XXIX. Jahrgang, Heft 154
Mai-August 2010/2
 
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Letzte Änderung:
11.7.2010

 
 

 

 
 

 

 

GEGENWART DER GESCHICHTE

Ehre, Gewalt, Macht, Mythos und Denkmäler

Von Bülent Kacan

   
 
 



Dieses muss durch Wahrnehmung erfasst werden, und das ist eben der Geist.
Aristoteles, Nikomachische Ethik VI 12, 1143b 5

Ich möchte mit diesem Essay versuchen, die Begriffe Ehre, Gewalt, Macht und Mythos mit der Begrifflichkeit Denkmal zu verbinden und sie in einen näheren Zusammenhang setzen. Meines Erachtens ist es sinnvoll, einen Bezug dieser Begriffe und Begrifflichkeiten aufgrund ihrer eng bei einander liegenden Konnotationen darzustellen. Als Beispiele werde ich die ägyptischen Pyramiden, das Grabmal des Mausolos II., die Bismarcksäule in Friedrichsruh, den Personkult des verstorbenen Führers der Turkmenen, Turkmenbaschi, sowie die Zerstörung der Bronzestatue von Saddam Hussein in Bagdad, Irak, aufzeigen.

Aufgrund der Demokratisierung der Gesellschaft besteht heutzutage nicht mehr der Zwang, historische Autoritäten in ihrer Wirkung auf die Gegenwart als ein für alle Mal verehrungswürdig anzunehmen. Autorität soll hier heißen, dass eine Person eine soziale Position innerhalb eines größeren Solidarverbandes einnimmt, der ihr Macht und Einfluss verleiht und die ihrerseits als Vorbild für das Denken und Handeln des Solidarverbandes dient. Wenn ich aus dem Kompositum Verehrungswürdigkeit den Begriff Ehre entnehme, dann fällt es mir schwer, Ehre zu zollen für etwas oder für jemanden, mit dem ich selbst nicht im unmittelbaren Kontakt gestanden habe. Ehre ist ein begrifflicher Anachronismus, ein archaisches Relikt aus Großvaters Zeiten. Ehrenmänner duellierten sich, um ihre Ehre zu retten, um ihr Gesicht zu wahren, auch wenn manche dabei ihr Leben ließen. Dankbarkeit hingegen beruht auf emotionalen Verhältnissen. Wenn diese nicht vorhanden sind, kann es zu keiner aufrechten Danksagung kommen. Ich bin einer Person dankbar, wenn ich von ihr ein Geschenk materieller oder immaterieller Art erhalten habe. Ich kann ihr etwas schuldig sein, dann stehe ich in ihrer Schuld. Ich kann in ein reziprokes Verhältnis treten, dann bin ich ihr etwas schuldig. In beiden Fällen ist das Gleichgewicht des Gebens und Nehmens für beide Seiten offenbar.

Anders hingegen bei der Ehrerbietung. Hier besteht ein Gefälle des Gebens und Nehmens. Jemand, der einem anderen an Ehre unterlegen war, war gleichzeitig ehrerbietig. Autoritäten verfügten über eine verdichtete Form von Ehre. Ebenso forderten Monumente vom Betrachter Andächtigkeit und Achtung. Eine Achtung, die einer verstorbenen Autorität galt, konnte sich bis zur Ehrerbietung steigern. Monumente konzentrierten in ihrer Symbolhaftigkeit die Ehre des Verstorbenen und erwarteten vom Lebenden eine Ehrerbietung. Je entfernter die historischen Ereignisse lagen, umso schwächer wurde der emotionale Bezug zu ihnen. Die denkbar intensivste Beziehung und Bindung kann nur zwischen den in der Zeit des historischen Ereignisses lebenden Anwesenden und ihrer Autorität geherrscht haben. Sie bedankten sich bei ihr, indem sie ihr nach ihrem Tod ein Denkmal setzten. Sie zollten Ehre und waren somit ehrergiebig. Das Denkmal konservierte in seiner Monumentalität das Charisma und die Autorität des Verstorbenen. Es zeugte symbolisch von der siegreichen Schlacht oder einem glorreichen Sieg und wurde architektonisch in Stein, Marmor, Granit oder Bronze, in den seltensten Fällen auch in Elfenbein, Silber und Gold gehalten. Seine Materialien waren durchweg edel. Holz, ein organisches Material, wäre nach kurzer Zeit verfault und verfallen. Denkmäler waren funktionell identitätsstiftend und boten und betonten den kollektiven Zusammenhalt. Sie sollten über die Gegenwart hinaus in die Zukunft weisen. Gleichzeitig waren sie aber auch Mahnmale für die nachfolgenden Generationen, die sie andächtig pflegten. Ein Ritus der Respektbekundung wird aus dem Boden gestampft und die Pflege des Denkmals wird zugleich ritualisiert. Indem das Denkmal gepflegt wird, wird der architektonisch sichtbare Teil der eigenen Historie erhalten und vor dem allmählichen.

