XXXII. Jahrgang, Heft 162
Jan - Apr 2013/1

 
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Letzte Änderung:
23.3.2013

 
 

 

 
 

 

 

WEITLÄUFIGE WELTBILDER

Der Befreiungsprozeß
Von Heleno Saña

   
 
 


1. Gleichheit und gegenseitige Hilfe

Der Mensch ist heute nichts, es geht darum, eine humane Welt aufzubauen, in der er alles wird.
Unter dem Begriff des Humanen verstehen wir eine Wertauffassung, die von der Gleichwertigkeit des Menschen ausgeht und entsprechend jede Verletzung dieses Prinzips als einen Gewaltakt betrachtet. Während die bürgerliche Philosophie den Wert des Einzelnen nach seiner Leistung bzw. seinem Marktwert beurteilt, behaupten wir, daß jeder Mensch von Natur aus und unabhängig von seiner Leistungsfähigkeit ein vollwertiges Wesen ist und ihm das Recht auf Achtung und Rücksicht seiner Mitmenschen zusteht.
Die Ansicht, daß Individuen, die mehr als andere leisten, auch wertvoller sind, gehört zu den typischen Spießer-Wertvorstellungen, die die bürgerliche Ideologie des Strebertums hervorgebracht hat. Die Kategorie des Menschseins ist ein Absolutum, das von keiner gesellschaftlichen Konvention aufgehoben oder angetastet werden darf. Freilich sind die Menschen in ihren Anlagen und Begabungen ungleich geartet, und trotzdem sind sie alle, kraft ihrer “conditio humana”, grundsätzlich ebenbürtig. Deshalb sollten die Menschen, wie Belinski forderte: “Brüder sein und einander auch nicht einmal durch den Schatten irgendeiner äußerlichen, formalen Überlegenheit kränken” (Phil. Schriften). Ebenso sollten wir uns an die Worte, die George Sand an einen ihrer Freunde schrieb, halten: “Ich werde dir sagen, daß das Gesetz der Gleichheit das erste und unveränderliche Moralgesetz ist, das mein Geist immer erkannt hat.” Wie weit sind wir heute von dieser edlen Einstellung entfernt! Deshalb bleibt die von Babeuf angestrebte “République des Egaux” (Republik der Gleichgestellten) weiterhin ein fundamentales Ziel des Befreiungsprozesses.
In einer brutalisierten Gesellschaft wie der unseren besteht die dringendste Aufgabe darin, die überall herrschende Gewalt abzubauen. Friedrich Schorlemmer: “Das Recht des Stärkeren ... ist in einer permanenten Kulturleistung zu überwinden durch die Stärke des Rechts” (Tapferkeit für den Freund). Dieses Anliegen erfordert eine aktive und unermüdliche Friedenspolitik, die entschlossen gegen jede Form von Gewalt auftritt, auch gegen jene Gewalt, die sich als “humanitär” maskiert. Volkmar Deile, Generalsekretär der deutschen Sektion von Amnesty International hat es so ausgedrückt: “Menschenrechts-Arbeit ist kriegsverhindernd und friedensfördernd. Militärische Gewaltandrohung und -anwendung gehört nicht zu ihren Mitteln.”
Die jetzige soziale Not zu bewältigen, bleibt an anderes, unverzichtbares Anliegen. Es muß aus spontaner Solidarität mit den Notleidenden motiviert werden, aber auch aus der Erkenntnis heraus, daß, solange ganze Völker aus nackter Not zugrunde gehen, es keine befriedete Welt geben kann. Die Menschheit braucht einen weltumspannenden Sozialplan, der ein menschenwürdiges Dasein für jeden Einwohner der Erde garantiert und Schluß mit dem gegenwärtigen Elend macht. Um dies in die Tat umzusetzen, braucht man keine großen Theorien und Programme. Man braucht nur zu verstehen, daß jeder Mensch das unveräußerliche Recht auf eine Bleibe, einen Arbeitsplatz, eine angemessene Ausbildung und eine gesicherte Umwelt hat. Und das weiß jeder, an erster Stelle die Manager, Politiker und sonstigen Machtverwalter, die die Welt in die jetzige Sackgasse geführt haben.
