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Unvergesslich die Tage, an denen die Familien
Antonio Baldessini und Heinrich Giordano in die Sommerfrische reisten.
Tirol hieß das Ziel, raus aus der glühenden Stadt die
Parole. Die Kinder flüchteten in die Schatten der bröckelnden
Mauern, hielten sich versteckt, bis alle Weidenkörbe gepackt,
die Riegel entrostet, alle Deckel geschlossen, alle Kisten, Kästen,
Truhen, Kartons und Hutschachteln, alle Decken und Kissen die Stiegen
hinuntergeschleppt, von den keuchenden Dienstboten im Fuhrwerk verstaut
waren. Auf ging's, der Stationsvorsteher war noch ein Beamter des
Kaisers, aber der Lokführer schließlich kein Postillion
mehr. Bei der Anfahrt durften die Kinder mit auf dem Kutschbock
sitzen, oder doch direkt hinter dem Kutscher, die Erwachsenen folgten
in der grauen Kalesche.
Wie oft wurde mir das erzählt, als ich Kind war:
Die Baldessinis sind meine Urgroßeltern mütterlicher-,
die Giordanos väterlicherseits. Später hab ich das so
oder ähnlich auch gelesen. Über andere Kinder in anderen
Familien mit anderen Reisezielen, aber mit immer großer Aufregung
an jenen Tagen. Gelesen über die Familie Mann - oder waren
es die Buddenbrooks, oder sind damals schon beide Clans zusammen
verreist? An die See fuhren sie, an Ostöder Nordsee. Die Wiesengrunds
hingegen, die alljährlich Frankfurt verließen, reisten
in den Odenwald, zumindest Mutter, Sohn und Tante. Der Vater kam
später nach. Und dann die, ach ich weiß nicht mehr, wie
sie alle hießen. Sie verließen die großen Städte,
bevor es heiß wurde. Sie gingen in die Sommerfrische. Das
war, wie gesagt, zu Urgroßelterns Zeiten.
Von den Reisen der Großeltem weiß ich
nicht viel, außer dass große Gruppen auf Kraft-Durch-FreudeSchiffen
eine Rolle gespielt haben sollen; vor Rügen soll den Reisenden
Caspar David Friedrich auf seinem Kreidefelsen erschienen sein.
Von Sommerfrische wurde in dieser Zeit nicht gesprochen. Kurz danach
reiste man freiwillig überhaupt nicht mehr, jedenfalls unsere
Familien nicht. Aber darüber wurde stets mehr gemunkelt als
berichtet. Meine Eltern machten dann schlicht,Urlaub', die Adria
war meistens ihr Ziel, manchmal waren es auch ,die Inseln', die
unserm süddeutschen Wohnort nicht näher lagen als die
Adria. Wir Kinder fuhren in Ferienlager in den Schwarzwald oder
an den Bodensee, meine Cousins und Cousinen im OstLand fuhren in
Lager der Jungen Pioniere in der Mecklenburgischen Seenplatte. Camps
heißt es heute bei meinen Kindern. Freizeit-Camp, ReiterinnenCamp,
Zirkus-Camp, Abenteuer-Camp oder einfach Ferien-Camp.
Camp, Lager, Urlaub, Freizeit, ja sogar Ferien - wie
hohl das klingt gegen .Sommerfrische'! Sommerfrische, das kann man
doch auf der Haut spüren, das weht einen an. .Sommerfrische'
war Wohlbefinden. Erfunden in Italien, wo man von .frescura' sprach,
wenn man ,angenehme Kühle' oder ,frische Luft' meinte. Aber
das ist Jahrhunderte her. Neue Worte kamen, das Verlangen blieb.
Einem klugen Wörterbuch gilt das Wort „Sommerfrische“
heute als veraltet. Ich habe es immer vermisst, auch wenn wir längst
nicht mehr der Frische wegen verreisen, auch wenn wir ständig
unterwegs sind, aus vielerlei Gründen oder - aus gar keinen.
Bis hierher, sagte ich mir - und riss meine Windjacke
vom Haken. Genug geschrieben an diesem Artikel,Sommerfrische', den
ich morgen früh schon an die Redaktion würde senden müssen,
für das Frühsommer-Magazin im nächsten Jahr. Eine
kurze Nacht am Notebook stand mir bevor. Aber jetzt: nochmals raus!
Es war schon düster, die Sonne am Ende des Meeres
ermattet, Wolkenfetzen flogen über sie hinweg. Bald würde
sie ganz verschwunden sein, wenn ich noch zu meinem Felsen wollte,
höchste Zeit. Und stürmisch war's, jetzt, im November,
ich ließ mich in den Wind hineinfallen. Am Vormittag schon
hatte ich geblähte Mäntel, Tücher, Kapuzen den Strand
entlangtreiben sehen, große und kleine, lange und kurze, aber
immer breit und dick vom Wind. Zwei von ihnen standen jetzt auf
der Felsnase vor mir, ich strebte auf den steilen, sandigen Weg
zu, der hinaufführte. Es sah aus, als stünden sie senkrecht
über der Gischt, die gegen die Klippen schlug. Erinnerten an
zwei hüpfende Ungetüme mit dunklen Schwimmhäuten.
