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Katja Kipping
Ausverkauf der Politik
Für einen demokratischen Aufbruch.
Econ Verlag, Berlin 2009. 368 Seiten, 19,90 Euro
Reanimation statt Aufbruch
Worte sind schneller als Gedanken. Bevor wir den Inhalt
rezensieren, besprechen wir doch Titel und Untertitel. Kauf, Politik
und Demokratie, drei Schlüsselbegriffe werden hier genannt
und in Beziehung gesetzt. Verwendet werden sie als plakative Postulate.
Katja Kipping, 31 Jahre jung, Bundestagsabgeordnete und stellvertretende
Parteivorsitzende der Partei „Die Linke“, weist sich
sofort als eine Politikerin aus, die fest auf den Grundlagen des
bürgerlichen Systems und seiner Werte steht. Fürchten,
dass die Autorin eine verkappte Revolutionärin ist, braucht
sich niemand. Ihr geht es um das Obligate: Um Kaufkraft, Mittelstand,
Staatsbürger, Nachfrage, Bezahlbarkeit und immer wieder Gerechtigkeit.
„Die Linke versteht sich ausdrücklich als Partei der
sozialen Gerechtigkeit.“ Noch immer wärmt dieses flüchtige
Abstraktum die Seele der Menschen.
„Die junge Politikerin Katja Kipping unterzieht
die eigene Zunft einer kritischen Analyse und ruft zur Reanimation
der politischen Kultur“, heißt es im Werbefalter des
Verlags. Genau das versucht sie. Felsenfest glaubt sie an die Prämissen
ihrer Profession. Politik, so ihr Credo, dürfe sich nicht so
billig hergeben. Da sie ihr teuer ist, muss jene sich teuer verkaufen.
Die Politikerin versucht sich als Animationskünstlerin an einem
Organismus, den sie in keiner Weise hinterfragen möchte. Sie
identifiziert sich mit ihm, auch persönlich: „Zweifelsohne
kann Arbeit für viele Menschen Selbstverwirklichung bedeuten
- etwa für eine Bundestagsabgeordnete oder eine Journalistin…“,
schreibt sie. Dass da einmal mehr das Verwirklichte mit dem zu Verwirklichenden
verwechselt wird und sich Realismus nennt, sei unterstellt.
Schuld an der Misere der Politik sind jedenfalls die
Politiker, die politische Klasse habe „ihre eigene Glaubwürdigkeit
untergraben“, behauptet sie. Warum die Politik weltweit so
einfach kapituliert hat, wird hingegen nicht erklärt. Vielleicht
ist es ja tatsächlich so, dass Politik (polity, politics und
policy) sich nur noch ausverkaufen lässt, dass sie der Ramsch
ist, den die Leute in ihr vermuten, dass lediglich das kulturindustrielle
PR-Spektakel, sprich Event und Campaigning, sie am Leben erhält.
Dass hier ein letztes Angebot und Aufgebot steht, das von der Krise
der Form kündet und nicht von falscher Politik oder schlechten
Politikern. Während viele, wenn auch intuitiv, nicht mehr glauben
wollen, schlägt Kipping vor, einfach weiter zu glauben. „Dieser
Entwicklung dürfen wir nicht tatenlos zusehen“, so das
herzhafte Stoßgebet, das freilich schon die letzten Jahrzehnte
unerwünschte Resultate so gar nicht zu erschüttern vermochte.
Die Abwertung, die die Politik erfahren hat, sei eine
„Selbstabwertung“. Aufwerten ist also angesagt. Aber
wie soll das gehen? Wer soll das tragen? Und warum soll es funktionieren?
Hartnäckig hält sich das Vorurteil, der aktuelle Status
der Politik sei Folge politischer Fehlentscheidungen gewesen, die
man jederzeit durch selbstermächtigende Beschlüsse korrigieren
könne. Das nennt sich dann „andere Politik“ und
ist nicht nur ein Everred vieler Linker, sondern gerade dabei, wieder
Mainstream zu werden. Das gemeine Gerede von der „Allmacht
der Wirtschaft“ suggeriert andererseits, dass diese, worüber
sie verfügt, auch herrscht.
„Die politische Klasse führt einen Entmachtungsfeldzug
gegen sich selbst und gegen das demokratische System. Das Politische
wird zur Magd des Marktes.“ Doch war die Politik je jenseits
des Marktes? Schon allein, dass fast alle politischen Beschlüsse
im Medium des Geldes ausgedrückt werden, sollte zu denken geben.
Die Kostenfrage bildet stets den Fokus aller Politiken. Eine Volksabstimmung,
die die Löhne verdoppelt und die Preise halbiert, das halten
wohl zu Recht alle für ein Hirngespinst. Das heißt aber
zudem, dass Souveränität in der bürgerlichen Gesellschaft
nicht außerhalb ökonomischer Prämissen liegt. Sie
ist somit immer eine vorbestimmte und beschränkte.
Hilflos wirken in diesem Zusammenhang auch bildungspolitische
Stehsätze wie: „Statt die Kinder aufs Konkurrenzdenken
auszurichten, sollte Solidarität vermittelt werden“.
Indes, die ganze Gesellschaft ist auf Konkurrenz ausgerichtet. Das
kann man in Frage stellen (was die Verfasserin allerdings nicht
tut), die Schule aber zu kontrafaktischer Erziehung aufzurufen,
ist gelinde gesagt schräg. Wenn man positiv zum kommerziellen
Wettbewerb steht, ist es Pflicht, den Nachwuchs dementsprechend
zu wappnen.
Was für die Politik gilt, gilt Kipping natürlich
auch für die Demokratie: „Denn es gilt, die Demokratie
vor dem schleichenden Verfall zu retten. Sie muss wieder mit Leben
erfüllt werden.“ Wieder? Wann war die Demokratie je erfüllter?
In Adenauers Zeiten? In den Tagen Willy Brandts oder Helmut Kohls?
Irgendwie schrammt die Autorin am Wesentlichen vorbei, gerade weil
sie beharrlich und unentwegt mit dem Rosenkranz der Aufklärung
fuchtelt. Kriterium dieser Erbauung ist das Bekenntnis, nicht die
Erkenntnis. Der kritische Geist weicht den Gebeten, der „Andacht,
deren Innerlichkeit in der Hymne zugleich Dasein hat“, wie
Hegel es in seiner „Phänomenologie des Geistes“
ausdrückte.
Doch bedenken wir, dass vor allem Politiker der „Linken“
angehalten sind, permanent Geständnisse abzulegen, um überhaupt
satisfaktionsfähig zu sein. Das haben sie nicht nur internalisiert,
das betreiben sie ganz exzessiv, gelegentlich bis zur letzten analytischen
Peinlichkeit. Vor lauter Demokratietrunkenheit wird nicht ernsthaft
über Partizipation und Interesse, Legimitation und Organisation,
Bürokratie und Freiheit bzw. deren Grenzen und Möglichkeiten
gesprochen. Schlagwörter wie Transparenz werden nicht abgeklopft,
sondern aufpoliert. Auf dass sie glänzen.
Den vorgegebenen Rahmen der Demokratie oder genauer:
der Sozialdemokratie, den engen Raum verordneter Staatsbürgerkunde,
den verlässt Kipping nie. Der Kommunismus hat hier nicht Kreide
gefressen, er ist endgültig ad acta gelegt worden. Da mag die
Autorin noch so jung sein, was sie vorlegt, schaut ziemlich alt
aus. Und genau das ist in anderer Hinsicht auch zu fürchten.
Es ist nicht auszuschließen, dass solch Politikansatz, sofern
er nicht in den Zynismus kippt, früher oder später in
der Verhärmung endet.
Politik ist nicht nur farbenblind (inzwischen sind
lediglich Grautöne wahrnehmbar), Politik ist auch zusehends
betriebsblind geworden. Das Niveau hohler Phrasen, unverbindlicher
Stehsätze und polternder Ansagen ist dementsprechend entwickelt,
was meint, es wird reklametüchtig antrainiert. Und die Exponenten
nehmen dadurch keinen Schaden, weil das reklamesüchtige Publikum
wiederum nicht gewohnt ist, in qualitativen Unterschieden zu denken,
sondern bloß in Beliebigkeiten zu schwanken. Politiker haben
kaum noch Zeit und Raum für Reflexionen, sie sind vielmehr
permanent angehalten, unmittelbaren Stimmungen (Meinungsumfragen)
nachzugeben und entsprechende Sachzwänge umzusetzen. Sie sind
den Erfordernissen recht hilflos ausgeliefert, müssen aber
andauernd so tun, als hätten sie alles im Griff und auch im
Begriff.
Politiker schreiben Bücher nicht, weil sie etwas
zu sagen haben, sondern weil sie so tun müssen, als hätten
sie etwas zu sagen. Mag drinnen stehen, was will, ein Buch, das
ist ein intellektueller Ausweis. Gelingt es den Verlagen, die Wichtigkeit
einer Publikation zu suggerieren, entsprechende Rezensionen anzuleiern
und den Band gar auf Bahnhofskiosken zu platzieren, dann ist der
Erfolg garantiert. Politisch Unverdrossene greifen zu, lesen es
an und legen es ab. In ein bis zwei Jahren landet die Restauflage
dann in den Ramschabteilungen der Diskonter oder im Papiermüll.
Katja Kipping liefert keine Kritik des Kapitalismus,
sondern eine an den in ihm zu behebenden Missständen. Prototypisch
daher die Aussage: „Menschen brauchen ein Einkommen“.
Tatsächlich? Menschen benötigen gar vieles: zu essen,
zu trinken, zu kleiden, zu wohnen, zu reisen, aber Geld brauchen
sie nur dann, wenn der soziale Stoffwechsel über Kaufen und
Verkaufen erfolgt. Das ist kein Naturgesetz, sondern Ausdruck einer
bestimmten gesellschaftlichen Konstellation.
Das Buch liest sich manchmal wie ein Rechenschaftsbericht,
mit dem eine führende Parteipolitikerin ihre Existenz legitimiert.
Indes wirkt alles nach einer Pflichtübung einer gebildeten
Fachreferentin, die diese inklusive Fleißaufgaben vorbildlich
löst. In den Ausschüssen, in denen sie tätig ist,
wird sie wohl (so meine Vermutung) aufgrund ihrer Tüchtigkeit
sehr geschätzt. Immer wieder finden sich viele praktische und
vielleicht sogar unmittelbar praktizierbare Vorschläge, was
wir jedoch vergeblich suchen, ist eine Perspektive, die jenseits
des Hergebrachten Überlegungen anstellt. Das „klare Ja
zur Transformation“ ist eine leere Formel. Kein wirklich radikaler
Gedanke versteckt sich in den vielen Seiten. Von Aufbruch geschweige
denn Bruch keine Spur.
Doch brechen wir den Verriss hier ab, er hat auch
etwas Vermessenes und Strenges. Selbst wenn sich die Freude nie
richtig einstellen wollte, hat sich das Leid bei der Lektüre
in Grenzen gehalten. Selten ist das Buch langatmig, Konkretes und
Abstraktes stehen in guter Proportion. Viele Passagen sind in sich
schlüssig und solid argumentiert. Man könnte auch eine
ausgesprochen wohlwollende Besprechung abliefern, dann, wenn man
die von der Autorin ungewollte Immanenz aller Überlegungen
als Maßstab anerkennt. Beziehen wir die Publikation auf dieses
Metier der Politiker-Bücher, dann ist es dezidiert kein schlechtes.
Im Gegenteil: müsste ich hundert solcher Machwerke vergleichen
(was schon einer Bestrafung gliche), dann würde ich das gegenständliche
recht weit vorne reihen.
Engagement kann man der Frau in keiner Weise absprechen.
Sie ist fleißig, belesen, hat einiges zusammengetragen und
bringt oft interessante Details. Etwa, dass das im Vergleich frühere
Ableben der sozial schlechter Gestellten eine Subventionierung der
Renten der Wohlhabenderen darstellt. Es gehört ja zu den beständigsten
bürgerlichen Vorurteilen, dass die Reichen die Armen füttern
und nicht die Armen die Reichen. Positiv hervorheben könnte
man das Bekenntnis zur Lebenslust und ihre Kritik an der Arbeit,
auch an der „zur Schau getragenen Arbeitswut“ in der
eigenen Partei. Sympathisch wirkt weiters das Plädoyer für
die Langsamkeit, auch wenn gerade das Tempo keine Frage falscher
Beschlüsse mündiger Wesen ist, sondern Ausfluss ökonomischer
Zwänge.
