XXX. Jahrgang, Heft 158
Sep - Dez 2011/3

 
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Letzte Änderung:
6.11.2011

 
 

 

 
 

 

 

GEGENWART DER GESCHICHTE

Krieg unter den Fahnen des Friedens
Exkursion durch die Gedankenwelt eines anderen Denkens
Von Erich Rückleben

   
 
 


Ich bin der Sieg
Mein Vater war der Krieg
Der Friede ist mein lieber Sohn
Der gleicht meinem Vater schon
Erich Fried

Seit nunmehr 65 Jahren herrscht Frieden in Mitteleuropa. Seit der kalte Krieg überwunden wurde, der kommunistische Machtblock zusammenbrach und der EU-Raum, als Stabilisator, einen dauerhaften Frieden in Europa festigte, scheint die Gefahr eines Krieges gebannt. Frieden versteht sich als Abwesenheit von Krieg die aber ein Vakuum produzierte und mit anderen Mitteln das auffüllte, was wir keinesfalls im Zusammenhang mit Krieg zu sehen bereit sind. Allgemein bedeutet Krieg, die Auseinandersetzung feindlicher Gegner mittels Waffen, im Besonderen aber, und das kommt nur selten ins Gespräch, findet, seit der Kapitalismus mit seiner menschenfeindlichen Ideologie aufgerüstet hat, ein unentwegter Krieg der Kapitalklasse gegen alle und jede statt, die nicht ihresgleichen sind. Eine feindliche Front von Habenden, die den Habenichtsen den Krieg erklärt hat, der einer „Art Dauermobilisierung gleicht“ wie der Psychoanalytiker Horst Eberhard Richter formuliert. Ein stetiger Angriff des Kapitals, der den „Frieden und die Demokratie gefährdet“, so Stèphane Hessel in seiner Schrift „Empört Euch“. Dürfen wir guten Gewissens von Frieden sprechen, wenn Millionen und Abermillionen Menschen mit Armut, Elend und Hunger zu kämpfen haben, wenn die Kaste der Vermögenden im Luxus schwelgt und die Klasse der Armen, Ausgemusterten und Ausgestoßenen um ihr Überleben kämpft? Können Menschen in Frieden leben, wenn sie sich in ihrer Existenz bedroht oder gar derer beraubt sehen, wenn sie unter dem Diktat der kapitalistischen Knute leiden, die ihnen ein menschenunwürdiges Leben vorenthält und einen großen Teil der Gesellschaft ins Abseits stellt? Frieden, von dem hier die Rede ist, impliziert soziale Gerechtigkeit und wenn die nicht gegeben ist und die Rechte der asozialen Kapitalhaber mit weitem Abstand Vorrang haben, dann ist ein gesellschaftlicher Zustand hergestellt, bei dem sich zwei Fronten diametral gegenüber gestellt sehen: Reichtum im Überfluss und beschämend erbärmliche Armut andererseits. Oder wie Karl Marx sagte: „Die ganze Gesellschaft spaltet sich mehr und mehr in zwei feindliche Lager, … in zwei einander gegenüberstehende Klassen…“ „Mischt euch ein, empört euch!“, fordert der oben genannte Stéphane Hessel, „die ganze Gesellschaft darf sich nicht kleinmachen und kleinkriegen lassen von der … Diktatur der (Kapitalklasse“). „Wir müssen den Kampf auf breiter Linie führen, … um die Armut zu beseitigen und einen dauerhaften Weltfrieden zu sichern, müssen wir die Neue Weltordnung entwaffnen.“ (Michel Chossudovsky). Friedliches Leben setzt sozialen Frieden voraus, wo der aber massiv gestört ist, oder besser gesagt unter stetigem Angriff, sowohl politischer als auch ökonomischer Macht regelrecht kaputt gemacht wird, kann von einer friedlich freiheitlichen Gesellschaft kaum mehr gesprochen werden. Wenn Existenzängste um sich greifen, der soziale Abstieg von Millionen Menschen droht und gleichzeitig der Anstieg von Millionären und Milliardären beängstigend zu nimmt, dann ist zwingend die Frage zu stellen: Wie lange hält unsere Gesellschaft dies noch aus?

