| |
Ich bin der Sieg
Mein Vater war der Krieg
Der Friede ist mein lieber Sohn
Der gleicht meinem Vater schon
Erich Fried
Seit nunmehr 65 Jahren herrscht Frieden in Mitteleuropa.
Seit der kalte Krieg überwunden wurde, der kommunistische Machtblock
zusammenbrach und der EU-Raum, als Stabilisator, einen dauerhaften
Frieden in Europa festigte, scheint die Gefahr eines Krieges gebannt.
Frieden versteht sich als Abwesenheit von Krieg die aber ein Vakuum
produzierte und mit anderen Mitteln das auffüllte, was wir
keinesfalls im Zusammenhang mit Krieg zu sehen bereit sind. Allgemein
bedeutet Krieg, die Auseinandersetzung feindlicher Gegner mittels
Waffen, im Besonderen aber, und das kommt nur selten ins Gespräch,
findet, seit der Kapitalismus mit seiner menschenfeindlichen Ideologie
aufgerüstet hat, ein unentwegter Krieg der Kapitalklasse gegen
alle und jede statt, die nicht ihresgleichen sind. Eine feindliche
Front von Habenden, die den Habenichtsen den Krieg erklärt
hat, der einer „Art Dauermobilisierung gleicht“ wie
der Psychoanalytiker Horst Eberhard Richter formuliert. Ein stetiger
Angriff des Kapitals, der den „Frieden und die Demokratie
gefährdet“, so Stèphane Hessel in seiner Schrift
„Empört Euch“. Dürfen wir guten Gewissens
von Frieden sprechen, wenn Millionen und Abermillionen Menschen
mit Armut, Elend und Hunger zu kämpfen haben, wenn die Kaste
der Vermögenden im Luxus schwelgt und die Klasse der Armen,
Ausgemusterten und Ausgestoßenen um ihr Überleben kämpft?
Können Menschen in Frieden leben, wenn sie sich in ihrer Existenz
bedroht oder gar derer beraubt sehen, wenn sie unter dem Diktat
der kapitalistischen Knute leiden, die ihnen ein menschenunwürdiges
Leben vorenthält und einen großen Teil der Gesellschaft
ins Abseits stellt? Frieden, von dem hier die Rede ist, impliziert
soziale Gerechtigkeit und wenn die nicht gegeben ist und die Rechte
der asozialen Kapitalhaber mit weitem Abstand Vorrang haben, dann
ist ein gesellschaftlicher Zustand hergestellt, bei dem sich zwei
Fronten diametral gegenüber gestellt sehen: Reichtum im Überfluss
und beschämend erbärmliche Armut andererseits. Oder wie
Karl Marx sagte: „Die ganze Gesellschaft spaltet sich mehr
und mehr in zwei feindliche Lager, … in zwei einander gegenüberstehende
Klassen…“ „Mischt euch ein, empört euch!“,
fordert der oben genannte Stéphane Hessel, „die ganze
Gesellschaft darf sich nicht kleinmachen und kleinkriegen lassen
von der … Diktatur der (Kapitalklasse“). „Wir
müssen den Kampf auf breiter Linie führen, … um
die Armut zu beseitigen und einen dauerhaften Weltfrieden zu sichern,
müssen wir die Neue Weltordnung entwaffnen.“ (Michel
Chossudovsky). Friedliches Leben setzt sozialen Frieden voraus,
wo der aber massiv gestört ist, oder besser gesagt unter stetigem
Angriff, sowohl politischer als auch ökonomischer Macht regelrecht
kaputt gemacht wird, kann von einer friedlich freiheitlichen Gesellschaft
kaum mehr gesprochen werden. Wenn Existenzängste um sich greifen,
der soziale Abstieg von Millionen Menschen droht und gleichzeitig
der Anstieg von Millionären und Milliardären beängstigend
zu nimmt, dann ist zwingend die Frage zu stellen: Wie lange hält
unsere Gesellschaft dies noch aus?
„Wann gab es bisher in der Geschichte
Frieden, der diesen Namen verdient?“, fragt Franz Alt. Hermann
Hesse antwortet darauf: „Es gibt Frieden, gewiß, aber
nicht einen, der dauernd in uns wohnt und uns nicht mehr verläßt.
Es gibt nur einen Frieden, der immer und immer wieder mit unablässigen
Kämpfen erstritten wird und von Tag zu Tag neu erstritten werden
muß.“ Wobei Hesse auf den Einzelnen, das Individuum
abzielt, den Menschen, der um seinen persönlichen Frieden ringt.