Im hinteren Teil ist das Buch auch ein recht amüsantes
Protokoll zur Vereinigung von PDS und WASG. Weniger als an inhaltlichen
Differenzen drohte dieser Zusammenschluss an der Namensfrage oder
an der ohnehin unverbindlichen Höhe des Mitgliedsbeitrages
zu scheitern. Die Politikerin beschwert sich wohl zu Recht darüber,
dass die Frauen aus der Gründungsgeschichte der neuen Formation
„Die Linke“ gesäubert wurden, dass einige wenige
männliche Parteiführer (Lafontaine, Gysi, Bisky) „zu
Machern der Vereinigung hochstilisiert“ werden. Auch dass
man Frauen oft vorwirft, was man Männern kaum vorwirft, ist
zweifellos grotesk, aber zumeist nicht, weil man es den Frauen vorwirft,
sondern weil man es den Männern nicht vorwirft.
Franz Schandl
***
Christian Jakob / Friedrich Schorb
Soziale Säuberung
Wie New Orleans nach der Flut seine Unterschicht vertrieb.
Unrast Verlag, Münster 2008. 227 Seiten,
13,80 Euro
Die Bilder gingen um die Welt, als im August 2005
der Hurrikan „Katrina“ über New Orleans hereinbrach,
kurz darauf die Dämme brachen und der größte Teil
des Stadtgebietes überflutet wurde. Es folgten Debatten, ob
diese Naturkatastrophe aus dem Klimawandel resultiere und warum
die US-Behörden angesichts der katastrophalen Zustände
im Überflutungsgebiet tagelang untätig geblieben waren.
Christian Jakob und Friedrich Schorb wenden sich mit
ihrem Buch „Soziale Säuberung“ den von der Katastrophe
unmittelbar Betroffenen zu. Die Autoren haben vor Ort umfänglich
recherchiert, Statistiken ausgewertet, Presserecherchen betrieben,
zahlreiche Zeitzeugen interviewt - also die sozialen Folgen der
Katastrophe detailliert untersucht. Das Fazit ihrer Untersuchung
ist eindeutig: Von der Flut waren die ärmeren Bevölkerungsteile
überproportional stark betroffen. Getreu dem Motto „Beseitige
die Armen und du beseitigst die Armut“ wurde die Katastrophe
von den zuständigen Behörden gnadenlos dazu ausgenutzt,
die Stadt von unerwünschten Bevölkerungsgruppen zu säubern.
Die Autoren weisen statistisch nach, daß die
zumeist schwarze Stadtarmut mehrheitlich in Wohnvierteln unterhalb
des Normalwasserspiegels wohnte, die als erste überflutet wurden.
Außerdem verfügten Angehörige der Stadtarmut größtenteils
nicht über die finanziellen Mittel, die es ermöglichten,
vor der Flut aus der Stadt zu flüchten.
Wie im Buch weiter nachgewiesen, trat soziale Ausgrenzung,
gepaart mit Rassismus gerade während und unmittelbar nach der
Katastrophe unverhüllt zutage. Die Autoren dokumentieren Beispiele,
in denen bewaffnete Angehörige der wohlhabenden weißen
Mittelschicht schwarzen Flüchtlingen den Zugang zu ihren höher
gelegenen Wohngebieten verwehrten. Schätzungen von Bürgerrechtlern
besagen, daß von den 1.800 Katrina-Toten mehrere Hundert tatsächlich
Opfer der Nationalgarde oder schießwütiger weißer
Bürgermilizen waren. Diesbezügliche Ermittlungen unterblieben
- alle Leichen wurden ohne jede Untersuchung in Massengräbern
verscharrt.
Nach der Evakuierung zurückkehrenden Flutopfern
wurde in vielen Fällen von privaten Wachdiensten der Wiedereinzug
in ihre Quartiere verwehrt. Die lokale Wohnungsbehörde hatte
die Abwesenheit der Bewohner ausgenutzt, um ein offenbar von langer
Hang geplantes Programm der Privatisierung der städtischen
Infrastruktur umzusetzen. Fast alle Wohnblöcke des sozialen
Wohnungsbaus - unabhängig vom Grad ihrer katastrophenbedingten
Schäden - fielen in den Monaten nach der Flut der Abrissbirne
zum Opfer; die betreffenden Grundstücke gingen an private Entwicklungsgesellschaften.
Die Autoren zitieren Kritiker, die die Stadtsanierung als eine „riesige
Profitmaschine für private Immobilienfirmen“ bezeichnen.
Wie im Buch dokumentiert, war nicht nur der Wohnungsmarkt
von dem neoliberalen Umstrukturierungsprogramm betroffen: Auch die
öffentlichen Schulen blieben zum großen Teil geschlossen;
die Mittel für den Wiederaufbau gingen an neugegründete
Privatschulen. Ein Großteil der gewerkschaftlich organisierten
Lehrer verlor so ihren Job. Die Stadtverwaltung wurde insgesamt
„verschlankt“: Nach der Flut entließ man 3.000
kommunale Angestellte und beauftragte mit deren bisherigen Aufgaben
private Beraterfirmen - bezahlt aus Hilfsgeldern, die eigentlich
für die Katastrophenopfern bestimmt waren.
Die Autoren zitieren zustimmend die kanadische Globalisierungskritikerin
Naomi Klein, daß der „fundamentalistische Kapitalismus“
für die Umsetzung seiner Programmatik „Krisen und Katastrophen“
benötige. Auf der Gegenseite findet man in dem Buch den republikanischen
Kongressabgeordneten Richard H. Baker zitiert: „Wir haben
endlich mit den Sozialbauten in New Orleans aufgeräumt. Wir
selbst haben das nicht geschafft, aber Gott hat es getan.“
Mittlerweile gehen seriöse Klimaforscher ausnahmslos
davon aus, daß sich Wirbelstürme und ähnliche Naturkatastrophen
in den nächsten Jahrzehnten häufen werden. Der von Christian
Jakob und Friedrich Schorb ausführlich dokumentierte „Fall
New Orleans“ ist ein Paradebeispiel dafür, was wir zukünftig
vom neoliberalen Etablishment noch zu erwarten haben. Oder von Gott.
Gerd Bedszent
***
Hans Eideneier
Ärmellos in Griechenland
Griechisch-Deutsche Sprachfindigkeiten.
Romiosini Verlag und Verlag der Griechenland
Zeitung, Köln 2009. 254 Seiten, 19,80 Euro
Die Klippen, die sich der Kommunikation mit Griechen
in den Weg stellen, hilft jetzt der Kölner Byzantinist Hans
Eideneier zu umschiffen. Das fängt schon damit an, dass Griechen
eigentlich gar nicht Griechen, sondern Hellenen zu nennen sind.
Seit ein paar Jahren steht an der Griechischen Botschaft in Berlin
„Botschaft der Hellenischen Republik“. Es dürfte
allerdings noch ein Weilchen dauern, bis sich überall Hellene
gegen Grieche durchgesetzt haben wird, befindet unser hochgelehrtes
Haus. Wenn nun dessen schwäbischer Name auf Griechisch (bzw.
auf Hellenisch) wiedergegeben wird, nicht buchstabengetreu (orthographisch),
sondern korrekterweise lautlich (orthophonisch), so käme bei
der Rückübertragung ins Hochdeutsche auf wundersame Weise
Enteneier heraus. Wer zu solcherart Selbstverhohnepiepelung fähig
ist, beweist, dass er mit dieser vertrackten Materie nicht nur hemdsärmelig,
sondern (s. oben) spielerisch-leicht umzugehen versteht. Und da
Kostas Mitropulos, der Oberhäuptling hellenischer Geloiografen
(Spaßzeichner, d.h. Karikaturisten), diesem Büchlein
obendrein seine witzigen Bilderfindungen hinzugegeben hat, sind
diese locker aneinander gereihten Sprachfindigkeiten sogar eine
vergnügliche Lektüre. Für sie gilt das Diktum Alfred
Hitchcocks, wonach der nichts begriffen hat, der nicht die heitere
Seite der Dinge sieht. Dennoch bleibt dabei ein ernst zu nehmender
therapeutischer Effekt erhalten. Es stellt sich heraus, dass Wortfindungs-
und - im Griechischen noch vermehrt - Verstehensschwierigkeiten
weniger vom eigenen Alzheimer (wie hieß der doch gleich mit
Vornamen?), sondern zuvörderst von der Sache selber herrühren.
Der ist jedoch beizukommen.
Seit jeher haben griechische Wörter im Deutschen
Konjunktur, manchen sieht man ihre Herkunft längst nicht mehr
an, z.B. Kirche. Die lassen wir aber im Dorf und halten uns auch
nicht länger bei den Wortschöpfungen auf, die Franz Dornseiff,
mein Lehrer an der Leipziger Uni, als gräkoides Esperanto bezeichnet
hat, wie z.B. Polizei, Brille, Bombe, Uhr, Zirkus. Umgekehrt haben
es die Griechen da leichter. Bei ihnen ist die Zahl der Fremdwörter
im Vergleich zu anderen europäischen Sprachen äußerst
gering. Die nach altgriechischen Wortstämmen künstlich
gebildeten Begriffe in den Bereichen der Technik und Naturwissenschaften
finden mühelos ins Neugriechische zurück. Es zeichnet
die Mittelmeerländer ohnehin aus, den offenen Gesellschaften
zuzugehören, wo Mehrsprachigkeit von altersher ausgeprägt
ist. Also lassen sich im Griechischen sogar türkische Wörter
ausfindig machen, was nun beileibe nicht als Eideneiersche Spitzfindigkeit
anzusehen ist. Sehr von Belang sind seine Erläuterungen zu
den griechischen Namensformen. Da weniger der Geburtstag, sondern
eher der Namenstag gefeiert wird, könnte man auf einen Blick
in den Kalender angewiesen sein, um heraus zu bekommen, wann dort
wer dran ist. Einen Mikis beispielsweise findet man da nämlich
nicht verzeichnet. Warum? Weil der Heilige für diesen Tag mit
vollem Namen, wie sicherlich auch nicht gleich jeder weiß,
Dimitrios heißt. - Beschränken wir uns auf diese Kostehäppchen.
Und verstehen wir dieses Büchlein als Aufforderung, der Fraktion
beizutreten, die interkulturelle Kommunikation voran zu bringen
gewillt ist.
Horst Möller
***
Sabine Schiffer / Constantin Wagner
Antisemitismus und Islamophobie
Ein Vergleich.
HWK-Verlag
In der Debatte um die Vergleichbarkeit des Judenhasses
mit der Feindseligkeit gegenüber Muslimen legen Dr. Sabine
Schiffer, Leiterin des Instituts für Medienverantwortung, sowie
der Soziologe und Religionswissenschaftler Constantin Wagner mit
ihrem Buch „Antisemitismus und Islamophobie“ (HWK-Verlag)
eine tiefschürfende Analyse vor. Dabei weisen sie von Anfang
an darauf hin, dass es natürlich um keine Gleichsetzung der
Diskriminierung von Juden während des Dritten Reiches und der
Diskriminierung von Muslimen im Deutschland der Gegenwart gehen
kann, wie immer wieder vor allem von jenen unterstellt wird, die
eine Debatte offenbar von Anfang an unterbinden möchten. Stattdessen
hat ein jahrhundertealter, wegbereitender Diskurs das Denken überhaupt
erst möglich gemacht, auf dem die Greuel des Nationalsozialismus
entstehen konnten. „Die Behauptung, dass Juden absolut schädlich
seien, war von Theologen, Spinnern, Philosophen und Demagogen so
oft wiederholt worden, dass sie schließlich von Revolutionären
internalisiert worden war, die entschlossen waren, entsprechend
zu handeln“ zitieren die Autoren hierzu ein Werk des Sozialhistorikers
Jacob Katz.
