XXX. Jahrgang, Heft 158
Sep - Dez 2011/3

 
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Letzte Änderung:
6.11.2011

 
 

 

 
 

 

 

WEITLÄUFIGE WELTBILDER

Die Welt in der wir leben
Oder die Hegemonie des Unmenschlichen
Von Heleno Saña

   
 
 


Desillusionierung

Es gibt kaum eine andere Idee, die so viele Erwartungen und Hoffnungen in den letzten Jahrhunderten erweckt hat, wie die Idee des Fortschritts. Man muss aber gleich hinzufügen, dass auch keine andere von dem tatsächlichen Verlauf der Geschichte so unmissverständlich widerlegt worden ist. Alle Prophezeihungen, Prognosen und Projekte, die von einer positiven Entwicklung des Weltgeschehens ausgingen, haben sich mehr oder weniger als unzutreffend erwiesen. Entsprechend gehört das unglückliche Bewusstsein zum gängigen Seelenzustand der heutigen Menschen.

Von den Verheissungen und Illusionen, die nach der Niederlage des Faschismus weltweit entstanden, ist nicht allzuviel geblieben. Man kann, glaube ich, die Zeit, die zwischen dem Ende des Zweiten Weltkrieges und der Gegenwart liegt, als eine Zeit der zunehmenden Desillusionierung bezeichnen. Schon in den fünfziger Jahren erfasste Samuel Beckett in seinem sowohl einfachen wie genialen Theaterstück "Warten auf Godot" die Stimmung, die nach und nach viele oder gar die Mehrheit der Erdbewohner ergreifen würde. Der vordergründige Glanz der Pax americana, die Konsumfülle, der "Wohlstand für alle", die Vollbeschäftigung, die "offene Gesellschaft" und der Wohlfahrtsstaat, hielten sich nicht allzulange. Der von J.K.Keynes und J.M.Galbraith befürwortete regulierte Kapitalismus wurde im Laufe der siebziger und achtziger Jahre durch das von der Chicago School of Economics unter Leitung von Milton Friedman konzipierte neue Wirtschaftsmodell verdrängt und ins Abseits gestellt. Und das Rezept des neuen ökonomischen Credos lautete: deregulierter Kapitalismus, sozialer Abbau, Privatisierung der öffentlichen Dienste und gnadenloser Wettbewerb an allen Fronten. Aus dem schönen Traum der "Überflussgesellschaft" wurde die bittere Mangelgesellschaft, die wir heute haben.

Auch das Ende des Kalten Krieges zwischen den westlichen Staaten und dem sowjetischen Machtblock brachte nicht die ersehnte Verbesesserung der Weltverhältnisse, auch wenn für viele Millionen Menschen Mittel-und Osteuropas diese weltgeschichtliche Wende die Befreiung vom Joch des kommunitischen Totalitarismus bedeutete. Aber als freier Bürger mussten sie bald mit denselben oder ähnlichen existentiellen Problemen und Herausforderungen fertig werden, die die kapitalistische Gesellschaft ihnen stellte.

Insgesamt sieht die Welt immer düsterer aus. Wir leben in einer verdinglichten und entfremdeten Welt, in der der Mensch als solcher immer weniger zählt. Selbstfindung ist die Ausnahme, innere Zerrissenheit die Regel, ein seelischer Zustand, der die Zerrissenheit der äusseren Zustände genau wiederspiegelt. Die Erde hat aufgehört, ein Zuhause für die Menschen zu sein. Deshalb schwindet immer rascher die Hoffnung auf eine günstigere, erträglichere Zukunft. An die Stelle des "Prinzip Hoffnung" von Ernst Bloch ist Hoffnungslosigkeit getreten. Gewisss, die Fehlentwickung der Weltverhältnisse hindert die Menschen keineswegs, weiter zu machen, für ihr Wohlergehen zu sorgen und auch Phasen oder Momente der Zerstreuung, der Freude und der Erfüllung zu erleben. Aber trotzdem fühlt sich kaum jemand wohl in seiner Haut und fürchtet, dass diese positiven aber immer kurzlebigeren Erfahrungen über Nacht ein jähes Ende haben könnten. Diese im Hintergrund immer latente Unsicherheit erklärt unter anderem, warum die Zahl der psychischen Krankheiten und der Selbstmorde weltweit ständig zunimmt.


