XXX. Jahrgang, Heft 158
Sep - Dez 2011/3

 
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Letzte Änderung:
6.11.2011

 
 

 

 
 

 

 

MEINUNGEN–KARAWANSEREI

   
 
 


Verschleiern
Erkundungen im Reich des männlichen Blicks

Kleider machen Leute, zweifellos. Insbesondere freilich Frauen. Ob Orient, ob Okzident, ob Islam, Christentum oder Kulturindustrie: Kleidungsnormen betreffen Frauen um vieles extensiver und restriktiver als Männer. Es gleicht einem überkonfessionellen patriarchalen Gewohnheitsrecht. Gerade im entwickelten Kapitalismus inszeniert sich die Ästhetik des Markts primär am weiblichen Körper, speziell in der flächendeckenden Werbung. Frauen haben sich nicht nur im Handeln zu verdinglichen, sondern vor allem auch im Aussehen. Das ist eine der ihnen zugeschriebenen Hauptaufgaben.

Kleidung fungiert doppelt: als Schutz (Kälte, Hitze, Regen, Wind) und als Maske, letztere aufgefächert durch diverse Moden. Die erste Maskierung ist wohl die, nicht nackt sein zu dürfen, nicht zu viel Blöße zu zeigen, Scham zu entwickeln. Doch damit hat es sich nicht. Kleidung als Verkleidung, legt einen Schleier über die Person, die sie trägt. Bedeckung mag obligat sein, es ist aber zu fragen, wie weit sie reicht, welche Regionen ihr gehören, welche frei bleiben dürfen bzw. sollen. Weiters woraus das Material besteht, was es ausdrückt, ob es eng anliegt, somit Körperformen betont oder ob es gar durchsichtig ist, Haut nicht nur zeigt, sondern durchscheinend hervorhebt. Soll der Körperteil pointiert oder soll er versteckt werden? Ersteres exponiert sich in der Karriere des Netzes und seines prominentesten Vertreters, des transparenten Damenstrumpfs. Netz und Strumpf sind jedenfalls eindeutig dem Frauenkörper zugeordnet. Frauen sind Trägerinnen von Stoffen, wo angezogen und ausgezogen nicht unterscheidbar sind.

Netz und Strumpf sind der abendländische Schleier. Nicht in der Nacktheit, sondern in diesem Dazwischen liegt der Reiz, darin also, das Kleidung den Körper verhüllend enthüllt. Frauen haben die Transparenz ihres Geschlechts am Markt zu demonstrieren. Sie amtieren als Sondermarke. Westliche Frauen haben sich doppelt zu präsentieren. Abseits von Schamlosigkeit und Verlogenheit sollte klar sein, dass sie sexy zu sein haben. Appeal ist gefordert. So und nicht anders funktioniert die männliche Aufforderung zum Aufputz: „Putz dich auf, eher red ich nicht mit dir“, lässt Nestroy in einem Dialog der Geschlechter einen Mann Namens Schlucker sagen. „Es ist ein wirkliches Verdienst für ein Frauenzimmer, sich gut zu putzen“, schreibt Christian Grave in seinem Essay „Über die Moden“ (1792). „Da es zu den Endzwecken, welche die Natur sich mit diesem Geschlecht vorgesetzt hat, gehört, dass es gefallen soll, so ist jede Bemühung, die es anwendet, sich wirklich zu verschönern, seiner Bestimmung gemäß. Und es ist allerdings den Frauenzimmern erlaubt, mehr Zeit und Sorgfalt auf die Wahl und Anordnung ihrer Kleidung zu wenden, als wir Männer ihr widmen dürfe.“

Was ihre Ansichtigkeit betrifft, wird die Differenz der Geschlechter ausdrücklich gefordert. Damen- und Herrenwäsche, von den Dessous ganz zu schweigen, sind leichter zu unterscheiden als Frauen und Männer. Geschlechtsspezifische Mode ist Usus. Die Konstruktion der Geschlechter wird wohl in keiner Frage so deutlich wie in dieser, denken wir nur an das ganze Arsenal: an Schminke, Make-up, Schuhe, Hüte, an Unterwäsche und Röcke, an Strümpfe, Frisuren und chirurgische Eingriffe, an Lippenstift und Nagellack. Dies alles und viel mehr hat der Markt für den Frauenköper entwickelt und bereit gestellt, auf dass es auch Anwendung findet. Hinter diesem Vorhang der Idealisierung des Weiblichen kann sich nicht wenig Verachtung verbergen.

