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Helge Lehmann
Die Todesnacht in Stammheim
Eine Untersuchung. Indizienprozess gegen die staatsoffizielle
Darstellung und das Todesermittlungsverfahren. Pahl-Rugenstein Verlag,
Bonn 2011. 240 Seiten, 19,90 €
Als ich begann die vorliegende „Untersuchung“
zu lesen, kam mir über den Instinkt ins Gedächtnis: Vor
etlichen Jahren kam es zu einem durch das Medien-Transparent transportierte
Streit zwischen der BRD und der Türkei wegen der Beschwerden
der PKK-Häftlinge in den türkischen Haftanstalten. Als
die Wortgefechte zuspitzten, stand in den türkischen Gazetten
sinngemäß das Drohwort: „Müssen wir nun die
Akte Stammheim öffnen“. Zitiert wurde damals der türkische
Geheimdienst (MIT), die bekanntlich auch in der BRD aktiv war. Ich
fragte mich damals, was damit geheimnisvoll gemeint war, was die
MIT-Agenten über die Todesnacht wußten. Denn der Streit
geriet danach gleich in Schweigen. Der Verdacht, daß der bundesdeutsche
Staat etwas Folgenschweres zu verheimlichen hat, bekräftigt
die beachtliche Arbeit Helge Lehmanns immens weiter.
Im vorliegenden Band recherchiert er präzise,
nimmt jedes Detail der offiziellen Version vor, die von den ersten
Stunden an auf dem Selbstmord fundiert. Die Klappertext des Arbeit
„Die Todesnacht in Stammheim“ faßt das Anliegen
und den Schwerpunkt wie folgt zusammen: „Auf Veranlassung
des damaligen Bonner Krisenstabes verschickte die Deutsche Presseagentur
am 18. Oktober 1977, um 8.53 Uhr folgende Eilmeldung: ‘baader
und ensslin haben selbstmord begangen.’
Diese Mitteilung über den Tod von Häftlingen
aus der RAF im Hochsicherheitsbereich der JVA Stuttgart-Stammheim
legte noch vor Beginn der kriminaltechnischen und gerichtsmedizinischen
Ermittlungen die Richtung fest, der die Ermittler und die meisten
Medien folgten. Der ‘kollektive Selbstmord der Häftlinge’
scheint demnach bis heute die in Stein gemeißelte Wahrheit
über die damaligen Ereignisse zu sein.
Dieses Buch stellt die offizielle Darstellung auf
den Prüfstand. Nach jahrelanger Recherche aller zugänglichen
Materialien, Auswertung neuer, da erstmals freigegebener Dokumente,
sowie mit Hilfe praktischer Versuchsaufbauten entwickelt der Autor
eine Art Indizienprozess. Er kommt dabei einer Vielzahl von Unterlassungen,
Mängeln und einander widersprechenden Schlussfolgerungen in
den amtlichen Untersuchungen auf die Spur.
Konnten Anwälte Waffen und Sprengstoff in das
‘sicherste Gefängnis der Welt’ schmuggeln? Hatten
die Gefangenen ein funktionierendes Kommunikationssystem? Entsprachen
die Obduktionsergebnisse und Tatortermittlungen dem damaligen Stand
der Wissenschaft, sind sie umfassend und in sich widerspruchsfrei?
Welche Rolle spielten Kronzeugen für die Ermittlungsrichtung?
Waren die Waffen- und Sprengstoffverstecke so möglich wie dargestellt?
Was hatte es mit den in jener Nacht im Gefängnishof beobachteten
Autos auf sich? Dies sind nur einige der Fragen, denen in dieser
Untersuchung akribisch nachgegangen wird.
Erstmals wurden hierfür zusätzlich materielle
Testaufbauten geschaffen, um amtliche Behauptungen zu überprüfen.
Der Autor rekonstruierte die ‘Aktencontainer’, die dem
Waffenschmuggel gedient haben sollen, baute die angeblich funktionstüchtige
Kommunikationsanlage nach, überprüfte die Möglichkeit
eines Waffenversteckes im Plattenspieler Baaders anhand eines baugleichen
Modells, nahm Schussvergleiche zu Bestimmung der Lautstärke
von Schüssen in einem vergleichbaren Gebäude vor und präzisierte
mit neuen Methoden die sehr wagen amtlichen Angaben über die
Todeszeitpunkte von Baader und Ensslin.
Die Frage, warum auch Jahrzehnte nach den Ereignissen
wesentliche amtliche Aktenbestände zu diesem Komplex „aus
Gründen der Sicherheit der Bundesrepublik Deutschland“
weiterhin Staatsgeheimnisse sind, stellt sich aufgrund der Ergebnisse
der hier vorliegenden Untersuchung um so dringlicher.“
In seinem „Eingangsplädoyer“ führt
der Autor aus, worauf er seine Recherchen stützt, auf welche
Art von Indizien und Fakten, um die offizielle Version der „Todesnacht“
zu zerpflücken. Die mehr als vier Jahre währende „Untersuchung“
hat im Sinn, Licht ins Dunkel zu bringen, aber auch das Fragezeichen
etwas zu bleichen, das nach wie vor steht:
„Zu weichem Zweck sollte man erfahren wollen,
was an der offiziellen Darstellung und dem Todesermittlungsverfahren
(TEV) nicht stimmt? Wie in allen historisch aufgearbeiteten Texten
ist es das Finden der Wahrheit, ja hier das Verlangen und das Recht
auf die Wahrheit. Nach mehr als 30 Jahren ist es nun an der Zeit,
dieses zum Thema RAF und die Todesnacht in Stammheim erreichen zu
dürfen.“
Dem Autor gelang es aufzuzeigen, daß das Schmuggeln
von Waffen und anderer Gegenstände aus Metall in das Gefängnis
nicht möglich war. „Die verantwortlichen Beamten hätten
ansonsten grob fahrlässig gehandelt und somit wissentlich andere
Personen und vor allem sich selbst unmittelbar in Gefahr gebracht,
was ein solches Vorgehen auf jeden Fall ausschließt. Der Parlamentarische
Untersuchungsausschuss des Landtages Baden-Württemberg stellte
unter Punkt 3 Nr. 1a) ‘Wie konnten die Gefangenen Baader und
Raspe in den Besitz von Schusswaffen gelangen’ außerdem
fest, dass die Handakten alle gründlich kontrolliert wurden,
diese ohne Ausnahme den Anwälten aus der Hand genommen und
dann durchgeblättert wurden. Mitunter hätten die zuständigen
Beamten darüber hinaus die Handakten mit dem ‘Elbinger-Metallsuchgerät’
überprüft. ‘Aufgrund des Ergebnisses der Beweisaufnahme
muss die Frage, wie die Gefangenen in den Besitz von Waffen und
Sprengstoff gelangt sind, letztlich offen bleiben.’