Harte Zeiten

Die Welt in der wir leben ist das Produkt der übelsten Traditionen der Menschheit, gehört vollends zu der von Erich Voegelin vor einigen Jahrzehnten umfassend untersuchte "Pathologie des modernen Geistes"(1). Das alte klassische Ideal des Wahren, Schönen und Guten ist durch das Unwahre, Hässliche und Schlechte weitgehend ersetzt worden. Wir befinden uns inmitten eines neuen nihilistischen Abschnitts der Weltgeschichte. Alles, was nicht zum Willen zur Macht, zur Rücksichtslosigkeit, zur Gefühlskälte und zum Zynismus gehört, wird unterdrückt oder als unzeitgemäss, naiv und anachronistisch verspottet. Wieder einmal ist es die Stunde des von Iwan Karamzov verkündeten "alles ist erlaubt". Robert Picht übertrieb nicht, als er von der "Verfinsterung der Herzen" auf globaler Ebene sprach (2). Und genauso zutreffend war seine Aussage über die "mörderischen Mechanismen der Industriegesellschaft"(3). Jeder, der in der Stunde der materiellen oder seelischen Not versucht, bei seinen Nächsten die Wärme, das Verständnis oder die Hilfsbereitschaft zu finden, die er braucht, um innerlich nicht zu verkümmern, wird in der Regel nichts anders als stumme Gleichgültigkeit oder gar offene Feindseligkeit finden, als wäre er Träger einer ansteckenden Krankheit. Es gibt für den gegenwärtigen Menschen kaum ein humanes Zuhause mehr; daher das Gefühl, das Dasein wäre ein alltägliches Exil geworden.

Up to date zu sein heisst heute, sich an das Gesetz der Stärke zu halten und kein anderes Ziel zu haben, als das, was Max Horkheimer "Ich-Imperialismus" nannte. Es ist entsprechend kein geeigneter historischer Zyklus für zarte und empfindsame Seelen, denn wieder einmal ist der Mensch ein Wolf für die Menschen geworden. Wer diesem Zustand nicht gewachsen ist und sich weigert, sich an dem immer gnadenloser werdenden Struggle for life zu beteiligen, wird von der waltenden doxa als schwach oder gar lebensunfähig verächtlich eingestuft. In Wirkichkeit beweist die Haltung dieser Menschen ihre charakterliche Stärke, ihre moralische Festigkeit und ihr entschiedener Wille, unter keinen Umständen auf ihre Selbstachtung, ihre Sensibilität, ihre Liebe zur Wahrheit oder einfach ihrem menschlichen Anstand zu verzichten. Aber dies ist genau das, was das System nicht will: Menschen, die nicht bereit sind, sich den triumphierenden Unwerten anzuschliessen.


Der Diskurs der Mächtigen

Der Diskurs der etablierten Macht besteht grundsätzlich aus Selbstbeweihräuscherung. Entsprechend wird alles, was sie in Misskredit bringen kann, geleugnet oder heruntergespielt. Adorno: "Es gehört zum Mechanismus der Herrschaft, die Erkenntnis des Leidens, das sie produziert, zu verbieten"(4). Es ist auch die Welt der doppelten Moral, der offenen oder verkappten Lüge, des Scharlatanentums und des verlogenen Diskurses. Schlüsselbegriffe und Kategorien wie Freiheit, Demokratie, Rechtsstaat, Civil society, Chancengleichheit oder Fortschritt, die von der triumphierenden Meinung genannt werden, um die bestehenden Verhältnisse zu legitimieren bzw zu verherrlichen, haben herzlich wenig gemeinsam mit ihrem ursprünglichen Sinn. Was in Wirklichkeit waltet ist Dresssur, strukturelle und sachliche Gewalt, Normierung und Disziplinierung auf allen wichtigen Ebenen.

