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Dieses muss durch Wahrnehmung erfasst werden,
und das ist eben der Geist.
Aristoteles, Nikomachische Ethik VI 12, 1143b
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Ich möchte mit diesem Essay versuchen,
die Begriffe Ehre, Gewalt, Macht und Mythos mit der Begrifflichkeit
Denkmal zu verbinden und sie in einen näheren Zusammenhang
setzen. Meines Erachtens ist es sinnvoll, einen Bezug dieser Begriffe
und Begrifflichkeiten aufgrund ihrer eng bei einander liegenden
Konnotationen darzustellen. Als Beispiele werde ich die ägyptischen
Pyramiden, das Grabmal des Mausolos II., die Bismarcksäule
in Friedrichsruh, den Personkult des verstorbenen Führers der
Turkmenen, Turkmenbaschi, sowie die Zerstörung der Bronzestatue
von Saddam Hussein in Bagdad, Irak, aufzeigen.
Aufgrund der Demokratisierung der Gesellschaft besteht
heutzutage nicht mehr der Zwang, historische Autoritäten in
ihrer Wirkung auf die Gegenwart als ein für alle Mal verehrungswürdig
anzunehmen. Autorität soll hier heißen, dass eine Person
eine soziale Position innerhalb eines größeren Solidarverbandes
einnimmt, der ihr Macht und Einfluss verleiht und die ihrerseits
als Vorbild für das Denken und Handeln des Solidarverbandes
dient. Wenn ich aus dem Kompositum Verehrungswürdigkeit den
Begriff Ehre entnehme, dann fällt es mir schwer, Ehre zu zollen
für etwas oder für jemanden, mit dem ich selbst nicht
im unmittelbaren Kontakt gestanden habe. Ehre ist ein begrifflicher
Anachronismus, ein archaisches Relikt aus Großvaters Zeiten.
Ehrenmänner duellierten sich, um ihre Ehre zu retten, um ihr
Gesicht zu wahren, auch wenn manche dabei ihr Leben ließen.
Dankbarkeit hingegen beruht auf emotionalen Verhältnissen.
Wenn diese nicht vorhanden sind, kann es zu keiner aufrechten Danksagung
kommen. Ich bin einer Person dankbar, wenn ich von ihr ein Geschenk
materieller oder immaterieller Art erhalten habe. Ich kann ihr etwas
schuldig sein, dann stehe ich in ihrer Schuld. Ich kann in ein reziprokes
Verhältnis treten, dann bin ich ihr etwas schuldig. In beiden
Fällen ist das Gleichgewicht des Gebens und Nehmens für
beide Seiten offenbar.
Anders hingegen bei der Ehrerbietung. Hier besteht
ein Gefälle des Gebens und Nehmens. Jemand, der einem anderen
an Ehre unterlegen war, war gleichzeitig ehrerbietig. Autoritäten
verfügten über eine verdichtete Form von Ehre. Ebenso
forderten Monumente vom Betrachter Andächtigkeit und Achtung.
Eine Achtung, die einer verstorbenen Autorität galt, konnte
sich bis zur Ehrerbietung steigern. Monumente konzentrierten in
ihrer Symbolhaftigkeit die Ehre des Verstorbenen und erwarteten
vom Lebenden eine Ehrerbietung. Je entfernter die historischen Ereignisse
lagen, umso schwächer wurde der emotionale Bezug zu ihnen.
Die denkbar intensivste Beziehung und Bindung kann nur zwischen
den in der Zeit des historischen Ereignisses lebenden Anwesenden
und ihrer Autorität geherrscht haben. Sie bedankten sich bei
ihr, indem sie ihr nach ihrem Tod ein Denkmal setzten. Sie zollten
Ehre und waren somit ehrergiebig. Das Denkmal konservierte in seiner
Monumentalität das Charisma und die Autorität des Verstorbenen.