„Wann gab es bisher in der Geschichte Frieden, der diesen Namen verdient?“, fragt Franz Alt. Hermann Hesse antwortet darauf: „Es gibt Frieden, gewiß, aber nicht einen, der dauernd in uns wohnt und uns nicht mehr verläßt. Es gibt nur einen Frieden, der immer und immer wieder mit unablässigen Kämpfen erstritten wird und von Tag zu Tag neu erstritten werden muß.“ Wobei Hesse auf den Einzelnen, das Individuum abzielt, den Menschen, der um seinen persönlichen Frieden ringt. Der aber ist weitgehend davon abhängig in wieweit die äußeren Bedingungen dies zu lassen, und dies gilt nicht nur für den Einzelnen, sondern insbesondere für alle jene, die ohnmächtig und machtlos ihrem Feind Kapitalismus ausgeliefert sind. Dieser Unfriedenstifter im Schulterschluss mit neoliberaler Politik setzt mit Brutalität und Menschenverachtung namentlich den Teil der sozial Schwachen in unsrer Gesellschaft Bedingungen, unter denen ein menschenwürdiges friedliches Leben kaum mehr möglich ist. Heute gilt die Parole: Friede den Palästen und Krieg den Hütten und nicht umgekehrt. Friede und Wohlleben den kapitalistischen Ausbeutern und Krieg den lohnabhängigen Sklaven, den Armen und allen Benachteiligten. Kann man hier, ja muss man nicht von einer Verschwörung gegen den Frieden sprechen, von einem Feldzug gegen das Millionenheer wehrloser, zur Ausbeutung freigegebener Menschen, die schutzlos der Kapitalklasse ausgeliefert sind, deren Frieden sich allein darin erschöpft, mit dem Wenigen zu frieden zu sein, was man ihnen zugesteht. „Frieden ist möglich“ so der Titel eines Buches, das Franz Alt zuzeiten des Kalten Krieges unter atomarer Bedrohung heraus gab. Heute müsste der Titel mit Blick auf die kapitalistische Bedrohung lauten: Frieden ist unmöglich. Denn die Zuspitzung der Gegensätze, vielmehr aber noch die Überlegenheit der Kapitalmächte, die in brutalster Weise ihren Wille durchsetzen, ist ein Akt der Gewalt, der nicht anders als Krieg zu bezeichnen ist, ein Krieg aber, der als solcher nicht wahrgenommen wird, weil die Form dieses Krieges mit Mitteln arbeitet, welche sich dem Verständnis von Krieg entziehen. Daher ist von einem Krieg zu sprechen, der seine Brutalität hinter einer zivilen Maske verbirgt, die den Gedanken an Krieg weder aufkommen lässt, noch als greifbare Wirklichkeit in unser Denken integriert.

„Die Zukunft der Menschen“, so Friedrich Dürrenmatt, „liegt im Ungewissen, wir können immer noch den Augenblick festhalten. Der Friede wird hart sein, … denn Frieden bedeutet Alltag…“ Wie hart sich dieser Alltag freilich heute in der Gegenwart darstellt, das konnte auch ein Dürrenmatt nicht voraussehen, denn er ging davon aus, dass ein Krieg-Aus mit „gewöhnlich und langweilig“ gleich zu setzen wäre. Ein Denken, bei dem Dürrenmatt die Entwicklung des Kapitalismus außer acht ließ, jenen Feind des Friedens, den er nicht erkannte, der aber alles andere als Langweiligkeit aufkommen ließ. Zwar soll nicht ein Paradies des Friedens herbei geredet, wohl aber davon gesprochen werden, dass Frieden von dem hier die Rede ist, die soziale Integration unabdingbar mit einschließt, ein Leben ohne Not und Ängste, das jedem aber auch jedem eine menschenwürdige Existenz sichert. Wer von Frieden spricht und dabei die soziale Situation jener Menschen übersieht, die vor unserer Haustür und weltweit bitterster Armut ausgesetzt sind, der hat seinen Frieden mit einer Welt gemacht, in der das eigene Wohlergehen, und nur das, an erster Stelle Vorrang hat.

Krieg und Frieden. Drei Gedichte von Peter Schütt:

Wanted

Gesucht wird
der mutmaßliche Pazifist
Jesus von Nazareth.
Wegen Friedenshetze…
Der Gesuchte macht
rücksichtslos gebrauch
von seiner Friedfertigkeit…
Meldungen nimmt jede Polizeidienststelle
Entgegen…

Friedensspiele

Die Kinder im Hof
spielten Krieg,
sie spielten ihren Krieg
laut und schrill.