Der aber ist weitgehend davon abhängig in wieweit die äußeren
Bedingungen dies zu lassen, und dies gilt nicht nur für den
Einzelnen, sondern insbesondere für alle jene, die ohnmächtig
und machtlos ihrem Feind Kapitalismus ausgeliefert sind. Dieser
Unfriedenstifter im Schulterschluss mit neoliberaler Politik setzt
mit Brutalität und Menschenverachtung namentlich den Teil der
sozial Schwachen in unsrer Gesellschaft Bedingungen, unter denen
ein menschenwürdiges friedliches Leben kaum mehr möglich
ist. Heute gilt die Parole: Friede den Palästen und Krieg den
Hütten und nicht umgekehrt. Friede und Wohlleben den kapitalistischen
Ausbeutern und Krieg den lohnabhängigen Sklaven, den Armen
und allen Benachteiligten. Kann man hier, ja muss man nicht von
einer Verschwörung gegen den Frieden sprechen, von einem Feldzug
gegen das Millionenheer wehrloser, zur Ausbeutung freigegebener
Menschen, die schutzlos der Kapitalklasse ausgeliefert sind, deren
Frieden sich allein darin erschöpft, mit dem Wenigen zu frieden
zu sein, was man ihnen zugesteht. „Frieden ist möglich“
so der Titel eines Buches, das Franz Alt zuzeiten des Kalten Krieges
unter atomarer Bedrohung heraus gab. Heute müsste der Titel
mit Blick auf die kapitalistische Bedrohung lauten: Frieden ist
unmöglich. Denn die Zuspitzung der Gegensätze, vielmehr
aber noch die Überlegenheit der Kapitalmächte, die in
brutalster Weise ihren Wille durchsetzen, ist ein Akt der Gewalt,
der nicht anders als Krieg zu bezeichnen ist, ein Krieg aber, der
als solcher nicht wahrgenommen wird, weil die Form dieses Krieges
mit Mitteln arbeitet, welche sich dem Verständnis von Krieg
entziehen. Daher ist von einem Krieg zu sprechen, der seine Brutalität
hinter einer zivilen Maske verbirgt, die den Gedanken an Krieg weder
aufkommen lässt, noch als greifbare Wirklichkeit in unser Denken
integriert.
„Die Zukunft der Menschen“, so
Friedrich Dürrenmatt, „liegt im Ungewissen, wir können
immer noch den Augenblick festhalten. Der Friede wird hart sein,
… denn Frieden bedeutet Alltag…“ Wie hart sich
dieser Alltag freilich heute in der Gegenwart darstellt, das konnte
auch ein Dürrenmatt nicht voraussehen, denn er ging davon aus,
dass ein Krieg-Aus mit „gewöhnlich und langweilig“
gleich zu setzen wäre. Ein Denken, bei dem Dürrenmatt
die Entwicklung des Kapitalismus außer acht ließ, jenen
Feind des Friedens, den er nicht erkannte, der aber alles andere
als Langweiligkeit aufkommen ließ. Zwar soll nicht ein Paradies
des Friedens herbei geredet, wohl aber davon gesprochen werden,
dass Frieden von dem hier die Rede ist, die soziale Integration
unabdingbar mit einschließt, ein Leben ohne Not und Ängste,
das jedem aber auch jedem eine menschenwürdige Existenz sichert.
Wer von Frieden spricht und dabei die soziale Situation jener Menschen
übersieht, die vor unserer Haustür und weltweit bitterster
Armut ausgesetzt sind, der hat seinen Frieden mit einer Welt gemacht,
in der das eigene Wohlergehen, und nur das, an erster Stelle Vorrang
hat.
Krieg und Frieden. Drei Gedichte von Peter Schütt:
Wanted
Gesucht wird
der mutmaßliche Pazifist
Jesus von Nazareth.
Wegen Friedenshetze…
Der Gesuchte macht
rücksichtslos gebrauch
von seiner Friedfertigkeit…
Meldungen nimmt jede Polizeidienststelle
Entgegen…
Friedensspiele
Die Kinder im Hof
spielten Krieg,
sie spielten ihren Krieg
laut und schrill.
Vom Fenster aus
rief ich ihnen zu:
Spielt doch mal Frieden!
Ich hoffte sie würden
dann weniger Lärm machen.
Die Kinder unten
im Hof waren begeistert.
Laßt uns Frieden spielen!
brüllten sie wie
aus einem Munde.
