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Kräuterfrau
Von Kurt May
Meine Damen und Herren! Wer kennt nicht unsere reiche
und bunte deutsche Flora, vom Waldmeister bis zum Fingerhut, von
der Trollblume bis zur Brockenanemone. Doch unsere Wälder sind
leider auch Heimat anderer Blumen und Kräuter. Nur der aufmerksame
und moralische Beobachter entdeckt sie und weiß sie zu klassifizieren.
Da muß ich zuerst die Hasslilie nennen. Sie
ist stark windend, teils einzeln oder in Rudeln auftretend, lebt
ausdauernd und ist sehr giftig, vermehrt sich zumeist unterirdisch.
Nur schwer ausrottbar.
Das Habenkraut. Allgemein verbreitet. Besonders beliebt
bei den Kindern. Schwach giftig. Enthält den Bitterstoff Egoismus.
Das kleine Schreiglöckchen. Zunehmend im Bestand.
Wächst gern auf kargem sozialen Boden. Sehr wärmeliebend.
Als Heilpflanze ohne Wert. Vermehrt sich durch Enttäuschung
und Leid.
Das große Geilkraut. Keine Verwechslungsmöglichkeit.
Unangenehm riechend. Enthält giftige Säuren, die Ethik
und Moral schädigen können.
Die Schlafgarbe. Beliebte Zimmerpflanze in Büros
und Behörden. Sehr häufig. Nutzloser Unkrautbestand. Als
Viehfutter nicht zu gebrauchen.
Der große Horchschnabel. War früher in
gewissen Teilen Deutschlands sehr verbreitet. In allen Teilen ungenießbar.
Blüten nach faulen Eiern duftend. Wird von kleinen Flugwanzen
bestäubt.
Der Neidelbast. Gedeiht auf jedem Boden. Bestand niemals
gefährdet. Blüht und reift in allen Jahreszeiten. Enthält
einen weißen Farbstoff, der Gesicht und Seele bleicht.
Die winzige Geberesche. Kann in jedem Areal vorkommen.
Inzwischen vor dem Aussterben bedroht. Enthält das Öl
Barmherzigkeit und viele Vitamine. Alte Heilpflanze.
Der Gemeine Geldsalat. Ein Nachtschattengewächs.
Unterirdische Teile unerwartet giftig. Viele Bürger starben
schon an Unkenntnis durch ihn. Sehr häufig. Unterschiedliche
Blüten und Früchte.
Die wilde Raubnessel. Erobert sich schleichend alle
Standorte im Land. Hat viele Ausläufer. Blüten sehr verzweigt.
Wird gewerblich von Geschäftemachern, teils auch von Vertretern
und Politikern gesammelt. Viele schwer zu unterscheidende Unterarten.
Der immergrüne Scheißdorn. Liebt Schatten
und Humus. Inzwischen sehr häufig. Wurde von Fäkalisten
eingebürgert. In Moral und Benehmen krebserregend. Häufigste
Unkrautpflanze in Deutschland.
Gemeine Sockenblume. Blüht rosa bis dunkelrot.
Einst hohe Bestände abnehmend. Gute Heilpflanze wider rechte
radikale Meinungen. Ungekocht stark giftig.
Die Gemeine Schundskamille. Eingewandert aus Kamelrika.
Inzwischen sehr häufig in Deutschland. Alle Teile ekelerregend
duftend. Ihre Gerbstoffe führen zu schweren Geschmacksvergiftungen.
Der Graue Mauerampfer. Beliebtes Zierkraut in Herzen
und Köpfen mancher Leute. Schwer zu bekämpfen. Bestand
zunehmend. Früchte hart wie Beton. Vermehrung noch ungeklärt.
Macht meist süchtig.
Durchwachsene Brechpalme. Ungeliebtes Unkraut in Staat
und Gesellschaft. Wird trotzdem gern in Gärten in Töpfen
gehalten. Reagiert schäumend auf dumme Politik. Früchte
ungenießbar. Vergiftungen nur schwer heilbar.
Blasse Schleichrose. Altes Symbol für Bürgerunfreundlichkeit
wie Steuern und Behörden. Bildet gern Gruppen. Blüten
wirken betäubend. Liebt schlichte soziale Böden.
