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Verschleiern
Erkundungen im Reich des männlichen Blicks
Kleider machen Leute, zweifellos. Insbesondere freilich Frauen.
Ob Orient, ob Okzident, ob Islam, Christentum oder Kulturindustrie:
Kleidungsnormen betreffen Frauen um vieles extensiver und restriktiver
als Männer. Es gleicht einem überkonfessionellen patriarchalen
Gewohnheitsrecht. Gerade im entwickelten Kapitalismus inszeniert
sich die Ästhetik des Markts primär am weiblichen Körper,
speziell in der flächendeckenden Werbung. Frauen haben sich
nicht nur im Handeln zu verdinglichen, sondern vor allem auch im
Aussehen. Das ist eine der ihnen zugeschriebenen Hauptaufgaben.
Kleidung fungiert doppelt: als Schutz (Kälte,
Hitze, Regen, Wind) und als Maske, letztere aufgefächert durch
diverse Moden. Die erste Maskierung ist wohl die, nicht nackt sein
zu dürfen, nicht zu viel Blöße zu zeigen, Scham
zu entwickeln. Doch damit hat es sich nicht. Kleidung als Verkleidung,
legt einen Schleier über die Person, die sie trägt. Bedeckung
mag obligat sein, es ist aber zu fragen, wie weit sie reicht, welche
Regionen ihr gehören, welche frei bleiben dürfen bzw.
sollen. Weiters woraus das Material besteht, was es ausdrückt,
ob es eng anliegt, somit Körperformen betont oder ob es gar
durchsichtig ist, Haut nicht nur zeigt, sondern durchscheinend hervorhebt.
Soll der Körperteil pointiert oder soll er versteckt werden?
Ersteres exponiert sich in der Karriere des Netzes und seines prominentesten
Vertreters, des transparenten Damenstrumpfs. Netz und Strumpf sind
jedenfalls eindeutig dem Frauenkörper zugeordnet. Frauen sind
Trägerinnen von Stoffen, wo angezogen und ausgezogen nicht
unterscheidbar sind.
Netz und Strumpf sind der abendländische Schleier.
Nicht in der Nacktheit, sondern in diesem Dazwischen liegt der Reiz,
darin also, das Kleidung den Körper verhüllend enthüllt.
Frauen haben die Transparenz ihres Geschlechts am Markt zu demonstrieren.
Sie amtieren als Sondermarke. Westliche Frauen haben sich doppelt
zu präsentieren. Abseits von Schamlosigkeit und Verlogenheit
sollte klar sein, dass sie sexy zu sein haben. Appeal ist gefordert.
So und nicht anders funktioniert die männliche Aufforderung
zum Aufputz: „Putz dich auf, eher red ich nicht mit dir“,
lässt Nestroy in einem Dialog der Geschlechter einen Mann Namens
Schlucker sagen. „Es ist ein wirkliches Verdienst für
ein Frauenzimmer, sich gut zu putzen“, schreibt Christian
Grave in seinem Essay „Über die Moden“ (1792).
„Da es zu den Endzwecken, welche die Natur sich mit diesem
Geschlecht vorgesetzt hat, gehört, dass es gefallen soll, so
ist jede Bemühung, die es anwendet, sich wirklich zu verschönern,
seiner Bestimmung gemäß. Und es ist allerdings den Frauenzimmern
erlaubt, mehr Zeit und Sorgfalt auf die Wahl und Anordnung ihrer
Kleidung zu wenden, als wir Männer ihr widmen dürfe.“
Was ihre Ansichtigkeit betrifft, wird die Differenz
der Geschlechter ausdrücklich gefordert. Damen- und Herrenwäsche,
von den Dessous ganz zu schweigen, sind leichter zu unterscheiden
als Frauen und Männer. Geschlechtsspezifische Mode ist Usus.