Es zeugte symbolisch von der siegreichen Schlacht oder einem glorreichen
Sieg und wurde architektonisch in Stein, Marmor, Granit oder Bronze,
in den seltensten Fällen auch in Elfenbein, Silber und Gold
gehalten. Seine Materialien waren durchweg edel. Holz, ein organisches
Material, wäre nach kurzer Zeit verfault und verfallen. Denkmäler
waren funktionell identitätsstiftend und boten und betonten
den kollektiven Zusammenhalt. Sie sollten über die Gegenwart
hinaus in die Zukunft weisen. Gleichzeitig waren sie aber auch Mahnmale
für die nachfolgenden Generationen, die sie andächtig
pflegten. Ein Ritus der Respektbekundung wird aus dem Boden gestampft
und die Pflege des Denkmals wird zugleich ritualisiert. Indem das
Denkmal gepflegt wird, wird der architektonisch sichtbare Teil der
eigenen Historie erhalten und vor dem allmählichen.
Untergang bewahrt. Der Kampf der Denkmalpfleger ist
ein Kampf gegen die Natur, gegen die Elemente, gegen die Gesetze,
gegen willkürliche Beschädigungen, Brandlegungen oder
Abrissversuche. Denkmalpfleger sind das schlechte Gewissen einer
Gesellschaft, die ihre monumentalen Artefakte ins Abseits gedrängt,
ja verdrängt hat und sie nun einer Sonderform von Historikern
überlässt, um sich wenigstens in gesunden Maßen
den Anschein eines guten Gewissens zu wahren. Diese sorgen dafür,
dass die Monumente konserviert, repariert, restauriert, renoviert
oder rekonstruiert werden und letztlich Teil der eigenen Geschichte
und Vergangenheit bleiben. Denkmalpfleger pflegen das kulturelle
Gedächtnis, sie sind gleichsam die Instanz, die das Verdrängte
im Unterbewusstsein des Kollektivs aufrecht erhält und wieder
zum Vorschein bringt. Verkommene oder verlorene Denkmäler sind
der Vergessenheit oder der Vernichtung zum Opfer gefallen. Rost
und Buschwerk sind Indizes dafür, welchen Stellenwert die vergangenen
Autoritäten gegenwärtig in Deutschland innehaben. Das
wilhelminische Kriegerdenkmal, als kulturelles Artefakt, wird von
der Natur verschlungen, wird überwuchert und umrankt, eine
Analogie zum gleichzeitigen Verdrängen und Vergessen der wilhelminischen
Zeit im Kollektivbewusstsein tut sich auf. Das militaristische Denkmal
aus der Zeitspanne von 1870/71 bis 1945 besitzt keine Macht mehr.
Die martialen Symbole von einst bleiben für die pazifistische
Masse verschlüsselt. Es kann sich kein Sinn aus ihnen entfalten.
Der Betrachter kann keinen Sinn mehr in sie hineindeuten, wenn er
das Denkmal denn einmal überhaupt aufsucht. Der Dialog zwischen
Betrachter und Objekt ist einem stummen Monolog gewichen. Der Mythos
der ehemaligen monarchischen Macht ist gänzlich verstummt.
Es kann keine Kommunikation mehr zwischen der Gegenwart und der
Vergangenheit geben, zwischen den Ahnen und mir selbst, wenn die
Monumente verschüttet sind, ihr Sinngehalt vergessen ist oder
ich sie nicht zu deuten weiß. Ahnenkult ist in erster Linie
Gräberkult und Gräberkult basiert auf Monumenten. Die
wilhelminischen Monumente besitzen als identitätstiftende Baudenkmäler
keine Evidenz mehr.