Nicht Selbst-, sondern Fremdbestimmung ist das übliche Los des Menschen der Warengesellschaft. Und das gilt auch für die führenden Schichten, die sich einbilden, unabhängig und selbstgesteuert zu sein. Niemand ist heute frei. Auch die mächtigen Herren, die an der Spitze der Politik und der Wirtschaft stehen, sind Knechte desselben Systems geworden, das sie geschaffen haben. Denn gerade unter ihnen herrscht mit besonderer Härte der Hobbesche Krieg aller gegen alle. Sie sind Knechte in zweifacher Hinsicht: Knechte ihrer unersättlichen Hab-und Machtgier und Knechte der Angst, ihre privilegierte Stellung anderen überlassen zu müssen. Wenn man sie mit den ethischen Prinzipien der philosophia perennnis misst -und das ist was ich hier genau tue- kann man nichts anderes tun sie als bedauernswerte Geschöpfe zu betrachten. Sie haben alles, nur nicht die innere Ruhe, die jedes wahre Glück voraussetzt. Auch und gerade in dieser Hinsicht leben sie im Zustand der Heteronomie, für die Stoiker das schlimmste Übel, das einem Menschen widerfahren kann. Was ihre Siegesallüren angeht, braucht man sich nur an Sartres Schlussfolgerung zu erinnern: "Nur Schweinehunde glauben, gewonnen zu haben"(5). Sokratisch-platonisch ausgedrückt: in einer Welt wie der unseren, die weitgehend aus Willkür, Ungerechtigkeit, Unterdrückung und Niedertracht besteht, kann es nur Verlierer, keine Sieger geben.

Bereitschaft zur selbstkritischen Prüfung gehört nicht gerade zur Gesinnung der Machteliten. Deshalb ändert sich nichts Substantielles, deshalb macht man munter weiter, deshalb wartet die Welt vergebens auf einen Neuanfang, auf einen Paradigmenwechsel. Nicht eine Metathésis in fruchtbarem Sinn ist das Zeichen der Zeit, sondern beharrliche Kontinuität. Business as usual zu betreiben hat unbedingt absolute Priorität, auch dann, wenn dieser Grundsatz nur auf Kosten des Unglücks vieler Menschen aufrechterhalten werden kann. Die unzähligen Think tanks, wissenschaftliche Zentren und technologische Research Institutes, die heute weltweit tätig sind, arbeiten ausschliesslich zum Wohle der führenden Staaten und ihrer Grosskonzerne, nicht für die Bedürfnisse der Menschheit. Wir leben gewiss in einer dynamischen Zivilisation, und in dieser Hinsicht hat Peter Sloterdijk zu Recht sie als eine "kynetische Weltreligion" bezeichnet (6). Wenn man aber nach dem menschlichen, moralischen, geistigen und sozialen Inhalt dieser Kynetik fragt, stellt man unschwer fest, dass sie in dieser so entscheidenden Hinsicht aus reiner Inertia oder gar aus Regression besteht. Und es kann nicht anders sein, weil es sich um eine Kynetik handelt, die sich ausschliesslich nach den Gesetzen und Interessen des Machtkartells richtet und nichts weiter als eine Reproduktion des immer Gleichen ist, also um pure Statik.


Das Elend der Welt

Als den wichtigsten Tatbestand der gegenwärtigen Epoche müssen wir das Leiden und den Schmerz der unzähligen Menschen nennen, die von der Willkür und Ungerechtigkeit des Systems zu einem unwürdigen Dasein verurteilt werden. Die damnés de la terre, in deren Namen Franzt Fanon vor sehr langer Zeit seine leidenschaftliche Stimme gegen die Industrienationen erhob, existieren nicht nur weiter, sondern haben nicht aufgehört, sich zu vermehren.

