XXVIII. Jahrgang, Heft 152
Sep - Dez 2009/3
 
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Letzte Änderung:
18.10.2009

 
 

 

 
 

 

 

KULTUR – ATELIER

Reisen und andere Verhängnisse

Von Jutta Dornheim

   
 
 


Unvergesslich die Tage, an denen die Familien Antonio Baldessini und Heinrich Giordano in die Sommerfrische reisten. Tirol hieß das Ziel, raus aus der glühenden Stadt die Parole. Die Kinder flüchteten in die Schatten der bröckelnden Mauern, hielten sich versteckt, bis alle Weidenkörbe gepackt, die Riegel entrostet, alle Deckel geschlossen, alle Kisten, Kästen, Truhen, Kartons und Hutschachteln, alle Decken und Kissen die Stiegen hinuntergeschleppt, von den keuchenden Dienstboten im Fuhrwerk verstaut waren. Auf ging's, der Stationsvorsteher war noch ein Beamter des Kaisers, aber der Lokführer schließlich kein Postillion mehr. Bei der Anfahrt durften die Kinder mit auf dem Kutschbock sitzen, oder doch direkt hinter dem Kutscher, die Erwachsenen folgten in der grauen Kalesche.

Wie oft wurde mir das erzählt, als ich Kind war: Die Baldessinis sind meine Urgroßeltern mütterlicher-, die Giordanos väterlicherseits. Später hab ich das so oder ähnlich auch gelesen. Über andere Kinder in anderen Familien mit anderen Reisezielen, aber mit immer großer Aufregung an jenen Tagen. Gelesen über die Familie Mann - oder waren es die Buddenbrooks, oder sind damals schon beide Clans zusammen verreist? An die See fuhren sie, an Ostöder Nordsee. Die Wiesengrunds hingegen, die alljährlich Frankfurt verließen, reisten in den Odenwald, zumindest Mutter, Sohn und Tante. Der Vater kam später nach. Und dann die, ach ich weiß nicht mehr, wie sie alle hießen. Sie verließen die großen Städte, bevor es heiß wurde. Sie gingen in die Sommerfrische. Das war, wie gesagt, zu Urgroßelterns Zeiten.

Von den Reisen der Großeltem weiß ich nicht viel, außer dass große Gruppen auf Kraft-Durch-FreudeSchiffen eine Rolle gespielt haben sollen; vor Rügen soll den Reisenden Caspar David Friedrich auf seinem Kreidefelsen erschienen sein. Von Sommerfrische wurde in dieser Zeit nicht gesprochen. Kurz danach reiste man freiwillig überhaupt nicht mehr, jedenfalls unsere Familien nicht. Aber darüber wurde stets mehr gemunkelt als berichtet. Meine Eltern machten dann schlicht,Urlaub', die Adria war meistens ihr Ziel, manchmal waren es auch ,die Inseln', die unserm süddeutschen Wohnort nicht näher lagen als die Adria. Wir Kinder fuhren in Ferienlager in den Schwarzwald oder an den Bodensee, meine Cousins und Cousinen im OstLand fuhren in Lager der Jungen Pioniere in der Mecklenburgischen Seenplatte. Camps heißt es heute bei meinen Kindern. Freizeit-Camp, ReiterinnenCamp, Zirkus-Camp, Abenteuer-Camp oder einfach Ferien-Camp.

Camp, Lager, Urlaub, Freizeit, ja sogar Ferien - wie hohl das klingt gegen .Sommerfrische'! Sommerfrische, das kann man doch auf der Haut spüren, das weht einen an. .Sommerfrische' war Wohlbefinden. Erfunden in Italien, wo man von .frescura' sprach, wenn man ,angenehme Kühle' oder ,frische Luft' meinte. Aber das ist Jahrhunderte her. Neue Worte kamen, das Verlangen blieb.

Einem klugen Wörterbuch gilt das Wort „Sommerfrische“ heute als veraltet. Ich habe es immer vermisst, auch wenn wir längst nicht mehr der Frische wegen verreisen, auch wenn wir ständig unterwegs sind, aus vielerlei Gründen oder - aus gar keinen.

Bis hierher, sagte ich mir - und riss meine Windjacke vom Haken. Genug geschrieben an diesem Artikel,Sommerfrische', den ich morgen früh schon an die Redaktion würde senden müssen, für das Frühsommer-Magazin im nächsten Jahr. Eine kurze Nacht am Notebook stand mir bevor. Aber jetzt: nochmals raus!

