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A short story of the short story
Von Norbert Büttner
Zu den bedeutensten Innovationen der amerikanischen
Literatur gehört zweifelsohne die Short Story. Selbstverständlich
hat es auch schon davor Kurzprosa gegeben, von Anekdote, Skizze,
Erzählung bis zur Novelle, aber erst die Short Story ist die
passende Geschichtenform für den modernen, d. h. eiligen und
im Grunde unkonzentrierten Leser, dem Umständlichkeit verhaßt
ist und dessen Aufmerksamkeit mit jedem Satz neu gefesselt werden
muß. Und das erfüllt die Short Story - sie ist knapp,
konzis und immer für eine überraschende Wendung gut. Sie
erhebt den Augenblick zur Dauer, indem sie ihn in die Aufmerksamkeit
des Lesers einbrennt. Und auch auf den Schriftsteller übt sie
einen besonderen Reiz aus: Da nichts - weder Charaktere noch Handlungsumgebung
- genau ausgeführt, sondern alles nur angetippt wird, erfordert
es hohes Können, in dieser Beschränkung trotzdem künstlerisch
anspruchsvoll zu arbeiten und ein raffiniertes Stück Literatur
zu verfertigen.
Es mag erstaunen, daß diese Prosagattung ausgerechnet
in den USA entstanden und ausgereift ist, ehe sie sich über
die Welt verbreitet hat. Schließlich waren die USA vor ca.
zweihundert Jahren nur eine gerade unabhängig gewordene Ex-Kolonie
puritanischer Christen, Sklavenhalter, Sklaven und Moneymakers,
gerissene Krämer, deren ganzer Schönheitssinn sich auf
das Geldmachen richtete; ein Land, das die Weltmacht Großbritannien
mit agrarischen Rohstoffen belieferte und von der industriellen
Entwicklung Europas noch weitgehend abgeschnitten war. Auch die
Kultur war britisch geprägt. Man sprach nicht nur englisch,
sondern in den wenigen Kreisen, die einer höheren Kultur zugänglich
waren, war man geradezu abonniert auf englische Literatur. Unabhängig
davon gab es noch so etwas wie eine Art Volksliteratur: rohe und
größtenteils authentische Geschichten über die Kolonisierung
des Landes durch die europäischen Einwanderer, zuerst mündlich
verbreitet und dann sensationell aufgemacht in den Zeitungen und
Magazinen, die an der Ostküste aufkamen.
Eine erste Verdichtung und Bearbeitung erfuhr dieser
Stoff in den Lederstrumpfromanen James Fenimor Coopers, der damit
zwar ein UrThema der amerikanischen Literatur entdeckte, aber es
künstlerisch noch nicht bewältigt hat. Seine Bücher
sind ein Abklatsch der englischen Trivia’lromantik, geschrieben
in einer umständlichen und sentimentalen Sprache. Von Karl
May, mit dem man ihn durchaus vergleichen könnte, unterscheidet
ihn positiv die tatsächliche Kenntnis des Landes, aber negativ
ein eklatanter Mangel an Phantasie. Die realistischen Elemente in
Coopers Romanen verdanken ihre Existenz vielleicht wirklich nur
der miserablen Vorstellungskraft ihres Verfassers, der im schlechten
Sinn des Wortes nichts hinzudichten konnte.
Die Short Story wurde erschaffen von Autoren, die
mit dieser Volksliteratur und ihren sentimentalen Auswüchsen
nichts zu tun hatten, die britische Bildung genossen hatten und
nun einen Weg suchten, sich von diesem Vorbild zu emanzipieren.
Ihre bekannten Begründer sind Nathaniel Hawthorne und Edgar
Allan Poe, Leute, die zeitgenössisches (und vielleicht auch
unser) Verständnis als Snobs bezeichnen würde. Denn sie
waren nicht piom’erhaft robust und tatkräftig und auch
keine geschickten Moneymakers. Sie waren Träumer, deren Phantasie
sich an der zwar jungen, aber beinahe schon völlig abgestorbenen
Vergangenheit Bostons und der Neuengtandstaaten entzündete
oder am Lebensstil einer dekadenten Sklavenhalteraristokratie. Die
stürmische Entwicklung ihres Landes schien diese Autoren zu
befremden, ja sie befeindeten sie sogar zum Teil, weil sie darin
eine Bedrohung ihrer Existenz sahen. Doch auf Dauer kann man sich
einer historischen Bewegung, in die man einbezogen ist, nicht widersetzen,
man muß, um ihr zu widerstehen und wenigstens einen Rest der
eigenen Lebensweise zu retten, an ihr teilnehmen. In den Schattenkulissen
der Vergangenheit oder in der Treibhausexistenz einer sklerotischen
Aristokratie kann das Talent sich nicht wohlfühlen. Und es
ist auch nicht leicht, sich dem Lebensgef’ühl seiner
Zeit entgegenzusetzen und schon gar nicht, wenn dieses Gefühl
einen allgemeinen Aufschwung reflektiert.
Poe, der sich gern als intellektueller Aristokrat
gab, bekam das am drastischsten zu spuren. Denn er lebte vom Verkauf
seiner Arbeiten an die ihm so verhaßten Magazine und war daher
gezwungen, die Bedürfnisse eines sich allmählich herausbildenden
großstädtischen Publikums zu berücksichtigen, indem
er die Detektivgeschichte schuf. Aber auch Hawthorne, der stille
Träumer aus Neuengland, konnte sich der Anziehungskraft der
aufsteigenden Nation nicht entziehen, für die er diplomatische
Aufgaben in Europa übernahm.
Die Short Story, die die beiden (und selbstverständlich
viele weitere, unbekannte) Schriftsteller entwickelten, war zunächst
eine Blaupause der europäischen, besonders der englischen und
deutschen Romantik. Sie wurde dominiert von einer nicht der Wirklichkeit
entsprungenen, ja geradezu antirealistischen Phantastik und stand
somit immer in Gefahr, zur epigonalen Spielwiese beflissener unterhaltungsschriftstel1er
zu werden.
Doch die amerikanische Wirklichkeit ließ sich
nicht dauerhaft aus der Literatur ausschließen. Ein nüchterner
Realismus erzwang sich Einlaß und formte die Short Story seinen
Ansprüchen entsprechend um. Die europäischen Siedler,
deren unermüdlicher Andrang die Nation herauszubilden half
und die sich in den Weiten des kaum erschlossenen Landes zu vereinzeln
drohten, brauchten eine gemeinsame, allen zugangliche Geschichte
und Kultur, um zu einer Gesamtheit zu verschmelzen.
Die Kurzgeschichte erwies sich als das geeignete Medium,
die Gegenwart, diese zwar von allen, aber jedem unterschiedlich
erlebte Zeit, in den Griff zu nehmen, zu historisieren und zu verallgemeinern.
Die regionalen Geschichten z. Bsp. eines Bret Harte über die
kalifornischen Goldgräber oder Mark Twains über das Leben
am mittleren Mississippi waren ein Schritt dazu. Ihre Verfasser
waren Amerikaner von ganzem Herzen und unbelastet von europäischen
Traditionen. Sie kamen aus dem Publikum, für das sie schrieben.
Eine dem mündlichen Ausdruck angenäherte, sehr oft umständliche
Erzählweise, die ihre Längen mit Humor abfederte, prägte
ihre Geschichten, die keinerlei phantastische Verbrämung benötigten.
Denn die Eroberung und Urbarmachung des Kontinents war phantastisch
genug. Und mit dem durch die Eisenbahnlinien und das Telegraphennetz
bewirkten Zusammenschluß des ganzen Landes zu einem (auch
die Literatur betreffenden) einheitlichen Markt wurden diese Geschichten
überall verbreitet und sorgten für die Herausbildung eines
einheitlichen Bewußtseins. Die agrarische Kultur, mit dem
Fortschritt in Berührung gekommen, begann sich städtische
Manieren anzueignen, aber sie steckte immer noch in so etwas wie
einer Rüpelphase mit einer hervorstechenden Vorliebe für
derbe Spaße. Erst mit dem Einzug in die Großstädte
änderte sich das.
Aber indem die Short Story dorthin umsiedelte, nahm
sie auch neue Züge an. Sie verlor ihre Betulichkeit und den
kauzigen, ausschweifenden und häufig pointenlosen Humor. Schnell
gesetzte Pointen, rasant geschnittene Szenen - wie im eben aufkommenden
Kino -, Perspektivwechsel bestimmten ihr neues Gesicht. O. Henry
war der erste, der in dieser Form brillierte und damit der Short
Story den Weg ins zwanzigste Jahrhundert und zur Weltgeltung ebnete.
Das Weitere ist bekannt. Die Glanzperiode der Short
Story unter Hemingway strahlt immer noch auf die Weltliteratur aus.
