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Hartz-IV-Menü forte
Es funktioniert natürlich nur - das Ganze -,
wenn man rechtzeitig vor dem allerletzten Zwangstermin, seine Rückstände
beim regionalen Stromversorger rechtzeitig abgestottert hat. Es
kann unterschieden werden zwischen Hartz-IV forte
und retard, wir bereiten forte wegen der größeren Schmackhaftigkeit.
Man nehme also einen Kühlschrank, kippe ihn um
45 Grad nach vorne- heraus kommt kalte Luft -, die wie Sie sich
vorstellen können sofort nach unten sinkt, wo aber schon der
Topf wartet, um die kalte Luft aufzufangen.
Also sofort Deckel drauf, damit sich die kalte Luft
nicht vorzeitig erhitzt und auf den altersschwachen Topf nicht zuviel
Druck ausgeübt wird, sozialer natürlich.
Den Topf stelle man auf die Herdplatte und schalte
diese auf kleine Stufe, mehr geht ja sowieso nicht.
Nun warte man mitunter Stunden, bis die kalte Wut,
äh kalte Luft, leicht vor sich hin zu köcheln beginnt.
Dabei zurücklehnen und die Aussicht aus dem Fenster
genießen; das entspannt und kostet nichts. Schließlich
ist die kalte Wut, äh kalte Luft, durchgegart und es ist mit
dem Würzen zu beginnen. Ein Kochlöffel Salz, etwas Tafelöl,
Essig und zur Verfeinerung Ketchup. Falls Ketchup ausgegangen ist,
tut’s auch rote Dispersionsfarbe, die rein zufällig mal
im Treppenhaus stehen geblieben ist. Damit das Ganze nicht zu rot
wird, einen Esslöffel schwarzen Pfeffer unter ständigem
Rühren beigeben. Gibt dann Lila, wie der letzte Versuch. Rühren,
ständig rühren, sonst wird’s nichts mit dem Essen!
Sodann stürze man den Topf umgekehrt auf den
Boden, wo sich noch ein paar Krümel von der letzten bar bezahlten
Semmel von vor zwei Wochen befinden, eine willkommene Beigabe, wegen
der Kohlehydrate. Nun nehme man einen Metallbohrer und bohre auf
der Topfunterseite, die jetzt die Oberseite ist, ein Loch, etwa
genauso groß, wie die Finanzierungslücke im Haushalt.
In das Loch - endlich kommt was zum Einführen
-, führe man ein Metallrohr ein. Metall wegen der Hitze des
sozialen Kessels, äh nein, des roten Topfs. Ersatzweise ist
da auch ein Auspuffrohr möglich, das man an jeder vielbefahrenen
Straße wie zufällig mitgehen lassen kann.
Nun darf zu Tisch, genauer gesagt, zu Boden gebeten
werden. Auch Mänätscher sind herzlich eingeladen, die
vor lauter Huftsteaks, die es im Knast gibt, schon total verfettet
sind.
Damit die heiße Luft nicht zu schnell in den
Magen gerät, vollführe man nach jedem Schnapper aus dem
Auspuffrohr, etwa zwei Dutzend Liegestütze, summe dazu leise
die Internationale, das stimmt fröhlich und den Magen freundlich,
grinse dabei die Mänätscher an, die die Melodie natürlich
nicht kennen und schnappe immer wieder mal heiße Luft.
Zum Trinken gibt’s dazu Hahnenwasser, das im
Zuge eines Sale-and-Lease-back-Geschäfts, zwar immer noch aus
den Tiefen des Bodensees stammt, aber in Amerika von einem Grossinvestor
neu verpackt und mit der Geschmacksrichtung Hängulin forte
versehen, auf den deutschen Markt zurückgeworfen wurde. Globalisierung
nennt man das in Fachkreisen.
Das Menü genügt modernsten gesundheitlichen
Anforderungen, hält schlank, ist ausgewogen schwarz-rot und
mindert die sexuelle Aggression. Sollte das Essen aus irgendwelchen
Gründen nicht gelingen, z.B. wegen Flugzeugabstürzen,
Erdbeben, Kriegswirren oder dergleichen mehr, kann man und Gäste
immer noch das Gleiche zu sich nehmen wie gestern, nämlich
nichts.