„Ich bin, was ich anziehe“. Welch Doppelsinn! Das spezifisch Angezogene fungiert als das spezifisch Anziehende. Mann sieht aber nicht nur, was Frau herzeigt, sondern was Mann im Auge hat. Die reizende Frau gibt die Sicht des Mannes wieder, die Sichtung des Körpers folgt einer maskulinen Vision. Ausziehen ist interessanter als das Ausgezogene, Verfügung interessanter als Nacktheit. Bürgerliche Erotik ist hochgradig auf dem Gegensatzpaar von Verfügung und Fügung aufgebaut. Die geschlechtliche Zuordnung ist eindeutig. Westlichen Gesellschaften dient die Frau jedenfalls auch zur Selbstaufreizung. Sie ist der zentrale Gegenstand penetrierender Blicke, es geht, wie die Sprache der Reklame es ausdrückt, um „eye-catching“. Nicht zu Unrecht wird verkündet, dass ihr Körper eine Waffe ist. Es ist nur die Frage, mit wessen Waffen wer hier scharf gemacht wird. Einmal mehr zeigt sich wie Fiktion in Wirklichkeit umschlägt: Die Projektion ist reales Projekt, weil Projektil eines Projektors. Pornographie ist nichts anderes als die Zuspitzung dieses männlichen Voyeurismus. Die Frau ist das sexualökonomisch aufgeladene Projekt der westlichen Hemisphäre. Diese versprüht eine eigene Atmosphäre, die wir wiederum als eigene verspüren. Treten wir aus dieser Atmosphäre aus, sind wir sogleich eigenartig berührt, ergreifen mental ihre Partei, auch ohne Parteigänger geworden zu sein.

„Die Kultur des Westens hat einen vagabundierenden Blick. Die männliche Sexualität ist immer auf der Jagd, lässt den Blick immer schweifen“, schreibt die Antifeministin Camille Paglia in ihrem Buch „Die Masken der Sexualität“. Es ist schon bezeichnend wie die Autorin einen korrekten historischen Befund sofort in eine Ontologie des Sexuellen überführt. Paglia ist pro Patriarchat, pro Kapitalismus, pro Mythos. Trotzdem ist ihr Werk von außerordentlichem Interesse, selbst wenn man ihre zentralen Aussagen für unrichtig erachtet. So wenn sie Sexualität naturalisiert: „Die Masken der Sexualität sind das Produkt der unvermittelten, ursprünglichen Alchimie der Nerven im Spannungsfeld aus innerem Antrieb und äußeren Alternativen.“ Der männliche Blick etwa ist warenförmiger Ausdruck der Moderne und ihrer Reklame. Pornographie ist nicht „unverfälschter heidnischer Bilderkult“, sondern schärfstes Konzentrat kapitalistischer Ikonographie.

An der Frau offeriert sich vielmehr demokratische Zurschaustellung. Ihre Zurichtung als Sexualobjekt ist Tatsache. Als optisches Signal soll es dem Mann versichern, dass es seine Welt ist, in der sie beide zu Hause sind. Die Aufrüstung des weiblichen Körpers ist obligat. Sie ist der Ort demonstrativer Selbstbeschau und Selbstinszenierung am Objekt. Um uns nicht misszuverstehen: Es ist ein substanzieller Unterschied, ob Frau sich darstellen muss oder ob sich darstellen will. Wobei die kulturindustrielle Normierung diese Differenz permanent einebnet, sodass Frauen (aber auch Männer) des öfteren weder erkennen noch fühlen, was da was ist. Das führt auch zur Verunsicherung der Geschlechter, was unmittelbare Deutungen angeht, wechselseitig, aber auch selbstbezogen.

