XXVIII. Jahrgang, Heft 152
Sep - Dez 2009/3
 
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Letzte Änderung:
18.10.2009

 
 

 

 
 

 

 

MEINUNGEN - KARAWANSEREI


   
 
 


Hartz-IV-Menü forte

Es funktioniert natürlich nur - das Ganze -, wenn man rechtzeitig vor dem allerletzten Zwangstermin, seine Rückstände beim regionalen Stromversorger rechtzeitig abgestottert hat. Es kann unterschieden werden zwischen Hartz-IV forte und retard, wir bereiten forte wegen der größeren Schmackhaftigkeit.

Man nehme also einen Kühlschrank, kippe ihn um 45 Grad nach vorne- heraus kommt kalte Luft -, die wie Sie sich vorstellen können sofort nach unten sinkt, wo aber schon der Topf wartet, um die kalte Luft aufzufangen.

Also sofort Deckel drauf, damit sich die kalte Luft nicht vorzeitig erhitzt und auf den altersschwachen Topf nicht zuviel Druck ausgeübt wird, sozialer natürlich.

Den Topf stelle man auf die Herdplatte und schalte diese auf kleine Stufe, mehr geht ja sowieso nicht.

Nun warte man mitunter Stunden, bis die kalte Wut, äh kalte Luft, leicht vor sich hin zu köcheln beginnt.

Dabei zurücklehnen und die Aussicht aus dem Fenster genießen; das entspannt und kostet nichts. Schließlich ist die kalte Wut, äh kalte Luft, durchgegart und es ist mit dem Würzen zu beginnen. Ein Kochlöffel Salz, etwas Tafelöl, Essig und zur Verfeinerung Ketchup. Falls Ketchup ausgegangen ist, tut’s auch rote Dispersionsfarbe, die rein zufällig mal im Treppenhaus stehen geblieben ist. Damit das Ganze nicht zu rot wird, einen Esslöffel schwarzen Pfeffer unter ständigem Rühren beigeben. Gibt dann Lila, wie der letzte Versuch. Rühren, ständig rühren, sonst wird’s nichts mit dem Essen!

Sodann stürze man den Topf umgekehrt auf den Boden, wo sich noch ein paar Krümel von der letzten bar bezahlten Semmel von vor zwei Wochen befinden, eine willkommene Beigabe, wegen der Kohlehydrate. Nun nehme man einen Metallbohrer und bohre auf der Topfunterseite, die jetzt die Oberseite ist, ein Loch, etwa genauso groß, wie die Finanzierungslücke im Haushalt.

In das Loch - endlich kommt was zum Einführen -, führe man ein Metallrohr ein. Metall wegen der Hitze des sozialen Kessels, äh nein, des roten Topfs. Ersatzweise ist da auch ein Auspuffrohr möglich, das man an jeder vielbefahrenen Straße wie zufällig mitgehen lassen kann.

Nun darf zu Tisch, genauer gesagt, zu Boden gebeten werden. Auch Mänätscher sind herzlich eingeladen, die vor lauter Huftsteaks, die es im Knast gibt, schon total verfettet sind.

Damit die heiße Luft nicht zu schnell in den Magen gerät, vollführe man nach jedem Schnapper aus dem Auspuffrohr, etwa zwei Dutzend Liegestütze, summe dazu leise die Internationale, das stimmt fröhlich und den Magen freundlich, grinse dabei die Mänätscher an, die die Melodie natürlich nicht kennen und schnappe immer wieder mal heiße Luft.

Zum Trinken gibt’s dazu Hahnenwasser, das im Zuge eines Sale-and-Lease-back-Geschäfts, zwar immer noch aus den Tiefen des Bodensees stammt, aber in Amerika von einem Grossinvestor neu verpackt und mit der Geschmacksrichtung Hängulin forte versehen, auf den deutschen Markt zurückgeworfen wurde. Globalisierung nennt man das in Fachkreisen.

Das Menü genügt modernsten gesundheitlichen Anforderungen, hält schlank, ist ausgewogen schwarz-rot und mindert die sexuelle Aggression. Sollte das Essen aus irgendwelchen Gründen nicht gelingen, z.B. wegen Flugzeugabstürzen, Erdbeben, Kriegswirren oder dergleichen mehr, kann man und Gäste immer noch das Gleiche zu sich nehmen wie gestern, nämlich nichts.