Wenn dies nicht verwirklicht wird, werden wir alle früher oder später vor die Hunde gehen, auch die Industrienationen, die sich noch einbilden, sie könnten sich den Luxus leisten, ein privilegiertes Dasein zu führen, während an der riesigen Peripherie des Planeten die Parias und Entrechteten in Elend und Verzweiflung verkümmern. Man kann Dorothee Solle nur zustimmen: “Befreiung ist nur als Befreiung aller möglich” (Politische Schriften). Wenn die Armutssintflut weiter steigt, wird es auch für die Reichen keine rettende Arche Noah geben.
Ein Weg für einen weltweiten Hilfsplan könnte die Gründung eines sozialen Überlebensdienstes sein, wie der Friedensforscher Hans-Eckehard Bahr auf einer Tagung der Evangelischen Akademie Sachsen-Anhalt und Tutzing Anfang Mai 1993 für Osteuropa vorschlug. Modelle dafür könnten Organisationen wie Sühnezeichen, Greenpeace und andere sozialökologisch ausgerichtete Initiativen sein. Aber dies sind nur minimale Optionen. Das Endziel bleibt die Überwindung aller Formen des Unrechts, der Exploitation und des Elends, die die Herrschaft der Bourgeoisie verursacht hat.
Wohl bemerkt: Es geht nicht nur darum, die Menschen zu ernähren und ihnen ein materielles Einkommen zu sichern. Genauso unerläßlich ist es, ein Gesellschaftsmodell zu schaffen, in dem jeder Einzelne die Chance bekommt, an den Belangen des Gemeinwesens als aktives und selbstverantwortliches Subjekt teilzunehmen, nicht lediglich als Befehlsempfänger, wie es heute der Fall ist. Denn unerträglicher als materielle Not ist die demütigende Erfahrung, dem Willen anderer ausgeliefert zu sein und nicht die Möglichkeit zu haben, sich als freier, integraler Mensch entfalten zu können. Dieses Ziel kann innerhalb des bürgerlich-kapitalistischen Systems überhaupt nicht oder nur in Ansätzen verwirklicht werden. Seine Umsetzung in die Praxis ist nur im Rahmen eines Gesellschaftsvertrags zu bewerkstelligen, der auf der Grundlage der genossenschaftlichen Kooperation, der Selbstverwaltung und der gegenseitigen Hilfe strukturiert ist. Nur unter diesen Voraussetzungen wird es möglich sein, die gegenwärtige Diktatur des Kapitals, des Marktes und des Klassenstaates aufzuheben und neue Formen der Produktion, der Distribution und der gesamtgesellschaftlichen Praxis einzuführen, die eine fruchtbare und sinnvolle Entfaltung sowohl des Individuums wie des sozialen Organismus fördern. Dazu gehören u.a. eine weitgehende Deprofessionalisierung der staatsbürgerlichen Funktionen, die Abschaffung jeglichen Machtmonopols und aller Entscheidungsprivilegien. Nur unter solchen Bedingungen wird es möglich sein, eine autoritätslose, sich selbst steuernde Gesellschaftsordnung herbeizuführen.
Sozialismus also? Wenn, dann einer, der sich an die humanen Wurzeln dieser Doktrin hält und die Deformationen und Fehler des sogenannten Realsozialismus vermeidet. Oder glaubt man, daß der Sozialismus tot sei, weil ein paar Generationen irregeleiteter und autoritär gesinnter Berufsrevolutionäre und Apparatschiks aus ihm ein Zerrbild machten? Was wir mit Sozialismus meinen, ist die Herstellung eines Gleichgewichts zwischen dem Recht des Einzelnen auf Selbstbestimmung und den Bedürfnissen der gesellschaftlichen Totalität, oder was auf dasselbe hinausläuft: das Gebot der sozialen Gleichheit mit der individuellen Kategorie des Nichtidentischen in Einklang zu bringen. Daß dies nie ein konfliktfreier und abgeschlossener Prozeß sein kann, darüber sollte Einverständnis herrschen.