Untergang bewahrt. Der Kampf der Denkmalpfleger ist ein Kampf gegen die Natur, gegen die Elemente, gegen die Gesetze, gegen willkürliche Beschädigungen, Brandlegungen oder Abrissversuche. Denkmalpfleger sind das schlechte Gewissen einer Gesellschaft, die ihre monumentalen Artefakte ins Abseits gedrängt, ja verdrängt hat und sie nun einer Sonderform von Historikern überlässt, um sich wenigstens in gesunden Maßen den Anschein eines guten Gewissens zu wahren. Diese sorgen dafür, dass die Monumente konserviert, repariert, restauriert, renoviert oder rekonstruiert werden und letztlich Teil der eigenen Geschichte und Vergangenheit bleiben. Denkmalpfleger pflegen das kulturelle Gedächtnis, sie sind gleichsam die Instanz, die das Verdrängte im Unterbewusstsein des Kollektivs aufrecht erhält und wieder zum Vorschein bringt. Verkommene oder verlorene Denkmäler sind der Vergessenheit oder der Vernichtung zum Opfer gefallen. Rost und Buschwerk sind Indizes dafür, welchen Stellenwert die vergangenen Autoritäten gegenwärtig in Deutschland innehaben. Das wilhelminische Kriegerdenkmal, als kulturelles Artefakt, wird von der Natur verschlungen, wird überwuchert und umrankt, eine Analogie zum gleichzeitigen Verdrängen und Vergessen der wilhelminischen Zeit im Kollektivbewusstsein tut sich auf. Das militaristische Denkmal aus der Zeitspanne von 1870/71 bis 1945 besitzt keine Macht mehr. Die martialen Symbole von einst bleiben für die pazifistische Masse verschlüsselt. Es kann sich kein Sinn aus ihnen entfalten. Der Betrachter kann keinen Sinn mehr in sie hineindeuten, wenn er das Denkmal denn einmal überhaupt aufsucht. Der Dialog zwischen Betrachter und Objekt ist einem stummen Monolog gewichen. Der Mythos der ehemaligen monarchischen Macht ist gänzlich verstummt. Es kann keine Kommunikation mehr zwischen der Gegenwart und der Vergangenheit geben, zwischen den Ahnen und mir selbst, wenn die Monumente verschüttet sind, ihr Sinngehalt vergessen ist oder ich sie nicht zu deuten weiß. Ahnenkult ist in erster Linie Gräberkult und Gräberkult basiert auf Monumenten. Die wilhelminischen Monumente besitzen als identitätstiftende Baudenkmäler keine Evidenz mehr.

Reinhardt Koselleck schreibt, „Der Toten zu gedenken gehört zur menschlichen Kultur.“ Damit hat er zweifelsohne recht. Aber auch die Toten denken, bevor sie gestorben sind, an die Überlebenden. Sie verlangen von ihnen noch zu ihren Lebzeiten über ihren physischen Tod hinaus Achtung und Ehrerbietung. Sie planen noch zu Lebzeiten ein gigantisches Monument, dass ihnen Unsterblichkeit garantieren möge. Die Sehnsucht nach Unsterblichkeit ist eine anthropologische Konstante. Die Pyramiden von Giseh entstanden in der Zeit 2620 bis 2500 v. Chr. in der 4. Dynastie. Sind stellen ein grandioses architektonisches Beispiel dar und die Toten Pharaonen werfen noch heute einen Schatten auf die moderne Metropole Kairo und ernten über den Nil hinweg, weltweite Achtung und Ehrerbietung.