Es war schon düster, die Sonne am Ende des Meeres ermattet, Wolkenfetzen flogen über sie hinweg. Bald würde sie ganz verschwunden sein, wenn ich noch zu meinem Felsen wollte, höchste Zeit. Und stürmisch war's, jetzt, im November, ich ließ mich in den Wind hineinfallen. Am Vormittag schon hatte ich geblähte Mäntel, Tücher, Kapuzen den Strand entlangtreiben sehen, große und kleine, lange und kurze, aber immer breit und dick vom Wind. Zwei von ihnen standen jetzt auf der Felsnase vor mir, ich strebte auf den steilen, sandigen Weg zu, der hinaufführte. Es sah aus, als stünden sie senkrecht über der Gischt, die gegen die Klippen schlug. Erinnerten an zwei hüpfende Ungetüme mit dunklen Schwimmhäuten. Was die Leute so alles treiben, ausgerechnet hier auf dieser rauen Insel. Im November. Klippenspringer im Sommer hatte ich ja noch bewundert, obwohl das hier kein ausgewiesener Ort dafür ist. Aber diese beiden hier - bewegten sich wie unbeholfene Fledermäuse. Vielleicht würde ich dieses Bild in meinem Artikel verwenden können? Gipfel aller Sommerfrischen zwei batmen über den Klippen.

Ich kehrte um, ich musste weiterschreiben. „Du stemmst dich gegen den Wind“, schrieb ich, „er reißt dir vom Mund die Atemluft weg, einen Moment lang ist alle Luft weg, ein Vakuum, du versuchst zu atmen in einem Vakuum, du torkelst hin und her, gleich fällst du, nein, du stehst noch, stehst einen Moment schräg und unbeweglich in der Luft, Kopf und Oberkörper nach vorn gebeugt, wollen doch mal sehen, wer nun stärker ist. Sturm oder ich. Einmalig prickelnd das alles auf einer Felsnase hoch über den Klippen, ich hab's ausprobiert“, log ich. „Für ungewöhnliche Menschen das reine Vergnügen. Strande zu Zeiten der Sommerfrische? Nichts als flache Badewannen dagegen.“

Als ich am nächsten Morgen die Inselzeitung aufschlug, löschte ich das alles ganz schnell. Unter der verrenkten Gestalt, die am Fuße der Klippen zu erkennen war, stand: „Urlauberin zerschmettert“ und: „Ehemann musste hilflos zusehen.“ Ich schlug die Zeitung zu. Sollte ich melden, was ich gesehen hatte? Aber, ich bitte Sie, was habe ich denn schon gesehen?

Aus: »Steine können rückwärts fliegen. Geschichten um Verhältnisse und Verhängnisse. Geest-Verlag«. Vechta-Langförden 2009. 170 Seiten, 16,80 Euro

***


Onkel Dino-Trick

Von Ewa Boura


Als ich klein war, verstand ich nicht, warum Onkel Dinos Name immer herablassend von Mutter ausgesprochen wurde. Dino! Im griechischen Alphabet gibt es den Buchstaben D nicht. Dieser Laut ist ein Diphthong und wird in der Zusammensetzung von N + T geschrieben. Schon bei der Aussprache dieser Zusammensetzung witterte man im Ton Fremdes, das sich laut Mutter in der Familie eingeschlichen hatte. Ich verstand immer nicht, aus welchem Grund Onkel Dino sich eingeschlichen haben sollte. Außerdem, meinte Mutter, hieß er Konstantinos, also Konstantin, und wieso die Abkürzung und diese Schleimerei mit den Fremden. Xenocharis sei er. Woher sie wieder dieses Wort hatte! Xenocharis bedeutet im Griechischen, Freude zu haben am Fremden. Und Mutter war für Zusammenhalt, für Verwandtschaft, für die Sippe, für das Wohlergehen aller in der Großfamilie. Fremdheit und Fremdes mußte weggestoßen und abfällig betrachtet werden. Was Mutter aber maßlos ärgerte an diesem fremdklingenden Namen, Dino, daß er den Namen ihres zukünftigen Königs verunglimpfte. Der Sohn der damaligen Königin Friederike - aus dem Hause Hannover - hieß nämlich Konstantin. Mutter hatte die Königin auf einer Parade in ihren jungen Jahren gesehen, war an ihr stolz vorbeimarschiert, und sie liebte den Prinzen. Mutter mochte, wie er aussah. Vater sah ihm ähnlich. Und dieser Königinnensohn hatte zahllose Eskapaden mit dem nationalen Filmsternchen, Aliki Voujouklaki, später, das mochte Mutter auch nicht. ‘Dino’ hatte nichts Griechisches an sich, sagte Mutter über den Onkel, und dieser Araber erst recht nicht.

Vater war Sozialdemokrat. Wenn er ihr dann sagte, daß ihre ganze Königssippe Deutsche seien, und ob sie wisse, daß deren Name Glücksburg sei, ganz und gar nicht griechisch, da rastete sie aus. Das wollte sie nicht hören.