Was die Leute so alles treiben, ausgerechnet hier auf dieser rauen
Insel. Im November. Klippenspringer im Sommer hatte ich ja noch
bewundert, obwohl das hier kein ausgewiesener Ort dafür ist.
Aber diese beiden hier - bewegten sich wie unbeholfene Fledermäuse.
Vielleicht würde ich dieses Bild in meinem Artikel verwenden
können? Gipfel aller Sommerfrischen zwei batmen über den
Klippen.
Ich kehrte um, ich musste weiterschreiben. „Du
stemmst dich gegen den Wind“, schrieb ich, „er reißt
dir vom Mund die Atemluft weg, einen Moment lang ist alle Luft weg,
ein Vakuum, du versuchst zu atmen in einem Vakuum, du torkelst hin
und her, gleich fällst du, nein, du stehst noch, stehst einen
Moment schräg und unbeweglich in der Luft, Kopf und Oberkörper
nach vorn gebeugt, wollen doch mal sehen, wer nun stärker ist.
Sturm oder ich. Einmalig prickelnd das alles auf einer Felsnase
hoch über den Klippen, ich hab's ausprobiert“, log ich.
„Für ungewöhnliche Menschen das reine Vergnügen.
Strande zu Zeiten der Sommerfrische? Nichts als flache Badewannen
dagegen.“
Als ich am nächsten Morgen die Inselzeitung aufschlug,
löschte ich das alles ganz schnell. Unter der verrenkten Gestalt,
die am Fuße der Klippen zu erkennen war, stand: „Urlauberin
zerschmettert“ und: „Ehemann musste hilflos zusehen.“
Ich schlug die Zeitung zu. Sollte ich melden, was ich gesehen hatte?
Aber, ich bitte Sie, was habe ich denn schon gesehen?
Aus: »Steine können rückwärts
fliegen. Geschichten um Verhältnisse und Verhängnisse.
Geest-Verlag«. Vechta-Langförden 2009. 170 Seiten, 16,80
Euro
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Onkel Dino-Trick
Von Ewa Boura
Als ich klein war, verstand ich nicht, warum Onkel Dinos Name immer
herablassend von Mutter ausgesprochen wurde. Dino! Im griechischen
Alphabet gibt es den Buchstaben D nicht. Dieser Laut ist ein Diphthong
und wird in der Zusammensetzung von N + T geschrieben. Schon bei
der Aussprache dieser Zusammensetzung witterte man im Ton Fremdes,
das sich laut Mutter in der Familie eingeschlichen hatte. Ich verstand
immer nicht, aus welchem Grund Onkel Dino sich eingeschlichen haben
sollte. Außerdem, meinte Mutter, hieß er Konstantinos,
also Konstantin, und wieso die Abkürzung und diese Schleimerei
mit den Fremden. Xenocharis sei er. Woher sie wieder dieses Wort
hatte! Xenocharis bedeutet im Griechischen, Freude zu haben am Fremden.
Und Mutter war für Zusammenhalt, für Verwandtschaft, für
die Sippe, für das Wohlergehen aller in der Großfamilie.
Fremdheit und Fremdes mußte weggestoßen und abfällig
betrachtet werden. Was Mutter aber maßlos ärgerte an
diesem fremdklingenden Namen, Dino, daß er den Namen ihres
zukünftigen Königs verunglimpfte. Der Sohn der damaligen
Königin Friederike - aus dem Hause Hannover - hieß nämlich
Konstantin. Mutter hatte die Königin auf einer Parade in ihren
jungen Jahren gesehen, war an ihr stolz vorbeimarschiert, und sie
liebte den Prinzen. Mutter mochte, wie er aussah. Vater sah ihm
ähnlich. Und dieser Königinnensohn hatte zahllose Eskapaden
mit dem nationalen Filmsternchen, Aliki Voujouklaki, später,
das mochte Mutter auch nicht. ‘Dino’ hatte nichts Griechisches
an sich, sagte Mutter über den Onkel, und dieser Araber erst
recht nicht.
Vater war Sozialdemokrat. Wenn er ihr dann sagte,
daß ihre ganze Königssippe Deutsche seien, und ob sie
wisse, daß deren Name Glücksburg sei, ganz und gar nicht
griechisch, da rastete sie aus. Das wollte sie nicht hören.