Paradoxerweise deutete sich aber auf diesem Gipfel auch ihr Abstieg
an, zuerst bemerkbar in der Erstarrung, die sie seit Hemingways
Tod befallen hat. Von einer Ausnahme abgesehen hat es keine Weiterentwicklung
der Gattung gegeben. Einige Hippieautoren wie Richard Brautigan
versuchten sich zwar daran, aber sie waren unbeständig und
unsicher und brachten es nur zu einer Auflösung der Form.
Die Ausnahme ist Raymond Carver. Er hat die Short
Story an die äußerste Grenze der Knappheit und Konzilianz
geführt, die denkbar erscheint. Seine Geschichten sind nur
noch Skelett und Haut, das Fleisch ist als Überflüssig
entfernt. Und sie verweigern sich der Pointe. Auch der Stil ist
nicht geglättet, er ist gespickt mit kleinen Widerhaken, die
das Mitgleiten in der Geschichte geradezu verhindern. Eigentlich
ist es eine leserunfreundliche Prosa, die Carver da präsentiert.
Und es ist ein Ende. Noch reduktionistischer kann man nicht erzählen.
Obzwar hochgelebt, hat Carver, soweit ersichtlich,
keine Nachfolger gefunden. Es werden immer noch sehr viele Short
Storys geschrieben, vielleicht sogar mehr als je zuvor, aber literarisches
Gewicht besitzen sie nicht. Was nicht trivial sein will, ist epigonal.
Neue Entwicklungen gibt es nicht.
Die russischen Formalisten vertraten den Gedanken,
daß eine offensichtlich verbrauchte Literaturgattung, die
in Konventionen erstarrt ist, aus der literarischen Kultur ausscheiden
und in private Bereiche, ins Vor- und Nichtliterarische, übersiedeln
müsse, um sich regenerieren zu können. Es ist aber eine
Frage, ob ein solcher nichtöffentlicher Bereich, ein Underground,
heute unter dem Regiment der modernen Medien überhaupt noch
existieren kann, so daß es um eine Erneuerung der Short Story
schlecht bestellt zu sein scheint und man hinter ihre Geschichte
vielleicht tatsächlich den Schlußpunkt setzen könnte.
PS: Eine Marginalie, zwar interessant, aber insgesamt
unbedeutend, ist die Ausbreitung der Short Story in Deutschland.
Geistesgeschichtliche Betrachtung nimmt ja an, daß die Entwicklung
der Kultur so ziemlich unabhängig von der ökonomischen
Entwicklung verläuft. Die Veränderungen in der Literatur
sind allein eine Sache der Köpfe und wirken nur auf diese zurück.
Die profanen Bäuche haben in diesen heiligen Gefilden nichts
mitzureden.
Es amüsiert zu sehen, daß die Verbreitung
der Short Story in Deutschland diesem Muster nicht folgt. Die, man
kann sie guten Gewissens so nennen, Leitkultur des neunzehnten Jahrhunderts
war die französische Kultur. Baudelaire, eine ihrer Größen,
entdeckte Poe für Europa. Wer französische Literatur und
speziell die Lyrik liebte - und wer tat das nicht von den Kulturbeflissenen
selbst im germanophilen Kaiserreich?-, der stieß auch auf
Poe, liebte und verehrte ihn. Aber diese Zuneigung erstreckte sich
nicht auf seine Erzählform, die Short Story. Man übernahm
Poes Stoffe und bestimmte Elemente seines Stils, der ja selbst einen
europäischen Ursprung hatte, und paßte sie in die überkommenen
Gattungen der Erzählung und Novelle ein. Die Short Story selbst
wurde ignoriert.
Dieser Zustand erfuhr eine Veränderung nach dem
ersten Weltkrieg. In der kurzen Zeitspanne vorübergehend stabiler
Verhältnisse, die man so euphemistisch wie verlogen die Goldenen
Zwanziger nannte, fand die Short Story Eingang nach Deutschland
und erlebte eine schnelle, aber vergängliche Blüte. Einer
ihrer Matadore war der junge Bertolt Brecht.
Die Short Story kam aber nicht mit Siegespalmen als
Triumphator über die alte Literatur nach Europa. Sie schmuggelte
sich ein ins Gepäck der leichten Muse, mit der die goldgesättigten
USA, der einzige wirkliche Sieger des Weltkriegs, den alten Kontinent
beglückte und den Bedürfnissen einer lebenshungrigen Intelligenz
entsprach, deren Stellung, Reputation und Weltanschauung aufs schwerste
erschüttert worden war. Sie suchte Betäubung und Vergessen
und warf sich - und das zum ersten Mal in Deutschland - massenhaft
in den Drogenrausch. Sie hörte Jazz, sie tanzte Charleston.
Hollywoods Stern ging am Filmhimmel auf. Man diskutierte über
Joyce und Dos Passos und stritt heftig über Bewußtseinsstrom
und literarische Montage. Und nebenher gedieh so unbeachtet wie
erfolgreich die Short Story.
Doch mit Beginn der dreißiger Jahre riß
diese Entwicklung ab. Die Tradition kam wieder zur Geltung. Im Kino
wurden wieder bevorzugt deutsche Filme gespielt, man hörte
deutsche Tanzmusik, man las in traditioneller realistischer oder
neuromantischer Manier geschriebene Bücher. Der amerikanische
Kultureinfluß welkte fast über Nacht. Und wieder war
es kein geistesgeschichtliches Ereignis, das dies bewirkte, sondern
die schnöde ökonomische Entwicklung. Die Krise von 1929
entthronte die USA vom Vorsitz der Weltwirtschaft, die überkontinentalen
Bindungen gingen zurück, man schwenkte - lange vor 1933 - auf
die Vorbereitung des nächsten Weltkriegs ein. Und dazu war
es nötig, sich auf das Eigene, vermeintlich Nationale zu besinnen
und sich von denjenigen abzugrenzen, in denen man schon die künftigen
Feinde sah.
Erst nach dem zweiten Weltkrieg schlug erneut die
Stunde der Short Story, wenn auch nur für die westlichen Besatzungszonen.
Die besiegten Deutschen, die ihre Niederlage (und ihre Verbrechen)
so schnell vergessen und verdrängen wollten, wie es nur ging,
schlossen sich eilends den amerikanischen Siegern an. Und antifaschistische
Haltung besonders unter der jungen kriegsversehrten Intelligenz
fand die nationalen Literaturtraditionen derart depraviert, daß
man fast notgedrungen auf die beachtliche Kultur zugreifen mußte,
die die USA in anderthalb Jahrhunderten geschaffen hatten. Borchert,
Böll, Rinser, Schnurre - sie alle hatten mit den Nazis abzurechnen.
Aber so schnell die Short Story auch aufgeblüht ist, so eifrig
seit den frühen fünfziger Jahren auch alle westdeutschen
Autoren, die für modern gelten wollten, sich in ihr erprobten,
so wenig vermochten sie sich diese Gattung wirklich einzuverleiben.
Ihr Schreiben hatte etwas Beflissenes, Schülerhaftes. Sie waren
fleißige Kopisten, aber trugen kaum Neues bei. Und so ist
es vielleicht auch nicht verwunderlich, daß schon in den sechziger
Jahren die Short Story wieder den Rückzug antrat und selbst
ihre ersten Vorreiter, Böll und Rinser, sich wieder auf tradiertes
Schreiben besannen.
Und heute? Nach der Wiedervereinigung schien die Short
Story noch einmal aufzublühen, aber in welch verwandelter Form
trat sie jetzt vor den Leser. Sie war nicht mehr der überraschende
Blitzschuß aus dem Leben, die zielgenaue Pointe, die in der
Banalität Tiefsinn aufzudecken wußte, der frappierende
Schlag aus dem Hinterhalt auf saturierte Gewißheiten. Sie
kam jetzt als auf jugendlich aufgeschminkte alte Vettel der Trivialliteratur
daher. Ihr schnelles Erzählen wurde zum Plappern, ihre Stoffe
waren schon hundertmal in der Literatur verkocht, ihre Weitsicht
beschränkt auf Yuppie und Nerd und das Schlimmste: Sie hatte
keinen Biß mehr. Sie ist Streberliteratur geworden. Und in
dieser Konservierung hat sie sich bis heute gehalten.
***
Lyrische und visuelle Bildlichkeit des Authentizismus
Von Erich Johann Czernoch
Wir finden die Welt erst und nur durch das realisiert in dem, was
sich uns durch Literatur in ihrer Art des Begeg-nens vermittelt
und darstellt.
Eine visionäre Literatur gründet in der
Selbstvereinheitlichung eines sich selbst begegnenden schöpferischen
Potentials. Sich selbst als tätiges vorfindend, lässt
es sich auf das Wagnis eines erneuernden Bildens ein, welches als
Konsequenz analog zu jenem zu zunächst ergänzender, dann
zu vervollständigender Reflexion anleitet. Diese veränderte
Sichtung vorgefundener Wirklichkeit ermöglicht ein vertieftes
Erkennen um das Selbstbewusstsein menschlicher Existenz.
