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1. Gleichheit und gegenseitige Hilfe
Der Mensch ist heute nichts, es geht darum, eine humane
Welt aufzubauen, in der er alles wird.
Unter dem Begriff des Humanen verstehen wir eine Wertauffassung,
die von der Gleichwertigkeit des Menschen ausgeht und entsprechend
jede Verletzung dieses Prinzips als einen Gewaltakt betrachtet.
Während die bürgerliche Philosophie den Wert des Einzelnen
nach seiner Leistung bzw. seinem Marktwert beurteilt, behaupten
wir, daß jeder Mensch von Natur aus und unabhängig von
seiner Leistungsfähigkeit ein vollwertiges Wesen ist und ihm
das Recht auf Achtung und Rücksicht seiner Mitmenschen zusteht.
Die Ansicht, daß Individuen, die mehr als andere leisten,
auch wertvoller sind, gehört zu den typischen Spießer-Wertvorstellungen,
die die bürgerliche Ideologie des Strebertums hervorgebracht
hat. Die Kategorie des Menschseins ist ein Absolutum, das von keiner
gesellschaftlichen Konvention aufgehoben oder angetastet werden
darf. Freilich sind die Menschen in ihren Anlagen und Begabungen
ungleich geartet, und trotzdem sind sie alle, kraft ihrer “conditio
humana”, grundsätzlich ebenbürtig. Deshalb sollten
die Menschen, wie Belinski forderte: “Brüder sein und
einander auch nicht einmal durch den Schatten irgendeiner äußerlichen,
formalen Überlegenheit kränken” (Phil. Schriften).
Ebenso sollten wir uns an die Worte, die George Sand an einen ihrer
Freunde schrieb, halten: “Ich werde dir sagen, daß das
Gesetz der Gleichheit das erste und unveränderliche Moralgesetz
ist, das mein Geist immer erkannt hat.” Wie weit sind wir
heute von dieser edlen Einstellung entfernt! Deshalb bleibt die
von Babeuf angestrebte “République des Egaux”
(Republik der Gleichgestellten) weiterhin ein fundamentales Ziel
des Befreiungsprozesses.
In einer brutalisierten Gesellschaft wie der unseren besteht die
dringendste Aufgabe darin, die überall herrschende Gewalt abzubauen.
Friedrich Schorlemmer: “Das Recht des Stärkeren ... ist
in einer permanenten Kulturleistung zu überwinden durch die
Stärke des Rechts” (Tapferkeit für den Freund).
Dieses Anliegen erfordert eine aktive und unermüdliche Friedenspolitik,
die entschlossen gegen jede Form von Gewalt auftritt, auch gegen
jene Gewalt, die sich als “humanitär” maskiert.
Volkmar Deile, Generalsekretär der deutschen Sektion von Amnesty
International hat es so ausgedrückt: “Menschenrechts-Arbeit
ist kriegsverhindernd und friedensfördernd. Militärische
Gewaltandrohung und -anwendung gehört nicht zu ihren Mitteln.”
Die jetzige soziale Not zu bewältigen, bleibt an anderes, unverzichtbares
Anliegen. Es muß aus spontaner Solidarität mit den Notleidenden
motiviert werden, aber auch aus der Erkenntnis heraus, daß,
solange ganze Völker aus nackter Not zugrunde gehen, es keine
befriedete Welt geben kann. Die Menschheit braucht einen weltumspannenden
Sozialplan, der ein menschenwürdiges Dasein für jeden
Einwohner der Erde garantiert und Schluß mit dem gegenwärtigen
Elend macht. Um dies in die Tat umzusetzen, braucht man keine großen
Theorien und Programme. Man braucht nur zu verstehen, daß
jeder Mensch das unveräußerliche Recht auf eine Bleibe,
einen Arbeitsplatz, eine angemessene Ausbildung und eine gesicherte
Umwelt hat. Und das weiß jeder, an erster Stelle die Manager,
Politiker und sonstigen Machtverwalter, die die Welt in die jetzige
Sackgasse geführt haben.
Wenn dies nicht verwirklicht wird, werden wir alle früher oder
später vor die Hunde gehen, auch die Industrienationen, die
sich noch einbilden, sie könnten sich den Luxus leisten, ein
privilegiertes Dasein zu führen, während an der riesigen
Peripherie des Planeten die Parias und Entrechteten in Elend und
Verzweiflung verkümmern. Man kann Dorothee Solle nur zustimmen:
“Befreiung ist nur als Befreiung aller möglich”
(Politische Schriften). Wenn die Armutssintflut weiter steigt, wird
es auch für die Reichen keine rettende Arche Noah geben.