Das große Leidenröschen. Gehört zu
den Dünnblattgewächsen. Allgemein verbreitet. Oft einzeln
wachsend. Sehr schnell welkend. Versuche, es zu schützen, schlugen
bisher fehl. Kann richtig zubereitet, Mitleid erregen.
Das Zonenkraut. Gilt allgemein als ausgestorben, obwohl
immer wieder Fundorte gemeldet werden. Nicht verwechselbar. Flugsamen
giftig. Andere Teile harmlos. Oft lichtscheu.
Ewige Wechselbeere. Ein Wetterhahngewächs. Schwer
zu bestimmen. Wechselt ständig die Blütenfarben. Teile
der Pflanze teils harmlos, teils giftig. Häufiger als allgemein
bekannt. Schmeckt süßsauer.
Langfingerkraut. Zunehmend im Bestand und sehr gebärfreudig.
Viele schwer zu unterscheidende Arten. Schattenliebend. Als Sud
eingenommen, kann es süchtig machen. Wird gern als Zusatz für
Räuberschnaps genommen.
Gefleckter Tierling. Selten, neigt zu Riesenwuchs.
Alle Teile ungenießbar. Wirkt auf unerzogene Leute ansteckend.
Meldepflichtige Krankheitsfolgen.
Gemeiner Bettlerenzian. Sehr selten und unbeliebt
bei den Bürgern. Stellt geringe Ansprüche an Licht und
Boden. Sehr frostempfindlich. Als Gemüse oder Tierfutter ungeeignet.
Nicht ausmerzbar.
Domestizierte Dulderdistel. Bescheiden und klein.
Gedeiht auf anspruchslosestem Boden, auf allen Standorten und bei
allen Temperaturen. Alte Heilpflanze wider Übermut. Nicht wirksam
bei Erkrankungen des Überflusses. Enthält Vitamine der
Lebenskraft.
Radikalenbilsenkraut. Bei Vorkommen immer in Scharen.
Sehr auffallend. Bestimmbar auch von Laien. Sehr empfindlich bei
gärtnerischer Behandlung. In allen Teilen ungenießbar.
Heimliche Zimmerpflanze in gewissen Kreisen.
Goldene Rentenaster. Vielfältig verbreitet. Unbeliebt
bei Politikern. Als Strauß sehr schnell welkend. Heilwirkung
noch weitgehend unerforscht. Gutes Gedankengewürz. Auf sicherem
Standort unerwartet zäh.
Der weiße Waisenhut. Zunehmend verbreitet. Kommt
auf allen Standorten vor. Rasch aufblühend, wenn sich Eltern
totrasen, totsaufen oder einfach verschwinden. Keine Heilmöglichkeit
gegen seine bittere Wirkung.
Der kleine Plundermann. Sehr häufig anzutreffen
vom Straßenrand bis in den Supermarkt. Wurzeln verfilzt. Heuchlerischer
süßer Duft. Beliebtes Kraut auf Jahrmärkten.
Windende Wendegrütze. Wechselt nach der Blüte
die Farbe von rot bis weiß, häufig gar zu braun. Teils
einzeln, teils in Rudeln anzutreffen. Beliebtes Futter für
Politiker. In fünfzig Jahren wahrscheinlich vom Aussterben
bedroht.
Gemeiner Krankenkassenbaldrian. Nur in Städten
vorkommend. Bei längerem Beschnuppern ätzend reichend.
Wuchs oft riesenhaft. Wird als Heilpflanze angepriesen, enthält
aber keine Wirkstoffe.
Süßes Diätenkraut. Vielblütig.
Liebt fetten Boden. Wächst gern im Verborgenem und Schatten.
Streng geschützt. Darf nur von Politikern gesammelt und verwendet
werden. Bei Verstoß harte gerichtliche Strafen.
Sumpfsorgenkümmel. Im Bestand zunehmend. Kleinblütig.
Im Anspruch sehr bescheiden. Enthält Alkoholoide. Bei längerem
Genuß der Pflanze schwerste seelische und körperliche
Schäden.