Aus einem so konfigurierten Bild des Wirklichen, wie
auch aus der Summe der auf diese Weise errungenen, zur Gestaltung
des Sprachlichen befähigten Wissensformen, möge schließlich
sich ein in den Bereich der konkreten Möglichkeiten weisendes
Gut begegnender Kreativität ergeben.
Wenn es uns gelingt, die hohen Qualitäten des
Klanglichen als gleichsam ein in das Gedicht integriertes musikalisches
Gebilde, dessen Klang-Farben als bestimmende Merkmale des Lyrischen
nachzuweisen, kann endlich jene angedeutete Kreativität erneut
wirksam werden.
Der Rhythmus eines lyrischen Textes, seine rhythmischen
Einheiten, bestimmen sich durch seinen Sprachfluss. Eine Melodie,
der Gedanke, welcher durch das Gedicht führt, wird hörbar.
Die lyrischen Bilder fungieren wie die Instrumentalisten in einem
Musikstück, bilden nicht selten heterogene Einheiten eines
Ganzen. Sie sind gerade im modernen Gedicht oft Träger einer
Dissonanz. Der Gedanke der Improvisation bestimmt das Agieren der
je ihnen zugeordneten Vorstellungen.
Jene Vorgaben ermöglichen, dass das Gedicht klang-strukturell
und deswegen erlebnisräumlich wahrgenommen wird. Musikalische
Vorstellungen werden beim Lesen des Gedichts hervorgerufen, welche
wiederum die Musikalität des lyrischen Bildes kategorial fassbar
werden lassen.
Als ganzheitlicher Organismus verhält sich das
kreative Subjekt und ist zugleich ein Organismus, der sich als Sprachfaktor
bewusst ist; dieser wird begrifflich definiert in seiner das Denken
abbildenden Funktion. Eine lyrische Sprache, das Medium des Gedichts,
erfährt so ihren lyrischen Bildbegriff.
Dem Wahrnehmenden sollte man nicht durch irgend-welche
fragwürdigen Verordnungen, wie oft bekannt wird, eine künstlerische
Intention verdeutlichen und darlegen wollen. Eine alternative Wirklichkeit
muss in ihrer virtuellen Konzeption mit ausreichenden Qualitäten
ausgestattet sein, so dass jene dann als Kunstwerk kommunikativen
Bedürfnissen entsprechen kann.
Es ist an uns, die Seele des Künstlerischen zu
erkennen und zu umschreiben, wie der Maler zur Kontur einer Figur
findet, sie förmlich zu umreißen sucht, um ihr Gestalt
zu geben.
Dieses Phänomen einer metaphysischen Ästhetik,
d.h. ein als über die vorgefundene Gegenstandswelt Hinausgehendes
- so kann daraus geschlossen werden, ist ein aus sich selbst heraus
tätiges Leibliches, welches solches ästhetisches Verwirklichen
lenkt und uns lehrt, wiederum unsere eigenen Verhaltensweisen auf
dieses abzustimmen. Resultieren kann daraus die Erkenntnis, dass
diese sublimierte Übergeordnetheit des Ästhetischen -
wie die Psyche des Eros - als Medium für die Frage nach der
Wahrheit nützlich und als etwas im Leben Begründetes zu
sehen ist. Es erlaubt uns in manchen Momenten den seltenen Vorzug
eines liebenden Begegnens, einer ebensolchen Freude. Dieses gelänge
nur, solange man zu fühlen in der Lage und jenes Fühlen
von Vernunft beseelt ist.
Solches Finden und Verwirklichen künstlerischer
Form erhält seine Bestimmung in seiner wahren Funktion nur
dort, wo auch ein an sich intaktes gesellschaftliches Gefüge
besteht; eben durch ein untereinander stattfindendes Zu- und Aneignen
kultureller Werte.
Wir wollen die Farbe in ihrer Materialität als
Substanz - in ihrem Substanzcharakter verstehen. Das Bestehende
als Substanz verbegrifflicht kann, in Separation von den Phänomenen,
dem Seienden notwendig zukommen. Sie lässt keine Mängel
an sich zu und wir werden jenem Seienden, so wie der Wahrheit, erst
dann teilhaftig, wenn wir sie erkennen und wenn sie dadurch mit
dem Seienden als ihrem Träger zu einem allgemeinen Gut gerät.
Ein mögliches Bild, das wir uns als Vorstellung
erarbeiten wollen, führt uns konventionellerweise von der Gegenständlichkeit
zur Abstraktion; hier wird jeweils nur ein Annäherungswert
erreicht, wenn gewollt noch Gegenständliches assoziiert werden
soll.
Wir wollen jedoch auch und in der Hauptsache den umgekehrten
Weg gehen, indem wir die Abstraktion als substantielle Abstraktheit
absolut setzen und so uns einen freieren Umgang mit Farbe erlauben.
Auf diese Art können wir, losgelöst von
vorgefertigten Bildvorstellungen, abstrahierte und auch wiederum
gegenständliche bildliche Schwerpunkte in unsere Vorstellungstätigkeit
legen.
Es kann versucht werden, Figürlichkeit darzustellen
- insbesondere die des menschlichen Leibes unter verschiedensten
Aspekten: in seiner ihm gegebenen Natürlichkeit, stilisiert,
bis hin zur ornamentalen Darstellung, wie auch naiv. Besonderen
Wert sollten wir bei den Intentionen bezüglich des Gestaltens
auf die deformierte Figur legen. Sie erlaubt individuelle Aussagemöglichkeiten
und befreit uns hinsichtlich des genau am Objekt orientierten Abbildens.
Wir bevorzugen eben nicht das kongruent abbildende
Gestalten, sondern verzichten auf jenes mit der bewussten Absicht,
nur eine gewisse Ähnlichkeit erkennen zu lassen, was uns zugleich
erlaubt, das jeweils für ein Objekt einzig Charakteristische
herauszufinden und zu gestalten.
Gerade durch diesen Verzicht auf genaue Abbildung
durch bewusst gestaltete Ähnlichkeit, um so das jeweils Objekttypische
darzustellen, bietet sich uns die Möglichkeit an, zusätzlich
unsere Phantasie bei den Gestaltungsvorgängen als bestimmendes
Element mitwirken zu lassen. Und zwar kann Phantasie hier in verschiedenen
Richtungen wirksam werden.
Wir stellen Gegenstände dar und stellen Aussagen
her, indem wir sie symbolisch zueinander in Beziehung setzen. Dies
wäre als surreales Moment zu betrachten.
Wir geometrisieren Gegenstände bzw. Objekte und
gestalten ihnen Perspektiven hinzu; - ein kubistisches Verfahren.
Wir bilden zwar ab, lassen dabei aber das Moment realisierender
Bewegung im Zusammenhang mit einer intensiven Farbigkeit, die mitunter
die Farbe als Masse kenntlich werden lässt, bestimmend werden.
So betrachtete Werke lassen sich am ehesten als die Werke der Expressionisten
verstehen.
Desweiteren lässt sich eine Gestaltungsweise
ausfindig machen, die sich die Geometrisierung der Fläche zum
Ziel setzt. Werke der Konstruktivisten erlauben durch ein meditatives
Sehen ihrer Werke am ehesten einen Zugang.
Die Bildebene lässt sich, beinahe gänzlich
durch Ab-straktion bestimmt, auch als eine Art Handlungsfeld oder
Aktionsfeld erkennen. Der Malvorgang schließt hierbei völlig
Zufälliges aus und ermöglicht durch das Sichtbarwerden
und das Umsetzen der Bewegungen des Malers, seines Körpers,
ein spontan entstehendes Zeichenwerk. So gesehen kann eine begriffliche
Bestimmung der Richtung des Informel gedeutet werden.
Unter Verzicht auf bewusstes und willensmäßiges
Gestalten können zufällige Ergebnisse erzielt werden.
Hier gewinnt das Unbewusste Einfluss auf die jeweiligen Gestaltungsvorgänge.
Am ehesten ist im Dadaismus solches Vorgehen zu finden.
Obgleich in den Werken der Expressionisten eine gewisse
Formstrenge vorzufinden ist, wendet sich die Malerei der Neuen Sachlichkeit
gegen eine formale Auflösung desselben. Konkrete Zeitkritik
wird durch deren Aussagen oft deutlich.
Eine Ästhetik des Alltäglichen - in der
Nachfolge des Dadaismus - wird uns in den Bildern der Pop-Art-Künstler
vermittelt. Es wird dabei die Welt der Gebrauchsgegenstände
fast unverändert wiedergegeben.
