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Desillusionierung
Es gibt kaum eine andere Idee, die so viele Erwartungen
und Hoffnungen in den letzten Jahrhunderten erweckt hat, wie die
Idee des Fortschritts. Man muss aber gleich hinzufügen, dass
auch keine andere von dem tatsächlichen Verlauf der Geschichte
so unmissverständlich widerlegt worden ist. Alle Prophezeihungen,
Prognosen und Projekte, die von einer positiven Entwicklung des
Weltgeschehens ausgingen, haben sich mehr oder weniger als unzutreffend
erwiesen. Entsprechend gehört das unglückliche Bewusstsein
zum gängigen Seelenzustand der heutigen Menschen.
Von den Verheissungen und Illusionen, die nach der
Niederlage des Faschismus weltweit entstanden, ist nicht allzuviel
geblieben. Man kann, glaube ich, die Zeit, die zwischen dem Ende
des Zweiten Weltkrieges und der Gegenwart liegt, als eine Zeit der
zunehmenden Desillusionierung bezeichnen. Schon in den fünfziger
Jahren erfasste Samuel Beckett in seinem sowohl einfachen wie genialen
Theaterstück "Warten auf Godot" die Stimmung, die
nach und nach viele oder gar die Mehrheit der Erdbewohner ergreifen
würde. Der vordergründige Glanz der Pax americana, die
Konsumfülle, der "Wohlstand für alle", die Vollbeschäftigung,
die "offene Gesellschaft" und der Wohlfahrtsstaat, hielten
sich nicht allzulange. Der von J.K.Keynes und J.M.Galbraith befürwortete
regulierte Kapitalismus wurde im Laufe der siebziger und achtziger
Jahre durch das von der Chicago School of Economics unter Leitung
von Milton Friedman konzipierte neue Wirtschaftsmodell verdrängt
und ins Abseits gestellt. Und das Rezept des neuen ökonomischen
Credos lautete: deregulierter Kapitalismus, sozialer Abbau, Privatisierung
der öffentlichen Dienste und gnadenloser Wettbewerb an allen
Fronten. Aus dem schönen Traum der "Überflussgesellschaft"
wurde die bittere Mangelgesellschaft, die wir heute haben.
Auch das Ende des Kalten Krieges zwischen den westlichen
Staaten und dem sowjetischen Machtblock brachte nicht die ersehnte
Verbesesserung der Weltverhältnisse, auch wenn für viele
Millionen Menschen Mittel-und Osteuropas diese weltgeschichtliche
Wende die Befreiung vom Joch des kommunitischen Totalitarismus bedeutete.
Aber als freier Bürger mussten sie bald mit denselben oder
ähnlichen existentiellen Problemen und Herausforderungen fertig
werden, die die kapitalistische Gesellschaft ihnen stellte.
Insgesamt sieht die Welt immer düsterer aus.
Wir leben in einer verdinglichten und entfremdeten Welt, in der
der Mensch als solcher immer weniger zählt. Selbstfindung ist
die Ausnahme, innere Zerrissenheit die Regel, ein seelischer Zustand,
der die Zerrissenheit der äusseren Zustände genau wiederspiegelt.
Die Erde hat aufgehört, ein Zuhause für die Menschen zu
sein. Deshalb schwindet immer rascher die Hoffnung auf eine günstigere,
erträglichere Zukunft. An die Stelle des "Prinzip Hoffnung"
von Ernst Bloch ist Hoffnungslosigkeit getreten. Gewisss, die Fehlentwickung
der Weltverhältnisse hindert die Menschen keineswegs, weiter
zu machen, für ihr Wohlergehen zu sorgen und auch Phasen oder
Momente der Zerstreuung, der Freude und der Erfüllung zu erleben.
Aber trotzdem fühlt sich kaum jemand wohl in seiner Haut und
fürchtet, dass diese positiven aber immer kurzlebigeren Erfahrungen
über Nacht ein jähes Ende haben könnten. Diese im
Hintergrund immer latente Unsicherheit erklärt unter anderem,
warum die Zahl der psychischen Krankheiten und der Selbstmorde weltweit
ständig zunimmt.