Richtige Männer hießen Lazarus, Angeles,
Klimandros, Vladimiros oder Leonidas, manchmal konnten sie auch
Sophokles, aber auch Herakles heißen. So ein kurzer flippsiger
Name wie Dino konnte nicht ernsthaft der Name eines Mannes sein,
der Oberhaupt seiner Familie sein wollte. Wie sollte man Ernst,
Respekt, Würde ausstrahlen mit so einem Kuschelnamen! Nicht
jedenfalls bei der Sippe der Schwarzmeer-Griechen aus dem Kaukasus
Gebirge, wie sie im Clan Mutters zu finden waren. Und es war ein
Wunder, da meine Mutter mit dem schweren Namen Evdokia, der soviel
wie ‘Erfolg und Fortkommen’ heißt, meinen Vater
heiraten konnte, der Triantafillos hieß, was so viel wie Rose
bedeutete und hinzu vier ganze Jahre jünger war als sie. Das
hatte es noch nie gegeben. Vaters Diplomatie war vorbildhaft. Onkel
Dino aber war nicht der Typ dafür. Er konnte auch nicht beeindrucken,
indem er auswendig ganze Passagen in Altgriechisch oder aus dem
Neuen Testament zitierte. Vater machte das mit Witz, mit klarer
Stimme, und etwas Ironie in seinem schönen Griechisch, das
Mutters Sippe beeindruckte. Onkel Dino aber lebte wie er mochte,
scherte sich keinen Deut um die Sippe. Darum wurde sein Name zuhause
höhnisch und herablassend erwähnt. Ich spürte, daß
Mutter den Namen dieses Mannes als etwas Schmutziges behandelte.
Etwas, was sie nicht einmal berühren wollte. Sie vermied es
gar, uns Kinder allein bei Tante Ewa und Onkel Dino zu lassen. Dort
lacht man zu viel, sagte Mutter, und es ging ungesittet zu. Mußte
trotzdem ein Familienbesuch abgestattet werden, so belehrte sie
vorab uns Kinder, wie wir uns zu verhalten hatten.
Auf keinen Fall durften wir etwas tun, ohne vorher
meine Mutter unauffällig vor der Öffentlichkeit in die
Augen geschaut zu haben. Sie hatte uns strengstens verboten, sie
um etwas zu bitten, wenn wir woanders zu Besuch waren. Sie prahlte
mit ihren Erziehungsmethoden. Wehe uns, wir verließen ihren
Rockzipfel oder taten gar etwas, was andere Kinder taten: zum Beispiel
spielen. Mutter meinte, ihre Kinder spielen nicht. Das hieß
dann, stundenlang nicht aufstehen, nichts annehmen, wenn etwas angeboten
wurde, uns zu bedanken und keine Geldgeschenke entgegenzunehmen.
Sie genoß es zu hören, wie vorbildhaft sie ihre Kinder
erzog, während wir aufrecht und still auf unseren Plätzen
bewegungslos neben ihr da sitzen bleiben mußten. Es war auch
ein eingeübter Trick zu sagen, nein, wir wollen bei Mutter
bleiben, wenn Mutter uns vor den anderen aufforderte, spielen zu
gehen. Wir wußten genau, daß sie nur so tat.
Qnkel Dino sah dann wortlos Mutter an und schmunzelte
nur. Vater explodierte manchmal zuhause, du Irrsinnige, laß
die Kinder los! Aber sie antwortete triumphierend, ich tu doch nichts,
du siehst, meine Erziehung greift. Aber vor den anderen hielt Vater
zu ihr, um nicht ihrer Cousine und Erzkonkurrentin, Tante Ewa, Pluspunkte
zu geben, und so waren solche Verwandtenbesuche von Widersprüchen
geprägt. In solchen Situationen griff Onkel Dino wortlos nach
seiner ägyptischen Gitarre, seiner geliebten Oud, die wie immer
neben seinem Stuhl angelehnt war, warf uns Mädchen ein betörendes
Lächeln zu und fing an zu spielen, Melodien und Lieder zu singen
in seinem ägyptisch-griechischem Akzent. Er sang griechische,
arabische und türkische Lieder. Sofort wurde im Raum alles
anders. Alle Dinge wurden ihrer gewöhnlichen Vertrautheit beraubt
und ein anderer Geschmack legte sich auf meinen Gaumen. Die Welt
wurde fremd und schön. Ein Fernweh, eine Sehnsucht stellten
sich ein. Onkel Dino gab uns ein Zeichen, zwinkerte mit den Augen,
Startzeichen, aufzustehen und zu tanzen. Nicoletta, meine Freundin
und Cousine, sein jüngstes Kind, sprang auf und tanzte drauf
los. Ich spürte, wie die Scham als Hitzewelle mich übernahm
und ich wie angeklebt auf meinem Stuhl sitzen blieb, während
Onkel Dinos lächelnde Augen mit den langen weiblichen Wimpern
auf mich starrten, mit ihrer Intensität meinen Körper
in der Zukunft sahen und ihn dabei auszogen. Und ich schämte
mich für diese Blicke aus der Zukunft, die er mir zuwarf. Tante
Ewa schnippte mit den Fingern, holte das Tambourin und schlug es
gegen ihre Hüfte, so daß die Schellen einen hellen Ton
auslösten, der mir Gänsehaut gab. Onkel Dino begann zu
singen. Panik erfaßte mich und ich atmete erleichtert auf,
wenn Nicoletta mich davon erlöste.
Nicoletta wußte gar nicht, was Scham ist. Sie
lächelte immerfort und fühlte sich pudelwohl, wenn alle
sie bestaunten. Auch vor den Männern im Kafeneion tanzte sie.
Einmal sah ich sie auf dem steinernen Fußboden tanzen und
alle Männeraugen starrten auf sie wie hypnotisiert. Mein Vater
spielte dabei Karten ohne hochzuschauen, als sei nichts im Zentrum
des kleinen Männercafés, Nicoletta nicht da. Ich sollte
ihn zum Essen nach Hause holen.