Der Orphismus bleibt zwar in der Wahl der Bildinhalte
scheinbar konventionell, findet aber durch den die Farbklänge
bestimmenden Simultankontrast in nur einigen wenigen Werken zu deren
Darstellung.
Die Werke der Impressionisten beabsichtigen, dass
bildinterne Inhalte - Sujets, wie sie während des 19. Jahrhunderts
üblich waren - der Eindruck, der durch Farbe und Licht der
Wahrnehmung des Betrachters gegenwärtig wird, erst in jener
zu einem vollständigen Ganzen sich realisiert.
Der Symbolismus veranschaulicht eine möglichst
voll-endete Harmonie figuralfarbiger Bildkompositionen.
Paul Cezanne - oft als der „Vater der modernen
Malerei“ bezeichnet, übernahm den Gegenstand mittels
komplexer Vorgehensweisen. Er schaute ihn gewissermaßen zuerst,
um ihn dann jeweils in neue andere Zentren zu setzen und verlieh
ihm dabei sein Dingsein, erst nachdem er sich ihm vorsichtig beobachtend
angenähert hatte. Er selbst sagte von seiner Anschauung bezüglich
des Verhältnisses von Farbe und Form: „Es gibt keine
Linie, es gibt keine Modellierung, es gibt nur Kontraste. Wenn die
Farbe ihren größten Reichtum hat, dann hat die Form die
größte Fülle.“
Es muss zudem auch dem Sachverhalt einige Bedeutung
beigemessen werden, dass ein an sich ungegenständliches Gebilde,
d.h. ein Element abstrahierenden Bildens, eben als abstraktes Gebilde
anzusehen ist und eben im Sinne einer Gestalt auch als „Figur“
gesehen werden kann.
Ich ging bei der verkürzten Darstellung dieser
einiger wenigen wichtigen stilistischen Strömungen moderner
Malerei anachronistisch vor, denn darin finden sich in etwa so die
verschieden gelagerten Gewichtungen subjektiv empfangener Eindrücke,
die dann in jeweils gegenwärtig erlebten Situationen in der
Auseinandersetzung mit ihnen unterschiedliche und überraschende
Ergebnisse zeitigen können.
Eingangs des 20. Jahrhunderts machten sich einige
Künstler daran - Paul Cezanne, Henri Rousseau, Paul Gaugin,
Vincent van Gogh, Georges Seurat, James Ensor - den bis dahin geltenden
Kunstbegriff entscheidend zu verändern und zu erneuern, so
dass damit alles Nachfolgende, bis in die heutige Gegenwart hinein,
von einem Geist durchdrungen scheint, der das jeweils Bestehende
immer wieder in Frage stellt. Falls man von einem „Modernen
Zeitalter“ und damit einer sich wiederum als solchen etablierenden
„Postmodernen“ sprechen darf - der Begriff wurde geprägt
von Jean Francois Lyotard -, die ebenso ein kritisches und deshalb
modernes Bewusstsein in sich trägt, erkennt man damit, dass
jeder Versuch einer künstlerischen Verwirklichung darauf abzielt,
die ganzheitliche Verarbeitung empfangener Eindrücke zu einer
Synthese, zum eigentlichen Moment eines Tätigseins in ihrem
Ergebnis zusammenzufassen. Sie ist Resümee der Auseinandersetzung
mit Tradiertem. Jedes künstlerische Produkt eines künstlerischen
Aktes ist daher konkret ein „Sein in Individualität“,
welches repräsentativ steht für das kaum systematisierbare,
uneinheitliche Feld zeitgenössischer Strömungen moderner
Kunst - vornehmlich für jene der Malerei.
Verneigen wir uns trotzdem vor einer Linie, welche
der Form nach insbesondere der Bedeutung des durchkreuzten Seins
ähnlich ist (Martin Heidegger, „Wegmarken“, 1978
S.410), welches in die Richtungen des Gevierts weist und den Ort
des Seins angibt, also genichtetes Nichts dennoch als Seiendes in
das Offene wesen lässt und uns eine Linie vom Vergangenen her
bis zum Heutigen in das absehbare Zukünftige künstlerischen
Tuns erahnen und schließlich gewiss werden lassen soll?
Die Poesie der Malerei ist mit ihrem Sprechen durch
Farbe auch eine Poesie des ausdrücklich Lyrischen.
In beiden Bereichen ist nach Möglichkeit stilbildend
ein-mal die Darstellung von Wahrheit und Glaubwürdigkeit des
Gedachten, in der Malerei durch Figur, Symbol und Zeichen oder ein
abstraktes Element in den Vordergrund zu stellen. Für die bildende
Kunst, oder im Speziellen für das Gemälde bedeutet dies
eine allmählich und stetig anwachsende Vielzahl von bildinternen,
weitgehend widerspruchslos zu sich selbst sich verhaltenden Aufeinanderbezugnahmen.
Dadurch entsteht ein möglichst autonomer Aussagenkomplex, der
deren Einheitlichkeit, Homogenität der Mittel und Sinn gewährleistet.
Was mitunter den Menschen zum Philosophen werden lässt,
ist seine Fähigkeit, über das Denken und die Sprache Angaben
zu machen. Dichtung wiederum ist das Produkt solcher Erkenntnis
als sprachkünstlerische Leistung im Ringen um höhere Einsichten.
Der Mensch hat außerdem Psyche, deren Substanz im Gehalt vom
Bewusstsein wahrgenommener Gegenstände durch das Denken und
die Sprache benannt wird. Die Gegenstände als das Entgegenstehende
bedeuten für das wahrnehmende und erkennende Bewusstsein die
Möglichkeit zur Identifikation und zur Sichtnahme seines Gehalts
indem es sagt: „Ich bin jenes Buch oder jenes Schreibwerkzeug
und finde mich in jenem, was ich an diesen Gegenständen wahrnehme,
wieder.“ So geht auch der Poet vor, indem er mit solcher Bewusstseinshaltung
seine lyrischen Stimmungen, Fühlbarkeiten und Beobachtungen
festhält und so sein reflexives oder authentisches Gedicht
schafft.
Der Klang und die Melodie solcher Lyrik bestimmt sich
wiederum durch die Weise des Wahrnehmens, wobei das lyrische Subjekt
nie so weit geht, sich anzumaßen für einen anderen oder
andere zu sprechen, sondern es bleibt in seiner Sichtweise und Weltsicht
auf das beschränkt, was es an den und durch die Gegenstände
und Lebewesen erkennt und wie es jene als seine Behausung für
seine Sprache und Suche nach Identifikationsbildern für das
lyrische Sprechen, welches es an den Nächsten richtet, verwendet.
An lyrischen Beispielen ließen sich hierzu die
Merkmale jenes genannten Stils, den ich mit dem Begriff „Authentizismus“
charakterisieren möchte, wie auch in der Malerei mit den Bedeutungselementen
von Zeichen- und Symbolhaftem u. a. m. ausfindig machen. Hier wie
dort bringt sich durch das Sichtbarwerden des Geäußerten
das Denken in Deckungsgleichheit mit sich selbst. Seine Gültigkeit
bekommt das Gedicht durch das ausgewogene, abgestimmte Aufeinandertreffen
von Aussagekomplexen zu einer resümierenden, wiederum auf den
Gedichtbeginn verweisenden Aussagen-Ganzheit und -Einheit, die nichts
anderes als ein „Ich meine das, was ich sage, weil dies sich
für mich durch mein Denken, Fühlen und Wollen reguliert
und im Geäußerten eindeutig und authentisch wieder findet“
zusammenfassend vollzieht.
Lyrik vermittelt durch ihre Klang-Farbe - mit ihren
Worten - den Klang ihres rhythmischen Fließens, den gesteigerten
Ausdruck nach einem Aufzeigen des Willens zur Selbsterhaltung. Die
autarke Autonomie solcher Programmatik der Inhalte und variablen
Formen weist als Zielsetzung die Befriedung gegenwärtiger privater
wie auch öffentlicher Verhältnisse auf und rechtfertigt
das durch derart veränderten Wirklichkeitsbezug geweckte Bedürfnis
nach Einkehr und äußerer interkultureller Ausgewogenheit.