Harte Zeiten
Die Welt in der wir leben ist das Produkt der übelsten
Traditionen der Menschheit, gehört vollends zu der von Erich
Voegelin vor einigen Jahrzehnten umfassend untersuchte "Pathologie
des modernen Geistes"(1). Das alte klassische Ideal des Wahren,
Schönen und Guten ist durch das Unwahre, Hässliche und
Schlechte weitgehend ersetzt worden. Wir befinden uns inmitten eines
neuen nihilistischen Abschnitts der Weltgeschichte. Alles, was nicht
zum Willen zur Macht, zur Rücksichtslosigkeit, zur Gefühlskälte
und zum Zynismus gehört, wird unterdrückt oder als unzeitgemäss,
naiv und anachronistisch verspottet. Wieder einmal ist es die Stunde
des von Iwan Karamzov verkündeten "alles ist erlaubt".
Robert Picht übertrieb nicht, als er von der "Verfinsterung
der Herzen" auf globaler Ebene sprach (2). Und genauso zutreffend
war seine Aussage über die "mörderischen Mechanismen
der Industriegesellschaft"(3). Jeder, der in der Stunde der
materiellen oder seelischen Not versucht, bei seinen Nächsten
die Wärme, das Verständnis oder die Hilfsbereitschaft
zu finden, die er braucht, um innerlich nicht zu verkümmern,
wird in der Regel nichts anders als stumme Gleichgültigkeit
oder gar offene Feindseligkeit finden, als wäre er Träger
einer ansteckenden Krankheit. Es gibt für den gegenwärtigen
Menschen kaum ein humanes Zuhause mehr; daher das Gefühl, das
Dasein wäre ein alltägliches Exil geworden.
Up to date zu sein heisst heute, sich an das Gesetz
der Stärke zu halten und kein anderes Ziel zu haben, als das,
was Max Horkheimer "Ich-Imperialismus" nannte. Es ist
entsprechend kein geeigneter historischer Zyklus für zarte
und empfindsame Seelen, denn wieder einmal ist der Mensch ein Wolf
für die Menschen geworden. Wer diesem Zustand nicht gewachsen
ist und sich weigert, sich an dem immer gnadenloser werdenden Struggle
for life zu beteiligen, wird von der waltenden doxa als schwach
oder gar lebensunfähig verächtlich eingestuft. In Wirkichkeit
beweist die Haltung dieser Menschen ihre charakterliche Stärke,
ihre moralische Festigkeit und ihr entschiedener Wille, unter keinen
Umständen auf ihre Selbstachtung, ihre Sensibilität, ihre
Liebe zur Wahrheit oder einfach ihrem menschlichen Anstand zu verzichten.
Aber dies ist genau das, was das System nicht will: Menschen, die
nicht bereit sind, sich den triumphierenden Unwerten anzuschliessen.
Der Diskurs der Mächtigen
Der Diskurs der etablierten Macht besteht grundsätzlich
aus Selbstbeweihräuscherung. Entsprechend wird alles, was sie
in Misskredit bringen kann, geleugnet oder heruntergespielt. Adorno:
"Es gehört zum Mechanismus der Herrschaft, die Erkenntnis
des Leidens, das sie produziert, zu verbieten"(4). Es ist auch
die Welt der doppelten Moral, der offenen oder verkappten Lüge,
des Scharlatanentums und des verlogenen Diskurses. Schlüsselbegriffe
und Kategorien wie Freiheit, Demokratie, Rechtsstaat, Civil society,
Chancengleichheit oder Fortschritt, die von der triumphierenden
Meinung genannt werden, um die bestehenden Verhältnisse zu
legitimieren bzw zu verherrlichen, haben herzlich wenig gemeinsam
mit ihrem ursprünglichen Sinn. Was in Wirklichkeit waltet ist
Dresssur, strukturelle und sachliche Gewalt, Normierung und Disziplinierung
auf allen wichtigen Ebenen.
