XXX. Jahrgang, Heft 158
Sep - Dez 2011/3

 
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Letzte Änderung:
6.11.2011

 
 

 

 
 

 

 

KULTUR-ATELIER

   
 
 


Kräuterfrau

Von Kurt May

Meine Damen und Herren! Wer kennt nicht unsere reiche und bunte deutsche Flora, vom Waldmeister bis zum Fingerhut, von der Trollblume bis zur Brockenanemone. Doch unsere Wälder sind leider auch Heimat anderer Blumen und Kräuter. Nur der aufmerksame und moralische Beobachter entdeckt sie und weiß sie zu klassifizieren.

Da muß ich zuerst die Hasslilie nennen. Sie ist stark windend, teils einzeln oder in Rudeln auftretend, lebt ausdauernd und ist sehr giftig, vermehrt sich zumeist unterirdisch. Nur schwer ausrottbar.

Das Habenkraut. Allgemein verbreitet. Besonders beliebt bei den Kindern. Schwach giftig. Enthält den Bitterstoff Egoismus.

Das kleine Schreiglöckchen. Zunehmend im Bestand. Wächst gern auf kargem sozialen Boden. Sehr wärmeliebend. Als Heilpflanze ohne Wert. Vermehrt sich durch Enttäuschung und Leid.

Das große Geilkraut. Keine Verwechslungsmöglichkeit. Unangenehm riechend. Enthält giftige Säuren, die Ethik und Moral schädigen können.

Die Schlafgarbe. Beliebte Zimmerpflanze in Büros und Behörden. Sehr häufig. Nutzloser Unkrautbestand. Als Viehfutter nicht zu gebrauchen.

Der große Horchschnabel. War früher in gewissen Teilen Deutschlands sehr verbreitet. In allen Teilen ungenießbar. Blüten nach faulen Eiern duftend. Wird von kleinen Flugwanzen bestäubt.

Der Neidelbast. Gedeiht auf jedem Boden. Bestand niemals gefährdet. Blüht und reift in allen Jahreszeiten. Enthält einen weißen Farbstoff, der Gesicht und Seele bleicht.

Die winzige Geberesche. Kann in jedem Areal vorkommen. Inzwischen vor dem Aussterben bedroht. Enthält das Öl Barmherzigkeit und viele Vitamine. Alte Heilpflanze.

Der Gemeine Geldsalat. Ein Nachtschattengewächs. Unterirdische Teile unerwartet giftig. Viele Bürger starben schon an Unkenntnis durch ihn. Sehr häufig. Unterschiedliche Blüten und Früchte.

Die wilde Raubnessel. Erobert sich schleichend alle Standorte im Land. Hat viele Ausläufer. Blüten sehr verzweigt. Wird gewerblich von Geschäftemachern, teils auch von Vertretern und Politikern gesammelt. Viele schwer zu unterscheidende Unterarten.

Der immergrüne Scheißdorn. Liebt Schatten und Humus. Inzwischen sehr häufig. Wurde von Fäkalisten eingebürgert. In Moral und Benehmen krebserregend. Häufigste Unkrautpflanze in Deutschland.

Gemeine Sockenblume. Blüht rosa bis dunkelrot. Einst hohe Bestände abnehmend. Gute Heilpflanze wider rechte radikale Meinungen. Ungekocht stark giftig.

Die Gemeine Schundskamille. Eingewandert aus Kamelrika. Inzwischen sehr häufig in Deutschland. Alle Teile ekelerregend duftend. Ihre Gerbstoffe führen zu schweren Geschmacksvergiftungen.

Der Graue Mauerampfer. Beliebtes Zierkraut in Herzen und Köpfen mancher Leute. Schwer zu bekämpfen. Bestand zunehmend. Früchte hart wie Beton. Vermehrung noch ungeklärt. Macht meist süchtig.

Durchwachsene Brechpalme. Ungeliebtes Unkraut in Staat und Gesellschaft. Wird trotzdem gern in Gärten in Töpfen gehalten. Reagiert schäumend auf dumme Politik. Früchte ungenießbar. Vergiftungen nur schwer heilbar.