Diese Tragödie spielt sich in einem Zeitalter ab, das mit allen technischen Mitteln ausgestattet ist, um jede materielle Not auf der Erde mühelos zu beseitigen. Nicht aus Mangel an Produktionsressourcen müssen unzählige Menschen hungern und ein unwürdiges Dasein fristen, sondern aus Mangel an Scham seitens des Grosskapitals und der führenden Industrienationen. Hergestellt werden an erster Stelle die Waren, die der Bereicherung der Aktionäre und führenden Manager der Grosskonzerne und Grossbanken dient, nicht die Güter, die dem Elend der unterprivilegierten Massen in der Dritten aber auch in der Ersten Welt ein Ende setzen würden. Die immer rücksichtsloser werdende globalisierte Marktwirtschaft ist eine eiskalte Maschine, die keine anderen Gesetze kennt als Absatz und Profit.

Wir sind Zeuge einer der verheerendsten und schamlosesten Umwertung aller Werte, die die Weltgeschichte je gekannt hat. Völlig zu Recht schrieb Paul Celan an seinen Freund René Chair nach dem Tode von Albert Camus, dass unsere Zeit, "die Zeit des Anti-Menschlichen ist", le temps de l'anti-humain (7). Aber genauso zutreffend war die Schlussfolgerung von Camus selbst: "Jedes aufs Geld ausgerichtete Leben ist ein Tod"(8). Tod muss hier in zweifacher Hinsicht verstanden werden: der physische Tod der Unglücklichen, die aus Hunger und materieller Not zu Grunde gehen und der seelische Tod der Verursacher dieses Genozid in Weltausmass. Denn Menschen, die kaltblütig und ohne jegliche Bedenken oder Gewissensbisse Tag für Tag ihre Macht und ihren Einfluss benutzen, um andere Menschen zu unterdrücken, auszubeuten und zu demütigen, sind seelenlose Individuen geworden, Seele hier im platonischen Sinn gemeint, als dem Sitz der Tugend, der Gerechtigkeit und der moralischen Erhebung. Und das schlimmste dabei ist, dass sich der Verlust dieser Werte auf die ganze westliche Gesellschaft ausgedehnt hat, wie die grosse Theologin Dorothee Sölle vor einigen Jahren feststellte: "Zwar ist das physische Elend in den reichen Ländern im wesentlichen aufgehoben, aber durch neuartiges psychisches Elend ersetzt"(9).

Man hat in den letzten Jahrzehnten nicht nur seitens Hans Jonas vom Prinzip Verantwortung bis zum Überdruss gesprochen. Aber dieser von den Medien und den Bildungsbürgern so hoch geschätzte Aufruf zur Verantwortung ist unverbindliche Rhetorik geblieben. Dieselben Politiker und Wirtschaftsbosse, die sich bei ihren öffentlichen Auftritten dieses Mottos bedienen, sind die ersten, die sich nicht an ihren Inhalt halten und weiter wie bisher (oder noch schlimmer) machen. Verantwortungslosigkeit ist das Zeichen ihres Tuns und Waltens, nicht Sorge um die Menschheit.

Schuldig will sich freilich keiner fühlen, weder die führenden Schichten noch die grosse Zahl von Durchschnittsbürgern, die auch von der Ausbeutung und Benachteiligung der Regionen des Südens durch das Imperium Nord auch profitieren. Wenn dieses Thema zur Sprache kommt, entlastet man sich von jeder Schuld und jeder Verantwortung in dem man auf die Sachzwänge und unumkehrbaren Strukturen des Weltganzen verweist. So lautet ungefähr die Rechtfertigungslogistik des Westens. Am Ende ist man fast ein Opfer, kein Täter mehr.