Und überlegten,
was zu tun wäre,
rätselten und stritten
sich schon wieder,
und dann rief
ein Dreikäsehoch
herauf zu meinem Fenster:
Onkel, wie spielt man Frieden?
Hunger
Manchmal habe ich
Hunger
nach nichts als
einem freundlichen Wort –
ein Wort
gegen die Kälte,
gegen die Angst,
ein einziges Wort
zum Aufwärmen
und zum Luftholen,
ein Wort ohne Bleigewicht,
nur beladen mit
einem Gran Frieden…
Heiner Geißler fragt: „Warum die Kirchen
den fälligen massiven Protest gegen diese brutale Form des
Spätkapitalismus Organisationen wie Attac oder Amnesty International
überlassen und sich nicht selbst an die Spitze des Protestes
setzen?“ Zwar geben die Kirchen von Zeit zu Zeit Statements
ab, um dann aber wieder in totale Funkstille zu verfallen. Bischof
Schönherr äußerte 1982 selbstkritisch in einem Vortrag:
„Lange Zeit galt es als unpassend und unfromm, wenn Christen
sich um politische Fragen kümmerten. Politik verdirbt, so meinte
man, nicht nur den Charakter, sondern zerstört den Frieden
der Gemeinde. Aber was ist das für ein Frieden, der nur dadurch
am Leben bleibt, daß große und lebenswichtige Bereiche
ausgeklammert werden.“ Ja was sind Friedensbotschaften wert,
die von der Kanzel verkündet, aber im Alltag nicht umgesetzt
werden, wenn die Botschaft Christi: „Selig, die Frieden stiften“,
als Worte verstanden werden, die jenseits der Kirchenmauern ihre
Gültigkeit verlieren. Hier gelten politische Worte und ökonomische
Gesetze, deren Absicht alles andere ist, als Frieden zu stiften.
„Friedlosigkeit“, so Carl Friedrich von Weizsäcker,
„ist eine seelische Krankheit.“ Davon ausgegangen und
den Fokus auf das Chaos von Elend, sozialem Unrecht, Brutalität,
Gier und Hässlichkeit gerichtet, in dem auch nicht ein Hauch
von Friedfertigkeit zu finden ist, dann liegt Weizsäcker mit
seiner These durchaus richtig und mehr noch, er hat auch erkannt
wie krank unsere Gesellschaft insgesamt ist.
Unter dem Titel „Die prophetische Auffassung vom Frieden“
veröffentlichte Erich Fromm 1960 einen Essay, der, wenn von
Frieden die Rede ist, keinesfalls vernachlässigt werden sollte
und der dazu beiträgt dem Verständnis von Frieden einen
anderen Blickwinkel zu geben, der zumeist ausgeblendet an den Rand
unserer Wahrnehmung verschoben wird bzw. gar keine Berücksichtigung
findet. Fromm geht von dem Gedanken aus: „Selbst wenn Frieden
nichts anderes bedeutet als die Abwesenheit von Krieg, Haß,
Mord und Wahnsinn, würde er doch zu den höchsten Zielen
gehören, die ein Mensch sich setzen kann. Um Frieden zu finden,
muß der Mensch „Versöhnung“ dadurch finden,
daß er zu neuer Einheit kommt; der Friede ist das Ergebnis
der Änderung des Menschen, bei der die Einheit an Stelle der
Entfremdung getreten ist. So ist die Idee des Friedens in der prophetischen
Sicht untrennbar mit der Vorstellung von der Realisierung seines
Menschseins verbunden. Frieden ist mehr als ein kriegsloser Zustand;
er ist die Harmonie und Einheit zwischen den Menschen, er ist die
Überwindung der Getrenntheit und Entfremdung. Die prophetische
Auffassung vom Frieden transzendiert den Bereich menschlicher Beziehungen;
die neue Harmonie besteht auch zwischen dem Mensch und der Natur.
Friede zwischen Mensch und Natur ist gleichbedeutend mit der Harmonie
zwischen Mensch und Natur.“ Wenn wir uns diese Auffassung
zu eigen machen und mit Blick auf die Verfassung unserer Gesellschaft
schauen, dann muss uns zwingend bewusst werden in welch menschlich
erbärmlichen Zustand sich unsere Welt befindet, in welcher
friedlosen feindlichen Zeit wir leben.