Duftendes Ohnmachtsveilchen. Wird von allen größeren
und wohlhabenden Wesen getreten und verdrängt. In seiner Welt
rechtlos. Duft sehr angenehm. Immer häufiger auftretend. In
allen Teilen, auf allen Standorten pflegebedürftig. Leider
noch nicht geschützt.
Der Zinsenfingerhut. Scheu und listig wachsend. Teils
riesige Exemplare. Äußerst giftig. Als Heilpflanze untauglich.
Nicht ausrottbar. Hat reiche und skrupellose Artenschützer.
Vielästige Behördenteufelskralle. Alle Teile
mit giftigen Dornen bewehrt. Unterirdisch wuchernd. Lockende Früchte
ungenießbar. Kein wirksames Vernichtungsmittel gegen die Pflanze.
Eng verwandt mit der Verzweiflungskresse.
Farbloser Geschäftemacherrettich.
Plötzlich auftretend und verschwindend. Allgemein
schädlich für jede Landschaft. Tödlich wirkende Früchte.
Gedeiht auch auf kargem Boden. Vermehrt sich heimlich und wirksam
durch Flugsamen. Samen werden auch durch Ungeziefer verbreitet.
Kann zu jeder Zeit Farbe und Gestalt wechseln.
Täter- Opfer- Hartriegel. Zwillingspflanze. Täterteile
immer sieghaft über Opferteile. Täterteile unter juristischem
Schutz. Opferteile finden als geringes Gesellschaftsfutter Verwertung.
Wirkstoffe der Opferteile stehen unter Verbot ihrer Nutzung.
Schwarzarbeitergerste. Sehr beliebt bei Sammlern.
Prächtige und preiswerte Früchte. Keine Schonzeit im Jahr.
Pflanze wird pausenlos gesucht und vertilgt.
Immergrüner Sauflattich. Keine Verwechslungsmöglichkeit.
Stadt- und Straßenlärm liebend. Sucht erregend. Kommt
auf allen Standorten vor. Geldnot oder Übermut anzeigend.
Rotbraune Radikalenbeere. Viele formenreiche Arten.
Gut zu unterscheiden. Unterirdisch schwer ausrottbar. Zumeist lichtscheu.
Nur nach langem Kochen unschädlich. Gern in Rudeln vorkommend.
Filzige Medienkralle. Allgemein verbreitet. Sich brutal
durchsetzend. Unangenehmer Geruch. Millionen winzige Samen. Häufige
Pflanze auf Schund- und Schmutzhalden.
***
Zwei Fenster
– ein gestörtes Stillleben –
Von Fred Luhde
Ich sitze jetzt hier, im Zimmer, hinter den Vorhängen
und versuche, ein Stillleben zu erzählen. Der Blick auf die
Sträucher vor dem Haus, die Magnolie, die Blutbuche, die Hecke
als Begrenzung des Vorgartens, wird ermöglicht durch zwei quadratische
Fenster, nebeneinander.
Auf der Straße parken Autos bis zu einer bestimmten
Grenze, ab der es verboten ist, dies zu tun.
Es ist die Nordseite des Hauses, vom Licht her schwierig,
zumal die hochgewachsenen Bäume, Büsche und dergleichen
Komplikationen mehr - Sie ahnen es - den Lichteinfall behindern.
Auf der Fensterbank - der zweigeteilten - sind verschiedene
Gegenstände gestellt, ja sie stellen sich dem Betrachter, der
nach Lage der Dinge und Personen nur ich sein kann, denn kein anderer
darf..., aber das tut nichts zur Sache.
Beginnen wir die Betrachtung - von mir aus gesehen
- auf der linken Seite des Fensterbretts. Dort liegt, in Pappe verpackt,
ein Notenständer. Man könnte ihn aufbauen, geeignetes
Notenmaterial darauf legen, z.B. die Cello-Suiten von Bach und beginnen
zu musizieren.
Das braucht seine Zeit und so viel haben wir nicht
davon in diesem begrenzten Lebensraum.
Daher heißt es rasch fortfahren auf der rechten
Seite der Fensterbank. Dort steht ein Fonduetopf - Geschlossen.
Hebt man den Deckel an, ist zu erkennen, dass nichts darin ist.