Und auch die Bundesanwaltschaft kann den Schmuggelweg
in den Handakten nicht beweisen. Im Prozess gegen die RAe Arndt
Müller und Armin Neweria musste die Bundesanwaltschaft in ihrem
Plädoyer am 21.12.1979 im kriminalistischen Teil einräumen,
dass der genaue Hergang der Transporte der Waffen nicht zu ermitteln
gewesen ist.
Diese Feststellungen des Untersuchungsausschusses
von Baden-Württemberg sowie der Bundesanwaltschaft stehen somit
in einem direkten Gegensatz zu den Einlassungen des damaligen Generalbundesanwalts
Rebmann vor dem Untersuchungsausschuss vom 12.1.1978, der Weg der
Warfen über die Anwälte sei eine gesicherte Erkenntnis.
Mit dieser Aussage Rebmanns wird der Schmuggel von Waffen in den
Handakten bis heute zum einzig möglichen Weg erklärt.
Alle Fernsehdokumentationen zum Thema RAF und auch Stefan Aust in
seinem Buch ‘Der Baader Meinhof Komplex’ stellen diesen
wichtigen Punkt falsch dar.“
Die offizielle Version wurde bisher als die Wagre
akzeptiert, weil sie in den Mainstreammedien abermalig dargestellt
wurde. Oft dauert es Jahre oder Jehrzehnte, bemerkt der Autor, bis
sie ins Wanken gerät. So trägt er im Kapitel „Finale
und Abschlussplädoyer“ noch folgendes vor:
„Diese Untersuchung der Stammheimer Todesnacht
in Form eines Indizienprozesses hat die tendenziöse Darstellung,
die Verdrehung und die Unterdrückung von Tatsachen mit den
Mitteln des Vergleichs von Aussagen der Beteiligten, der Überprüfung
der Ermittlungsergebnisse und durch eigene materielle Tests nachgewiesen.
Obwohl nach wie vor wichtige Aktenbestände geheim gehalten
werden, konnte gezeigt werden: Die Ermittlungen der Geschehnisse
in Stammheim wurden einseitig in eine Richtung betrieben und so
in die Öffentlichkeit getragen, dass sie das gewünschte
Ergebnis haben mussten und als unwiderlegbar akzeptiert werden.
(...)
Angesichts dieser Lage wird auch erklärlich,
warum die Todesermittlungen trotz gegenteiliger öffentlicher
Bekundungen der politisch Verantwortlichen nur in eine Richtung
gingen und die dabei zu Tage kommenden kriminalistischen und forensischen
Widersprüche nicht geklärt wurden.
Durch die Geschichte des staatlichen Handelns in Sachen
RAF zieht sich die Haltung, die rechtsstaatlichen Garantien, die
für jeden Beschuldigten und Verurteilten zu gelten haben, gegebenenfalls
bei einem selbst definierten „übergeordneten Notstand“
aufzuheben. Ein solcher „übergeordneter Notstand“
kann allerdings nach unserer Rechtsordnung nicht per geheimer Entscheidung
der Exekutive festgestellt werden. Die ‘Notstandsgesetze’
im Grundgesetz sehen eine Beteiligung der Legislative vor.
So ist es denn auch kein Wunder, dass gerade das Aushebeln
rechtsstaatlicher Garantien im Zusammenhang mit der Bekämpfung
der RAF bis heute weitgehend verleugnet wird. Nach dem Bekanntwerden
der Abhöraffäre in den Besucherzellen im Stammheimer Hochsicherheitstrakt
ist bis heute nur der geringster Teil der als ‘streng geheim’
eingestuften Akten zur Einsicht freigegeben.
Vom Herbst 1974 bis Frühjahr 1975 saß ich
ca. sechs Monate in Untersuchungshaft in Frankfurt am Main und Saarbrücken,
angeklagt aufgrund des Paragraphen 129a. Isoliert. „Verschärfte
(oder strenge) Einzelhaft“ lautete die Maßgabe. Die
Monate lange Isolation blieb nach langer Zeit nicht ohne Folgen.
Von jeglichen Kontakten und Kommunikationsmöglichkeiten ausgeschlossen.
Baden, Hofgang, Einkauf als Einzelperson. Gegen Ende dieses „Aufenthalts“
in Frankfurt Preungesheim wurde die Isolation aufgehoben. Ich verließ
diesen Arrestlokal sogar ohne Gerichtsverfahren. Ich hatte mit der
RAF oder ihrer Umfeld nicht zu tun, sondern war in einer türkischen
Organisation, die sich angeblich von der BRD aus zu einem bewaffneten
Aufstand in der Türkei vorbereitet hätte.
Zu dem Band „Die Todesnacht in Stammheim“
hat der Autor die Webseite www.todesnacht.com eingerichtet, auf
der Dokumente und weiterführende Materialien zum Thema einsehbar
sind.
Necati Mert
***
Linda Polman
Die Mitleidsindustrie
Hinter den Kulissen internationaler Hilfsorganisationen.
Campus-Verlag, Frankfurt am Main 2010. 267 Seiten, 19,90 €
Bei der Autorin handelt es sich um eine Journalistin
aus den Niederlanden, die seit ca. 1990 in vielen Krisen- und Kriegsgebieten
gewesen war so in Afrika in Ruanda/Zaire, in Nigeria, im Sudan,
in Irak und Afghanistan. Aus diesen und zahlreichen weiteren früheren
und aktuellen Krisengebieten mit Bürgerkriegen oder auch Interventionen
durch die USA und andere „Westmächte“ sowie weiteren
Katastrophengebieten hat sie nicht nur das Kriegsgeschehen beobachtet,
sondern auch das Auftreten und Wirken der Hilfsorganisationen, angefangen
vom Internationalen Roten Kreuz bis hin zu kleinen christlichen
Sekten aus den USA. Ihr Bericht ergibt ein sehr ernüchterndes
bis erschütterndes Bild über das Handeln dieser Hilfsorganisationen
vor Ort.