Eine Gesellschaft beginnt unmenschlich und totalitär zu werden, wenn sie Bereiche des Partikulären usurpiert, die zum Entscheidungsraum des Einzelnen gehören. Keine Ideologie besitzt das Recht, dem Individuum zu diktieren, wie es sein privates Leben gestalten muß und welches Modell der Selbstverwirklichung es zu wählen hat. Man kann erst von einer humanen und freiheitlichen Gesellschaft sprechen, wenn der Einzelne nicht gezwungen ist, für jeden Akt, den er vollzieht, dem Kollektiv Rechenschaft abzulegen, wenn das Subjekt nicht ständig von den Kontroll- und Lenkungsmechanismen des Gemeinwesens eingekreist ist, eine Voraussetzung, die bereits Kant klar erkannte: “Niemand kann mich zwingen, auf seine Art (wie er sich das Wohlsein anderer Menschen denkt) glücklich zu sein, sondern ein jeder darf seine Glückseligkeit auf dem Wege suchen, welcher ihm selbst gut dünkt, wenn er nur der Freiheit anderer, einem ähnlichen Zwecke nachzustreben ... nicht Abbruch tut.”
Das Recht auf persönliche Selbstbestimmung kann freilich niemals uneingeschränkt sein und keine Rücksicht auf die kollektive Selbsterhaltung nehmen. Insofern muß jedes Mitglied der Gesellschaft - auch in der möglichst freiesten - bestimmte Formen des Verzichts, der Fremdbestimmung und des Zwangs in Kauf nehmen. Ein Freiheitsbegriff, der nur die Rechte und Belange des Einzelnen berücksichtigt, entspricht eben der Auffassung, die in der bürgerlichen Gesellschaft herrscht und die letztendlich immer zur Unterdrückung der Schwächeren durch den Stärkeren führt. Es gibt keine totale Selbstbestimmung des Einzelnen, sie ist immer in enger Bindung und Wechselwirkung mit den Erfordernissen der Gesellschaft zu verstehen. Nur kleinbürgerliche oder anmaßende Ich-Menschen können im Ernst davon ausgehen, sie hätten das Privileg, die Vorzüge des Gemeinwesens in Anspruch zu nehmen und dennoch ihm jede Solidarität zu verweigern.
Das Reich der Freiheit ist kausal mit dem Reich der Notwendigkeit verbunden. Deshalb kann sich der Einzelne nie als uneingeschränktes Lustprinzip verwirklichen. Seine Eingliederung in die Gesellschaft läßt sich nicht ohne einen gewissen Grad an Triebverzicht realisieren. Sich anderes vorzustellen ist infantiles und weltfremdes Wunschdenken, reine Ideologie. Die Ansicht Fouriers, daß gesellschaftliche Praxis und Lebensgenuß sich konfliktlos verwirklichen lassen, ist in einer stark arbeitsteiligen Gesellschaft nur bedingt durchführbar. Das gilt auch für die Marxsche Vorstellung einer Gesellschaft, die “mir eben möglich macht, heute dies, morgen jenes zu tun, morgens zu jagen, nachmittags zu fischen, abends Viehzucht zu treiben, nach dem Essen zu kritisieren, wie ich gerade Lust habe, ohne je Jäger, Fischer, Hirt oder Kritiker zu werden” (Deutsche Ideologie).
Zu behalten wäre: Genauso wie das Individuum dazu tendiert, sich auf Kosten der Gesellschaft zu realisieren, neigt der Staat dazu, das Individuum zu bevormunden. Daher muß jedes emanzipatorische Denken danach streben, einen Gesellschaftsvertrag herbeizuführen, in welchem die Fremdbestimmung des Einzelnen auf ein Mindestmaß beschränkt bleibt, genauso auf das Minimum, das die Gesellschaft braucht, um als funktionsfähiges und zusammenhängendes Ganzes zu bestehen.