Herrschende Bilder herrschen in uns durch uns. Sie kennen vor allem eine Richtung, und zwar vom männlichen Auge auf den weiblichen Körper. Der erste Eindruck von einer Frau ist, sieht man vielleicht von der Stimme ab, ein ausschließlich visueller. Der Scharfblick des Mannes auf die Frau ist optisch überdeterminiert. Wenn Mann eine Frau betrachtet, wirft der Spiegel des Marktes ein Bild, das dessen Kriterien als relevante vorerst einmal repliziert und ein entsprechenden Scan liefert. Das dabei entstandene Bild mag absolut falsch sein, sich etwa im Falle eines näheren Kennen lernen als völlig haltlos herausstellen und sich entsprechend umgestalten. Indes, dieser engere Kontakt tritt selten ein, zu dieser Intimität sind wir nur ausnahmsweise fähig. So bleibt also meistens ein Eindruck prägend, der an wenigen Äußerlichkeiten hängt. Einschätzung meint Eindruck.

Wir sehen nicht einfach Gegenstände, wir werfen objektivierte Blicke. Der Blick ist alles andere als unbefangen, er ist eine formatierte Größe der zweiten Natur, auch wenn er sich als sinnliche Gewissheit dünkt. Er ist eine synthetische, keine analytische Leistung. Das liegt auch daran, dass das Blicken haltlos ist, abläuft wie ein Film. Optische Betrachtung ist ein weitgehend kritikfreier und unreflektierter Bereich. Noch viel weniger als über Sprache und Schrift verfügen wir über den Blick. Dieser folgt vielmehr seiner sozialisierten Linse. Das männliche Auge, von dem primär die Rede ist, kapriziert sich, mag dem Besitzer das nun passen oder nicht. Die Magie der Bilder ist omnipräsent. Unsere Welt ist von Bildern umstellt, konsumiert von „Zwangsvoyeurs“ (Günther Anders). Weder Wissen noch Gewissen regulieren den Blick. Wir sprechen auf Reize an, ob wir wollen oder nicht. Eine geschlechtsspezifische Analyse dieses Blicks ist evident. Ebenso wichtig wäre auch eine Debatte über die Hierarchie der Sinne, ihre Modellierungen und Zulassungen, ihre Gebote und Verbote resp. deren Grundlagen. Dies wäre aber von ungemeinem Interesse, nicht nur betreffend den besonderen Charakter westlicher Frauenemanzipation, sondern auch, um die gesellschaftlichen Substrukturen der Kommunikation überhaupt offen legen zu können.

Bestimmte Raster des Islams wollen die Frauen als inferiore Subjekte, d.h. Subsubjekte von Markt und Staat definieren, ja sie geradezu abschirmen, indem man ihre Mündigkeit beschränkt. Solche Vorstellungen verweisen auf Desexualisierung und Degradierung im öffentlichen Raum. In diesen Verhältnissen sollen Frauen als verhangene Wesen kein Antlitz zeigen, Maske als Stoff ist Pflicht. Haben diese Frauen im Extremfall kein Gesicht mehr, so sollen westliche Frauen entsprechende Körper und adäquate Ansichten nicht nur herstellen, sondern auch den Blicken zur Verfügung stellen. Sexualisierung ist aber nicht als weibliche Erhöhung zu verstehen, sondern als männliche Erbauung. Was die veröffentliche Frau des Westens unbedingt sein soll, das darf die muslimische Frau partout nicht sein. Sollen erstere sich den Blickfängen darbieten, so dürfen letztere diese gar nicht erst zulassen. Der von strengen Auslegungen des Korans geprägte Schleier (aber auch schon das Kopftuch) etwa offenbart die ausschließliche Disponibilität der Frau für einen Mann. Ihre Privatisierung.