Guten Appetit!

Fred Luhde

Ludwigsburg

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Integration und die Rolle der Medien

Innerhalb der letzten Monate wurden zwei Studien über die Migranten dieses Landes veröffentlicht und brachte zwei gegensätzliche Ergebnisse. Während die Studie des Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung den Türken in Deutschland „Integrationsunfähigkeit“ bescheinigt, stellte die andere Studie von „Sinus Sociovision“, von der Antidiskriminierungs-Stelle des Bundes am 2. April offiziell vorgestellt, die Befunde und Analyse der anderen in Frage.

Wie kam es, dass die Berliner Studie „Ungenutzte Potentiale“ bei der Medien so großen Anklang fand und die Studie „Diskriminierung im Alltag“ der Antidiskriminierungs-Stelle des Bundes unbeachtet blieb?

In der Berliner Studie, in der die Problematik sehr pauschal und undifferenziert behandelt wird und die außerdem statt auf „Integration“ in Wirklichkeit auf „Assimilation“ abzielt, werden insbesondere die türkischen Migranten als in die deutsche Mehrheitsgesellschaft integrationsunwillig herauskristallisiert. Folgende Aspekte spielen bei dieser Schlussfolgerung eine Rolle:

• Gründung von Parallelgesellschaften,

• Vorstellungen und Werte (vor allem auch die Religion) passt nicht zu den Grundwerten der deutschen Mehrheitsgesellschaft,

• kulturelle Besonderheiten und unterschiedliche Lebensweise werden auch nach Jahren immer noch beibehalten und praktiziert,

• häufige Schul- und Berufsabgänge (30 Prozent) und geringe Abiturerwerb (14 Prozent),

• nur ca. 5% Eheschließungen mit Einheimischen,

• wenig Interesse an der deutschen Staatsangehörigkeit (32 Prozent).

Ohne Faktoren, wie Chancenungleichheit, Benachteiligungen und hohe Hürden, die der Realisierung dieser Punkte im Wege stehen, zu berücksichtigen, werden die Opfer mit dieser Studie zu Tätern gemacht. Die Studie von „Sinus Sociovision“ dagegen beleuchtet das Leben der Migranten in Deutschland von einer ganz anderen Seite: In Deutschland besteht auch heute noch wenig Interesse, sich mit Diskriminierung von Minderheiten zu befassen. Nur 5% sind ernsthaft daran interessiert, dagegen vorzugehen. Ansonsten bleibt es bei Lippenbekenntnissen oder man ist sogar froh, privilegiert zu sein.

Das Bild, das in Deutschland von Migranten herrscht, ist häufig klischeebehaftet und einseitig. Was Integration angeht, spielen die Medien eine sehr wichtige Rolle. Sie können Vorurteile in der Gesellschaft verstärken oder zum Abbauen helfen, wenn sie möchten. Trotzdem zeichneten die Medien lange Zeit kein objektives, undifferenziertes Bild von den Migranten in Deutschland. Die Integration zwischen den Generationen blieb z.B. bisher unberücksichtigt. Die Frau mit Kopftuch blieb sehr häufig als Symbol für die Mehrzahl der Türken. Bei der Begriffswahl und Sprache in den Migrationsberichten herrschte keine Sensibilität. Migranten werden häufiger mit Kriminalität und Gewaltdelikten in Verbindung gebracht als Deutsche. Sie werden häufiger in Zusammenhang mit Kosten genannt, die sie den Deutschen aufbürden und als Fremdkörper dargestellt. Sie erscheinen als Bedrohung. Häufig wird pauschal über Moscheebauten in Parallelgesellschaften, über unterdrückte Frauen mit Kopftuch und Zwangsehen, über Schläfer, Hassprediger berichtet. Falsche Angaben und Zahlen bekräftigen dieses Bild. So ist z. B. von 20.000-30.000 Zwangsehen in Deutschland die Rede (deutscher Begriff: Familiendrama), trotz Nachfrage wurden diese Zahlen von offizieller Seite nicht bestätigt.