2. Eine neue Gemeinschaft
Der Mensch hat sich im Zuge seiner Entwicklung als bürgerliches Subjekt von seinen Mitmenschen entfernt und damit einen gesamtgesellschaftlichen Zustand herbeigeführt, der durch gegenseitige Entfremdung gekennzeichnet ist, wie schon der junge Marx feststellen konnte: “Eine unmittelbare Konsequenz davon, daß der Mensch dem Produkt seiner Arbeit, seiner Lebensfähigkeit, seinem Gattungswesen entfremdet ist, ist die Entfremdung des Menschen von dem Menschen” (Ökonomisch-philosophische Manuskripte).
Die systematische Züchtung unserer Ichbezogenheit hat unsere sozialen Triebe abgestumpft und uns daran gewöhnt, nur an uns selbst zu denken und nur für uns selbst zu sorgen. Nur deshalb bringen wir es fertig, ohne innere Erschütterung die Not der anderen wahrzunehmen. Wir haben uns darüber hinaus daran gewöhnt, den Staat, die Parteien und andere Institutionen für die Unzulänglichkeiten und Katastrophen unserer Zeit verantwortlich zu machen, anstatt uns zu fragen, ob wir selbst nicht mitverantwortlich und mitschuldig an dem Zustand sind. Menschen, die helfen, sind heute eine Minderheit, die Regel sind die Egoisten und Zyniker, die hemmungslos und ohne jeglichen Skrupel sich dem eigenen Glück zuwenden, ohne sich zu fragen, was draußen sonst vorgeht. Das ist das Endprodukt fünfhundert Jahre bürgerlicher Indoktrination.
Der Macht- und Ego-Mensch des bürgerlichen Zeitalters interessiert sich für seine Mitmenschen nur als Spiegelbild für seinen Geltungs- und Exhibitionismusdrang, als Publikum und Objekt seiner Begierden, seines Willens zur Macht und seiner Erfolgssucht. Bereits Kant fiel der “ungesellige” Charakter der Gesellschaft seiner Zeit auf, und er stellte fest, daß der Mensch seine Nächsten nicht “leiden” und dennoch von denen “nicht lassen konnte”. Schon hier ist die zwiespältige Struktur der bürgerlichen Intersubjektivität erfaßt, nur mit dem Unterschied, daß das Ungesellige heute viel ausgeprägter ist als vor zweihundert Jahren.
Es gilt, die von der bürgerlichen Moderne gezüchtete Egozentrik abzulegen und zu zwischenmenschlicher und gesellschaftlicher Nähe zurückzukehren. Und dafür braucht man keine großen Apparate und Organisationen, sondern lediglich den Willen. Wenn dieser vorhanden ist/ dann wird der Einzelne auch Mittel und Wege finden, um sich Zugang zu seinen Mitmenschen zu verschaffen.
Das entsolidarisierte Individuum der Gegenwart ist ein geschichtliches Produkt, keine ewige Erscheinung. Was heute als “summum bonum” gilt - das nur für sich selbst sorgende Subjekt -, galt in früheren Entwicklungsstufen und Zivilisationen als Flucht und Strafe, schon deshalb, weil es die Kategorie des Individuums im heutigen, bürgerlichen Sinn nicht gab. Marx: “Der Mensch vereinzelt sich erst durch den historischen Prozeß. Er erscheint ursprünglich als ein Gattungswesen, Stammwesen, Herdentier ...” (Grundrisse). Es gibt deshalb nichts Lächerlicheres als die von der bürgerlichen Wissenschaft aufgestellte Behauptung, daß die jetzige Form der Ichsucht die einzige Option menschlicher Persönlichkeitsentfaltung ist.
Die Parteinahme für das Gute erreicht manchmal eine gewisse Wirkung, wächst unter Umständen zu einem umwälzenden Ereignis heran. Ideale, die zuerst bei Einzelnen oder kleinen Gruppen entstanden sind, können sich zu Massenbewegungen weiterentwickeln, führen vielleicht zu richtigen Revolutionen oder geschichtlichen Mutationen von epochaler Tragweite. Aber das sind eher die Ausnahmen. Der moralisch engagierte Mensch arbeitet in der Regel unter ungünstigen Umständen und bleibt grundsätzlich einsam und auf sich selbst angewiesen. Darin besteht seine Tragik, aber auch seine Größe. Das ist schwierig, sicher, fast unmenschlich, aber ich kenne nichts Großes, das nicht schwierig wäre. Und außerdem gilt, was Marx an Kugelmann schrieb: “Die Weltgeschichte wäre allerdings sehr bequem zu machen, wenn der Kampf nur unter der Bedingung unfehlbar günstiger Chancen aufgenommen würde.”
Der wahre Rebell handelt auf eigene Verantwortung, er beruft sich nicht auf die öffentliche Doxa, sondern ausschließlich auf das eigene Gewissen oder auf sein Schamgefühl, was ein und dasselbe ist. Und diese Entscheidung kann uns von keiner Ideologie, von keinem geschlossenen Ideensystem und keinem politisch gesellschaftlichen Credo abgenommen werden. Sie ist unsere ureigenste Angelegenheit, das Kierkegaardsche Entweder-Oder, das jeder für sich entscheiden muß.