Ein Weg für einen weltweiten Hilfsplan könnte die Gründung
eines sozialen Überlebensdienstes sein, wie der Friedensforscher
Hans-Eckehard Bahr auf einer Tagung der Evangelischen Akademie Sachsen-Anhalt
und Tutzing Anfang Mai 1993 für Osteuropa vorschlug. Modelle
dafür könnten Organisationen wie Sühnezeichen, Greenpeace
und andere sozialökologisch ausgerichtete Initiativen sein.
Aber dies sind nur minimale Optionen. Das Endziel bleibt die Überwindung
aller Formen des Unrechts, der Exploitation und des Elends, die
die Herrschaft der Bourgeoisie verursacht hat.
Wohl bemerkt: Es geht nicht nur darum, die Menschen zu ernähren
und ihnen ein materielles Einkommen zu sichern. Genauso unerläßlich
ist es, ein Gesellschaftsmodell zu schaffen, in dem jeder Einzelne
die Chance bekommt, an den Belangen des Gemeinwesens als aktives
und selbstverantwortliches Subjekt teilzunehmen, nicht lediglich
als Befehlsempfänger, wie es heute der Fall ist. Denn unerträglicher
als materielle Not ist die demütigende Erfahrung, dem Willen
anderer ausgeliefert zu sein und nicht die Möglichkeit zu haben,
sich als freier, integraler Mensch entfalten zu können. Dieses
Ziel kann innerhalb des bürgerlich-kapitalistischen Systems
überhaupt nicht oder nur in Ansätzen verwirklicht werden.
Seine Umsetzung in die Praxis ist nur im Rahmen eines Gesellschaftsvertrags
zu bewerkstelligen, der auf der Grundlage der genossenschaftlichen
Kooperation, der Selbstverwaltung und der gegenseitigen Hilfe strukturiert
ist. Nur unter diesen Voraussetzungen wird es möglich sein,
die gegenwärtige Diktatur des Kapitals, des Marktes und des
Klassenstaates aufzuheben und neue Formen der Produktion, der Distribution
und der gesamtgesellschaftlichen Praxis einzuführen, die eine
fruchtbare und sinnvolle Entfaltung sowohl des Individuums wie des
sozialen Organismus fördern. Dazu gehören u.a. eine weitgehende
Deprofessionalisierung der staatsbürgerlichen Funktionen, die
Abschaffung jeglichen Machtmonopols und aller Entscheidungsprivilegien.
Nur unter solchen Bedingungen wird es möglich sein, eine autoritätslose,
sich selbst steuernde Gesellschaftsordnung herbeizuführen.
Sozialismus also? Wenn, dann einer, der sich an die humanen Wurzeln
dieser Doktrin hält und die Deformationen und Fehler des sogenannten
Realsozialismus vermeidet. Oder glaubt man, daß der Sozialismus
tot sei, weil ein paar Generationen irregeleiteter und autoritär
gesinnter Berufsrevolutionäre und Apparatschiks aus ihm ein
Zerrbild machten? Was wir mit Sozialismus meinen, ist die Herstellung
eines Gleichgewichts zwischen dem Recht des Einzelnen auf Selbstbestimmung
und den Bedürfnissen der gesellschaftlichen Totalität,
oder was auf dasselbe hinausläuft: das Gebot der sozialen Gleichheit
mit der individuellen Kategorie des Nichtidentischen in Einklang
zu bringen. Daß dies nie ein konfliktfreier und abgeschlossener
Prozeß sein kann, darüber sollte Einverständnis
herrschen.
Eine Gesellschaft beginnt unmenschlich und totalitär zu werden,
wenn sie Bereiche des Partikulären usurpiert, die zum Entscheidungsraum
des Einzelnen gehören. Keine Ideologie besitzt das Recht, dem
Individuum zu diktieren, wie es sein privates Leben gestalten muß
und welches Modell der Selbstverwirklichung es zu wählen hat.
Man kann erst von einer humanen und freiheitlichen Gesellschaft
sprechen, wenn der Einzelne nicht gezwungen ist, für jeden
Akt, den er vollzieht, dem Kollektiv Rechenschaft abzulegen, wenn
das Subjekt nicht ständig von den Kontroll- und Lenkungsmechanismen
des Gemeinwesens eingekreist ist, eine Voraussetzung, die bereits
Kant klar erkannte: “Niemand kann mich zwingen, auf seine
Art (wie er sich das Wohlsein anderer Menschen denkt) glücklich
zu sein, sondern ein jeder darf seine Glückseligkeit auf dem
Wege suchen, welcher ihm selbst gut dünkt, wenn er nur der
Freiheit anderer, einem ähnlichen Zwecke nachzustreben ...
nicht Abbruch tut.”