Die Konstruktion der Geschlechter wird wohl in keiner Frage so deutlich
wie in dieser, denken wir nur an das ganze Arsenal: an Schminke,
Make-up, Schuhe, Hüte, an Unterwäsche und Röcke,
an Strümpfe, Frisuren und chirurgische Eingriffe, an Lippenstift
und Nagellack. Dies alles und viel mehr hat der Markt für den
Frauenköper entwickelt und bereit gestellt, auf dass es auch
Anwendung findet. Hinter diesem Vorhang der Idealisierung des Weiblichen
kann sich nicht wenig Verachtung verbergen.
„Ich bin, was ich anziehe“. Welch Doppelsinn!
Das spezifisch Angezogene fungiert als das spezifisch Anziehende.
Mann sieht aber nicht nur, was Frau herzeigt, sondern was Mann im
Auge hat. Die reizende Frau gibt die Sicht des Mannes wieder, die
Sichtung des Körpers folgt einer maskulinen Vision. Ausziehen
ist interessanter als das Ausgezogene, Verfügung interessanter
als Nacktheit. Bürgerliche Erotik ist hochgradig auf dem Gegensatzpaar
von Verfügung und Fügung aufgebaut. Die geschlechtliche
Zuordnung ist eindeutig. Westlichen Gesellschaften dient die Frau
jedenfalls auch zur Selbstaufreizung. Sie ist der zentrale Gegenstand
penetrierender Blicke, es geht, wie die Sprache der Reklame es ausdrückt,
um „eye-catching“. Nicht zu Unrecht wird verkündet,
dass ihr Körper eine Waffe ist. Es ist nur die Frage, mit wessen
Waffen wer hier scharf gemacht wird. Einmal mehr zeigt sich wie
Fiktion in Wirklichkeit umschlägt: Die Projektion ist reales
Projekt, weil Projektil eines Projektors. Pornographie ist nichts
anderes als die Zuspitzung dieses männlichen Voyeurismus. Die
Frau ist das sexualökonomisch aufgeladene Projekt der westlichen
Hemisphäre. Diese versprüht eine eigene Atmosphäre,
die wir wiederum als eigene verspüren. Treten wir aus dieser
Atmosphäre aus, sind wir sogleich eigenartig berührt,
ergreifen mental ihre Partei, auch ohne Parteigänger geworden
zu sein.
„Die Kultur des Westens hat einen vagabundierenden
Blick. Die männliche Sexualität ist immer auf der Jagd,
lässt den Blick immer schweifen“, schreibt die Antifeministin
Camille Paglia in ihrem Buch „Die Masken der Sexualität“.
Es ist schon bezeichnend wie die Autorin einen korrekten historischen
Befund sofort in eine Ontologie des Sexuellen überführt.
Paglia ist pro Patriarchat, pro Kapitalismus, pro Mythos. Trotzdem
ist ihr Werk von außerordentlichem Interesse, selbst wenn
man ihre zentralen Aussagen für unrichtig erachtet. So wenn
sie Sexualität naturalisiert: „Die Masken der Sexualität
sind das Produkt der unvermittelten, ursprünglichen Alchimie
der Nerven im Spannungsfeld aus innerem Antrieb und äußeren
Alternativen.“ Der männliche Blick etwa ist warenförmiger
Ausdruck der Moderne und ihrer Reklame. Pornographie ist nicht „unverfälschter
heidnischer Bilderkult“, sondern schärfstes Konzentrat
kapitalistischer Ikonographie.
An der Frau offeriert sich vielmehr demokratische
Zurschaustellung. Ihre Zurichtung als Sexualobjekt ist Tatsache.
Als optisches Signal soll es dem Mann versichern, dass es seine
Welt ist, in der sie beide zu Hause sind. Die Aufrüstung des
weiblichen Körpers ist obligat. Sie ist der Ort demonstrativer
Selbstbeschau und Selbstinszenierung am Objekt. Um uns nicht misszuverstehen:
Es ist ein substanzieller Unterschied, ob Frau sich darstellen muss
oder ob sich darstellen will. Wobei die kulturindustrielle Normierung
diese Differenz permanent einebnet, sodass Frauen (aber auch Männer)
des öfteren weder erkennen noch fühlen, was da was ist.