Richtige Männer hießen Lazarus, Angeles, Klimandros, Vladimiros oder Leonidas, manchmal konnten sie auch Sophokles, aber auch Herakles heißen. So ein kurzer flippsiger Name wie Dino konnte nicht ernsthaft der Name eines Mannes sein, der Oberhaupt seiner Familie sein wollte. Wie sollte man Ernst, Respekt, Würde ausstrahlen mit so einem Kuschelnamen! Nicht jedenfalls bei der Sippe der Schwarzmeer-Griechen aus dem Kaukasus Gebirge, wie sie im Clan Mutters zu finden waren. Und es war ein Wunder, da meine Mutter mit dem schweren Namen Evdokia, der soviel wie ‘Erfolg und Fortkommen’ heißt, meinen Vater heiraten konnte, der Triantafillos hieß, was so viel wie Rose bedeutete und hinzu vier ganze Jahre jünger war als sie. Das hatte es noch nie gegeben. Vaters Diplomatie war vorbildhaft. Onkel Dino aber war nicht der Typ dafür. Er konnte auch nicht beeindrucken, indem er auswendig ganze Passagen in Altgriechisch oder aus dem Neuen Testament zitierte. Vater machte das mit Witz, mit klarer Stimme, und etwas Ironie in seinem schönen Griechisch, das Mutters Sippe beeindruckte. Onkel Dino aber lebte wie er mochte, scherte sich keinen Deut um die Sippe. Darum wurde sein Name zuhause höhnisch und herablassend erwähnt. Ich spürte, daß Mutter den Namen dieses Mannes als etwas Schmutziges behandelte. Etwas, was sie nicht einmal berühren wollte. Sie vermied es gar, uns Kinder allein bei Tante Ewa und Onkel Dino zu lassen. Dort lacht man zu viel, sagte Mutter, und es ging ungesittet zu. Mußte trotzdem ein Familienbesuch abgestattet werden, so belehrte sie vorab uns Kinder, wie wir uns zu verhalten hatten.

Auf keinen Fall durften wir etwas tun, ohne vorher meine Mutter unauffällig vor der Öffentlichkeit in die Augen geschaut zu haben. Sie hatte uns strengstens verboten, sie um etwas zu bitten, wenn wir woanders zu Besuch waren. Sie prahlte mit ihren Erziehungsmethoden. Wehe uns, wir verließen ihren Rockzipfel oder taten gar etwas, was andere Kinder taten: zum Beispiel spielen. Mutter meinte, ihre Kinder spielen nicht. Das hieß dann, stundenlang nicht aufstehen, nichts annehmen, wenn etwas angeboten wurde, uns zu bedanken und keine Geldgeschenke entgegenzunehmen. Sie genoß es zu hören, wie vorbildhaft sie ihre Kinder erzog, während wir aufrecht und still auf unseren Plätzen bewegungslos neben ihr da sitzen bleiben mußten. Es war auch ein eingeübter Trick zu sagen, nein, wir wollen bei Mutter bleiben, wenn Mutter uns vor den anderen aufforderte, spielen zu gehen. Wir wußten genau, daß sie nur so tat.

Qnkel Dino sah dann wortlos Mutter an und schmunzelte nur. Vater explodierte manchmal zuhause, du Irrsinnige, laß die Kinder los! Aber sie antwortete triumphierend, ich tu doch nichts, du siehst, meine Erziehung greift. Aber vor den anderen hielt Vater zu ihr, um nicht ihrer Cousine und Erzkonkurrentin, Tante Ewa, Pluspunkte zu geben, und so waren solche Verwandtenbesuche von Widersprüchen geprägt. In solchen Situationen griff Onkel Dino wortlos nach seiner ägyptischen Gitarre, seiner geliebten Oud, die wie immer neben seinem Stuhl angelehnt war, warf uns Mädchen ein betörendes Lächeln zu und fing an zu spielen, Melodien und Lieder zu singen in seinem ägyptisch-griechischem Akzent. Er sang griechische, arabische und türkische Lieder. Sofort wurde im Raum alles anders. Alle Dinge wurden ihrer gewöhnlichen Vertrautheit beraubt und ein anderer Geschmack legte sich auf meinen Gaumen. Die Welt wurde fremd und schön. Ein Fernweh, eine Sehnsucht stellten sich ein. Onkel Dino gab uns ein Zeichen, zwinkerte mit den Augen, Startzeichen, aufzustehen und zu tanzen. Nicoletta, meine Freundin und Cousine, sein jüngstes Kind, sprang auf und tanzte drauf los. Ich spürte, wie die Scham als Hitzewelle mich übernahm und ich wie angeklebt auf meinem Stuhl sitzen blieb, während Onkel Dinos lächelnde Augen mit den langen weiblichen Wimpern auf mich starrten, mit ihrer Intensität meinen Körper in der Zukunft sahen und ihn dabei auszogen. Und ich schämte mich für diese Blicke aus der Zukunft, die er mir zuwarf. Tante Ewa schnippte mit den Fingern, holte das Tambourin und schlug es gegen ihre Hüfte, so daß die Schellen einen hellen Ton auslösten, der mir Gänsehaut gab. Onkel Dino begann zu singen. Panik erfaßte mich und ich atmete erleichtert auf, wenn Nicoletta mich davon erlöste.

Nicoletta wußte gar nicht, was Scham ist. Sie lächelte immerfort und fühlte sich pudelwohl, wenn alle sie bestaunten. Auch vor den Männern im Kafeneion tanzte sie. Einmal sah ich sie auf dem steinernen Fußboden tanzen und alle Männeraugen starrten auf sie wie hypnotisiert. Mein Vater spielte dabei Karten ohne hochzuschauen, als sei nichts im Zentrum des kleinen Männercafés, Nicoletta nicht da. Ich sollte ihn zum Essen nach Hause holen.