Die Menschen haben Jahrhunderte hindurch das Heil in Parteien, Massenbewegungen und idelogischen Kollektiven gesucht und geglaubt, daß der Anschluß an solche Mammut-Organisationen genügen würde, um Orientierung zu finden. Andere wiederum taten es, weil sie nicht die Kraft aufbrachten, ihre eigene Individualität zu ertragen, wie der junge Hugo in Sartres “Les mains sales”: “Je suis dans le Parti pour m'oublier”, “ich bin in der Partei, um mich zu vergessen”. Zu welch kläglichen Ergebnissen dieses Verhalten geführt hat, wird nicht zuletzt durch den Bankrott der linken Ideologien und Parteien belegt.
Wenn wir unser Selbst verlassen, um Parteimenschen zu werden, verwandeln wir uns in Träger ideologischer Etiketten und vergessen bald, daß wir an erster Stelle Menschen sind und immer Menschen bleiben sollten. Und weil wir dieses Gebot aus den Augen verlieren und uns hinter abstrakten Apparaten verstecken, finden wir keine Kommunikation mehr mit den Andersdenkenden.
Wir dürfen keiner überpersönlichen, subjektlosen Instanz unsere Verantwortung übertragen, sondern müssen Widerstand gegen die entsolidarisierte Gesellschaft aus eigenem Antrieb leisten, ohne uns zu fragen, was der Nachbar, was der Kollege tut. Zu dieser Haltung gehört auch der Mut, notfalls Einzelgänger zu bleiben, ganz abseits zu stehen, dem Beispiel Hölderlins folgend: “...in brüderlichem Zusammenwirken bestehe das Beste, doch sei es auch herrlich, allein zu stehen, und sich durchzuarbeiten durch die Nacht, wenn es an Kampfgenossen gebreche” (Hyperion).
Solche Bereitschaft zum einsamen Heroismus bedeutet keineswegs, daß die einzig mögliche Form des Kampfes der strikt individuelle Einsatz ist. Im Gegenteil: Unser Engagement muß immer danach trachten, kollektive Formen anzunehmen, Verbündete zu finden, sich in Gruppenarbeit zu artikulieren, schon deshalb, weil dieses Streben den Kommunikationsbedürfnissen entspricht, die jedem höheren Anliegen innewohnen.
Was wir gerade wollen, ist, neue Formen der Gemeinsamkeit möglich zu machen, den Menschen aus seiner heutigen Vereinsamung herauszureißen und aus ihm nicht eine bezugslose Monade werden zu lassen. Widerstand hat Aussicht auf Erfolg nur, wenn wir aus der jetzigen Vereinzelung herauskommen und eine neue “religio” in ihrem ursprünglichen Sinn von “religare” (zusammenbündeln) wieder herstellen. Oder wie Henry David Thoreau meinte: “To cooperate means to put our living together” (Waiden).
Wir haben heute keine Gesellschaft, die diesen Namen verdient. Der gesellschaftliche Raum ist von Individuen besetzt, die nur ein unverbindliches Nebeneinander mit ihren Nächsten unterhalten, kein Mit- und Füreinander, in dem die Menschen “von Angesicht-zu-Angesicht”, aber ohne Kommunion stehen (Lévinas). Es gibt nur Teile ohne das Ganze: die Atomistik Demokrits und Leukipps in spätbürgerlicher Gestalt.
Das Gebot der Stunde ist die Wiederherstellung der Mitmenschlichkeit und der sozialen Bande, aber dieses Anliegen wird nur zu verwirklichen sein, wenn es gelingt, die gegenwärtige aggressionsbeladene und menschenfeindliche Umgangskultur in die Wüste zu schicken und sie durch eine kooperationswillige und gewaltfreie Praxis des Zusammenlebens und der Konfliktlösung zu ersetzen. Das wäre ein entscheidender Schritt, um neue, humane, kommunikationsfähige Formen der Begegnung und des Miteinanders herbeizuführen und das heute herrschende Prinzip des Willens zur Macht nach und nach zu überwinden. Ich denke dabei an eine Kultur der Sanftmut, der Rücksichtnahme, der Mildherzigkeit, der Freundlichkeit und der Ritterlichkeit, ein Hauptwort, letzteres, das, wie “Chevalerie” oder “Caballerosidad” schon an sich eine Weltanschauung beinhaltet und im geraden Gegensatz zu der Härte steht, die die zwischenmenschlichen Beziehungen in unserer Gesellschaft prägt. Denn unter politischer Kultur verstehen wir eine Geisteshaltung, die sich nicht nur, aber insbesondere für die Rechte, die Bedürfnisse und die Nöte der schwachen und hilfsbedürftigen Gruppen der Gesellschaft einsetzt, und das sind alte Menschen, Kranke, Kinder, Jugendliche und oft Frauen.
Es wird auf jeden Fall keine Emanzipation des Menschen geben, ohne das Prinzip der Härte abzubauen, das die Weltgeschichte bisher weitgehend bestimmt hat. Daß eine solche Entwicklung eng mit der Herrschaft des Mannes und der Unterdrückung der Frau und der von ihr verkörperten Werte zusammenhängt, ist hinlänglich bekannt. Höchste Zeit, daß die unsensiblen, hartgesottenen und brutalen Machos, die noch jetzt die Geschicke des Weltgeschehens im wesentlichen diktieren, ihre Macht abgeben und sich der Befreiung der Frau nicht mehr widersetzen. Ich schließe mich der Ansicht Fouriers an: “Der soziale Fortschritt und der Anbruch neuer Epochen vollzieht sich entsprechend dem Fortschritt der Frau zur Freiheit, und der Verfall der Gesellschaftsordnung vollzieht sich entsprechend der Verhinderung der Freiheit der Frau.”