Nichts! Aber auch gar nichts! Das wäre leicht zu ändern,
indem man Fleischstücke darin erhitzt, meinetwegen auch Broccoli
oder das Ganze (?) noch mit schmelzendem Käse vermischt und
dann - zum Einfuhren- direkt unter der Nase, geflissentliches Zögern
wegen „zu heiß“ Inbegriffen. Dann aber niederwärts.
was das Zeug hält, bis sich der Magen gefüllt anfühlt.
Danach einen Verdauungsspaziergang, ein Zigarettchen in Ehren oder
ein Schläfchen. Hauptsache, das Fondue rutscht durch Magen
und Därme bis zum After. Von dort kann es dann gerne in die
etwa zwanzig Zentimeter großen - vom Durchmesser her - Abflussrohre
der Kanalisation geschickt werden.
Zurückgekehrt aus der mittlerweile sich schon
zersetzenden Kloake, kann das Stillleben erleichtert fortgesetzt
werden.
Links neben dem Fonduetopf. in etwa der Mitte der
Fensterbrettfläche, eine Vase, die gebrannt ist, wie das Kind
vom Feuer und an altrömische Gefäße erinnert, die
in gesunkenen Seglern zu finden waren. Es fehlt eine rote Nelke.
Die Vase ist trocken gelegt.
Rechts neben dem - sagen wir ruhig - Bach-Notenständer,
ein Kerzenhalter mit lila gefärbter Konfirmationskerze, die
derzeit nicht brennt, wenn wir’s schon ohnehin von der Hitze
haben.
Daneben eine Schnabeltasse mit dem Aufdruck „Mehr
erleben“. Ohne Weiteres lassen sich ausgewählte Flüssigkeiten
vorstellen, die darin unterzubringen wären und das Rot der
Tasse mit irgendwelcher dünnflüssigen Schmackhaftigkeit
füllen könnten.
Eine Nummer weiter nach rechts steht ein Windlicht,
verschließbar mit einem Milchglastürchen, durch das die
Kerze an den vorgegebenen Platz gebracht werden kann. Unschwer zu
fantasieren:
Sommerabende, in denen dieses Windlicht, im Schein
der Abenddämmerung die dann noch schwirrenden Insekten anzieht,
von allerlei Leibwässerlein wie Schweiß und weiteren
ganz zu schweigen. Schließlich wird das Türchen geschlossen,
die Kerze ausgeblasen - nein umgekehrt!- und raschen Schrittes -
ich wiederhole - raschen Schrittes sich in’s Ankleidezimmer
begeben, um sich auszukleiden, was meist sogar schneller geschehen
kann wie das Umgekehrte. Und? Was dann?
In der Mitte der beiden Fenster - die tragende Säule
- gleich neben dem Windlicht.
Hier lehnt eine Ikone an der Säule, die Jesus
in einer Lebensenddepression am Kreuz zeigt. Er ist schlank, um
nicht zu sagen mager, sein Geschlecht von einem Tuch verdeckt. Sein
Blick sieht verinwendigt aus. Das Gesicht drückt eine Gelassenheit
aus, die in dieser Situation wohl nur schwer zu finden sein wird.
Links und rechts vom Kreuz - Mitleidende - ebenfalls mit Heiligenschein
versehen. Jesus Blut rinnt die Füße herab und quillt
ebenso aus Wunden an der Brust und den Händen. Das Bild will
sagen: wir sind aufgehoben, wenn wir die Liebe erfahren und das
Mitleiden.
Der Blick schweift weiter nach rechts, wo in der Mitte
des rechten Fensterbretts ein weiterer, kein tragender, wiewohl
potentiell tragender Fonduetopf steht. Er könnte schon, wenn
wir wollten - tragen nämlich.
Ich beuge mich über den Schreibtisch, ziehe die
Vorhänge beiseite, öffne den Fonduetopf wegen des sirrenden
Geräusches, das daraus zu hören ist und trage, nachdem
ich rasch ein Buch - beispielsweise das „Hinterzimmer des
Worts“ von Fred Luhde über die Öffnung geschoben
habe, um die Flucht zu verhindern, den nunmehr wieder verschlossenen
Fonduetopf zur Terrasse, wo nur noch das Mondlicht etwas Helligkeit
hergibt.