Mir sagte er nur, mach schnellstens dich aus dem Staub,
hier drin hast du nichts verloren. Nicoletta war ein paar Monate
jünger als ich. Ich dachte immer, es sei dies der Grund, warum
die ‘kleine’ drauf lostanzte und sich auf ihrer Bühne
wohl fühlte. Ihre schmalen Arme schwangen im Kreis herum, ihr
fragiler schokoladenbrauner Körper bewegte sich lasziv zum
Takt der Musik und ihre mandelgroßen schwarzen Augen lachten
breit und sorglos wie ihr blaubeerroter schöner Mund, wenn
sie die hüftlangen pechschwarzen Haare beim Drehen wie einen
Schleier mitschwang. Unmoralisch sei Onkel Dino, hörte ich
meine Mutter dann zuhause sagen, Kinder dürfe man zu solchen
Tänzen nicht vorführen. Sechs Jahre ist sie, schrie sie
meinen Vater an. Und wie die Männer auf sie starren, wie Aasgeier,
fügte sie hinzu. Die geilen Hunde, die ihre Gurken immer zwischen
den Händen reiben und mit einer solchen - und sie zeigte mit
der Hand einen unrealistischen Abstand zwischen ihrer ausgestreckten
Zunge und ihrer Hand - mit einer solchen Zunge hechelte sie. Eine
kleine Hure züchtet man sich so heran. Ich will keine Hure
aus diesem kleinen Scheißhaufen, schrie sie außer sich
und blickte auf mich. Ich durfte in solchen Momenten auf keinen
Fall irgend einen Ton von mir geben und sah zu, daß ich aus
ihrem Blickwinkel verschwand. Meine Wangen glühten und ich
verstand nicht, worum es ging und warum sie auf alle Männer
losging. Ob es männliche Verwandte oder Nachbarn oder Fremde
waren, Mutter hatte mir beigebracht, zu allen erwachsenen Männern
Onkel zu sagen und Respekt zu zeigen. Und diese verschlüsselte
Wut war für mich nicht einzuordnen. So dachte ich, daß
es mit mir vielleicht etwas zu tun hatte und daß ich keine
Hure werden durfte. Was aber eine Hure war, wußte ich nicht.
Daß Männer an Gurken reiben, verstand ich
ebenfalls nicht. Die Freude von Onkel Dino und Tante Ewa, Nicolettas
Tanzen, die Musik, das Klatschen der umstehenden Kafeneionbesucher
wurden ein Amalgam, in dem verschmolzen waren Lust, kindliche Sorglosigkeit,
Unerlaubtes, Scham und auch Sünde. So begann Fremdheit, in
meinem Herzen Wurzeln zu schlagen.
In den 50er Jahren hatten viele Griechen im Zuge der
Nasser-Reformen Ägypten verlassen müssen und waren ins
griechische Mutterland gekommen. Onkel Dino kam aus Alexandria.
Für Mutter galt: Alexandrinische Griechen nahmen es nicht so
ernst mit der Moral. Außerdem war Onkel Dino exzentrisch.
Zu jeder Tages- und Nachtzeit trug er sein kariertes englisches
Jackett und sein Barett. Ich hatte ihn noch nie ohne diese Kopfbedeckung
gesehen und konnte mir nicht vorstellen, daß sein Kopf anders
aussehen könnte, ja, als sei er damit auf die weit gekommen.
Er hatte große, dunkle Augenbrauen und große pechschwarze,
ägyptische Augen. Seine Lippen waren voll und violett, und
er trug immer einen dünnen, feinrasierten Oberlippenbart wie
David Niven unter einer großen Adlernase. Irgendwo im Gesicht
hatte er ein schwarzes Muttermal, zu dem wir Griechen Olive sagen.
Er hatte schüttres, immer feingeschnittenes Haar mit Pomade
nach hinten mit einem dünnen Kamm gekämmt. Seine Körperstatur
war schlank und er war groß, trug immer Anzüge, wenn
es nicht der britische Sakko war. Seine Haut war dunkler als unsere.
Sogar noch dunkler als meine. Und das gefiel meiner Mutter nicht.
Sie mochte dunkle Haut nicht sonderlich.
Onkel Dino betonte, daß er Alexandriner war,
sein Stolz über die anderen Flüchtlinge des Stadtviertels
war nicht zu verbergen. Er kam aus einer Weltstadt, meinte er. Kavafis,
Durrell, Forster und wie sie alle hießen, hatten dort gelebt.
Das beeindruckte niemanden sonderlich. Die wenigsten hatten eine
gymnasiale griechische Schulbildung, bis auf Großeltern, die
eine russische genossen hatten. Mutter hatte gerade noch die dritte
Klasse beendet, da mußte sie schon mit aufs Feld, dafür
durfte sie aufs Pferd. Wer Kavafis oder Durrell war, interessierte
sie nicht. Wenn Onkel Dino durch sein Monokel mich sehends durchdrang,
schwang auch so etwas wie Solidarität mit meiner Haut und seiner
mit, denn er wußte, daß Mutter weiße Haut schöner
fand. Na, kleiner Araber, sagte er zu mir, wenn Mutter nicht in
Hörweite stand, weißt du denn, daß du eines Tages
eine schöne Frau wirst und viele Herzen verbrennen wirst? Solches
gerätselte Gerede konnte ich nicht verstehen. Mutter durfte
ich auf keinen Fall fragen, denn sie hätte mich eines üblen
Gedankens verdächtigt, und sie hätte wissen wollen, von
wem ich das habe.