Mir sagte er nur, mach schnellstens dich aus dem Staub, hier drin hast du nichts verloren. Nicoletta war ein paar Monate jünger als ich. Ich dachte immer, es sei dies der Grund, warum die ‘kleine’ drauf lostanzte und sich auf ihrer Bühne wohl fühlte. Ihre schmalen Arme schwangen im Kreis herum, ihr fragiler schokoladenbrauner Körper bewegte sich lasziv zum Takt der Musik und ihre mandelgroßen schwarzen Augen lachten breit und sorglos wie ihr blaubeerroter schöner Mund, wenn sie die hüftlangen pechschwarzen Haare beim Drehen wie einen Schleier mitschwang. Unmoralisch sei Onkel Dino, hörte ich meine Mutter dann zuhause sagen, Kinder dürfe man zu solchen Tänzen nicht vorführen. Sechs Jahre ist sie, schrie sie meinen Vater an. Und wie die Männer auf sie starren, wie Aasgeier, fügte sie hinzu. Die geilen Hunde, die ihre Gurken immer zwischen den Händen reiben und mit einer solchen - und sie zeigte mit der Hand einen unrealistischen Abstand zwischen ihrer ausgestreckten Zunge und ihrer Hand - mit einer solchen Zunge hechelte sie. Eine kleine Hure züchtet man sich so heran. Ich will keine Hure aus diesem kleinen Scheißhaufen, schrie sie außer sich und blickte auf mich. Ich durfte in solchen Momenten auf keinen Fall irgend einen Ton von mir geben und sah zu, daß ich aus ihrem Blickwinkel verschwand. Meine Wangen glühten und ich verstand nicht, worum es ging und warum sie auf alle Männer losging. Ob es männliche Verwandte oder Nachbarn oder Fremde waren, Mutter hatte mir beigebracht, zu allen erwachsenen Männern Onkel zu sagen und Respekt zu zeigen. Und diese verschlüsselte Wut war für mich nicht einzuordnen. So dachte ich, daß es mit mir vielleicht etwas zu tun hatte und daß ich keine Hure werden durfte. Was aber eine Hure war, wußte ich nicht.

Daß Männer an Gurken reiben, verstand ich ebenfalls nicht. Die Freude von Onkel Dino und Tante Ewa, Nicolettas Tanzen, die Musik, das Klatschen der umstehenden Kafeneionbesucher wurden ein Amalgam, in dem verschmolzen waren Lust, kindliche Sorglosigkeit, Unerlaubtes, Scham und auch Sünde. So begann Fremdheit, in meinem Herzen Wurzeln zu schlagen.

In den 50er Jahren hatten viele Griechen im Zuge der Nasser-Reformen Ägypten verlassen müssen und waren ins griechische Mutterland gekommen. Onkel Dino kam aus Alexandria. Für Mutter galt: Alexandrinische Griechen nahmen es nicht so ernst mit der Moral. Außerdem war Onkel Dino exzentrisch. Zu jeder Tages- und Nachtzeit trug er sein kariertes englisches Jackett und sein Barett. Ich hatte ihn noch nie ohne diese Kopfbedeckung gesehen und konnte mir nicht vorstellen, daß sein Kopf anders aussehen könnte, ja, als sei er damit auf die weit gekommen. Er hatte große, dunkle Augenbrauen und große pechschwarze, ägyptische Augen. Seine Lippen waren voll und violett, und er trug immer einen dünnen, feinrasierten Oberlippenbart wie David Niven unter einer großen Adlernase. Irgendwo im Gesicht hatte er ein schwarzes Muttermal, zu dem wir Griechen Olive sagen. Er hatte schüttres, immer feingeschnittenes Haar mit Pomade nach hinten mit einem dünnen Kamm gekämmt. Seine Körperstatur war schlank und er war groß, trug immer Anzüge, wenn es nicht der britische Sakko war. Seine Haut war dunkler als unsere. Sogar noch dunkler als meine. Und das gefiel meiner Mutter nicht. Sie mochte dunkle Haut nicht sonderlich.

Onkel Dino betonte, daß er Alexandriner war, sein Stolz über die anderen Flüchtlinge des Stadtviertels war nicht zu verbergen. Er kam aus einer Weltstadt, meinte er. Kavafis, Durrell, Forster und wie sie alle hießen, hatten dort gelebt. Das beeindruckte niemanden sonderlich. Die wenigsten hatten eine gymnasiale griechische Schulbildung, bis auf Großeltern, die eine russische genossen hatten. Mutter hatte gerade noch die dritte Klasse beendet, da mußte sie schon mit aufs Feld, dafür durfte sie aufs Pferd. Wer Kavafis oder Durrell war, interessierte sie nicht. Wenn Onkel Dino durch sein Monokel mich sehends durchdrang, schwang auch so etwas wie Solidarität mit meiner Haut und seiner mit, denn er wußte, daß Mutter weiße Haut schöner fand. Na, kleiner Araber, sagte er zu mir, wenn Mutter nicht in Hörweite stand, weißt du denn, daß du eines Tages eine schöne Frau wirst und viele Herzen verbrennen wirst? Solches gerätselte Gerede konnte ich nicht verstehen. Mutter durfte ich auf keinen Fall fragen, denn sie hätte mich eines üblen Gedankens verdächtigt, und sie hätte wissen wollen, von wem ich das habe.