Das Recht auf persönliche Selbstbestimmung kann freilich niemals
uneingeschränkt sein und keine Rücksicht auf die kollektive
Selbsterhaltung nehmen. Insofern muß jedes Mitglied der Gesellschaft
- auch in der möglichst freiesten - bestimmte Formen des Verzichts,
der Fremdbestimmung und des Zwangs in Kauf nehmen. Ein Freiheitsbegriff,
der nur die Rechte und Belange des Einzelnen berücksichtigt,
entspricht eben der Auffassung, die in der bürgerlichen Gesellschaft
herrscht und die letztendlich immer zur Unterdrückung der Schwächeren
durch den Stärkeren führt. Es gibt keine totale Selbstbestimmung
des Einzelnen, sie ist immer in enger Bindung und Wechselwirkung
mit den Erfordernissen der Gesellschaft zu verstehen. Nur kleinbürgerliche
oder anmaßende Ich-Menschen können im Ernst davon ausgehen,
sie hätten das Privileg, die Vorzüge des Gemeinwesens
in Anspruch zu nehmen und dennoch ihm jede Solidarität zu verweigern.
Das Reich der Freiheit ist kausal mit dem Reich der Notwendigkeit
verbunden. Deshalb kann sich der Einzelne nie als uneingeschränktes
Lustprinzip verwirklichen. Seine Eingliederung in die Gesellschaft
läßt sich nicht ohne einen gewissen Grad an Triebverzicht
realisieren. Sich anderes vorzustellen ist infantiles und weltfremdes
Wunschdenken, reine Ideologie. Die Ansicht Fouriers, daß gesellschaftliche
Praxis und Lebensgenuß sich konfliktlos verwirklichen lassen,
ist in einer stark arbeitsteiligen Gesellschaft nur bedingt durchführbar.
Das gilt auch für die Marxsche Vorstellung einer Gesellschaft,
die “mir eben möglich macht, heute dies, morgen jenes
zu tun, morgens zu jagen, nachmittags zu fischen, abends Viehzucht
zu treiben, nach dem Essen zu kritisieren, wie ich gerade Lust habe,
ohne je Jäger, Fischer, Hirt oder Kritiker zu werden”
(Deutsche Ideologie).
Zu behalten wäre: Genauso wie das Individuum dazu tendiert,
sich auf Kosten der Gesellschaft zu realisieren, neigt der Staat
dazu, das Individuum zu bevormunden. Daher muß jedes emanzipatorische
Denken danach streben, einen Gesellschaftsvertrag herbeizuführen,
in welchem die Fremdbestimmung des Einzelnen auf ein Mindestmaß
beschränkt bleibt, genauso auf das Minimum, das die Gesellschaft
braucht, um als funktionsfähiges und zusammenhängendes
Ganzes zu bestehen.
2. Eine neue Gemeinschaft
Der Mensch hat sich im Zuge seiner Entwicklung als bürgerliches
Subjekt von seinen Mitmenschen entfernt und damit einen gesamtgesellschaftlichen
Zustand herbeigeführt, der durch gegenseitige Entfremdung gekennzeichnet
ist, wie schon der junge Marx feststellen konnte: “Eine unmittelbare
Konsequenz davon, daß der Mensch dem Produkt seiner Arbeit,
seiner Lebensfähigkeit, seinem Gattungswesen entfremdet ist,
ist die Entfremdung des Menschen von dem Menschen” (Ökonomisch-philosophische
Manuskripte).
Die systematische Züchtung unserer Ichbezogenheit hat unsere
sozialen Triebe abgestumpft und uns daran gewöhnt, nur an uns
selbst zu denken und nur für uns selbst zu sorgen. Nur deshalb
bringen wir es fertig, ohne innere Erschütterung die Not der
anderen wahrzunehmen. Wir haben uns darüber hinaus daran gewöhnt,
den Staat, die Parteien und andere Institutionen für die Unzulänglichkeiten
und Katastrophen unserer Zeit verantwortlich zu machen, anstatt
uns zu fragen, ob wir selbst nicht mitverantwortlich und mitschuldig
an dem Zustand sind. Menschen, die helfen, sind heute eine Minderheit,
die Regel sind die Egoisten und Zyniker, die hemmungslos und ohne
jeglichen Skrupel sich dem eigenen Glück zuwenden, ohne sich
zu fragen, was draußen sonst vorgeht. Das ist das Endprodukt
fünfhundert Jahre bürgerlicher Indoktrination.