Die Sehnsucht
nach Gerechtigkeit
nimmt nicht ab
Aber die Hoffnung
Die Sehnsucht
Nach Frieden
nicht
Aber die Hoffnung
Hilde Domin
Wer nun aber davon ausgeht wie Friedrich Dürrenmatt:
„Nur im Privaten kann die Welt heute noch in Ordnung sein
und der Friede verwirklicht werden“, der hat jene Millionen
Menschen vergessen, die sich jenseits des privaten Friedens befinden,
alle jene die im stetigen Kampf ums Überleben, alles andere
als ihren Frieden gefunden haben. Getrenntheit und Entfremdung zwischen
der abgehobenen Geldkaste und denen die in den Niederungen akuten
Geldmangels leben, zeichnen ein Verhältnis, das die Zerrissenheit
in unserer Gesellschaft wiedergibt. Mächtige und Machtlose,
Reiche und Arme, Ausbeuter und Ausgebeutete, Herren und Knechte,
prägen das Bild des Spätkapitalismus. Er als ausgewiesener
Feind der Menschlichkeit und Freund des inhumanen Bösen, hat
keinen Frieden zu vergeben, vielmehr produziert er fortwährend
neue bösartige Strategien und unternimmt stete Feldzüge
gegen den Frieden. Horst Eberhard Richter, der sich in seinem Buch
von 1982 „Alle reden Vom Frieden“, linienführend
mit dem drohenden Atomkrieg befasst, produzierte in seiner Schrift
aber auch einige Sätze, die im Vorgriff auf jenen Frieden abzielen,
von dem hier die Rede ist: „…die Gehirne der meisten
Menschen (sind) ja nicht auf das Gegensatzpaar Frieden - gesellschaftlicher
Unfrieden, sondern auf die Polarität Krieg - Frieden fixiert.
Gewalt heißt Krieg, Gewalt (heißt) aber auch Mißhandeln
von Menschen und Tieren. Zerstören von natürlichem Ackerboden
und von Wäldern, Versalzen von Flüssen und Verpesten von
Luft.“ Gewalt bedeutet aber ebenso, Knechtung, Versklavung
und Ausbeutung des Menschen, ihn seiner Würde zu berauben und
ihn unter das Joch eines unmenschlichen Lebens zu zwingen. Menschlichkeit
ist immer dort außer Kraft gesetzt, wo die Kräfte des
Bösen, der Gewalt und Unterdrückung Oberhand gewinnen,
wo das Diktat des Stärkeren gilt und die Schwachen leiden.
Dazu passend formuliert Nietzsche den Satz: „…es ist
eine Inhumanität so schlimm und schlimmer als der Krieg.“
Das Wesen aller und jeder Kriege waren und sind Unmenschlichkeit,
davon ist aber nicht abzuleiten, dass die Abwesenheit von Krieg
mehr Menschlichkeit gebracht hätte. „…von jedem
einzelnen aus gesehen, von Einzelmenschen aus, nimmt der Friede
noch ein anderes Gesicht an, sein wahres, es wird … zur Sorge
um das tägliche Brot, es wird zur Bühne, auf der sich
das menschliche Leben abzuspielen hat, als Komödie, als Tragödie,
als Drama, … bei dem es kein Davonlaufen gibt.“ (Friedrich
Dürrenmatt).
„Frieden, Gewalt und Sicherheit“, schreibt
Horst Eberhard Richter, „dehnen sich zu unendlich vieldeutigen
Begriffen, die man zum Teil sogar weitgehend gegeneinander austauschen
(kann). (Ist) es Krieg oder Frieden, wenn die reichen Nationen viele
Millionen in den südlichen Ländern am Hunger sterben lassen?
(Heißt) Frieden, daß die Armen stillhalten, um das Eigentum
der Reichen zu schützen? Namentlich dies Stillhalten macht
es der Kapital-Elite leicht nach belieben ihre Macht auszuspielen
und vorzugsweise jene zu drangsalieren, die ihnen ohnmächtig
ausgeliefert sind, die weder Widerstand leisten, noch ihre Protesthaltung
zum Ausdruck bringen. Sie aber, die Luxus-Klasse kann ihren privaten
Frieden genießen und in sicheren Kapital-Festungen Kriegspläne
gegen alle jene schmieden, die zur Ausbeutung freigegeben, ihnen
reiche Beute einfahren und ein Wohlleben auf höchstem Niveau
garantieren. Diese in Wohlleben abgeschottete Ruhe täuscht
Frieden vor, einen Frieden den die Kapitalhaber mit sich selbst
gemacht haben, während jenseits ihres privaten Friedens, die
kapitalistischen Gesetze des Unfriedens gelten. Brutalität,
Raffsucht, Entsolidarisierung und die Missachtung sozialer Verantwortung
kennzeichnet die Geld-Maffia. Ihr globales Machtmonopol gestattet
es ihnen, das durchzusetzen was in ihrem Interesse liegt und die
ökonomischen Märkte so zu gestalten wie es ihr Wille ist.