Mehr als alles andere, mehr als seine Kleidung und
sein ‘korrektes’ Auftreten, erschien mir sein Körper,
wenn er im Raum stand, schweiften meine Augen von seinem Barett
herab, sahen seine große Nase, seinen englischen Strichbart,
sahen seine lilafarbenen Lippen, sein Jackett und gingen schnell
hinunter auf sein rechtes Bein. Auf der anderen Seite gab es kein
Bein. Seine Hose war umgeschlagen nach hinten und ein langes Stück
Holz stand da: seine Krücke. Er hielt sie unter dem Arm und
bewegte sich mechanisch und hüpfend mit der langen Holzkrücke,
die im oberen Drittel ein V formte. Den gepolsterten Bügel
darüber drückte sich Onkel Dino unter die Achselhöhle,
um sich damit fortzubewegen. Manchmal schlug er die Spitze der Krücke
auf etwas nieder oder fixierte einen Gegenstand damit, um ihn dann
an sich heranzuziehen. Ich hatte furchtbare Angst davor, von ihm
ohne mein Wollen so herangezogen zu werden.
Warum er kein zweites Bein hatte, wußte ich
nicht. Darüber durfte man nicht sprechen. Auch nicht darüber,
daß Tante Ewa ihren ersten Mann für Onkel Dino verlassen
hatte. Sie galt immer noch als geschiedene Frau, obwohl sie mit
Onkel Dino in einem Haus lebte und zwei weitere Kinder mit ihm hatte.
Solche Dinge galten als verrucht in Mutters Augen, aber auch in
aller anderen der Pontischen Sippe, wäre da nicht ihre Lieblingstante
Anna gewesen, Tante Ewas Mutter, die wir Pipi nannten, mit der sich
Mutter fast immer auf Türkisch unterhielt, damit wir Kinder
nichts verstehen konnten, und deretwegen der Kontakt zu Onkel Dinos
Familie gehalten wurde. Sowohl Vater als auch Onkel Dino sprachen
kein Türkisch, verstanden aber immer, worum es ging. Mutter
verzieh es Tante Ewa nie, den ersten Mann verlassen zu haben, um
mit einem ‘Krüppel’ in wilder Ehe zusammenzuleben.
Einen gesunden Mann, auch wenn er einen prügelt und ohnmächtig
schlägt, verläßt eine ehrbare Frau nicht, wäre
da nicht die ausufernde Gewalt dieses Säufers gewesen, die
irgendwann auch Pipi und das aus erster Ehe mitgebrachte Kind, Sotiris,
erreicht hatte. Die Flucht Tante Ewas vor dem gewalttätigen
Ehemann führte in den Haushalt des fröhlichen Onkel Dino,
der alle rettete. Auch die Großfamilie profitierte von dieser
‘wilden’ Ehe. In ihrem Haus in Saloniki fand jeder Unterkunft
für Tage und Wochen, wenn sie zu Ärzten, Einkäufen
oder zu Ministerien mußten. Trotzdem konnte Mutter es nicht
sein lassen, zu stänkern. Hätte Tante Ewa nicht mit dem
Schwanz gewedelt, dann wäre ihr der Ehemann nicht ausgerastet,
war ihre Devise. Tante Ewa provoziere nun mal mit ihrer Art, meinte
Mutter. Aber, wie dem auch sei, Onkel Dino hatte auch seine guten
Seiten, denn er ertrug es kommentarlos, wenn eine ganze Familie
bei ihm wochenlang auf dem Fußboden schlief.
Umgekehrt blieben wir Stadtkinder wochenlang bei den
Verwandten im Dorf, um der Hitze im Juli und August zu entkommen.
Es muß in der sengenden Hitze eines solchen Julis gewesen
sein. Alle zu mobilisierenden Arbeitshände - auch kleine Kinderhände
- mußten beim Auffädeln der Tabakblätter mitarbeiten,
und nur die ganz Kleinen waren ausgenommen, als wir mitten in der
unerträglichen Hitze und im noch weniger erträglichen
Schweigen plötzlich eine Stimme durch einen Lautsprecher vernahmen.
Eine Stimme, die das Grillengezirpe scharf unterbrach. Auf den leeren
Sandwegen klang sie wie aus einer fernen Welt zu uns hineingefallen.