Der Macht- und Ego-Mensch des bürgerlichen Zeitalters interessiert
sich für seine Mitmenschen nur als Spiegelbild für seinen
Geltungs- und Exhibitionismusdrang, als Publikum und Objekt seiner
Begierden, seines Willens zur Macht und seiner Erfolgssucht. Bereits
Kant fiel der “ungesellige” Charakter der Gesellschaft
seiner Zeit auf, und er stellte fest, daß der Mensch seine
Nächsten nicht “leiden” und dennoch von denen “nicht
lassen konnte”. Schon hier ist die zwiespältige Struktur
der bürgerlichen Intersubjektivität erfaßt, nur
mit dem Unterschied, daß das Ungesellige heute viel ausgeprägter
ist als vor zweihundert Jahren.
Es gilt, die von der bürgerlichen Moderne gezüchtete Egozentrik
abzulegen und zu zwischenmenschlicher und gesellschaftlicher Nähe
zurückzukehren. Und dafür braucht man keine großen
Apparate und Organisationen, sondern lediglich den Willen. Wenn
dieser vorhanden ist/ dann wird der Einzelne auch Mittel und Wege
finden, um sich Zugang zu seinen Mitmenschen zu verschaffen.
Das entsolidarisierte Individuum der Gegenwart ist ein geschichtliches
Produkt, keine ewige Erscheinung. Was heute als “summum bonum”
gilt - das nur für sich selbst sorgende Subjekt -, galt in
früheren Entwicklungsstufen und Zivilisationen als Flucht und
Strafe, schon deshalb, weil es die Kategorie des Individuums im
heutigen, bürgerlichen Sinn nicht gab. Marx: “Der Mensch
vereinzelt sich erst durch den historischen Prozeß. Er erscheint
ursprünglich als ein Gattungswesen, Stammwesen, Herdentier
...” (Grundrisse). Es gibt deshalb nichts Lächerlicheres
als die von der bürgerlichen Wissenschaft aufgestellte Behauptung,
daß die jetzige Form der Ichsucht die einzige Option menschlicher
Persönlichkeitsentfaltung ist.
Die Parteinahme für das Gute erreicht manchmal eine gewisse
Wirkung, wächst unter Umständen zu einem umwälzenden
Ereignis heran. Ideale, die zuerst bei Einzelnen oder kleinen Gruppen
entstanden sind, können sich zu Massenbewegungen weiterentwickeln,
führen vielleicht zu richtigen Revolutionen oder geschichtlichen
Mutationen von epochaler Tragweite. Aber das sind eher die Ausnahmen.
Der moralisch engagierte Mensch arbeitet in der Regel unter ungünstigen
Umständen und bleibt grundsätzlich einsam und auf sich
selbst angewiesen. Darin besteht seine Tragik, aber auch seine Größe.
Das ist schwierig, sicher, fast unmenschlich, aber ich kenne nichts
Großes, das nicht schwierig wäre. Und außerdem
gilt, was Marx an Kugelmann schrieb: “Die Weltgeschichte wäre
allerdings sehr bequem zu machen, wenn der Kampf nur unter der Bedingung
unfehlbar günstiger Chancen aufgenommen würde.”
Der wahre Rebell handelt auf eigene Verantwortung, er beruft sich
nicht auf die öffentliche Doxa, sondern ausschließlich
auf das eigene Gewissen oder auf sein Schamgefühl, was ein
und dasselbe ist. Und diese Entscheidung kann uns von keiner Ideologie,
von keinem geschlossenen Ideensystem und keinem politisch gesellschaftlichen
Credo abgenommen werden. Sie ist unsere ureigenste Angelegenheit,
das Kierkegaardsche Entweder-Oder, das jeder für sich entscheiden
muß.
Die Menschen haben Jahrhunderte hindurch das Heil in Parteien, Massenbewegungen
und idelogischen Kollektiven gesucht und geglaubt, daß der
Anschluß an solche Mammut-Organisationen genügen würde,
um Orientierung zu finden. Andere wiederum taten es, weil sie nicht
die Kraft aufbrachten, ihre eigene Individualität zu ertragen,
wie der junge Hugo in Sartres “Les mains sales”: “Je
suis dans le Parti pour m'oublier”, “ich bin in der
Partei, um mich zu vergessen”. Zu welch kläglichen Ergebnissen
dieses Verhalten geführt hat, wird nicht zuletzt durch den
Bankrott der linken Ideologien und Parteien belegt.
Wenn wir unser Selbst verlassen, um Parteimenschen zu werden, verwandeln
wir uns in Träger ideologischer Etiketten und vergessen bald,
daß wir an erster Stelle Menschen sind und immer Menschen
bleiben sollten. Und weil wir dieses Gebot aus den Augen verlieren
und uns hinter abstrakten Apparaten verstecken, finden wir keine
Kommunikation mehr mit den Andersdenkenden.