Blasse Schleichrose. Altes Symbol für Bürgerunfreundlichkeit wie Steuern und Behörden. Bildet gern Gruppen. Blüten wirken betäubend. Liebt schlichte soziale Böden.

Das große Leidenröschen. Gehört zu den Dünnblattgewächsen. Allgemein verbreitet. Oft einzeln wachsend. Sehr schnell welkend. Versuche, es zu schützen, schlugen bisher fehl. Kann richtig zubereitet, Mitleid erregen.

Das Zonenkraut. Gilt allgemein als ausgestorben, obwohl immer wieder Fundorte gemeldet werden. Nicht verwechselbar. Flugsamen giftig. Andere Teile harmlos. Oft lichtscheu.

Ewige Wechselbeere. Ein Wetterhahngewächs. Schwer zu bestimmen. Wechselt ständig die Blütenfarben. Teile der Pflanze teils harmlos, teils giftig. Häufiger als allgemein bekannt. Schmeckt süßsauer.

Langfingerkraut. Zunehmend im Bestand und sehr gebärfreudig. Viele schwer zu unterscheidende Arten. Schattenliebend. Als Sud eingenommen, kann es süchtig machen. Wird gern als Zusatz für Räuberschnaps genommen.

Gefleckter Tierling. Selten, neigt zu Riesenwuchs. Alle Teile ungenießbar. Wirkt auf unerzogene Leute ansteckend. Meldepflichtige Krankheitsfolgen.

Gemeiner Bettlerenzian. Sehr selten und unbeliebt bei den Bürgern. Stellt geringe Ansprüche an Licht und Boden. Sehr frostempfindlich. Als Gemüse oder Tierfutter ungeeignet. Nicht ausmerzbar.

Domestizierte Dulderdistel. Bescheiden und klein. Gedeiht auf anspruchslosestem Boden, auf allen Standorten und bei allen Temperaturen. Alte Heilpflanze wider Übermut. Nicht wirksam bei Erkrankungen des Überflusses. Enthält Vitamine der Lebenskraft.

Radikalenbilsenkraut. Bei Vorkommen immer in Scharen. Sehr auffallend. Bestimmbar auch von Laien. Sehr empfindlich bei gärtnerischer Behandlung. In allen Teilen ungenießbar. Heimliche Zimmerpflanze in gewissen Kreisen.

Goldene Rentenaster. Vielfältig verbreitet. Unbeliebt bei Politikern. Als Strauß sehr schnell welkend. Heilwirkung noch weitgehend unerforscht. Gutes Gedankengewürz. Auf sicherem Standort unerwartet zäh.

Der weiße Waisenhut. Zunehmend verbreitet. Kommt auf allen Standorten vor. Rasch aufblühend, wenn sich Eltern totrasen, totsaufen oder einfach verschwinden. Keine Heilmöglichkeit gegen seine bittere Wirkung.

Der kleine Plundermann. Sehr häufig anzutreffen vom Straßenrand bis in den Supermarkt. Wurzeln verfilzt. Heuchlerischer süßer Duft. Beliebtes Kraut auf Jahrmärkten.

Windende Wendegrütze. Wechselt nach der Blüte die Farbe von rot bis weiß, häufig gar zu braun. Teils einzeln, teils in Rudeln anzutreffen. Beliebtes Futter für Politiker. In fünfzig Jahren wahrscheinlich vom Aussterben bedroht.

Gemeiner Krankenkassenbaldrian. Nur in Städten vorkommend. Bei längerem Beschnuppern ätzend reichend. Wuchs oft riesenhaft. Wird als Heilpflanze angepriesen, enthält aber keine Wirkstoffe.

Süßes Diätenkraut. Vielblütig. Liebt fetten Boden. Wächst gern im Verborgenem und Schatten. Streng geschützt. Darf nur von Politikern gesammelt und verwendet werden. Bei Verstoß harte gerichtliche Strafen.