Nicht Selbst-, sondern Fremdbestimmung ist das übliche
Los des Menschen der Warengesellschaft. Und das gilt auch für
die führenden Schichten, die sich einbilden, unabhängig
und selbstgesteuert zu sein. Niemand ist heute frei. Auch die mächtigen
Herren, die an der Spitze der Politik und der Wirtschaft stehen,
sind Knechte desselben Systems geworden, das sie geschaffen haben.
Denn gerade unter ihnen herrscht mit besonderer Härte der Hobbesche
Krieg aller gegen alle. Sie sind Knechte in zweifacher Hinsicht:
Knechte ihrer unersättlichen Hab-und Machtgier und Knechte
der Angst, ihre privilegierte Stellung anderen überlassen zu
müssen. Wenn man sie mit den ethischen Prinzipien der philosophia
perennnis misst -und das ist was ich hier genau tue- kann man nichts
anderes tun sie als bedauernswerte Geschöpfe zu betrachten.
Sie haben alles, nur nicht die innere Ruhe, die jedes wahre Glück
voraussetzt. Auch und gerade in dieser Hinsicht leben sie im Zustand
der Heteronomie, für die Stoiker das schlimmste Übel,
das einem Menschen widerfahren kann. Was ihre Siegesallüren
angeht, braucht man sich nur an Sartres Schlussfolgerung zu erinnern:
"Nur Schweinehunde glauben, gewonnen zu haben"(5). Sokratisch-platonisch
ausgedrückt: in einer Welt wie der unseren, die weitgehend
aus Willkür, Ungerechtigkeit, Unterdrückung und Niedertracht
besteht, kann es nur Verlierer, keine Sieger geben.
Bereitschaft zur selbstkritischen Prüfung gehört
nicht gerade zur Gesinnung der Machteliten. Deshalb ändert
sich nichts Substantielles, deshalb macht man munter weiter, deshalb
wartet die Welt vergebens auf einen Neuanfang, auf einen Paradigmenwechsel.
Nicht eine Metathésis in fruchtbarem Sinn ist das Zeichen
der Zeit, sondern beharrliche Kontinuität. Business as usual
zu betreiben hat unbedingt absolute Priorität, auch dann, wenn
dieser Grundsatz nur auf Kosten des Unglücks vieler Menschen
aufrechterhalten werden kann. Die unzähligen Think tanks, wissenschaftliche
Zentren und technologische Research Institutes, die heute weltweit
tätig sind, arbeiten ausschliesslich zum Wohle der führenden
Staaten und ihrer Grosskonzerne, nicht für die Bedürfnisse
der Menschheit. Wir leben gewiss in einer dynamischen Zivilisation,
und in dieser Hinsicht hat Peter Sloterdijk zu Recht sie als eine
"kynetische Weltreligion" bezeichnet (6). Wenn man aber
nach dem menschlichen, moralischen, geistigen und sozialen Inhalt
dieser Kynetik fragt, stellt man unschwer fest, dass sie in dieser
so entscheidenden Hinsicht aus reiner Inertia oder gar aus Regression
besteht. Und es kann nicht anders sein, weil es sich um eine Kynetik
handelt, die sich ausschliesslich nach den Gesetzen und Interessen
des Machtkartells richtet und nichts weiter als eine Reproduktion
des immer Gleichen ist, also um pure Statik.
Das Elend der Welt
Als den wichtigsten Tatbestand der gegenwärtigen
Epoche müssen wir das Leiden und den Schmerz der unzähligen
Menschen nennen, die von der Willkür und Ungerechtigkeit des
Systems zu einem unwürdigen Dasein verurteilt werden. Die damnés
de la terre, in deren Namen Franzt Fanon vor sehr langer Zeit seine
leidenschaftliche Stimme gegen die Industrienationen erhob, existieren
nicht nur weiter, sondern haben nicht aufgehört, sich zu vermehren.