Resignation

Die Menschen haben sich im ganzen daran gewöhnt, sich mit dem bestehenden Elend abzufinden, sowohl mit dem allgemeinen wie mit dem eigenen. Auch wenn nicht wenige von ihnen auf eigene Faust oder zusammen mit anderen sich sozialpolitisch oder andersartig engagieren und sich für eine bessere, humanere Welt einsetzen, bleiben sie eine Minderheit gegenüber der grossen Masse, die tatenlos und resigniert den Verlauf der Dinge hinnimmt. Die heldenhafte Gestalt des "Homme révolté", der Albert Camus in den 50er Jahren die Ehre erwies, gehört seit langem zur Vergangenheit, zumindest in den Ländern der Ersten Welt. Konformismus und Anpassung um jeden Preis ist die überwiegende Haltung der heutigen Homo consumens der westlichen Gesellschaft, nicht Widerspruch und Widerstand. Wiedereinmal bestätigt sich die kritische Einschätzung von Pierre Bourdieu: "Die Beherrschten sind immer viel resignierter als die Volksmystik glaubt"(10). Die meisten Menschen haben sich daran gewöhnt, die von ihnen empfundene Empörung oder Frustration zu verinnerlichen, anstatt zu versuchen, diesen ungemütlichen und selbstzerstörerischen Seelenzustand gegen die eigentlichen Verantwortlichen und Schuldigen zu richten. Es gab auf jeden Fall wenige Epochen, in denen es so leicht und komfortable war zu regieren wie in der jetzigen Welt.


Ausgebliebene Emanzipation

Spätestens seit Platons Politeia bilden die Emanzipationstheorien einen festen Bestandteil des universalen Denkens. Zu dieser Tradition gehört an erster Stelle der mittelalterliche Chiliasmus (auch Millennarismus gennant) und seine eschatologisch-soteriologische Vision eines tausendjährigen Reichs Gottes auf der Erde. Die Emanzipationstheorien der Moderne stellen insgesamt die säkularisierte Fassung dieser Heilserwartungen dar. Es ist kein Zufall, dass viele ihrer Vertreter Theologen von zu Hause aus waren –wie Tomasso Campanella, Thomas Morus und Johann Amos Comenius- oder dem Christentum nahe standen, wie Saint-Simon, Fourier oder Wilhelm Weitling. Aber selbst diejenigen unter ihnen, die sich offen zum Atheismus bekannnten, wie Proudhon, Marx, Engels, Bakunin oder Kropotkin, taten nichts anderes als die messianische Vorstellungen des Chiliasmus in innerweltliche und materialistische Begriffe zu übersetzen. Trotz ihres antirreligiösen und antiklerikalen Inhalts waren ihre Bücher im Grunde auch Gebetsbücher, sie selbst tief fromme Menschen.

Die modernen Emanzipationsideologien haben sich insgesamt –genauso wie der Chiliasmus- als weltfremd und unerfüllbar erwiesen. Der reale Verlauf der Weltgeschichte hat unmissverständlich gezeigt, dass die Menschen, auf denen die Verkünder des Fortschritts und der Revolution ihre Hoffnungen setzten, nicht unbedingt und nicht immer bereit waren oder den Mut hatten, diese Hoffnungen in die Tat umzusetzen. Die Geschichte der letzten 250 Jahre ist zweifelslos reich an Heroismus, Seelengrösse, Opferbereitschaft und andere edle Tugenden gewesen, aber noch reicher an Kleinmut, moralischer Niedertracht, kollektiver Hysterie und Brutalität. Dies erklärt weshalb es im Ganzen ein verfehltes Geschichtsstadium gewesen ist, eine negative Bilanz, die auch und insbesonders für die Revolution gilt. Oder wie John Holloday in seinem neuesten Buch nüchtern feststellt: "Die alten revolutionären Gewissheiten sind vergangen. Wir können nicht mehr voller Zuversicht herumposaunen, dass unser Sieg unvermeidlich ist"(11).