Aus: Aufsätze und Essays, Werke Bd. II S. 421
***
Liebe Luxus Kapitalismus
– fast food poetry –
Von Ralf Burnicki
»Der Mensch ist vor sich selbst
ein absichtlicher Irrtum«
(Clement Pansaers, Dada)
LIEBE: Kleine Ortschaft der Nerven, dort, wo sich
abends hinter Baustellen und Rastplätzen die Gedanken treffen
im Gebüsch, die Ideen sich auf den Rücken drehen, die
Namen sich entmummen, bis Grund kommt, jedes Wort ein von langsamen
Berührungen durchkämmtes Gebiet, oder Risikozone, Neuland,
aber Schluss jetzt, Spot an: Die Beziehungsagenturen fahren auf
und feuern mit allen Kanonen der Werbung professionelle Glückssalven
aus der Drehorgel des Wirtschaftswunders auf die Beziehungsprovinzen
ab. In Zeitschriften, Revolverblättern wachsen Kontaktanzeigen
wie Zwischenlager der Marktwirtschaft, und zwischen Angebot und
Nachfrage wechseln die Romanzen mit erhobenen Händen und weißen
Fahnen ins Lager des Tauschwerts. Die Kontaktbüros arbeiten
perfekt der Zukunft entgegen & offerieren Modelle mit Rückgaberecht,
und die Ehevermittlungen, - woher nur diese Ähnlichkeit mit
dem Arbeitsamt -, synthetisieren Kopfformen und Schulterlängen
zu Breitwandsymbolen mit namentlichem Aufruf, & wie aus einem
Prospekt geschnitten tritt DAS URBANE STANDARTPAAR VON HEUTE über
die Schwelle der Monitore ins Zeitalter der Fröhlichkeit, omnipotent,
startfähig bis zum Untergang, ja, das Standesamt ruft den Frohsinn
aus und sammelt Unterschriften für den Wohlstandsstaat, bis
eine neue NUTELLA-Glücksfamilie bewaffnet mit einem Möbelprospekt
von der Kruste eines mit Steuererleichterungen bestrichenen Butterbrots
aufspringt und als Senkrechtstarter ins internationale Rennen geht.
Die Nistplätze, Kücheneinrichtungen, Wohnzimmer verzeichnen
den Aufschwung zum Familienbesitz, abgemessen, gehalftert und schussbereit,
die Nachbarschaft zu übertrumpfen. Und neben den Buchregalen
wird Liebe in Fernsehapparate verwandelt, oder in Handtaschen, Wandteppiche,
und diese werden zurückverwandelt in Christbaumschmuck zur
arbeitsteiligen Gemütsgrafik, in die man Gemütlichkeit
hineinbefiehlt, RUSTIKALE SINNCOLLAGE, diese trickreiche Vernetzung
der Augenblicke zu Goldkettchen und Enthaarungsgel, Krawattenknoten
und Fernsehshow, ja, die Uhrwerke des Körpers ticken aufwärts,
ja DING DONG, da hatte man längst kapiert, dass die Ehe aus
der Verbindung von Rasierwasser und Feuchtigkeitscreme resultiert,
LOVE CLASSIC, & überall klingeln die Frühstückseier
unter den Löffeln des Alltags in alle vier Himmelsrichtungen,
in denen die multimediale Zuversicht haust, ja, & das Häuschen
mit Garten und die Kinder geordnet und das Auto mit dem schlagfesten
Lack, die Sauberkeit in den Wohnzimmern kombiniert das soziale Entertainment
mit regelmäßigen Ejakulationen, die wie Durchhalteparolen
wirken oder wie Maßnahmen gegen Wehrkraftzersetzung. KEINE
KAROS und klinische Tests haben die Effizienz bewiesen, den reinlichsten
Humanismus proklamiert, in den kein Hundekadaver passt, doch etwas
LUXUS, und die IKEA-Welt macht aus Zinsen anschmiegsame
Kätzchen, dass noch was für NECKERMANN abtaucht ins Knie
der Welt, oder der OTTO-VERSAND mit Modezyklen tief fliegt, und
das Cockpit aus Freizeit und Mode schmiert am Arsch des Frohsinns
entlang in die Grazie des Gleichschritts, die das Jagdgewehr eines
Jura-Professors imitiert, und was bleibt nach dem Knall, geht an
die Kleidersammlung, mit der das Rote Kreuz hin- und herpendelt
zwischen den Kaugeräuschen des Wohlstands, dessen Lebensversicherung
jede Hellhörigkeit auf Gleichgewicht zurückdatiert in
den Seitenfächern von Disneyland, wo Micky Maus als rheumatische
Salzstange auf philosophische Fragen antwortet mit »HE BEDIENUNG«
und den gescheiterten Revolutionsbewegungen, die ihre Kinder hinter
einem Vorhang aus Jugenderinnerungen und Bionahrung verstecken,
zuwinkt mit jenem Lächeln, das man alten Ratten hinwirft. Ja,
TRÄUME. Die Brieföffner des Kopfes surren leise ins Nichts,
und was geblieben ist von den Fäusten, wird zu Samt und Sahne
verrührt, ganz wie’s die Kaffeewerbung vorsieht, ja,
Tür auf, die Außenborder der Phrasen angeworfen, KLICK
KLACK, keine Stirnfalten zeigen. Und die Familien wechseln als eineiige
Zwillinge über ins Freizeitparadies, das sich entrollt wie
getöntes Toilettenpapier, das einen Sonnenaufgang domestiziert,
ja, und die Träume hüpfen weiter ins Fitnesstraining und
zurück in die Käfige der Ökonomie, die sich in den
Städten auftun und jede Frage mit einem Gutschein für
den Erwerb einer Kaffeemaschine in die Hitparade entsenden, bis
man vergisst, wie kurz das Leben ist hinter den Salzstangen und
hinter den Kaffeemaschinen, deren Eleganz korrespondiert mit jenen
Kühlschränken, in die man in Krankenhäusern die Toten
einklebt, doch die Aussicht legt niemanden auf einen Standpunkt
fest, wenn die Fitness anschwillt und der
KAPITALISMUS ausschwärmt mit Röntgenbildern,
Blutkonserven, Herzklappen, die er aus Schweißgeräten
und Schreibtischen kondensiert & als Zukunft ausspuckt in die
Startlöcher der Kindheit, bis darin Körper entstehen oder
Zigarettenstummel, Leistungsträger oder Lottospieler, ja, DUALE
SYSTEME. Die asphaltbezogene Plazenta der Städte blitzt auf,
weil die Ballistik des Fortschritts brilliert mit Geburtsraten und
Werbeplakaten und die Konzerne ihre Aktienkurse als statistische
Leuchtraketen zünden, während die Einsamkeit zunimmt bis
zum Gehtnichtmehr, Telefonseelsorge und Telefonsex im Doppelpack
zur Zwischenrunde einlenken und die Alten in den Heimen verrotten,
aber alle Nasen vereint rattern dem nächsten Frühstücksei
entgegen, ABER DAS IST DOCH PRIMA - KEINE EXPERIMENTE, und die Durchhalteparolen
paaren sich mit einer Geschwindigkeit, die keine Begründung
mehr braucht, zu Straßenkreuzungen, Computernetzen, Denkschichten,
und in einem einzigen Moment vermag man die Städte zu begreifen,
wenn diese sich die neuesten Familien an den Tankstellen vorführen
lassen als vorrückende Autos im Schachspiel der Konzerne, DOCH
WEITER SO - KEINEN LEISTUNGSABFALL RISKIEREN, denn jetzt beginnt
man, die Vorgesetzten mit Vornamen anzureden und alle Stempeluhren
zu Straßen zu verarbeiten, ja, Micky Maus klatscht Beifall,
und die Straßen multiplizieren sich zu Nervensträngen
und Zeiträumen, und die Freiheit wird ein Fahrstuhl im Hirn,
der die Parolen auf- und abfährt zwischen Bahnhof und Rathausplatz,
und allerorts wachsen Zentren und Peripherien, vollkommene Schaltkreise
zwischen Kontoauszug und Telefonzelle, Blutdruck und Innenstadt.
Die Stockwerke sind weit in den Himmel gedippt, während sich
die Städte zu Kernsätzen vereinigen und die NEUE LEICHTIGKEIT
die Nachmittage wie Videobänder abzuspulen beginnt und die
nächste Diätwelle ansagt, und die Wirklichkeit wird Kunst,
und die Videoschnitte werden Wahrheit, und plötzlich sind da
überall Antworten, und die Städte werden Psychopharmaka,
codiert auf rasche Wirksamkeit und Gehorsam mit einigen Bildwechseln,
z.B. Diskotheken, Restaurants, Psychiatrien, jedes Mal diese hochgesteckten
Eingänge, Schnittstellen, und alles geht vorwärts, immer
schneller, und die heimischen Wohnzimmer sind Parkuhren, in die
man die Reste einwirft, und die Gassen werden Vorfilme, in denen
die Taxis und Straßenbahnen den Lottostellen nachfahren. Die
Städte werden größer, und man lernt, die Schnittstellen
mit wachsender Bildgeschwindigkeit zu nehmen, im Schnelllauf Reißverschlüsse
zu öffnen, Berührungen oder Baustellen zu passieren, und
diesseits und jenseits der Mittelstreifen schnellen wie Hornissen
die Betriebe auf, und am Ende stehen wie Nester die Schaufenster,
in denen als Weißmacher die neue Mode am Arsch des Frohsinns
entlangschmiert, dass es aussieht wie Licht das sich auszieht am
Straßenrand.