Das führt auch zur Verunsicherung der Geschlechter, was unmittelbare
Deutungen angeht, wechselseitig, aber auch selbstbezogen.
Herrschende Bilder herrschen in uns durch uns. Sie
kennen vor allem eine Richtung, und zwar vom männlichen Auge
auf den weiblichen Körper. Der erste Eindruck von einer Frau
ist, sieht man vielleicht von der Stimme ab, ein ausschließlich
visueller. Der Scharfblick des Mannes auf die Frau ist optisch überdeterminiert.
Wenn Mann eine Frau betrachtet, wirft der Spiegel des Marktes ein
Bild, das dessen Kriterien als relevante vorerst einmal repliziert
und ein entsprechenden Scan liefert. Das dabei entstandene Bild
mag absolut falsch sein, sich etwa im Falle eines näheren Kennen
lernen als völlig haltlos herausstellen und sich entsprechend
umgestalten. Indes, dieser engere Kontakt tritt selten ein, zu dieser
Intimität sind wir nur ausnahmsweise fähig. So bleibt
also meistens ein Eindruck prägend, der an wenigen Äußerlichkeiten
hängt. Einschätzung meint Eindruck.
Wir sehen nicht einfach Gegenstände, wir werfen
objektivierte Blicke. Der Blick ist alles andere als unbefangen,
er ist eine formatierte Größe der zweiten Natur, auch
wenn er sich als sinnliche Gewissheit dünkt. Er ist eine synthetische,
keine analytische Leistung. Das liegt auch daran, dass das Blicken
haltlos ist, abläuft wie ein Film. Optische Betrachtung ist
ein weitgehend kritikfreier und unreflektierter Bereich. Noch viel
weniger als über Sprache und Schrift verfügen wir über
den Blick. Dieser folgt vielmehr seiner sozialisierten Linse. Das
männliche Auge, von dem primär die Rede ist, kapriziert
sich, mag dem Besitzer das nun passen oder nicht. Die Magie der
Bilder ist omnipräsent. Unsere Welt ist von Bildern umstellt,
konsumiert von „Zwangsvoyeurs“ (Günther Anders).
Weder Wissen noch Gewissen regulieren den Blick. Wir sprechen auf
Reize an, ob wir wollen oder nicht. Eine geschlechtsspezifische
Analyse dieses Blicks ist evident. Ebenso wichtig wäre auch
eine Debatte über die Hierarchie der Sinne, ihre Modellierungen
und Zulassungen, ihre Gebote und Verbote resp. deren Grundlagen.
Dies wäre aber von ungemeinem Interesse, nicht nur betreffend
den besonderen Charakter westlicher Frauenemanzipation, sondern
auch, um die gesellschaftlichen Substrukturen der Kommunikation
überhaupt offen legen zu können.
Bestimmte Raster des Islams wollen die Frauen als
inferiore Subjekte, d.h. Subsubjekte von Markt und Staat definieren,
ja sie geradezu abschirmen, indem man ihre Mündigkeit beschränkt.
Solche Vorstellungen verweisen auf Desexualisierung und Degradierung
im öffentlichen Raum. In diesen Verhältnissen sollen Frauen
als verhangene Wesen kein Antlitz zeigen, Maske als Stoff ist Pflicht.
Haben diese Frauen im Extremfall kein Gesicht mehr, so sollen westliche
Frauen entsprechende Körper und adäquate Ansichten nicht
nur herstellen, sondern auch den Blicken zur Verfügung stellen.
Sexualisierung ist aber nicht als weibliche Erhöhung zu verstehen,
sondern als männliche Erbauung. Was die veröffentliche
Frau des Westens unbedingt sein soll, das darf die muslimische Frau
partout nicht sein. Sollen erstere sich den Blickfängen darbieten,
so dürfen letztere diese gar nicht erst zulassen. Der von strengen
Auslegungen des Korans geprägte Schleier (aber auch schon das
Kopftuch) etwa offenbart die ausschließliche Disponibilität
der Frau für einen Mann. Ihre Privatisierung.