Sumpfsorgenkümmel. Im Bestand zunehmend. Kleinblütig. Im Anspruch sehr bescheiden. Enthält Alkoholoide. Bei längerem Genuß der Pflanze schwerste seelische und körperliche Schäden.

Duftendes Ohnmachtsveilchen. Wird von allen größeren und wohlhabenden Wesen getreten und verdrängt. In seiner Welt rechtlos. Duft sehr angenehm. Immer häufiger auftretend. In allen Teilen, auf allen Standorten pflegebedürftig. Leider noch nicht geschützt.

Der Zinsenfingerhut. Scheu und listig wachsend. Teils riesige Exemplare. Äußerst giftig. Als Heilpflanze untauglich. Nicht ausrottbar. Hat reiche und skrupellose Artenschützer.

Vielästige Behördenteufelskralle. Alle Teile mit giftigen Dornen bewehrt. Unterirdisch wuchernd. Lockende Früchte ungenießbar. Kein wirksames Vernichtungsmittel gegen die Pflanze. Eng verwandt mit der Verzweiflungskresse.

Farbloser Geschäftemacherrettich.

Plötzlich auftretend und verschwindend. Allgemein schädlich für jede Landschaft. Tödlich wirkende Früchte. Gedeiht auch auf kargem Boden. Vermehrt sich heimlich und wirksam durch Flugsamen. Samen werden auch durch Ungeziefer verbreitet. Kann zu jeder Zeit Farbe und Gestalt wechseln.

Täter- Opfer- Hartriegel. Zwillingspflanze. Täterteile immer sieghaft über Opferteile. Täterteile unter juristischem Schutz. Opferteile finden als geringes Gesellschaftsfutter Verwertung. Wirkstoffe der Opferteile stehen unter Verbot ihrer Nutzung.

Schwarzarbeitergerste. Sehr beliebt bei Sammlern. Prächtige und preiswerte Früchte. Keine Schonzeit im Jahr. Pflanze wird pausenlos gesucht und vertilgt.

Immergrüner Sauflattich. Keine Verwechslungsmöglichkeit. Stadt- und Straßenlärm liebend. Sucht erregend. Kommt auf allen Standorten vor. Geldnot oder Übermut anzeigend.

Rotbraune Radikalenbeere. Viele formenreiche Arten. Gut zu unterscheiden. Unterirdisch schwer ausrottbar. Zumeist lichtscheu. Nur nach langem Kochen unschädlich. Gern in Rudeln vorkommend.

Filzige Medienkralle. Allgemein verbreitet. Sich brutal durchsetzend. Unangenehmer Geruch. Millionen winzige Samen. Häufige Pflanze auf Schund- und Schmutzhalden.


***

Zwei Fenster
– ein gestörtes Stillleben –

Von Fred Luhde


Ich sitze jetzt hier, im Zimmer, hinter den Vorhängen und versuche, ein Stillleben zu erzählen. Der Blick auf die Sträucher vor dem Haus, die Magnolie, die Blutbuche, die Hecke als Begrenzung des Vorgartens, wird ermöglicht durch zwei quadratische Fenster, nebeneinander.

Auf der Straße parken Autos bis zu einer bestimmten Grenze, ab der es verboten ist, dies zu tun.

Es ist die Nordseite des Hauses, vom Licht her schwierig, zumal die hochgewachsenen Bäume, Büsche und dergleichen Komplikationen mehr - Sie ahnen es - den Lichteinfall behindern.

Auf der Fensterbank - der zweigeteilten - sind verschiedene Gegenstände gestellt, ja sie stellen sich dem Betrachter, der nach Lage der Dinge und Personen nur ich sein kann, denn kein anderer darf..., aber das tut nichts zur Sache.

Beginnen wir die Betrachtung - von mir aus gesehen - auf der linken Seite des Fensterbretts. Dort liegt, in Pappe verpackt, ein Notenständer. Man könnte ihn aufbauen, geeignetes Notenmaterial darauf legen, z.B. die Cello-Suiten von Bach und beginnen zu musizieren.

Das braucht seine Zeit und so viel haben wir nicht davon in diesem begrenzten Lebensraum.