Aus marxistischer Perspektive sind Monumente, wie die ägyptischen Pyramiden oder die Bismarcksäule in Friedrichsruh, eindeutige Kennzeichen einer Klassengesellschaft. Wer es sich leisten konnte, wer die Macht, die Mittel und Ressourcen zur Verfügung hatte, der ließ sich ein gigantisches Monument errichten. Tausende und abertausende Arbeiter, die an den Pyramiden gearbeitet, unter qualvollen Umständen umkamen oder verkrüppelt wurden, werden kaum oder in geringem Maße mit der Monumentalität und Herrlichkeit der Pyramiden gleichgesetzt. Es sind die Pharaonen, die in Goldmasken erscheinenden Autoritäten, gleichsam Gottkönige, die ihnen den Glanz bis zum heutigen Tage verleihen. Der Mythos der Pyramiden ist ihre gigantische Monumentalität. In unmittelbarer Nähe der Pyramiden verschwindet der Betrachter und verwandelt sich zu einem Winzling. Die Ehrfurcht, die der Ehrerbietung weicht, führt zu einem Schauder, einer Gänsehaut, denn die Macht, die durch die materielle Dimension des Grabmals wirkt, ist spürbar, weil sie omnipräsent sichtbar ist.

Mausolos II., von dem sich unser Begriff Mausoleum herleitet, war persischer Satrap in Karien, einer antiken Landschaft in der heutigen Türkei. Er hatte genügend finanzielle Mittel, um für sich und seiner Schwestergemahlin ein in Überresten bis in die Gegenwart hineinreichendes Grabmal zu errichten. Es zählte mit seiner Monumentalität, mit seinen kunstvollen Friesen und Statuen, die das gesamte Bauwerk umgaben, zu einem der sieben Weltwunder der Antike. Es ist eine Ironie der Geschichte, dass Friesfragmente des Mausoleums in europäischen Museen untergebracht sind und den Museen internationalen Ruf und Geltung verleihen. Die Macht des Monuments hat auch nach Jahrtausenden nichts von seiner Anziehungskraft und Autorität verloren. Allein die Besitznahme eines Bruchteils seiner vorherigen Gestalt übt eine magische Kraft auf die Besucher aus. Der Fetisch der vergangenen Macht wird zum Fetisch der gegenwärtigen Mächte. Die Magie des Monuments liegt in seiner Gewalt geborgen.

Monumente sind auf das Auge hin konzipiert. Sie drängen sich in ihrer imposanten Erscheinung eindringlicher in das Bewusstsein des Betrachtenden, als bei den übrigen Sinnesorganen. Sie wirken gewaltig, sie wirken mächtig, sie wirken überwältigend.


Doch was ist ein Monument?

Der Begriff Monument, ein Kompositum, setzt sich aus den lateinischen Begriffen moneo für erinnern und mens für Sinn zusammen. Erinnern, dass heißt, sich bewusst machen, was einmal gewesen ist. Monumente sind geradezu für die optische Erfassung prädestiniert, da sie visuell prägnant wahrnehmbar sind. Das Auge ist der Hauptsinn des Menschen. Ein Monument in seiner ganzen historischen, ikonographischen Bandbreite und Tiefe zu erfassen heißt, sehen und erinnern können, was gewesen ist, um erkennen zu können, was so oder so ähnlich wieder erscheinen könnte. Das betrachtende Subjekt sieht, erinnert und erkennt in einem durch das Monument hindurch. Fehlt ihm die Kompetenz, die Symbolik der Bilder zu interpretieren, so kann es sich nicht erinnern, was war und nicht erkennen, was so oder so ähnlich wieder erscheinen könnte. Die Macht zu deuten, ist die Macht des Verstehens. Die Macht des Verstehens entwickelt sich hier durch die Macht des Sehens und die Macht des Sehens ist die des Deutens. Sehen allein wirkt nicht, wenn ich den Kontext nicht kenne und Symbole nicht einzuordnen weiß. Was nicht in der Welt ist, kann nicht in meinen Sinnen sein und was ich nicht entziffern kann, das hat für mich keine Bedeutung und Relevanz.

Am Beispiel der Bismarcksäule in Friedrichsruh wird der Bedeutungswandel des Denkmals besonders deutlich. Als Teil einer ganzen Kette von Säulen und Türmen reichsweit geplant und umgesetzt, diente die Feuersäule als Ort der Erinnerung. Die Säule stand stellvertretend für den Reichsgründer Otto von Bismarck, als ein weithin sichtbares Wahrzeichen seiner Größe. Bezeichnenderweise war es eine Burschenschaft, die den Plan hatte, den Reichsgründer durch monumentale Baudenkmäler zu ehren. In ihm wurden nicht nur die Andacht und das Andenken an den eisernen Kanzler und sein Walten und Wirken im Reich aufrechterhalten. Auch die eigene Identität wurde über die Säule konstruiert. Die im Denkmal in symbolhafter Sprache ausgedrückten bismarckschen Einigungskriege und Erfolge wurden gleichsam Bestandteil des Subjekts, es fand sich wieder in ihnen, identifizierte sich mit ihnen und wertete seine Identität auf. Die Monumentalität, der bollwerkhafte Charakter der Säule, hatte die Funktion, die Gewalt und Macht des Reichskanzlers und des deutsches Reiches zu demonstrieren.