Die Medien haben bis heute im großen und ganzen ihren Beitrag zur Integration nicht geleistet und sind vor allem Sprachrohr der wahren Integrationsunwilligen. Sämtliche Integrationsbemühungen der Migranten werden bis heute durch Negativdarstellungen torpediert.

Es liegt auch - sogar zu einem nicht zu unterschätzendem Teil - an den Medien, wie die Integration der Migranten in Deutschland voranschreitet. Sie beeinflussen die Akzeptanz der MigrantInnen durch die Aufnahmegesellschaft und nehmen dadurch den Rechten den Wind aus den Segeln.

Das Superwahljahr 2009 steht vor der Tür und wir MigrantInnen hoffen, dass auch die Medien an einer ausgewogenen Berichterstattung interessiert sind und nicht - wie schon so oft zu Wahlkampfzeiten - mitwirken, rassistische Einstellungen in der Bevölkerung zu produzieren und zu stabilisieren und damit eine Mit-Verantwortung am Erstarken rechter Parteien tragen.

Arslan Yilmaz

Berlin

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Sozialromantik

Ein Zimmer, Außenklo, keine Dusche, keine Heizung, ein Waschbecken, an dem sich alles befindet: die dreckige Pfanne, die Kaffeetassen, Zahnbürste, Rasierzeuch und Waschlappen. Ein Handtuch, das schon seit 2002 da hängt (jedenfalls kommt es mir so vor). Kein Bett, dafür zwei stinkende Matratzen übereinander. Ein Ofen, der aber nicht beheizbar ist, weil er vollgestopft ist mit Büchern, Belegexemplaren von Literaturzeitschriften, Zetteln, und obendrauf stehen hochkant zwei Stühle, die der Vormieter hier vergessen hat. Ein an den Türrahmen genagelter Stoffetzen ersetzt die Tür vom Flur in die Küche; auf die Tür von der Küche in die Stube wird gleich ganz verzichtet. Bücher, Ordner, Bildchen, Heftchen, Klamotten, Kekse, alles drunter und drüber. Dazwischen überall Lampen, Verlängerungskabel und Glühbirnen, denn der, der hier wohnt, kann das Tageslicht nicht zum „Arbeiten“ benutzen, da er nachts „arbeitet“. Am liebsten wäre es ihm, wenn die Wohnung Schimmel hätte, im Keller läge oder es durchs Dach reinpißt. Dann wäre er in seinem Element. Aber das läßt die Hausverwaltung nicht zu - das Treppenhaus wurde frisch saniert, und sogar zu ihm kamen sie rein, weil alle Partien des Hauses moderne DSL-Anschlüsse in die Wand kriegen. Auch die von den Ewiggestrigen. „Was soll ich mit dem Scheiß?“ klagt er.

„Du lebst wie ne Ratte“, sage ich.

„Früher haben die Leute alle so gelebt!“ ereifert er sich. „Früher haben in so ner Wohnung sogar fünf, sechs Personen gelebt! Oder noch mehr! Früher...“

„Aber deshalb brauchst du das doch jetzt nicht zu imitieren“, sage ich. „Glaubst du, die Leute früher fanden das toll, so zu leben?! Die freuten sich doch auch, wenn sie mal etwas mehr Geld hatten und raus konnten aus dem engen Dreck!“

„Du verstehst das nicht“, sagt er trotzig. „Du bist halt nicht links. Ich bin links, ich steh dazu, arm zu sein. Du denkst immer bloß ans Geld.“

Jesusmaria. Was hat Sozialromantik mit „links“ zu tun? Ich bin auch arm, aber deshalb brauche ich doch nicht in meiner eigenen Scheiße zu ersticken. Außerdem: die Leute, die „früher“ so gehaust haben, die waren nicht den ganzen Tag zuhause, fraßen Kekse, schrieben Gedichte und kamen sich „links“ vor wie er, sondern die ARBEITETEN! Wenn er vor hundertfünfzig Jahren in dieser Wohnung gewohnt hätte, dann hätten ihn die linken Arbeiter, die dort sonst noch wohnten, rausgeschmissen! „Son Drohne, geht nicht arbeiten, kriegt Stütze von unserem sauer erarbeiteten Geld, sitzt auf seinem Arsch und fühlt sich auch noch als einer von uns! Stopft ihm das Maul mit seinen Gedichten!!“ Und Exit...