3. Der Kampf geht weiter
Die unmittelbare Niederwerfung der bürgerlich-kapitalistischen Macht ist heute kaum denkbar, nicht nur, weil die Bourgeoisie stark genug ist, um ihre Klassenherrschaft zu behaupten, sondern auch, weil keine artikulierte Gegenkraft sichtbar ist, die ihr ihre Hegemonie streitig machen könnte: die Arbeiterklasse nicht, die Linksparteien und die Gewerkschaften genauso wenig, und die Intelligenz am allerwenigsten. Die Linke leidet seit langem an progressiver Paralyse, die von Marcuse 1966 festgestellte “Stilllegung der Dialektik der Negativität” hat sich nur noch vermehrt, Konformismus ist heute die gängige Haltung der Individuen der Konsumgesellschaft.
Und dennoch: Ich kenne kein System der Unterdrückung, das am Ende nicht den Widerstand der Unterdrückten ausgelöst hätte. Es wäre töricht von der Bourgeoisie, davon auszugehen, daß die Geschichte hierin mit ihr eine Ausnahme machen wird. So privilegiert ist sie nicht, daß sie mit der ewigen Herrschaft auf Erden rechnen kann! Wir sind mit Babeuf der Ansicht, daß man nicht für immer mit der Verachtung des Volkes regieren kann. Es ist zu vermuten, daß sich nicht nur für die Beherrschten schwere Zeiten anbahnen; auch die Herrschenden werden früher oder später die Quittung für die von ihnen erzeugten Mißstände bekommen. Die Bourgeoisie ist nicht die erste Klasse, die die Macht erobert hat, und sie wird nicht die letzte sein, die sie verliert. Wenn es soweit ist, werden die Bourgeois und ihre Helfershelfer sich wundern, wie schnell totgesagte Überzeugungen und Handlungsweisen die Massen ergreifen können. Sie werden erfahren, zu welcher Kraft sich Enttäuschung, Haß und Verbitterung steigern können, wie rasch das Volk von totaler Tatenlosigkeit zu resoluter Aktion übergehen kann.
Unbestreitbar ist; Die Aneignung des Mehrwerts durch das Privatkapital und den bürgerlich-kapitalistischen Klassenstaat wird immer hemmungsloser. Dadurch kehrt jener primitive Verelendungsprozeß zurück, den die bürgerlichen Ideologen voreilig für überwunden erklärt hatten. Die Sozialstaatillusion, Zugpferd der sozialdemokratischen Parteien, hat sich im Zuge der Verhärtung des Klassenstaats als unglaubwürdig erwiesen. Die Arbeitskraft, die die einzige Ware ist, die die Lohnabhängigen besitzen, um im spätkapitalistischen Sozialkrieg überleben zu können, wird immer wertloser, reicht immer weniger, um die laufenden Lebenskosten und -bedürfnisse zu decken. Eine solche Entwicklung kann auf Dauer nicht folgenlos bleiben, sie muß irgendwann zu einer offenen Klassenkonfrontation führen.
Die Arbeiterklasse der westlichen Metropolen hat ein paar Jahrzehnte lang von der Ausbeutung der Dritten Welt und von der Hochkonjunktur beträchtlich mitprofitiert. Damit ist es ziemlich vorbei, die weltweite Krise des Spätkapitalismus, der Rückgang der Profitraten und die Verschärfung der Konkurrenz auf den Weltmärkten haben diesem vorübergehenden Schlaraffenland ein Ende gesetzt. Die Arbeiter, die schon glaubten, den Status gleichwertiger und emanzipierter Bürger erreicht zu haben, werden wieder zu besitzlosen Proletariern, während die Bourgeoisie, die bis vor kurzem die soziale Partnerschaft predigte, ihren alten Kommandoton wieder findet. Die Fiktion der Interessengemeinschaft läßt sich nicht mehr aufrechterhalten, keine semantischen Tricks werden die immer deutlicher zutage tretende Klassenkluft verwischen oder wegzaubern können. Die widernatürliche Ehe zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer ist gescheitert, die Trennung von beiden Kontrahenten ist nur eine Frage der Zeit. Man weiß nur nicht, wie sich die Scheidung vollzieht und wie sie endet.