Öffentliche Dresscodes hingegen legen eine multiple Verfügung nahe, auf jeden Fall herrscht bezüglich Frauen optische Demokratie, zumindest bis zur Grenze des Stalking. Die gesellschaftliche Pflicht der Frau besteht darin, sich anschauen lassen zu müssen. Daher auch anschauen lassen zu können. Natürlich sind das hier idealisierte Masken, die rausgearbeitet wurden, nahe legen wollen wir aber, dass es sich um verschiedene Plateaus ein und derselben männlichen Werteskala handelt. Verschleierung ist nicht nur eine Form, die ausschließlich die orientalische Frau betrifft. Die Verschleierungen des Westens, was die Zurichtung des weiblichen Körpers betrifft lediglich eine andere. Sie ist inzwischen fast ausschließlich impliziten Charakters. Sie fällt als Besonderheit nicht auf, weil sie Selbstverständlichkeit ist.

Verhüllen und Enthüllen haben mehr gemeinsam als angenommen. Der Blick führt da auf die falsche Spur, wenn er Standpunkt beziehend, Norm und Abnorm scheidet. Indes, beide Modellierungen demonstrieren einen Zugriff auf das weibliche Objekt via Zurichtung. Beide Modellierungen wollen normierend sein, nicht bloß Möglichkeiten durchspielen, sondern Zwänge durchsetzen. Beide Modellierungen wollen den Körper der Frau und die Sicht darauf reglementieren, ihn auf keinen Fall ihr überlassen. Darf die eine kein öffentliches Lustobjekt sein, so hat die andere es zu wollen. Lust ist beide Male auf einer schiefen Ebene gelandet, so unterschiedlich die Varianz der Sexualität auch ausfällt. Privatisierung und Vergesellschaftung des Weiblichen setzen im Okzident wie im Orient auf unterschiedliche Akzentuierungen. Es ist bei aller Differenz aber nicht so, dass die einen einfach frei sind und die anderen unfrei. Doppelter Konsens ist, dass Frauen hier wie dort spezifischen Konventionen und Konditionierungen ausgeliefert sind, ihre Personifikation via Präsentation einen hochregulierten Bereich darstellt.

Die berechtigte Kritik des orientalischen Patriarchats lenkt ab von der Kritik des westlichen. Dieses, um vieles subtiler, verkauft sich ja heutzutage als feministischer Hort der Emanzipation. Es gendert. Gleichberechtigung bedeutet, dass die gleichen männlichen Regeln für Männer und Frauen gelten, manchmal inklusive positiver Diskriminierung zur Erzielung bestimmter Quoten. Der Westen prämiert sich, weil er die Frauen direkt in den Markt reingenommen hat; nicht nur reell unterworfen sind sie, sondern ihm auch formell zugehörig. Das Recht hat gesiegt, die Frau ist vollwertige Staatsbürgerin geworden. Das und nicht mehr meint Gleichberechtigung - und zweifellos, es ist auch eine. Der männliche Maßstab differenziert sich nicht in Zugangsbeschränkungen, auch wenn es diese noch gibt. „Frauen an den Herd!“ ist auf der politischen Ebene ein Minderheitenprogramm. Bürgerliche Frauenbefreiung besteht darin, männliche Maßstäbe auf einen einzigen zu reduzieren, auf dass alle die gleichen Rechte und Pflichten haben. Das führt dann oft zu grotesken Erscheinungen: zu Frauen, die partout ihren Militärdienst ableisten wollen oder zu Männern, die die Anhebung des Pensionsalters für Frauen einfordern. Derlei gerichtsanhängige Klagen haben ob der offensichtlichen Verletzung des Gleichheitsgrundsatzes gute Erfolgschancen.