In Schiffers und Wagners Darlegungen wird schnell
klar, dass die verschiedenen Gewalttaten, die in der Geschichte
gegen andere Menschen begangen wurden (ob Kreuzzüge, Kolonialismus,
Sklaverei oder Völkermord) grundsätzlich mit zwei Strategien
rechtfertigt werden. Die eine ist die Vorstellung von einer Minderwertigkeit
des Gegenübers, dem man „helfen“ müsse, seine
Interessen wahrzunehmen - wobei man als Überlegener natürlich
besser weiß, wo diese Interessen gefälligst liegen sollten
als der Betroffene selbst. Historisch wird man hier an „the
white man’s burden“ des Kolonialismus denken, etwa nach
dem Motto: Wir armen Weißen müssen leider die Last schultern,
die unselbständigen Schwarzen zu ordentlichen Menschen zu erziehen.
Was Islamophobie angeht, findet sich diese Strategie vor allem bei
der extremen Linken von den Antideutschen (konkret, Lizas Welt etc.)
bis zum Alice-Schwarzer-Feminismus („auch wenn du dummes Ding
meinst, freiwillig ein Kopftuch zu tragen, wirst du dadurch in Wirklichkeit
unterdrückt“). Die zweite Strategie entwächst aus
dem Verteidigungsmythos. Hier richtet man seine Aggressionen gegen
den anderen, weil man sich vor ihm vermeintlich schützen muss
- ein Denken, das viele Kriege ebenso möglich machte wie den
Holocaust. Diese Strategie wird gegenwärtig vor allem von rechts
vertreten: also etwa von Henryk Broder und seiner „Achse des
Guten“, der Jungen Freiheit, Pro Köln, Politically Incorrect
und so weiter. Natürlich lässt sich inzwischen sehr darüber
streiten, ob man auch „konkret“, Lizas Welt, Alice Schwarzer
und Co. noch als links bezeichnen kann. (Diese Unterteilung wurde
im übrigen vom Rezensenten vorgenommen und findet sich nicht
in Schiffers/Wagners Buch selbst.)
Hieran schließt Schiffers Analyse des antisemitischen
Denkens an, deren Vertreter sich tatsächlich als defensive
Bewegung sahen (und sehen), ähnlich wie die Islamophoben heute.
So wurde unter anderem 1883 im Chemnitzer Aufruf vor der „Jüdischen
Gefahr“ gewarnt, und Chamberlain legitimierte die rechtliche
Schlechterstellung der Juden damit, dass man sich vor ihnen „schützen“
müsse. Vermeintliche Beweise gab es genug: „Hatten nicht
mehrheitlich jüdische Attentäter 1881 Zar Alexander ermordet?
War der Mörder des US-Präsidenten McKinley 1898 nicht
ein jüdischer Anarchist? Steckten nicht vielleicht doch hinter
weiteren Terrorakten, die die Welt in dieser Zeit in regelmäßigen
Abständen erschütterten, jüdische Täter, etwa
beim Mord an der österreichischen Kaiserin 1898 oder am italienischen
König 1900?“ Ritualmordvorwürfe sorgten ebenso für
Aufsehen wie die Dreyfus-Affäre, der Rauschgifthandel war angeblich
vor allem in jüdischer Hand und etliche Ideengeber der Umbruchstimmung
(Marx, Lassalle etc.) waren Juden. Hätte es damals schon das
Internet gegeben, man hätte die schönsten Hassblogs mit
solchen Halbwahrheiten und als Tatsachen präsentierten Spekulationen
füllen können.
In der Wahrnehmung der Mehrheitsbevölkerung fanden
juristische Auseinandersetzungen zur damaligen Jahrhundertwende
vor allem zwischen Juden und Nichtuden statt, während die Juden
selbst zusammenzuhalten schienen, wie das bei Minderheiten nun einmal
häufig vorkommt. Das führte indes zu Vorwürfen wie
jenem, die Juden würden einen „Staat im Staate“
bilden - heute würde man mit dem Blick auf Muslime von „Parallelgesellschaften“
sprechen. Und schon damals konnte es die religiöse Minderheit
der Mehrheit nicht recht machen: Versuchten ihre Mitglieder, ihre
Kultur zu bewahren, wurden sie als integrationsverweigernd dargestellt,
wollten sie sich hingegen assimilieren, beschuldigte man sie der
Verstellung und des Parasitentums. Ähnlich wie heute den Muslimen
warf man schon damals dem Judentum eine Unvereinbarkeit mit der
Moderne vor. Das Religiöse wurde als grundsätzlich verdächtig
und als Bedrohung einer liberalen Gesellschaft gesehen - in einer
„aufgeklärten“ Welt schien es dafür keinen
Platz mehr zu geben. Und obwohl der Anteil der Juden an der Gesamtbevölkerung
damals ebenso im niedrigen einstelligen Prozentbereich rangierte,
wie dies heute bei den Muslimen der Fall ist, galten sie als gefährliche
Fremdkörper, die die Mehrheit bedrohten. Begierig wurden Passagen
aus der Heiligen Schrift der Juden gerissen („Die Fremden
magst du überwuchern, deinesgleichen nicht“), um damit
die Gefahr zu belegen, die angeblich von dieser Minderheit ausging.
Einzelne Autoren spezialisierten sich sogar geradewegs dazu, das
Alte Testament, die Gesetzeswerke Hachalot sowie philosophische
Bücher und Morallehren des Judentums selektiv nach Zitaten
auszuschlachten, mit denen man den Juden irgendwas ans Zeug flicken
konnte. Dasselbe Spiel spielt man heute mit Zitaten aus dem Koran.
Und schließlich äußerte sich das allgemeine Misstrauen
in Forderungen nach einer Untersuchung der Torahschulen und deren
Lehrbücher sowie nach Predigten in deutscher Sprache. Von der
Mehrheitsgesellschaft gerne gehört wurden indes jene, die persönlichen
Nutzen daraus zogen, als (ehemalige) Juden das „Jüdische“
abzulehnen. Auch hier liegen die Parallelen zu den Medienlieblingen
der Gegenwart auf der Hand. Der „Zentralrat der Ex-Muslime“
etwa konnte sich eines begeisterten journalistischen Interesses
sicher sein, wie es einem „Zentralrat der Ex-Christen“
niemals gegolten hätte.
Wie Schiffer/Wagner in einem eigenen Kapitel (und
an anderen Stellen des Buches) zutreffend ausführen, ist der
Antisemitismus auch gegenwärtig noch nicht völlig überwunden.
Als erstes Beispiel führen die Autoren hier jene Form von Israelkritik
an, die weniger mit Interesse an den Menschenrechten der Palästinenser
zu tun hat als mit bedenklichen Motiven - etwa wenn Praktiken in
Israel fahrlässig und augenscheinlich vor allem zur Entlastung
der eigenen Geschichte mit Praktiken im Dritten Reich verglichen
werden. In diesem Zusammenhang räumen die Autoren aber auch
ein, dass die Debatte etwas arg irre wird, wenn etwa ein Henryk
Broder solche Vergleiche einerseits tabuisieren möchte, weil
sie eine Verharmlosung des Nationalsozialismus darstellten, andererseits
aber beständig selbst mit Nazi-Vergleichen um sich schlägt
- egal ob er diese gegen einzelne Autoren richtet oder gegen Staaten
wie den Iran: „Gerade Protagonisten wie Broder verlangen nichts
anderes, als Israel zur einzigen Ausnahme in der Welt zu erklären:
Israel wäre demnach das einzige Land, auf den ein Nazi-Vergleich
nicht angewandt werden darf.“ Mit dieser Markierung durch
eine Sonderstellung werde antisemitischem Denken ebenfalls Vorschub
geleistet.
Als zweites Beispiel für antisemitische Versatzstücke
in der Gegenwart führen Schiffer und Wagner Udo Ulfkottes Reißer
„Gencode J“ an: „In diesem Roman konstruiert der
Autor eine als Fiktion getarnte antisemitische Verschwörungstheorie
ohnegleichen. Er beschreibt Machenschaften des Mossad sowohl in
Nahost als auch in Europa, die nahe legen, dass die wirkliche Politik
hinter den Kulissen der öffentlich werdenden Debatten gemacht
wird - nämlich in Israel. Während der Mossad-Agent Abraham
Meir sowohl innerhalb des Dienstes als auch nach seiner unehrenhaften
Entlassung die Fäden einer Verschwörung zieht, wird diese
gezielt Osama bin Laden und einem islamistischen Netzwerk in die
Schuhe geschoben. Die Weltöffentlichkeit glaubts. Und während
sie sich durch falsch gestreute ‘Informationen’ hinters
Licht führen lässt, verfolgt Meir - seinem religiösen
Wahn vom heiligen jüdischen Land erlegen - die Verseuchung
der Erde mit Pesterregern, die in israelischen Labors gentechnisch
so manipuliert worden seien, dass sie die Mitglieder des jüdischen
Priestergeschlechts Kohanim verschonen sollen.“
Schiffer und Wagner merken hier zu Recht an, dass
Personen und Gruppen, die sonst auch vor den verstiegensten Unterstellungen
von Antisemitismus nicht zurückschrecken (Henryk Broder und
seine „Achse des Guten“, Lizas Welt und die Lobbygruppe
Honestly Concerned wären hier beispielhaft zu nennen), Ulfkottes
Machwerk in trauter Einigkeit übergehen. Der Gedanke liegt
nahe, dass dies nicht zuletzt daran liegt, dass Ulfkotte in seinen
neueren, nicht weniger reißerischen „Sachbüchern“
dieselbe Gruppe als Zielscheibe wählt, die auch von Broder
und Co. ins Kreuzfeuer genommen werden: die Muslime.
War in den bisherigen Kapiteln die Islamophobie der
Gegenwart nur implizit und gespiegelt im Antisemitismus der Vergangenheit
Thema, kommen Schiffer und Wagner nun direkt darauf zu sprechen.
So wie damals die Ängste vor den Juden vor dem Hintergrund
politischer und wirtschaftlicher Unsicherheiten entstanden, ist
es heute offenbar die Globalisierung, die zu ähnlich bizarren
Befürchtungen führt. Schiffer liefert einen groben Abriss
der islamophoben Szene zwischen Internetportalen, obskuren Bürgerinitiativen
und antimuslismischen Karikaturen wie etwa jenen Götz Wiedenroths.
Es gibt wohl nichts Neues unter der Sonne: Webblogs wie Politically
Incorrect und die von Udo Ulfkotte betriebene Website akte-islam.de
erinnern die Autoren in ihren endlosen Auflistungen von muslimischen
Taten an die Sammlung „jüdischen Vergehens“, die
Hans Diebow 1938 für die Ausstellung „Der ewige Jude“
herausgab und die auf über 100 Seiten die Weltverschwörungsabsichten
der Juden beweisen sollte - natürlich jeweils garniert mit
Zitaten aus der Torah: „Aus jeder Zeit und von jedem Ort der
Welt wird alles, was Juden diffamieren könnte, in einem Sammelsurium
zusammengestellt. Dabei wird eie direkte Linie zwischen Beobachtungen
aus dem Ghetto im Osten, jüdischen Viehändlern in Deutschland
bis hin zu Geschäftsleuten aus den USA gezogen.“ Das
ist natürlich dasselbe Prinzip, nach dem sich Politically Incorrect,
Akte-Islam und ihre vielen Epigonen ausrichten.
Nicht nur die sprachlichen Parallelen sind offensichtlich
- so wie heute die „Musel“ verspottet werden, machte
man sich damals über die „Wollschädel“ lustig
- auch die eifernden Prediger fanden sich schon damals: „Der
Gott Jehowa (= Jahwe) hat mit der deutschen Religionsauffassung
nicht das mindeste zu tun. Jahwe ist der Stammesgott der Juden und
sonst nichts. Alle anderen Völker will er ausrotten oder wenigstens
schädigen.“ Man lese im Kommentarbereich von Politically
Incorrect die geradezu geifernden Beiträge gegen den „armseligen
Wüstendämon Allah“ und findet dort dieselben Zeichen
religiösen Wahns, der sich an dem Motto „Mein Gott ist
viel stärker als deiner“ orientiert. Auch zu der von
Ulfkotte & Co. gestreuten Behauptung, Muslime würden in
Metzgereien auf das angebotene Schweinefleisch spucken, findet sich
eine Parallele aus dem Jahr 1901 - nur dass es damals hieß,
Schweinefleisch sei von Juden mit Urin beschmutzt worden. Und wenn
auf „Akte Islam“ verbreitet werde, dass ein Moslem dazu
aufgerufen habe, „das Blut der Ungläubigen zu trinken“,
erinnere das an Ritualmordvorwürfe, die in früheren Zeiten
gegen die Juden gerichtet wurden.