Sie will - wieder in Freiheit - gar nicht gleich wegspringen,
viel leicht, weil sie gelernt hat, die Stille im Zimmer zu mögen
oder meinen Geruch oder was auch immer - ist ja schnurzpiep -, aber
dann bewegt sie ihre Fühler, wie ich im mittlerweile angeknipsten
Terrassenlicht erkennen kann, hüpft, wieder und wieder über
den Rasen - das Ganze geht sehr schnell, wie ja der Name „Rasen“
schon von selbst ausdrückt - und verschwindet unter dem Lorbeerbusch:
Die Heuschrecke!!!
So leicht kann es mit der Stille vorbei sein. Davon
gibt auch lebhaft - das heißt, um genau zu sein, nun nicht
mehr - Zeugnis, das Marmeladeglas, das ehedem auf dem Fensterbrett
gleich noch etwas mehr links neben der roten Tasse mit dem Aufdruck
„Mehr erleben“ gestanden hatte, nun aber in Scherben
unter dem Schreibtisch liegt, nachdem es versehentlich heruntergestoßen
wurde.
***
Eine Szene
Von Rüdiger Saß
Es war ein Tag wie jeder andere, Wind und Regen
regierten die graue, geduckte Stadt, nichts deutete auf Unvorhergesehenes
hin: kein Zeichen am Himmel, das auf Glück oder Unglück
hindeutete, keine schwarze Katze weit und breit, nichts als die
gewohnte Langeweile und Tristesse.
Unternehmer Nieselpriem hatte sein Büro, seine
Wohnung aufgeräumt. Das Ergebnis, drei Mülltüten
voller Pfandflaschen, gab er am Leergutautomaten des Getränkemarkts
seines Vertrauens ab. Der Inhalt einer Mülltüte war bereits
Flasche für Flasche im Automaten verschwunden, als es einem
Rentnerehepaar, das hinter Nieselpriem wartete, zuviel wurde. Voller
Ungeduld und Wut verlangte das Paar gefälligst vorgelassen
zu werden. Der Unternehmer lehnte aus Zeitgründen ab, Aufträge
warteten auf Erledigung, Untergebene mussten überwacht und
schikaniert werden. Daraufhin zogen die Rentner ab, kamen aber sofort
mit Verstärkung, mit dem Marktleiter zurück. Dieser stellte
sich vor dem Unternehmer auf, stemmte die Fäuste in die Seiten
und forderte ihn auf, die Alten vorzulassen, denn offensichtlich
sei er ein dahergelaufener Flaschensammler, der Mülltonnen
abklappere, ein nichtswürdiger Pfandgeier, der vom Müll
anderer Leute lebe. Nieselpriem fühlte sich wie vor den Kopf
gestoßen, ihm wurde schwindelig, er taumelte wie ein angeschlagener
Boxer. Er trug zwar keinen Anzug, keine Krawatte, aber dass er einen
so heruntergekommenen Eindruck machte, hätte er nie gedacht.
Kaum hatte er sich von dem Schock ein wenig erholt, vergalt er Gleiches
mit Gleichen, indem er den Marktleiter, seinen Beleidiger mit einem
Obdachlosen verglich. „Wenn ich wie ein Flaschensammler aussehe“,
sagte er zum Marktleiter, „dann sehen Sie wie ein Penner aus,
wie ein Sozialschmarotzer aus der untersten Kajüte.“
Der Marktleier fackelte nicht lange: „Jetzt
hör mir mal genau zu, du mieser kleiner Flaschengeier!“,
brüllte er, „Du nimmst jetzt ganz schnell deine stinkenden
Flaschen und verschwindest von hier, sonst rufe ich die Polizei,
verstanden! Und dass du dich hier nie wieder blicken lässt,
du Assel!“
„Der ist doch besoffen“, sagte der Rentner,
„der hat sich das Hirn weggesoffen.“Auch die Rentnerin
schaltete sich jetzt ein. „Der versteht nichts. Das ist bestimmt
ein Ausländer, ein Kanake. Hoffentlich hat er seinen Sprengstoffgürtel
nicht dabei und jagt uns alle in die Luft.“
Unternehmer Nieselpriem fiel aus allen Wolken, als
er geduzt wurde. Er schleuderte seinen Beleidigern die wüstesten
Beschimpfungen entgegen, schimpfte sie Penner, Abschaum, Bettler
und Halunken.