Daher heißt es rasch fortfahren auf der rechten Seite der Fensterbank. Dort steht ein Fonduetopf - Geschlossen. Hebt man den Deckel an, ist zu erkennen, dass nichts darin ist. Nichts! Aber auch gar nichts! Das wäre leicht zu ändern, indem man Fleischstücke darin erhitzt, meinetwegen auch Broccoli oder das Ganze (?) noch mit schmelzendem Käse vermischt und dann - zum Einfuhren- direkt unter der Nase, geflissentliches Zögern wegen „zu heiß“ Inbegriffen. Dann aber niederwärts. was das Zeug hält, bis sich der Magen gefüllt anfühlt. Danach einen Verdauungsspaziergang, ein Zigarettchen in Ehren oder ein Schläfchen. Hauptsache, das Fondue rutscht durch Magen und Därme bis zum After. Von dort kann es dann gerne in die etwa zwanzig Zentimeter großen - vom Durchmesser her - Abflussrohre der Kanalisation geschickt werden.

Zurückgekehrt aus der mittlerweile sich schon zersetzenden Kloake, kann das Stillleben erleichtert fortgesetzt werden.

Links neben dem Fonduetopf. in etwa der Mitte der Fensterbrettfläche, eine Vase, die gebrannt ist, wie das Kind vom Feuer und an altrömische Gefäße erinnert, die in gesunkenen Seglern zu finden waren. Es fehlt eine rote Nelke. Die Vase ist trocken gelegt.

Rechts neben dem - sagen wir ruhig - Bach-Notenständer, ein Kerzenhalter mit lila gefärbter Konfirmationskerze, die derzeit nicht brennt, wenn wir’s schon ohnehin von der Hitze haben.

Daneben eine Schnabeltasse mit dem Aufdruck „Mehr erleben“. Ohne Weiteres lassen sich ausgewählte Flüssigkeiten vorstellen, die darin unterzubringen wären und das Rot der Tasse mit irgendwelcher dünnflüssigen Schmackhaftigkeit füllen könnten.

Eine Nummer weiter nach rechts steht ein Windlicht, verschließbar mit einem Milchglastürchen, durch das die Kerze an den vorgegebenen Platz gebracht werden kann. Unschwer zu fantasieren:

Sommerabende, in denen dieses Windlicht, im Schein der Abenddämmerung die dann noch schwirrenden Insekten anzieht, von allerlei Leibwässerlein wie Schweiß und weiteren ganz zu schweigen. Schließlich wird das Türchen geschlossen, die Kerze ausgeblasen - nein umgekehrt!- und raschen Schrittes - ich wiederhole - raschen Schrittes sich in’s Ankleidezimmer begeben, um sich auszukleiden, was meist sogar schneller geschehen kann wie das Umgekehrte. Und? Was dann?

In der Mitte der beiden Fenster - die tragende Säule - gleich neben dem Windlicht.

Hier lehnt eine Ikone an der Säule, die Jesus in einer Lebensenddepression am Kreuz zeigt. Er ist schlank, um nicht zu sagen mager, sein Geschlecht von einem Tuch verdeckt. Sein Blick sieht verinwendigt aus. Das Gesicht drückt eine Gelassenheit aus, die in dieser Situation wohl nur schwer zu finden sein wird. Links und rechts vom Kreuz - Mitleidende - ebenfalls mit Heiligenschein versehen. Jesus Blut rinnt die Füße herab und quillt ebenso aus Wunden an der Brust und den Händen. Das Bild will sagen: wir sind aufgehoben, wenn wir die Liebe erfahren und das Mitleiden.

Der Blick schweift weiter nach rechts, wo in der Mitte des rechten Fensterbretts ein weiterer, kein tragender, wiewohl potentiell tragender Fonduetopf steht. Er könnte schon, wenn wir wollten - tragen nämlich.