Wir dürfen keiner überpersönlichen, subjektlosen
Instanz unsere Verantwortung übertragen, sondern müssen
Widerstand gegen die entsolidarisierte Gesellschaft aus eigenem
Antrieb leisten, ohne uns zu fragen, was der Nachbar, was der Kollege
tut. Zu dieser Haltung gehört auch der Mut, notfalls Einzelgänger
zu bleiben, ganz abseits zu stehen, dem Beispiel Hölderlins
folgend: “...in brüderlichem Zusammenwirken bestehe das
Beste, doch sei es auch herrlich, allein zu stehen, und sich durchzuarbeiten
durch die Nacht, wenn es an Kampfgenossen gebreche” (Hyperion).
Solche Bereitschaft zum einsamen Heroismus bedeutet keineswegs,
daß die einzig mögliche Form des Kampfes der strikt individuelle
Einsatz ist. Im Gegenteil: Unser Engagement muß immer danach
trachten, kollektive Formen anzunehmen, Verbündete zu finden,
sich in Gruppenarbeit zu artikulieren, schon deshalb, weil dieses
Streben den Kommunikationsbedürfnissen entspricht, die jedem
höheren Anliegen innewohnen.
Was wir gerade wollen, ist, neue Formen der Gemeinsamkeit möglich
zu machen, den Menschen aus seiner heutigen Vereinsamung herauszureißen
und aus ihm nicht eine bezugslose Monade werden zu lassen. Widerstand
hat Aussicht auf Erfolg nur, wenn wir aus der jetzigen Vereinzelung
herauskommen und eine neue “religio” in ihrem ursprünglichen
Sinn von “religare” (zusammenbündeln) wieder herstellen.
Oder wie Henry David Thoreau meinte: “To cooperate means to
put our living together” (Waiden).
Wir haben heute keine Gesellschaft, die diesen Namen verdient. Der
gesellschaftliche Raum ist von Individuen besetzt, die nur ein unverbindliches
Nebeneinander mit ihren Nächsten unterhalten, kein Mit- und
Füreinander, in dem die Menschen “von Angesicht-zu-Angesicht”,
aber ohne Kommunion stehen (Lévinas). Es gibt nur Teile ohne
das Ganze: die Atomistik Demokrits und Leukipps in spätbürgerlicher
Gestalt.
Das Gebot der Stunde ist die Wiederherstellung der Mitmenschlichkeit
und der sozialen Bande, aber dieses Anliegen wird nur zu verwirklichen
sein, wenn es gelingt, die gegenwärtige aggressionsbeladene
und menschenfeindliche Umgangskultur in die Wüste zu schicken
und sie durch eine kooperationswillige und gewaltfreie Praxis des
Zusammenlebens und der Konfliktlösung zu ersetzen. Das wäre
ein entscheidender Schritt, um neue, humane, kommunikationsfähige
Formen der Begegnung und des Miteinanders herbeizuführen und
das heute herrschende Prinzip des Willens zur Macht nach und nach
zu überwinden. Ich denke dabei an eine Kultur der Sanftmut,
der Rücksichtnahme, der Mildherzigkeit, der Freundlichkeit
und der Ritterlichkeit, ein Hauptwort, letzteres, das, wie “Chevalerie”
oder “Caballerosidad” schon an sich eine Weltanschauung
beinhaltet und im geraden Gegensatz zu der Härte steht, die
die zwischenmenschlichen Beziehungen in unserer Gesellschaft prägt.
Denn unter politischer Kultur verstehen wir eine Geisteshaltung,
die sich nicht nur, aber insbesondere für die Rechte, die Bedürfnisse
und die Nöte der schwachen und hilfsbedürftigen Gruppen
der Gesellschaft einsetzt, und das sind alte Menschen, Kranke, Kinder,
Jugendliche und oft Frauen.
Es wird auf jeden Fall keine Emanzipation des Menschen geben, ohne
das Prinzip der Härte abzubauen, das die Weltgeschichte bisher
weitgehend bestimmt hat. Daß eine solche Entwicklung eng mit
der Herrschaft des Mannes und der Unterdrückung der Frau und
der von ihr verkörperten Werte zusammenhängt, ist hinlänglich
bekannt. Höchste Zeit, daß die unsensiblen, hartgesottenen
und brutalen Machos, die noch jetzt die Geschicke des Weltgeschehens
im wesentlichen diktieren, ihre Macht abgeben und sich der Befreiung
der Frau nicht mehr widersetzen. Ich schließe mich der Ansicht
Fouriers an: “Der soziale Fortschritt und der Anbruch neuer
Epochen vollzieht sich entsprechend dem Fortschritt der Frau zur
Freiheit, und der Verfall der Gesellschaftsordnung vollzieht sich
entsprechend der Verhinderung der Freiheit der Frau.”