Der Bruch mit der deutschen Geschichte 1945 hat in der jüngsten Vergangenheit dazu geführt, dass die Säule vergessen und vernachlässigt wurde. Wurde sie alljährlich am 21. Juni während der Sonnenwendfeiern befeuert und diente sie als Ort der Versammlung und des Festes, so verlor sie nach dem zweiten Weltkrieg endgültig ihren Bedeutungsschwerpunkt. Mit dem Systemwandel und Bewusstseinswandel änderte sich auch die Rezeption vergangener Baudenkmäler, der Vergangenheit schlechthin. Was vor dem zweiten Weltkrieg lag war Tabu oder wurde zumindest tabuisiert und war der freien und unbelasteten Zugänglichkeit verwehrt. Dennoch fanden ab 1949 wieder regelmäßig Sonnenwendfeiern an und auf der Säule statt und man führte in den 1950er Jahren Verhandlungen über Sanierungsmaßnahmen. Die Absicht Fürst Bismarcks, die Säule 1966 der Vereinigung Hamburger Akademikerverbände zu schenken, scheiterte aufgrund von Erbvertragshindernissen mit seinem Sohn. Im Jahre 1968 wurden die Sommerwendfeiern aufgrund der politischen Unruhen eingestellt und auch eine Sanierung im Jahre 1986 scheiterte, da die Stadtverordnetenversammlung der Stadt Reinbek nach der Kommunalwahl die Sanierungs- und Umbauvorhaben einstellte. Erst 1987 wurde die Bismarcksäule unter Denkmalschutz gestellt.

Gegenwärtig werden hauptsächlich in autoritär regierten Staaten und Gesellschaften der Ahnenkult, respektive der Denkmalkult gepflegt. Das Mausoleum von Ayatollah Khomeini im Süden Teherans ist der Ort, an dem die Revolutionsspitze begraben liegt. Von weither strömen noch immer die Pilger und Gläubigen, um ihren Heiligen zu sehen und in seiner Nähe zu beten. Die Macht des Glaubens wirkt, wenn die Gewalt der Hoffnung eindringlich wird. Frauen, die keine Kinder bekommen können, erscheinen und beten vor seinem Grabmal und werfen Bittschriften durch die Gitter des Schreins. Die Ehre, die man dem Verstorbenen entgegenbringt, ist allgegenwärtig. Eine goldene Kuppel umgibt das Zentrum der Anlage, die mit vergoldeten Gittern umzäunt ist. Hier wird noch Ehre gelebt, hier ist Ehrerbietung allgegenwärtig und die Macht der Religion ist omnipräsent. Die Macht der Theokratie stützt sich auf den Glauben und Aberglauben der Menschen, die sie entmündigt, kontrolliert und beherrscht.


Eine säkularisierte Form der Diktatur wurde in Turkmenistan eingeführt

Der Führer aller Turkmenen, Turkmenbaschi, mit bürgerlichem Namen Saparmurat Atajewitsch Nijasow, hat nicht nur eine Stadt nach seinem Namen benannt. Er führte einen extremen Personenkult um seine Person ein und ließ eine goldene Statue auf dem Neutralitäts-Bogen in der Hauptstadt Asgabat aufstellen. Mit diesem persönlich vorangetrieben Personenkult gingen intensive Menschenrechtsverletzungen einher. Oppositionelle wurden verfolgt oder verhaftet, religiöse Minderheiten wurden nicht anerkannt und die russische Minderheit wurde im Jahre 2003 aufgefordert, dass Land zu verlassen oder turkmenische Staatsbürger zu werden.

Der Despot aus dem öl- und gasreichen Land am Kaspischen Meer ließ sich in Gold verewigen und betrieb schon zu Lebzeiten einen regelrechten Mythos um seine Person. Golden, wie die Sonne, so sollte der Führer aller Turkmenen erstrahlen. Die Sonne steht über allen Dingen und der Turkmenbaschi stand lange Zeit über allen Turkmenen.