Ich beuge mich über den Schreibtisch, ziehe die Vorhänge beiseite, öffne den Fonduetopf wegen des sirrenden Geräusches, das daraus zu hören ist und trage, nachdem ich rasch ein Buch - beispielsweise das „Hinterzimmer des Worts“ von Fred Luhde über die Öffnung geschoben habe, um die Flucht zu verhindern, den nunmehr wieder verschlossenen Fonduetopf zur Terrasse, wo nur noch das Mondlicht etwas Helligkeit hergibt.

Sie will - wieder in Freiheit - gar nicht gleich wegspringen, viel leicht, weil sie gelernt hat, die Stille im Zimmer zu mögen oder meinen Geruch oder was auch immer - ist ja schnurzpiep -, aber dann bewegt sie ihre Fühler, wie ich im mittlerweile angeknipsten Terrassenlicht erkennen kann, hüpft, wieder und wieder über den Rasen - das Ganze geht sehr schnell, wie ja der Name „Rasen“ schon von selbst ausdrückt - und verschwindet unter dem Lorbeerbusch:

Die Heuschrecke!!!

So leicht kann es mit der Stille vorbei sein. Davon gibt auch lebhaft - das heißt, um genau zu sein, nun nicht mehr - Zeugnis, das Marmeladeglas, das ehedem auf dem Fensterbrett gleich noch etwas mehr links neben der roten Tasse mit dem Aufdruck „Mehr erleben“ gestanden hatte, nun aber in Scherben unter dem Schreibtisch liegt, nachdem es versehentlich heruntergestoßen wurde.


***

Eine Szene

Von Rüdiger Saß


Es war ein Tag wie jeder andere, Wind und Regen regierten die graue, geduckte Stadt, nichts deutete auf Unvorhergesehenes hin: kein Zeichen am Himmel, das auf Glück oder Unglück hindeutete, keine schwarze Katze weit und breit, nichts als die gewohnte Langeweile und Tristesse.

Unternehmer Nieselpriem hatte sein Büro, seine Wohnung aufgeräumt. Das Ergebnis, drei Mülltüten voller Pfandflaschen, gab er am Leergutautomaten des Getränkemarkts seines Vertrauens ab. Der Inhalt einer Mülltüte war bereits Flasche für Flasche im Automaten verschwunden, als es einem Rentnerehepaar, das hinter Nieselpriem wartete, zuviel wurde. Voller Ungeduld und Wut verlangte das Paar gefälligst vorgelassen zu werden. Der Unternehmer lehnte aus Zeitgründen ab, Aufträge warteten auf Erledigung, Untergebene mussten überwacht und schikaniert werden. Daraufhin zogen die Rentner ab, kamen aber sofort mit Verstärkung, mit dem Marktleiter zurück. Dieser stellte sich vor dem Unternehmer auf, stemmte die Fäuste in die Seiten und forderte ihn auf, die Alten vorzulassen, denn offensichtlich sei er ein dahergelaufener Flaschensammler, der Mülltonnen abklappere, ein nichtswürdiger Pfandgeier, der vom Müll anderer Leute lebe. Nieselpriem fühlte sich wie vor den Kopf gestoßen, ihm wurde schwindelig, er taumelte wie ein angeschlagener Boxer. Er trug zwar keinen Anzug, keine Krawatte, aber dass er einen so heruntergekommenen Eindruck machte, hätte er nie gedacht. Kaum hatte er sich von dem Schock ein wenig erholt, vergalt er Gleiches mit Gleichen, indem er den Marktleiter, seinen Beleidiger mit einem Obdachlosen verglich. „Wenn ich wie ein Flaschensammler aussehe“, sagte er zum Marktleiter, „dann sehen Sie wie ein Penner aus, wie ein Sozialschmarotzer aus der untersten Kajüte.“

Der Marktleier fackelte nicht lange: „Jetzt hör mir mal genau zu, du mieser kleiner Flaschengeier!“, brüllte er, „Du nimmst jetzt ganz schnell deine stinkenden Flaschen und verschwindest von hier, sonst rufe ich die Polizei, verstanden! Und dass du dich hier nie wieder blicken lässt, du Assel!“

„Der ist doch besoffen“, sagte der Rentner, „der hat sich das Hirn weggesoffen.“Auch die Rentnerin schaltete sich jetzt ein. „Der versteht nichts. Das ist bestimmt ein Ausländer, ein Kanake. Hoffentlich hat er seinen Sprengstoffgürtel nicht dabei und jagt uns alle in die Luft.“

Unternehmer Nieselpriem fiel aus allen Wolken, als er geduzt wurde. Er schleuderte seinen Beleidigern die wüstesten Beschimpfungen entgegen, schimpfte sie Penner, Abschaum, Bettler und Halunken.