Vom Fenster aus
rief ich ihnen zu:
Spielt doch mal Frieden!
Ich hoffte sie würden
dann weniger Lärm machen.

Die Kinder unten
im Hof waren begeistert.
Laßt uns Frieden spielen!
brüllten sie wie
aus einem Munde.

Und überlegten,
was zu tun wäre,
rätselten und stritten
sich schon wieder,
und dann rief

ein Dreikäsehoch
herauf zu meinem Fenster:
Onkel, wie spielt man Frieden?

Hunger

Manchmal habe ich
Hunger
nach nichts als
einem freundlichen Wort –
ein Wort
gegen die Kälte,
gegen die Angst,
ein einziges Wort
zum Aufwärmen
und zum Luftholen,
ein Wort ohne Bleigewicht,
nur beladen mit
einem Gran Frieden…

Heiner Geißler fragt: „Warum die Kirchen den fälligen massiven Protest gegen diese brutale Form des Spätkapitalismus Organisationen wie Attac oder Amnesty International überlassen und sich nicht selbst an die Spitze des Protestes setzen?“ Zwar geben die Kirchen von Zeit zu Zeit Statements ab, um dann aber wieder in totale Funkstille zu verfallen. Bischof Schönherr äußerte 1982 selbstkritisch in einem Vortrag: „Lange Zeit galt es als unpassend und unfromm, wenn Christen sich um politische Fragen kümmerten. Politik verdirbt, so meinte man, nicht nur den Charakter, sondern zerstört den Frieden der Gemeinde. Aber was ist das für ein Frieden, der nur dadurch am Leben bleibt, daß große und lebenswichtige Bereiche ausgeklammert werden.“ Ja was sind Friedensbotschaften wert, die von der Kanzel verkündet, aber im Alltag nicht umgesetzt werden, wenn die Botschaft Christi: „Selig, die Frieden stiften“, als Worte verstanden werden, die jenseits der Kirchenmauern ihre Gültigkeit verlieren. Hier gelten politische Worte und ökonomische Gesetze, deren Absicht alles andere ist, als Frieden zu stiften. „Friedlosigkeit“, so Carl Friedrich von Weizsäcker, „ist eine seelische Krankheit.“ Davon ausgegangen und den Fokus auf das Chaos von Elend, sozialem Unrecht, Brutalität, Gier und Hässlichkeit gerichtet, in dem auch nicht ein Hauch von Friedfertigkeit zu finden ist, dann liegt Weizsäcker mit seiner These durchaus richtig und mehr noch, er hat auch erkannt wie krank unsere Gesellschaft insgesamt ist.
Unter dem Titel „Die prophetische Auffassung vom Frieden“ veröffentlichte Erich Fromm 1960 einen Essay, der, wenn von Frieden die Rede ist, keinesfalls vernachlässigt werden sollte und der dazu beiträgt dem Verständnis von Frieden einen anderen Blickwinkel zu geben, der zumeist ausgeblendet an den Rand unserer Wahrnehmung verschoben wird bzw. gar keine Berücksichtigung findet. Fromm geht von dem Gedanken aus: „Selbst wenn Frieden nichts anderes bedeutet als die Abwesenheit von Krieg, Haß, Mord und Wahnsinn, würde er doch zu den höchsten Zielen gehören, die ein Mensch sich setzen kann. Um Frieden zu finden, muß der Mensch „Versöhnung“ dadurch finden, daß er zu neuer Einheit kommt; der Friede ist das Ergebnis der Änderung des Menschen, bei der die Einheit an Stelle der Entfremdung getreten ist. So ist die Idee des Friedens in der prophetischen Sicht untrennbar mit der Vorstellung von der Realisierung seines Menschseins verbunden. Frieden ist mehr als ein kriegsloser Zustand; er ist die Harmonie und Einheit zwischen den Menschen, er ist die Überwindung der Getrenntheit und Entfremdung. Die prophetische Auffassung vom Frieden transzendiert den Bereich menschlicher Beziehungen; die neue Harmonie besteht auch zwischen dem Mensch und der Natur. Friede zwischen Mensch und Natur ist gleichbedeutend mit der Harmonie zwischen Mensch und Natur.“ Wenn wir uns diese Auffassung zu eigen machen und mit Blick auf die Verfassung unserer Gesellschaft schauen, dann muss uns zwingend bewusst werden in welch menschlich erbärmlichen Zustand sich unsere Welt befindet, in welcher friedlosen feindlichen Zeit wir leben.