Liebe Bürger des Kleinen Waldes - so hieß das vergessene
Dorf an der Grenze Nordgriechenlands - hier ist Dino, Dino, der
Magier. Er spricht zu euch. Den weiten Weg zu euch ist er gekommen,
um morgen abend eine ungewöhnliche Vorstellung auf eurem Dorfplatz
zu bieten. Vor dem Kafeneion von Michalis. Kommt zu der ungewöhnlichen
Aufführung. Dino, der Magier, Dino, der Unwiederholbare, er
wird morgen abend... Wir Kinder warfen Tabakblätter und Nadeln
hin und stürmten vom Schatten des Lagervordachs in die leeren
Sandwege hinaus. Der außergewöhnliche Sprachklang der
Stimme unterbrach immer wieder die eintönige Hitze und die
Zikaden und wiederholte ihren Text. Hier spricht Dino, Dino, der
Magier, der Eintritt für Erwachsene und Kinder ist lächerlich.
Ihr werdet Zeugen eines Wunders. Dino, der Magier wird die erste
Frau der Welt in sieben Teile zerlegen und mit der Kraft seiner
mentalen Fähigkeit diese Frau wieder zum Leben erwecken. Das
Schöne und das Schreckliche vereint er. Hier spricht er zu
euch und verspricht. Ich erkannte die Stimme meines eingeheirateten
fremden Onkels.
Längst an der Hauptkreuzung angekommen, war die
ganze Kindermeute durch den heißen Sand ohne Schuhe gerannt.
Im Staub lag das Dorf bewegungslos da.
Es war ein froschgrünes winziges Auto, das wie
eine Schnecke langsam nach vorne kroch. Die Stimme meines Onkels
kam da heraus. Niemals verfuhr sich ein Auto in diese Sandwege.
Der grüne Wagen hatte angehalten. Die Meute, die jetzt noch
größer geworden war, rannte hinterher, während der
Wagen abwechselnd hielt und dann wieder fuhr. Onkel Dino fuhr mit
einer Hand, mit der anderen hielt er ein Mikrophon in der Hand.
Angezogen wie immer holte er mich mit einem Sphinxblick mitten aus
der Horde von Kindern heraus. Die Meute wurde im Staub still. Das
Geschrei der Kinder hatte schlagartig aufgehört, als sie ihn
erblickten.
Na, kleiner Araber, sagte er zu mir, was treibst du
hier? Deine Cousine, Nicoletta ist bei Tante Alexandra, sagte meine
Tante Ewa, während sie sich vom Beifahrersitz über ihn
zu uns rüberbeugte. Ihr goldener Eckzahn glänzte mitten
im feuerrot ihrer geschminkten Lippen. Ihr Kleopatrahaarschnitt
rahmte ihr festfleischiges helles Gesicht geometrisch ein. Ihr modernes
Aussehen und ihre arrogante Art machten sie mir fremd. Alle meine
Tanten waren zwar altmodisch und trugen Kopftücher wochentags,
aber sie ließen einen nicht innerlich erfrieren. Onkel Dino
zwinkerte mir zu und gab Gas. Sie fuhren wieder los, um Werberunden
zu drehen, während wir Kinder wieder hinterher und an der Seite
des Wagens mitrannten. Onkel Dinos Stimme ertönte von Neuem
aus dem Lautsprecher, der auf dem Dach postiert war.
Von Onkel Dino lernte ich in diesem Sommer Spatzen,
Tauben und andere Vögel mit der Steinschleuder von den Bäumen
zu holen. Wir grillten sie in dem Feuer, das er am Rande eines gepflügten
Kornfelds am Abend gemacht hatte. Es war der letzte Sommer vor meiner
Einschulung. Ab da nannte ihm Mutter nunmehr nicht mehr Dino, sondern
Dino-Trick. Und so blieb der Name ihm sein Leben lang anhaften.
Mein Onkel, der in den 50er Jahren Conferencier, Magier und Geschichtenerzähler
in einem war, weiße Tauben aus Hüten und endlos viele
bunte Tülltücher aus dem Ärmel zauberte, Tante Ewa
in Teile zerschnitt, um sie wieder zum Leben zu erwecken oder ihr
den Büstenhalter auszog, ohne sie auszuziehen, dieser Onkel
verdiente den Lebensunterhalt für seine Familie, in dem er
kreuz und quer durch die makedonische Landschaft um Thessaloniki
fuhr. Was sollte er auch als ‘Krüppel’ für
eine Arbeit verrichten? Eine Auswanderung kam natürlich nicht
in Frage.
Ich hatte ihn längst vergessen und war auf dem
College in England, als ich meine Eltern, die mittlerweile in Deutschland
lebten, in Saloniki treffen sollte. Es war wieder Sommer und Mitte
der 70er Jahre. Meine Eltern fuhren immer ans Meer und für
ein paar Tage in meine Geburtsstadt. Diesmal sollte ich überraschend,
sie im Haus Onkel Dinos treffen. Ich nahm den Bus von der Egnatia
Straße im Zentrum und fuhr nach Neapolis. Fast hätte
ich die Station verpasst, denn wo einst der Bus vor Onkel Dinos
Haus Endstation machte, stoppte er nur, um dann weiter zu fahren.