Reinhardt Koselleck schreibt, „Der Toten zu
gedenken gehört zur menschlichen Kultur.“ Damit hat er
zweifelsohne recht. Aber auch die Toten denken, bevor sie gestorben
sind, an die Überlebenden. Sie verlangen von ihnen noch zu
ihren Lebzeiten über ihren physischen Tod hinaus Achtung und
Ehrerbietung. Sie planen noch zu Lebzeiten ein gigantisches Monument,
dass ihnen Unsterblichkeit garantieren möge. Die Sehnsucht
nach Unsterblichkeit ist eine anthropologische Konstante. Die Pyramiden
von Giseh entstanden in der Zeit 2620 bis 2500 v. Chr. in der 4.
Dynastie. Sind stellen ein grandioses architektonisches Beispiel
dar und die Toten Pharaonen werfen noch heute einen Schatten auf
die moderne Metropole Kairo und ernten über den Nil hinweg,
weltweite Achtung und Ehrerbietung.
Aus marxistischer Perspektive sind Monumente, wie
die ägyptischen Pyramiden oder die Bismarcksäule in Friedrichsruh,
eindeutige Kennzeichen einer Klassengesellschaft. Wer es sich leisten
konnte, wer die Macht, die Mittel und Ressourcen zur Verfügung
hatte, der ließ sich ein gigantisches Monument errichten.
Tausende und abertausende Arbeiter, die an den Pyramiden gearbeitet,
unter qualvollen Umständen umkamen oder verkrüppelt wurden,
werden kaum oder in geringem Maße mit der Monumentalität
und Herrlichkeit der Pyramiden gleichgesetzt. Es sind die Pharaonen,
die in Goldmasken erscheinenden Autoritäten, gleichsam Gottkönige,
die ihnen den Glanz bis zum heutigen Tage verleihen. Der Mythos
der Pyramiden ist ihre gigantische Monumentalität. In unmittelbarer
Nähe der Pyramiden verschwindet der Betrachter und verwandelt
sich zu einem Winzling. Die Ehrfurcht, die der Ehrerbietung weicht,
führt zu einem Schauder, einer Gänsehaut, denn die Macht,
die durch die materielle Dimension des Grabmals wirkt, ist spürbar,
weil sie omnipräsent sichtbar ist.
Mausolos II., von dem sich unser Begriff Mausoleum
herleitet, war persischer Satrap in Karien, einer antiken Landschaft
in der heutigen Türkei. Er hatte genügend finanzielle
Mittel, um für sich und seiner Schwestergemahlin ein in Überresten
bis in die Gegenwart hineinreichendes Grabmal zu errichten. Es zählte
mit seiner Monumentalität, mit seinen kunstvollen Friesen und
Statuen, die das gesamte Bauwerk umgaben, zu einem der sieben Weltwunder
der Antike. Es ist eine Ironie der Geschichte, dass Friesfragmente
des Mausoleums in europäischen Museen untergebracht sind und
den Museen internationalen Ruf und Geltung verleihen. Die Macht
des Monuments hat auch nach Jahrtausenden nichts von seiner Anziehungskraft
und Autorität verloren. Allein die Besitznahme eines Bruchteils
seiner vorherigen Gestalt übt eine magische Kraft auf die Besucher
aus. Der Fetisch der vergangenen Macht wird zum Fetisch der gegenwärtigen
Mächte. Die Magie des Monuments liegt in seiner Gewalt geborgen.
Monumente sind auf das Auge hin konzipiert. Sie drängen
sich in ihrer imposanten Erscheinung eindringlicher in das Bewusstsein
des Betrachtenden, als bei den übrigen Sinnesorganen. Sie wirken
gewaltig, sie wirken mächtig, sie wirken überwältigend.
Doch was ist ein Monument?