Zum Ersten versickern viele der Spendengelder, zu
denen weltweit, vor allem aber in der „westlichen Welt“
immer wieder über die Medien aufgerufen werden, bereits in
der Bürokratie und bei gut bezahlten Managern und Presseattachés
sowie engagierten hübschen Pressesprecherinnen sowie bei den
gecharterten Flugzeugen, um in den Krisengebieten in Luxushotels
bei bestem Essen abzusteigen und um den Regierungen oder War Lords
ihre Aufwartungen mit entsprechender Bezahlung zu machen und sodann
bei den sog. Meetings vor Ort in den Flüchtlingscamps, wohin
sie in dicken Rovern mit Bodyguards brausen, um sich für die
Einwerbung neuer Spendengelder mit verkrüppelten Kindern und
Jugendlichen ablichten zu lassen.
Zum Zweiten versickert ein weiterer Teil der Hilfsgelder
und Hilfsgüter als sog. Eintrittsgeld bei den Kriegsführern
und ihren Unterführern und Soldaten in der jeweiligen Region,
damit überhaupt noch ein Teil - manchmal nur ein kleiner Rest
- bei den wirklichen Hilfsbedürftigen ankommt. Die Kriegsführer
päppeln damit ihre zum Teil zerschundenen Kriegstruppen wieder
auf und kaufen neue Waffen auf dem zumeist in den „westlichen“
Staaten organisierten Waffenmarkt - was übrigens allen Regierungen
hier bekannt ist und woran zahlreiche Unternehmen hier prächtig
verdienen -, um sodann ihre kriegerischen Aktionen fortzusetzen
und um dabei noch mehr gegnerische Menschen aus ihren Orten nicht
nur zu vertreiben, sondern zu verstümmeln, verhungern zu lassen
oder um sie umzubringen. Sie heizen mit den in Flüchtlingscamps
zusammengetriebenen Überlebenden die Hilfsmaßnahmen sogar
noch weiter an, wovon sie sodann wiederum zur Fortsetzung ihrer
Kriegshandlungen in deutlichem Maße profitieren. In manchen
Fällen kommt von den Hilfslieferung sogar nichts bei jenen
an, für sie sie eigentlich gedacht sind; so etwa in vielen
Regionen Afghanistans, wo diese Hilfsorganisation entweder die Taliban
offen unterstützen müssen oder mehr und mehr riskieren,
von ihnen exekutiert zu werden. Die Situation in vielen dieser Krisengebiete
lautet also, Hilfe zu leisten, was zumeist zu noch mehr Toten, Verarmten
und Verkrüppelten führt - eine Entwicklung, die schon
in den 1960er Jahren in Afrika eingesetzt hat und sich seitdem immer
mehr bis heute in vielen Krisenregionen der Welt ausgebreitet hat
- oder die Hilfe einzustellen. Aber nur die wenigsten Hilfsorganisationen
ziehen sich aus diesem Grunde aus diesen Gebieten zurück, während
das „Gros“ - um im internationalen Wettbewerb der Mitleidsindustrie
weiter mitmischen zu können, dieses letztlich zynische Spiel
weiter betreibt.
Zum Dritten - und das klingt demgegenüber fast
harmlos - werden bei bestimmten Katastrophen zu einem erheblichen
Teil völlig unsachgemäße Güter geliefert. So
kamen nach dem Tsunami in Südostasien in der Provinz Aceh auf
Sumatra zahlreiche Pelzmäntel an, Wagenladungen voller Kuscheltiere,
hochhackige Stöckelschuhe und Slips für die frommen Muslimas
und einiger Unsinn mehr, anstatt jener Güter, die dort akut,
klimatisch und den kulturellen Lebensumständen gemäß
benötigt wurden. Zudem versickerten noch fast 80% aller Hilfslieferungen
und Gelder in den Taschen staatlicher, regionaler und lokaler Herrschaftseliten.
Linda Polman stellt schon eingangs ihres Buches die
Frage, ob man eher dem Leitbild von Henri Dunant (1828-1910) folgen
solle, der von allen Hilfsorganisationen fordert, allen hilfsbedürftigen
„neutral“ zu helfen, ohne dabei abzuwägen, ob es
sich um Krieger oder Bekriegte und Besiegte handelt, oder ob man
gemäß der Ansicht von Florence Nightingale (1820-1910)
dort die Hilfe versagen soll, wo sie im Ergebnis zu noch mehr Gräuel,
also Toten, Verkrüppelten und total Verarmten führt, und
überwiegend jene unterstützt, die dies vor Ort mit ihren
grausam geführten Kriegen und Abschlachtungen anderer Menschen
bewirken. Die Antwort geben zunächst erst einmal die allermeisten
Hilfsorganisationen selbst: In dem sie dem Prinzip von Henri Dunant
folgen, das er 1859 nach der Schlacht von Solferino aufgestellt
hatte, tragen sie zu einem erheblichen Maße zur Verlängerung
der Kriegshandlungen und des schon bestehenden Elends bei. Die Auffassung
der Autorin ergibt sich dadurch, dass sie sich gezwungen sah, dieses
Buch mit seinen erschütternden und schrecklichen Ergebnissen
nieder zu schreiben.
Norbert Cobabus
***
Eberhard Rondholz
Griechenland
Ein Länderporträt. Ch. Links Verlag, Berlin
2011. 200 Seiten, 16,90 €
Obwohl Griechenland nun so ins Gerede gekommen ist,
darf die Faszination, die vom Land und seinen Leuten ausgeht, getrost
als unkaputtbar gelten. Zu dieser Gewissheit verhilft der jeder
Schwärmerei abholde Insiderblick, an dem - nach zahlreichen,
seit Jahren regelmäßig vorgelegten erhellenden Einzelstudien
- hier Eberhard Rondholz in einer längst von ihm erwarteten
Zusammenschau teilhaben lässt. Was läuft da seinem Urteil
nach in den deutsch-griechischen Beziehungen eigentlich falsch?
Beim Athenbesuch im Januar 2010 mahnte Außenminister Guido
Westerwelle (der seinen Dr. jur. an der Uni Bonn beim Staatsrechtler
Dimitris Tsatsos gemacht hat) die Einlösung eines griechischen
Kaufversprechens aus dem Jahr 2000 an: 60 Kampfflugzeuge vom Typ
Eurofighter zum Preis von zwei Milliarden Euro. Außerdem stehen
zur Verhandlung: sechs Fregatten vom Typ FREMM im Wert von zwei
Milliarden, sechs U-Boote des Typs U214 für rund drei Milliarden
und ähnliches mehr. Dazu ER: „Es ist eine absurde Situation:
Deutsche und französische Politiker drängen zu Käufen
von Waffen, die zwei Nato-Partner (Türkei und Griechenland)
aufeinander richten, und das, obwohl sie einerseits über den
drohenden Staatsbankrott Griechenlands informiert sind und es andererseits
strikte Regelungen gibt, nach denen aus Deutschland Waffen exportiert
werden dürfen: eben nicht in politische Spannungsgebiete, wie
es die Ägäis de facto allemal eines ist.“ Dass dieser
Irrsinn den griechischen Steuerzahler umtreibt, das sollte auch
den eigentlich nicht weniger davon betroffenen deutschen Steuerzahler
aufbegehren lassen, denn in beiden Fällen bietet die Wirtschaftskraft
des eigenen Landes mehr, als für ihn herausspringt.