Mehr als alles andere, mehr als seine Kleidung und sein ‘korrektes’ Auftreten, erschien mir sein Körper, wenn er im Raum stand, schweiften meine Augen von seinem Barett herab, sahen seine große Nase, seinen englischen Strichbart, sahen seine lilafarbenen Lippen, sein Jackett und gingen schnell hinunter auf sein rechtes Bein. Auf der anderen Seite gab es kein Bein. Seine Hose war umgeschlagen nach hinten und ein langes Stück Holz stand da: seine Krücke. Er hielt sie unter dem Arm und bewegte sich mechanisch und hüpfend mit der langen Holzkrücke, die im oberen Drittel ein V formte. Den gepolsterten Bügel darüber drückte sich Onkel Dino unter die Achselhöhle, um sich damit fortzubewegen. Manchmal schlug er die Spitze der Krücke auf etwas nieder oder fixierte einen Gegenstand damit, um ihn dann an sich heranzuziehen. Ich hatte furchtbare Angst davor, von ihm ohne mein Wollen so herangezogen zu werden.

Warum er kein zweites Bein hatte, wußte ich nicht. Darüber durfte man nicht sprechen. Auch nicht darüber, daß Tante Ewa ihren ersten Mann für Onkel Dino verlassen hatte. Sie galt immer noch als geschiedene Frau, obwohl sie mit Onkel Dino in einem Haus lebte und zwei weitere Kinder mit ihm hatte. Solche Dinge galten als verrucht in Mutters Augen, aber auch in aller anderen der Pontischen Sippe, wäre da nicht ihre Lieblingstante Anna gewesen, Tante Ewas Mutter, die wir Pipi nannten, mit der sich Mutter fast immer auf Türkisch unterhielt, damit wir Kinder nichts verstehen konnten, und deretwegen der Kontakt zu Onkel Dinos Familie gehalten wurde. Sowohl Vater als auch Onkel Dino sprachen kein Türkisch, verstanden aber immer, worum es ging. Mutter verzieh es Tante Ewa nie, den ersten Mann verlassen zu haben, um mit einem ‘Krüppel’ in wilder Ehe zusammenzuleben. Einen gesunden Mann, auch wenn er einen prügelt und ohnmächtig schlägt, verläßt eine ehrbare Frau nicht, wäre da nicht die ausufernde Gewalt dieses Säufers gewesen, die irgendwann auch Pipi und das aus erster Ehe mitgebrachte Kind, Sotiris, erreicht hatte. Die Flucht Tante Ewas vor dem gewalttätigen Ehemann führte in den Haushalt des fröhlichen Onkel Dino, der alle rettete. Auch die Großfamilie profitierte von dieser ‘wilden’ Ehe. In ihrem Haus in Saloniki fand jeder Unterkunft für Tage und Wochen, wenn sie zu Ärzten, Einkäufen oder zu Ministerien mußten. Trotzdem konnte Mutter es nicht sein lassen, zu stänkern. Hätte Tante Ewa nicht mit dem Schwanz gewedelt, dann wäre ihr der Ehemann nicht ausgerastet, war ihre Devise. Tante Ewa provoziere nun mal mit ihrer Art, meinte Mutter. Aber, wie dem auch sei, Onkel Dino hatte auch seine guten Seiten, denn er ertrug es kommentarlos, wenn eine ganze Familie bei ihm wochenlang auf dem Fußboden schlief.

Umgekehrt blieben wir Stadtkinder wochenlang bei den Verwandten im Dorf, um der Hitze im Juli und August zu entkommen. Es muß in der sengenden Hitze eines solchen Julis gewesen sein. Alle zu mobilisierenden Arbeitshände - auch kleine Kinderhände - mußten beim Auffädeln der Tabakblätter mitarbeiten, und nur die ganz Kleinen waren ausgenommen, als wir mitten in der unerträglichen Hitze und im noch weniger erträglichen Schweigen plötzlich eine Stimme durch einen Lautsprecher vernahmen. Eine Stimme, die das Grillengezirpe scharf unterbrach. Auf den leeren Sandwegen klang sie wie aus einer fernen Welt zu uns hineingefallen. Liebe Bürger des Kleinen Waldes - so hieß das vergessene Dorf an der Grenze Nordgriechenlands - hier ist Dino, Dino, der Magier. Er spricht zu euch. Den weiten Weg zu euch ist er gekommen, um morgen abend eine ungewöhnliche Vorstellung auf eurem Dorfplatz zu bieten. Vor dem Kafeneion von Michalis. Kommt zu der ungewöhnlichen Aufführung. Dino, der Magier, Dino, der Unwiederholbare, er wird morgen abend... Wir Kinder warfen Tabakblätter und Nadeln hin und stürmten vom Schatten des Lagervordachs in die leeren Sandwege hinaus. Der außergewöhnliche Sprachklang der Stimme unterbrach immer wieder die eintönige Hitze und die Zikaden und wiederholte ihren Text. Hier spricht Dino, Dino, der Magier, der Eintritt für Erwachsene und Kinder ist lächerlich. Ihr werdet Zeugen eines Wunders. Dino, der Magier wird die erste Frau der Welt in sieben Teile zerlegen und mit der Kraft seiner mentalen Fähigkeit diese Frau wieder zum Leben erwecken. Das Schöne und das Schreckliche vereint er. Hier spricht er zu euch und verspricht. Ich erkannte die Stimme meines eingeheirateten fremden Onkels.