Plötzlich kreuzten zwei Polizisten auf, und ebenso
plötzlich fühlte sich der Nieselpriem wie ein Verbrecher.
Er sah sich schon in Handschellen und vor aller Welt in den Funkwagen
geschubst, wobei ihm ein Scherge an den Kopf fasst, wie das so üblich
ist, damit sich der Gefesselte beim Einsteigen nicht stößt.
Derart in die Enge getrieben, ging er zum Rückzug über,
drohte dem Marktleiter im Weggehen mit einer Beleidigungsklage,
weil er ihn als Flaschensammler beschimpft habe. Der Marktleiter
konterte, dass auch er den Nieselpriem wegen Beleidigung anzeigen
werde. „Und jetzt sieh zu, dass du Land gewinnst, du mieser
kleiner Flaschengeier!“
***
Zusammenrottung auf dem Bahnsteig
Von Martin Kirchhoff
Kurz nach 9 Uhr, kühler Wind zieht über
den Bahnsteig 10 des Hauptbahnhofes, Menschen warten, einzeln, andere
gruppiert, im Raucherbereich zuckt sich ein Mann das Ziffernblatt
seiner Armbanduhr vor die Augen, zieht die Augenbrauchen hoch, während
er sich einen Glimmstängel zwischen die Lippen steckt, den
er mit dem dritten Versuch endlich entzünden kann. Hinter ihm
grummelt eine Rauchende etwas vor sich hin. Ein auf dem gelben Strich
stehender Junge bittet, man möge seine Kaugummizigarette anzünden.
Eine Frau ruckt ihr Gesicht in seine Richtung, verächtlich
grinsend.
Irgendwo ertönt ein Gong, dessen Klang sich ausbreitet,
dem eine Lautsprecherstimme folgt, die auf einen verspäteten
TGV hinweist, der versehentlich auf Gleis 7 stehe und nicht mehr
umrangiert werde. Auf dem Bahnsteig 5 setzen sich Körper in
Bewegung, rotten sich zusammen, zu einem Zug zum Zug, der auf einem
anderen Gleis steht. Nach erneutem Gong beteuert die selbe Lautsprecherstimme,
der TGV warte, appelliert dann, man möge sich diszipliniert
verhalten, schnarrt weiter... Links zwei drei vier... Links zwei
drei vier... und der Menschenzug macht mit, marschiert den Bahnsteig
entlang, nimmt die Kurve im Gleichschritt und zieht auf dem zutreffendem
Bahnsteig ein, entlang am Schnellzug der schnellen Sorte. Sie verteilen
sich auf der Fläche, dem Zug zugewandt, warten ab, bis ein
alter Mann sich zu einer der offenstehenden Eingangstüren begibt,
im Innenraum verschwindet und damit eine Kettenreaktion auslöst.
Vier Gestalten, vielleicht eine Familie, rennen, Koffer
und Reisetaschen schwenkend, auf den Bahnsteig 10, hetzen voran,
werden langsamer, bleiben dann stehen, atemlos, japsend, krumm gebeugt,
hektisch sich umschauend, zuletzt die Blicke auf die Bahnhofsuhr
gerichtet. Obgleich sie froh sein könnten, sich trotz ihrer
Verspätung nicht verspätet zu haben, werden sie von der
Unruhe ergriffen und passen sich an. Finstere Blicke werden den
drei in blauen Uniformen Steckenden, zwei Männern, einer Frau,
zugeworfen, die am Bahnsteigbeginn stehen, die Köpfe gesenkt.
Sie bleiben reglos stehen, reagieren nicht. Drei Kinder spielen
Fangen um die mittlere Rauchzone, aus der heraus sie von einer Frau,
die sich in der erhofften Rauchruhe gestört fühlt, ermahnt
werden.