Gründlich analysieren Schiffer und Wagner die
Sprache, die auf Websites wie Politically Incorrect gang und gäbe
ist und mit welcher der Islam im Zusammenhang mit Wörtern wie
„Krebsgeschwür“ und „Ansteckungsgefahr“
genannt wird, geradezu inflationär aber auch mit dem Nationalsozialismus
und dem Faschismus gleichgesetzt wird. Beides sorge dafür,
dass dem Islam und den Muslimen jegliche Existenzberechtigung abgesprochen
werde. Und wenn früher Saddam Hussein und heute Ahmadinedschad
der „neue Hitler“ sei, ermögliche diese Dämonisierung
offenbar die Propaganda für einen Angriffskrieg und damit die
diskursive Ausschaltung des Völkerrechts. Wo hingegen bei Diffamierungen
anderer Gruppen (Antisemitismus, phänotypischer Rassismus)
beherzt eingegriffen wird, gilt die kollektive Diffamierung von
Muslimen als „freie Meinungsäußerung“. Inzwischen
müsse sich die Verteidiger der Minderheiten für ihr „Gutmenschentum“
rechtfertigen.
Eine besonders unrühmliche Rolle spielt bei solchen
Manövern - hier ist den Autoren klar zuzustimmen - einmal mehr
Henryk Broder. Wenn dessen Warnungen vor einer „Islamisierung“
und der „Lust am Einknicken“ sowie seine Kriegspropaganda
berauschte Würdigungen von Journalisten erhalten, dann wirft
dies, wie Wagner und Schiffer ausführen, in der Tat ein bezeichnendes
Licht auf den intellektuellen Zustand der Republik - oder zumindest
auf den Zustand unserer Medien: Die Republik insgesamt dürfte
von Broders Verstiegenheiten eher entnervt sein, während vor
allem seine Kollegen ganz ergriffen von seinem Gegifte auf den Knieen
liegen. Schiffer führt zu dieser irritierenden Reaktion auf
Broders Hetze aus: „Auch die Übernahme antisemitischer
Motive und Topoi in den antiislamischen Diskurs sowie seine Nazi-Verbalia
werden damit für legitim und mehrheitsfähig erklärt.
So auch anlässlich des siebzigsten Jahrestages der Reichspogromnacht
am 9. November 2008 in Nürnberg, wo er stehende Ovationen dafür
erhält, dass er es den Menschen erlaubt, wieder jemanden zu
hassen“. Während der Antisemitismus heute im Bildungsbürgertum
verpönt ist, war er das im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts
keineswegs, sondern erhielt von Ingenieuren, Lehrern und anderen
Akademikern ebenso starken Aufwind, wie dies heute bei der Islamophobie
geschieht. Gegenwärtig vereint die Anti-Islam-Haltung die widersprüchlichsten
politischen Ausrichtungen: so etwa Neoliberale, Feministinnen, christliche
Fundamentalisten, Humanisten, Rechtsextreme und Antideutsche. Nirgends
ist man sich so einig wie im gemeinsam ausgemachten Feind.
Mit einem Kapitel über die Darstellung des Islams
in den Medien baut Sabine Schiffer auf ihrem sehr gelungenen Buch
über speziell dieses Thema auf. Dabei fällt auf, wie manipulativ
Journalisten wieder und wieder Terrorakte und Religion insbesondere
auf Bildebene miteinander verknüpfen, so als sei beides wechselseitig
bedingt. Als eines von vielen Beispielen analysieren die Autoren
eine suggestive Reportage Esther Schapiras über den Mord an
Theo van Gogh: „Der Beitrag (…) beginnt mit einer Koranrezitation,
dem Blick in eine Moschee und auf ein Wandbild von Mekka. (…)
Damit wird der Mord nicht mehr dem einzelnen Täter, der Muslim
ist, sondern allen Muslimen zugeordnet.“ (Broder geht in seinen
Büchern auf ähnliche Weise vor). Wir als Zuschauer sind
an solche Collagen auch aus Zeitschriften bereits so gewöhnt,
dass wir sie kaum noch hinterfragen. Um unsere Wahrnehmung zu schärfen
und uns aufzurütteln, entwirft Schiffer eine Analogie: „Wir
stellen uns vor, ein Bericht über den Einsatz israelischen
Militärs im Gaza-Streifen begänne mit dem Blick auf eine
Synagoge - vielleicht einen Einblick in einen Gottesdienst - und
schweift dann über die Menorah einer Schabbat-Feier hinweg
hinüber zu einem Kippa-tragenden Vorbeter mit Gebetsschal und
Schläfenlocken. Diese Praxis würde die Aktivitäten
israelischer Militärs als ‘jüdisch’ markieren“
- und wäre als antisemitische Propaganda sofort erkennbar.
Eine vergleichbare Darstellung des Islams wird von den meisten Rezipienten
nicht einmal mehr hinterfragt.
Insofern, so die Autoren, bilde „der antiislamische
Propaganda-Film FITNA von Geert Wilders (…) nur einen kleinen
Höhepunkt in der langen Tradition des Zusammenschnitts“.
Fast sei es zu bedauern, dass der NS-Propagandafilm „Der ewige
Jude“ für die Öffentlichkeit unter Verschluss liege,
da hier die Parallelen zu FITNA deutlich zu erkennen seien. Dementsprechend
wies die niederländische Gruppe „Eine andere jüdische
Stimme“ um Harry de Winter zu Recht darauf hin, dass Wilders
Film sofort geächtet würde, wenn man „Moslem“
durch „Jude“ ersetzen würde: „Ein Demonstrant,
der das auf einem Plakat umgesetzt hatte, wurde auch verhaftet.
Diese Gegenprobe zeige das Messen mit zweierlei Maß in Bezug
auf die Diffamierung von Juden und Muslimen deutlich - ebenso deutlich
wie etwa Henryk Broder, wenn er einerseits nach dem Schema „Antisemitismus
ankreiden und überall wittern“ verfahre und daraufhin
eben mit den angeprangerten Mitteln der Diffamierung über Muslime
und den Islam herziehe. Und auch ein Ralph Giordano spiele inzwischen
„eine fast tragische Rolle, weil er gegen den Moscheenbau
mit ähnlichen Argumenten zu Felde zieht, wie 100 Jahre zuvor
die Judenhasser gegen den Synagogenbau“. Wobei unsere Medien
es selbstverständlich sofort zur Schlagzeile machen, wenn Giordano
von Muslimen oder wem auch immer Morddrohungen erhält, aber
Morddrohungen aus dem Umfeld von Giordanos Verbündeten, dem
Blog Politically Incorrect, etwa gegen politischkorrekt.info (inzwischen
„Politblogger“) keine Schlagzeile wert sind. Morddrohungen
scheinen nur dann medial interessant zu sein, wenn derjenige, der
sie äußert, behauptet, Moslem zu sein.
Hier gelangt die Analyse Wagners und Schiffers an
einen besonders interessanten Punkt. Es fällt schon auf, dass
Broder und Giordano beides Juden sind. Interessant ist hierbei,
dass die deutschen Medien aus der gesamten Menge an „Islamkritikern“
aktuell eben nicht Raddatz, Ulfkotte oder irgendjemand anderen als
Kronzeugen für die Islamisierungsgefahr herausgegriffen und
zu Stars gemacht haben, sondern eben Broder und Giordano. Naheliegend
ist es, dahinter den zynischen Wunsch vieler Journalisten zu vermuten,
politisch korrekt und fremdenfeindlich zugleich sein zu können,
etwa nach dem Motto: „Hey Leute, die Juden haben gesagt, wir
dürfen jetzt wieder auf Minderheiten losgehen!“ Schiffer
und Wagner hingegen sehen in dieser Besetzung (und anscheinend auch
durch das Platzieren von Themen wie „muslimischer Antisemitismus“)
den Versuch, Juden und Muslime medial gegeneinander aufzuwiegeln
und im Zuschauer hier das Bild einer unausweichlichen Konfrontation
zu verankern. Schiffer und Wagner zufolge „arbeitet die Konfrontationsstellung
zwischen Juden und Muslimen bestimmten geostrategischen Interessen
zu. Einigen Betroffenen ist es gelungen, dies zu durchschauen und
zu durchbrechen.“
Im folgenden Kapitel präsentieren Schiffer und
Wagner genau diese Gruppen, Projekte und Einzelpersonen, die die
anscheinend gewollte Konfrontationsstellung bewusst durchbrechen
und infolgedessen in den Medien, wenn sie überhaupt erwähnt
werden, sehr viel weniger Aufmerksamkeit erhalten als Broder und
Giordano. Dabei handelt es sich beispielsweise um Organisationen
wie Schalom 5767, die Jüdische Stimme für gerechten Frieden
in Nahost, die European Jews for a Just Peace, der Berliner Arbeitskreis
Nahost, die jüdisch-palästinensische Dialoggruppe, das
Projekt Opfer treffen Opfer, die Jewish Voice for Peace, die Jüdisch-Islamische
Gesellschaft in Deutschland, das Abrahamische Forum Deutschland,
das Jugendtheater Grenzenlos, der Türkisch-Jüdische Runde
Tisch, der jüdisch-muslimische Seniorenkreis, die Sarah-Hagar-Initiative,
die Kreuzberger Initiative gegen Antisemitismus, die Jewish Contribution
to an Inclusive Europe - man könnte damit eine ganze Blogroll
füllen. Und gleich danach könnte man weitermachen mit
all den Einzelpersonen, die sich gegen den ständig heraufbeschworenen
„Kampf der Kulturen“ engagieren, so etwa Alfred Grosser,
John Bunzl, Norman Finkelstein, Shraga Elam, Ian Kershaw, Micha
Brumlik, Rolf Verleger, Evelyn Hecht-Galinski und viele mehr - mit
anderen Worten die gesamte Hassliste von Henryk Broder und Co. In
die Schlagzeilen und die Talkshows schaffen es hingegen Themen und
Personen wie zum Beispiel eben Hendryk Broder und die palästinensische
Hamas. Wird ausnahmsweise einmal über die Gründung einer
Gruppe wie der Jüdisch-Islamischen Gesellschaft im März
2008 berichtet, die von jüdischen, muslimischen und christlichen
Vertretern viel Lob erhielt, wobei es aber mit dem Leiter einer
Israelitischen Kultusgemeinde in Süddeutschland eine einzige
Gegenstimme gab, titelte die „Süddeutsche Zeitung“
prompt „Juden gegen Islam-Projekt“.
Wagner und Schiffer indes machen klar, dass sie in
eben solchen Projekten die Hoffnung sehen, BEIDES zu überwinden:
den Antisemitismus und die Islamophobie. So habe etwa die Erklärung
des Jüdischen Kulturvereins Berlin „Wider die Islamophobie“
im Jahre 2004 eine Erklärung der Deutschen Muslimliga nach
sich gezogen, in der sich diese gegen jede Form von Antisemitismus
und weitere Diskriminierungen aussprach. Anlässlich der OSZE-Antisemitismuskonferenz
2004 ließ der Zentralrat der Muslime verlauten, dass „die
Bekämpfung rassistischer und totalitärer Ideologien, wie
des Antisemitismus, ein Anliegen eines jeden Muslims sein muss“.
2006 forderte die Schura Hamburg in einer Pressemitteilung zum Holocaust-Gedenktag,
dass jeder Versuch von Holocaust-Leugnung oder -Relativierung zu
verurteilen und zu unterlassen und nicht mit dem Islam vereinbar
sei. Man könnte weitere von Schiffer und Wagner genannte Beispiele
aufführen, die wunderbar geeignet wären, die von vielen
Journalisten offenbar gewünschte Polarisierung zu überwinden.
Vermutlich liegt hier auch tatsächlich die Zukunft der Debatte
um Antisemitismus und Islamophobie.