Guten Appetit!
Fred Luhde
Ludwigsburg
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Integration und die Rolle der Medien
Innerhalb der letzten Monate wurden zwei Studien über
die Migranten dieses Landes veröffentlicht und brachte zwei
gegensätzliche Ergebnisse. Während die Studie des Berlin-Institut
für Bevölkerung und Entwicklung den Türken in Deutschland
„Integrationsunfähigkeit“ bescheinigt, stellte
die andere Studie von „Sinus Sociovision“, von der Antidiskriminierungs-Stelle
des Bundes am 2. April offiziell vorgestellt, die Befunde und Analyse
der anderen in Frage.
Wie kam es, dass die Berliner Studie „Ungenutzte
Potentiale“ bei der Medien so großen Anklang fand und
die Studie „Diskriminierung im Alltag“ der Antidiskriminierungs-Stelle
des Bundes unbeachtet blieb?
In der Berliner Studie, in der die Problematik sehr
pauschal und undifferenziert behandelt wird und die außerdem
statt auf „Integration“ in Wirklichkeit auf „Assimilation“
abzielt, werden insbesondere die türkischen Migranten als in
die deutsche Mehrheitsgesellschaft integrationsunwillig herauskristallisiert.
Folgende Aspekte spielen bei dieser Schlussfolgerung eine Rolle:
• Gründung von Parallelgesellschaften,
• Vorstellungen und Werte (vor allem auch die
Religion) passt nicht zu den Grundwerten der deutschen Mehrheitsgesellschaft,
• kulturelle Besonderheiten und unterschiedliche
Lebensweise werden auch nach Jahren immer noch beibehalten und praktiziert,
• häufige Schul- und Berufsabgänge
(30 Prozent) und geringe Abiturerwerb (14 Prozent),
• nur ca. 5% Eheschließungen mit Einheimischen,
• wenig Interesse an der deutschen Staatsangehörigkeit
(32 Prozent).
Ohne Faktoren, wie Chancenungleichheit, Benachteiligungen
und hohe Hürden, die der Realisierung dieser Punkte im Wege
stehen, zu berücksichtigen, werden die Opfer mit dieser Studie
zu Tätern gemacht. Die Studie von „Sinus Sociovision“
dagegen beleuchtet das Leben der Migranten in Deutschland von einer
ganz anderen Seite: In Deutschland besteht auch heute noch wenig
Interesse, sich mit Diskriminierung von Minderheiten zu befassen.
Nur 5% sind ernsthaft daran interessiert, dagegen vorzugehen. Ansonsten
bleibt es bei Lippenbekenntnissen oder man ist sogar froh, privilegiert
zu sein.
Das Bild, das in Deutschland von Migranten herrscht,
ist häufig klischeebehaftet und einseitig. Was Integration
angeht, spielen die Medien eine sehr wichtige Rolle. Sie können
Vorurteile in der Gesellschaft verstärken oder zum Abbauen
helfen, wenn sie möchten. Trotzdem zeichneten die Medien lange
Zeit kein objektives, undifferenziertes Bild von den Migranten in
Deutschland. Die Integration zwischen den Generationen blieb z.B.
bisher unberücksichtigt. Die Frau mit Kopftuch blieb sehr häufig
als Symbol für die Mehrzahl der Türken. Bei der Begriffswahl
und Sprache in den Migrationsberichten herrschte keine Sensibilität.
Migranten werden häufiger mit Kriminalität und Gewaltdelikten
in Verbindung gebracht als Deutsche. Sie werden häufiger in
Zusammenhang mit Kosten genannt, die sie den Deutschen aufbürden
und als Fremdkörper dargestellt. Sie erscheinen als Bedrohung.
Häufig wird pauschal über Moscheebauten in Parallelgesellschaften,
über unterdrückte Frauen mit Kopftuch und Zwangsehen,
über Schläfer, Hassprediger berichtet. Falsche Angaben
und Zahlen bekräftigen dieses Bild. So ist z. B. von 20.000-30.000
Zwangsehen in Deutschland die Rede (deutscher Begriff: Familiendrama),
trotz Nachfrage wurden diese Zahlen von offizieller Seite nicht
bestätigt.