***
Die Glut, die Glut
Von Ulrich Bergmann
Der Koffer. „Wie modern schlenzen die Worte,
biegen die Argumente um die Kurve, auch jetzt im Zeitalter der Pflegestufen
und Börsenblasen“, sagte Stella, „und der Tod pfeift
immer noch nicht aus dem letzten Loch. Er schlägt härter
zu, genauer und unberechenbarer als irgendein Konzern und singt
seinen eigenen Blues.“ „Der Tod ist eine optische Täuschung,
sagte Einstein“, sagte ich. „Aber das ist nur eine unbewiesene
Annahme, nichts als Glaube“, sagte Stella, „Einstein
sagte auch: Das Problem zu erkennen ist wichtiger, als die Lösung
zu erkennen, denn die genaue Darstellung des Problems führt
zur Lösung.“ Siehst du!, sagten ihre Augen. „Aber
keiner kann das Problem darstellen, zumal keiner den Tod erlebt
oder gar überlebt und berichtet hat“, sagte ich, „und
so bleibt wieder ein Satz Einsteins: Man muss die Welt nicht verstehen,
man muss sich nur darin zurechtfinden.“ „Das versucht
jeder“, sagte Stella, „wenn wir von einer Lebensstufe
zur andern wandern, so kommt uns das Neue manchmal so vor, als wären
wir gestorben, so fremd wird uns die alte Lebensphase, die wir trotzdem
nicht loswerden, auch nicht im Tod.“ „Wir drehen uns
im Kreis“, sagte ich, „das Problem bleibt.“ „Du
willst den Tod metaphorisch überwinden“, sagte Stella,
„das muss scheitern.“ „Wir haben nichts Besseres“,
sagte ich, „wenn wir den Tod nicht in unseren Bildern überwinden,
die wir nur leben müssen, was sollen wir sonst tun?“
„Du steigst aus der Wirklichkeit aus“, sagte Stella,
„und schon ist der Tod besiegt? So einfach geht das nicht.“
„Ja“, sagte ich, „ich steige aus der Todeswirklichkeit
aus und krieche in die Bilder und Symbole, in denen ich überlebe.“
„Komme ich da noch vor?“, fragte Stella. „Wenn
du mit mir gehst, na klar!“, sagte ich. „Armer Romantiker!“,
sagte sie. Stella lebt gern in meinen Bildern, sagte sie eben noch,
aber sie meinte das bildlich und nicht so wörtlich wie ich.
„Mit der Romantik hat das nichts zu tun.“ „Womit
sonst?“ Sie schaute mich an, ihre Augen trafen mich nicht,
ich hob den Kopf: „Ich erzähle dir eine Geschichte.“
„Du willst mich nur verführen“, sagte Stella. „Was
sonst?“, sagte ich. „Ich erzähle dir eine wahre
Geschichte“, sagte ich, „die Wirklichkeit verzaubert
uns am stärksten.“ „Aber sie muss wahr sein“,
sagte Stella. „Ich sage dir nur die Wahrheit“, sagte
ich, „hör zu.“ Rücken an Rücken saßen
wir auf dem Brunnenrand, das Wasser rauschte leise in unsere Worte.
„Ich erzähle dir die Geschichte von der Gewitterfront.
Grandmère Louise erzählte sie mir erst neulich wieder.
Hörst du mich?“ „Ja“, sagte Stella, „verführ
mich.“ „Grandmère Louise packte bei Gewitter
immer ihren Koffer. Sie hatte Angst. Der Donner erinnerte sie an
die Vertreibung aus Posen. Die sowjetische Front rückte näher,
die Artillerie blitzte auf am Horizont, erst war es fernes Wetterleuchten,
dann schlugen die Blitze ein. Da packte sie ihren Koffer. Sie war
allein, als das Gewitter über sie hereinbrach. Grandpère
war fast taub, er hörte nichts. Sie packte seine Habseligkeiten
in eine Tasche und zerrte den gebrechlichen Mann aus dem Haus. Sie
glaubte weder an Gott noch an andere Wunder. Aber Gewitterdämonen
und Blitzgeister schwebten leibhaftig über ihr in der schwarzen
Luft, die wie in der Bibel grell aufflackerte. Sie sang ein altes
Kinderlied, mit dem sie sich tröstete, als sie ihren Geliebten
verlor:
Ich stehe im Wasser bis über die Knie,
mir wird ganz anders, ich weiß nicht wie.
Ich muss in der Tiefe des Wassers versinken
und bald in meinen Tränen ertrinken.
Nun bin ich ein Fisch und soll schwimmen.
Mit mir will gar nichts, gar nichts mehr stimmen.
Ich weiß aber nicht was, bin nass, bin ganz
nass,
will atmen, muss trinken, will schweben, muss sinken.
Bis meine Tränen getrocknet sind vom Wind, vom
Wind,
von Liebe so rot, bin ich tot, bin ich tot.
Nach dem Krieg stand der Koffer, mit dem sie vor der
Roten Armee geflüchtet war, neben der großen Truhe im
langen Flur zwischen Vorderwohnung und Hinterwohnung. Sobald schwere
Gewitter heraufzogen, mussten wir uns alle im Salon versammeln.
Keiner durfte laut reden, wir flüsterten nur das Wichtigste
und durften auch nicht essen und nicht trinken. Im Winter wurde
das Feuer im Küchenherd und im Kachelofen erstickt, die glimmende
Asche gelöscht und zugedeckt. Wenn noch Zeit war, brachte sie
die Glut runter zur Aschentonne. Im Winter stellte sie sich vors
Fenster im Salon und beobachtete die Eisblumen. Ich stand neben
ihr. Die Kristalle bewegen sich noch, sagte sie. Sie haben aber
keine Wurzeln, sagte ich. Sie zog die Gardinen und die schweren,
dunkelroten Brokatvorhänge zu. Pschschsch! Dann holte sie den
Koffer aus dem Flur und packte ihn. Die Eisblumen wachsen im Kältetau.
Sie sprechen durchs Glas nach draußen, sie sind Zeichen des
Todes. Das weiß jedes Kind. Ihre Wurzeln stecken im Himmel
über den schwarzen Wolken, sagte Grandmère, als die
Gewitterfront abgezogen war. Je weniger wir uns bewegen, je ruhiger
und kälter das Haus ist, umso größer die Chance,
dass uns der Himmel in Ruhe lässt. Als gäbe es einen energetischen
Zusammenhang zwischen häuslichem Mikrokosmos und himmlischem
Makrokosmos. Die Blitz- und Donnergeister sollen uns gar nicht erst
sehen. Das hat sie nicht gesagt, und sie hat es vielleicht auch
nicht einmal so gedacht, jedenfalls nicht in konkreten Bildern vor
sich gesehen. Aber so muss es gewesen sein, ich kann es mir nicht
anders erklären. Ihre Regeln haben sich bewährt. Der Blitz
hat nie in unser Haus eingeschlagen, aber schräg gegenüber
in die Reithalle und in die Klinik, auf der die Feuersirene stand,
die noch heulte, als das Gebäude ausbrannte.“ Stella
setzte sich wieder neben mich, schaute mich an und lachte: „Die
Glut, die Glut ist nicht gut, ist nicht gut! Sind wir tot, sind
wir tot, herrscht keine Not, herrscht keine Not!“
Kristallin. „Die Menschen sind so seltsam“,
sagte ich. „Einmal lief ich in der Nacht ganz vorsichtig nach
Hause, vorsichtig wegen dem Glatteis, das unter der dünnen
Schneedecke lag. Da hörte ich hinter mir Schritte, die immer
näher kamen, und eine Stimme sagte: `Kann ich Ihnen helfen?’
Die Worte kratzten in der eisigen Luft. So sprechen Schauspieler,
wenn sie ihre Rolle memorieren. Die im Netz der Kälte eingefrorene
Stimme kam mir bekannt vor. Ich wagte nicht, mich umzudrehen, obwohl
ich sehr neugierig war zu erfahren, wer mir da behilflich sein wollte.
Ich hatte Angst zu fallen, mit jedem Schritt spürte ich die
Drohung der Gravitation. Ich erblickte die an mir vorbei stoßende
Wölkung des im Laternenlicht glitzernden Atems, als eine Hand
meinen Arm ergriff und mich festhielt, dann schob sich ein lächelnder
Kopf vor - es war Toussaint, mein Nachbar im `Dragon’!