Längst an der Hauptkreuzung angekommen, war die ganze Kindermeute durch den heißen Sand ohne Schuhe gerannt. Im Staub lag das Dorf bewegungslos da.

Es war ein froschgrünes winziges Auto, das wie eine Schnecke langsam nach vorne kroch. Die Stimme meines Onkels kam da heraus. Niemals verfuhr sich ein Auto in diese Sandwege. Der grüne Wagen hatte angehalten. Die Meute, die jetzt noch größer geworden war, rannte hinterher, während der Wagen abwechselnd hielt und dann wieder fuhr. Onkel Dino fuhr mit einer Hand, mit der anderen hielt er ein Mikrophon in der Hand. Angezogen wie immer holte er mich mit einem Sphinxblick mitten aus der Horde von Kindern heraus. Die Meute wurde im Staub still. Das Geschrei der Kinder hatte schlagartig aufgehört, als sie ihn erblickten.

Na, kleiner Araber, sagte er zu mir, was treibst du hier? Deine Cousine, Nicoletta ist bei Tante Alexandra, sagte meine Tante Ewa, während sie sich vom Beifahrersitz über ihn zu uns rüberbeugte. Ihr goldener Eckzahn glänzte mitten im feuerrot ihrer geschminkten Lippen. Ihr Kleopatrahaarschnitt rahmte ihr festfleischiges helles Gesicht geometrisch ein. Ihr modernes Aussehen und ihre arrogante Art machten sie mir fremd. Alle meine Tanten waren zwar altmodisch und trugen Kopftücher wochentags, aber sie ließen einen nicht innerlich erfrieren. Onkel Dino zwinkerte mir zu und gab Gas. Sie fuhren wieder los, um Werberunden zu drehen, während wir Kinder wieder hinterher und an der Seite des Wagens mitrannten. Onkel Dinos Stimme ertönte von Neuem aus dem Lautsprecher, der auf dem Dach postiert war.

Von Onkel Dino lernte ich in diesem Sommer Spatzen, Tauben und andere Vögel mit der Steinschleuder von den Bäumen zu holen. Wir grillten sie in dem Feuer, das er am Rande eines gepflügten Kornfelds am Abend gemacht hatte. Es war der letzte Sommer vor meiner Einschulung. Ab da nannte ihm Mutter nunmehr nicht mehr Dino, sondern Dino-Trick. Und so blieb der Name ihm sein Leben lang anhaften. Mein Onkel, der in den 50er Jahren Conferencier, Magier und Geschichtenerzähler in einem war, weiße Tauben aus Hüten und endlos viele bunte Tülltücher aus dem Ärmel zauberte, Tante Ewa in Teile zerschnitt, um sie wieder zum Leben zu erwecken oder ihr den Büstenhalter auszog, ohne sie auszuziehen, dieser Onkel verdiente den Lebensunterhalt für seine Familie, in dem er kreuz und quer durch die makedonische Landschaft um Thessaloniki fuhr. Was sollte er auch als ‘Krüppel’ für eine Arbeit verrichten? Eine Auswanderung kam natürlich nicht in Frage.