Diese Tragödie spielt sich in einem Zeitalter
ab, das mit allen technischen Mitteln ausgestattet ist, um jede
materielle Not auf der Erde mühelos zu beseitigen. Nicht aus
Mangel an Produktionsressourcen müssen unzählige Menschen
hungern und ein unwürdiges Dasein fristen, sondern aus Mangel
an Scham seitens des Grosskapitals und der führenden Industrienationen.
Hergestellt werden an erster Stelle die Waren, die der Bereicherung
der Aktionäre und führenden Manager der Grosskonzerne
und Grossbanken dient, nicht die Güter, die dem Elend der unterprivilegierten
Massen in der Dritten aber auch in der Ersten Welt ein Ende setzen
würden. Die immer rücksichtsloser werdende globalisierte
Marktwirtschaft ist eine eiskalte Maschine, die keine anderen Gesetze
kennt als Absatz und Profit.
Wir sind Zeuge einer der verheerendsten und schamlosesten
Umwertung aller Werte, die die Weltgeschichte je gekannt hat. Völlig
zu Recht schrieb Paul Celan an seinen Freund René Chair nach
dem Tode von Albert Camus, dass unsere Zeit, "die Zeit des
Anti-Menschlichen ist", le temps de l'anti-humain (7). Aber
genauso zutreffend war die Schlussfolgerung von Camus selbst: "Jedes
aufs Geld ausgerichtete Leben ist ein Tod"(8). Tod muss hier
in zweifacher Hinsicht verstanden werden: der physische Tod der
Unglücklichen, die aus Hunger und materieller Not zu Grunde
gehen und der seelische Tod der Verursacher dieses Genozid in Weltausmass.
Denn Menschen, die kaltblütig und ohne jegliche Bedenken oder
Gewissensbisse Tag für Tag ihre Macht und ihren Einfluss benutzen,
um andere Menschen zu unterdrücken, auszubeuten und zu demütigen,
sind seelenlose Individuen geworden, Seele hier im platonischen
Sinn gemeint, als dem Sitz der Tugend, der Gerechtigkeit und der
moralischen Erhebung. Und das schlimmste dabei ist, dass sich der
Verlust dieser Werte auf die ganze westliche Gesellschaft ausgedehnt
hat, wie die grosse Theologin Dorothee Sölle vor einigen Jahren
feststellte: "Zwar ist das physische Elend in den reichen Ländern
im wesentlichen aufgehoben, aber durch neuartiges psychisches Elend
ersetzt"(9).
Man hat in den letzten Jahrzehnten nicht nur seitens
Hans Jonas vom Prinzip Verantwortung bis zum Überdruss gesprochen.
Aber dieser von den Medien und den Bildungsbürgern so hoch
geschätzte Aufruf zur Verantwortung ist unverbindliche Rhetorik
geblieben. Dieselben Politiker und Wirtschaftsbosse, die sich bei
ihren öffentlichen Auftritten dieses Mottos bedienen, sind
die ersten, die sich nicht an ihren Inhalt halten und weiter wie
bisher (oder noch schlimmer) machen. Verantwortungslosigkeit ist
das Zeichen ihres Tuns und Waltens, nicht Sorge um die Menschheit.
Schuldig will sich freilich keiner fühlen, weder
die führenden Schichten noch die grosse Zahl von Durchschnittsbürgern,
die auch von der Ausbeutung und Benachteiligung der Regionen des
Südens durch das Imperium Nord auch profitieren. Wenn dieses
Thema zur Sprache kommt, entlastet man sich von jeder Schuld und
jeder Verantwortung in dem man auf die Sachzwänge und unumkehrbaren
Strukturen des Weltganzen verweist. So lautet ungefähr die
Rechtfertigungslogistik des Westens. Am Ende ist man fast ein Opfer,
kein Täter mehr.