Er starrt mich an und zieht ruckartig seine Hand wieder zurück,
seine Augen vereisen und, den Mund aufstülpend, schubst er
mich auf dem Glatteis von sich weg und rennt auf und davon.“
Stella schloss die Augen und schwieg kopfschüttelnd. „Und
dann?“, fragte sie. „Ich weiß es nicht“,
sagte ich leise, „ich glaube, er war so überrascht, mich
zu treffen, dass er seine Enttäuschung nur dadurch überwand,
dass er im Moment des Erkennens für immer mit mir brach.“
Stella schaute mich an: „Das kann ich nicht glauben.“
„Ich habe keine bessere Erklärung“, sagte ich und
schaute mit halb geschlossenen Augen ins Leere, „anders kann
ich ihn nicht retten.“ „Muss das sein?“, fragte
sie. „Ja“, sagte ich, „es geht ja auch um mich.“
Maranatha ... Stella sagte: „Es wird kühler.“
Die Sonne verschwand hinter den Häusern und die Bischöfe
über uns wurden schattiger, dunkler, fast schwarz, wir spürten
das fallende Wasser im Rücken. „Ich will dir schnell
noch eine Geschichte meines Großvaters erzählen.“
Sie schaute an mir vorbei. „Weißt du, die Geschichte
hat auch mit dem Eis zu tun, auf dem wir tanzen und fallen, wenn
es so weit ist ...“ Ich wusste, wie sehr Stella ihren Großvater
liebte. Sie besuchte ihn oft in der großen Stadt am Rhein.
Er brachte ihr alles bei, was es in der Musik gibt, und philosophierte
mit ihr, seit sie sprechen konnte. „Als Großvater spürte,
dass es ans Sterben ging, zitierte er, wenn er von seiner Gebrechlichkeit
sprach, immer wieder die Worte: `Es ist vollbracht. Amen.
Komm, Herr Jesus.’ Obwohl er weder an die Theologie der Evangelien
noch an die Göttlichkeit Jesu Christi glaubte. Er blieb bis
zu seinem zweiundsiebzigsten Lebensjahr Organist von St. Peter,
spielte ein Credo nach dem anderen, gab Konzerte, improvisierte
die Musik von Stummfilmen - ich erinnere mich besonders an `Faust’
und `Metropolis’ - und komponierte Orgelmessen, Kantaten
und Oratorien. Nachdem er im Ruhestand war, zog er in ein kleines
Appartement im Souterrain einer Villa am Rhein. Er erkannte mich
erst gar nicht wieder, als ich ihn kurz vor seinem Tod besuchte.
Ich glaube, er tat nur so, weil wir uns bei der letzten Begegnung
gestritten hatten. Es ging um eins seiner Gedichte. Ich kapierte
nicht, was er damit sagte. Heute weiß ich, er wollte damals
schon sterben. Ich stand im Wohnzimmer und blickte mich um. Überall
lagen beschriebene Notenblätter herum, auf dem Schreibtisch
vorm Fenster mit Blick auf die Rosenbüsche, den beiden kleinen
Tischen in den Ecken, auf dem Spinett, auf allen Stühlen, auf
dem Büfett, auf dem Sofa und neben dem Kopfkissen des Bettes.
Auch auf dem Fußboden Stapel von Notenblättern ohne erkennbare
Ordnung. Mit dickem Filzstift geschrieben, sahen die schwarzen Noten
mich an. Großvater zeigte auf den Schreibtisch. `Lies
das Blatt in der Mitte!’, sagte er. Ich beugte mich über
den Schreibtisch -
`Unser Leben ist nur Wahn und Fraß.’
Ich dachte nach. Wenn unser Leben Wahn und Fraß
ist, dann ist der Wahn Leben ohne Fraß, ja, das haut hin,
und Fraß ist Leben ohne Wahn, ja, das stimmt, das Leben wird
zur tödlichen Sucht. `Und die Kunst?’, fragte ich
Großvater, `ist sie auch ein Wahn?’ `Nun
ja’, sagte er zögernd` `in einem gewissen
Sinn ist ein Künstler, von seinem Werk her gesehen, wahnsinnig.
Der eigentliche Wahnsinn liegt darin, dass der Wahn des Künstlers,
der in sein Werk eingeht, wahr ist.’ Ich schwieg. `Das
Wunder der Zeugung ist bei den Ausscheidungsorganen angesiedelt
... Feuer und Wasser ... Wahn und Fraß ... zwischen diesen
beiden Polen liegt alles, was wir Leben nennen.’ `Also
auch die Religion’, sagte ich. `Ja, auch die Religion’,
sagte er. `Und die Religion und die Kunst sind derselbe Wahn?’
`Ich weiß es nicht’, sagte er, `ich weiß
auch nicht, ob ich es hoffen soll.’ `Aber deine geistlichen
Motetten, Kantaten, Orgelmessen -’ `Ich komponiere in
den Formen der geistlichen Musik, aber ich schreibe mit meinen Noten
kein Credo. Ich bin ein Künstler, ich glaube nur an mich selbst
- und an mein Werk, das ist vielleicht dasselbe. Mein Verstand sagt
mir, dass Gott nicht existiert. Mein Gefühl sagt nichts anderes.
Gott ist eine Variable für das, was wir nicht verstehen. Gott
ist nur eine Idee.’ `Vielleicht eine Idee in uns - von
ihm’, sagte ich. Großvater lachte. Er legte sich aufs
Bett: `Gott gibt es nicht’, sagte er. `Es hat
ihn nie gegeben. Es kann ihn nicht gegeben haben und es wird ihn
nie geben, der nie war, der nicht ist, der nie sein wird. Ich habe
nie an ihn geglaubt.’ Nach einer Weile dann: `Der Tod
ist die stärkste Kraft.“ Großvater streckte den
Arm aus und deutete mit der flachen Hand auf den Stuhl neben dem
Bett. Ich las seine schwarze Filzstifthandschrift: `Ich bin
aus der katholischen Kirche ausgetreten.’ `Das ist Gott
egal’, sagte ich. Großvater lächelte. `Wenn
es ihn gäbe, wäre er auf meiner Seite.’ Wir schwiegen.
Mir wurde klar, Großvater regelte alle seine Dinge zwischen
Wahn und Fraß. `Ich glaube, du willst mit dem Leben
abschließen’, sagte ich dann. `Kann sein’,
sagte er. Er erzählte mir von der Glocke, die er der Kirche
St. Peter vor vielen Jahren stiftete. `Den Klöppel haben
die Damen des Puffs beigesteuert. Die sind ehrlicher als die Kirchenleute’,
sagte er. `Die Priester sind eitel, noch eitler als ich. Ich
muss ja als Künstler sein wie Gott. Aber die Priester müssen
Gott dienen, am besten lassen sie die Finger von der Kunst.’
Der kunstsinnige Pater von St. Peter, erzählte er, habe den
alten Altar seiner Kirche in die Sakristei tragen und Eduardo Chillidas
aus drei weißen Marmorblöcken bestehenden Altar aufstellen
lassen, im Dienst an der Kunst, aber dann auf Verlangen des Erzbischofs
ins Seitenschiff versetzen müssen. Ein Altar sei ein ungeteilter
Opfertisch, so der Erzbischof. Die Deutung, die Dreiteilung spiele
auf die Dreieinigkeit an, habe die Kurie nicht gelten lassen, es
bestehe auch die Gefahr, dass die Gemeinde in dem zerstückelten
Altar eine brüchige Kirche sehe. Una sancta eccclesia catholica!
Da habe der Pater einen neuen Opfertisch im Altarraum aufgestellt,
wieder aus weißem Marmor, aber dünnwandig und hohl wie
ein Campingtisch. Den habe der Pater dem Großvater voller
Stolz gezeigt. Man sehe, habe er zu dem Pater gesagt, wie hohl die
Kirche sei ... Nun ja, habe der geantwortet, jedenfalls una, also
ungeteilt, aus einem Stück, und sancta - und catholica allemal.
Großvater forderte mich auf, ihm vom Spinett in der Mitte
des Zimmers ein Exemplar seiner Biographie zu bringen, die sein
Nachfolger im Organistenamt kürzlich geschrieben hat. Er schlug
das Buch auf und schrieb auf die Innenseite des hinteren Buchdeckels
mit schwarzem Filzstift. Ich schaute ihm von der Seite dabei zu.
Er malte Buchstabe für Buchstabe. Die Augen schienen zu lachen,
aber der Mund blieb ernst. Großvater gab mir das Buch zurück:
Ich will eingeschläfert werden.’
Ich erschrak. `Das ist mein Testament’, sagte
er, `in Wahrheit auch nur ein Wahn.’ Testament? Auf
dem Nachttisch eine weiße Schachtel Tilidin und ein braunes
Fläschchen Dormicum. Ich schüttelte den Kopf. Der Tod
- nur ein Wahn? Der Tod ist das Nichts. Aber das sagte ich nicht.
Großvater wies auf einen Zeitungsartikel neben den Tabletten.
Ein Bericht über sein letztes opus. Auf dem Stuhl lagen die
gedruckten Noten der Motette `Ja, ich komme bald.’ `Ich
sitze am Tag zwei Mal für ein paar Stunden am Fenster und komponiere.