Nach ERs Angaben verfügen die griechischen Reeder
über eine Handelsflotte von 55 Millionen BRT, was 70% der gesamten
EU-Handelsschifffahrt und ein Fünftel der globalen Tonnage
ausmacht und sich in der griechischen Zahlungsbilanz niederschlägt.
Die Fischzucht in Aquakultur ist mittlerweile eine Industrie mit
enormen Zuwachsraten, Griechenland ist Selbstversorger, was bestimmte
zuchtfähige Fischarten angeht, und zugleich größter
Exporteur. Was ER zudem über Spitzenweine und exquisites Olivenöl
Marke Hellas wissen lässt, hat gut und gern als Geheimtipp
zu gelten. Hingegen sind die aufgezeigten Schattenseiten jene, die
man auch von anders woher kennt. Die Rede ist von Leuten, die gegenüber
dem Finanzamt ihr Einkommen an der Armutsgrenze beziffern und durch
einen Wohlstand auffallen, der sich disproportional zu den bezogenen
Gehältern verhält. Die Art und Weise, wie sich Teile der
politischen Elite in den letzten Jahrzehnten bereichert haben, rieche
nach Mafia und Politkriminalität - so das ernüchternde
Resümee. Wie anhand der wenig lustigen aufgeführten Beispiele
zu erfahren ist, steht einem ausgeprägt investigativen Journalismus
leider leider ein deprimierend lahmer Justizapparat gegenüber.
Angesichts der aus der konfliktreichen Vergangenheit
herrührenden tiefen Gräben im Volk überrascht dann
doch im Kapitel Griechen gegen Griechen - Exkurs über den Bürgerkrieg
der Schlusssatz: „Es gibt eine große Bereitschaft zur
Versöhnung.“ Unabgegolten bleibt indessen, womit Deutschland
nach wie vor in der Schuld steht, unter anderem mit der „Rückzahlung
eines Zwangskredits, den die Besatzungsmacht Deutschland im Zweiten
Weltkrieg den Griechen abgepresst hat“ - nach heutigen Berechnungen
etwa 20 Milliarden Euro. Dass darüber hinaus die bundesdeutsche
Justiz hinsichtlich der Kriegs- und NS-Verbrechen Täterschutz
übte, und zwar mit fatalen Spätfolgen, wird von ER hier
nicht zum ersten Mal angesprochen - aus ungutem Grund, wie das Folgende
veranschaulicht: Für Alfred Eickworth, der auf Karpathos beim
Versuch, zur Befreiungsfront überzulaufen, am 29. November
1943 von einem deutschen „Kameraden“ erschossen wurde,
war in seinem sächsischen Heimatort Crimmitschau-Gablenz eine
Straße benannt und ein Denkmal aufgestellt worden. Beides
ist nach der Wende 1989 dort verschwunden, wohingegen das von griechischen
Patrioten auf Karpathos für ihn errichtete Grabmal auch weiterhin
gepflegt wird.
Wie anderswo in Europa auch ist neuerdings - und bei
sich zuspitzender Wirtschafts- und Finanzkrise womöglich dauerhaft
- im Athener Parlament eine rechtsradikale Partei vertreten. Sich
deren Hetztiraden von einer gegen Griechenland gerichteten Verschwörung
des weltweit agierenden jüdischen Finanzkapitals zu bedienen,
wie das Mikis Theodorakis - gewissermaßen einem Anti-Herostratos
gleich - unternommen hat (um den Volkszorn zum Kochen zu bringen
oder weshalb auch immer), quittiert ER rechtens mit Unverständnis.
Unerwähnt zu lassen, dass sich Theodorakis nachträglich
erklärt und gegen jede Form von Antisemitismus ausgesprochen
hat, und ihn als „Musik-Ikone“ (à la Michael
Jackson?) in einen Zusammenhang zu bringen mit dem notorischen Holocaust-Leugner
Plévris und denen, die ungehindert Hitlers Mein Kampf in
griechischer Übersetzung verkaufen, das verschiebt allerdings
die Optik dann doch gewaltig.
Das Buch verdiente nicht den Untertitel Ein Länderporträt,
wenn es sich auf die - in herkömmlichen Reiseführern zumeist
ausgesparten - aktuellen Bezüglichkeiten beschränkte.
Eine Fülle von Details zur Landes-, Parteien-, Kirchen-, Sprach-,
Literatur-, Architekturgeschichte, zur Asylanten- und Minderheitenproblematik
sowie, gleichsam als roter Faden, zu den deutsch-griechischen Befindlichkeiten
gewährt einen fundierten, von billigen Vorurteilen freien,
dringendst gefragten zeitgemäßen Gesamtüberblick.
Horst Möller
***
Norbert Sternmut
Wildwechselzeit
Wiesenburg Verlag, Schweinfurt 2011. 229 Seiten, 15,90
€
Unbesinnliche Besinnungsarbeit
Fiktiv oder nicht, eine Frage, wie sie der Klappentext
aufwirft, ist doch eigentlich unter dem Niveau dieses Buches. Hier
wird Schwerstarbeit geleistet über einen „Prozeß
ins Bewußtsein“, der mit scheinbar lockerer Hand in
einer Art Tagebuchform protokolliert wird. Und wir als Leser werden
quasi mit einbezogen in eine Realitätstherapie. Ich muß
mich als Rezensent hier gleich einmal outen: ich war von Anfang
an einer der Kritiker, denen sich Sternmut anvertrauen wollte. Er
hat mich nie enttäuscht, es war immer den Aufwand wert, seine
Texte zu lesen - aber dies hier ist sein bestes Buch, sein ehrlichstes,
sein persönlichstes. Und obwohl er ja noch verhältnismäßig
„jung“ ist (Jg. 1958), scheint er einem Trend zu folgen,
den einige bekannte Literaten (etwa Christa Wolf oder Günter
Grass) bereits vorgezeichnet haben: man schreibt jetzt Bücher,
deren Genre nicht mehr eindeutig zu klassifizieren ist: Roman? Report?