Abschließend: Das Buch von Sabine Schiffer und
Constantin Wagner lässt sich von seinem Anspruch sehr gut mit
der Dokumentation Islamfeindschaft und ihr Kontext des Zentrums
für Antisemitismusforschung vergleichen. Alles Behauptete wird
bestens belegt, es gibt im Anhang des Buches sogar ein ausführliches
Glossar sowohl zu Fachausdrücken als auch zu konnotativ-semantisch
gelandenen Schlagworten wie „Dhimmitude“, „Islamkritik“,
„Islamophilie“ und „Taqiya“. Das Buch ist
für die Islamdebatte ein großer Gewinn, da seine Autoren
den Blick dafür freiräumen, welche zu Recht eigentlich
längst diskreditierten Methoden hier zugunsten eines neuen
Feindbilds wieder aufgegriffen werden. So wie der Antisemitismus
wenig bis nichts über die Juden, aber viel über die Antisemiten
aussagt, verrät uns auch die Islamophobie vor allem etwas über
die moralische und mentale Verfasstheit der Islamophoben. Insofern
dürfte es gegen die Analyse von Schiffer und Wagner von denjenigen,
die vor allem an einer Vertiefung der Gräben interessiert sind,
dieselben Anpöbelungen geben, wie sie noch vor wenigen Wochen
gegen die ZfA-Dokumentation geäußert wurden. Die Aufmerksamkeit
der Medien (vom SPIEGEL bis zum „Perlentaucher“) und
damit natürlich auch das schnelle Geld dürfte weiterhin
vor allem den Pöblern und Demagogen sicher sein, was von hohem
Idealismus Sabine Schiffers und Constantin Wagners zeugt, die Debatte
trotzdem wieder auf seriöse Pfade zurückführen zu
wollen. Man kann ihnen dafür nur danken, ihnen alles Gute wünschen
und die eigene Unterstützung anbieten.
Arne Hoffmann
***
Thomas Collmer
Pfeile gegen die Sonne
Der Dichter Jim Morrison.
4. um ein langes Nachwort ergänzte Auflage,
2 Bände. Maro Verlag 2009, 964 Seiten (+ 24 Bildseiten), 39,–
Euro
Mit „Pfeile gegen die Sonne“ von Thomas
Collmer liegt nun in der vierten Auflage ein umfassendes Werk vor,
das sich nicht mit dem Rockstar, sondern mit dem Dichter und Denker
Jim Morrison befasst. Mit jeder Auflage wurden Korrekturen (wie
die Datierung der Rock is Dead-Session) vorgenommen sowie neue Erkenntnisse
verarbeitet sodass dieses Werk nun auf dem aktuellen Stand der Forschung
ist. Längst hat sich Pfeile gegen die Sonne im deutschsprachigen
Raum als Standardwerk zu Jim Morrison etabliert.
Angeschlossen an das Werk ist ein dreigeteiltes Nachwort.
Der erste Teil greift bestimmte Themen und Aspekte auf und ergänzt
diese durch neuere Erkenntnisse und Erläuterungen. Teil 2 befasst
sich mit der Analyse einiger neuer Sekundarliteratur. Teil 3 schließlich
geht auf Vorgehen und Methode des Buches ein. Ein gut sortiertes
Literaturverzeichnis sowie ein Register der interpretierten Songtexte
und Gedichte bilden den Abschluss. Die Kapitelreihenfolge ist nicht
zwingend einzuhalten. Man kann dort einsetzen wo das Interesse liegt,
sei es ein bestimmter Aspekt oder Autor. Durch das Register ist
das Buch auch als Nachschlagewerk zu nutzen.
Worum es in dem Buch geht trifft der Text des Buchumschlags
ziemlich genau: „Pfeile gegen die Sonne spürt Morrisons
Vorbildern nach, seiner metaphernreichen Sprache, seinem Selbstverständnis.
So entsteht eine intellektuelle Biographie im Schnittfeld von Philosophie
und Literaturwissenschaft, Magie und Psychologe, Rockkultur und
Politik“.
Thomas Collmer analysiert nicht nur mögliche
literarische Hintergründe der Songtexte und Gedichte Morrisons,
sondern stellt zudem Autoren und Stilrichtungen ausführlich
dar, ohne deren Verständnis, das Werk wie auch die Person Morrisons
nicht zu begreifen ist. Neben bekannten Quellen wie Artaud, Celine,
Nietzsche oder Rimbaud führt Collmer eine Menge bisher unbekannter
Autoren auf, die Morrison ganz offensichtlich beeinflusst haben,
wie James Baldwin oder Richard Farina.
Bemerkenswert ist die Gliederung des Buches. Es werden
keine Songs oder Gedichte in loser Folge besprochen. Stattdessen
stehen die 21 Kapitel unter thematischen Oberbegriffen. So wird
die Interpretation der Schriften ihren Zusammenhängen gerecht.
Beispielsweise lässt sich der Einfluss avantgardistischen Theaters,
wie des Living Theaters, auf Morrison nur kontextuell begreifen,
nicht aber auf einzelne Songs festnageln. Das zeigt sich auch bei
immer wiederkehrenden Begriffen wie ‘Sun’, ‘Night’,
‘Snake’, ‘End’, die für Morrison auch
von persönlicher Bedeutung waren, wie Collmer auch bei der
Darstellung von solarem und lunarem Prinzip aufzeigt.
Interessant ist die Darstellung der Arbeitsweise und
Stilmittel Morrisons. Denn hier gelingt es Collmer, den Mythos Morrison
insofern zurecht zu rücken, als er aufzeigt, dass viele seiner
Schriften eben nicht seiner Phantasie entsprungen sind, sondern
dass er sich bei einer Vielzahl von literarischen Quellen und in
der griechischen Mythologie Anleihen genommen hat. In Anbetracht
der enormen Literaturkenntnisse Morrisons mögen diese Anleihen
gelegentlich unbewusst geschehen sein, in anderen Fällen sind
sie aber so deutlich, dass eine Verbindung erkannt werden kann.
In einzelnen Fällen (wie bei Dylan Thomas und Samuel Beckett)
zeigt Collmer auf, dass Morrison schlicht abgeschrieben hat.
Dabei bringt er gelegentlich so viele Quellen ein,
dass zwar eine Vielzahl von Interpretationen möglich ist, aber
auch die Gefahr besteht, dabei den Überblick zu verlieren.
Das gilt z.B. für den Songtitel ‘Five to One’.
Collmer bringt zur Bedeutung dieses Titels eine Fülle an plausiblen
Möglichkeiten ein und erweitert dieses Spektrum in dieser Auflage
weiter. Collmers Verdienst ist es, dass er all diese möglichen
Vorlagen für Morrisons Texte aufgespürt und ausführlich
analysiert hat. Einige davon werden von ihm erstmals ins Spiel gebracht.
Welche Arbeit dahinter steckt, lässt sich nur erahnen.
Zudem zeigt er etwa bei ‘Moonlight Drive’
auf dass Morrison bei seinen Texten (sowohl den Songtexten als auch
den Gedichten) nicht von ‘der Muße geküsst’
wurde, dass also nicht die erste bereits die endgültige Fassung
war, sondern dass die Texte einem Entwicklungsprozess unterlagen,
bis sie in der endgültigen Fassung vorlagen. Interessant ist
auch die Darstellung, dass Morrison Fragmente aus einen Songtexten
und Gedichten neu kombiniert hat. Bruchstücke einzelner Texte
finden sich in abgewandelter Form in anderen Texten wieder.
Gute Arbeit hat Collmer auch bei der Schilderung der
Persönlichkeit Morrisons geleistet. Eine Darstellung, die der
komplexen Persönlichkeit Morrisons gerecht wird. Keine Schwarz-Weiß-Malerei,
keine Verherrlichung Morrisons (wie sie immer wieder zu beobachten
ist) und keine Darstellung Morrisons als versoffener Freak (wie
es leider auch oft vorkommt). So vermeidet er bei Themen die andernorts
gerne ausgeschlachtet werden jedwede Effekthascherei und Sensationsgier.
Selten wurde Morrisons Anliegen außerhalb der Musik, wie etwa
die Freiheit des Individuums, so demonstrativ dargestellt. Eindringlich
auch die Schilderung der Hilflosigkeit und Verletzbarkeit des späten
Morrison, die zunehmende Distanzierung zu seinen Fans. Deutlich
aufgezeigt wird seine Verstrickung in die amerikanischen Unterhaltungsindustrie,
der er sich trotz seiner, letztendlich misslungenen Versuche der
Medienmanipulation nicht entziehen konnte. So ist es ist nicht erstaunlich,
dass Collmer intensiv auf das Thema der Selbstmythologisierung Morrisons
eingeht.
Neue Aspekte finden sich in diesem Buch auch im Verhältnis
Jims zu seinem Vater. Demnach war dieses Verhältnis gar nicht
so kühl und abweisend, wie es bisher immer dargestellt wurde.
Auch einen völligen Bruch hat es wohl nicht gegeben. Dies entspricht
wohl eher Jims Selbstmythos. Offensichtlich hat sein Vater Morrisons
Karriere mit Interesse verfolgt und sei auf dessen Erfolg durchaus
stolz gewesen, wenn auch er sich, was moderne Musik betreffe, nicht
kompetent fühlte.
Collmer hat sich die Mühe gemacht, die zitierten
Quellen (und das sind nicht wenige) im Original zu lesen. Das sind
dann zumeist englischsprachige Quellen. Daran kommt man aber auch
nicht vorbei, will man Parallelen zu Morrisons Schriften aufdecken.
Da er aus diesen Quellen immer wieder in der Originalsprache zitiert,
ist es sinnvoll, wenn der Leser zumindest ordentliche Englischkenntnisse
mitbringt.
Leider ist das Buch nicht immer einfach zu lesen.
Dazu tragen Autoren wie W.S. Burroughs oder Antonin Artaud bei,
die nicht einfach zu verstehen sind. Die teilweise sehr, manchmal
vielleicht auch zu ausführliche Auseinandersetzung mit Morrisons
literarischen Bezugspersonen und möglichen literarischen Quellen
führt gelegentlich zu gewissen ‘Längen’. Dennoch
gibt es zumindest in der deutschen Sprache kein vergleichbares Werk,
nicht in der Genauigkeit der Recherche, nicht in der Ausführlichkeit
und auch nicht im Umfang. Es ist kein Buch, das sich mal nebenbei
liest. Man sollte sich schon intensiver damit auseinander setzen.
„Pfeile gegen die Sonne“ dient nicht der Unterhaltung
(kann es auch nicht), sondern dem Verstehen. Von dieser Prämisse
ausgehend muss man das Buch betrachten d.h. lesen. Dann aber bekommt
man aber eine Menge neuer Aufschlüsse, die sowohl dem besseren
Verständnis der Schriften und der Person Morrisons dienen,
als auch dem Verstehen der Quellen selbst, an die Morrison sich
angelehnt hat. Für viele Leser dürfte das Buch auch Ansporn,
sein das eine oder andere Buch, das hier erwähnt oder besprochen
wird, erstmals oder auch wieder zu lesen.
Christian Stede
***
Helena Bobinska
Die Rache des Kabunauri
Übersetzt aus dem Polnischen von Wanda Koch.
Jugendroman. BS-Verlag-Rostock, Rostock 2003. 120 Seiten, 9,90 Euro
Späte Bekanntschaft mit einer Unbekannten
– Lesen im Club der toten Dichter –
Ob Helena Bobinskas Roman bereits auf der Liste des
Bibliothekars Dr. Hermann zur Bücherverbrennung vom 10. Mai
1933 indiziert war, ist nicht gesichert. Sicher aber ist, Die Rache
des Kabunari erscheint auf der „Liste des schädlichen
und unerwünschten Schrifttums“ von 1938 auf Seite 13.
Sicher ist auch, westdeutsche Literaturlandschaft, angeführt
vom Börsenverein des Deutschen Buchhandels, lebte mit all den
damaligen Listen nicht unzufrieden, hielt und hält sich, bis
auf wenige Ausnahmen, auch 2009 daran. Im Westen nichts Neues. Im
Westen der Club der rund einhundertfünfzig toten Dichter, abgesehen
von einzelner nicht Wiederbelebung, statt dessen Überleben
trotz Bücherverbrennung. Zu den Überlebenden gehören
die Werke Elena Fedorovna Bobinskajas nicht.
Und der östliche Teil deutscher Zweistaatlichkeit?