Die Sehnsucht
nach Gerechtigkeit
nimmt nicht ab
Aber die Hoffnung

Die Sehnsucht
Nach Frieden
nicht
Aber die Hoffnung
Hilde Domin

Wer nun aber davon ausgeht wie Friedrich Dürrenmatt: „Nur im Privaten kann die Welt heute noch in Ordnung sein und der Friede verwirklicht werden“, der hat jene Millionen Menschen vergessen, die sich jenseits des privaten Friedens befinden, alle jene die im stetigen Kampf ums Überleben, alles andere als ihren Frieden gefunden haben. Getrenntheit und Entfremdung zwischen der abgehobenen Geldkaste und denen die in den Niederungen akuten Geldmangels leben, zeichnen ein Verhältnis, das die Zerrissenheit in unserer Gesellschaft wiedergibt. Mächtige und Machtlose, Reiche und Arme, Ausbeuter und Ausgebeutete, Herren und Knechte, prägen das Bild des Spätkapitalismus. Er als ausgewiesener Feind der Menschlichkeit und Freund des inhumanen Bösen, hat keinen Frieden zu vergeben, vielmehr produziert er fortwährend neue bösartige Strategien und unternimmt stete Feldzüge gegen den Frieden. Horst Eberhard Richter, der sich in seinem Buch von 1982 „Alle reden Vom Frieden“, linienführend mit dem drohenden Atomkrieg befasst, produzierte in seiner Schrift aber auch einige Sätze, die im Vorgriff auf jenen Frieden abzielen, von dem hier die Rede ist: „…die Gehirne der meisten Menschen (sind) ja nicht auf das Gegensatzpaar Frieden - gesellschaftlicher Unfrieden, sondern auf die Polarität Krieg - Frieden fixiert. Gewalt heißt Krieg, Gewalt (heißt) aber auch Mißhandeln von Menschen und Tieren. Zerstören von natürlichem Ackerboden und von Wäldern, Versalzen von Flüssen und Verpesten von Luft.“ Gewalt bedeutet aber ebenso, Knechtung, Versklavung und Ausbeutung des Menschen, ihn seiner Würde zu berauben und ihn unter das Joch eines unmenschlichen Lebens zu zwingen. Menschlichkeit ist immer dort außer Kraft gesetzt, wo die Kräfte des Bösen, der Gewalt und Unterdrückung Oberhand gewinnen, wo das Diktat des Stärkeren gilt und die Schwachen leiden. Dazu passend formuliert Nietzsche den Satz: „…es ist eine Inhumanität so schlimm und schlimmer als der Krieg.“ Das Wesen aller und jeder Kriege waren und sind Unmenschlichkeit, davon ist aber nicht abzuleiten, dass die Abwesenheit von Krieg mehr Menschlichkeit gebracht hätte. „…von jedem einzelnen aus gesehen, von Einzelmenschen aus, nimmt der Friede noch ein anderes Gesicht an, sein wahres, es wird … zur Sorge um das tägliche Brot, es wird zur Bühne, auf der sich das menschliche Leben abzuspielen hat, als Komödie, als Tragödie, als Drama, … bei dem es kein Davonlaufen gibt.“ (Friedrich Dürrenmatt).