Zumal er ja arbeiten KÖNNTE. Er hat nichts, keine Behinderung, weder physisch noch psychisch, er ist intelligent, kräftig, kann witzig sein, liebevoll, humorvoll, zärtlich, eloquent. Wer ihn in einem Café zum erstenmal sieht, ist von ihm entzückt. Wer ihn in seiner Butze besucht, kriegt einen Schreck. Denn sein einziges Problem ist: er ist faul. Stinke-, stinkefaul. Aber Faulheit ist definitiv nicht „links“, und „ans Geld denken“ ist auch nicht „nicht links“. „Ans Geld denken“ immer gleichzusetzen mit „Millionen“ und „Heuschrecken“ und „Kapitalisten“, das ist es, was mir in diesem Milljöh zu den Gedärmen raushängt.

„Ans Geld denken“ müssen die, die keins haben. Das verbindet mich mit den linken Arbeitern vor hundertfünfzig Jahren. Aber die Sorte Kulturstützi wie er, die muß sich natürlich nicht ums Geld kümmern, die kriegt ihre Dauerarbeitslosenstütze und ist fein raus, sitzt auf seinem Arsch, muß nicht arbeiten, kommt sich toll und „arm“ vor und imitiert Zilles Milljöh.

Und ne Geldfrage ist der Zustand seiner Zelle auch nicht, sondern eine Frage der Lethargie. Wenn er schon so „bescheiden“ ist, wie er sagt, „wenig braucht“, warum entmüllt er dann seine Zelle nicht mal radikal von dem Zivilisationsmüll, der da rumliegt, den er eh nie braucht?! Trägt den Scheiß vom Vormieter zu diesem zurück oder stellt es zum andern Sperrmüll auf die Straße; wirft die Haufen alter Zeitungen weg (früher hat er die gebraucht, weil er früher noch ne Literaturgazette geklebt hat - heute nicht mehr); verarbeitet die Stühle zu Brennholz, auf denen er nie sitzt - oder tauscht sie bei jemandem gegen Nägel und Hammer und nagelt mal seine losen Bretter aneinander, die ihm überall als „Tisch“ dienen, und macht einen richtigen Tisch draus; undsoweiter. Ein Heizlüfter steht da rum, ein Fön, ein Ventilator - alles nutzloser Zivilisationsklump, den er nicht brauchen würde, wenn er seinen Ofen beheizbar machen und einen Gang zu den Fenstern schaufeln würde, damit man diese öffnen kann.

Die linken Arbeiter von damals hätten sich solchen Schnickschnack gar nicht leisten können.

Klar, Bettgestell, Kleiderschrank, Küchenschränke - das kann man als „bürgerlich“ abtun und sagen: brauch ich alles nicht, ich bin auch so glücklich! Aber ohne das alles summiert sich halt der Messiefaktor, dann muß man den Kaffee zwischen den Socken und den Wecker zwischen den alten Zeitungen suchen - und Suchen macht ihn verrückt, das weiß ich aus Erfahrung. Wenn er ein spezielles Teil aus seinem Kruschthaufen nicht findet, rennt er gereizt rum und klagt einem ununterbrochen ungefragt sein Leid. „Glück“ sieht anders aus.

Und „Linkssein“ sieht für mich anders aus, weil ich die Szenen von Zille und aus Fallada mit einem Appell verbinde - sie sagen mir nicht „du mußt so leben wie wir, dann bist du links“, sondern: „so ein Leben ist menschenunwürdig! Leute, seht euch das an! So darf es nie wieder sein!“ Sich mit Arbeit und Willen aus diesem Rattenloch raushelfen, DAS ist für mich links. Sich mit Hartz IV füttern lassen und den Dümpelbarden spielen, das ist das Gegenteil.

Soviel heute hierzu: die Sozialromantik der „linken“ „Alternative“ geht mir manchmal wieder schwer aufn Eileiter.

Ní Gudix

Berlin

   

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