Das Bild des goldenen Kalbes drängt sich auf, um den die Israelis tanzten und feierten, während Moses auf dem Berg Sinai von Gott die zehn Gebote empfing. Es ist einleuchtend, dass die Turkmenen nicht um die goldene Statue ihres Führers tänzeln, zumindest nicht freiwillig. Wachmannschaften halten neugierige Besucher davon ab, näher als erlaubt, an das goldene Denkmal ihres Führers heranzutreten.

Turkmenbaschis Charisma ist einerseits seiner Biographie und andererseits seiner Brutalität zu verdanken.

War er noch zu Sowjetzeiten Statthalter der Kommunistischen Partei in der zentralasiatischen Sowjetrepublik, so nutzte er die Gunst der Lage und ließ sich nach dem Zerfall des Sowjetreichs zum Präsidenten wählen. Dank seiner alten Verbindungen zum alten Kader der KP, dem Geheimdienst und dem Polizeiapparat schwang er sich zum Alleinherrscher auf. Er finanzierte den Ausbau von Aschgabad mit Rohstoffexporten und baute mit schnell verdienten Petrodollarmilliarden ein verschlafenes Städtchen zu einem Disneyland aus.

Das Konterfei Saparmurat Nijasows ist in Turkmenistan omnipräsent. Flughäfen, ganze Straßenzüge, ein Asteroid und sogar ein Monatsname wurden nach ihm benannt. Die Omnipräsenz seiner Person in Form von Denkmälern, Plakaten und Monatsnamen ist sein narzisstischer und Macht besessene Ausdruck, totalitären Einfluss auf sein Volk auszuüben.

Wer allgegenwärtig ist, wer im permanenten Zustand im Bewusstsein der Bürger zirkuliert, den kann man unschwer verdrängen. Es ist nahe liegend, davon ausgehen zu müssen, dass die Gewalt dieser Diktatur, die sich im alltäglichen Leben auch über die Monumente für jedermann offenbart, mit einer demokratischen Wende beendet wird. Der Sturz der Diktatur wird sich auch anhand der umgestürzten Monumente und Denkmäler zeigen. Diese werden, wie im Falle des Sieges der Alliierten über Nazideutschland, dass erste Ziel der Veränderungen sein.

Die Militärinvasion der Vereinigten Staaten in den Irak 2003 war neben dem eigentlichen militärischen Krieg, ein hauptsächlich über die Medien (herbei)geführter Bilder(buch)krieg.

Die Oberhoheit der medialen Wirklichkeit, vielmehr der medialen Konstruktion von Wahrheiten, lag bei diesem Konflikt eindeutig auf Seiten der Amerikaner. Nicht nur entsprachen die Bilder von Massenvernichtungswaffen der Iraker, die Collin Powell am 5. Februar 2003 vor dem Weltsicherheitsrat darlegte, faktisch falschen Tatsachen, was bedeutet, dass der anschließende Einmarsch der Amerikaner ein eindeutig illegitimer Angriffskrieg war und ist. Wenn der Einmarsch de jure illegitim war, so bildete er doch de facto den Beginn des schnellen Endes von Saddam Hussein. Die Bilder von dem Sturz seiner imposanten Statue im Zentrum Bagdads waren nur die zeitliche und mediale Vorwegnahme seines eigentlichen Sturzes.

Das Seil, dass an jenem Tage nach einem mehrtätigen Feuergefecht um den bronzenen Hals des noch im Amte stehenden irakischen Präsidenten gelegt wurde, legte sich ein Jahr später tatsächlich um den Hals des geschlagenen, gefassten und zum Tode verurteilen Präsidenten. Die Szene des Umsturzes des Regimes, wurde durch den Sturz seiner monumentalen repräsentativen Statue symbolisiert und verdeutlicht.

Die bildhafte Vorwegnahme seines späteren Todes durch den Strick, ähnelt einem Menetekel, ja einer Prophezeiung. Das Bild, das um die Welt ging, offenbarte das Ende einer Tyrannei und verbarg doch den Beginn einer neuen. Der despotische Führer hatte sich über viele Jahrzehnte auf Plakaten, Häuserwänden und Statuen verewigen lassen. Die Statue, die von den Amerikanern gestürzt wurde, zeigte einen arabischen Fürsten, der, in westlicher Kleidung gehüllt, seine rechte Hand dem Volke zum Gruß entgegenstreckte. Es war die Gestik der Ehrerbietung an ein Volk, das er jahrzehntelang ausgebeutet, gefoltert und geknechtet hatte. Diese Ehrerbietung jedoch war eine inszenierte Darstellung und durchschaubar. Die Brutalität seines Vorgehens, die Folterkeller und die Unterdrückung der ethnischen sowie religiösen Minderheiten hatten ihm die Aura eines Schlachters eingebracht. Der Giftgasangriff auf die von Kurden bewohnte nordirakische Stadt Halabdscha war nicht vergessen.