Die Medien haben bis heute im großen und ganzen
ihren Beitrag zur Integration nicht geleistet und sind vor allem
Sprachrohr der wahren Integrationsunwilligen. Sämtliche Integrationsbemühungen
der Migranten werden bis heute durch Negativdarstellungen torpediert.
Es liegt auch - sogar zu einem nicht zu unterschätzendem
Teil - an den Medien, wie die Integration der Migranten in Deutschland
voranschreitet. Sie beeinflussen die Akzeptanz der MigrantInnen
durch die Aufnahmegesellschaft und nehmen dadurch den Rechten den
Wind aus den Segeln.
Das Superwahljahr 2009 steht vor der Tür und
wir MigrantInnen hoffen, dass auch die Medien an einer ausgewogenen
Berichterstattung interessiert sind und nicht - wie schon so oft
zu Wahlkampfzeiten - mitwirken, rassistische Einstellungen in der
Bevölkerung zu produzieren und zu stabilisieren und damit eine
Mit-Verantwortung am Erstarken rechter Parteien tragen.
Arslan Yilmaz
Berlin
***
Sozialromantik
Ein Zimmer, Außenklo, keine Dusche, keine Heizung,
ein Waschbecken, an dem sich alles befindet: die dreckige Pfanne,
die Kaffeetassen, Zahnbürste, Rasierzeuch und Waschlappen.
Ein Handtuch, das schon seit 2002 da hängt (jedenfalls kommt
es mir so vor). Kein Bett, dafür zwei stinkende Matratzen übereinander.
Ein Ofen, der aber nicht beheizbar ist, weil er vollgestopft ist
mit Büchern, Belegexemplaren von Literaturzeitschriften, Zetteln,
und obendrauf stehen hochkant zwei Stühle, die der Vormieter
hier vergessen hat. Ein an den Türrahmen genagelter Stoffetzen
ersetzt die Tür vom Flur in die Küche; auf die Tür
von der Küche in die Stube wird gleich ganz verzichtet. Bücher,
Ordner, Bildchen, Heftchen, Klamotten, Kekse, alles drunter und
drüber. Dazwischen überall Lampen, Verlängerungskabel
und Glühbirnen, denn der, der hier wohnt, kann das Tageslicht
nicht zum „Arbeiten“ benutzen, da er nachts „arbeitet“.
Am liebsten wäre es ihm, wenn die Wohnung Schimmel hätte,
im Keller läge oder es durchs Dach reinpißt. Dann wäre
er in seinem Element. Aber das läßt die Hausverwaltung
nicht zu - das Treppenhaus wurde frisch saniert, und sogar zu ihm
kamen sie rein, weil alle Partien des Hauses moderne DSL-Anschlüsse
in die Wand kriegen. Auch die von den Ewiggestrigen. „Was
soll ich mit dem Scheiß?“ klagt er.
„Du lebst wie ne Ratte“, sage ich.
„Früher haben die Leute alle so gelebt!“
ereifert er sich. „Früher haben in so ner Wohnung sogar
fünf, sechs Personen gelebt! Oder noch mehr! Früher...“
„Aber deshalb brauchst du das doch jetzt nicht
zu imitieren“, sage ich. „Glaubst du, die Leute früher
fanden das toll, so zu leben?! Die freuten sich doch auch, wenn
sie mal etwas mehr Geld hatten und raus konnten aus dem engen Dreck!“
„Du verstehst das nicht“, sagt er trotzig.
„Du bist halt nicht links. Ich bin links, ich steh dazu, arm
zu sein. Du denkst immer bloß ans Geld.“
Jesusmaria. Was hat Sozialromantik mit „links“
zu tun? Ich bin auch arm, aber deshalb brauche ich doch nicht in
meiner eigenen Scheiße zu ersticken. Außerdem: die Leute,
die „früher“ so gehaust haben, die waren nicht
den ganzen Tag zuhause, fraßen Kekse, schrieben Gedichte und
kamen sich „links“ vor wie er, sondern die ARBEITETEN!
Wenn er vor hundertfünfzig Jahren in dieser Wohnung gewohnt
hätte, dann hätten ihn die linken Arbeiter, die dort sonst
noch wohnten, rausgeschmissen! „Son Drohne, geht nicht arbeiten,
kriegt Stütze von unserem sauer erarbeiteten Geld, sitzt auf
seinem Arsch und fühlt sich auch noch als einer von uns! Stopft
ihm das Maul mit seinen Gedichten!!“ Und Exit...