Ich hatte ihn längst vergessen und war auf dem College in England, als ich meine Eltern, die mittlerweile in Deutschland lebten, in Saloniki treffen sollte. Es war wieder Sommer und Mitte der 70er Jahre. Meine Eltern fuhren immer ans Meer und für ein paar Tage in meine Geburtsstadt. Diesmal sollte ich überraschend, sie im Haus Onkel Dinos treffen. Ich nahm den Bus von der Egnatia Straße im Zentrum und fuhr nach Neapolis. Fast hätte ich die Station verpasst, denn wo einst der Bus vor Onkel Dinos Haus Endstation machte, stoppte er nur, um dann weiter zu fahren. Die Stadt war kilometerweit in die umliegenden Hügel hinauf gewachsen. Onkel Dinos Haus, eines der wenigen kleinen Häuser, umzingelt von Hochhäusern, stand mitten drin. Ein Schild, noch größer als das Dach des kleinen Hauses, ragte darüber mit der Aufschrift ‘Medium’. Der Eingang zum kleinen Vorgarten des Häuschens war so nah an der Bushaltestelle, daß man regelrecht von der letzten Stufe hineinfiel. Onkel Dino saß wie immer auf seinem Regisseurstuhl aus weißem Leinen, die Krücke neben sich gelehnt. Bunte weiße Kugeln und englisches Mobiliar richteten das kleine Haus ein. Na, kleiner Araber, sagte er, als er mich wiedersah. Du bist in der Tat eine schöne Frau geworden. Ich trug ausgelaugte Jeans und Blumen auf meiner Bluse. Während Begrüßungen und Umarmungen hin und hergingen, alle durcheinanderlachten, küßten und mich immer wieder musterten, hüpfte Onkel Dino wie einst zu einer Kommode und holte aus der Schublade etwas heraus. Dann kam er wieder zu uns und hielt mir zwei goldene Armbänder hin. Feierlich wollte er sie mir über den Arm streifen, doch ich schrak zurück. Nein, das ist nicht mein Fall, ich trage kein Gold und möchte auch keine goldenen Armreifen haben, sagte ich ihm. Es war heiß und früh am Abend. Alle tranken Limonade und wollten wissen, wie mein Flug gewesen sei, mein Leben in England. Warum bist du so stolz, sagte er, ich möchte dir ein Geschenk machen, darf ich das nicht als dein Onkel? Abgesehen davon, daß ich ihn jahrelang nicht gesenen hatte, merkte ich, daß es sein doppelbödiges Lächeln war, das mich immer als Kind verwirrte. Hier, erwiderte er, du eigensinnige, nimm mein Geschenk an. Du bist bestimmt Sternzeichen Jungfrau, stimmts? Mutter blickte wieder so wie einst und drängte mich, sein Geschenk anzunehmen, denn es galt als Beleidigung, so ein wertvolles Geschenk abzulehnen. Es war fast dunkel in dem kleinen Vorgarten. Man hörte die Stimmen der Leute auf der Straße, den schweren Verkehr, das Hupen, das Geschrei eines Lotterieverkäufers, Musik aus den offenen Tavernen. Es roch schwer nach Jasmin und Gardenien, und wieder war diese fremde arabische Atmosphäre meines Onkels aus Alexandria auf meiner Haut. Ich fragte nach Nicoletta. Die lebe in Marseille jetzt, sagte Onkel Dino und sein Blick wurde finster. Sie sei Ballett-Tänzerin geworden und eine echte Französin jetzt, sprang Tante Ewa ein. Meine Mutter blickte wieder bedeutungsvoll wie früher zu mir hinüber, so als wolle sie sagen, frag nicht. Dann fügte Tante Ewa hinzu, Antonis sei verheiratet und Sotiris auch. Onkel Dino forderte Tante Ewa dann auf, seine Zertifikate zu holen. Eine Mappe wurde mir gezeigt. British Association of Parapsychologists, hieß es da. Diplome aus Frankreich, aus Amerika. Während wir Kaffee, Cognak und Obst gleichzeitig serviert bekamen, blätterte Onkel Dino alle seine Zertifikate durch. So wie es aussah, hatte Onkel Dino, als die Zeit der Naivität und Ruhe, die Zeit der Schwarz-Weiß-Filme vorbei war, Konkurrenz vom Radio bekommen - ‘Strom wurde in die Dörfer gebracht’ - es war das neue Medium. Man versammelte sich um die Geräte, hörte spannende Hörspiele in Folgen und keiner wollte zu den Aufführungen des Magiers Dino gehen. Die Landflucht setzte ein und die Leute wanderten in die Städte oder ins Ausland ab. Onkel Dino fing an in den seriösen Tageszeitungen der Stadt zu werben. Er wurde durch Fernstudien zum anerkannten, diplomierten Hellseher! Es funktionierte! Er war ein zertifiziertes Medium nun. Mein Onkel war immer up-to-date.

Tante Ewa war jetzt seine Assistentin und zuständig für die persönliche Aufnahme der Klienten. Details wurden von ihr auf Karten festgehalten, das Telefon bedient, denn über dieses Kommunikationsmittel konnte Onkel Dino Rat erteilen und Zukunft voraussagen. Ja, alles dies passierte in dem kleinen Haus. Es kamen Menschen aus ganz Griechenland zu ihm, auch aus Deutschland. Es waren alle Berufsschichten dabei, natürlich auch Akademiker, Lehrer, Beamte, Leute aus der Provinz und aus allen Dörfern Makedoniens, zu denen er einst immer hingefahren war.

Da ich in England Psychologie und Philosophie als Abiturfach hatte, wollte ich gerne wissen, wonach die Leute ihn fragten. Ach! sagte Onkel Dino, sie wollen alle immer das Gleiche wissen, ob sie reich werden, wer sie betrügt und ob sie eine Reise angehen oder jemandem Geld leihen sollen. Na, soll ich dir deine Zukunft voraussagen, fragte Onkel Dino, gib mir deine Hand.