Nein, auch im Osten nichts Neues, bis auf wenige Ausnahmen, Ausnahmen,
die inhaltlich dem sozialistischen Gesellschaftsentwurf näher
standen, aus solcher Nähe heraus den Nationalsozialisten besonders
schädlich, ausdrücklich unerwünscht waren. Folgerichtig
erscheint der erstmals 1931 auf Deutsch publizierte und von den
Nazis indizierte Jugendroman 1949 in der Ostzone im Verlag Neues
Leben in Berlin, erlebt eine Neuauflage 1959 in der „sogenannten
DDR“ im Verlag Kultur und Fortschritt, Berlin. Was für
Nationalsozialisten schädliches und unerwünschtes Schrifttum
war, blieb von westdeutschen Büchertischen wegen „positivistischer“
Darstellung östlicher Sozialisierungsversuche der Vorkriegszeit
weiterhin verb(r)annt, wurde in ostdeutschen Bücherstuben wegen
seines Wahrheitsgehaltes anerkannt.
Und die nunmehr geeinte Republik? Sie möchte
schweigen. Besonders westliche Mehrheit möchte solche Literatur
verschweigen. Auferstehung, jenes christ-österliche Bild mag
nicht so recht zur Literaturlandschaft passen. Auch das Bild des
geeinten Deutschlands samt blühender Landschaften mag nicht
so recht passen. Warum sollte also ein kleiner Verlag passen, noch
dazu eine Verlegerin in Rostock, in der nun ehemaligen DDR und Neubundesrepublik,
wenn es darum geht, die verfemten, verbannten, verbrannten Autoren
dem Publikum zurückzugeben, sie aufblühen, auferstehen
zu lassen? Immerhin sind im Verlag dreizehn Titel verfemter Autoren
in der Sonderreihe Das verbrannte Buch neu veröffentlicht.
Helena Bobinska hatte ihre Erzählung Die Rache
des Kabunauri in die Zeit zwischen zwei Weltkriege, genauer in das
erste Jahrzehnt nach der Oktoberrevolution eingebettet. Schauplatz
sind der damals östliche Teil Polens um das heutige Tiflis
und kaukasische Bergregionen Georgiens. Der Protagonist Niko wird
als Findelkind im Säuglingsalter in Tiflis von der Familie
Tolkatschow aufgenommen und aufgezogen. In den politischen, bürgerkriegsähnlichen
Wirren nach dem Untergang des Zarenreiches wird seine Pflegefamilie
von ihm getrennt. Ab seinem sechsten Lebensjahr auf sich gestellt,
erweist sich das Vorrücken der Roten Armee und die ihr nachfolgende
politische Sozialisierung für Niko als Glücksfall gesicherter
Existenz mit Heimerziehung und erster schulischer Ausbildung. Freudig
nimmt der Junge die sozialistischen Ideale an, unterwirft sich bereitwillig
den Anforderungen und Ritualen der Komsomolzen. Nie aber vergißt
er die Pflegefamilie, sehnt sich nach den Pflegeeltern und deren
Tochter. Mit Abschluß einer 7-jährigen Schulausbildung,
persönlich und beruflich für seinen weiteren Weg wenig
festgelegt, erhält er über eine ihm vertraute Person Gelegenheit
zu einer Reise in ein entlegenes Bergdorf zum Stamm der Chewsuren.
Hier erfährt er, der bisher unter dem Familiennamen Tolkatschow
gelebt, seine Pflegeeltern als seine Familie angenommen, sich darin
verwurzelt geglaubt hatte, er sei als letzter männliche Nachkomme
der Chewsurensippe Kabunauri nur deshalb zum „Findelkind“
gemacht worden, um abseits in Blutrache verfeindeter Stämme
unbeschadet aufzuwachsen, „Tradition“ einschließlich
Blutrache fortleben zu können. Als nun Niko Kabunauri der in
städtischer Umgebung aufgewachsene Jugendliche wird mit den
harten Lebensbedingungen der Bergstämme konfrontiert, ebenso
mit ihren mittelalterlichen Auffassungen der Geschlechterrollen,
Ehe, Familie und Ehre. Mit Anpassungsfähigkeit des unfertigen
Jungmannes sucht der Protagonist sich den neuen Anforderungen und
Herausforderungen zu stellen, kann sich trotz aller Bemühungen
und seines mehr als nur guten Willens nicht mit den Bräuchen
der Bergstämme arrangieren. Zwei Welten prallen aufeinander,
gehen im gesellschaftlichen Wandel letztlich in einer dritten Welt
auf.
Auch wenn die Autorin solches mit dem Titel der Erzählung
ganz sicher nicht ausdrücken wollte, solch abrupter Übergang
archaischer Gesellschaften in Neuzeit könnte durchaus als „Rache“
der Moderne verstanden werden.
Jugend heute wird sich ohne detaillierte zeitgeschichtliche
Kenntnis zwar grundsätzlich mit dem Erzählten anfreunden
können, jedoch über bloße Unterhaltung hinaus keinerlei
Erkenntnis gewinnen. Dem kundigen/sachkundigen Leser liefert die
Schriftstellerin ein gutes Stück Zeitgeschichte und eine Gesellschaftsstudie
en miniature sowohl der sozialen Umbrüche in Osteuropa im ersten
Drittel des zwanzigsten Jahrhunderts als auch der Herausforderungen
zur Überwindung tradierter Stammesrituale. Letzteres gewinnt
gar für die Auseinandersetzungen im Nahen- und Mittleren Osten
heute Tagesaktualität.
Angenehm knapp entwickelt Helena Bobinska einen breit
gefächerten Spannungsbogen, hält überraschende Wendungen
bereit, folgt konsequent den Handlungssträngen. Allerdings
nimmt sie einen zunächst angelegten Nebenstrang nicht wieder
auf, läßt ihn als Luftmasche enden. Für einen Jugendroman
sicher vertretbar, im Genre Entwicklungsroman eine nicht ganz läßliche
Sünde. Die Übersetzerin nimmt den Sprachduktus Bobinskas
zunächst auf, um dann erkennbar in eigenem Sprachfluß
zu verflachen, was jedoch dem Erzählten und der Spannung keinen
Abbruch tut.
In modernen Zeiten hält dann digitale Satztechnik
gerne Überraschungen bereit. Besonders schade ist, daß
dem Werk nicht eine mehr dem Bibliophilen zugeneigte Gestaltung
für äußere Aufmachung widerfahren ist.. Ein wenig
entschädigen in Textseiten eingewobene Federzeichnungen von
Ernst Jadzdewski.
Keine Frage aber, Nationalsozialisten hatten keine
Wahl. Für sie war der Inhalt sowohl schädlich als auch
unerwünscht. In Wahrheit aber ist das Werk hilfreich, seine
Verbreitung wünschenswert. Als Wessi schäme ich mich ein
wenig, erst jetzt und 64 Jahre nach dem Untergang der Reichsschrifttumskammer
mit Elena Fedorovna Bobinskaja und Die Rache des Kabunauri Bekanntschaft
geschlossen zu haben.
Teja Bernardy
***
Frank Meier
Religiöser Fanatismus
Jan Thorbecke Verlag, Ostfildern 2008. 174 Seiten,
19,90 Euro
Nicht daran glauben
Wie sich ‘Menschen zwischen Glaube und Besessenheit’
(Untertitel) von der Antike bis heute mitmenschengefährdend
verhalten haben, erfahren wir in diesem Buch. Der Karlsruher Professor
Meier stellt unmißverständlich fest: „Extremismus,
Fundamentalismus, Terrorismus - religiöser Fanatismus ist eine
der größten Gefahren unserer Zeit.“ Dabei beweist
er aber, daß dies keine Erfindung der Moderne ist, sondern
die Geschichte seit Jahrhunderten als sozialschädliches Verhaltensmuster
durchzieht. Meier stellt von Anfang an klar: „Dieses für
den interessierten Laien geschriebene Buch ist einseitig, spart
die großen kulturellen Leistungen von Judentum, Christentum
und Islam ... aus ... und konzentriert sich in bewußter und
exemplarischer Beschränkung auf ihre gewaltsame Komponente“
(Vorwort).
Das erste Kapitel präsentiert ‘Religiöse
Eiferer in der Antike’ - seit damals zieht sich die blutige
Spur der sogenannten Offenbarungsreligionen durch die Historie.
Meier erinnert aber auch an die Christen, die bereit waren, den
Märtyrertod für ihren Glauben zu erleiden. Interessant
ist ja, wie durch das Mailänder Toleranzedikt von 313 aus Verfolgten
Verfolger wurden. Darin lautete einer der zentralen Sätze:
„Keinem Menschen soll die Möglichkeit verweigert werden,
sein Herz entweder dem Kult der Christen zu weihen oder aber der
Religion, die er selbst für die angemessenste hält.“
Bereits 380 wurde das Christentum in Rom zur Staatsreligion erklärt
und man ging gegen „Ketzer“ vor. Wie eine Ironie wirkt
da der von Thomas von Aquin zitierte 1. Brief an die Korinther (Vers
19): „Denn es muß Irrlehren geben, damit unter euch
deutlich wird, wer zuverlässig ist.“ Seit der Synode
von Verona 1184 gingen Papst und Kaiser gemeinsam gegen Häretiker
vor, woraus sich die systematische Inquisition entwickelte. In den
Massakern der Kreuzzüge wurden Tausende „Ungläubiger“
niedergemetzelt.
Im Mittelalter wurde auf Katastrophen durch religiöse
Riten reagiert, woraus sogar eine Art kollektiver religiöser
Solidarität erwuchs. Dazu stellt Meier fest: „Krisenhafte
Zeiten fördern also religiösen Fundamentalismus - heute
wie früher.“ Eine Religion sieht sich im Besitz der absoluten
Wahrheit und teilt die Menschheit in Recht- und Falschgläubige
ein. Schon im Mittelalter sah sich die Amtskirche durch die individuell-visionären
Glaubenspraktiken der Mystiker bedroht. Und aus der Religionspraxis
des einfachen Volkes und der Laienprediger entwickelte sich über
die Gesellschaftskritik sogar Kirchenkritik. Als extreme Fanatiker
traten bis Ende des 16. Jahrhunderts die Selbstgeißler auf;
Wundermeldungen wurden durch die Jahrhunderte hin überliefert,
zahlreiche Sekten bildeten sich heraus, die v.a. Askese praktizierten.
In Kritik geriet das ausschweifende Leben der Geistlichen und die
Pfründenwirtschaft der Kirchen - eine Folge davon war die Reformation.
Der über Jahrhunderte hin virulente Hexen- und
Teufelsglauben eskalierte zum eigentlichen religiösen Massenwahn,
dem geistliche und weltliche Obrigkeiten gerne Vorschub leisteten.
Seriöse Historiker rechnen mit bis zu 70.000 vorwiegend weiblichen
Opfern der Hexeninquisitionen - letzte Hexenhinrichtungen sind z.B.
noch 1782 in Würzburg überliefert. In der katholischen
Kirche ist der Exozismus noch heute fester Bestandteil der Lehre
- der sogenannte ‘Kleine Exorzismus’ befreit z.B. den
Täufling von der Erbsünde und dem Einfluß des Teufels.
Auch der Antisemitismus ist durch das Christentum entstanden - mit
Zwangstaufen versuchte man seit dem frühen Mittelalter die
Zahl der Juden zu vermindern. Im Vorfeld des Ersten Kreuzzugs 1096
kam es zu zahlreichen Pogromen. Auch dem Islam gegenüber verhielt
sich das Christentum aggressiv intolerant und Mohammed galt sogar
als der Sohn Satans. Der Kirchenlehrer Augustinus (354 - 430) hatte
in seiner Schrift ‘Der Gottesstaat’ den Begriff vom
„gerechten Krieg“ gegen Andersgläubige eingeführt
- Kreuzzüge galten demgemäß auch als „bewaffnete
Wallfahrt“.
Quasi analog dazu gibt es im Koran den Begriff des
„Dschihad“ - gefordert wird die Tötung von Nicht-Muslimen
(Sure 9,5 und 9,29). All diese Religionskriege und Tötungsaufrufe
haben ihre Nachwirkungen bis heute. Die radikal-shiitischen Assassinen
des 12. Jahrhunderts waren womöglich „die ersten Terrorboten
der Weltgeschichte“ (Meier). Junge Männer wurden unter
Drogeneinfluß zu Attentätern gegenüber „Tyrannen“.