Plötzlich kreuzten zwei Polizisten auf, und ebenso plötzlich fühlte sich der Nieselpriem wie ein Verbrecher. Er sah sich schon in Handschellen und vor aller Welt in den Funkwagen geschubst, wobei ihm ein Scherge an den Kopf fasst, wie das so üblich ist, damit sich der Gefesselte beim Einsteigen nicht stößt. Derart in die Enge getrieben, ging er zum Rückzug über, drohte dem Marktleiter im Weggehen mit einer Beleidigungsklage, weil er ihn als Flaschensammler beschimpft habe. Der Marktleiter konterte, dass auch er den Nieselpriem wegen Beleidigung anzeigen werde. „Und jetzt sieh zu, dass du Land gewinnst, du mieser kleiner Flaschengeier!“


***

Zusammenrottung auf dem Bahnsteig

Von Martin Kirchhoff


Kurz nach 9 Uhr, kühler Wind zieht über den Bahnsteig 10 des Hauptbahnhofes, Menschen warten, einzeln, andere gruppiert, im Raucherbereich zuckt sich ein Mann das Ziffernblatt seiner Armbanduhr vor die Augen, zieht die Augenbrauchen hoch, während er sich einen Glimmstängel zwischen die Lippen steckt, den er mit dem dritten Versuch endlich entzünden kann. Hinter ihm grummelt eine Rauchende etwas vor sich hin. Ein auf dem gelben Strich stehender Junge bittet, man möge seine Kaugummizigarette anzünden. Eine Frau ruckt ihr Gesicht in seine Richtung, verächtlich grinsend.

Irgendwo ertönt ein Gong, dessen Klang sich ausbreitet, dem eine Lautsprecherstimme folgt, die auf einen verspäteten TGV hinweist, der versehentlich auf Gleis 7 stehe und nicht mehr umrangiert werde. Auf dem Bahnsteig 5 setzen sich Körper in Bewegung, rotten sich zusammen, zu einem Zug zum Zug, der auf einem anderen Gleis steht. Nach erneutem Gong beteuert die selbe Lautsprecherstimme, der TGV warte, appelliert dann, man möge sich diszipliniert verhalten, schnarrt weiter... Links zwei drei vier... Links zwei drei vier... und der Menschenzug macht mit, marschiert den Bahnsteig entlang, nimmt die Kurve im Gleichschritt und zieht auf dem zutreffendem Bahnsteig ein, entlang am Schnellzug der schnellen Sorte. Sie verteilen sich auf der Fläche, dem Zug zugewandt, warten ab, bis ein alter Mann sich zu einer der offenstehenden Eingangstüren begibt, im Innenraum verschwindet und damit eine Kettenreaktion auslöst.

Vier Gestalten, vielleicht eine Familie, rennen, Koffer und Reisetaschen schwenkend, auf den Bahnsteig 10, hetzen voran, werden langsamer, bleiben dann stehen, atemlos, japsend, krumm gebeugt, hektisch sich umschauend, zuletzt die Blicke auf die Bahnhofsuhr gerichtet. Obgleich sie froh sein könnten, sich trotz ihrer Verspätung nicht verspätet zu haben, werden sie von der Unruhe ergriffen und passen sich an. Finstere Blicke werden den drei in blauen Uniformen Steckenden, zwei Männern, einer Frau, zugeworfen, die am Bahnsteigbeginn stehen, die Köpfe gesenkt. Sie bleiben reglos stehen, reagieren nicht. Drei Kinder spielen Fangen um die mittlere Rauchzone, aus der heraus sie von einer Frau, die sich in der erhofften Rauchruhe gestört fühlt, ermahnt werden.