Der Begriff Monument, ein Kompositum, setzt sich aus
den lateinischen Begriffen moneo für erinnern und mens für
Sinn zusammen. Erinnern, dass heißt, sich bewusst machen,
was einmal gewesen ist. Monumente sind geradezu für die optische
Erfassung prädestiniert, da sie visuell prägnant wahrnehmbar
sind. Das Auge ist der Hauptsinn des Menschen. Ein Monument in seiner
ganzen historischen, ikonographischen Bandbreite und Tiefe zu erfassen
heißt, sehen und erinnern können, was gewesen ist, um
erkennen zu können, was so oder so ähnlich wieder erscheinen
könnte. Das betrachtende Subjekt sieht, erinnert und erkennt
in einem durch das Monument hindurch. Fehlt ihm die Kompetenz, die
Symbolik der Bilder zu interpretieren, so kann es sich nicht erinnern,
was war und nicht erkennen, was so oder so ähnlich wieder erscheinen
könnte. Die Macht zu deuten, ist die Macht des Verstehens.
Die Macht des Verstehens entwickelt sich hier durch die Macht des
Sehens und die Macht des Sehens ist die des Deutens. Sehen allein
wirkt nicht, wenn ich den Kontext nicht kenne und Symbole nicht
einzuordnen weiß. Was nicht in der Welt ist, kann nicht in
meinen Sinnen sein und was ich nicht entziffern kann, das hat für
mich keine Bedeutung und Relevanz.
Am Beispiel der Bismarcksäule in Friedrichsruh
wird der Bedeutungswandel des Denkmals besonders deutlich. Als Teil
einer ganzen Kette von Säulen und Türmen reichsweit geplant
und umgesetzt, diente die Feuersäule als Ort der Erinnerung.
Die Säule stand stellvertretend für den Reichsgründer
Otto von Bismarck, als ein weithin sichtbares Wahrzeichen seiner
Größe. Bezeichnenderweise war es eine Burschenschaft,
die den Plan hatte, den Reichsgründer durch monumentale Baudenkmäler
zu ehren. In ihm wurden nicht nur die Andacht und das Andenken an
den eisernen Kanzler und sein Walten und Wirken im Reich aufrechterhalten.
Auch die eigene Identität wurde über die Säule konstruiert.
Die im Denkmal in symbolhafter Sprache ausgedrückten bismarckschen
Einigungskriege und Erfolge wurden gleichsam Bestandteil des Subjekts,
es fand sich wieder in ihnen, identifizierte sich mit ihnen und
wertete seine Identität auf. Die Monumentalität, der bollwerkhafte
Charakter der Säule, hatte die Funktion, die Gewalt und Macht
des Reichskanzlers und des deutsches Reiches zu demonstrieren.
Der Bruch mit der deutschen Geschichte 1945 hat in
der jüngsten Vergangenheit dazu geführt, dass die Säule
vergessen und vernachlässigt wurde. Wurde sie alljährlich
am 21. Juni während der Sonnenwendfeiern befeuert und diente
sie als Ort der Versammlung und des Festes, so verlor sie nach dem
zweiten Weltkrieg endgültig ihren Bedeutungsschwerpunkt. Mit
dem Systemwandel und Bewusstseinswandel änderte sich auch die
Rezeption vergangener Baudenkmäler, der Vergangenheit schlechthin.
Was vor dem zweiten Weltkrieg lag war Tabu oder wurde zumindest
tabuisiert und war der freien und unbelasteten Zugänglichkeit
verwehrt. Dennoch fanden ab 1949 wieder regelmäßig Sonnenwendfeiern
an und auf der Säule statt und man führte in den 1950er
Jahren Verhandlungen über Sanierungsmaßnahmen. Die Absicht
Fürst Bismarcks, die Säule 1966 der Vereinigung Hamburger
Akademikerverbände zu schenken, scheiterte aufgrund von Erbvertragshindernissen
mit seinem Sohn. Im Jahre 1968 wurden die Sommerwendfeiern aufgrund
der politischen Unruhen eingestellt und auch eine Sanierung im Jahre
1986 scheiterte, da die Stadtverordnetenversammlung der Stadt Reinbek
nach der Kommunalwahl die Sanierungs- und Umbauvorhaben einstellte.