Das Problem mit religiösen Fanatikern bzw. Fundamentalisten
ist, daß ihre Ansichten nicht hinterfragt oder gar lächerlich
gemacht werden dürfen. Religionen machen unser Zusammenleben
gefährlich. Meier endet mit dem Appell, sich vor den falschen
Propheten zu hüten - besser noch, man ignoriert jegliche Propheten.
Dieses detailreich entwickelte vorliegende Geschichtsbuch sollte
uns in der Gegenwart klüger werden lassen.
Karlyce Schrybyr
***
Holger Benkel
Meißelbrut
Gedichte mit Holzschnitten von Sabine Kunz. Ziethen-Verlag,
Oschersleben 2009
Auf der Suche nach der Anderswelt
„Holger Benkels Gedichte leben vom Elementaren.
Seine Motive sind Erde, Feuer, Wasser, Luft, sind Dinge, Pflanzen
und Tiere, Landschaftsformen seiner mittelelbischen Heimat, Körpererfahrungen,
Wunden, Zerfall. Aber wenn die Gedichte im wörtlichen Sinn
leben, in sich fließen und vibrieren und einander Echo geben,
so gerade, weil ihre Motivwelt komplexer ist, als sie auf den ersten
Blick scheint.“ (André Schinkel)
Der Dichter Holger Benkel, der 1959 in Schönebeck
an der Elbe geboren wurde, dort in der Lessingstraße wohnt
und ganz von seiner Arbeit als Schriftsteller und Lesender lebt,
ist ein Gewächs auf dem Seelenboden der Magdeburger Börde.
Das führt sogleich zur Dialektik eines Menschen zwischen extremer
literarischer Fruchtbarkeit einerseits und Distanz zu den Dingen
der Welt. Der Börde-Mensch ist verschlossen und lebt gern zurückgezogen,
und doch lebt in ihm das Feuer der Worte - aber diese Kommunikation
will eine strenge Form, sonst kann sie nicht leben. Er ist dem Vulkan
vergleichbar, unter dem das Magma-Meer schwappt, aber nur virtuell
ausbricht und nur so geboren wird: Als Wort. Aus der fruchtbaren
Erde dieser nach heutigen Begriffen im Osten liegenden Landschaft
wuchs ein vielgestaltiges Werk, das mit der Welt korrespondiert,
wie sie ist, und zugleich ein intimes Zwiegespräch mit dem
Totenreich und dem Transzendenten führt.
Was heißt das?
Holger Benkel lebt eigentlich gar nicht. Weder hier
noch jetzt. Wir sehen ihn dort und glauben: Da ist er. Aber das
ist eine Täuschung. Er ist nämlich da, wo er eigentlich
lebt, nämlich bei den Toten. Wir müssten also, wenn wir
ihn wirklich erreichen wollen, zu ihm gehen, zu den Toten, wo das
wirkliche Leben atmet.
Das geht nicht, denken wir. Doch, es gibt einen Weg.
Ich finde ihn in seinen Briefen, in denen er Tag für Tag lebt,
da drunten in seinem Reich, wo auch die Gedanken zu Hause sind.
Der irdischen Welt bedient er sich ja nur aus lauter Anhänglichkeit
an einen Lebensstatus, den er schon früh überwand, mit
Ausnahme der Sprache, die er liebt wie kein zweites Wesen, und weil
das Transzendente nun mal nicht existent sein kann ohne das Diesseits.
Benkel kehrt in seinen Gedichten Leben und Tod um, das Leben ist
tot - erst im Tod kann ich leben. Karl Marx hat Hegel wieder auf
die Füße gestellt - Holger Benkel stellt Marx auf den
Kopf, er verlässt die unlebbare Basis und lebt im Überbau
einer geistigen und seelischen Welt, die viel gemeinsam hat mit
keltischen Vorstellungen. Ich weiß bis heute nicht, ob die
keltische Mythologie für ihn eine ästhetische Bilderwelt
darstellt, die er als Instrument seiner Dichtung benutzt, oder einen
religiösen oder weltanschaulichen Glauben. Sein letzter Brief
an mich ist keltisch datiert, wie alle seine Briefe seit über
zehn Jahren: 12. tag des efeumonats - auf der suche nach der anderswelt.
Er fällt konsequent aus der Zeit - wer so tot ist wie Holger
Benkel im Nirgendwo, im Reich von Kein-Ort, der lebt wörtlich
in der Erlösung von der irdischen Welt: In einer Utopie der
Worte.
Später begriff ich, dass er ja schon hinübergewandert
war zu den Toten, wo er wirklich leben kann. 1995 veröffentlichte
er seinen Gedichtband „kindheit und kadaver“ und den
Prosaband „reise im flug“, Träume und Ereignisse,
beide im Verlag Blaue Äpfel, Magdeburg. Später schrieb
er Aphorismen: Gedanken, die um die Ecke biegen, inzwischen auch
ein gigantisches Prosawerk, eine Art moderne Mythologie der Tiere
(hier sind weit über eintausend Seiten entstanden in einem
Werk, vielleicht sogar ein opus magnum, das noch seine endgültige
Form sucht) - und immer wieder neue Gedichte, die permanent überarbeitet
werden. Die unter dem Titel „meißelbrut“ versammelten
Gedichte befinden sich in einem reifen Zustand, werden aber nie
fertig.
Vor allem hier finden wir ein Portal zu Holger Benkels
Gedanken. Dort gibt es nicht mehr die Kompromisse, die der Lyriker
in seinen weltlichen Briefen eingeht. Dort ist er ganz er selbst
im vollendeten Wort eines Todes, der über die Welt siegt: „vielleicht
kann man zuletzt allein noch jenen worten vertrauen, die scheinbar
keinen sinn ergeben. während der logik der geschichte die paradoxie
der begriffe entspricht, werden wir erst in der absurdität
der bilder einsichtig“, sagt er in einem Gespräch mit
dem Schriftsteller A. J. Weigoni, „... was erweckt, das tötet
auch. wer den tod nicht will, darf sich nicht erwecken lassen. utopien
sind ein ewiger kreuzzug... auf der reise zum ort ohne grund, hinter
den wind oder unter die wellen müssen wir uns sowieso von uns
selbst ernähren. und am ende wirkt jedes tiefere einfühlen
kannibalisch. wiederum muss der künstler, um barrieren zu übersteigen,
die seine kreativität hemmen, immer erneut grenzgängerisch
aus der kultur, die ihn umgibt, heraustreten, was mit der tatsache
korrespondiert, dass das wahre selbst etwas ausserhalb des ich ist
und nur substanz bilden kann, wessen seele wandert oder wer mehrere
seelen hat. die völlige einheit, im sinne der deckungsgleichheit,
von kultur und kunst, ich und selbst, wissen und ahnen, aussenwelt
und innenraum, wäre jedenfalls die komplette erstarrung.“
hunde
führt der hund die toten über die grenze
indem er sie frißt kann er sie begreifen
und besitzen glaubt der mensch in
seinem geist
der andern kreatur steh ich auf der schwelle
im zwielicht der sinne leg ich mich nieder
zum liebesakt ins grab folgen mir wölfe
verwandle ich mich in jedes tier
begleit ich
meine eigne beigabe zieh ich die seele
aus dem fleisch wächst mir das fell glänzend weiß
lauf ich mir durch wälder entgegen komm ich an
unter der erde fresse ich mich selbst wie hunde
einst als aas birgt mich der frauenleib
erst wenn mir goldne borsten wachsen
Der Totenhund erinnert sofort an Charon. Der hat sich
im Hades bezahlen lassen und tut seine parallele Pflicht zu Sisyphos
- hier aber frisst er die Menschen, um sie zu begreifen. Wenn dieser
Hund Repräsentant der zuletzt gestorbenen Menschen ist, dann
bedeutet dieses Bild: Erst nach dem Leben verstehen wir das Leben,
im Leben verstehen wir uns nicht.
Angesichts des elliptischen Charakters, der sich durch
permanente Subjekt-Prädikat-Inversionen in allen Gedichten
Benkels einstellt, kann gesagt werden, dass sich das Wenn-dann-Gefüge,
das sich (mir) beim Lesen immer aufdrängt und einen gute Lese-Lenkung
bewirkt, ganz einfach aufgehoben wird, wenn ich zu Beginn - oder
später an entsprechender Stelle - ein „Es“ ergänze:
es führt der hund … Die Inversionstechnik findet ihre
Entsprechung in der Umkehrung der Seinsverhältnisse, wo Benkel
der Sphäre des Todes das eigentliche Leben zuspricht - und
umgekehrt. Das lyrische Ich wird hier grammatisch und semantisch
versetzt und vermindert im Schatten der inversiven Semantik.
Prägnant ist das Bild vom Zwielicht der Sinne.
Das Bild enthält eine Zweikörpertheorie, ich bin erinnert
an das Licht als Welle und Korpuskel. Der eine Sinn ist der physische,
der äußere Körper, der andere Sinn ist der zum fühlenden
gewordene innere Körper an der Schwelle zum inneren Leben.
Aber das körperliche Fühlen wird im Bild des Liebesaktes
nicht aufgegeben, Sterben wird als erotischer Prozess verstanden,
man kann vielleicht auch sagen: Alle Veränderung ist erotisch,
wie alle Berührung von Fremdem erotisch stimuliert. „…
zum liebesakt ins grab folgen mir wölfe“ - ich bin wegen
der folgenden Verse versucht anzunehmen, dass die Wölfe die
Veränderung der eigenen Natur beschreiben, sodass der Sterbende,
den ich nun lieber als Werdenden verstehe, mit sich selbst schläft,
er erotisiert sich mit seiner in ihm längst schlummernden fremden
Gestalt, er will sich schon in diesem Vers fressen, also lieben,
besitzen, verstehen, er ist sich selbst der Totenhund als Wolf,
er gefährdet sich im Tod zu neuem Leben, seine Flucht vor dem
Wölfischen in ihm endet im Liebesakt, der sogar als erotischer
Suizid erscheint - aber Suizid als Rettung ins eigentliche, nicht
entfremdende oder entfremdete Leben. Nun wird auch klarer, dass
der im Sterben ins Leben Auferstehende nicht nur die wölfische
Natur in sich zulässt, sondern alle Möglichkeiten an sich
werden lässt („verwandle ich mich in jedes tier“),
die er im bisherigen Leben nicht hatte.
Nun folgen Verse der Selbstreflexion („begleit
ich meine eigne beigabe“) und Autonomie solchen Sterbe-Werdens
(„zieh ich die seele aus dem fleisch“). Die Trennung
vom Körper ist die Befreiung der Seele, die bisher offenbar
wie ein verletzender Fremdkörper im Fleisch steckte, da war
der Körper eine Wunde, jetzt kann er gesunden: Nun „wächst
mir das fell glänzend weiß“. Die doppelte Entfremdung
von Körper und Seele ist aufgehoben, nun kann ich mir begegnen
(„lauf ich mir durch wälder entgegen“) und mich
verstehen und mich ganz besitzen: „unter der erde fresse ich
mich selbst“. Es folgt der Rückbezug („wie hunde“)
zum Anfang des Gedichts und der Kreis wird endgültig geschlossen:
Der Gestorbene wird wiedergeboren („als aas birgt mich der
frauenleib“), wenn er durch alle Wandlungsprozesse zu seiner
Vollendung („goldne borsten“) gegangen ist.
Ich verstehe hier den Hund als eine Einheit von (selbst-)liebender
Treue und ins Wölfische gesteigerter (Selbst-)Zerfleischung.
Der Plural im Titel will den mythischen Singular ins Allgemeine
weiten, zum Wir. Das Gedicht ist ein Trost, wenn wirklich ganz gestorben
werden soll, eine Utopie, wenn es im Leben gelten soll um anders
zu leben: Aber dem Schwein werden goldene Borsten wohl nie wachsen...
Holger Benkels Lebens- und Todesauffassung wird in
diesem und in fast allen anderen „meißelbrut“-Gedichten
deutlich: Dass wir nur im Tod leben können. Oder geht dieser
Gedanke noch weiter: Es ist das Allerbeste, gar nicht zu leben?