Resignation
Die Menschen haben sich im ganzen daran gewöhnt,
sich mit dem bestehenden Elend abzufinden, sowohl mit dem allgemeinen
wie mit dem eigenen. Auch wenn nicht wenige von ihnen auf eigene
Faust oder zusammen mit anderen sich sozialpolitisch oder andersartig
engagieren und sich für eine bessere, humanere Welt einsetzen,
bleiben sie eine Minderheit gegenüber der grossen Masse, die
tatenlos und resigniert den Verlauf der Dinge hinnimmt. Die heldenhafte
Gestalt des "Homme révolté", der Albert
Camus in den 50er Jahren die Ehre erwies, gehört seit langem
zur Vergangenheit, zumindest in den Ländern der Ersten Welt.
Konformismus und Anpassung um jeden Preis ist die überwiegende
Haltung der heutigen Homo consumens der westlichen Gesellschaft,
nicht Widerspruch und Widerstand. Wiedereinmal bestätigt sich
die kritische Einschätzung von Pierre Bourdieu: "Die Beherrschten
sind immer viel resignierter als die Volksmystik glaubt"(10).
Die meisten Menschen haben sich daran gewöhnt, die von ihnen
empfundene Empörung oder Frustration zu verinnerlichen, anstatt
zu versuchen, diesen ungemütlichen und selbstzerstörerischen
Seelenzustand gegen die eigentlichen Verantwortlichen und Schuldigen
zu richten. Es gab auf jeden Fall wenige Epochen, in denen es so
leicht und komfortable war zu regieren wie in der jetzigen Welt.
Ausgebliebene Emanzipation
Spätestens seit Platons Politeia bilden die Emanzipationstheorien
einen festen Bestandteil des universalen Denkens. Zu dieser Tradition
gehört an erster Stelle der mittelalterliche Chiliasmus (auch
Millennarismus gennant) und seine eschatologisch-soteriologische
Vision eines tausendjährigen Reichs Gottes auf der Erde. Die
Emanzipationstheorien der Moderne stellen insgesamt die säkularisierte
Fassung dieser Heilserwartungen dar. Es ist kein Zufall, dass viele
ihrer Vertreter Theologen von zu Hause aus waren –wie Tomasso
Campanella, Thomas Morus und Johann Amos Comenius- oder dem Christentum
nahe standen, wie Saint-Simon, Fourier oder Wilhelm Weitling. Aber
selbst diejenigen unter ihnen, die sich offen zum Atheismus bekannnten,
wie Proudhon, Marx, Engels, Bakunin oder Kropotkin, taten nichts
anderes als die messianische Vorstellungen des Chiliasmus in innerweltliche
und materialistische Begriffe zu übersetzen. Trotz ihres antirreligiösen
und antiklerikalen Inhalts waren ihre Bücher im Grunde auch
Gebetsbücher, sie selbst tief fromme Menschen.
Die modernen Emanzipationsideologien haben sich insgesamt
–genauso wie der Chiliasmus- als weltfremd und unerfüllbar
erwiesen. Der reale Verlauf der Weltgeschichte hat unmissverständlich
gezeigt, dass die Menschen, auf denen die Verkünder des Fortschritts
und der Revolution ihre Hoffnungen setzten, nicht unbedingt und
nicht immer bereit waren oder den Mut hatten, diese Hoffnungen in
die Tat umzusetzen. Die Geschichte der letzten 250 Jahre ist zweifelslos
reich an Heroismus, Seelengrösse, Opferbereitschaft und andere
edle Tugenden gewesen, aber noch reicher an Kleinmut, moralischer
Niedertracht, kollektiver Hysterie und Brutalität. Dies erklärt
weshalb es im Ganzen ein verfehltes Geschichtsstadium gewesen ist,
eine negative Bilanz, die auch und insbesonders für die Revolution
gilt. Oder wie John Holloday in seinem neuesten Buch nüchtern
feststellt: "Die alten revolutionären Gewissheiten sind
vergangen. Wir können nicht mehr voller Zuversicht herumposaunen,
dass unser Sieg unvermeidlich ist"(11).