Was die sozialen Bewegungen der letzten 200 Jahre charakterisiert, ist wohl dies: Alle haben dezidiert oder uneingestanden den weißen Mann des Westens zum Leitbild. Alle wollen irgendwie seine Rechte in Anspruch nehmen: die Arbeiter, die Frauen, die Kolonisierten, die Minderheiten und die Mehrheiten. Der Kampf um Rechte, um Gerechtigkeit und Gleichberechtigung, war stets ein immanenter. Diese Begehren übernehmen den Maßstab der Herrschaft und schreien nach ihrem Quantum. Noch heute wandern viele in jene Länder ein, in denen solch persönliche Ziele am ehesten möglich erscheinen. Bürger wollen sie werden, in doppeltem Sinne: Staatsbürger und Besitzbürger. Die Anziehungskraft ist hier zweifellos immer noch um vieles stärker als jede Sprengkraft. Und jetzt sage niemand, erstere sei Folge einer Illusion. Aber selbstverständlich!

Franz Schandl


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Machthabers Ohnmacht

Manchmal scheinen sich alle Varianten menschlichen Verhaltens nahezu ausschließlich zwischen Macht und Ohnmacht abzuspielen. Dabei gilt Macht über Andere zwar nicht unbedingt als moralisch einwandfrei, aber Macht über sich selbst nahezu immer als tugendhaft und erstrebenswert. Ohnmacht, hingegen, gleicht jenem todesähnlichen Zustand, der das Leben beinahe vollkommen einschränkt und bis auf die fehlende Bewusstlosigkeit alle Symptome mit der körperlichen Ohnmacht teilt.

Als selbst ernannte Herren der Schöpfung hassen Menschen nichts mehr als Hilflosigkeiten, vor allem jene, in die sie geraten, wenn ihre vermeintlich besseren Einsichten und Absichten sich Uneinsichtigen nicht vermitteln lassen. Jene unerträglichen Gefühle, die Eltern und jugendliche Kinder in deren Pubertät täglich aufs Neue erleiden, gehören dazu.

Komplizierter wird es, wenn sich aber jene Ohnmacht nicht mehr mit verrückt spielenden Hormonen Jugendlicher erklären lässt, da alle Beteiligten Jahre über das Pubertätsalter hinausgewachsen sind.

Zudem empfinden wir Ohnmacht vor allem, wenn wir uns als Mensch gleichzeitig sowohl einsichtig als auch uneinsichtig empfinden, wenn wir zwar einsehen, aber nicht nach Vernunft und Einsicht zu handeln vermögen.

Besonders schmerzlich wird es, wenn diese uneinsichtig Einsichtigen zu den politischen und/oder gewinnträchtigen Machthabern unserer Gesellschaft gehören und vorgeben, nur das Beste für Bürgerinnen und Bürger, für Anleger und Sparer, Arbeitnehmer und Kunden zu wollen, auch wenn jeder ahnt, dass sie das Beste ausschließlich (oder wenigstens größtenteils) für sich behalten wollen.

Dem Wachstumswahn emotional und intellektuell erlegen, predigen jene Mächtigen den ohnmächtig Unterlegenen die Tugend des Sparens und des Verzichts, um das Eingesparte letztlich ihrem eigenem Reichtum und ihrer Macht einzuverleiben.

Wachstum und Gewinne sind für sie die Garanten, auf der Seite der Mächtigen zu sein. Mit dem Streben nach Macht und dem im Kapitalismus unabdingbaren Machtmittel Geld verbannen sie andere in ständig zunehmende Machtlosigkeit.

Nun sind allerdings genau diejenigen, die sich ohnmächtig ihrer Sucht nach Macht und Geld ausliefern, die eigentlich Ohnmächtigen.

Macht macht bekanntlich süchtig und Sucht am Ende vor allem ohnmächtig. Nicht umsonst prophezeite Marx dem Kapitalismus, er werde sich zu Grunde richten.

Überzeugte Wachstumsideologen sind durch ihr gieriges Streben nach Grenzenlosigkeit eingeschränkt. Sie sind nicht in der Lage, real vorhandene Grenzen zu akzeptieren, sind ständig auf der Suche nach Lücken, um Hindernissen auszuweichen, die ihrem Ziel im Wege stehen.