Oder: Genüge ich als Idee? Ich teile nicht die Welt- und Lebensablehnung
in dieser Schärfe, aber ich stehe dieser Kunst mit großer
Achtung und Sympathie gegenüber. Wir sind gar nicht so weit
auseinander: Auch in meinen Geschichten passiert nichts Gutes. Über
das Gute würde ich ja auch gar nicht schreiben wollen. Über
das Gute kann der Künstler nur im Scheitern schreiben. Wir
sind Schriftsteller, die der Realität nur mit der Fiktion beikommen.
Was bleibt? Benkels Gedichte schärfen kassandrisch das Bewusstsein.
Das ist die Voraussetzung für ein besseres Leben im Leben und
für die Überwindung der Angst vor dem Tod.
„der moderne künstler muss nicht notwendig
prophet sein. das wäre nur eine seiner möglichkeiten“,
sagt Holger Benkel, „ich biete ja gerade die völlige
desillusionierung als ausgangspunkt der utopie an. auf die frage,
welche aufgaben literatur haben könnte, sagte ich einmal, am
besten sie hätte welche und niemand würde es merken. ...
für mich eröffnet kunst das nicht seiende und ist daher
das vollkommen andere gegenüber der utilitären realität,
antiwelt und alternative geschichte, und solcherart verwandt mit
magie, mythen, mystik, alchemie, märchen, träumen, wahngebilden
und einem postvitalen dasein.“ Die Dichter aller Zeiten bedienten
sich oft der gleichen poetischen Technik zur Bewusstmachung der
Leser: „Werthers Leiden“, „Die Blechtrommel“
oder „Kassandra“ sind Erzählungen des Scheiterns
nach dem Muster der negativen Utopie, um eine bessere neue Welt
zu fordern. „genau genommen“, sagt Holger Benkel, „sind
sogar, oder gerade, meine apokalyptischen gedanken bloss umgekehrte
utopien. und ich bleibe dabei, gegenwelten formieren und die realität
verändern wollen, das gehört zusammen. der eigentliche
fatalismus besteht darin, das vorhandene für unveränderbar
zu halten.“
Ich denke, das ist ein überzeugendes Plädoyer
für ein besseres Leben. Es gewinnt umso mehr an Authentizität,
als die Stimme dieser Ermutigung aus dem Munde eines Toten kommt,
der sich auf der Suche nach der Anderswelt befindet. Tote lügen
nicht.
Ulrich Bergmann
***
Maureen Maisha Eggers, Grada Kilomba, Peggy Piesche,
Susan Arndt (Hrsg.)
Mythen, Masken und Subjekte
Kritische Weißseinsforschung in Deutschland.
UNRAST-Verlag, Münster 2009. 552
Seiten, 24,– Euro
Der umfangreiche Sammelband, in dem die kritischen
Weißseinstudien unter die Lupe genommen werden, läßt
sich als ein kultur-kritischer Bericht bezeichnen. Die Autorinnen
und Autoren behandeln das Thema aus unterschiedlichem Blickwinkel,
somit umfaßt das Werk die Kritik der dominanten ethnophoben
Weltbilder... Die Kritik mannigfaltiger Segmente aus der seit dreißig
Jahren geführten, von der Majorität dominierten Debatte
über die Formen der kulturalistischen
bzw. rassistischen Hierarchie. Jeder Beitrag ergänzt den
anderen und bereichert das Ganze.
Ganz neue trotzende Ansätze zur akademischen
Debatte um den Rassismus. Poetische Berichte, Erlebnisse, Erkenntnisse
u.a. aus dem Alltag Teutoniens begleiten theoretische Thesen und
kritische Analysen. Ihre Spannbreite reicht von Zentren und Zitadellen
des weißen Leitgedanken über künstlerische Küsten
bis hin zu ihrer aktuellen Rolle im Rassen-Klassen-Gesellschaftsgebäude.
Zum Anfang rücken die herausgebenden Autorinnen verschwiegene
Töne und Farbenblindheit der rassifizierten Weltbilder in der
Philosophie in den Vordergrund, setzen sich mit Protagonisten der
„Aufklärung“ wie Kant und Hegel als Wegbereiter
der Rassenlehre auseinander.
Der Inhalt der vielfältigen Beiträge läßt
sich im Rahmen eine Rezension schwer zusammenfassen. Sie ergänzen
sich, und jeder von ihnen bringt Erkenntnisse zutage, die bisher
von weißen Forschern nicht forciert wurden. Das Werk erhebt
den Anspruch darauf, periphere Analysen ins Zentrum zu transportieren,
und es gelingt ihm.
Fatima El-Tayeb im Vorwort:
„Der vorliegende Band stellt den bisher deutlichsten
Versuch dar, einen solchen Dialog für den deutschen Kontext
zu initiieren. Masken, Mythen und Subjekte fasst aber nicht nur
den Stand der Kritischen Weißseinsforschung in Deutschland
zusammen, sondern schreibt sich, auch in internationale Diskussionen
ein. Hito Steyerls Überlegungen zur Farbmetaphysik des Kunstbegriffs,
die um Konnotationen von White Cube und Block Box kreisen, öffnen
ebenso neue Dimensionen des Diskurses um Weißsein wie Aischa
Ahmeds Untersuchung des Themas passing im spezifischen Kontext der
Bundesrepublik oder Nisma Cherrats Erfahrungsbericht einer Schwarzen
Schauspielerin an deutschen Theatern.
Insgesamt lassen sich die AutorInnen nicht auf eine
Sicht von Sinn und Zweck einer Kritischen Weißseinsforschung
festlegen, nähern sich dem Thema aus literarischer, psychologischer
oder linguistischer Perspektive. So folgt etwa Kien Nghi Ha den
Traditionslinien des deutschen Kolonialismus bis in die Gegenwart,
während Nicola Lauré al-Samarai eine kulturelle Topographie
des Widerstands nachzeichnet und Jinthana Haritaworn die Ethnisierungspolitik
weißer Queers und Feministinnen untersucht und nach produktiven
Formen des weißen ‘Rassenverrats’ fragt. So bietet
diese erste deutsche Anthologie zum Thema Weißsein Denkanstöße,
die in diesen Zeiten der erneuten Normalisierung weiß-christlich-westlicher
Dominanz mehr als nötig sind.“
Die Herausgeberinnen:
„Die Beiträge des Bandes unterziehen die
Debatte um die Kategorie Weißsein in Deutschland einer kritischen
Prüfung und fragen nach den Transferpotentialen, Grenzen und
Leerstellen, die sich aus der transatlantischen Applikation eröffnen.
In diesem Zusammenhang werden nicht nur die aus den anglo-amerikanischen
Wissenschaften bekannten Parameter der postkolonialen Studien neu
beleuchtet, sondern auch einzelne geistes- und sozialwissenschaftliche
Disziplinen selbst aus wissenschaftskritischer Perspektive diskutiert
und verortet. Die Herausgeberinnen haben mit diesem Band einen interdisziplinären
Blick aus Schwarzen, People of Color und weißen Perspektiven
auf die Kategorie Weißsein freigelegt und versuchen damit,
die Grundlage für einen Diskurs zu schaffen, der jenseits von
hegemonialtypischen Dynamiken eine Bereicherung nicht nur für
die hiesige akademische Debatte darstellen kann, sondern auch für
eine gesamtgesellschaftliche (Aufarbeitungs-)Debatte in Deutschland
und Europa.“
Arnold Farr, der seine Analysen auf das Konzept „rassifiziertes
Bewußtsein“ stützt, verfolgt die Spuren der rassistischen
Reflexen in der Philosophie, die mit Kant und Hegel beginnen:
„Hegels Geschichtsphilosophie macht deutlich,
dass sich der Geist in weißen Völkern verwirklicht hat.
Als Träger des Geistes sind weiße Menschen europäischer
Herkunft ganz Mensch und mit der Aufgabe betraut, den Rest der Welt
zu humanisieren. Merkwürdig ist dabei, dass diese Humanisierung
der übrigen Welt durch so unmenschliche Maßnahmen wie
die Sklaverei geschehen kann. Doch eine solche Ansicht ist unter
Denkern wie Kant und Hegel nichts Ungewöhnliches. Es gibt eine
Reihe von Problemen, auf die ich hinweisen möchte. Erstens
stellen Hegels Verteidiger niemals seine Thesen zu Rationalität,
Geschichte oder Kultur in Frage. Hegels Sicht der Weltgeschichte
beginnt mit problematischen Behauptungen und ist von fragwürdigen
europäischen Werten geleitet. Wie Bemasconi betont, war Hegels
Sichtweise nicht die einzig mögliche. Tatsächlich wurden
die offen rassistischen Ansichten sowohl Hegels als auch Kants von
einigen ihrer Zeitgenossen in Frage gestellt. Zweitens stellen Hegels
Verteidiger niemals den Zusammenhang zwischen Hegels Denken über
‘Rasse’ und Afrika und den undenkbaren Erfahrungen von
AfrikanerInnen her, die Opfer des transatlantischen Sklavenhandels
wurden. Sie haben die entmenschlichenden Auswirkungen der Sklaverei
und rassistischer Diskriminierung niemals ernst genommen. Sie berücksichtigen
niemals die Langzeitfolgen von Rassismus und rassistischen Gesellschaftsstrukturen.“
Jinthana Haritaworn:
„Die zentrale Rolle Schwarzer Leute an der Herausgabe
dieses Buches ist ein wichtiger Schritt, um den wir TeilnehmerInnen
of Colour des Berliner Workshops, welcher die Einführung von
Weißseinsstudien in Deutschland untersuchen sollte und diesem
Band zugrunde lag, hart kämpften. Unsere kollektive Intervention
in die weiße rassistische Universität ermöglichte
es uns, Weißseinsforschung als Wissenspolitik zu problematisieren.
Wir fragten uns, warum es Ressourcen für eine neue Disziplin
wie die Critical Whiteness Studies gibt, die prompt von Mehrheitsdeutschen
monopolisiert wird, nicht aber für Ethnic Studies. In Nordamerika
gingen Ethnisierte auf die Straße, um African American, Asian
American, Native American und Chicano/a/Latino/a Studies studieren
und lehren zu können. Sie erkämpften sich ein Anrecht
auf materielle und symbolische Ressourcen, auf Selbst-bestimmte
Arbeits- und Studienplätze und emanzipatorische Geschichten
und Werkzeuge des Widerstands. Gerade in Deutschland, wo Mehrheitsdeutsche
als Subjekte gerne unter sich bleiben, fragt sich, was wir nötiger
brauchen: Einen weiteren weißen Kanon oder eine Politik der
Umverteilung, die nicht in der Dekonstruktion stecken bleibt, sondern
einen Anspruch nährt auf eine gerechte Welt.“
Schwarz erhellt also den Horizont der neorassistischen
Debatte und verdrängt das Weiße. Es entlarvt die wahren
Gesichter des nordischen Selbstbildes, die in ihren Antirassismus-Maskeraden
„Alibi-Neger“ oder originelle Orientaler gebrauchen.
Mit „Mythen, Masken und Subjekte“ hat
der Verlag etwas Mutiges gewagt, was bisher in verschwiegenen Denkansätzen
versteckt war. Die Beiträge scheuen Konfliktstoffe nicht und
eröffnen eine für majoritäre Momente unangenehme
Debatte, die dokumentieren kann, daß die weißen Massen
auch gegenwärtig von der kollektiven Gedankengewalt der rassifizierten
Ressourcen gelenkt werden.
Der Band hat einen Mangel, was die Aktualität
der rassistischen Aussichten angeht. Denn die Autoren richten ihr
Augenmerk zentral auf die Hauptfarbe, bringen den Kulturalismus
nur in Marginalien. Nicht zuletzt Barack Husein Obamas Aufstieg
auf den Thron des nordamerikanisch demokratischen Imperiums kommt
dabei als ein Hinweis darauf, daß selbst der schwarze Abendländer
in den weißen Morgenländern das Menschengeschlecht minderwertiger
Werte sieht. Die Konturen zwischen Koloniesierten und Kolonisatoren
der westlichen Werte-Weltgemeinde werden immer schwächer, ethnisierte
bzw. kulturalisierte Konkurrenzen wachsen.
Weiße Fremdenfreunde, vor allem im integrationalen
Berufsstand und in interkulturellen Initiativen sowie Institutionen
haben die Kunst, die Werte-Gewicht des anderen zu marginalisieren
und es zum Objekt ihrer selektiv assimilatorischen Absichten zu
stilisieren.
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