Vor kurzem als ich meinen Bruder von Onkel Dino erzählte, sagte er spöttisch, der hat Nicoletta verkauft. Verkauft? Diesen Teil der Geschichte hatte ich vergessen, immer nur ihre grünen Augen und ihr Tanzen in Erinnerung behalten, und irgendwann hatte ich sie komplett aus meiner Erinnerung ausgeblendet. Wie er das wohl meinte mit dem ‘verkauft’. Dino hatte einen Bruder in Marseille, fuhr mein Bruder fort, und der hieß Veniselos, so wie der legendäre Politiker Griechenlands. Dieser Bruder war aus Smyrna, dem heutigen Izmir, nicht wie Onkel Dino nach Alexandria, sondern nach Marseille ausgewandert, dem anderen großen Hafen im Mittelmeer. Jetzt begriff ich überhaupt nichts mehr. Der Bruder, fuhr er fort, hatte es zu einem gewissen Wohlstand in Marseille gebracht und Onkel Dino seinerseits in Alexandria. Dieser Bruder hatte jedoch keine Kinder, und als er Onkel Dino und Tante Ewa in Saloniki mit seiner französischen Frau besuchte, machte er ihnen den Vorschlag, Nicoletta als Tochter mitzunehmen, um ihr eine Zukunft zu bieten. Gleichzeitig gab er ihnen eine große Summe Geld, um ihnen unter die Arme zu greifen. Onkel Dino hatte das Angebot seines Bruders angenommen. So hatte er das Häuschen gebaut und die Megaschrift Medium seit Jahren auf dem Dachstehen.

Es heißt, Nicoletta sei einmal nur nach Griechenland zurück gekommen, und zwar nicht nach Saloniki, sondern nach Athen. Sie soll ihre Brüder kontaktiert haben, doch die gesamte Familie fuhr nach Athen, wo Nicoletta in einem renommierten Hotel abgestiegen war. Onkel Dino und Tante Ewa wurden an der Rezeption zurückgewiesen und nicht zu ihr hochgelassen. Nur ihre beiden Brüder empfing sie in ihrer Suite.

***


Time over

Von Ralf Burnicki

»Ich will alles!« (Parole Realmarkt)

Wie ein Kino sind die Nächte, darin die Stadt Stummfilme zeigt von unterbrochenen Ideen & Kaufhäusern, die der Tag verlassen hat. Im Lichtkegel der Außenlampen spielen sich Kaufhausfassaden und Parkflächen als Wiederholung ab, die Optik vertagter Plätze, verpatzter Finalrunden, die Geräusche haben Platzverweis & immer wieder spult die Innenstadt menschenleere Straßen vor und zurück im Kopf wie einen sinnlosen Satz. An Kreuzungen findet die letzte Streuung der Worte statt, die irgendeine Leuchtreklame ausbuchstabiert. Von der Sprache sind auf dem Boden noch einige Ereignisse übrig, Verkaufsreste, Zigarettenschachteln & Plastiktüten mit zerknüllten Markennamen, die als Untertitel an der Stille haften, Wunschfetzen im aufgebrauchten Hoffnungszelluloid.

Auf den Reklametafeln der Kaufzentren scheint die Wirklichkeit abgespeist. Am Rand der Zuversicht zusammengeschoben & ausgebremst & womöglich sonstwo ans Nachtende gekettet warten aufgereihte Einkaufswagen auf morgendliche Dekomprimierung. Als nähmen sie das Anstellen an Kassen vorweg oder den öffentlichen Gebrauch des Lebens. Ob Müllcontainer, Fahrradständer, Parkmarkierungen - allerhand Bezugspunkte für die tagtägliche Zuordnung der Dinge, Erwartungssicherheit für einen geordneten Auftritt der Sehnsüchte oder ihren wirklichkeitsschonenden Abgang. Gut ausgelegt ist das Netz für Kundenströme & halbherzigen Freiheitssinn. Doch für jetzt hat der Tag mit der Welt Schluss gemacht, ihr die Leviten gelesen und den Ladenschluss erklärt. Die Gedanken nehmen Sitzhaltung an.

Nachtlöslich also scheinen Bedeutungen, welche die Stadt daher tagsüber ausprobiert in Supermärkten Warenhäusern Kaufgalerien samt ihren Abteilungen Dosiertes Glück & Wohlgefühl. Straßenweise Geschmacksverstärker Stimmungsmacher Schmerzstiller, die die Dunkelheit hinuntergeschluckt hat wie einen billigen Snack. Mitternacht, will sagen, überschrittenes Verfallsdatum, Wahrheits- und Haftungsausfall allenthalben. Wer zu spät kommt, muss ohne Kundenservice ins Bett, Time over & das Älterwerden ohne Mengenrabatt. Bis frühmorgens die Helligkeit jene Sinnaufstellung annimmt, mit der die Lichtwerdung der Haushalte beginnt, das reinste Lichtaspirin. Kaufappell, Entwarnung, Vorhang.

   

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