Öffentliche Dresscodes hingegen legen eine multiple
Verfügung nahe, auf jeden Fall herrscht bezüglich Frauen
optische Demokratie, zumindest bis zur Grenze des Stalking. Die
gesellschaftliche Pflicht der Frau besteht darin, sich anschauen
lassen zu müssen. Daher auch anschauen lassen zu können.
Natürlich sind das hier idealisierte Masken, die rausgearbeitet
wurden, nahe legen wollen wir aber, dass es sich um verschiedene
Plateaus ein und derselben männlichen Werteskala handelt. Verschleierung
ist nicht nur eine Form, die ausschließlich die orientalische
Frau betrifft. Die Verschleierungen des Westens, was die Zurichtung
des weiblichen Körpers betrifft lediglich eine andere. Sie
ist inzwischen fast ausschließlich impliziten Charakters.
Sie fällt als Besonderheit nicht auf, weil sie Selbstverständlichkeit
ist.
Verhüllen und Enthüllen haben mehr gemeinsam
als angenommen. Der Blick führt da auf die falsche Spur, wenn
er Standpunkt beziehend, Norm und Abnorm scheidet. Indes, beide
Modellierungen demonstrieren einen Zugriff auf das weibliche Objekt
via Zurichtung. Beide Modellierungen wollen normierend sein, nicht
bloß Möglichkeiten durchspielen, sondern Zwänge
durchsetzen. Beide Modellierungen wollen den Körper der Frau
und die Sicht darauf reglementieren, ihn auf keinen Fall ihr überlassen.
Darf die eine kein öffentliches Lustobjekt sein, so hat die
andere es zu wollen. Lust ist beide Male auf einer schiefen Ebene
gelandet, so unterschiedlich die Varianz der Sexualität auch
ausfällt. Privatisierung und Vergesellschaftung des Weiblichen
setzen im Okzident wie im Orient auf unterschiedliche Akzentuierungen.
Es ist bei aller Differenz aber nicht so, dass die einen einfach
frei sind und die anderen unfrei. Doppelter Konsens ist, dass Frauen
hier wie dort spezifischen Konventionen und Konditionierungen ausgeliefert
sind, ihre Personifikation via Präsentation einen hochregulierten
Bereich darstellt.
Die berechtigte Kritik des orientalischen Patriarchats
lenkt ab von der Kritik des westlichen. Dieses, um vieles subtiler,
verkauft sich ja heutzutage als feministischer Hort der Emanzipation.
Es gendert. Gleichberechtigung bedeutet, dass die gleichen männlichen
Regeln für Männer und Frauen gelten, manchmal inklusive
positiver Diskriminierung zur Erzielung bestimmter Quoten. Der Westen
prämiert sich, weil er die Frauen direkt in den Markt reingenommen
hat; nicht nur reell unterworfen sind sie, sondern ihm auch formell
zugehörig. Das Recht hat gesiegt, die Frau ist vollwertige
Staatsbürgerin geworden. Das und nicht mehr meint Gleichberechtigung
- und zweifellos, es ist auch eine. Der männliche Maßstab
differenziert sich nicht in Zugangsbeschränkungen, auch wenn
es diese noch gibt. „Frauen an den Herd!“ ist auf der
politischen Ebene ein Minderheitenprogramm. Bürgerliche Frauenbefreiung
besteht darin, männliche Maßstäbe auf einen einzigen
zu reduzieren, auf dass alle die gleichen Rechte und Pflichten haben.
Das führt dann oft zu grotesken Erscheinungen: zu Frauen, die
partout ihren Militärdienst ableisten wollen oder zu Männern,
die die Anhebung des Pensionsalters für Frauen einfordern.
Derlei gerichtsanhängige Klagen haben ob der offensichtlichen
Verletzung des Gleichheitsgrundsatzes gute Erfolgschancen.