Erst 1987 wurde die Bismarcksäule unter Denkmalschutz gestellt.
Gegenwärtig werden hauptsächlich in autoritär
regierten Staaten und Gesellschaften der Ahnenkult, respektive der
Denkmalkult gepflegt. Das Mausoleum von Ayatollah Khomeini im Süden
Teherans ist der Ort, an dem die Revolutionsspitze begraben liegt.
Von weither strömen noch immer die Pilger und Gläubigen,
um ihren Heiligen zu sehen und in seiner Nähe zu beten. Die
Macht des Glaubens wirkt, wenn die Gewalt der Hoffnung eindringlich
wird. Frauen, die keine Kinder bekommen können, erscheinen
und beten vor seinem Grabmal und werfen Bittschriften durch die
Gitter des Schreins. Die Ehre, die man dem Verstorbenen entgegenbringt,
ist allgegenwärtig. Eine goldene Kuppel umgibt das Zentrum
der Anlage, die mit vergoldeten Gittern umzäunt ist. Hier wird
noch Ehre gelebt, hier ist Ehrerbietung allgegenwärtig und
die Macht der Religion ist omnipräsent. Die Macht der Theokratie
stützt sich auf den Glauben und Aberglauben der Menschen, die
sie entmündigt, kontrolliert und beherrscht.
Eine säkularisierte Form der Diktatur
wurde in Turkmenistan eingeführt
Der Führer aller Turkmenen, Turkmenbaschi, mit
bürgerlichem Namen Saparmurat Atajewitsch Nijasow, hat nicht
nur eine Stadt nach seinem Namen benannt. Er führte einen extremen
Personenkult um seine Person ein und ließ eine goldene Statue
auf dem Neutralitäts-Bogen in der Hauptstadt Asgabat aufstellen.
Mit diesem persönlich vorangetrieben Personenkult gingen intensive
Menschenrechtsverletzungen einher. Oppositionelle wurden verfolgt
oder verhaftet, religiöse Minderheiten wurden nicht anerkannt
und die russische Minderheit wurde im Jahre 2003 aufgefordert, dass
Land zu verlassen oder turkmenische Staatsbürger zu werden.
Der Despot aus dem öl- und gasreichen Land am
Kaspischen Meer ließ sich in Gold verewigen und betrieb schon
zu Lebzeiten einen regelrechten Mythos um seine Person. Golden,
wie die Sonne, so sollte der Führer aller Turkmenen erstrahlen.
Die Sonne steht über allen Dingen und der Turkmenbaschi stand
lange Zeit über allen Turkmenen.
Das Bild des goldenen Kalbes drängt sich auf,
um den die Israelis tanzten und feierten, während Moses auf
dem Berg Sinai von Gott die zehn Gebote empfing. Es ist einleuchtend,
dass die Turkmenen nicht um die goldene Statue ihres Führers
tänzeln, zumindest nicht freiwillig. Wachmannschaften halten
neugierige Besucher davon ab, näher als erlaubt, an das goldene
Denkmal ihres Führers heranzutreten.
Turkmenbaschis Charisma ist einerseits seiner Biographie
und andererseits seiner Brutalität zu verdanken.
War er noch zu Sowjetzeiten Statthalter der Kommunistischen
Partei in der zentralasiatischen Sowjetrepublik, so nutzte er die
Gunst der Lage und ließ sich nach dem Zerfall des Sowjetreichs
zum Präsidenten wählen. Dank seiner alten Verbindungen
zum alten Kader der KP, dem Geheimdienst und dem Polizeiapparat
schwang er sich zum Alleinherrscher auf. Er finanzierte den Ausbau
von Aschgabad mit Rohstoffexporten und baute mit schnell verdienten
Petrodollarmilliarden ein verschlafenes Städtchen zu einem
Disneyland aus.