Nicht minder unrealistischer als Leibniz' Theodizee
hat sich die Anthropodizee erwiesen, die von der idealististisch
ausgerichteten Theorie in den letzten zwei bis drei Jahrhunderten
entworfen wurde. Pelagiusismus in welcher Fassung auch immer, wird
stets eine einseitige Konzeption des Menschen bleiben. Offensichtlich
ist auf jeden Fall, dass der Durchschnittsmensch anfälliger
für Irrationalismus und Destruktivität ist, als die erbauliche
Denkkonstruktionen der Aufklärung und der sozialrevoluionären
Ideologie angenommen hatten. Und das trifft auch für heute
zu.
Aus dieser Erkenntniss aber den Schluss zu ziehen,
dass das Ringen um eine humanere, gerechtere Weltordnung sinnlos
geworden sei, wäre grundfalsch. Werte wie Menschlichkeit, Solidarität
oder Güte behalten auch dann ihre Berechtigung, wenn sie überall
mit Füssen getreten werden, wie es heute überall der Fall
ist. Oder in der philosophischen Sprache Nicolai Hartmanns ausgedruckt:
"Das Ansichsein der Werte besteht unabhängig von ihrer
Verwirklichung"(12). Mehr noch: je brutaler eine Gesellschaft
ist, desto sinnvoller wird sein, sich gegen diesen Zustand einzusetzen.
Wahrheit bleibt auch dann Wahrheit, wenn sie sich zahlenmässig
in der Minderheit befindet. Anders zu denken ist blanker Relativismus.
Was feht
Der waltende Zeitgeist tendiert dazu, die Werte und
Eigenschaften im Keim zu ersticken, die gerade unerlässlich
wären, um den heillosen Zustand zu überwinden, in dem
sich die Welt insgesamt befindet. Und das erste, was fehlt, um Widerstand
gegen die herrschende Sinnlosigkeit zu leisten, ist eine Kultur
der Gemeinschaft, die nicht zufällig auch die Kultur ist, die
dem System am meisten unwillkommen sei und der es durch die Unkultur
des Konsums entgegentritt. Was ihn interessiert und was er mit allen
Mitteln fördert ist einzig und allein die Ideologie des Partikularismus;
deshalb preist er immer wieder die Privacy und den Individualismus
als die erstrebenswertesten Güter an, also jene Haltungen und
Ansichten, die den Einzelnen von seinen Mitmenschen entfernt.
Wir leben in einer Massengesellschaft, aber die meisten
Menschen sind einsame und beziehungslose Monaden geworden. Entsprechend
leben wir in "einer Welt ohne Nächste", wie vor Jahren
Paul Ricoeur feststellte(13). Es gibt ein anonymes Publikum für
alle möglichen Veranstaltungen und Events, aber kein Gemeinschaftsgeist,
der diesem Namen würdig wäre. Es fehlt die Dimension der
communio und der re-ligio in ihrem ursprünglichen Sinn, das,
was der italienische Sozialtheoretiker, Philosoph und Humanist Dario
Renzi in seinen zwei letzten Büchern Comunanza genannt hat,
ein Begriff, den man in deutsch als Zusammengehörigkeitsbewusstsein
übersetzen kann (14). Die Menschen scheinen vergessen zu haben,
dass Sein immer Sein mit Anderen ist, Bindung an sie. Daher die
Abwesenheit einer kollektiven Bereitschaft, sich gegen die bestehenden
Verhältnisse zur Wehr zu setzen.
Der Mitmensch hat aufgehört zu existieren. Er
wird entweder als eine Abstraktion oder als Rivale betrachtet, der
der eigenen Selbstförderung im Wege steht. "Zu wissen
(von ganzer Seele zu wissen!), dass der Andere wirklich existiert,
dies ist das Kostbarste und Begehrenswerteste" (15). Dieses
rührende Bekenntnis zum Nächsten, das Simone Weil in ihren
Exil-Aufzeichnungen zum Ausdruck brachte, steht im krassen Kontrast
zur heutigen herrschenden Ich-Verabsolutierung. Ähnliches gilt
für die intersubjektive Philosophie Emmanuel Lévinas
und der vor ihm von Martin Buber entwickelten Ethik des "Ich-Du".