Der Sekundenzeiger ruckt auf der Bahnhofsuhr, ein Bärtiger stapft den Bahnsteig ab, dem Anfang zu, seine schwarzen Haare wirbeln im Wind, wippen mit den Schritten, dann baut er sich vor den Uniformierten auf, hebt den linken Arm, sein Zeigefinger sticht in die Luft, während er sich erkundigt, was das soll. Synchron zucken drei Schulterpaare, einer der Männer erkundigt sich barsch, um was es überhaupt gehe. Schon schnellt der linke Arm des Bärtigen hoch, auf die große Bahnhofsuhr gerichtet, worauf er erneut ein synchrones Schulterzucken als Antwort erntet, wofür sie einen bösen Blick ernten, der ihre dienstlich desinteressierten Gesichter abstreift, untermalt vom wilden Aufstampfen mit dem linken Fuß. In der Folge hüpft er, fasst sich oberhalb des Knies ans Bein; kurz verziehen sich die Lippen eines Dienstgesichts fast zeitgleich mit der kratzigen Frauenstimme aus dem Lautsprecher, die ACHTUNG ACHTUNG fordert, das allgemein als ACHTUNG ACHTUNG verstanden wird. Etliche Körper rucken auf, stehen stramm, aus den Lautsprechern ertönen Atemtöne, langgezogen, ekstatisch, ein Junge stellt mit aufgeregt schwirrender Stimme fest, da treiben es zwei Bahndienstler miteinander, das Atmen erklingt weiter, tief, fest, rhythmisch, dann Pause, wieder Atmen, ein seine Freundin Umarmender schmunzelt sie an, die ihre Augen verdreht, MOMENT, unterbricht das Atmen, das wieder im selben Rhythmus fortgesetzt wird, untermalt vom Papierrascheln, das von zwei langgezogenen Stöhnlauten aus den Reihen der Wartenden bereichert wurde, dem Gelächter und Applaus folgt. Heitere Stimmung auf dem Bahnsteig, der Bärtige kratzt sich den Kopf, Atmen, Rascheln, ACHTUNG, jetzt deutlich verständlich, ACHTUNG, DER FAHRPLANMÄSSIGE ICE VON MÜNCHEN ÜBER FRANKFURT AM MAIN, HANNOVER NACH ein tiefer Atemzug füllt die Pause BERLIN HAUPTBAHNHOF IST ... HM ... IST AUF DER STRECKE NACH STUTTGART ... ÄH ... VERSCHWUNDEN ... JA, ... ÄH ... tiefes Durchatmen, ... VERSCHWUNDEN UND ... WIR BITTEN SIE UM IHR VERSTÄNDNIS ... POTZBL1TZ ... auf dem Bahnsteig hält die muntere Stimmung an, Lachen, Och Och, Atmen durch die Lautsprecher, die Uniformträger zucken die Schultern, der Bärtige hebt den Kopf und starrt auf eine Stelle an der Hallendecke, an der er einen Lautsprecher vermutet. WIR BEMÜHEN UNS, EINEN GEEIGNETEN ERSATZZUG AUFZUTREIBEN. KEINE PANIK, BITTE, WIR HABEN ALLES IM GRIFF UND ... ÄH ... DANKEN FÜR IHR ... VERSTÄNDNIS! Erstaunte Gesichter, aufgerissene Münder, eine Frau zieht wenige Meter vor der gelben Markierung der Raucherzone eine Zigarette aus der Packung, der Junge bittet sie, sie möge seine Kaugummizigarette anzünden; sie hält ihm die Flamme des Feuerzeugs zu, er nähert sich, zieht und ruft ein beglücktes Ohhhhhh, aus einem anderen Lautsprecher wird verkündet, der verspätete TGV nach Paris fahre in drei Minuten ab, müsse allerdings aus bahntechnischen Gründen über Basel, Colmar fahren, darum sollen sich die Passagiere nach Straßburg und Nancy im hinteren Wagen versammeln, der in Basel an den ersten geeigneten Zug angehängt werde. GUTE REISE UND BEEHREN SIE UNS BALD WIEDER - IHRE DEUTSCHE BAHN.