Was die sozialen Bewegungen der letzten 200 Jahre
charakterisiert, ist wohl dies: Alle haben dezidiert oder uneingestanden
den weißen Mann des Westens zum Leitbild. Alle wollen irgendwie
seine Rechte in Anspruch nehmen: die Arbeiter, die Frauen, die Kolonisierten,
die Minderheiten und die Mehrheiten. Der Kampf um Rechte, um Gerechtigkeit
und Gleichberechtigung, war stets ein immanenter. Diese Begehren
übernehmen den Maßstab der Herrschaft und schreien nach
ihrem Quantum. Noch heute wandern viele in jene Länder ein,
in denen solch persönliche Ziele am ehesten möglich erscheinen.
Bürger wollen sie werden, in doppeltem Sinne: Staatsbürger
und Besitzbürger. Die Anziehungskraft ist hier zweifellos immer
noch um vieles stärker als jede Sprengkraft. Und jetzt sage
niemand, erstere sei Folge einer Illusion. Aber selbstverständlich!
Franz Schandl
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Machthabers Ohnmacht
Manchmal scheinen sich alle Varianten menschlichen
Verhaltens nahezu ausschließlich zwischen Macht und Ohnmacht
abzuspielen. Dabei gilt Macht über Andere zwar nicht unbedingt
als moralisch einwandfrei, aber Macht über sich selbst nahezu
immer als tugendhaft und erstrebenswert. Ohnmacht, hingegen, gleicht
jenem todesähnlichen Zustand, der das Leben beinahe vollkommen
einschränkt und bis auf die fehlende Bewusstlosigkeit alle
Symptome mit der körperlichen Ohnmacht teilt.
Als selbst ernannte Herren der Schöpfung hassen
Menschen nichts mehr als Hilflosigkeiten, vor allem jene, in die
sie geraten, wenn ihre vermeintlich besseren Einsichten und Absichten
sich Uneinsichtigen nicht vermitteln lassen. Jene unerträglichen
Gefühle, die Eltern und jugendliche Kinder in deren Pubertät
täglich aufs Neue erleiden, gehören dazu.
Komplizierter wird es, wenn sich aber jene Ohnmacht
nicht mehr mit verrückt spielenden Hormonen Jugendlicher erklären
lässt, da alle Beteiligten Jahre über das Pubertätsalter
hinausgewachsen sind.
Zudem empfinden wir Ohnmacht vor allem, wenn wir uns
als Mensch gleichzeitig sowohl einsichtig als auch uneinsichtig
empfinden, wenn wir zwar einsehen, aber nicht nach Vernunft und
Einsicht zu handeln vermögen.
Besonders schmerzlich wird es, wenn diese uneinsichtig
Einsichtigen zu den politischen und/oder gewinnträchtigen Machthabern
unserer Gesellschaft gehören und vorgeben, nur das Beste für
Bürgerinnen und Bürger, für Anleger und Sparer, Arbeitnehmer
und Kunden zu wollen, auch wenn jeder ahnt, dass sie das Beste ausschließlich
(oder wenigstens größtenteils) für sich behalten
wollen.
Dem Wachstumswahn emotional und intellektuell erlegen,
predigen jene Mächtigen den ohnmächtig Unterlegenen die
Tugend des Sparens und des Verzichts, um das Eingesparte letztlich
ihrem eigenem Reichtum und ihrer Macht einzuverleiben.
Wachstum und Gewinne sind für sie die Garanten,
auf der Seite der Mächtigen zu sein. Mit dem Streben nach Macht
und dem im Kapitalismus unabdingbaren Machtmittel Geld verbannen
sie andere in ständig zunehmende Machtlosigkeit.
Nun sind allerdings genau diejenigen, die sich ohnmächtig
ihrer Sucht nach Macht und Geld ausliefern, die eigentlich Ohnmächtigen.
Macht macht bekanntlich süchtig und Sucht am
Ende vor allem ohnmächtig. Nicht umsonst prophezeite Marx dem
Kapitalismus, er werde sich zu Grunde richten.
Überzeugte Wachstumsideologen sind durch ihr
gieriges Streben nach Grenzenlosigkeit eingeschränkt. Sie sind
nicht in der Lage, real vorhandene Grenzen zu akzeptieren, sind
ständig auf der Suche nach Lücken, um Hindernissen auszuweichen,
die ihrem Ziel im Wege stehen.