„Obwohl dazu kein offener Einsatz von Gewalt erforderlich
ist“, schreibt der Autor Michel Chossudovsky, „stellt
die rücksichtslose Durchsetzung dieser Wirtschaftsreformen
dennoch eine Form der Kriegsführung dar. In diesem Sinne sind
Krieg und Globalisierung keine getrennten Probleme. Gleichzeitig
mit der Globalisierung rüsteten die Feinde der sozialen Marktwirtschaft
ihr ideologisches Waffenarsenal auf, um mit kriegerischen Mitteln
das zu erreichen, was sie sich auf ihre Fahnen geschrieben haben.
Im Kampf um ein besseres Leben aber sind insbesondere die sozial
Schwachen unterlegen, jene Millionen und Abermillionen, ein Heer
von Einkommensschwachen, Ausgebeuteten, Sklaven und Knechten, die
sich wehrlos der kapitalistischen Kriegsführung ergeben müssen.
Noam Chomsky zitiert in seinem Buch „Der gescheiterte Staat“
den Historiker Robert Wiebe, der von Gefangenen in einem „Sklavendasein“
spricht, „mit einem Geldadel, der über uns hängt
wie eine Lawine und Jedermann, der das Recht, die Armen und Unglücklichen
zu versklaven, in frage stellt, mit Vernichtung bedroht.“
Was sich zurzeit national und global an der Arbeitsfront
aller jener abspielt, die für Hungerlöhne ihr Fell zu
Markte tragen ist reinste Sklavenwirtschaft. Um überhaupt überleben
zu können, müssen sie sich jeder Zumutung beugen, sich
jedem Diktat unterwerfen. Menschenwürde und Menschlichkeit
sind hier kein Maßstab, gemessen wird allein daran, was die
Ware Mensch an Gewinn abwirft. „Alle Produktion wurde zur
menschlichen Plackerei, die den Menschen nicht bereichert, sondern
aushöhlt. Während der tote Stoff … veredelt die
Stätten der Arbeit verlässt, werden die Menschen dort
an Leib und Seele zerstört“, so der Wirtschaftswissenschaftler
Ernst F. Schumacher. Michel Chossudovsky stellt fest: „Die
weltweite Handelsfreiheit führt mitnichten zur besten aller
Welten, sondern zur Unsicherheit, Armut und Krieg… Die Allianz
der Reichen forciert die Globalisierung der Armut, der sozialen
Apartheid, des Rassismus und der ethnischen Zwietracht. Nach der
Ära des kalten Krieges rutschen große Teile der Weltbevölkerung
jetzt in eine beispielslose wirtschaftliche und soziale Krise...
Ganze Volkswirtschaften brechen zusammen, ganze Zivilgesellschaften
werden zerstört, Arbeitslosigkeit und Elend nehmen überhand.“
Wer will da noch von Frieden sprechen und dabei nicht an Krieg denken,
wenn auf den Schlachtfeldern des Kapitalismus einzig die Reichen
überleben, einen Sieg nach dem anderen feiern und mit räuberischen
Feldszügen ihre Kriegsbeute einfahren. „Als menschliche
Wesen“, so Jiddu Krishnamutri, „die in dieser monströsen
hässlichen Welt leben, müssen wir uns fragen, ob diese
Gesellschaft, die auf Wettbewerb, Brutalität und Furcht gegründet
ist, zu einem Ende kommen kann…“ Wohl kaum solange der
ungesteuerte Selbstlauf des Kapitalismus kein Ende findet, solange
die Macht in den Händen der Reichen liegt und die Kapitalhaber
richtungweisend den Kurs unserer Gesellschaft bestimmen. Um sich
aus dieser Diktatur zu befreien und Frieden zu finden, muss „sich
der Mensch voll entfalten, um wahrhaft menschlich zu werden, wenn
er in der Lage ist zu lieben, wenn er die Wahrheit kennt und Gerechtigkeit
übt, wenn er die Kraft seiner Vernunft so weit entfaltet, daß
er sich aus der Knechtschaft des Menschen von den Fesseln der irrationalen
Leidenschaften befreit.“ (Erich Fromm)
Shalom, aus dem althebräischen übersetzt, heißt
Frieden, aber noch besser übertragen kann man von Vollkommenheit
sprechen. Von einer Welt des Friedens wo die Feindschaft zwischen
Mensch und Mensch, zwischen Tier und Mensch, zwischen Tier und Tier
aufgehoben ist. Etwa so wie in der Bibel unter Jesaja 11, 6 bis
9 nachzulesen ist:
Die Wölfe werden bei den Lämmern
wohnen und die Parder (Panther) bei den Böcken
liegen. Ein kleiner Knabe wird Kälber
und junge Löwen und Mastvieh miteinander
treiben.