Die Bahnhofsuhren rücken die Minuten ab, die Wartenden gruppieren sich, es wird debattiert, zornig, auch gelassen. Ein junger Mann beteuert, alles liege im Ermessen der Natur ... treuherzig gleitet sein Blick über die Szene, er hebt beide Arme, Zeigefinger und Daumen beider Hände aufeinander gepresst, ruft er OM aus, atmet, nochmals OM, aus dem ein Singsang entsteht. Eine Raucherin verzieht ihre Lippen und dreht ihre linke Hand vor ihrer Stirn, ein alter Mann macht lautlose Lippenbewegungen, der Junge pafft zufrieden seine Kaugummizigarette, ruft Om, Om, Om, eine Frau stellt mit schriller Stimme fest, das sei ein Vorgeschmack auf den neuen Bahnhof S21, acht Gleise, Milliarden Kosten und Chaos, da prustet ein Mann, der wenige Meter hinter ihr steht, Aufhören, es reicht Heilandsbohnenviertel aber auch, da hat der Norweger sich geirrt, Grün gehört ausgemerzt, ja wohl und er tritt vor, setzt einen Schritt auf die Ausruferin, den nächsten Schritt, schon trifft ihn der verbale Angriff Alter Sack, Mappus lässt grüßen, damit bricht er die Richtung ab, kratzt sich an der Stirn, wechselt, nimmt Kurs auf den jungen Mann, der neben dem Jungen steht, der immer noch seine Kaugummizigarette pafft. Kommentare, über die Lage der Bahn, die Lage der Nation werden laut, ein Schwarzhaariger beteuert, Allah werde es richten, leise zwar, aber hörbar, worauf ein blonder Brillenträger Ah, Tali oder was ausruft, die Uniformierten verziehen sich, der Bärtige folgt ihnen, wild mit beiden Armen fuchtelnd, aus der Menge erschallt Wer nichts ist, nichts kann, wird Taliban, Lachen kommt auf, ergießt sich, vom vorderen Teil des Bahnsteigs heraus wird ergänzend gerufen Wer nichts kann, nichts ist, wird Pietist, das Lachen legt zu, kurz, reißt plötzlich ab, böse Gesichter wenden sich suchend hin und her, ACHTUNG, ACHTUNG!, erschallt aus den Lautsprechern des Bahnsteigs - wieder undeutlich, eher ACHTONG - IN RUND FÜNF MINUTEN STELLEN WIR IHNEN EINEN ERSATZZUG BEREIT, DER DANN IN FÜNF MINUTEN ABFAHREN WIRD. WIR DANKEN IHNEN FÜR IHR VERSTÄNDNIS ... UND ... HM ... JA ... FÜR IHRE GEDULD! Leben entsteht, Gesichter hellen sich auf, der Bärtige kehrt zurück, stellt sich auf seinem vorherigen Platz auf, der Junge zieht seinen Gummiglimmstängel heraus, fingert am Papier, befreit den Kaugummi, den er sich dann in den Mund stopft und genüsslich mit dem Kauen beginnt. Die Bahnhofsuhren rücken die Minuten ab, Unruhe flackert kurz auf, bis nach acht Minuten ein Zug mit silbern beschlagenen Waggons einfährt, an die sich die Älteren noch erinnern können. Es grüßt der Nahverkehr in die Ferne. Uff, stößt ein Mann aus, der Ausruf wird aufgenommen, Uff, Himmelarschundwolkenbruch ... damit bis Berlin, nein ich Frankfurt, ah Bänker, ha, Nein, Soso ... auch schlimm, naja, also bitte, alles Steuergelder und die LautsprecherStimme schweigt, so trotten sie zu den Wagen, steigen ein, warten ab, erwarten die Abfahrt. Nach sechzehn Minuten ruckt der Zug an und nimmt die Strecke auf.

Erwartungsvolle Reisende erscheinen auf den Bahnsteigen, suchen Hinweise und warten ab.

   

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