Nicht minder unrealistischer als Leibniz' Theodizee hat sich die Anthropodizee erwiesen, die von der idealististisch ausgerichteten Theorie in den letzten zwei bis drei Jahrhunderten entworfen wurde. Pelagiusismus in welcher Fassung auch immer, wird stets eine einseitige Konzeption des Menschen bleiben. Offensichtlich ist auf jeden Fall, dass der Durchschnittsmensch anfälliger für Irrationalismus und Destruktivität ist, als die erbauliche Denkkonstruktionen der Aufklärung und der sozialrevoluionären Ideologie angenommen hatten. Und das trifft auch für heute zu.

Aus dieser Erkenntniss aber den Schluss zu ziehen, dass das Ringen um eine humanere, gerechtere Weltordnung sinnlos geworden sei, wäre grundfalsch. Werte wie Menschlichkeit, Solidarität oder Güte behalten auch dann ihre Berechtigung, wenn sie überall mit Füssen getreten werden, wie es heute überall der Fall ist. Oder in der philosophischen Sprache Nicolai Hartmanns ausgedruckt: "Das Ansichsein der Werte besteht unabhängig von ihrer Verwirklichung"(12). Mehr noch: je brutaler eine Gesellschaft ist, desto sinnvoller wird sein, sich gegen diesen Zustand einzusetzen. Wahrheit bleibt auch dann Wahrheit, wenn sie sich zahlenmässig in der Minderheit befindet. Anders zu denken ist blanker Relativismus.


Was feht

Der waltende Zeitgeist tendiert dazu, die Werte und Eigenschaften im Keim zu ersticken, die gerade unerlässlich wären, um den heillosen Zustand zu überwinden, in dem sich die Welt insgesamt befindet. Und das erste, was fehlt, um Widerstand gegen die herrschende Sinnlosigkeit zu leisten, ist eine Kultur der Gemeinschaft, die nicht zufällig auch die Kultur ist, die dem System am meisten unwillkommen sei und der es durch die Unkultur des Konsums entgegentritt. Was ihn interessiert und was er mit allen Mitteln fördert ist einzig und allein die Ideologie des Partikularismus; deshalb preist er immer wieder die Privacy und den Individualismus als die erstrebenswertesten Güter an, also jene Haltungen und Ansichten, die den Einzelnen von seinen Mitmenschen entfernt.

Wir leben in einer Massengesellschaft, aber die meisten Menschen sind einsame und beziehungslose Monaden geworden. Entsprechend leben wir in "einer Welt ohne Nächste", wie vor Jahren Paul Ricoeur feststellte(13). Es gibt ein anonymes Publikum für alle möglichen Veranstaltungen und Events, aber kein Gemeinschaftsgeist, der diesem Namen würdig wäre. Es fehlt die Dimension der communio und der re-ligio in ihrem ursprünglichen Sinn, das, was der italienische Sozialtheoretiker, Philosoph und Humanist Dario Renzi in seinen zwei letzten Büchern Comunanza genannt hat, ein Begriff, den man in deutsch als Zusammengehörigkeitsbewusstsein übersetzen kann (14). Die Menschen scheinen vergessen zu haben, dass Sein immer Sein mit Anderen ist, Bindung an sie. Daher die Abwesenheit einer kollektiven Bereitschaft, sich gegen die bestehenden Verhältnisse zur Wehr zu setzen.