Kurz vor dem Einmarsch der Amerikaner betonte Saddam Hussein die Ehre der Iraker, ja aller Araber, die nun, in der „Mutter aller Schlachten“, gemeinsam gegen den Feind einstehen müssten. Seine pathetische Propaganda stieß auf taube Ohren. Die Absicht, dass Ehrgefühl der Araber anzusprechen, schlug fehl. Die Mutter aller Schlachten hatte sich zum Vater aller Dinge entwickelt und wenn der Vater aller Dinge der Krieg ist, dann gewinnen ihn, Heraklit zufolge, immer die US Amerikaner.

Hunger und Elend, auch und vor allem durch das Embargo, hatten das Volk gegen ihren Präsidenten aufgebracht. Es war ein leichtes für die Amerikaner, diesen Krieg zu gewinnen. Sie standen schon zu Beginn als Gewinner fest, die Iraker insgesamt haben den Krieg verloren. Der monumentale Abriss ihres amtierenden Präsidenten in Bagdads verkehrsreichem Zentrum war die sichtbare Demütigung eines Mannes, der es gewagt hatte, mehrer Jahre der Hegemonialmacht die Stirn zu bieten. Durch den Abriss der Saddamstatue, einer medial inszenierten Dekonstruktion, wurde das Ende der Mythos Saddam Hussein vor aller Welt zelebriert. Mit diesem Abriss wurde lediglich stellvertretend seine kommende Hinrichtung vorweggenommen.


Denkmäler verlieren ihre Gültigkeit

Wie alle Konstruktionen, so sind auch sie der Ausdruck eines situations- und sozialabhängigen Machtverhältnisses. Betrachtet man sie im Kontext ihrer Entstehungsgeschichte, so stellen sie die architektonisch-ästhetische Formulierung eines Menschen oder einer Menschengruppe dar, der Vergänglichkeit des Lebens und der Zeit zu trotzen und ihre Macht, die sie im Leben besaßen, über ihren Tod hinaus stellvertretend im Monument auszudrücken. Grabmäler, Denkmäler und Monumente im weitesten Sinne sind aus wetterfesten, regen-, sturm- und erdbebenfesten Materialien konstruiert. In ihnen wird gleichsam die Absicht des Verstorbenen deutlich, über den Granit und Marmor hinaus, der Zeit zu widerstehen. Politische Systeme arbeiten mit Monumenten. Es existieren Monumente, die Freiheit symbolisiert ausdrücken, wie etwas die Freiheitsstatue in New York. Ex existieren Tempel, die die politische Freiheit jedes einzelnen Bürgers ausdrücken und die Macht des Staates in repräsentativer Form formulieren, wie etwa der Parthenon auf der Akropolis in Athen. All diese Artefakte, die Stärke, Macht und Gewalt ausdrücken, sind doch dem Verfall ausgeliefert und vergänglich. Politische Systeme bedienen sich einer ihnen selbst spezifisch immanenten Symbolsprache. Hammer und Sichel waren die Symbole des Sowjetkommunismus schlechthin. Mit der Wende in den 90er Jahren verschwanden alle die Lenin oder Marx Statuen, die in den größeren und kleineren Städten des Ostblocks an markanten Punkten aufgestellt waren. Der Sturz des rumänischen Staatschefs Nicolae Ceaus¸escus 1989 ging einher mit dem Umsturz seiner überall im Land aufgerichteten Statuen. Systemwechsel manifestieren sich in erster Linie an den wechselnden Symbolen und es ist offensichtlich, dass in Diktaturen der Personenkult weiterhin gepflegt wird, während in demokratischen Gesellschaften der Personenkult abgeschafft wurde. Meines Erachtens ist dieser Unterschied ein eindeutiger Beweis dafür, wie Demokratie und Despotie sich grundlegend nicht nur in ihrer politischen Systematik, sondern auch in ihrer Ästhetik ausschließen.

   

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