3. Der Kampf geht weiter
Die unmittelbare Niederwerfung der bürgerlich-kapitalistischen
Macht ist heute kaum denkbar, nicht nur, weil die Bourgeoisie stark
genug ist, um ihre Klassenherrschaft zu behaupten, sondern auch,
weil keine artikulierte Gegenkraft sichtbar ist, die ihr ihre Hegemonie
streitig machen könnte: die Arbeiterklasse nicht, die Linksparteien
und die Gewerkschaften genauso wenig, und die Intelligenz am allerwenigsten.
Die Linke leidet seit langem an progressiver Paralyse, die von Marcuse
1966 festgestellte “Stilllegung der Dialektik der Negativität”
hat sich nur noch vermehrt, Konformismus ist heute die gängige
Haltung der Individuen der Konsumgesellschaft.
Und dennoch: Ich kenne kein System der Unterdrückung, das am
Ende nicht den Widerstand der Unterdrückten ausgelöst
hätte. Es wäre töricht von der Bourgeoisie, davon
auszugehen, daß die Geschichte hierin mit ihr eine Ausnahme
machen wird. So privilegiert ist sie nicht, daß sie mit der
ewigen Herrschaft auf Erden rechnen kann! Wir sind mit Babeuf der
Ansicht, daß man nicht für immer mit der Verachtung des
Volkes regieren kann. Es ist zu vermuten, daß sich nicht nur
für die Beherrschten schwere Zeiten anbahnen; auch die Herrschenden
werden früher oder später die Quittung für die von
ihnen erzeugten Mißstände bekommen. Die Bourgeoisie ist
nicht die erste Klasse, die die Macht erobert hat, und sie wird
nicht die letzte sein, die sie verliert. Wenn es soweit ist, werden
die Bourgeois und ihre Helfershelfer sich wundern, wie schnell totgesagte
Überzeugungen und Handlungsweisen die Massen ergreifen können.
Sie werden erfahren, zu welcher Kraft sich Enttäuschung, Haß
und Verbitterung steigern können, wie rasch das Volk von totaler
Tatenlosigkeit zu resoluter Aktion übergehen kann.
Unbestreitbar ist; Die Aneignung des Mehrwerts durch das Privatkapital
und den bürgerlich-kapitalistischen Klassenstaat wird immer
hemmungsloser. Dadurch kehrt jener primitive Verelendungsprozeß
zurück, den die bürgerlichen Ideologen voreilig für
überwunden erklärt hatten. Die Sozialstaatillusion, Zugpferd
der sozialdemokratischen Parteien, hat sich im Zuge der Verhärtung
des Klassenstaats als unglaubwürdig erwiesen. Die Arbeitskraft,
die die einzige Ware ist, die die Lohnabhängigen besitzen,
um im spätkapitalistischen Sozialkrieg überleben zu können,
wird immer wertloser, reicht immer weniger, um die laufenden Lebenskosten
und -bedürfnisse zu decken. Eine solche Entwicklung kann auf
Dauer nicht folgenlos bleiben, sie muß irgendwann zu einer
offenen Klassenkonfrontation führen.
Die Arbeiterklasse der westlichen Metropolen hat ein paar Jahrzehnte
lang von der Ausbeutung der Dritten Welt und von der Hochkonjunktur
beträchtlich mitprofitiert. Damit ist es ziemlich vorbei, die
weltweite Krise des Spätkapitalismus, der Rückgang der
Profitraten und die Verschärfung der Konkurrenz auf den Weltmärkten
haben diesem vorübergehenden Schlaraffenland ein Ende gesetzt.
Die Arbeiter, die schon glaubten, den Status gleichwertiger und
emanzipierter Bürger erreicht zu haben, werden wieder zu besitzlosen
Proletariern, während die Bourgeoisie, die bis vor kurzem die
soziale Partnerschaft predigte, ihren alten Kommandoton wieder findet.
Die Fiktion der Interessengemeinschaft läßt sich nicht
mehr aufrechterhalten, keine semantischen Tricks werden die immer
deutlicher zutage tretende Klassenkluft verwischen oder wegzaubern
können. Die widernatürliche Ehe zwischen Arbeitgeber und
Arbeitnehmer ist gescheitert, die Trennung von beiden Kontrahenten
ist nur eine Frage der Zeit. Man weiß nur nicht, wie sich
die Scheidung vollzieht und wie sie endet.