Reflexion? Bekenntnisliteratur eben, die hat übrigens auch
Tradition mindestens seit der Aufklärung. Eine Mischung aus
‘Sentimental Journey’ und ‘Sapere aude’
oder gar ein Wiederauflebenlassen der Innerlichkeitsliteratur der
1960er/1970er?!
Sternmut tut hier etwas, was ich besonders mag: er
integriert Zitate bekannter Kulturschaffender, Intellektueller und
Autoren. Damit ordnet man sich ja quasi selbst ein in eine Reihe
Gleichgesinnter. Das Buch wendet sich gegen „die Angst vor
sich selbst“, es dokumentiert die „stetige Suche nach
der eigenen Innerlichkeit“ und bringt zum Ausdruck: „Ich
bin nicht der, der ich bin, werden wollte, sein werde.“ Ein
Buch, das sich im Grunde aus einer Aussage Christoph Schlingensiefs
zu entwickeln scheint: „Wer seine Wunden zeigt, wird geheilt,
wer sie nicht zeigt, wird nicht geheilt.“ Wir alle haben Wunden,
ein Schnösel, der dies nicht zugäbe, und ein Hundsfott,
der daraus sein Image basteln wollte. Übrigens hat auch Joseph
Beuys einmal gesagt: „Zeige deine Wunde.“
Ein „Entwicklungstagebuch“ soll hier vorgelegt
werden, das authentische Ich will „ein Hauptwerk schreiben!
Über mein Haupt, das wasserweiche Gehirn“ - auch wenn
hier fast ein Kalauer entstanden wäre, bleibt der Grundtenor
ernst und der Autor lebt „in der ‘Wildwechselzeit’
der Vorstellungen“, womit der Titel ein wenig erklärt
wäre. Und Sternmut wird grundsätzlich: „Wer weiß,
was Literatur bedeutet für das eigene ICH des Schreibers. Wer
weiß denn, was die Worte sagen wollen, bei aller Verklärung.“
Wenn schon die Schriftsteller nicht ihrer Worte mächtig sind
(im Sinne des Wortes sozusagen), wie sehr sind sie dann ausgeliefert
der Raffinesse der Interpreten und der Lethargie der Leser und Nichtleser?!
Daß wir zum Ausdruck unserer Identität und unseres Weltverständnisses
auf Worte angewiesen sind, ist wohl unser Dilemma.
Dabei geht es Sternmut nicht nur um sich, sondern
um alle, weil alles zusammenhängt. Man fragt sich, wie ernst
oder polemisch er es meint, es scheine ihm, „als müßte
die Menschheit geschlossen in Therapie gehen.“ Denn er will
auch nicht glauben, daß er der einzige sei, der leidet. Jedenfalls
sei er Künstler geworden, um damit besser umgehen zu können.
Wie er sich fremd fühlt, sich selbst gegenüber, unter
den Menschen. Und eine Vollkommenheit oder ein Glück kann es
sowieso nicht geben: „Ich bestehe aus Bruchstücken, unterschiedlichen
Kräften.“ Und er kann selten etwas als sinnvoll erachten.
So landet er bei Camus und Sartre: „Ich fühle absurd,
denke absurd.“ Und das kulminiert dann in der Aussage: „Ich
will, daß ich etwas anderes will, als ich will.“
Sollte es für manchen Zeitgenossen ein Problem
sein, daß die Gedanken über den Sinn des Lebens zu anspruchsvoll
geraten, so kann man ihn getrost an Sternmut verweisen, der sich
zwischendurch auch mal gehen läßt: „Scheiß
drauf! Ehrlich gesagt, es war nie mein Ziel, Heiliger zu werden.
Dazu bumse ich zu gerne und liebe die Existenzphilosophie. Ich bin
der Philosoph, der das eine mit dem anderen verbindet.“ Und
etwas später: „Ich will weiterhin zumindest einmal im
Dasein mit jeder Frau des Planeten geschlafen haben. Ich will …
erklären, wie mein Zauberstab in die Wundertüten der Frauen
dringt.“ Da muß ich gestehen, das lenkt mich etwas ab
von der Ernsthaftigkeit der Thematik, und da halte ich es lieber
mit Edgar Wallace: „Ein Intellektueller ist jemand, der etwas
Interessanteres als Sex gefunden hat.“
Da wir doch beide, Sternmut und ich als sein Edelrezensent,
Intellektuelle sind, dazu verdammt sind, welche sein zu wollen,
bestürzt und verunsichert mich eigentlich ein irgendwo weiter
hinten im Buch versteckter Satz am meisten: Wenn ich wenigstens
wüßte, wer ich nicht bin!“ Boah! Da muß ich
meine Tastatur vor mir schützen und kann nur noch dringend
empfehlen, dieses Buch erstens zu lesen und es zweitens langsam
zu lesen und sich selbst dabei zu beobachten. Mir kam es jedenfalls
so vor, als habe Sternmut dieses Buch für mich geschrieben.
Karlyce Schrybyr
***
Heinrich von Kleist
Die heilige Cecile
Reclam, Stuttgart 2007. 2,60 €
Deutschland, dieser ungeschlachte, aber meist gemütliche
Koloß in der Mitte Europas, Heimstatt der Gedankenfreiheit
und der Heimtücke, nach außen gepanzerte Einheit und
dabei innerlich zerrissen bei allem, was es tut; Deutschland - wiederhole
ich -, das vom Progreß nur den Rückschritt kennt und
von den Revolutionen nur die Konterrevolutionen, so daß in
den vergangenen zwei Jahrhunderten seine Nachbarn um ihres Überlebens
willen öfter gezwungen waren, ihm den Fortschritt aufzudrücken;
Deutschland - zum letzten - hat, wenn es denn ein Gesicht gefunden,
es am ehesten in der Musik und in der Literatur zu erkennen gegeben.
Die moderne, das heißt auch heute noch vielgelesene
deutsche Prosaliteratur setzt mit Heinrich von Kleist ein, keinem
Titanen wie Goethe, der damals mindestens schon ebensosehr der Welt
wie Deutschland zugehörte, keinem leidenschaftlichen Kämpfer
wie Lessing, der den Journalismus zur Kunstgattung erhob, auch keinem
überlegen heiteren Aufklärer wie Wieland und ebenfalls
nicht einem versponnenen Träumer, dessen Phantasien heute unentwirrbar
sind, wie Jean Paul.