Ökonomische Krisen bedeuten allerdings keine Gewähr für tiefgreifendes Aufbegehren gegen das System; dazu braucht man eine politisch-historische Reife, die die arbeitenden Klassen heute nicht besitzen. Nach mehreren Jahrzehnten von Mammonkult, bürgerlicher Indoktrination, sozialdemokratischem Kleinreformismus und gewerkschaftlichem Korporativismus steht das emanzipatorische Niveau der Massen ganz unten. Deshalb hat die arbeitende Bevölkerung bis zur Stunde keine adäquate Antwort auf die beginnende Demontage ihres früheren Lebensstandards gefunden, deshalb schwankt sie zwischen Sprachlosigkeit, stiller Wut, vereinzelten Protestaktionen und Angst.
Überdies hat ein Teil der Betroffenen bereits jetzt damit begonnen, sich dem Nationalismus, dem Rassismus und dem Rechtsextremismus zuzuwenden, wie schon einmal in den 20er und 30er Jahren. Aber diese Entwicklung ist weder vorgezeichnet noch endgültig. Denn die Krise des Systems wird nicht nur den Neofaschismus und den rechten Populismus beflügeln, sondern auch die arbeitenden Klassen radikalisieren. Bezeichnend in diesem Zusammenhang ist, daß nach dem Kollaps der realsozialistischen Regime Mittel- und Ost-Europas die Nachfolgeparteien der einstigen kommunistischen Parteien sich im Aufschwung befinden und zu einer starken bis dominierenden Kraft geworden sind, so in Bulgarien, Litauen, Polen, Rumänien, der Tschechei, der Slowakei und nicht zuletzt in Rußland, während der Glaube an die marktwirtschaftlichen Rezepte des Kapitalismus immer schneller schwindet.
Aber vor allem im Westen wird es keine breitangelegte Auseinandersetzung mit dem System ohne einen Hergehenden Selbsterziehungs- und Aufklärungsprozeß der zentralen Schichten der Gesellschaft geben, natürlich nicht von heute auf morgen. Was Anton Pannekoek in seiner Schrift “Weltrevolution und kommunistische Taktik” vor über siebzig Jahren schrieb, gilt noch mehr für heute: “Jahrzehnte werden nötig sein, um in den alten kapitalistischen Ländern den verpesteten lähmenden Einfluß der bürgerlichen Kultur auf das Proletariat zu überwinden.” Ähnlich Trotzki: “Welcher grandiosen Erschütterungen, Reformen und Anstrengungen wird es noch bedürfen, damit der Durchschnittsmensch als Persönlichkeit eine höhere Entwicklungsstufe erklimmt” (Tagebuch im Exil). Die Arbeiterklasse ist auf die Stunde Null ihrer Befreiungsgeschichte zurückgefallen, sie muß von vorne anfangen und Dinge lernen, die sie im Zuge ihrer Integration in die Konsumgesellschaft völlig verlernt und vergessen hat. Vor allem dies: daß sie innerhalb der bürgerlich-kapitalistischen Ordnung immer verknechtet bleiben wird und sich nur durch die Aufhebung des Systems befreien kann.
Wir besitzen kein ideales Rezept, um das kapitalistische System zur Strecke zu bringen, meinen mit Karl Marx lediglich, daß die Befreiung der Arbeiterklasse nur das Werk der Arbeiterklasse selbst sein kann, was schon im voraus eine Absage an jede Form von geistiger Bevormundung seitens selbsternannter revolutionärer Avantgarden und Eliten impliziert. Insofern teilen wir nicht die Ansicht Kautskys (und Lenins), daß das “sozialistische Bewußtsein von außen in das Proletariat Hineingetragenes” sein muß. Vielmehr stimmen wir mit Frantz Fanon überein: “Es ist vor allem nötig, sich von der sehr abendländischen und sehr bourgeoisen Idee zu befreien, daß die Massen unfähig sind, sich selbst zu führen.” Wir sind ebenso der Meinung, daß Voluntarismus, Maximalismus und blinder Aktionismus nicht die geeigneten Mittel sind, um den Kampf gegen das System zu bestehen. Revolutionäre Ungeduld hat sich immer als kontraproduktiv erwiesen. Die unter hyperradikalen und sektiererischen Feinden des Systems verbreitete Meinung, daß man über Nacht alles verändern kann, führt unausweichlich zur Desillusionierung und schließlich zur Fahnenflucht und zum Renegatentum. Der Geist des Widerstandes besteht nicht nur aus umstürzlerischer Energie, er schließt auch die Fähigkeit zur Geduld ein. Es muß alles reifen, wie die Früchte der Natur gibt es auch für die Revolution einen “kairos”, den man zwar nicht verpassen, aber auch nicht beschleunigen darf.