Es fehlt die Kultur der gegenseitigen Hilfe und der Solidarität,
die es in bestimmten Phasen der Weltgeschichte gegeben hat, jene
Phasen in denen es darum ging, gemeinsame Tragödien auch gemeinsam
zu meistern oder Unterdrückung und Unmenschlichkeit wiederum
gemensam zu bekämpfen. Auch und gerade in der spätkapitalistischen
Gesellschaft hat sich der mittelalterliche Nominalismus als die
stärkste Ansicht durchgesetzt: der Begriff des Universalen
oder Allgemeinen ist eine Fiktion oder blosse nomina, das einzige,
was zählt, ist das Individuum. Der grosse Verlierer der Weltgeschichte
ist Platons Idealismus und seine These, dass das einzig Wahre das
Gute ist.
Transzendenzlosigkeit
Das gegenwärtige Zeitalter zeichnet sich unter
anderem durch den Versuch aus, die Dimension der Transzendenz aus
dem Bewusstsein des Menschen zu entfernen. Das System gibt sich
nicht zufrieden mit der Beherrschung der materiellen Welt; es will
darüber hinaus die Beherrschung der geistig-spirituellen Sphäre
dazu gewinnen. Zu diesem Zweck hat es den Utilitarismus, den Pragmatismus,
den Positivismus und den Behaviorismus hervorgebracht und sie als
einzig sinnvolle und in Frage kommende Denk- und Daseinsoption erklärt.
Die Hegemonie dieser Ideologien hat die Welt in eine axiologische
Wüste verwandelt, dessen erste Zeichen die Liquidierung jeglicher
Form von Transzendenz ist. Nicht auf eine Erhöhung, sondern
auf eine Verflachung der persönlichen und gesellschaftlichen
Verhältnisse läuft alles hinaus. Der Durchscnittsmensch
der Waren-und Konsumgesellschsaft hat sich für das Unwesentliche
gegen das Wesentliche entschieden, dem Überflüssigen anstatt
dem Sinnvollen den Vorzug zu geben, das Banale anstelle des Transzendentalen
gewählt.
Die ontologisch-existentiale Kategorie der Transzendenz
wird im allgemeinen im metaphyisischen und religiösen Sinn
verstanden; sie schliesst aber auch den Bereich der Ethik ein, wie
uns vor allem die griechische Philosophie beigebracht hat. Deshalb
ist sie auch für nichtgläubige Menschen zugänglich.
In dieser letzteren Auslegung bedeutet sie, sich nach einer Ordnung
zu sehnen, die auf sozialer Gerechtigkeit und zwischenmenschlicher
Eintracht begründet ist. Tranzendenz im gegenwärtigen
Kontext verstehen wir als einen Akt der Befreiung gegenüber
dem waltenden Empirismus und seinem Drang, die niedrigsten und vulgärsten
Triebe des Menschen zu fördern und damit ihn zu einer gefügigen,
robotisierten Konsummaschine herabzusetzen.
Es gilt, sich gegen diesen Domestikationsprozess zur
Wehr zu setzen und sich die transzendentale Dimension nicht entreissen
zu lassen, die potentiell in jedem Menschrn vorhanden ist. Erst
die Besinnung auf diese ontologischen und erkenntnistheoretischen
Wurzeln wird der gegenwärtige Mensch in die Lage versetzen,
sich selbst zu finden und von der herrschenden Ideologie zu befreien.
Sich ideale Welten vorzustellen ist ein angeborener Wesenszug des
Menschen, gehört konstitutiv zu seinen natürlichen Anlagen.