Das Konterfei Saparmurat Nijasows ist in Turkmenistan
omnipräsent. Flughäfen, ganze Straßenzüge,
ein Asteroid und sogar ein Monatsname wurden nach ihm benannt. Die
Omnipräsenz seiner Person in Form von Denkmälern, Plakaten
und Monatsnamen ist sein narzisstischer und Macht besessene Ausdruck,
totalitären Einfluss auf sein Volk auszuüben.
Wer allgegenwärtig ist, wer im permanenten Zustand
im Bewusstsein der Bürger zirkuliert, den kann man unschwer
verdrängen. Es ist nahe liegend, davon ausgehen zu müssen,
dass die Gewalt dieser Diktatur, die sich im alltäglichen Leben
auch über die Monumente für jedermann offenbart, mit einer
demokratischen Wende beendet wird. Der Sturz der Diktatur wird sich
auch anhand der umgestürzten Monumente und Denkmäler zeigen.
Diese werden, wie im Falle des Sieges der Alliierten über Nazideutschland,
dass erste Ziel der Veränderungen sein.
Die Militärinvasion der Vereinigten Staaten in
den Irak 2003 war neben dem eigentlichen militärischen Krieg,
ein hauptsächlich über die Medien (herbei)geführter
Bilder(buch)krieg.
Die Oberhoheit der medialen Wirklichkeit, vielmehr
der medialen Konstruktion von Wahrheiten, lag bei diesem Konflikt
eindeutig auf Seiten der Amerikaner. Nicht nur entsprachen die Bilder
von Massenvernichtungswaffen der Iraker, die Collin Powell am 5.
Februar 2003 vor dem Weltsicherheitsrat darlegte, faktisch falschen
Tatsachen, was bedeutet, dass der anschließende Einmarsch
der Amerikaner ein eindeutig illegitimer Angriffskrieg war und ist.
Wenn der Einmarsch de jure illegitim war, so bildete er doch de
facto den Beginn des schnellen Endes von Saddam Hussein. Die Bilder
von dem Sturz seiner imposanten Statue im Zentrum Bagdads waren
nur die zeitliche und mediale Vorwegnahme seines eigentlichen Sturzes.
Das Seil, dass an jenem Tage nach einem mehrtätigen
Feuergefecht um den bronzenen Hals des noch im Amte stehenden irakischen
Präsidenten gelegt wurde, legte sich ein Jahr später tatsächlich
um den Hals des geschlagenen, gefassten und zum Tode verurteilen
Präsidenten. Die Szene des Umsturzes des Regimes, wurde durch
den Sturz seiner monumentalen repräsentativen Statue symbolisiert
und verdeutlicht.
Die bildhafte Vorwegnahme seines späteren Todes
durch den Strick, ähnelt einem Menetekel, ja einer Prophezeiung.
Das Bild, das um die Welt ging, offenbarte das Ende einer Tyrannei
und verbarg doch den Beginn einer neuen. Der despotische Führer
hatte sich über viele Jahrzehnte auf Plakaten, Häuserwänden
und Statuen verewigen lassen. Die Statue, die von den Amerikanern
gestürzt wurde, zeigte einen arabischen Fürsten, der,
in westlicher Kleidung gehüllt, seine rechte Hand dem Volke
zum Gruß entgegenstreckte. Es war die Gestik der Ehrerbietung
an ein Volk, das er jahrzehntelang ausgebeutet, gefoltert und geknechtet
hatte. Diese Ehrerbietung jedoch war eine inszenierte Darstellung
und durchschaubar. Die Brutalität seines Vorgehens, die Folterkeller
und die Unterdrückung der ethnischen sowie religiösen
Minderheiten hatten ihm die Aura eines Schlachters eingebracht.
Der Giftgasangriff auf die von Kurden bewohnte nordirakische Stadt
Halabdscha war nicht vergessen.
Kurz vor dem Einmarsch der Amerikaner betonte Saddam
Hussein die Ehre der Iraker, ja aller Araber, die nun, in der „Mutter
aller Schlachten“, gemeinsam gegen den Feind einstehen müssten.