Der Kampf um eine bessere Welt kann sich allerdings auf keine unfehlbare Rationalität stützen. Er gehört “per definitionem” zum Reich der Kontingenz, verkörpert entsprechend die Kategorie des Ungewissen und Unvorhersehbaren schlechthin. Darin liegen seine Tragik und auch die Erklärung für die häufige Erfahrung des Scheiterns. Die Kampfbedingungen sind zudem nicht immer die gleichen, so daß Methoden, die in einer bestimmten Phase des Widerstands erfolgversprechend waren, sich später als untauglich erweisen oder erweisen können. Aber dies heißt keineswegs, daß die Lehren der Vergangenheit keinen Wert mehr besitzen. Im Gegenteil: Sie bilden einen Fundus an theoretischer und praktischer Erfahrung, der noch jetzt eine unverzichtbare Stütze für den Befreiungsprozeß darstellt.
Der von Rosa Luxemburg hoch geschätzte Spontaneitätsfaktor kann in bestimmten Situationen eine wichtige oder gar entscheidende Rolle spielen. Dies bedeutet aber nicht, daß die Revolution so etwas wie eine permanente Improvisation wäre. Trotz der gesellschaftlichen Mutationen und der ständigen Veränderung der Kampfbedingungen gibt es doch eine Kontinuität des Befreiungsprozesses, auch wenn er oft zum Stillstand kommt, wie es in den letzten fünfzig Jahren in der westlichen Welt nach über einem Jahrhundert leidenschaftlichen und erbitterten Klassenkampfes geschehen ist.
Über eines sollte man sich nicht täuschen: Der Klassenkampf ist keineswegs beendet, vieles deutet darauf hin, daß nach mehreren Dekaden partnerschaftlicher Eintracht und Klassenkollaboration wir einer Epoche knallharter und gnadenloser sozialer Auseinandersetzungen entgegensteuern. Klar ist auch, daß der erste Schritt zu einer Verhärtung der Klassenverhältnisse von der Bourgeoisie selbst ausgehen wird. Gerade weil sie eine untergehende, todgeweihte Klasse ist, die es nicht mehr schafft, den kapitalistischen Froduktions- und Reproduktionsprozeß durch halbwegs rationale Mittel zu gewährleisten, wird sie kaum der Versuchung widerstehen, ihr Versagen durch verschärften Druck auf die arbeitende Bevölkerung zu kompensieren. Ihre Machtbesessenheit hat sich nach fünf Jahrhunderten Herrschaft in ihrer Seele so tief eingenistet, daß sie nicht bereit sein wird, zuzugeben, daß die Stunde ihres geschichtlichen Abgangs geschlagen hat. Es wird sich bestätigen, was Marx in einem seiner Briefe in den “Deutsch-französischen Jahrbüchern” feststellte: “Ein brutales Verhältnis kann nur mit Brutalität aufrechterhalten werden.”
Mit Gewalt kann die Bourgeoisie bestenfalls ihre Macht für einen gewissen Zeitraum noch behaupten, keineswegs jedoch sich vor und von ihren Widersprüchen retten. Die Anwendung von Gewalt - einerlei ob institutionelle oder physische - wird im Gegenteil die Widersprüche vertiefen und die Lage der Menschheit noch weiter verschlechtern und aussichtsloser machen.
Sich gegen das bürgerlich-kapitalistische System zur Wehr zu setzen bedeutet nicht nur Widerstand gegen eine Klasse zu leisten, sondern sich für das Überleben der Menschheit einzusetzen. Zum ersten Mal in der Weltgeschichte ist der Kampf gegen die herrschende Klasse ein Kampf gegen die Zerstörung der Natur, der Zivilisation und des Menschen selbst. Die Bourgeoisie verkörpert in zunehmendem Maße den Ungeist des Nihilismus und der Destruktion. Was sie produziert, trägt seit langem die unverkennbare Signatur des Todes. Wenn die Weltgeschichte nicht in einem Trümmerhaufen enden soll, dann wird es höchste Zeit, dieser unheilvollen Entwicklung einen Riegel vorzuschieben. Es gibt kein Ausweichen mehr: Entweder die Menschheit stürzt die Bourgeoisie, oder die Bourgeoisie wird die Menschheit zu Grabe tragen und als einzige Erinnerung ihrer Herrschaft einen Planeten voller Asche hinterlassen.

   

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