„Frieden, Gewalt und Sicherheit“, schreibt Horst Eberhard Richter, „dehnen sich zu unendlich vieldeutigen Begriffen, die man zum Teil sogar weitgehend gegeneinander austauschen (kann). (Ist) es Krieg oder Frieden, wenn die reichen Nationen viele Millionen in den südlichen Ländern am Hunger sterben lassen? (Heißt) Frieden, daß die Armen stillhalten, um das Eigentum der Reichen zu schützen? Namentlich dies Stillhalten macht es der Kapital-Elite leicht nach belieben ihre Macht auszuspielen und vorzugsweise jene zu drangsalieren, die ihnen ohnmächtig ausgeliefert sind, die weder Widerstand leisten, noch ihre Protesthaltung zum Ausdruck bringen. Sie aber, die Luxus-Klasse kann ihren privaten Frieden genießen und in sicheren Kapital-Festungen Kriegspläne gegen alle jene schmieden, die zur Ausbeutung freigegeben, ihnen reiche Beute einfahren und ein Wohlleben auf höchstem Niveau garantieren. Diese in Wohlleben abgeschottete Ruhe täuscht Frieden vor, einen Frieden den die Kapitalhaber mit sich selbst gemacht haben, während jenseits ihres privaten Friedens, die kapitalistischen Gesetze des Unfriedens gelten. Brutalität, Raffsucht, Entsolidarisierung und die Missachtung sozialer Verantwortung kennzeichnet die Geld-Maffia. Ihr globales Machtmonopol gestattet es ihnen, das durchzusetzen was in ihrem Interesse liegt und die ökonomischen Märkte so zu gestalten wie es ihr Wille ist. „Obwohl dazu kein offener Einsatz von Gewalt erforderlich ist“, schreibt der Autor Michel Chossudovsky, „stellt die rücksichtslose Durchsetzung dieser Wirtschaftsreformen dennoch eine Form der Kriegsführung dar. In diesem Sinne sind Krieg und Globalisierung keine getrennten Probleme. Gleichzeitig mit der Globalisierung rüsteten die Feinde der sozialen Marktwirtschaft ihr ideologisches Waffenarsenal auf, um mit kriegerischen Mitteln das zu erreichen, was sie sich auf ihre Fahnen geschrieben haben. Im Kampf um ein besseres Leben aber sind insbesondere die sozial Schwachen unterlegen, jene Millionen und Abermillionen, ein Heer von Einkommensschwachen, Ausgebeuteten, Sklaven und Knechten, die sich wehrlos der kapitalistischen Kriegsführung ergeben müssen. Noam Chomsky zitiert in seinem Buch „Der gescheiterte Staat“ den Historiker Robert Wiebe, der von Gefangenen in einem „Sklavendasein“ spricht, „mit einem Geldadel, der über uns hängt wie eine Lawine und Jedermann, der das Recht, die Armen und Unglücklichen zu versklaven, in frage stellt, mit Vernichtung bedroht.“

Was sich zurzeit national und global an der Arbeitsfront aller jener abspielt, die für Hungerlöhne ihr Fell zu Markte tragen ist reinste Sklavenwirtschaft. Um überhaupt überleben zu können, müssen sie sich jeder Zumutung beugen, sich jedem Diktat unterwerfen. Menschenwürde und Menschlichkeit sind hier kein Maßstab, gemessen wird allein daran, was die Ware Mensch an Gewinn abwirft. „Alle Produktion wurde zur menschlichen Plackerei, die den Menschen nicht bereichert, sondern aushöhlt. Während der tote Stoff … veredelt die Stätten der Arbeit verlässt, werden die Menschen dort an Leib und Seele zerstört“, so der Wirtschaftswissenschaftler Ernst F. Schumacher. Michel Chossudovsky stellt fest: „Die weltweite Handelsfreiheit führt mitnichten zur besten aller Welten, sondern zur Unsicherheit, Armut und Krieg… Die Allianz der Reichen forciert die Globalisierung der Armut, der sozialen Apartheid, des Rassismus und der ethnischen Zwietracht. Nach der Ära des kalten Krieges rutschen große Teile der Weltbevölkerung jetzt in eine beispielslose wirtschaftliche und soziale Krise... Ganze Volkswirtschaften brechen zusammen, ganze Zivilgesellschaften werden zerstört, Arbeitslosigkeit und Elend nehmen überhand.“ Wer will da noch von Frieden sprechen und dabei nicht an Krieg denken, wenn auf den Schlachtfeldern des Kapitalismus einzig die Reichen überleben, einen Sieg nach dem anderen feiern und mit räuberischen Feldszügen ihre Kriegsbeute einfahren. „Als menschliche Wesen“, so Jiddu Krishnamutri, „die in dieser monströsen hässlichen Welt leben, müssen wir uns fragen, ob diese Gesellschaft, die auf Wettbewerb, Brutalität und Furcht gegründet ist, zu einem Ende kommen kann…“ Wohl kaum solange der ungesteuerte Selbstlauf des Kapitalismus kein Ende findet, solange die Macht in den Händen der Reichen liegt und die Kapitalhaber richtungweisend den Kurs unserer Gesellschaft bestimmen. Um sich aus dieser Diktatur zu befreien und Frieden zu finden, muss „sich der Mensch voll entfalten, um wahrhaft menschlich zu werden, wenn er in der Lage ist zu lieben, wenn er die Wahrheit kennt und Gerechtigkeit übt, wenn er die Kraft seiner Vernunft so weit entfaltet, daß er sich aus der Knechtschaft des Menschen von den Fesseln der irrationalen Leidenschaften befreit.“ (Erich Fromm)
Shalom, aus dem althebräischen übersetzt, heißt Frieden, aber noch besser übertragen kann man von Vollkommenheit sprechen. Von einer Welt des Friedens wo die Feindschaft zwischen Mensch und Mensch, zwischen Tier und Mensch, zwischen Tier und Tier aufgehoben ist. Etwa so wie in der Bibel unter Jesaja 11, 6 bis 9 nachzulesen ist:

Die Wölfe werden bei den Lämmern
wohnen und die Parder (Panther) bei den Böcken
liegen. Ein kleiner Knabe wird Kälber
und junge Löwen und Mastvieh miteinander
treiben.
Kühe und Bären werden auf der Weide
Gehen, daß ihre Jungen beieinander liegen,
und Löwen werden Stroh essen wie die
Ochsen.
Und ein Säugling wird seine Lust
haben am Loch der Otter, und ein Entwöhnter (Kind)
wird seine Hand stecken in die Höhle des Basilisken
(Schlange).
Und niemand wird Schaden tun noch
Verderben, auf meinem ganzen heiligen
Berge…

Frieden bedeutet die Überwindung von Gegensätzen, Feindschaft und Gewaltanwendung. Frieden ist nur dann zu erreichen, wenn die Bereitschaft zur Versöhnung eine Grundlage erhält, Menschlichkeit zum Zuge kommt und humanes Denken und Handeln raumgreifend das Bewusstsein verändert. Jedoch mit Blick auf die verfestigten Strukturen des Kapitalismus, dessen Geist auf Unmenschlichkeit gepolt ist und dessen systemsteuernde Ideologie den Kurs der globalen Marschrichtung bestimmt, kann von Frieden wohl kaum gesprochen werden. Denn der „neue Geist der Zeit: Reichtum anhäufen und nur an sich selbst denken, ist als unmenschlicher Angriff auf Würde Freiheit und Kultur zu werten“, schreibt der Historiker Robert Wiebe. Diesen „neuen Geist“ gilt es mit allen Mitteln einzubläuen und im Gegenzug alles das auszutreiben, was dem Geist des Systemcharakters widerspricht. Gleichsam einer Gehirnwäsche, wird das Denken des Menschen transformiert und in die Gedankenwelt ideologisch kapitalistischen Denkens umgewandelt, in eine Lebensweise, die sich ausschließlich auf das Fundament „Materialismus“ stützt. Triebfeder und Motor des neuen Geistes sind Geldgier, die Sucht nach Kapitalvermehrung und das stete Verlangen mit den Mitteln der Ausbeutung Reichtum anzuhäufen bzw. Kriegsbeute einzufahren. Frieden bedeutet hier das Stillhalten der Ausgebeuteten, sich der Übermacht ihres Feindes zu ergeben und der Not gehorchend hinzunehmen, was im Sinne der Menschlichkeit keinesfalls zu akzeptieren ist. Wo aber und wann immer Widerspruch aufkommt und Gegenwehr sich abzeichnet, wird erbarmungslos draufgehauen und mit den Bulldozern der Macht jeder Widerstand platt gemacht. Die ausgewiesenen Feinde einer sozialen menschlichen Gesellschaftsordnung, gehen nicht nur über Leichen, sondern sind auch die Totengräber einer Werteordnung, in welcher sich menschliche Werte kaum wieder finden.


Literatur
Chomsky, Noam: Der gescheiterte Staat. Büchergilde Gutenberg.
Fromm, Erich: Das Christusdogma und andere Essays. dtv Sachbuch
Geißler, Heiner: Was würde Jesus heute sage? Rowohlt Taschenbuch.
Hesse, Hermann: Lektüre für Minuten. Suhrkamp 1971
Hessel, Stephane: Empört Euch! Ullstein
Reclam: Deutsche Gegenwartslyrik. Stuttgart 1989
Richter, H. Eberhard: Alle reden vom Frieden. Rowohlt Taschenbuch
Richter, H. Eberhard: Zur Psychologie des Friedens. Rowohlt Sachbuch.
Wenn das Eis geht: Ein Lesebuch zeitgenössischer Lyrik. Deutscher Taschenbuchverlag 1982.

   

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