Die Stadt war kilometerweit in die umliegenden Hügel hinauf
gewachsen. Onkel Dinos Haus, eines der wenigen kleinen Häuser,
umzingelt von Hochhäusern, stand mitten drin. Ein Schild, noch
größer als das Dach des kleinen Hauses, ragte darüber
mit der Aufschrift ‘Medium’. Der Eingang zum kleinen
Vorgarten des Häuschens war so nah an der Bushaltestelle, daß
man regelrecht von der letzten Stufe hineinfiel. Onkel Dino saß
wie immer auf seinem Regisseurstuhl aus weißem Leinen, die
Krücke neben sich gelehnt. Bunte weiße Kugeln und englisches
Mobiliar richteten das kleine Haus ein. Na, kleiner Araber, sagte
er, als er mich wiedersah. Du bist in der Tat eine schöne Frau
geworden. Ich trug ausgelaugte Jeans und Blumen auf meiner Bluse.
Während Begrüßungen und Umarmungen hin und hergingen,
alle durcheinanderlachten, küßten und mich immer wieder
musterten, hüpfte Onkel Dino wie einst zu einer Kommode und
holte aus der Schublade etwas heraus. Dann kam er wieder zu uns
und hielt mir zwei goldene Armbänder hin. Feierlich wollte
er sie mir über den Arm streifen, doch ich schrak zurück.
Nein, das ist nicht mein Fall, ich trage kein Gold und möchte
auch keine goldenen Armreifen haben, sagte ich ihm. Es war heiß
und früh am Abend. Alle tranken Limonade und wollten wissen,
wie mein Flug gewesen sei, mein Leben in England. Warum bist du
so stolz, sagte er, ich möchte dir ein Geschenk machen, darf
ich das nicht als dein Onkel? Abgesehen davon, daß ich ihn
jahrelang nicht gesenen hatte, merkte ich, daß es sein doppelbödiges
Lächeln war, das mich immer als Kind verwirrte. Hier, erwiderte
er, du eigensinnige, nimm mein Geschenk an. Du bist bestimmt Sternzeichen
Jungfrau, stimmts? Mutter blickte wieder so wie einst und drängte
mich, sein Geschenk anzunehmen, denn es galt als Beleidigung, so
ein wertvolles Geschenk abzulehnen. Es war fast dunkel in dem kleinen
Vorgarten. Man hörte die Stimmen der Leute auf der Straße,
den schweren Verkehr, das Hupen, das Geschrei eines Lotterieverkäufers,
Musik aus den offenen Tavernen. Es roch schwer nach Jasmin und Gardenien,
und wieder war diese fremde arabische Atmosphäre meines Onkels
aus Alexandria auf meiner Haut. Ich fragte nach Nicoletta. Die lebe
in Marseille jetzt, sagte Onkel Dino und sein Blick wurde finster.
Sie sei Ballett-Tänzerin geworden und eine echte Französin
jetzt, sprang Tante Ewa ein. Meine Mutter blickte wieder bedeutungsvoll
wie früher zu mir hinüber, so als wolle sie sagen, frag
nicht. Dann fügte Tante Ewa hinzu, Antonis sei verheiratet
und Sotiris auch. Onkel Dino forderte Tante Ewa dann auf, seine
Zertifikate zu holen. Eine Mappe wurde mir gezeigt. British Association
of Parapsychologists, hieß es da. Diplome aus Frankreich,
aus Amerika. Während wir Kaffee, Cognak und Obst gleichzeitig
serviert bekamen, blätterte Onkel Dino alle seine Zertifikate
durch. So wie es aussah, hatte Onkel Dino, als die Zeit der Naivität
und Ruhe, die Zeit der Schwarz-Weiß-Filme vorbei war, Konkurrenz
vom Radio bekommen - ‘Strom wurde in die Dörfer gebracht’
- es war das neue Medium. Man versammelte sich um die Geräte,
hörte spannende Hörspiele in Folgen und keiner wollte
zu den Aufführungen des Magiers Dino gehen. Die Landflucht
setzte ein und die Leute wanderten in die Städte oder ins Ausland
ab. Onkel Dino fing an in den seriösen Tageszeitungen der Stadt
zu werben. Er wurde durch Fernstudien zum anerkannten, diplomierten
Hellseher! Es funktionierte! Er war ein zertifiziertes Medium nun.
Mein Onkel war immer up-to-date.
Tante Ewa war jetzt seine Assistentin und zuständig
für die persönliche Aufnahme der Klienten. Details wurden
von ihr auf Karten festgehalten, das Telefon bedient, denn über
dieses Kommunikationsmittel konnte Onkel Dino Rat erteilen und Zukunft
voraussagen. Ja, alles dies passierte in dem kleinen Haus. Es kamen
Menschen aus ganz Griechenland zu ihm, auch aus Deutschland. Es
waren alle Berufsschichten dabei, natürlich auch Akademiker,
Lehrer, Beamte, Leute aus der Provinz und aus allen Dörfern
Makedoniens, zu denen er einst immer hingefahren war.
Da ich in England Psychologie und Philosophie als
Abiturfach hatte, wollte ich gerne wissen, wonach die Leute ihn
fragten. Ach! sagte Onkel Dino, sie wollen alle immer das Gleiche
wissen, ob sie reich werden, wer sie betrügt und ob sie eine
Reise angehen oder jemandem Geld leihen sollen. Na, soll ich dir
deine Zukunft voraussagen, fragte Onkel Dino, gib mir deine Hand.