Ihr Ziel heißt einfach nur Mehr. Mehr an Macht,
mehr Anerkennung, mehr davon, der Einzige zu sein. Der Einzige,
der an der Spitze steht und zu dem schließlich alle aufschauen,
auch wenn er sich so weit von ihnen fern halten muss, dass sie ihn
und seinen Besitz nicht mehr erreichen können. Hilflos ist
er seiner Sucht nach mehr ausgesetzt.
Politiker geben sich gern volksnah (aber nicht populär).
Vorzugsweise spicken sie ihre Reden mit Beispielen
aus dem Fußball. Sie bevölkern bei Länder- und wichtigen
Bundesligaspielen die VIP-Tribünenplätze, bemühen
sich um spontane Jubelausbrüche und, wenn nötig, um Trost
spendende Interviews für die Verlierermannschaft.
Hier ist man/frau dem Volk nah und doch nicht zu nah.
Hier fühlt sich der höhere Politiker in die ihm nicht
mehr so bekannte Volksseele ein, um bei seinen Reden den richtigen
emotionalen Ton zu treffen. Hier erlebt er unmittelbar mit, wie
Spielerstars und Mannschaften Massen beeinflussen und der Beifall
der Massen Mannschaften zum Sieg treibt.
Ein Spiel ohne Publikum kann gar als Strafe verhängt
werden, wenn sich die Mannschaft oder deren Anhängerschaft
eines erheblichen Vergehens schuldig gemacht haben. Beide - Mannschaft
und Fans sind dann kurzfristig auf Entzug, um beim nächsten
Mal umso deutlicher zu spüren, wie schön es ist, auf einander
angewiesen zu sein.
Machthaber brauchen Beifall, ob nun beim Bad in der
Menge, durch positive Umfrageergebnisse, Applaus der Parteigenossen,
Zustimmung der Kunden oder Mitarbeiter oder durch Wiederwahl.
Doch keine Macht kann ohne Ohnmacht leben, ohne Ohnmächtige,
die signalisieren, dass sie auf Macht verzichten, um sie scheinbar
Mächtigeren zu überlassen. Obwohl wir Bürger wissen,
das Wachstum Grenzen hat, lassen wir uns dennoch von Wirtschaftsbossen
und -politikern immer wieder von der Unverzichtbarkeit ständigen
Wachstum als Grundlage für wachsenden Wohlstand überzeugen.
Wie in einer „guten“ Alkoholiker-Ehe,
trinkt der eine Partner und der andere Partner deckt dessen Trunksucht.
Abhängig sind beide.
Aus Angst vor eigener Verantwortung und Wachstumsstau
bemächtigen Bürger Macht missbrauchende Politiker. Dabei
entsteht jene Co-Abhängigkeit der Bürger, die ihre Macht
über sich selbst an vermeintlich Mächtigere abgeben.
Wer Wahlen als Machtabgabe versteht und sich für
die Zeit der Wahlperiode politisch bewusstlos gibt, verdient eine
Politik machtversessener Mandatsträger gegen sich und seine
Interessen.
Jeder Suchttherapeut und jeder trockene Alkoholiker
sowie cleane Drogensüchtige weiß es: Einem Süchtigen
ist nicht zu trauen, wenn er Stoff benötigt. Er neigt zur Beschaffungskriminalität,
zu Diebstahl, Betrug, Urkundenfälschung. Und auf Wahrheit kann
er schon gar keine Rücksicht nehmen, muss er doch, koste es,
was es wolle, an seinen Stoff kommen…
Und wenn der Stoff Macht heißt, ist es kaum
ein Wunder, wenn wachstumsgeile, geldgierige und machtsüchtige
Vorstandschefs, Mandatsträger und Bankbosse auf dem Weg nach
Oben und nach Mehr korrupt werden und mit Falschaussagen ihre Karriere
fortzusetzen versuchen.
Suchtgefährdete brauchen Grenzen, deren Einhaltung
ständig kontrolliert werden muss. Demokratie ist Volksherrschaft.
