naiv geäußerte Hoffnungen auf eine Versöhnung der verfeindeten Parteien unter Vermittlung Frankreichs haben sich natürlich nicht bewahrheitet. Um einen gesamtstaatlichen Einigungsprozess in Gang zu bringen, bedarf es einer funktionierenden Wirtschaft, die das vom Bürgerkrieg ausgeblutete Land jetzt einfach nicht mehr hat. Und auf nennenswerte finanzielle Hilfen aus dem Westen wird auch die nun installierte neue Regierung wohl vergeblich hoffen - die Wirtschaftskrise hat längst Zentraleuropa und die gewesene Kolonialmacht Frankreich erreicht.

Die nächsten Verteilungskämpfe in dem gequälten Land sind daher vorprogrammiert. So lange, bis es absolut nichts mehr zu verteilen gibt. Oder solange, bis niemand mehr da ist, der den plündernden Horden ihr Diebesgut abkauft und sie dafür mit Waffen versorgt.

Gerd Bedszent

   

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