Der Mitmensch hat aufgehört zu existieren. Er wird entweder als eine Abstraktion oder als Rivale betrachtet, der der eigenen Selbstförderung im Wege steht. "Zu wissen (von ganzer Seele zu wissen!), dass der Andere wirklich existiert, dies ist das Kostbarste und Begehrenswerteste" (15). Dieses rührende Bekenntnis zum Nächsten, das Simone Weil in ihren Exil-Aufzeichnungen zum Ausdruck brachte, steht im krassen Kontrast zur heutigen herrschenden Ich-Verabsolutierung. Ähnliches gilt für die intersubjektive Philosophie Emmanuel Lévinas und der vor ihm von Martin Buber entwickelten Ethik des "Ich-Du". Es fehlt die Kultur der gegenseitigen Hilfe und der Solidarität, die es in bestimmten Phasen der Weltgeschichte gegeben hat, jene Phasen in denen es darum ging, gemeinsame Tragödien auch gemeinsam zu meistern oder Unterdrückung und Unmenschlichkeit wiederum gemensam zu bekämpfen. Auch und gerade in der spätkapitalistischen Gesellschaft hat sich der mittelalterliche Nominalismus als die stärkste Ansicht durchgesetzt: der Begriff des Universalen oder Allgemeinen ist eine Fiktion oder blosse nomina, das einzige, was zählt, ist das Individuum. Der grosse Verlierer der Weltgeschichte ist Platons Idealismus und seine These, dass das einzig Wahre das Gute ist.


Transzendenzlosigkeit

Das gegenwärtige Zeitalter zeichnet sich unter anderem durch den Versuch aus, die Dimension der Transzendenz aus dem Bewusstsein des Menschen zu entfernen. Das System gibt sich nicht zufrieden mit der Beherrschung der materiellen Welt; es will darüber hinaus die Beherrschung der geistig-spirituellen Sphäre dazu gewinnen. Zu diesem Zweck hat es den Utilitarismus, den Pragmatismus, den Positivismus und den Behaviorismus hervorgebracht und sie als einzig sinnvolle und in Frage kommende Denk- und Daseinsoption erklärt. Die Hegemonie dieser Ideologien hat die Welt in eine axiologische Wüste verwandelt, dessen erste Zeichen die Liquidierung jeglicher Form von Transzendenz ist. Nicht auf eine Erhöhung, sondern auf eine Verflachung der persönlichen und gesellschaftlichen Verhältnisse läuft alles hinaus. Der Durchscnittsmensch der Waren-und Konsumgesellschsaft hat sich für das Unwesentliche gegen das Wesentliche entschieden, dem Überflüssigen anstatt dem Sinnvollen den Vorzug zu geben, das Banale anstelle des Transzendentalen gewählt.

Die ontologisch-existentiale Kategorie der Transzendenz wird im allgemeinen im metaphyisischen und religiösen Sinn verstanden; sie schliesst aber auch den Bereich der Ethik ein, wie uns vor allem die griechische Philosophie beigebracht hat. Deshalb ist sie auch für nichtgläubige Menschen zugänglich. In dieser letzteren Auslegung bedeutet sie, sich nach einer Ordnung zu sehnen, die auf sozialer Gerechtigkeit und zwischenmenschlicher Eintracht begründet ist. Tranzendenz im gegenwärtigen Kontext verstehen wir als einen Akt der Befreiung gegenüber dem waltenden Empirismus und seinem Drang, die niedrigsten und vulgärsten Triebe des Menschen zu fördern und damit ihn zu einer gefügigen, robotisierten Konsummaschine herabzusetzen.