Es ist ein preußischer Kammerjunker, ein blasses
Geschöpf der friderizianischen Offiziersschule, ein lebensuntüchtiger
Spätling dieser Verbindung von Spießrute und Aufklärung,
der Altpreußens Gloria vor dem Untergang noch einmal glanzvoll
erstrahlen läßt. In allem ein Sonderling, verkannt von
den Romantikern, mit denen er den engsten Umgang pflegte, verachtet
von Goethe und überhaupt nicht wahrgenommen von Deutschland,
leuchtet er so hell zu uns aus dieser Epoche der vielen Sterne,
als wäre er der einzige an einem leeren Firmament. Von Kleist
her, von seinem schmalen und widersprüchlichen Werk spinnt
sich der Faden, der die ganze moderne deutsche Literatur durchzieht.
Es ist dabei nicht unbedingt die Schönheit seines
Stils, die diesen prägenden Einfluß ausübt. Kleists
Sprache ist das aufklärerisch regulierte, trockene und völlig
emotionslose Kanzleideutsch der preußischen Amtsstuben. Sie
ist weder metaphernreich noch besonders schöpferisch; neue
Sprachkreationen sind von Kleist kaum bekannt. Und schon gar nicht
ist sie so schwärmerisch und empfindsam aufgelegt wie bei den
anderen Romantikern. Sie erweckt eher den Eindruck, als wäre
sie gefesselt, ja geradezu eingeschnürt in das Korsett der
Kanzleisprache, aber sie steht dabei immer unter Anspannung. Und
wie ein anscheinend gesunder Mensch plötzlich von epileptischen
Anfällen geschüttelt wird, so durchziehen sie häufig
unbestimmbare Konvulsionen, scheinbar kaum wahrnehmbare Schwingungen,
die von der Stärke der Erschütterungen im Inneren künden
und die sich manchmal in heftigen Eruptionen Luft verschaffen und
dabei das Gespinst der schöngezirkelten Perioden und Ellipsen
zerreißen.
Auch der Inhalt seiner Prosa ist näher am Leben
als bei seinen romantischen Zeitgenossen. Während diese sich
irgendwelchen Krähwinkeln zuwenden, idyllischen Provinzorten,
deren anrührende Verträumtheit schon von ihrer Existenz
im Lande Nirgendwo spricht, oder sich gleich in der Märchenwelt
eines ausgedachten Mittelalters verlieren, zielt Kleist immer auf
seine Gegenwart. Selbst die exotischen Orte, die er zum Teil als
Schauplatz nimmt, schildert er als deutsch. Jede Weltflucht, jede
Träumerei ist getilgt. Seine Geschichten sind von einem Realismus
bestimmt, der in seiner Konzentration der Wirklichkeit geradezu
brutal wirkt und den selbst Kleists gewundener Stil nicht dämpfen
kann. Und wo Kleist, der Mode folgend, das Mittelalter ausersieht,
da nimmt er keinen Sänger, keinen Maler, keinen fahrenden Kaufmann,
keinen Ritter und auch keinen König zum Helden, sondern einen
geschichtlich verbürgten Roßhändler, der einst für
viel Aufsehen gesorgt hatte. In der Wahl der Stoffe steht Kleist
den Spätaufklärern wie Hebel nahe, nicht aber in seiner
Behandlung.
Unter den Novellen Kleists gibt es eine, „Die
heilige Cecilie“, die keine große Bekanntschaft genießt.
Es ist das eine kleine, beinahe naive Wundergeschichte, in der auf
den ersten Moment nur der wie auf Sprungfedern einherkommende, verwickelte,
aber trotzdem das Lesetempo nicht unnötig bremsende Stil an
Kleist erinnert. Zum Inhalt nur dies: Am Ende des 16. Jahrhunderts
versuchen in Aachen vier aus Holland stammende Brüder, dem
Beispiel der Geusen folgend, einen Sturm auf das Kloster der heiligen
Cecilie anzustiften. Dieses Vorhaben wird weniger von den weltlichen
Gewalten vereitelt als von der Heiligen selbst, die plötzlich
unter die Brüder tritt und sie mit Wahnsinn schlägt.
Man sieht: Vom Stoff her ist es nicht mehr als eine
katholisierende Legende mit deutlich antirevolutionärer Stoßrichtung.
Solche trivialen Heiligengeschichten sind damals häufig produziert
worden und werden auch heute noch überall dort hergestellt
und verbreitet, wo eine Gesellschaft von einem starken reaktionären
Impuls durchzuckt wird, gewissermaßen ein Vergeltungsstromschlag,
der die Revolution und genau genommen jede Entwicklung wieder zurückholen,
ja einsperren soll in das Prokrustesbett der überkommenen Verhältnisse.
Es ist Propagandaliteratur und im Grunde nur unter soziologischen
Aspekten zu betrachten.
Um so erstaunlicher mutet daher an, daß Kleist,
der eigentlich nicht durch katholisierende oder das Mittelalter
verklärende Darstellungen auffiel, sich einer derartigen Geschichte
zuwendet. Der Inhalt selbst bewegt ihn auch nur wenig, er wird knapp
und anekdotisch wiedergegeben. Ihn interessiert die Pointe der Erzählung,
die Geisteskrankheit der Brüder. Und besonders genau betrachtet
er den Moment, als sie wahnsinnig werden und ihre Umgebung das nicht
erkennt und sie behandelt, als wären sie normal. Der Mensch,
der innerlich aus seiner Bahn geworfen wird, aber dem Gesetz der
Schwerkraft oder einem anderen Gesetz gehorchend noch eine Zeitlang
in der alten Bahn rollt, die er nicht mehr begreift - das ist Kleists
Thema, das ist ein deutsches Thema.
Es ist das auch der Moment, in dem Kleists anekdotischer
Stil an federnder Spannkraft gewinnt. Der Erzähler bezeugt
eine Neugier am Verhalten der Brüder und ihrer Umwelt, die
im ersten Augenblick den Leser befremdet. Woher, fragt er sich peinlich
berührt, kommt nur dieses beinahe pathologische Interesse?
Der Fakt ist bekannt und damit genug. Und mit wachsendem Widerwillen
verfolgt er die Ausbreitung der Krankengeschichte der Brüder
und wird allmählich eingestimmt gegen den offensichtlichen,
den katholisierenden Ton der Erzählung. Was auch immer Kleists
Absicht war: Man empfindet Schmerz über das Schicksal der Aufrührer.
Wie schon erwähnt, wird Kleist in der Nähe
der Romantiker angesiedelt. Das waren Intellektuelle, deren Jugend
von einer großen Enttäuschung bestimmt wurde. Die französische
Revolution schien ihnen eine neue, eine menschlichere Zeit anzustoßen.