Dass er dabei dem Risiko ausgesetzt ist, Opfer überzogener
und weltfremder utopischer Projektionen zu werden, haben wir oben
festgestellt, als wir von den misslungenen Emanipationsbestrebungen
des Chiliasmus in seiner sowohl religiösen wie säkularisierten
Fassung sprachen. Es wäre aber unlogisch und borniert, das
Bedürfnis nach Transzendenz zu unterdrücken, nur weil
diese Haltung in der Vergangenheit zu wiederholten Enttäuschungen
und Niederlagen geführt hat. Davon abgesenen, es gehört
zum Schicksal des Menschen, sich immer wieder zu irren und dieselben
oder ähnlichen Fehler seiner Vorfahren zu wiederholen. Ungeachtet
dieser sich immer bestätigte Erfahrung, wird der Mensch nie
aufhören, sich Illusionen über die Zukunft zu machen.
Was von nüchternem, skeptischem oder selbstkritischem Verstand
als zügellose Phantasiebilder abgetan wird, entspricht einem
der zentralen Aspekte der anthropologischen Beschaffenheit des Menschen.
Nichts anderes meinte Antonio Gramsci, als er in seinen "Gefängnisheften"
notierte: "Die Möglichkeit ist nicht die Wirklichkeit,
aber auch sie ist eine Wirklichkeit"(16). Man muss aber gleich
hinzufügen, dass diese schöpferische Einbildungskraft
immer Gefahr läuft, in falsche Bahnen gelenkt und instrumentalisiert
zu werden. Das ist genau, was das zeigenossische Denken weitgehend
geschaffen hat: das Bedürfnis nach Transzendenz durch billige
Surrogate wie Mammonkult, Erfolgsfetichismus, Wille zur Macht und
billigen Hedonismus zu ersetzen.
Angesichts dieser trostlosen Situation scheint mir
naheliegend, die Worte in Erinnerung zu bringen, die Marx Horkheimer
1940 zu Papier brachte und dessen Aktualität ich nicht zu unterstreichen
brauche: "Wir müssen dafür kämpfen, dass die
Menschheit durch die grauenvollen Ereignisse der Gegenwart nicht
gänzlich entmutigt wird, dass der Glaube an eine menschenwürdige,
friedliche und glückliche Gesellschaft nicht von der Erde verschwindet"(17).
Anmerkungen
(1) Erich Voegelin, "Die Krise. Zur Pathologie
des modernen Geistes", herausgegeben von Peter J. Opitz, München
2008
(2) Robert Picht, "Hier und Jetzt. Philosophieren
nach Auschwitz und Hiroshima", S. 8,
(3) Robert Picht, "Der Begriff der Natur und
seine Geschichte", S. 38, Stuttgart 1989
(4) Adorno, "Minima Moralia", in: Gesammelte
Schriften, Band 4, S. 68, Frankfurt 1980
(5) Jean-Paul Sartre, "La nausée"
(6) Peter Sloterdijk, "Eurotaoismus. Zur Kritik
der politischen Kynetik", S. 42, Frankfurt 1989
(7) Paul Celan/ Gisèle Celan-Lestrange, "Briefwechsel",
2. Band, S. 112, Frankfurt 2001
(8) Albert Camus, "Tagebücher 1935-1951",
S. 175, Reinbek 1974
(9) Dorothee Sölle, "Wählt das Leben",
S. 57, Stuttgart 1980
(10) Pierre Bourdieu, "Méditations pascaliennes",
S. 273-274, 1997
(11) John Holloday, "Kapitalismus ausbrechen",
S, 85, Münster 2010
(12) Nicolai Hartmann, "Ethik", 4. Auflage,
S. 161, Berlin 1962
(13) Paul Ricoeur, "Geschichte und Wahrheit",
S. 115, München 1974
(14) Dario Renzi, "La comunanza" und "L'humanesimo
della comunanza rivoluzionaria", beide in Prospettiva Edizioni
erschienen, Rom 2007 und 2011
(15) Simone Weil, "Zeugnis für das Gute",
S. 156, Olten 1976
(16) Antonio Gramsci, "Gefängnishefte",
6.Band, S. 1341, Hamburgt 1994
(17) Max Horkheimer, "Die gesellschaftliche Funktion
der Philosophie", Frankfurt 1974
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