Kühe und Bären werden auf der Weide
Gehen, daß ihre Jungen beieinander liegen,
und Löwen werden Stroh essen wie die
Ochsen.
Und ein Säugling wird seine Lust
haben am Loch der Otter, und ein Entwöhnter (Kind)
wird seine Hand stecken in die Höhle des Basilisken
(Schlange).
Und niemand wird Schaden tun noch
Verderben, auf meinem ganzen heiligen
Berge…
Frieden bedeutet die Überwindung von Gegensätzen,
Feindschaft und Gewaltanwendung. Frieden ist nur dann zu erreichen,
wenn die Bereitschaft zur Versöhnung eine Grundlage erhält,
Menschlichkeit zum Zuge kommt und humanes Denken und Handeln raumgreifend
das Bewusstsein verändert. Jedoch mit Blick auf die verfestigten
Strukturen des Kapitalismus, dessen Geist auf Unmenschlichkeit gepolt
ist und dessen systemsteuernde Ideologie den Kurs der globalen Marschrichtung
bestimmt, kann von Frieden wohl kaum gesprochen werden. Denn der
„neue Geist der Zeit: Reichtum anhäufen und nur an sich
selbst denken, ist als unmenschlicher Angriff auf Würde Freiheit
und Kultur zu werten“, schreibt der Historiker Robert Wiebe.
Diesen „neuen Geist“ gilt es mit allen Mitteln einzubläuen
und im Gegenzug alles das auszutreiben, was dem Geist des Systemcharakters
widerspricht. Gleichsam einer Gehirnwäsche, wird das Denken
des Menschen transformiert und in die Gedankenwelt ideologisch kapitalistischen
Denkens umgewandelt, in eine Lebensweise, die sich ausschließlich
auf das Fundament „Materialismus“ stützt. Triebfeder
und Motor des neuen Geistes sind Geldgier, die Sucht nach Kapitalvermehrung
und das stete Verlangen mit den Mitteln der Ausbeutung Reichtum
anzuhäufen bzw. Kriegsbeute einzufahren. Frieden bedeutet hier
das Stillhalten der Ausgebeuteten, sich der Übermacht ihres
Feindes zu ergeben und der Not gehorchend hinzunehmen, was im Sinne
der Menschlichkeit keinesfalls zu akzeptieren ist. Wo aber und wann
immer Widerspruch aufkommt und Gegenwehr sich abzeichnet, wird erbarmungslos
draufgehauen und mit den Bulldozern der Macht jeder Widerstand platt
gemacht. Die ausgewiesenen Feinde einer sozialen menschlichen Gesellschaftsordnung,
gehen nicht nur über Leichen, sondern sind auch die Totengräber
einer Werteordnung, in welcher sich menschliche Werte kaum wieder
finden.
Literatur
Chomsky, Noam: Der gescheiterte Staat. Büchergilde Gutenberg.
Fromm, Erich: Das Christusdogma und andere Essays. dtv Sachbuch
Geißler, Heiner: Was würde Jesus heute sage? Rowohlt
Taschenbuch.
Hesse, Hermann: Lektüre für Minuten. Suhrkamp 1971
Hessel, Stephane: Empört Euch! Ullstein
Reclam: Deutsche Gegenwartslyrik. Stuttgart 1989
Richter, H. Eberhard: Alle reden vom Frieden. Rowohlt Taschenbuch
Richter, H. Eberhard: Zur Psychologie des Friedens. Rowohlt Sachbuch.
Wenn das Eis geht: Ein Lesebuch zeitgenössischer Lyrik. Deutscher
Taschenbuchverlag 1982.
|
|
|
Netzbrücke:
• Necati Merts Kolumne
• Mehr lesenswertes
Textmaterial
• Wider den Schwarzen Winter
• Porträt des Periodikums
|
|