Zumal er ja arbeiten KÖNNTE. Er hat nichts, keine
Behinderung, weder physisch noch psychisch, er ist intelligent,
kräftig, kann witzig sein, liebevoll, humorvoll, zärtlich,
eloquent. Wer ihn in einem Café zum erstenmal sieht, ist
von ihm entzückt. Wer ihn in seiner Butze besucht, kriegt einen
Schreck. Denn sein einziges Problem ist: er ist faul. Stinke-, stinkefaul.
Aber Faulheit ist definitiv nicht „links“, und „ans
Geld denken“ ist auch nicht „nicht links“. „Ans
Geld denken“ immer gleichzusetzen mit „Millionen“
und „Heuschrecken“ und „Kapitalisten“, das
ist es, was mir in diesem Milljöh zu den Gedärmen raushängt.
„Ans Geld denken“ müssen die, die
keins haben. Das verbindet mich mit den linken Arbeitern vor hundertfünfzig
Jahren. Aber die Sorte Kulturstützi wie er, die muß sich
natürlich nicht ums Geld kümmern, die kriegt ihre Dauerarbeitslosenstütze
und ist fein raus, sitzt auf seinem Arsch, muß nicht arbeiten,
kommt sich toll und „arm“ vor und imitiert Zilles Milljöh.
Und ne Geldfrage ist der Zustand seiner Zelle auch
nicht, sondern eine Frage der Lethargie. Wenn er schon so „bescheiden“
ist, wie er sagt, „wenig braucht“, warum entmüllt
er dann seine Zelle nicht mal radikal von dem Zivilisationsmüll,
der da rumliegt, den er eh nie braucht?! Trägt den Scheiß
vom Vormieter zu diesem zurück oder stellt es zum andern Sperrmüll
auf die Straße; wirft die Haufen alter Zeitungen weg (früher
hat er die gebraucht, weil er früher noch ne Literaturgazette
geklebt hat - heute nicht mehr); verarbeitet die Stühle zu
Brennholz, auf denen er nie sitzt - oder tauscht sie bei jemandem
gegen Nägel und Hammer und nagelt mal seine losen Bretter aneinander,
die ihm überall als „Tisch“ dienen, und macht einen
richtigen Tisch draus; undsoweiter. Ein Heizlüfter steht da
rum, ein Fön, ein Ventilator - alles nutzloser Zivilisationsklump,
den er nicht brauchen würde, wenn er seinen Ofen beheizbar
machen und einen Gang zu den Fenstern schaufeln würde, damit
man diese öffnen kann.
Die linken Arbeiter von damals hätten sich solchen
Schnickschnack gar nicht leisten können.
Klar, Bettgestell, Kleiderschrank, Küchenschränke
- das kann man als „bürgerlich“ abtun und sagen:
brauch ich alles nicht, ich bin auch so glücklich! Aber ohne
das alles summiert sich halt der Messiefaktor, dann muß man
den Kaffee zwischen den Socken und den Wecker zwischen den alten
Zeitungen suchen - und Suchen macht ihn verrückt, das weiß
ich aus Erfahrung. Wenn er ein spezielles Teil aus seinem Kruschthaufen
nicht findet, rennt er gereizt rum und klagt einem ununterbrochen
ungefragt sein Leid. „Glück“ sieht anders aus.
Und „Linkssein“ sieht für mich anders
aus, weil ich die Szenen von Zille und aus Fallada mit einem Appell
verbinde - sie sagen mir nicht „du mußt so leben wie
wir, dann bist du links“, sondern: „so ein Leben ist
menschenunwürdig! Leute, seht euch das an! So darf es nie wieder
sein!“ Sich mit Arbeit und Willen aus diesem Rattenloch raushelfen,
DAS ist für mich links. Sich mit Hartz IV füttern lassen
und den Dümpelbarden spielen, das ist das Gegenteil.
Soviel heute hierzu: die Sozialromantik der „linken“
„Alternative“ geht mir manchmal wieder schwer aufn Eileiter.
Ní Gudix
Berlin
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