Ihr Ziel heißt einfach nur Mehr. Mehr an Macht, mehr Anerkennung, mehr davon, der Einzige zu sein. Der Einzige, der an der Spitze steht und zu dem schließlich alle aufschauen, auch wenn er sich so weit von ihnen fern halten muss, dass sie ihn und seinen Besitz nicht mehr erreichen können. Hilflos ist er seiner Sucht nach mehr ausgesetzt.

Politiker geben sich gern volksnah (aber nicht populär).

Vorzugsweise spicken sie ihre Reden mit Beispielen aus dem Fußball. Sie bevölkern bei Länder- und wichtigen Bundesligaspielen die VIP-Tribünenplätze, bemühen sich um spontane Jubelausbrüche und, wenn nötig, um Trost spendende Interviews für die Verlierermannschaft.

Hier ist man/frau dem Volk nah und doch nicht zu nah. Hier fühlt sich der höhere Politiker in die ihm nicht mehr so bekannte Volksseele ein, um bei seinen Reden den richtigen emotionalen Ton zu treffen. Hier erlebt er unmittelbar mit, wie Spielerstars und Mannschaften Massen beeinflussen und der Beifall der Massen Mannschaften zum Sieg treibt.

Ein Spiel ohne Publikum kann gar als Strafe verhängt werden, wenn sich die Mannschaft oder deren Anhängerschaft eines erheblichen Vergehens schuldig gemacht haben. Beide - Mannschaft und Fans sind dann kurzfristig auf Entzug, um beim nächsten Mal umso deutlicher zu spüren, wie schön es ist, auf einander angewiesen zu sein.

Machthaber brauchen Beifall, ob nun beim Bad in der Menge, durch positive Umfrageergebnisse, Applaus der Parteigenossen, Zustimmung der Kunden oder Mitarbeiter oder durch Wiederwahl.

Doch keine Macht kann ohne Ohnmacht leben, ohne Ohnmächtige, die signalisieren, dass sie auf Macht verzichten, um sie scheinbar Mächtigeren zu überlassen. Obwohl wir Bürger wissen, das Wachstum Grenzen hat, lassen wir uns dennoch von Wirtschaftsbossen und -politikern immer wieder von der Unverzichtbarkeit ständigen Wachstum als Grundlage für wachsenden Wohlstand überzeugen.

Wie in einer „guten“ Alkoholiker-Ehe, trinkt der eine Partner und der andere Partner deckt dessen Trunksucht. Abhängig sind beide.

Aus Angst vor eigener Verantwortung und Wachstumsstau bemächtigen Bürger Macht missbrauchende Politiker. Dabei entsteht jene Co-Abhängigkeit der Bürger, die ihre Macht über sich selbst an vermeintlich Mächtigere abgeben.

Wer Wahlen als Machtabgabe versteht und sich für die Zeit der Wahlperiode politisch bewusstlos gibt, verdient eine Politik machtversessener Mandatsträger gegen sich und seine Interessen.

Jeder Suchttherapeut und jeder trockene Alkoholiker sowie cleane Drogensüchtige weiß es: Einem Süchtigen ist nicht zu trauen, wenn er Stoff benötigt. Er neigt zur Beschaffungskriminalität, zu Diebstahl, Betrug, Urkundenfälschung. Und auf Wahrheit kann er schon gar keine Rücksicht nehmen, muss er doch, koste es, was es wolle, an seinen Stoff kommen…

Und wenn der Stoff Macht heißt, ist es kaum ein Wunder, wenn wachstumsgeile, geldgierige und machtsüchtige Vorstandschefs, Mandatsträger und Bankbosse auf dem Weg nach Oben und nach Mehr korrupt werden und mit Falschaussagen ihre Karriere fortzusetzen versuchen.