Der Sekundenzeiger ruckt auf der Bahnhofsuhr, ein
Bärtiger stapft den Bahnsteig ab, dem Anfang zu, seine schwarzen
Haare wirbeln im Wind, wippen mit den Schritten, dann baut er sich
vor den Uniformierten auf, hebt den linken Arm, sein Zeigefinger
sticht in die Luft, während er sich erkundigt, was das soll.
Synchron zucken drei Schulterpaare, einer der Männer erkundigt
sich barsch, um was es überhaupt gehe. Schon schnellt der linke
Arm des Bärtigen hoch, auf die große Bahnhofsuhr gerichtet,
worauf er erneut ein synchrones Schulterzucken als Antwort erntet,
wofür sie einen bösen Blick ernten, der ihre dienstlich
desinteressierten Gesichter abstreift, untermalt vom wilden Aufstampfen
mit dem linken Fuß. In der Folge hüpft er, fasst sich
oberhalb des Knies ans Bein; kurz verziehen sich die Lippen eines
Dienstgesichts fast zeitgleich mit der kratzigen Frauenstimme aus
dem Lautsprecher, die ACHTUNG ACHTUNG fordert, das allgemein als
ACHTUNG ACHTUNG verstanden wird. Etliche Körper rucken auf,
stehen stramm, aus den Lautsprechern ertönen Atemtöne,
langgezogen, ekstatisch, ein Junge stellt mit aufgeregt schwirrender
Stimme fest, da treiben es zwei Bahndienstler miteinander, das Atmen
erklingt weiter, tief, fest, rhythmisch, dann Pause, wieder Atmen,
ein seine Freundin Umarmender schmunzelt sie an, die ihre Augen
verdreht, MOMENT, unterbricht das Atmen, das wieder im selben Rhythmus
fortgesetzt wird, untermalt vom Papierrascheln, das von zwei langgezogenen
Stöhnlauten aus den Reihen der Wartenden bereichert wurde,
dem Gelächter und Applaus folgt. Heitere Stimmung auf dem Bahnsteig,
der Bärtige kratzt sich den Kopf, Atmen, Rascheln, ACHTUNG,
jetzt deutlich verständlich, ACHTUNG, DER FAHRPLANMÄSSIGE
ICE VON MÜNCHEN ÜBER FRANKFURT AM MAIN, HANNOVER NACH
ein tiefer Atemzug füllt die Pause BERLIN HAUPTBAHNHOF IST
... HM ... IST AUF DER STRECKE NACH STUTTGART ... ÄH ... VERSCHWUNDEN
... JA, ... ÄH ... tiefes Durchatmen, ... VERSCHWUNDEN UND
... WIR BITTEN SIE UM IHR VERSTÄNDNIS ... POTZBL1TZ ... auf
dem Bahnsteig hält die muntere Stimmung an, Lachen, Och Och,
Atmen durch die Lautsprecher, die Uniformträger zucken die
Schultern, der Bärtige hebt den Kopf und starrt auf eine Stelle
an der Hallendecke, an der er einen Lautsprecher vermutet. WIR BEMÜHEN
UNS, EINEN GEEIGNETEN ERSATZZUG AUFZUTREIBEN. KEINE PANIK, BITTE,
WIR HABEN ALLES IM GRIFF UND ... ÄH ... DANKEN FÜR IHR
... VERSTÄNDNIS! Erstaunte Gesichter, aufgerissene Münder,
eine Frau zieht wenige Meter vor der gelben Markierung der Raucherzone
eine Zigarette aus der Packung, der Junge bittet sie, sie möge
seine Kaugummizigarette anzünden; sie hält ihm die Flamme
des Feuerzeugs zu, er nähert sich, zieht und ruft ein beglücktes
Ohhhhhh, aus einem anderen Lautsprecher wird verkündet, der
verspätete TGV nach Paris fahre in drei Minuten ab, müsse
allerdings aus bahntechnischen Gründen über Basel, Colmar
fahren, darum sollen sich die Passagiere nach Straßburg und
Nancy im hinteren Wagen versammeln, der in Basel an den ersten geeigneten
Zug angehängt werde. GUTE REISE UND BEEHREN SIE UNS BALD WIEDER
- IHRE DEUTSCHE BAHN.