Aber leider bedeutete sie nicht nur die Befreiung des Bürgers
von feudaler Abhängigkeit und kirchlicher Bevormundung. Sie
setzte auch das Ungeheuer des Bourgeois, des Bankiers, Wucherers
und Börsenspekulanten, frei. Die großen Hoffnungen auf
eine Erneuerung der Menschheit wurden erst kompromittiert vom Direktorium,
eine der korruptesten Regierungen in der Geschichte Frankreichs,
und dann erstickt in der festen Umarmung des Napoleonischen Kaiserreichs.
Waren die Romantiker auch nur Zaungäste des Geschehens,
in ihrem Geiste fochten sie die ideologischen Schlachten der Zeit
bis in die letzte Konsequenz aus. Und das bedeutete: Wer die Herrschaft
des Mobs in Samt und Seide nicht zu akzeptieren vermochte, der fand
nur einen Ausweg, nämlich die Flucht in die mittelalterliche
Vergangenheit.
Die Romantiker, tatenlose geschlagene Kinder einer
tatenreichen Zeit, sehnten sich nach einer Heilung der Wunden, die
ihnen die Epoche zugefügt hatte. Die lindernde Salbe auf ihren
Verletzungen und die tröstlichen Heilumschläge, wer konnte
sie anders geben als die katholische Kirche, die noch jeden Weltmüden
zur Ruhe gebettet hat?
Kleist, dieser lebensschwache Kammerjunker, ist so
etwas wie der Romantiker der Romantiker gewesen. Die explosive Zerrissenheit,
die sein Leben wie sein Merk auszeichnet, trieb ihn zur Übersteigerung
all der Ansichten und Haltungen, die den Romantikern eigen waren,
und da er sie in der Praxis anzuwenden versuchte, zu ihrer Verneinung.
All seine Unternehmungen waren Fehlschläge, seine
Pläne wurden zu Wegweisern in den Mißerfolg, seine Erkenntnisse
zu Schlüssen ins nichts. Die Welt, die er zu kennen glaubte,
erwies sich jeden Augenblick anders und feindlicher, als er es sich
vorstellen konnte. So entdeckte er den Widerspruch, der jeder Sache
innewohnt, wenn er ihn auch nur negativ erlebte und ihn nur als
menschentötend beschreiben konnte. Aus dieser Ahnung, denn
es war mehr Ahnung als bewußte Einsicht, erwuchs das Interesse
für die Psychologie. Und dieses Interesse führte in der
Literatur zur Novelle.
„Die heilige Cecilie“, begonnen als Anekdote,
unternimmt am Abgrund der menschlichen Persönlichkeit den Sprung
in die Novelle. Es ist das ein Widerschein des Sprungs, der sich
zur selben Zeit in der Gesellschaft vollzog. Die einheitliche, wenn
auch gefesselte Persönlichkeit des Spätfeudalismus zerriß
beim Eintritt in den Kapitalismus in die Gestalten des Bourgeois
und Citoyen. Und diese Teilung ist der Gesellschaft eingeschrieben
bis zu ihrem Ende oder ihrer Umwandlung in eine andere Gesellschaft.
Kleist hat diese Spaltung noch nicht erkennen können, aber
er hat das literarische Instrumentarium entwickelt, mit dem die
späteren Schriftsteller sie ausgelotet haben.
Norbert Büttner
***
Harold Brodkey
Die flüchtige Seele
Roman. Deutsch von Angela Praesent. Rowohlt Verlag,
Reinbek 1995. 1343 Seiten, 14,90 €
Der Phallus ist kein Flaggenmast
Vor dem Hintergrund der dreißiger bis fünfziger Jahre
des XX. Jahrhunderts beschreibe der Autor die Kindheit seines alter
ego Wiley Silenowicz, verspricht der Klappentext. Abgekauft seinen
leiblichen Eltern, wächst der Protagonist nach dem Tod der
Mutter adoptiert auf. Sprachgehemmt. Verhaltensgestört. Ungeliebt
von Adoptivmutter Lila, Stiefvater S.L. und deren leiblichen Tochter
Nonie, nicht weniger verhaltensgestört, pathologisch eifersüchtig,
sadistisch, des Mordes an zweien ihrer leiblichen Brüder verdächtig.
Freilich verspricht der Klappentext noch einiges mehr, weckt Erwartung.
Unter anderem solche auf ein literarisches Meisterwerk zur Kartographie
einer oder gar mehrerer Seelen und ihrer Fluchtwege.
Von der Seele unseres Nächsten verstehen wir
so wenig, weil wir ständig mit der Pflege der eigenen beschäftigt
sind, ohne sie zu verstehen. Nichts anderes widerfährt dem
Autor hier. Nicht Seele flieht, sondern er weicht jeder Entscheidung
aus, welche Seele ihm abverlangt, begibt sich auf die Flucht, zieht
sich in intellektuelle Denkkategorien zurück, um nicht zugeben,
nicht anerkennen zu müssen, was ihn mit seinem Protagonisten
eint: Unentschiedenheit gegenüber jedwedem sexuellen Verhaltensmuster
zwischen Heterosexualität und Homophilie. Eine Lebensfalle,
in welcher der Autor selbst lebenslänglich be- und gefangen
bleibt. Nicht Widersprüchlichkeit menschlicher Wahrnehmung
und Identität, sondern Suche nach absoluter Lustbefriedigung,
verstanden als Wesen von Liebe, das Mißverständnis aus
Gleichsetzung von Sex und Liebe, Produkt der Lieblosigkeit, lassen
den Protagonisten nicht ankommen.
In stupender nachträglicher Selbstanalyse eigenen
Verhaltens in frühester Kindheit über Pubertät bis
ins Erwachsenenalter sucht Brodkey mit der Attitüde des Intellektuellen
nach Handlungsmotiven und Entscheidungsinhalten, ohne zu einer Entscheidung
zu gelangen. Letztlich dreht sich alles ausschließlich um
Sexualität und einem ihr narzißtisch anhängenden
Ich. Nebenbei und mühelos gelingt dem Autor als jüdischer
Zuwanderer noch vor der Shoa, darin seinem Protagonisten gleich,
der hier ausgebreiteten Sexualität in chauvinistischer Manier
das Sternenbanner anzuheften, sie in einen nationalistischen Kontext
zu zwängen. Angesichts auch heute noch rigider Sexualmoral
des Einwanderungslandes ein gewagtes, ein verfehltes Unterfangen.