Es gilt, sich gegen diesen Domestikationsprozess zur Wehr zu setzen und sich die transzendentale Dimension nicht entreissen zu lassen, die potentiell in jedem Menschrn vorhanden ist. Erst die Besinnung auf diese ontologischen und erkenntnistheoretischen Wurzeln wird der gegenwärtige Mensch in die Lage versetzen, sich selbst zu finden und von der herrschenden Ideologie zu befreien. Sich ideale Welten vorzustellen ist ein angeborener Wesenszug des Menschen, gehört konstitutiv zu seinen natürlichen Anlagen. Dass er dabei dem Risiko ausgesetzt ist, Opfer überzogener und weltfremder utopischer Projektionen zu werden, haben wir oben festgestellt, als wir von den misslungenen Emanipationsbestrebungen des Chiliasmus in seiner sowohl religiösen wie säkularisierten Fassung sprachen. Es wäre aber unlogisch und borniert, das Bedürfnis nach Transzendenz zu unterdrücken, nur weil diese Haltung in der Vergangenheit zu wiederholten Enttäuschungen und Niederlagen geführt hat. Davon abgesenen, es gehört zum Schicksal des Menschen, sich immer wieder zu irren und dieselben oder ähnlichen Fehler seiner Vorfahren zu wiederholen. Ungeachtet dieser sich immer bestätigte Erfahrung, wird der Mensch nie aufhören, sich Illusionen über die Zukunft zu machen. Was von nüchternem, skeptischem oder selbstkritischem Verstand als zügellose Phantasiebilder abgetan wird, entspricht einem der zentralen Aspekte der anthropologischen Beschaffenheit des Menschen. Nichts anderes meinte Antonio Gramsci, als er in seinen "Gefängnisheften" notierte: "Die Möglichkeit ist nicht die Wirklichkeit, aber auch sie ist eine Wirklichkeit"(16). Man muss aber gleich hinzufügen, dass diese schöpferische Einbildungskraft immer Gefahr läuft, in falsche Bahnen gelenkt und instrumentalisiert zu werden. Das ist genau, was das zeigenossische Denken weitgehend geschaffen hat: das Bedürfnis nach Transzendenz durch billige Surrogate wie Mammonkult, Erfolgsfetichismus, Wille zur Macht und billigen Hedonismus zu ersetzen.

Angesichts dieser trostlosen Situation scheint mir naheliegend, die Worte in Erinnerung zu bringen, die Marx Horkheimer 1940 zu Papier brachte und dessen Aktualität ich nicht zu unterstreichen brauche: "Wir müssen dafür kämpfen, dass die Menschheit durch die grauenvollen Ereignisse der Gegenwart nicht gänzlich entmutigt wird, dass der Glaube an eine menschenwürdige, friedliche und glückliche Gesellschaft nicht von der Erde verschwindet"(17).


Anmerkungen

(1) Erich Voegelin, "Die Krise. Zur Pathologie des modernen Geistes", herausgegeben von Peter J. Opitz, München 2008

(2) Robert Picht, "Hier und Jetzt. Philosophieren nach Auschwitz und Hiroshima", S. 8,

(3) Robert Picht, "Der Begriff der Natur und seine Geschichte", S. 38, Stuttgart 1989

(4) Adorno, "Minima Moralia", in: Gesammelte Schriften, Band 4, S. 68, Frankfurt 1980

(5) Jean-Paul Sartre, "La nausée"

(6) Peter Sloterdijk, "Eurotaoismus. Zur Kritik der politischen Kynetik", S. 42, Frankfurt 1989

(7) Paul Celan/ Gisèle Celan-Lestrange, "Briefwechsel", 2. Band, S. 112, Frankfurt 2001

(8) Albert Camus, "Tagebücher 1935-1951", S. 175, Reinbek 1974

(9) Dorothee Sölle, "Wählt das Leben", S. 57, Stuttgart 1980

(10) Pierre Bourdieu, "Méditations pascaliennes", S. 273-274, 1997

(11) John Holloday, "Kapitalismus ausbrechen", S, 85, Münster 2010

(12) Nicolai Hartmann, "Ethik", 4. Auflage, S. 161, Berlin 1962

(13) Paul Ricoeur, "Geschichte und Wahrheit", S. 115, München 1974

(14) Dario Renzi, "La comunanza" und "L'humanesimo della comunanza rivoluzionaria", beide in Prospettiva Edizioni erschienen, Rom 2007 und 2011

(15) Simone Weil, "Zeugnis für das Gute", S. 156, Olten 1976

(16) Antonio Gramsci, "Gefängnishefte", 6.Band, S. 1341, Hamburgt 1994

(17) Max Horkheimer, "Die gesellschaftliche Funktion der Philosophie", Frankfurt 1974

   

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