Seine pathetische Propaganda stieß auf taube Ohren. Die Absicht,
dass Ehrgefühl der Araber anzusprechen, schlug fehl. Die Mutter
aller Schlachten hatte sich zum Vater aller Dinge entwickelt und
wenn der Vater aller Dinge der Krieg ist, dann gewinnen ihn, Heraklit
zufolge, immer die US Amerikaner.
Hunger und Elend, auch und vor allem durch das Embargo,
hatten das Volk gegen ihren Präsidenten aufgebracht. Es war
ein leichtes für die Amerikaner, diesen Krieg zu gewinnen.
Sie standen schon zu Beginn als Gewinner fest, die Iraker insgesamt
haben den Krieg verloren. Der monumentale Abriss ihres amtierenden
Präsidenten in Bagdads verkehrsreichem Zentrum war die sichtbare
Demütigung eines Mannes, der es gewagt hatte, mehrer Jahre
der Hegemonialmacht die Stirn zu bieten. Durch den Abriss der Saddamstatue,
einer medial inszenierten Dekonstruktion, wurde das Ende der Mythos
Saddam Hussein vor aller Welt zelebriert. Mit diesem Abriss wurde
lediglich stellvertretend seine kommende Hinrichtung vorweggenommen.
Denkmäler verlieren ihre Gültigkeit
Wie alle Konstruktionen, so sind auch sie der
Ausdruck eines situations- und sozialabhängigen Machtverhältnisses.
Betrachtet man sie im Kontext ihrer Entstehungsgeschichte, so stellen
sie die architektonisch-ästhetische Formulierung eines Menschen
oder einer Menschengruppe dar, der Vergänglichkeit des Lebens
und der Zeit zu trotzen und ihre Macht, die sie im Leben besaßen,
über ihren Tod hinaus stellvertretend im Monument auszudrücken.
Grabmäler, Denkmäler und Monumente im weitesten Sinne
sind aus wetterfesten, regen-, sturm- und erdbebenfesten Materialien
konstruiert. In ihnen wird gleichsam die Absicht des Verstorbenen
deutlich, über den Granit und Marmor hinaus, der Zeit zu widerstehen.
Politische Systeme arbeiten mit Monumenten. Es existieren Monumente,
die Freiheit symbolisiert ausdrücken, wie etwas die Freiheitsstatue
in New York. Ex existieren Tempel, die die politische Freiheit jedes
einzelnen Bürgers ausdrücken und die Macht des Staates
in repräsentativer Form formulieren, wie etwa der Parthenon
auf der Akropolis in Athen. All diese Artefakte, die Stärke,
Macht und Gewalt ausdrücken, sind doch dem Verfall ausgeliefert
und vergänglich. Politische Systeme bedienen sich einer ihnen
selbst spezifisch immanenten Symbolsprache. Hammer und Sichel waren
die Symbole des Sowjetkommunismus schlechthin. Mit der Wende in
den 90er Jahren verschwanden alle die Lenin oder Marx Statuen, die
in den größeren und kleineren Städten des Ostblocks
an markanten Punkten aufgestellt waren. Der Sturz des rumänischen
Staatschefs Nicolae Ceaus¸escus 1989 ging einher mit dem Umsturz
seiner überall im Land aufgerichteten Statuen. Systemwechsel
manifestieren sich in erster Linie an den wechselnden Symbolen und
es ist offensichtlich, dass in Diktaturen der Personenkult weiterhin
gepflegt wird, während in demokratischen Gesellschaften der
Personenkult abgeschafft wurde. Meines Erachtens ist dieser Unterschied
ein eindeutiger Beweis dafür, wie Demokratie und Despotie sich
grundlegend nicht nur in ihrer politischen Systematik, sondern auch
in ihrer Ästhetik ausschließen.
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