Trefflich läßt sich darüber streiten,
ob zur Ausbreitung persönlicher sexueller Unentschiedenheit
und ihrer mal inzestuösen, dann homophilen, auch heterosexuellen
Spielarten ohne eigentlichen Gewinn persönlicher Zufriedenheit
Wortwahl und Textumfang gerechtfertigt sind. Unübersehbar begibt
sich der Autor auf die Suche nach Selbstvergewisserung. Ebenso unübersehbar
wird im Text Lieblosigkeit einer Familie, ihres sozialen Umfeldes,
Lieblosigkeit der Zu- und Einwanderungsgesellschaft deutlich. Lieblosigkeit,
die in krassem Widerspruch zur narzißtischen Suche nach ’erlösender’,
ultimativer Lustbefriedigung steht, zugleich mit ihr Hand in Hand
geht. An solcher Lieblosigkeit scheitern Selbstanalyse und Selbstvergewisserung,
bleiben im Klassendünkel und im Gestus des Einwanderungslandes
und demjenigen des gehobenen bis abgehobenen Harward-Stipendiaten
Brodkey hoffnungslos gefangen.
Wenn und wo ein Autor 1343 Buchseiten mit Wörtern
füllt, darf der Leser erwarten, die Wegbeschreibungen der einen
Seele, jener des Protagonisten, soweit notwendig auch diejenigen
der Mitflüchtenden, mögen ein präzise Skizze liefern.
Eben dies geschieht nicht! Nicht einmal bis zum Notausgang führt
der rote Faden. Über vage Selbstreflexion, die im Unbestimmbaren
versinkt, schwingt sich der Text nicht hinaus, bleibt kleben in
Unentschlossenheit des Protagonisten, in Zerrissenheit des Wiley
Silenowicz, welche mit derjenigen seines Geschichtenerzählers
identisch ist.
Kein Wunder, daß Harold Brodkey fast 30 Jahre
benötigt hat, diesen Text niederzulegen, letztlich Bilanz zu
ziehen. Kann da verwundern, daß manch Leser nach endloser
Lektüre ermattet aber unbefriedigt zurückbleibt, gar flüchtet?
Teja Bernardy
***
Lutz Höttler
Cote d’Ivoire
Geteiltes Land. Horlemann Verlag, 2007. 150 Seiten,
12,90 €
Der Bürgerkrieg in dem westafrikanischen Staat
Cote d’Ivoire ist nach dem militärischen Eingreifen Frankreichs
zugunsten des mutmaßlichen Wahlsiegers Alassane Ouattara und
der Inhaftierung des ehemaligen Präsidenten Laurent Gbagbo
aus den Schlagzeilen verschwunden. Offensichtlich hält der
Westen das Problem mit der Machtübernahme des als liberal und
pro-französisch geltenden gewesenen Rebellenchefs für
gelöst. Tatsächlich ist es mehr als wahrscheinlich, dass
der seit 1999 andauernde Bürgerkrieg jetzt lediglich für
eine Weile den Atem anhält.
In den westlichen Medien wurden die blutigen Auseinandersetzungen
meist auf Konflikte zwischen den etwa 60 Ethnien des erst 1960 gegründeten
Staates sowie auf die kulturellen Unterschiede zwischen dem islamisch
dominierten Norden und dem weitgehend christianisierten Süden
des Landes reduziert. Zahlreiche Informationen zu den tatsächlichen
Ursachen des Bürgerkrieges finden sich in dem 2007 erschienenen
Band “Cote d’Ivoire. Geteiltes Land” von Lutz
Höttler.
Der Autor, jahrelang als wirtschaftspolitischer Berater
in dem westafrikanischen Land tätig, sieht die Hauptursache
der Konflikte in den aus der Kolonialzeit überkommenen volkswirtschaftlichen
Disproportionen zwischen den verschiedenen Landesteilen und der
Unfähigkeit bisheriger Regierungen, die Kluft zwischen dem
entwickelten küstennahen Süden und dem unterentwickelten
Landesinneren zu überwinden.
Als Exporteur hauptsächlich von Kaffee und Kakao
galt Cote d’Ivoire lange Zeit als eines der reichsten Länder
Westafrikas; in dieser Zeit strömten Millionen Gastarbeiter
ins Land, um sich auf den Plantagen zu verdingen. In den 1990er
Jahren sorgte ein rapider Preisverfall dieser Exportgüter für
eine tiefe Wirtschaftskrise; das Land rutschte in die Schuldenfalle.
Es folgte die Ablösung der langjährigen Präsidialdiktatur
durch einen unblutigen Militärputsch im Jahre 1999 und die
Herausbildung einer Mehrparteienlandschaft. Diese politische Öffnung
erwies sich jedoch letztlich als fatal. Auswege aus der wirtschaftlichen
Misere boten die nun zugelassenen Parteien keine; es ging bei der
Herausbildung politischer Frontlinien lediglich um die Teilhabe
an den noch vorhandenen Resten gesellschaftlichen Reichtums. Den
Süden des Landes dominierende Gruppierungen propagierten krassen
Wohlstandschauvinismus und forderten eine Ausweisung sämtlicher
Migranten aus den Nachbarländern sowie die wirtschaftliche
und politische Ausgrenzung der den bettelarmen Norden bewohnenden
Ethnien. Gegen die Präsidentschaft Laurent Gbagbos formierten
sich daher im Norden mehrere Rebellenbewegungen; aus dem Bürgerkrieg
resultierte die Herausbildung einer Gewaltökonomie, dann der
vollständige wirtschaftliche Kollaps des Landes und die Vernichtung
großer Teile seiner natürlichen Ressourcen. Das Buch
endet im Jahre 2007 mit der faktischen Teilung des Staatsgebietes
in den von Rebellen beherrschten Norden und vom regierungstreuen
Militär gehaltenen Süden.
Höttlers in dem Buch etwas naiv geäußerte
Hoffnungen auf eine Versöhnung der verfeindeten Parteien unter
Vermittlung Frankreichs haben sich natürlich nicht bewahrheitet.
Um einen gesamtstaatlichen Einigungsprozess in Gang zu bringen,
bedarf es einer funktionierenden Wirtschaft, die das vom Bürgerkrieg
ausgeblutete Land jetzt einfach nicht mehr hat. Und auf nennenswerte
finanzielle Hilfen aus dem Westen wird auch die nun installierte
neue Regierung wohl vergeblich hoffen - die Wirtschaftskrise hat
längst Zentraleuropa und die gewesene Kolonialmacht Frankreich
erreicht.
Die nächsten Verteilungskämpfe in dem gequälten
Land sind daher vorprogrammiert. So lange, bis es absolut nichts
mehr zu verteilen gibt. Oder solange, bis niemand mehr da ist, der
den plündernden Horden ihr Diebesgut abkauft und sie dafür
mit Waffen versorgt.
Gerd Bedszent
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