Ökonomische Krisen bedeuten allerdings keine Gewähr für
tiefgreifendes Aufbegehren gegen das System; dazu braucht man eine
politisch-historische Reife, die die arbeitenden Klassen heute nicht
besitzen. Nach mehreren Jahrzehnten von Mammonkult, bürgerlicher
Indoktrination, sozialdemokratischem Kleinreformismus und gewerkschaftlichem
Korporativismus steht das emanzipatorische Niveau der Massen ganz
unten. Deshalb hat die arbeitende Bevölkerung bis zur Stunde
keine adäquate Antwort auf die beginnende Demontage ihres früheren
Lebensstandards gefunden, deshalb schwankt sie zwischen Sprachlosigkeit,
stiller Wut, vereinzelten Protestaktionen und Angst.
Überdies hat ein Teil der Betroffenen bereits jetzt damit begonnen,
sich dem Nationalismus, dem Rassismus und dem Rechtsextremismus
zuzuwenden, wie schon einmal in den 20er und 30er Jahren. Aber diese
Entwicklung ist weder vorgezeichnet noch endgültig. Denn die
Krise des Systems wird nicht nur den Neofaschismus und den rechten
Populismus beflügeln, sondern auch die arbeitenden Klassen
radikalisieren. Bezeichnend in diesem Zusammenhang ist, daß
nach dem Kollaps der realsozialistischen Regime Mittel- und Ost-Europas
die Nachfolgeparteien der einstigen kommunistischen Parteien sich
im Aufschwung befinden und zu einer starken bis dominierenden Kraft
geworden sind, so in Bulgarien, Litauen, Polen, Rumänien, der
Tschechei, der Slowakei und nicht zuletzt in Rußland, während
der Glaube an die marktwirtschaftlichen Rezepte des Kapitalismus
immer schneller schwindet.
Aber vor allem im Westen wird es keine breitangelegte Auseinandersetzung
mit dem System ohne einen Hergehenden Selbsterziehungs- und Aufklärungsprozeß
der zentralen Schichten der Gesellschaft geben, natürlich nicht
von heute auf morgen. Was Anton Pannekoek in seiner Schrift “Weltrevolution
und kommunistische Taktik” vor über siebzig Jahren schrieb,
gilt noch mehr für heute: “Jahrzehnte werden nötig
sein, um in den alten kapitalistischen Ländern den verpesteten
lähmenden Einfluß der bürgerlichen Kultur auf das
Proletariat zu überwinden.” Ähnlich Trotzki: “Welcher
grandiosen Erschütterungen, Reformen und Anstrengungen wird
es noch bedürfen, damit der Durchschnittsmensch als Persönlichkeit
eine höhere Entwicklungsstufe erklimmt” (Tagebuch im
Exil). Die Arbeiterklasse ist auf die Stunde Null ihrer Befreiungsgeschichte
zurückgefallen, sie muß von vorne anfangen und Dinge
lernen, die sie im Zuge ihrer Integration in die Konsumgesellschaft
völlig verlernt und vergessen hat. Vor allem dies: daß
sie innerhalb der bürgerlich-kapitalistischen Ordnung immer
verknechtet bleiben wird und sich nur durch die Aufhebung des Systems
befreien kann.
Wir besitzen kein ideales Rezept, um das kapitalistische System
zur Strecke zu bringen, meinen mit Karl Marx lediglich, daß
die Befreiung der Arbeiterklasse nur das Werk der Arbeiterklasse
selbst sein kann, was schon im voraus eine Absage an jede Form von
geistiger Bevormundung seitens selbsternannter revolutionärer
Avantgarden und Eliten impliziert. Insofern teilen wir nicht die
Ansicht Kautskys (und Lenins), daß das “sozialistische
Bewußtsein von außen in das Proletariat Hineingetragenes”
sein muß. Vielmehr stimmen wir mit Frantz Fanon überein:
“Es ist vor allem nötig, sich von der sehr abendländischen
und sehr bourgeoisen Idee zu befreien, daß die Massen unfähig
sind, sich selbst zu führen.” Wir sind ebenso der Meinung,
daß Voluntarismus, Maximalismus und blinder Aktionismus nicht
die geeigneten Mittel sind, um den Kampf gegen das System zu bestehen.
Revolutionäre Ungeduld hat sich immer als kontraproduktiv erwiesen.
Die unter hyperradikalen und sektiererischen Feinden des Systems
verbreitete Meinung, daß man über Nacht alles verändern
kann, führt unausweichlich zur Desillusionierung und schließlich
zur Fahnenflucht und zum Renegatentum. Der Geist des Widerstandes
besteht nicht nur aus umstürzlerischer Energie, er schließt
auch die Fähigkeit zur Geduld ein. Es muß alles reifen,
wie die Früchte der Natur gibt es auch für die Revolution
einen “kairos”, den man zwar nicht verpassen, aber auch
nicht beschleunigen darf.