Suchtgefährdete brauchen Grenzen, deren Einhaltung ständig kontrolliert werden muss. Demokratie ist Volksherrschaft. Und die kann von seinem Volk nicht sich selbst überlassen werden. Sie ist weder etwas für Abhängige noch für Machtsüchtige und Untertanen. Jeder vernünftige Bürger weiß das und ist dennoch häufig nicht in der Lage, nach jener Vernunft und Einsicht zu handeln.

Offenbar lebt die Menschheit in einem Käfig voller Narren, von denen lieber jeder glaubt, nicht darin gefangen zu sein.

Karl Feldkamp


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Zum »Präventionsgipfel gegen die Radikalisierung Muslime«

Ich schicke Ihnen hier einen Internet-Artikel zum „Präventionsgipfel gegen die Radikalisierung der Muslime“ aus der Süddeutschen Zeitung vom 24. Juni 2011 zu. ... Es geht mir bei meinem Kommentar zu dem Artikel vorwiegend um den rechtskonservativen CSU-Politiker und Innenminister Friedrich, der letztlich alle hier lebenden Muslime unter den Generalverdacht stellt, zu Terroristen werden zu können oder zu werden. Dahinter verbirgt sich bei diesem Minister eine komplette Anti-Haltung gegenüber den hier lebenden Muslimen; denn wer so vorgeht und solche Gedanken hegt, der hat eine ausgeprägte Phobie gegenüber den Muslimen und würde sie am liebsten aus Deutschland/Europa weghaben wollen. Selbstverständlich hat der Zentralrat der Muslime Recht mit seiner Entgegnung, dass es sich bei jenen, die sich radikalisieren und zu Terroristen oder sog. Hasspredigern werden, wie es immer so schön heißt, um eine sehr kleine Minderheit handelt. Aber das ist diesem rechtskonservativen islamophoben Friedrich völlig egal. Er will ja bewusst die Angst der Deutschen vor den Muslimen schüren, sonst würde er eine solchen „Gipfel“ nicht einberufen. Zu dem ist es mal wieder typisch, hier die Verbindung zu dem Phantom Al-Qaida herzustellen, ein Gespenst, dass es gar nicht gibt. Auch damit will man Angst schüren. Denn das sog. weltweite Terrornetzwerk dieser gefährlichsten aller gefährlichen Organisationen, eine Organisation, die vor kurzem angeblich in Pakistan auf einem Kongress den Nachfolger von Bin Laden gewählt hat, die einen „Außenminister“ und einen „Botschafter“ zur Pakistanischen Regierung (die mit dem Geheimdienst dort in etwa gleichgesetzt wird) besitzt und zudem auch einen „heimlichen Botschafter“ in die UNO eingeschleust hat, um diese zu unterwandern usw., ein Netzwerk, bei dem aber - so diese verbreitete Ideologe - weiterhin wie auch früher schon alle Gruppen oder Einzelpersonen unabhängig voneinander auf eigene Faust handeln (also real gesehen ein Netzwerk gar nicht existiert), stellt derzeit das größte weltweite Phantasieprodukt zur Einschüchterung der Bevölkerung aus dem Repertoire der HerrschaftsIdeologien dar, wie diese gerade auch im „Westen“ verbreitet werden. Friedrich ist ein Anhänger dieser „Theorie“ und somit ein großer Verkünder dieser Herrschaftsideologe; das hat er schon wenige Tage, nachdem er sein Amt als Innenminister antrat, öffentlich kund getan. Seine Islamophobie zeigt sich umso mehr darin, dass er nun die offenbar überall im Schwange seiende Radikalisierung der Muslime mit dem „weltweiten Terrornetzwerk Al-Qaida“ direkt in Verbindung bringt. Einem solchen Aufhetzer sollte man sich eigentlich über die Presse entschieden entgegen stellen; aber das werden wieder nur die Muslime selbst und einige alternative Blätter tun, die meisten Zeitungen sind dafür zu opportunistisch - sie müssen sich ja mit der „hohen Gesellschaft“ in der Politik gut stellen...

Norbert Cobabus

   

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