Und die kann von seinem Volk nicht sich selbst überlassen werden.
Sie ist weder etwas für Abhängige noch für Machtsüchtige
und Untertanen. Jeder vernünftige Bürger weiß das
und ist dennoch häufig nicht in der Lage, nach jener Vernunft
und Einsicht zu handeln.
Offenbar lebt die Menschheit in einem Käfig voller
Narren, von denen lieber jeder glaubt, nicht darin gefangen zu sein.
Karl Feldkamp
***
Zum »Präventionsgipfel gegen die
Radikalisierung Muslime«
Ich schicke Ihnen hier einen Internet-Artikel zum
„Präventionsgipfel gegen die Radikalisierung der Muslime“
aus der Süddeutschen Zeitung vom 24. Juni 2011 zu. ... Es geht
mir bei meinem Kommentar zu dem Artikel vorwiegend um den rechtskonservativen
CSU-Politiker und Innenminister Friedrich, der letztlich alle hier
lebenden Muslime unter den Generalverdacht stellt, zu Terroristen
werden zu können oder zu werden. Dahinter verbirgt sich bei
diesem Minister eine komplette Anti-Haltung gegenüber den hier
lebenden Muslimen; denn wer so vorgeht und solche Gedanken hegt,
der hat eine ausgeprägte Phobie gegenüber den Muslimen
und würde sie am liebsten aus Deutschland/Europa weghaben wollen.
Selbstverständlich hat der Zentralrat der Muslime Recht mit
seiner Entgegnung, dass es sich bei jenen, die sich radikalisieren
und zu Terroristen oder sog. Hasspredigern werden, wie es immer
so schön heißt, um eine sehr kleine Minderheit handelt.
Aber das ist diesem rechtskonservativen islamophoben Friedrich völlig
egal. Er will ja bewusst die Angst der Deutschen vor den Muslimen
schüren, sonst würde er eine solchen „Gipfel“
nicht einberufen. Zu dem ist es mal wieder typisch, hier die Verbindung
zu dem Phantom Al-Qaida herzustellen, ein Gespenst, dass es gar
nicht gibt. Auch damit will man Angst schüren. Denn das sog.
weltweite Terrornetzwerk dieser gefährlichsten aller gefährlichen
Organisationen, eine Organisation, die vor kurzem angeblich in Pakistan
auf einem Kongress den Nachfolger von Bin Laden gewählt hat,
die einen „Außenminister“ und einen „Botschafter“
zur Pakistanischen Regierung (die mit dem Geheimdienst dort in etwa
gleichgesetzt wird) besitzt und zudem auch einen „heimlichen
Botschafter“ in die UNO eingeschleust hat, um diese zu unterwandern
usw., ein Netzwerk, bei dem aber - so diese verbreitete Ideologe
- weiterhin wie auch früher schon alle Gruppen oder Einzelpersonen
unabhängig voneinander auf eigene Faust handeln (also real
gesehen ein Netzwerk gar nicht existiert), stellt derzeit das größte
weltweite Phantasieprodukt zur Einschüchterung der Bevölkerung
aus dem Repertoire der HerrschaftsIdeologien dar, wie diese gerade
auch im „Westen“ verbreitet werden. Friedrich ist ein
Anhänger dieser „Theorie“ und somit ein großer
Verkünder dieser Herrschaftsideologe; das hat er schon wenige
Tage, nachdem er sein Amt als Innenminister antrat, öffentlich
kund getan. Seine Islamophobie zeigt sich umso mehr darin, dass
er nun die offenbar überall im Schwange seiende Radikalisierung
der Muslime mit dem „weltweiten Terrornetzwerk Al-Qaida“
direkt in Verbindung bringt. Einem solchen Aufhetzer sollte man
sich eigentlich über die Presse entschieden entgegen stellen;
aber das werden wieder nur die Muslime selbst und einige alternative
Blätter tun, die meisten Zeitungen sind dafür zu opportunistisch
- sie müssen sich ja mit der „hohen Gesellschaft“
in der Politik gut stellen...
Norbert Cobabus
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