Der Kampf um eine bessere Welt kann sich allerdings auf keine unfehlbare
Rationalität stützen. Er gehört “per definitionem”
zum Reich der Kontingenz, verkörpert entsprechend die Kategorie
des Ungewissen und Unvorhersehbaren schlechthin. Darin liegen seine
Tragik und auch die Erklärung für die häufige Erfahrung
des Scheiterns. Die Kampfbedingungen sind zudem nicht immer die
gleichen, so daß Methoden, die in einer bestimmten Phase des
Widerstands erfolgversprechend waren, sich später als untauglich
erweisen oder erweisen können. Aber dies heißt keineswegs,
daß die Lehren der Vergangenheit keinen Wert mehr besitzen.
Im Gegenteil: Sie bilden einen Fundus an theoretischer und praktischer
Erfahrung, der noch jetzt eine unverzichtbare Stütze für
den Befreiungsprozeß darstellt.
Der von Rosa Luxemburg hoch geschätzte Spontaneitätsfaktor
kann in bestimmten Situationen eine wichtige oder gar entscheidende
Rolle spielen. Dies bedeutet aber nicht, daß die Revolution
so etwas wie eine permanente Improvisation wäre. Trotz der
gesellschaftlichen Mutationen und der ständigen Veränderung
der Kampfbedingungen gibt es doch eine Kontinuität des Befreiungsprozesses,
auch wenn er oft zum Stillstand kommt, wie es in den letzten fünfzig
Jahren in der westlichen Welt nach über einem Jahrhundert leidenschaftlichen
und erbitterten Klassenkampfes geschehen ist.
Über eines sollte man sich nicht täuschen: Der Klassenkampf
ist keineswegs beendet, vieles deutet darauf hin, daß nach
mehreren Dekaden partnerschaftlicher Eintracht und Klassenkollaboration
wir einer Epoche knallharter und gnadenloser sozialer Auseinandersetzungen
entgegensteuern. Klar ist auch, daß der erste Schritt zu einer
Verhärtung der Klassenverhältnisse von der Bourgeoisie
selbst ausgehen wird. Gerade weil sie eine untergehende, todgeweihte
Klasse ist, die es nicht mehr schafft, den kapitalistischen Froduktions-
und Reproduktionsprozeß durch halbwegs rationale Mittel zu
gewährleisten, wird sie kaum der Versuchung widerstehen, ihr
Versagen durch verschärften Druck auf die arbeitende Bevölkerung
zu kompensieren. Ihre Machtbesessenheit hat sich nach fünf
Jahrhunderten Herrschaft in ihrer Seele so tief eingenistet, daß
sie nicht bereit sein wird, zuzugeben, daß die Stunde ihres
geschichtlichen Abgangs geschlagen hat. Es wird sich bestätigen,
was Marx in einem seiner Briefe in den “Deutsch-französischen
Jahrbüchern” feststellte: “Ein brutales Verhältnis
kann nur mit Brutalität aufrechterhalten werden.”
Mit Gewalt kann die Bourgeoisie bestenfalls ihre Macht für
einen gewissen Zeitraum noch behaupten, keineswegs jedoch sich vor
und von ihren Widersprüchen retten. Die Anwendung von Gewalt
- einerlei ob institutionelle oder physische - wird im Gegenteil
die Widersprüche vertiefen und die Lage der Menschheit noch
weiter verschlechtern und aussichtsloser machen.
Sich gegen das bürgerlich-kapitalistische System zur Wehr zu
setzen bedeutet nicht nur Widerstand gegen eine Klasse zu leisten,
sondern sich für das Überleben der Menschheit einzusetzen.
Zum ersten Mal in der Weltgeschichte ist der Kampf gegen die herrschende
Klasse ein Kampf gegen die Zerstörung der Natur, der Zivilisation
und des Menschen selbst. Die Bourgeoisie verkörpert in zunehmendem
Maße den Ungeist des Nihilismus und der Destruktion. Was sie
produziert, trägt seit langem die unverkennbare Signatur des
Todes. Wenn die Weltgeschichte nicht in einem Trümmerhaufen
enden soll, dann wird es höchste Zeit, dieser unheilvollen
Entwicklung einen Riegel vorzuschieben. Es gibt kein Ausweichen
mehr: Entweder die Menschheit stürzt die Bourgeoisie, oder
die Bourgeoisie wird die Menschheit zu Grabe tragen und als einzige
Erinnerung ihrer Herrschaft einen Planeten voller Asche hinterlassen.
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