Ich habe nur noch das Spinett. Mir fehlt die Orgel. Aber ich kann
mit den wunden Füßen nicht mehr spielen.’ ... Schwälende
Tage ... `Mir fehlt der Blick auf das Maßwerk von St.
Peter. Jetzt schaue ich aus dem Kellerloch, in dem ich hause, auf
die Astern vor meinem Fenster wie aus einem Grab.’ ... Noch
einmal das Ersehnte, den Rausch ... `Meine Augen sind schwach,
ich sehe die Noten nur verschwommen. Manchmal improvisiere ich auf
dem Spinett.’ Seine Kompositionen höre er im Kopf. Vom
Bett aus könne er die Fernsehbilder ahnen und sich den Film
vorstellen. `Aber meistens lasse ich den Fernseher ausgeschaltet.’
... Und streife die Fluten und trinke Fahrt und Nacht ... Ich dachte
immerzu an Benns Gedicht, an den nahenden Tod, als ich Großvater
mit seinem langen weißen Bart im Bett vor mir liegen sah,
die eingewickelten Füße in dicken Pantoffeln steckend,
wie der sterbende Gott Gottes. Eine bizarre Predella. Darüber
das Nichts der weißen Wand ... Großvater wurde müde.
Als wir uns verabschiedeten, gab er mir die Hand und sagte: `Das
ist das Ende.’“
Das Ende, dachte ich. Das Ende. Vielleicht beginnt
es auf einem Parkplatz: Ich frage meine Freundin, „wer sitzt
in den Autos dort hinten?“ „Geh hin und sieh nach“,
sagt Stella. Ich laufe in die Ecke zu den Autos und beuge mich über
die Windschutzscheiben. Ich sehe darin nur den Himmel, der mich
blendet, und Schatten. Da ist kein Platz für Farben. Kein Gesicht
blickt mich an. Ich laufe zur Seite, gehe in die Knie und schaue
zum Seitenfenster nach innen. Ich gehe von Auto zu Auto. Was sehe
ich? Von Auto zu Auto. Was sehe ich? Die Sonne über mir. Dann
fallen Tropfen. Sonnenregen. Ich gehe von Auto zu Auto. Was sehe
ich? „Was siehst du?“, ruft die Freundin. Ich drehe
mich um. „In jedem Auto sitzt die gleiche Person“, sage
ich. „Dann ist alles in Ordnung“, sagt sie, „komm,
wir gehen in die Stadt.“ „Ich kenne die Leute in den
Autos nicht“, sage ich. Sie sagt, „klar, auf dem Glas
spiegeln sich die Wolken.“ „Immer die gleiche Person“,
sage ich, „ich kenne sie nicht.“ „Ja“, sagt
Stella, „wenn sie dir fremd ist.“ „In jedem Auto
das gleiche Gesicht“, sage ich. „Kein Wunder“,
sagt sie, „wir kennen ja kaum uns selbst.“
Psalm der Hyper-Hydra. „Ach, Stella“,
sagte ich, „im Prinzip bin ich der, der mich und dich erfindet.
Unter meinen Erfindungen gefalle ich mir selbst ganz besonders.
Klar, rein subjektiv. Aber wenn ich das einzige Subjekt bin, ist
dann letztlich alles rein objektiv. Was mir aber andererseits völlig
egal ist. Ich ruhe mich im schwülen Sommer der Südheide
aus. In der Nacht hetze ich eine Kaltfront gegen die Warmfront,
schicke ich Blitze übers Land und schütte das Wasser,
das ich im Atlantik schöpfe, aus den Wolken. Dann schlafe ich.
So nennen die Menschen ihre Reisen ins Unbewusste. Ich erhole mich
vom gestrigen Schöpfungstag. In der Bibel steht nur eine bildhafte
Andeutung meines permanenten Schöpfungsprozesses. Im Schlaf
ordne ich die Große Menge Zufall. Wenn ich wach bin, greife
ich mit beiden Händen in die Große Menge und lasse die
Zufälle wie Ideensand zwischen meinen Fingern auf die Erde
rieseln, wo sie Wurzeln schlagen, wachsen und blühen. Das gefällt
mir. Manchmal nur muss ich schnell zur Seite springen, wenn so eine
Idee zu schnell wächst oder zu heftig oder zu laut. Aber selten
wehre ich mich mit einer Machete gegen wild wachsende Ungeheuerlichkeiten.
Dann erschrecke ich mich gleichsam vor mir selber. Besonders in
diesen Momenten bekomme ich, Unum Sanctum Universum, ein erhöhtes
Selbstbewusstsein - eine höhere Schöpfungsebene erzeugend
spiegele ich mich und staune im Angesichts meines Paralleluniversums
über das Möbiusband, das ich soeben zerschnitt, mich selbst.
So viel aus meinem Schöpfungsalltag. Heute Abend besaufe ich
mich und tauche ab in die Große Menge. Dann wieder aufwachen,
weitergehen, weiterfahren durch Raum und Zeit, die sich mit jedem
Schritt vor mir bilden, so dass meine Wege unendlich sind.“
Mein Sarg. Nach dem Aufwachen am nächsten Morgen
erzählte ich meiner Liebe: „Mein Cousin baute für
seine Mutter, als sie gestorben war, selber den Sarg.“ Stella
fand das merkwürdig und schön. Ich sagte: „Wenn
ich sterbe, dann bau aus dem Holz meines Schreibtischs einen Sarg
für mich.“ Sie lehnte sich an mich, und ich dachte, sie
lacht, als sie sich an mich klammerte und zuckte. Bis ich merkte,
sie weint. Ich sagte: „Das war doch nur ein Scherz.“
Sie schluchzte. „Hab ich dich verletzt?“ „Nein“,
sagte sie, „ich habe mir vorgestellt, wie du in deinem Schreibtisch
...“ Sie weinte und hielt mich noch fester. „Vergessen
wir den Schreibtisch“, sagte ich. „Nein“, sagte
sie, „er ist doch deine Wohnung.“
Himmelhoch. Abends am Schreibtisch hör ich Musik
beim Arbeiten im Glühen der Lampe vor meiner Stirn. Ich zieh
mich aus der Finsternis des Raums ins Licht. Leicht gebeugt über
Bücher, Hefte, Schreibpapier wohne ich in meinem Gehäuse.
Italienische Opern laufen mir durch die Ohren, ohne das Hirn zu
berühren, fast nur übers Rückenmark. Rossini etwa.
Auch Schuberts Klavierstücke. Fantasie in f-moll. Oder Beethoven,
op. 111. Bachs Goldbergvariationen. Alle seine zweihundert Kantaten,
Abend für Abend aufgelegt, Buch für Buch. Klar, Winterreise
passt nicht, obwohl - du kannst die Sprache subtrahieren, aber dann
subtrahierst du fast alles, und so kommt es dann auch oft: Das Finale
der 1. Sinfonie Mahlers verklingt und du hörst noch nicht einmal
die Stille, wenn dein Grammophon schweigt, dein Player, dein Radio,
dein iPod. Du bist ganz tief in der Musik deiner Gedanken, bist
ganz außer dir bei den Stoffen, die du drehst und wendest,
und kommst auf Wegen zu dir, die du nur mit den Schuhspitzen berührst,
wenn du nicht gerade fliegst. Ja, und so gefällst du dir, weil:
der Spiegel, in dem du dich von innen siehst, glänzt nicht
so tückisch wie das Quecksilber, das du dir wie Honig um den
Mund schmierst, wenn du dich so in dich verknallst, bis du dich
schön findest.
Ist doch unser ganzes Leben immer nur ein tristes
running game, von einem Stolperstein zum andern, von einem Phallus-Sieg
zum nächsten, sagte ich zu Stella, ja, antwortete sie, und
dieser ganze Stress, diese tägliche Syphilis-Arbeit ...
O Mensch, hab acht, bedenke, wenn du umkippst, fällst
du immer tiefer als gedacht, das Schwarze Loch in dir, das dich
anzieht, verschluckt dich bedenkenlos, ganz ohne Moral, absolut
wertfrei, du bist Natur und nichts als Natur, und so, ganz natürlich,
gehst du in dir unter und hörst und siehst nichts mehr. Im
besten Fall bist du über deinen Akten eingeschlafen, schwimmst
in den Buchstaben deiner Schrift, ohne zu atmen, ohne zu denken,
und vielleicht träumst du, dass du träumen willst, und
das zieht sich so hin, ohne dass du dich langweilst, du sackst weg
und schwebst im Schein der Lampe über der Schreibtischplatte,
die ja den Raum des Seins bildet, das du dir hier glatt erschaffst,
ohne es zu wissen ... Hedoniker sein bis zuletzt und darüber
hinaus. Ja, so will ich sterben. Und wieder aufwachen.
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