Vor kurzem als ich meinen Bruder von Onkel Dino erzählte,
sagte er spöttisch, der hat Nicoletta verkauft. Verkauft? Diesen
Teil der Geschichte hatte ich vergessen, immer nur ihre grünen
Augen und ihr Tanzen in Erinnerung behalten, und irgendwann hatte
ich sie komplett aus meiner Erinnerung ausgeblendet. Wie er das
wohl meinte mit dem ‘verkauft’. Dino hatte einen Bruder
in Marseille, fuhr mein Bruder fort, und der hieß Veniselos,
so wie der legendäre Politiker Griechenlands. Dieser Bruder
war aus Smyrna, dem heutigen Izmir, nicht wie Onkel Dino nach Alexandria,
sondern nach Marseille ausgewandert, dem anderen großen Hafen
im Mittelmeer. Jetzt begriff ich überhaupt nichts mehr. Der
Bruder, fuhr er fort, hatte es zu einem gewissen Wohlstand in Marseille
gebracht und Onkel Dino seinerseits in Alexandria. Dieser Bruder
hatte jedoch keine Kinder, und als er Onkel Dino und Tante Ewa in
Saloniki mit seiner französischen Frau besuchte, machte er
ihnen den Vorschlag, Nicoletta als Tochter mitzunehmen, um ihr eine
Zukunft zu bieten. Gleichzeitig gab er ihnen eine große Summe
Geld, um ihnen unter die Arme zu greifen. Onkel Dino hatte das Angebot
seines Bruders angenommen. So hatte er das Häuschen gebaut
und die Megaschrift Medium seit Jahren auf dem Dachstehen.
Es heißt, Nicoletta sei einmal nur nach Griechenland
zurück gekommen, und zwar nicht nach Saloniki, sondern nach
Athen. Sie soll ihre Brüder kontaktiert haben, doch die gesamte
Familie fuhr nach Athen, wo Nicoletta in einem renommierten Hotel
abgestiegen war. Onkel Dino und Tante Ewa wurden an der Rezeption
zurückgewiesen und nicht zu ihr hochgelassen. Nur ihre beiden
Brüder empfing sie in ihrer Suite.
***
Time over
Von Ralf Burnicki
»Ich will alles!« (Parole
Realmarkt)
Wie ein Kino sind die Nächte, darin die Stadt Stummfilme zeigt
von unterbrochenen Ideen & Kaufhäusern, die der Tag verlassen
hat. Im Lichtkegel der Außenlampen spielen sich Kaufhausfassaden
und Parkflächen als Wiederholung ab, die Optik vertagter Plätze,
verpatzter Finalrunden, die Geräusche haben Platzverweis &
immer wieder spult die Innenstadt menschenleere Straßen vor
und zurück im Kopf wie einen sinnlosen Satz. An Kreuzungen
findet die letzte Streuung der Worte statt, die irgendeine Leuchtreklame
ausbuchstabiert. Von der Sprache sind auf dem Boden noch einige
Ereignisse übrig, Verkaufsreste, Zigarettenschachteln &
Plastiktüten mit zerknüllten Markennamen, die als Untertitel
an der Stille haften, Wunschfetzen im aufgebrauchten Hoffnungszelluloid.
Auf den Reklametafeln der Kaufzentren scheint die
Wirklichkeit abgespeist. Am Rand der Zuversicht zusammengeschoben
& ausgebremst & womöglich sonstwo ans Nachtende gekettet
warten aufgereihte Einkaufswagen auf morgendliche Dekomprimierung.
Als nähmen sie das Anstellen an Kassen vorweg oder den öffentlichen
Gebrauch des Lebens. Ob Müllcontainer, Fahrradständer,
Parkmarkierungen - allerhand Bezugspunkte für die tagtägliche
Zuordnung der Dinge, Erwartungssicherheit für einen geordneten
Auftritt der Sehnsüchte oder ihren wirklichkeitsschonenden
Abgang. Gut ausgelegt ist das Netz für Kundenströme &
halbherzigen Freiheitssinn. Doch für jetzt hat der Tag mit
der Welt Schluss gemacht, ihr die Leviten gelesen und den Ladenschluss
erklärt. Die Gedanken nehmen Sitzhaltung an.
Nachtlöslich also scheinen Bedeutungen, welche
die Stadt daher tagsüber ausprobiert in Supermärkten Warenhäusern
Kaufgalerien samt ihren Abteilungen Dosiertes Glück & Wohlgefühl.
Straßenweise Geschmacksverstärker Stimmungsmacher Schmerzstiller,
die die Dunkelheit hinuntergeschluckt hat wie einen billigen Snack.
Mitternacht, will sagen, überschrittenes Verfallsdatum, Wahrheits-
und Haftungsausfall allenthalben. Wer zu spät kommt, muss ohne
Kundenservice ins Bett, Time over & das Älterwerden ohne
Mengenrabatt. Bis frühmorgens die Helligkeit jene Sinnaufstellung
annimmt, mit der die Lichtwerdung der Haushalte beginnt, das reinste
Lichtaspirin. Kaufappell, Entwarnung, Vorhang.
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