Die Bahnhofsuhren rücken die Minuten ab, die
Wartenden gruppieren sich, es wird debattiert, zornig, auch gelassen.
Ein junger Mann beteuert, alles liege im Ermessen der Natur ...
treuherzig gleitet sein Blick über die Szene, er hebt beide
Arme, Zeigefinger und Daumen beider Hände aufeinander gepresst,
ruft er OM aus, atmet, nochmals OM, aus dem ein Singsang entsteht.
Eine Raucherin verzieht ihre Lippen und dreht ihre linke Hand vor
ihrer Stirn, ein alter Mann macht lautlose Lippenbewegungen, der
Junge pafft zufrieden seine Kaugummizigarette, ruft Om, Om, Om,
eine Frau stellt mit schriller Stimme fest, das sei ein Vorgeschmack
auf den neuen Bahnhof S21, acht Gleise, Milliarden Kosten und Chaos,
da prustet ein Mann, der wenige Meter hinter ihr steht, Aufhören,
es reicht Heilandsbohnenviertel aber auch, da hat der Norweger sich
geirrt, Grün gehört ausgemerzt, ja wohl und er tritt vor,
setzt einen Schritt auf die Ausruferin, den nächsten Schritt,
schon trifft ihn der verbale Angriff Alter Sack, Mappus lässt
grüßen, damit bricht er die Richtung ab, kratzt sich
an der Stirn, wechselt, nimmt Kurs auf den jungen Mann, der neben
dem Jungen steht, der immer noch seine Kaugummizigarette pafft.
Kommentare, über die Lage der Bahn, die Lage der Nation werden
laut, ein Schwarzhaariger beteuert, Allah werde es richten, leise
zwar, aber hörbar, worauf ein blonder Brillenträger Ah,
Tali oder was ausruft, die Uniformierten verziehen sich, der Bärtige
folgt ihnen, wild mit beiden Armen fuchtelnd, aus der Menge erschallt
Wer nichts ist, nichts kann, wird Taliban, Lachen kommt auf, ergießt
sich, vom vorderen Teil des Bahnsteigs heraus wird ergänzend
gerufen Wer nichts kann, nichts ist, wird Pietist, das Lachen legt
zu, kurz, reißt plötzlich ab, böse Gesichter wenden
sich suchend hin und her, ACHTUNG, ACHTUNG!, erschallt aus den Lautsprechern
des Bahnsteigs - wieder undeutlich, eher ACHTONG - IN RUND FÜNF
MINUTEN STELLEN WIR IHNEN EINEN ERSATZZUG BEREIT, DER DANN IN FÜNF
MINUTEN ABFAHREN WIRD. WIR DANKEN IHNEN FÜR IHR VERSTÄNDNIS
... UND ... HM ... JA ... FÜR IHRE GEDULD! Leben entsteht,
Gesichter hellen sich auf, der Bärtige kehrt zurück, stellt
sich auf seinem vorherigen Platz auf, der Junge zieht seinen Gummiglimmstängel
heraus, fingert am Papier, befreit den Kaugummi, den er sich dann
in den Mund stopft und genüsslich mit dem Kauen beginnt. Die
Bahnhofsuhren rücken die Minuten ab, Unruhe flackert kurz auf,
bis nach acht Minuten ein Zug mit silbern beschlagenen Waggons einfährt,
an die sich die Älteren noch erinnern können. Es grüßt
der Nahverkehr in die Ferne. Uff, stößt ein Mann aus,
der Ausruf wird aufgenommen, Uff, Himmelarschundwolkenbruch ...
damit bis Berlin, nein ich Frankfurt, ah Bänker, ha, Nein,
Soso ... auch schlimm, naja, also bitte, alles Steuergelder und
die LautsprecherStimme schweigt, so trotten sie zu den Wagen, steigen
ein, warten ab, erwarten die Abfahrt. Nach sechzehn Minuten ruckt
der Zug an und nimmt die Strecke auf.
Erwartungsvolle Reisende erscheinen auf den
Bahnsteigen, suchen Hinweise und warten ab.
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